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Türkisches Gambit

Boris Akunin

Türkisches Gambit

Fandorin ermittelt.

Roman

Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke

Inhaltsübersicht

ERSTES KAPITEL,

in welchem eine fortschrittliche Frau in eine schlimme Klemme gerät

ZWEITES KAPITEL,

in welchem viele interessante Männer auftauchen

DRITTES KAPITEL,

welches fast vollständig morgenländischer Tücke gewidmet ist

VIERTES KAPITEL,

in welchem der Feind den ersten Schlag führt

FÜNFTES KAPITEL,

in welchem beschrieben wird, wie ein Harem funktioniert

SECHSTES KAPITEL,

in welchem Plewna und Warja einer Belagerung standhalten

SIEBTES KAPITEL,

in welchem Warja des Rufs einer anständigen Frau verlustig geht

ACHTES KAPITEL,

in welchem Warja des Todesengels ansichtig wird

NEUNTES KAPITEL,

in welchem Fandorin von seinem Vorgesetzten einen Rüffel bekommt

ZEHNTES KAPITEL,

in welchem dem Imperator ein goldener Säbel überreicht wird

ELFTES KAPITEL,

in welchem Warja in die höchsten Sphären der Politik vordringt

ZWÖLFTES KAPITEL,

in welchem die Ereignisse eine unerwartete Wendung nehmen

DREIZEHNTES KAPITEL,

in welchem Fandorin eine lange Rede hält

VIERZEHNTES KAPITEL,

in welchem Rußland geschmäht wird und die Sprache Dantes erklingt

EPILOG

ERSTES KAPITEL,

in welchem eine fortschrittliche Frau
in eine schlimme Klemme gerät

»Revue Parisienne« (Paris)

vom 14. (2.) Juli 1877

»Unser Korrespondent, der sich nun schon die zweite Woche bei der russischen Donauarmee aufhält, meldet, daß der Imperator Alexander in seinem gestrigen Befehl vom 1. Juli (13. Juli nach europäischem Stil) seinen siegreichen Truppen gedankt hat, welche erfolgreich die Donau forcierten und die Grenzen des Osmanischen Reiches überschritten. In dem Allerhöchsten Befehl heißt es, der Feind sei vollständig aufgerieben und in längstens zwei Wochen werde das rechtgläubige Kreuz auf der Hagia Sophia zu Konstantinopel errichtet. Die vorrückende Armee stößt kaum auf Widerstand, es gibt nur Plänkeleien gegen die russischen Verbindungswege von seiten der berittenen Baschi-Bosuks (›Tollköpfe‹) – halb Räuber, halb Partisanen, die bekannt sind für ihre rauhen Sitten und ihre blutgierige Grausamkeit.«

 

Die Frau ist ein schwächliches, unzuverlässiges Geschöpf, sagt der Heilige Augustinus. Recht hat er, der Dunkelmann und Frauenhasser, tausendmal recht. Zumindest was eine Person namens Warja Suworowa betrifft.

Es begann wie ein lustiges Abenteuer, und nun nahm es solch ein Ende. Schadete der dummen Gans gar nichts. Die Mama hatte ihr immer wieder gesagt, sie werde früher oder später in der Patsche sitzen, und da saß sie nun. Ihr Vater, ein Mann von großer Weisheit und Engelsgeduld, hatte im Zuge einer stürmischen Auseinandersetzung den Lebensweg seiner Tochter in drei Perioden eingeteilt: Teufelchen im Rock, Strafe Gottes, verrückte Nihilistin. Bis dato war Warja auf diese Definition stolz gewesen und sagte, sie habe nicht vor, bei dem Erreichten stehenzubleiben, aber ihre Selbstgefälligkeit hatte ihr einen bösen Streich gespielt.

Warum nur hatte sie sich bereit gefunden, in der Kritschma zu rasten, dieser schäbigen Spelunke nebst Ausspann? Der Fuhrmann, ein gemeiner Dieb namens Mitko, hatte gejammert: »Wir müssen die Pferde tränken, die Pferde tränken.« Nun waren die Pferde getränkt. O Gott, was sollte sie jetzt tun?

Warja saß in einer Ecke des vollgespuckten dunklen Schuppens am ungehobelten Brettertisch und hatte Todesangst. Solch hoffnungsloses Entsetzen hatte sie erst einmal im Leben ausgestanden, als sie mit sechs Jahren die Lieblingstasse ihrer Großmutter zerscherbte und sich vor der unausweichlichen Strafe unter dem Sofa verkroch.

Beten hätte sie müssen, doch fortschrittliche Frauen beten nicht. Dabei war sie in einer vollkommen ausweglosen Lage.

 

Also folgendermaßen. Die Strecke Petersburg–Bukarest hatte Warja schnell und sogar komfortabel zurückgelegt, der Schnellzug (zwei Personenwagen und zehn Plattformen mit Geschützen) fuhr sie in drei Tagen in die Hauptstadt des rumänischen Fürstentums. Die braunen Augen der jungen Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar, die Papirossy rauchte und sich prinzipiell nicht die Hand küssen ließ, brachten die Offiziere und Militärbeamten, die dem Kriegsschauplatz zueilten, beinahe um den Verstand. Bei jedem Halt schenkten sie ihr Blumen und Körbchen mit Erdbeeren. Die Blumen warf sie zum Fenster hinaus, denn sie hielt sie für abgeschmackt, und von den Erdbeeren mußte sie auch bald abstehen, denn die machten ihr einen roten Ausschlag. Die Reise verlief lustig und angenehm, obwohl die Kavaliere, was Geist und Bildung anging, natürlich Amöben waren. Nur ein Kornett las Lamartine und hatte sogar von Schopenhauer gehört, und er hofierte Warja subtiler als die anderen, aber sie erklärte ihm kameradschaftlich, sie reise zu ihrem Bräutigam, worauf sich der Kornett untadelig benahm. Dabei sah er sehr gut aus, hatte Ähnlichkeit mit Lermontow. Na schön.

Die zweite Etappe der Reise verlief ebenfalls reibungslos. Von Bukarest bis Turnu-Magurele fuhr eine Diligence. Warja wurde durchgerüttelt und schluckte Staub, doch dafür war es bis ans Ziel nur noch ein Katzensprung, denn wie man hörte, befand sich das Hauptquartier der Donauarmee am anderen Ufer das Flusses in Zarewizy.

Es galt nunmehr, den letzten, verantwortungsvollsten Teil des Plans zu verwirklichen, der schon in Petersburg ausgetüftelt worden war. Gestern abend hatte sie im Schutz der Dunkelheit mit einem Boot die Donau überquert, etwas oberhalb von Zimnicea, wo die heldenhafte 14. Division des Generals Dragomirow vor zwei Wochen die unüberwindliche Wasserschranke forciert hatte. Hier begann das türkische Territorium, das Gebiet der Kampfhandlungen. Auf den Straßen patrouillierten Kosakenstreiftrupps, und wenn man nicht achtgab, wurde man aufgegriffen und im Handumdrehen nach Bukarest zurückgeschickt. Aber Warja, die ein findiges, vorausschauendes Mädchen war, traf Maßnahmen.

In einem bulgarischen Dorf am Südufer der Donau fand sie einen Ausspannhof. Zu ihrem Glück verstand der Wirt russisch und versprach ihr für fünf Rubel einen zuverlässigen Wodatsch, einen Fuhrmann. Sie kaufte eine weite Pluderhose, ein Hemd, Stiefel, eine Weste und eine närrische Tuchschapka und zog sich um. So wurde aus dem europäischen Fräulein ein magerer bulgarischer Halbwüchsiger, der bei keiner Streife Verdacht erregen würde. Sie ließ den Fuhrmann einen Bogen fahren, um die Marschkolonnen zu umgehen und Zarewizy nicht von Norden, sondern von Süden zu erreichen. Dort, im Armeehauptquartier, wartete Petja Jablokow, Warjas … ja was eigentlich? Bräutigam? Freund? Mann? Sagen wir so: ihr ehemaliger Mann und künftiger Bräutigam. Und Freund natürlich.

Noch bei Dunkelheit fuhren sie mit der knarrenden, rüttelnden Karuza los. Mitko, der schweigsame Wodatsch mit dem grauen Schnauzbart, kaute unentwegt Tabak und spuckte immer wieder einen langen braunen Strahl aus (Warja zuckte jedesmalzusammen); anfangshatte er noch etwas exotisch Balkanischesvorsichhingesungen, dann war er jedoch verstummt und ins Grübeln gekommen – jetzt wußte sie auch worüber.

Er hätte mich umbringen können, dachte sie schaudernd. Oder noch schlimmer. Wer sollte das hier untersuchen? Man würde es diesen, wie hießen sie gleich, Baschi-Bosuks in die Schuhe schieben.

Doch auch so war sie in einer abscheulichen Situation. Der Verräter Mitko hatte sie in diese Räuberspelunke gebracht, hatte sie an den Tisch gesetzt, ihr Käse und einen Krug Wein geben lassen, sich der Tür zugewandt und ihr bedeutet, er komme gleich wieder. Sie war ihm hinterher gestürzt, denn sie wollte nicht in dieser dreckigen, finsteren und stinkenden Verbrecherhöhle bleiben, aber Mitko sagte, er müsse mal weg, na ja, wegen eines physiologischen Bedürfnisses. Als sie das nicht verstand, erklärte er es mit einer Geste, da kehrte sie verlegen zu ihrem Platz zurück.

Das physiologische Bedürfnis zog sich über alle Maßen in die Länge. Warja aß ein wenig von dem salzigen Käse, der nicht schmeckte, und nippte von dem sauren Wein, doch dann konnte sie das wachsende Interesse der unheimlichen Besucher dieser Kaschemme an ihrer Person nicht mehr ertragen und trat hinaus in den Hof.

Trat hinaus und erstarrte.

Die Karuza war spurlos verschwunden. Darin hatte ihr Koffer mit den Sachen gelegen. Und mit der Reiseapotheke. Und in der Apotheke, zwischen Scharpie und Binden, lagen ihr Paß und alles Geld.

Warja wollte hinauslaufen auf die Straße, aber da kam aus der Schenke der Wirt – rotes Hemd, violette Nase und Warzen am Hals – herausgesprungen, schrie aufgebracht und zeigte: erst bezahlen, dann abhauen. Eingeschüchtert kehrte sie um; bezahlen konnte sie nicht. Sie setzte sich wieder in die Ecke und versuchte, das Geschehene als Abenteuer zu betrachten. Das ging nicht.

In der Gaststube war keine einzige Frau. Die schmuddligen Bauern benahmen sich ganz anders als die russischen Mushiks – die waren friedlich, solange sie nicht betrunken waren, und unterhielten sich halblaut, diese aber brüllten herum, soffen den Rotwein aus Krügen und brachen immer wieder in ein (wie es Warja vorkam) räuberisches Gelächter aus. An einem langen Tisch wurde gewürfelt, und jeden Wurf begleitete Geschrei. Einmal war das Geschimpfe lauter als sonst, und einem volltrunkenen kleinen Mann wurde ein irdener Krug über den Kopf geschlagen, er fiel unter den Tisch, niemand kümmerte sich um ihn.

Der Wirt nickte zu Warja hin und sagte speichelnd etwas, woraufhin sich am Nebentisch alle nach ihr umdrehten und bedrohlich wieherten. Warja duckte sich und zog die Schapka über die Augen. Außer ihr hatte hier niemand eine Mütze auf. Aberabsetzenkonntesie sie nicht, dann hätte ihr Haar, obwohl kurzgeschnitten, wie es sich für eine moderne Frau gehörte, ihre Zugehörigkeit zum schwachen Geschlecht verraten. Diese widerliche Bezeichnung – »das schwache Geschlecht« – war von Männern erdacht worden. Leider traf sie zu.

Warja wurde jetzt von allen Seiten angeglotzt, die Blicke waren klebrig und verhießen nichts Gutes. Nur die Würfelspieler interessierten sich nicht für sie, und am Nebentisch, näher zur Theke, saß mit dem Rücken zu ihr ein Mann, melancholisch über den Weinkrug gebeugt. Sie sah nur sein kurzes schwarzes Haar und die angegrauten Schläfen.

Warja hatte nun große Angst. Mach dich nicht verrückt, redete sie sich zu. Du bist eine erwachsene starke Frau und keine spießige Zierpuppe. Du mußt ihnen sagen, daß du eine Russin bist und zur Armee reist, zu deinem Bräutigam. Wir Russen kommen als Befreier Bulgariens und sind hier willkommen. Außerdem ist das Bulgarische mit dem Russischen verwandt, und wir werden uns schon verstehen.

Sie drehte sich nach dem Fenster um – vielleicht kam Mitko zurück? Doch auf der staubigen Straße waren weder Mitko noch die Karuza zu sehen, dafür erblickte Warja etwas, was sie zuvor nicht beachtet hatte. Über den Häusern erhob sich ein Minarett mit abbröckelndem Putz. Oje! War sie etwa in einem muselmanischen Dorf? Aber die Bulgaren waren doch orthodoxe Christen, das war bekannt. Außerdem tranken sie hier Wein, was der Koran den Muselmanen verbot. Wiederum – wenn dies ein christliches Dorf war, wozu dann das Minarett? Und wenn ein muselmanisches, für wen waren dann die Leute hier, für uns Russen oder für die Türken? Für uns wohl kaum.

O Gott, was sollte sie tun?

 

Mit vierzehn war Warja im Religionsunterricht ein unwiderlegbarer Gedanke gekommen – wieso war bisher niemand darauf verfallen? Wenn Gott als erstes Adam geschaffen hat und erst danach Eva, so bedeutet das keineswegs, daß die Männer wichtiger, sondern daß die Frauen wertvoller sind. Der Mann ist ein Probemuster des Menschen, ein Entwurf, die Frau hingegen die endgültig bestätigte Variante, ergänzt und korrigiert. Aber das interessante, wirkliche Leben gehört sonderbarerweise den Männern, und die Frauen dürfen nur gebären und sticken, gebären und sticken. Woher diese Ungerechtigkeit? Weil die Männer stärker sind. Also muß man stark sein.

Und Warja beschloß, anders zu leben. In den Amerikanischen Staaten gab es schon die erste Ärztin, Mary Jacobi, und die erste Priesterin, Antoinette Blackwell, doch in Rußland herrschte geistige Trägheit. Aber gebt uns nur Zeit.

Nach dem Abschluß des Gymnasiums führte Warja, ähnlich den Amerikanischen Staaten, einen siegreichen Unabhängigkeitskrieg (ihr Herr Vater, der Advokat Suworow, konnte dem nichts entgegensetzen) und belegte Geburtshilfekurse, womit sie den Wandel von der »Strafe Gottes« zur »verrückten Nihilistin« vollzog.

Mit den Kursen ging es nicht gut. Den theoretischen Teil bewältigte Warja mühelos, obwohl vieles an dem Prozeß der Schaffung eines menschlichen Wesens sie erstaunlich und unglaublich dünkte, doch als es galt, einer wirklichen Geburt beizuwohnen, versagte sie schmählich. Sie konnte das gellende Geschrei der Kreißenden und den grauenhaften Anblick des plattgedrückten Säuglingsköpfchens, das aus blutigem Fleisch hervorkam, nicht aushalten und plumpste in Ohnmacht. Danach blieb ihr nur übrig, auf Telegraphiekurse umzusteigen. Eine der ersten russischen Telegraphistinnen zu werden, das schmeichelte ihr zunächst durchaus, zumal die »Petersburger Nachrichten« über sie schrieben (am 28. November 1875 unter dem Titel »Das war längst fällig«), doch die Arbeit erwies sich als unerträglich langweilig und bot keinerlei Aussichten für die Zukunft.

Warja, zur Erleichterung der Eltern, fuhr auf das Gut im Tambowschen, doch nicht zum Müßiggang, sondern um Bauernkinder zu unterrichten und zu erziehen. Dort, in der nagelneuen, nach Kiefernspänen duftenden Schule, lernte sie den Petersburger Studenten Petja Jablokow kennen. Er unterrichtete Arithmetik, Geographie und die Grundlagen der Naturwissenschaften, sie alle übrigen Fächer. Recht bald aber ging den Bauern auf, daß der Schulbesuch weder Geld noch sonstige Vergnügungen zeitigen würde, und sie behielten die Kinder zu Hause (die sollten nicht faulenzen, sondern arbeiten). Warja und Petja hatten derweil schon einen Entwurf für ihr künftiges Leben fertig – frei, modern, fußend auf gegenseitiger Achtung und sinnvoller Verteilung der Pflichten.

Mit der demütigenden Abhängigkeit von den Almosen der Eltern sollte Schluß sein. Sie bezogen in Petersburg auf der Wyborger Seite eine Wohnung, darin gab es Mäuse, aber sie hatte immerhin drei Zimmer. Die brauchten sie, um so zu leben wie Vera Pawlowna und Lopuchin bei Tschernyschewski: Jeder hatte sein Revier, und das dritte Zimmer war für Gespräche und den Empfang von Gästen vorgesehen. Den Wirtsleuten erklärten sie sich für Mann und Frau, doch ihr Zusammenleben war rein kameradschaftlich: Abends lasen sie, tranken Tee und plauderten im Salon, dann wünschten sie einander eine gute Nacht und gingen jeder in sein Zimmer. So lebten sie fast ein Jahr, und es war ein gutes Jahr, ohne Schmutz und Abgeschmacktheit, sie waren ein Herz und eine Seele. Petja besuchte die Universität und gab Unterricht, Warja lernte Stenographie und verdiente bis zu hundert Rubel im Monat. Sie führte Protokoll bei Gericht, schrieb die Memoiren eines gedächtnisschwachen Generals auf, des Bezwingers von Warschau, und dann geriet sie auf Empfehlung von Freunden an einen Großen Schriftsteller (wir lassen den Namen weg, denn es endete unschön), um dessen Roman zu stenographieren. Sie hegte Ehrfurcht für ihn und weigerte sich entschieden, Bezahlung anzunehmen, allein, der Beherrscher der Gedanken verstand das falsch. Er war entsetzlich alt, in den Sechzigern, mit einer großen Familie behaftet und überdies stockhäßlich. Dafür sprach er wohlgesetzt und überzeugend: In der Tat sei die Unschuld ein lächerliches Vorurteil und die bürgerliche Moral widerwärtig, und der menschlichen Natur brauche man sich nicht zu schämen. Warja hörte zu, dann beriet sie sich stundenlang mit Petja, was zu tun sei. Petja fand auch, daß Keuschheit und Scheinheiligkeit Fesseln seien, die der Frau aufgezwungen würden, aber mit dem Großen Schriftsteller in physiologische Beziehungen zu treten, davon riet er ihr entschieden ab. Er ereiferte sich, argumentierte, daß der Schriftsteller gar nicht so groß sei, viele fortschrittliche Menschen hielten ihn sogar für einen Reaktionär. Es endete, wie schon gesagt, unschön. Eines Tages unterbrach der Große Schriftsteller das Diktat einer unglaublich starken Szene (Warja hatte Tränen in den Augen), atmete keuchend, schniefte, legte der dunkelblonden Stenographistin linkisch den Arm um die Schultern und zog sie zum Sofa. Ein Weilchen duldete sie sein wirres Gesäusel und die Berührungen seiner flatternden Finger, die sich in den Haken und Knöpfen verfingen, dann begriff sie auf einmal ganz deutlich, nein, sie begriff nicht, sondern sie fühlte: Das ist falsch und darf nicht stattfinden. Sie stieß den Großen Schriftsteller zurück, lief hinaus und ging nie wieder zu ihm.

Diese Geschichte brachte Petja auf dumme Gedanken. Es war März, der Frühling hatte zeitig begonnen, von der Newa her roch es nach Weite und nach Eisgang, und Petja stellte ein Ultimatum: So könne es nicht weitergehen, sie seien füreinander geschaffen, ihre Beziehung habe der Zeit standgehalten. Sie beide seien lebendige Menschen und dürften die Gesetze der Natur nicht mißachten. Er sei mit körperlicher Liebe auch ohne Brautkranz einverstanden, aber besser sei es, richtig zu heiraten, denn das enthebe sie vieler Komplikationen. Und dann lenkte er es geschickt so, daß nur noch darüber diskutiert wurde, wie sie sich trauen lassen würden, standesamtlich oder kirchlich. Die Streitgespräche dauerten bis in den April, im April begann der langerwartete Krieg zur Befreiung der slawischen Brüder, und Petja Jablokow als ordentlicher Mensch meldete sich freiwillig. Vor seiner Abreise versprach Warja ihm zweierlei: ihm bald eine endgültige Antwort zu geben und ihm unbedingt in den Krieg zu folgen, ihr werde da schon etwas einfallen.

Und ihr fiel etwas ein, wenn es auch etwas dauerte. Ihre Versuche, als Krankenschwester in einem provisorischen Militärhospital oder in einem Feldlazarett zu arbeiten, schlugen fehl, da ihre unbeendeten Geburtshilfekurse nicht anerkannt wurden. Telegraphistinnen durften nicht zur kämpfenden Armee. Warja wollte fast verzweifeln, da kam aus Rumänien ein Brief: Petja klagte, daß sie ihn wegen seiner Plattfüße nicht zur Infanterie genommen hätten. Statt dessen sei er dem Stab des Oberbefehlshabers Großfürst Nikolai Nikolajewitsch überstellt worden, seiner mathematischen Kenntnisse halber, denn es wurden dringlichst Chiffrierer gebraucht.

Nun, beim Hauptquartier irgendeine Anstellung zu finden oder schlimmstenfalls im rückwärtigen Gewimmel unterzutauchen, das dürfte nicht schwer sein, befand Warja und schmiedete ungesäumt den Plan, der auch in den beiden ersten Etappen wunderbar funktioniert, in der dritten jedoch mit der Katastrophe geendet hatte.

 

Inzwischen rückte die Lösung näher. Der violettnasige Wirt knurrte etwas Drohendes, wischte die Hände an einem grauen Handtuch ab und kam watschelnd auf Warja zu, in seinem roten Hemd anzusehen wie ein Scharfrichter, der sich dem Richtblock nähert. Ihr wurde trocken im Mund und ein bißchen übel. Ob sie sich taubstumm stellte?

Der Melancholische, der mit dem Rücken zu ihr saß, stand gemächlich auf, trat zu Warjas Tisch und setzte sich wortlos ihr gegenüber. Sie sah ein blasses und trotz der angegrauten Schläfen sehr junges, fast knabenhaftes Gesicht mit kalten hellblauen Augen, einem schmalen Schnurrbärtchen und einem strengen Mund. Der Mann hatte keine Ähnlichkeit mit den übrigen Bauern, obwohl er wie sie gekleidet war, nur daß die Weste ein bißchen neuer und das Hemd ein bißchen sauberer war.

Den sich nähernden Wirt würdigte der Blauäugige keines Blicks, er machte nur eine geringschätzige Handbewegung, worauf der drohende Scharfrichter hinter die Theke retirierte. Warja wurde davon nicht leichter. Im Gegenteil, sie machte sich auf das Schlimmste gefaßt.

Sie krauste die Stirn, gewärtig, auf fremdländisch angesprochen zu werden. Lieber nicht reden, sondern nur nicken und den Kopf schütteln. Dabei durfte sie nicht vergessen, daß es bei den Bulgaren umgekehrt war: Nicken bedeutete »nein«, Kopfschütteln »ja«.

Aber der Blauäugige stellte keine Fragen. Er seufzte bedrückt und sagte, ein wenig stotternd, in reinem Russisch: »A-ach, M-mademoiselle, Sie hätten zu Hause auf Ihren Bräutigam warten sollen. Das hier ist kein R-roman von Maine Reid. Es hätte ü-übel ausgehen können.«

ZWEITES KAPITEL,

in welchem viele interessante Männer auftauchen

»Der russische Invalide« (Sankt Petersburg)

vom 2. (14.) Juli 1877

»Nach dem Waffenstillstand zwischen der Pforte und Serbien sind viele Patrioten der slawischen Sache, ruhmreiche Recken der russischen Erde, die als Freiwillige unter dem Befehl des kühnen Generals Tschernjajew gedient hatten, dem Ruf des Befreierzaren gefolgt, sie kämpfen sich über wilde Berge und durch düstere Wälder vor ins bulgarische Land, um sich mit dem rechtgläubigen Heer zu vereinigen und ihre heilige Ruhmestat mit dem langersehnten Sieg zu krönen.«

 

Der Sinn des Gesagten erreichte Warja nicht sofort. Dem Trägheitsgesetz folgend, nickte sie zunächst, schüttelte dann den Kopf und sperrte erst danach verdattert den Mund auf.

»Wundern Sie sich nicht«, sagte der sonderbare Bauer mit matter Stimme. »Daß Sie eine F-frau sind, sieht man gleich – unter der Mütze guckt eine Strähne hervor. Erstens.« (Warja schob die verräterische Locke verstohlen zurück.) »Daß Sie Russin sind, ist auch offensichtlich: Stupsnase, russisch geformte Jochbögen, dunkelblondes Haar und vor a-allem kein bißchen Bräune. Zweitens. Das mit dem Bräutigam ist auch einfach: W-wer sich heimlich durchschleicht, muß private Interessen haben. Und was kann eine junge Frau in Ihrem Alter für private Interessen bei der kämpfenden Armee haben? Nur romantische. Drittens. Und jetzt v-viertens: Der Schnauzbart, der Sie hergebracht hat und dann verschwunden ist, war das Ihr Fuhrmann? Und das Geld hatten Sie natürlich in Ihren Sachen versteckt? D-dumm. Alles Notwendige muß man bei sich tragen. Wie heißen Sie?«

»Warja Suworowa, Warwara Andrejewna«, flüsterte sie erschrocken. »Und Sie? Wo kommen Sie her?«

»Ich bin Erast Petrowitsch Fandorin. Kriegsfreiwilliger aus Serbien. Und ich komme aus t-türkischer Gefangenschaft.«

Gott sei Dank! Warja hatte schon fast an eine Halluzination geglaubt. Ein Kriegsfreiwilliger aus Serbien! Aus türkischer Gefangenschaft! Sie warf einen respektvollen Blick auf seine angegrauten Schläfen, dann fragte sie – und zeigte taktlos mit dem Finger auf die Schläfen: »Man hat Sie dort gefoltert, ja? Ich habe von den Greueln der türkischen Gefangenschaft gelesen. Das Stottern kommt bestimmt auch davon.«

Fandorin runzelte die Stirn und antwortete unwillig:

»Niemand hat mich gefoltert. Man hat mich von früh bis spät mit Kaffee traktiert und ausschließlich französisch mit mir gesprochen. Ich war G-gast des Kaimakams von Widin.«

»Widin?«

»Ja, das ist eine Stadt an der rumänischen Grenze. Und Kaimakam bedeutet Gouverneur. Was das Sch-stottern betrifft, so ist es die Folge einer früheren Kontusion.«

»Sie sind geflohen, ja?« fragte sie neidisch. »Und wollen zur Armee, um zu kämpfen?«

»Nein. Ich habe genug gekämpft.«

Warja mußte wohl entgeistert geguckt haben. Fandorin hielt es jedenfalls für angezeigt hinzuzufügen: »Der Krieg, Warwara Andrejewna, ist eine entsetzliche Schweinerei. Da ist keiner im Recht oder Unrecht. Gute und Böse gibt es auf beiden Seiten. Nur daß die Guten gewöhnlich als erste draufgehen.«

»Warum sind Sie dann freiwillig nach Serbien gegangen?« fragte sie heftig. »Es hat Sie doch wohl niemand gezwungen?«

»Aus egoistischen Erwägungen. Ich war krank und mußte mich kurieren.«

»Kann man sich im Krieg kurieren?« fragte Warja verwundert.

»Ja. Der Anblick fremden L-leids macht das eigene erträglicher. Ich kam an die Front zwei Wochen nach der Zerschlagung der Tschernjajew-Armee. Danach bin ich noch durch die Berge gestreift und habe herumgeballert. Gottlob habe ich wohl n-niemanden getroffen.«

Er will sich interessant machen, oder er ist ein Zyniker, dachte Warja gereizt und sagte giftig: »Wären Sie doch bei Ihrem Kaimakam geblieben. Warum sind Sie geflohen?«

»Ich bin nicht geflohen. Jussuf Pascha hat mich gehen lassen.«

»Und was führt Sie nach Bulgarien?«

»Ich habe etwas zu erledigen«, antwortete er kurz. »Wo wollen Sie eigentlich hin?«

»Nach Zarewizy, zum Stab des Oberbefehlshabers. Und Sie?«

»Nach Bela. Dort soll das Hauptquartier Seiner M-majestät sein.« Der Freiwillige verstummte, bewegte mißmutig die dünnen Brauen, holte tief Luft. »Aber ich kann auch zum Oberbefehlshaber gehen.«

»Wirklich?« rief Warja erfreut. »Oh, lassen Sie uns zusammen gehen, ja? Ich weiß überhaupt nicht, was ich täte, wenn ich Sie nicht getroffen hätte.«

»W-was schon. Sie hätten sich vom Wirt zur nächsten russischen Truppe bringen lassen, und fertig.«

»Mich bringen lassen? Von dem Wirt hier?« fragte Warja furchtsam. »Aber das Dorf ist doch muselmanisch?«

»Ja.«

»Die würden mich an die Türken ausliefern.«

»Ich will Sie ja nicht beleidigen, Warwara Andrejewna, aber für die Türken sind Sie gänzlich uninteressant, und von ihrem B-bräutigam hätte der Wirt eine Belohnung bekommen.«

»Ich gehe lieber mit Ihnen«, flehte Warja, »bitte!«

»Ich habe nur eine alte Mähre, die schon halbtot ist. Auf der können keine zwei sitzen. An G-geld habe ich drei Kurus1. Für Wein und Käse reicht das, aber für mehr nicht. Wir brauchen noch ein Pferd oder wenigstens einen Esel. Das kostet mindestens hundert.«

Warjas neuer Bekannter verstummte, überlegte etwas, drehte sich nach den Würfelspielern um. Wieder holte er tief Luft.

»Warten Sie hier. Ich komme gleich wieder.«

Er ging langsam zu den Spielern, stand fünf Minuten am Tisch und sah zu. Dann sagte er etwas (Warja verstand es nicht), worauf alle das Würfeln einstellten und sich ihm zuwandten. Fandorin zeigte auf Warja, und sie rutschte auf der Bank hin und her unter den auf sie gerichteten Blicken. Plötzlich dröhnte Gelächter, es klang zotig und für Warja beleidigend, aber Fandorin dachte nicht daran, für die Ehre der Dame einzustehen. Statt dessen drückte er einem schnauzbärtigen Dickwanst die Hand und setzte sich auf die Bank. Die anderen rückten beiseite, und um den Tisch sammelte sich ein Häuflein Neugieriger.

Offenbar hatte sich der Freiwillige ein Spiel ausgedacht. Aber mit was für Geld? Mit seinen drei Kurus? Da würde er lange spielen müssen, um ein Pferd zu gewinnen. Warja war voller Unruhe, sie hatte sich einem Menschen anvertraut, den sie überhaupt nicht kannte. Er sah sonderbar aus, sprach sonderbar, handelte sonderbar. Andererseits, hatte sie eine Wahl?

Die Menge der Gaffer lärmte los – der Dicke hatte geworfen. Dann klapperte es noch einmal, und die Wände erbebten von dem allgemeinen Geheul.

»Z-zwölf«, sagte Fandorin ruhig und stand auf. »Wo ist der Esel?«

Der Dicke war auch aufgesprungen, er packte den Freiwilligen am Ärmel und redete, mit den Augen rollend, hastig auf ihn ein.

»Noch einmal, noch einmal!« rief er immer wieder.

Fandorin nickte entschlossen, aber seine Nachgiebigkeit stellte den Verlierer nicht zufrieden. Der brüllte immer lauter und fuchtelte mit den Armen. Fandorin nickte wieder, noch entschlossener, da entsann sich Warja der bulgarischen Paradoxie: Nicken bedeutete »nein«.

Nun wollte der Verlierer von Worten zu Tätlichkeiten übergehen – er holte weit aus, die Gaffer prallten auseinander, aber Fandorin rührte sich nicht, nur seine Rechte war wie von selbst in die Tasche geschlüpft. Das war ganz unauffällig geschehen, doch auf den Dicken hatte es eine magische Wirkung. Er sank in sich zusammen, schluchzte auf und brummelte kläglich. Diesmal schüttelte Fandorin den Kopf, warf dem Wirt ein paar Münzen zu und wandte sich zum Ausgang. Warja würdigte er keines Blicks, aber sie brauchte keine Einladung, sie sprang auf und war im Nu an der Seite ihres Retters.

»Der zweite von li-links«, sagte Fandorin mit konzentriertem Blick, er war auf der Vortreppe stehengeblieben.

Warja folgte seinem Blick und sah an der Anbindestange eine ganze Reihe Pferde, Esel und Maultiere, die friedlich Heu mampften.

»Da ist er, Ihr B-bukephalos.« Fandorin zeigte auf ein Eselchen mit dunklem Fell. »Schön ist er nicht, dafür fällt man nicht so tief.«

»Haben Sie den gewonnen?«

Fandorin nickte schweigend, während er seine magere graue Stute losband.

Er half seiner Begleiterin in den Holzsattel, schwang sich geschickt auf seine Schimmelstute, dann ritten sie hinaus auf die Dorfstraße, die im grellen Schein der Mittagssonne lag.

»Wie weit ist es bis Zarewizy?« fragte Warja, die im Rhythmus der Trippelschritte ihres zottigen Transportmittels durchgerüttelt wurde.

»Wenn wir uns nicht v-verirren, sind wir zur Nacht dort«, antwortete der Reiter majestätisch von oben herab.

Die Gefangenschaft hat ihn ganz türkifiziert, dachte Warja ärgerlich. Er hätte das Pferd ja auch der Dame geben können. Typisch männlicher Narzißmus. Pfau! Enterich! Hauptsache, sich vor dem grauen Entlein dicketun. Ich sehe schon komisch genug aus, und nun soll ich auch noch den Sancho Pansa machen beim Ritter von der Traurigen Gestalt.

»Was haben Sie in der Tasche?« fragte sie in der Erinnerung an seine Handbewegung. »Eine Pistole?«

Fandorin wunderte sich.

»In welcher Tasche? Ach so, in der T-tasche. Leider gar nichts.«

»Und wenn er nicht weich geworden wäre?«

»Mit einem, der nicht weich wird, hätte ich nicht gespielt.«

»Aber wie konnten Sie den Esel mit einem einzigen Spiel gewinnen?« fragte Warja neugierig. »Der Mann wird den Esel ja nicht gegen Ihre drei Kurus gesetzt haben?«

»Natürlich nicht.«

»Um was haben Sie also gespielt?«

»Um Sie«, antwortete Fandorin kaltblütig. »Mädchen gegen Esel, das ist ein vorteilhafter Einsatz. Verzeihen Sie großmütig, Warwara Andrejewna, aber es gab keinen anderen Ausweg.«

»Verzeihen?« Warja wäre fast vom Esel gerutscht. »Und wenn Sie verloren hätten?«

»Wissen Sie, Warwara Andrejewna, ich habe eine sonderbare Eigenschaft. Ich kann Glücksspiele nicht ausstehen, aber wenn ich spielen muß, gewinne ich unweigerlich. Les caprices de la fortune!2 Ich habe ja auch meine Freiheit dem Pascha von Widin im Nardy-Spiel abgewonnen.«

Sie wußte nicht, was sie zu diesem Leichtsinn sagen sollte, und beschloß, tödlich beleidigt zu sein. Darum ritten sie schweigend weiter.

Warjas Sattel war ein Folterinstrument, das ihr eine Masse Unbequemlichkeiten bereitete, aber sie hielt tapfer aus und wechselte nur von Zeit zu Zeit ihren Schwerpunkt.

»Hart?« fragte Fandorin. »Wollen Sie meine W-weste unterlegen?«

Warja gab keine Antwort, denn erstens dünkte dieses Angebot sie nicht recht schicklich, und zweitens aus Prinzip.

Der Weg schlängelte sich zwischen flachen bewaldeten Hügeln hindurch und senkte sich dann hinunter in eine Ebene. Die ganze Zeit war den beiden Reisenden niemand entgegengekommen, und das beunruhigte Warja allmählich. Sie warf ab und an Seitenblicke auf Fandorin, aber dieser Holzklotz blieb unerschütterlich und knüpfte kein Gespräch an.

Schön würde sie aussehen, wenn sie in dieser Aufmachung nach Zarewizy käme. Nun, Petja würde es wohl egal sein, von ihm aus könnte sie Sackleinwand tragen, er würde es gar nicht wahrnehmen, aber dort war der Stab. Und sie wie eine Vogelscheuche … Warja nahm die Schapka ab, fuhr mit der Hand durchs Haar und war nun vollends verdrossen. Ihr Haar, ohnehin nicht besonders schön, matt und mausgrau, war von der Maskerade ganz zerstrobelt und zottelig. Gewaschen hatte sie es zum letztenmal vor drei Tagen in Bukarest. Nein, dann schon lieber mit der Schapka. Diese Kleidung eines bulgarischen Bauern war gar nicht schlecht, war praktisch und auf eigene Weise wirkungsvoll. Die Pluderhose erinnerte an die berühmten »Bloomers«, in denen seinerzeit die englischen Suffragetten herumgelaufen waren, aus Protest gegen die albernen und demütigenden langen Damenunterhosen und die Unterröcke. Wenn sie einen breiten roten Gürtel um die Taille schlänge wie in der »Entführung aus dem Serail« (sie hatte die Oper im letzten Herbst mit Petja im Marientheater gesehen), sähe es sogar malerisch aus.

Plötzlich wurden Warjas Betrachtungen aufs rücksichtsloseste unterbrochen. Fandorin beugte sich herab und packte den Esel am Zügel, und das dumme Tier blieb so ruckartig stehen, daß Warja beinahe über den langohrigen Kopf hinweggeflogen wäre.

»Was soll das, sind Sie von Sinnen?«

»Schweigen Sie jetzt, was auch geschieht«, sagte Fandorin halblaut und sehr ernst und blickte geradeaus.

Warja hob den Kopf und sah einen formlosen Reitertrupp, an die zwanzig Mann, in eine Staubwolke gehüllt, ihnen entgegensprengen. Sie sah zottige Schapkas, Sonnenfünkchen spielten auf den Patronenfutteralen an den Tscherkessenröcken, auf dem Zaumzeug und den Waffen. Einer ritt an der Spitze, um seine Pelzmütze war ein grünes Tuch geschlungen.

»Sind das Baschi-Bosuks?« fragte Warja, und ihre Stimme vibrierte. »Was wird jetzt? Sind wir verloren? Werden sie uns umbringen?«

»Wenn Sie still sind, nicht«, antwortete Fandorin nicht sehr überzeugt. »Ihre plötzliche Geschwätzigkeit ist völlig unangebracht.«

Sein Stottern war wie weggeblasen, und davon wurde ihr ganz unheimlich.

Fandorin nahm den Esel wieder beim Zügel, ritt zum Straßenrand, zog Warja die Schapka bis über die Augen und flüsterte:

»Sehen Sie nach unten, und keinen Ton.«

Trotzdem riskierte sie einen verstohlenen Blick auf die berühmten »Halsabschneider«, von denen seit zwei Jahren alle Zeitungen schrieben.

Der Mann an der Spitze (sicherlich der Bek) hatte einen rötlichen Bart und trug einen schmutzigen zerrissenen Beschmet, doch seine Waffe glänzte silbern. Er ritt vorbei, ohne die jämmerlichen Bauern eines Blicks zu würdigen. Anders seine Bande. Ein paar Berittene hielten bei Warja und Fandorin und schnatterten gaumig. Die Physiognomien dieser Baschi-Bosuks waren so beschaffen, daß Warja am liebsten die Augen zugekniffen hätte – sie hatte nicht geahnt, daß Menschen so aussehen können. Plötzlich entdeckte sie unter den alptraumhaften Visagen ein ganz gewöhnliches menschliches Gesicht. Es war bleich und hatte ein blutunterlaufenes Auge, und das andere Auge, braun und voller Todesangst, sah sie direkt an.

Inmitten der Räuber ritt, rücklings im Sattel sitzend, ein russischer Offizier in verstaubter, zerfetzter Montur. Seine Hände waren auf dem Rücken zusammengeschnürt, an seinem Hals hing eine leere Säbelscheide, in einem Mundwinkel war Blut angetrocknet. Warja biß sich auf die Lippe, um nicht aufzuschreien; sie hielt die Hoffnungslosigkeit im Blick des Gefangenen nicht aus und senkte die Augen. Aber ein Schrei, genauer, ein hysterisches Schluchzen entrang sich dennoch ihrem vor Angst ausgedörrten Hals, denn einer der Banditen hatte an seinem Sattelknauf einen hellblonden Menschenkopf mit langem Schnurrbart hängen. Fandorin preßte Warja den Ellbogen und sagte kurz etwas auf türkisch – sie verstand die Wörter »Jussuf Pascha« und »Kaimakam«, aber die hatten keine Wirkung auf die Räuber. Einer mit Spitzbart und riesiger krummer Nase zog Fandorins Stute die Oberlippe hoch, sah lange faulige Zähne, spuckte verächtlich aus und sagte etwas, und die anderen lachten. Dann schlug er der Mähre die Nagaika über die Kruppe, sie sprang erschrocken zur Seite und verfiel sogleich in einen ungleichmäßigen Trab. Warja stieß dem Esel die Absätze in die aufgeblähten Seiten, und er trippelte hinterher; sie wagte nicht zu glauben, daß die Gefahr vorüber sei. Um sie herum verschwamm alles, der entsetzliche Kopf mit den leidend geschlossenen Augen und dem blutverkrusteten Mund ließ ihr keine Ruhe. Halsabschneider sind Leute, die den Hals abschneiden – dieser alberne Satz schwirrte ihr durch den halb bewußtlosen Kopf.

»Bitte keine Ohnmacht«, sagte Fandorin leise. »Vielleicht kommen die zurück.«

Er hatte es beschrien. Gleich darauf hörten sie hinter sich näher kommendes Hufgetrappel.

Fandorin sah zurück und flüsterte: »Drehen Sie sich nicht um, vorwärts!«

Warja drehte sich trotzdem um, doch das hätte sie besser nicht getan. Die Baschi-Bosuks waren an die zweihundert Schritte weitergeritten, aber einer der Reiter, der mit dem abgeschnittenen Kopf am Sattel, war umgekehrt und folgte ihnen rasch, und die furchtbare Trophäe hüpfte lustig an der Kruppe seines Pferdes.

Warja warf ihrem Begleiter einen verzweifelten Blick zu. Der schien seine Kaltblütigkeit verloren zu haben, mit zurückgeworfenem Kopf trank er nervös Wasser aus einer großen kupfernen Feldflasche.

Der verdammte Esel trippelte melancholisch dahin, er hatte keine Lust, den Schritt zu beschleunigen. Gleich darauf war der schnelle Reiter auf gleicher Höhe mit den unbewaffneten Reisenden und riß seinen feurigen Braunen hoch. Dann beugte er sich vor, zerrte Warja die Schapka vom Kopf und lachte räuberisch, als ihr befreites Haar zum Vorschein kam.

»Hoho!« johlte er mit blitzenden weißen Zähnen.

Fandorin, finster und konzentriert, riß dem Räuber mit einer raschen Bewegung seiner Linken die zottige Pelzmütze herunter, holte aus und schmetterte ihm die schwere Feldflasche gegen den rasierten Hinterkopf. Es gab ein ekelhaft klatschendes Geräusch, in der Flasche gluckerte es, und der Baschi-Bosuk fiel in den Staub.

»Zum Teufel mit dem Esel! Geben Sie mir die Hand. In den Sattel! Und vollen Galopp! Und nicht umdrehen!« ratterte Fandorin, wieder ohne zu stottern.

Er half der benommenen Warja auf den Braunen, riß das Gewehr aus dessen Satteltasche, und sie sprengten davon.

Das Pferd des Räubers preschte sogleich voran. Warja zog den Kopf ein, aus Furcht, sich nicht halten zu können. In ihren Ohren pfiff es, ihr rechter Fuß rutschte sehr zur Unzeit aus dem zu lang geschnallten Steigbügel, von hinten krachten Schüsse, etwas Schweres schlug ihr schmerzhaft gegen den rechten Oberschenkel.

Warja blickte kurz nach unten, sah den tanzenden Kopf, stieß einen unterdrückten Schrei aus und ließ die Zügel los, was sie keineswegs hätte tun dürfen

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