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Tu dir weh

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Fatti male

erschien 2012 bei Gaffi Editore, Rom.

ISBN 978-3-8412-0601-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Blumenbar, einer

Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2012 Gaffi editore in Roma

This translation published by arrangement with Gaffi Editore in Roma S.r.l.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung und Illustration Tim Jockel

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH,

www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

ERSTE BEGEGNUNG

DER FREAK

DAS GESCHENK

DER KURIER

DAS BRANDZEICHEN

EIN SCHRITT ZURÜCK

DIE GEPÄCKABLAGE

EINEN KÖRPER TEILEN

DAS KONZERT

NACH DEM KONZERT

DAS BOOT

ANNA

JUDAS

DIE KATZE

DER VATER

ALBERTO

LORY

DER GEBURTSTAG

DIE WAHL

DER BRIEF

DAS VERSCHWINDEN

DIE VERARSCHUNG

STELLAS PRÜFUNG UND DIE BRAVE FREUNDIN VON MARCO

DER KELLER

DER ZUSAMMENBRUCH

FREUNDINNEN

DIE LETZTE NACHT

ERSTE BEGEGNUNG

Ein Hund bellt. Drei überdrehte Typen voller Piercings und mit nackten Oberkörpern spielen Hardcore-Punk im Hof des ehemaligen Krankenhauses. Stella kotzt auf den Fußboden. Ein bärtiger Junge mit langen Haaren stützt ihren Kopf.

»Was hast du denn getrunken?«

Sie dreht sich um, hält die Luft an, atmet ein, muss sich wieder übergeben.

»Ruhig. Ruhig, Schätzchen«, sagt er. »Komm schon, raus damit, dann geht’s dir gleich besser.«

Klar, Schätzchen, wenn ich nicht deine dämliche Visage sehen müsste, würde es mir schon besser gehen.

Der Freak schleppt Stella zur Eingangstür des autonomen Zentrums. Sie schließt die Augen.

»Hey«, schreit er sie an, »was ist los, Schatz?« Er gibt ihr einen Klaps auf die Wange. »Komm zu dir, reiß dich zusammen.«

»Igitt«, ruft ein Mädchen mit schwarzen Dreadlocks. »Die hat alles vollgekotzt, und wer macht das jetzt weg?«

»Sie hat ordentlich getankt«, erklärt der Freak, »ist vollkommen hinüber. Ich kümmer mich drum.«

Stella rutscht aus seiner Umarmung und sackt auf den Boden. Sie wacht nicht auf. Er zieht sie hoch, nimmt sie auf seine Arme und deponiert sie auf einem von Hundebissen zerfetzten Sofa. Dort lässt er sie liegen und geht in den Garten, Pogo tanzen mit den Freunden.

»Hey, du.« Sie fährt aus dem Schlaf. Vor ihr steht eine aufgekratzte Brünette mit blauen Augen. Sie ist sich nicht sicher, ob es ein Traum ist oder ein Mädchen aus Fleisch und Blut.

»Hallo, du«, sagt die Braunhaarige. »Wir haben dich angeschaut, du sahst so schön aus ...«

Stella blickt auf und entdeckt hinter dem Mädchen eine Frau, die wie ein Model aussieht, und einen schmächtigen Typen mit kariertem Pullover und karierter Mütze, dahinter noch einen: blond, dürr, mit dem Blick eines Hurensohns.

»Wer bist du?«

»Ich bin Carla. Und das sind Sebastiano, Susy und Marco.«

Was will die von mir?

»Du, was machst du?«

»Ehrlich gesagt wollte ich direkt ins Koma.«

»Und warum?«

Schweigen.

Der Typ mit der karierten Mütze kommt näher, der andere bleibt im Hintergrund, verfolgt weiter das Geschehen.

»Was für ’ne hübsche Blondine«, sagt er.

Er spricht mit einer Quakstimme und klingt, als käme er vom Land.

Hallo, Daffy Duck.

»Na, was machst du heute Abend?«, fragt der Enterich.

»Willst du immer noch ins Koma?«

»Hast du was Besseres zu bieten?«

»Jede Menge Liebe«, sagt Carla.

Alles klar, ich hab’ verstanden: Du bist dicht wie ein U-Boot.

»Hast du dich denn in mich verliebt?«

»Ich liebe die ganze Welt«, ruft die Braunhaarige laut. Ihre blauen Augen funkeln.

Stella fängt an, Spaß zu haben.

»Komm doch mit«, schlägt Carla vor.

»Wohin denn?«

»Ins Zero.«

»Was läuft da?«

»Technofreitag.«

Stella überlegt kurz. Aufgrund der bescheidenen Menge Blut in ihrem Alkohol entscheidet sie, heute Abend dieser Scheißidee nachzugeben: Tanzen gehen mit vier seltsamen Unbekannten, die aussehen, als wären sie einem Teeniefilm entstiegen. Sie folgt ihnen. So aufgeregt war sie nicht mehr seit ihrer ersten Technoparty, als sie, wie an der Box festgeklebt, die Nacht durchgetanzt hat, mit geschlossenen Augen.

Der Freak beobachtet, wie seine Freundin das autonome Zentrum verlässt, im Arm einer Lesbe. Dahinter zwei Wichser.

»Hey! Stella!«

Sie dreht sich um.

»Wohin gehst du?«, fragt er.

Sie kommt näher. »Tanzen.«

»Tanzen? Du warst doch bis vor fünf Minuten noch völlig hinüber, ich habe dir geholfen, überhaupt zu ...«

»Ja, du hast mich auf dem Sofa liegenlassen und bist abgehauen, um mit deinen Freunden rumzuhängen.«

»Nee, in Wahrheit hab’ ich deine Kotze weggewischt und mich um dich gekümmert, weil es dir beschissen ging.«

»Schätzchen, wenn du nicht willst, dass ich da hingehe, sag es.«

»Es ist nicht so, dass ich nicht will, dass ...«

»Du musst es nur sagen, wenn ich es nicht machen soll.«

»Stella, jeder ist frei zu tun und zu lassen, was er will.«

Ich wusste es: Ich gewinne immer.

»Ich geh dann.«

Carla kommt hüpfend näher. »Ist das dein Macker?«

»Ja, ist er.«

»Hey, du«, sagt sie und strahlt, »mach dir keine Sorgen, ich pass für dich auf sie auf.«

»Und wer zum Teufel bist du?«

»Komm, du kannst ganz locker bleiben.«

Stella drückt ihm einen Kuss auf die Lippen und klopft ihm auf die Schulter. Sie legt den Arm um Carla, und sie gehen durch das Tor des alten Krankenhauses hinaus.

Der Freak steht da, die Hand ausgestreckt, den Mund halb geöffnet, und sieht der Silhouette seiner Freundin nach, die langsam ausfranst, im Dunkel der Bäume. Sabino, der Fixer, ein ausgemergelter Kerl mit Lippenpiercing und einer Mütze voller Anstecker, klopft ihm auf die Schulter und lallt etwas wie: »Nur nicht darüber nachdenken.« Stella ist hinter dem Tor verschwunden.

Der Blonde mit dem Blick eines Hurensohns fordert die Mädchen auf, näher zu kommen. »Ich hab’ was für euch.«

Seine Stimme ist ganz anders als die seines Entenkumpels. Es ist die Stimme eines Jünglings, süß und sinnlich. Er fummelt mit der Hand in der rechten Jeanstasche und zieht ein weißes Tütchen heraus. Er öffnet es, hält ihnen die offene Hand hin, fixiert Stella und sagt: »Bedient euch.«

Sie zuckt vor Schreck zusammen. Unter seinem eisigen Blick fühlt sie sich nackt. Carla tupft mit dem Finger in die weiß-rosa Kristalle und steckt ihn dann in den Mund.

»Was ist das?«, fragt sie.

»Warst du schon mal in Berlin?« Der Blonde guckt Stella an, als wolle er sie zum Duell herausfordern.

»Nein, warum?« Sie erwidert seinen Blick.

»Das ist dein Flugticket«, sagt er.

Ohne die Augen zu senken, steckt sie den Zeigefinger in die Tüte. Sie spürt die Körner an der Fingerkuppe, sammelt sie auf. Leckt sich den Finger. Lutscht ihn ab. Der Blonde lächelt. Sie schluckt den bitteren Geschmack herunter und unterdrückt die Übelkeit.

Kompliment, Stella, das ist der erste Trip deines Lebens.

»Fährst du mit uns?«, fragt er sie.

»Nein«, antwortet ihm Carla verärgert, »sie fährt bei uns mit. Außerdem ist sie ver-ge-ben!«

Der Blonde und Daffy Duck steigen in einen grünen Citroën. Stella folgt den Mädchen zu einem grauen Fiat Uno. Sie setzt sich nach hinten. Das Mädchen, das am Steuer sitzt, tastet nach Carlas Kinn, zieht sie zu sich und küsst sie.

Und ich?

»Stört dich das?«, will Carla wissen.

Die andere lässt das Auto an. Stella betrachtet Carla eingehend: die ultrakurzen Haare, das Piercing unterhalb ihres Mundes und die blauen Augen. Sie betrachtet sie eingehend und denkt, dass die Frau ziemlich cool ist. Eine, die weiß, was sie will. Eine mit Arsch in der Hose.

»Nee, gar nicht ...«, antwortet Stella.

»Die Sache ist, dass wir richtig enge Freundinnen sind, verstehst du?«, sagt Carla mit einem Lächeln. »Wir mögen uns sehr.«

»J-ja, klar, verstehe ...«

Das Auto lässt das Industriegebiet hinter sich, durchquert den Olivenhain und hält auf einem freien Platz, wo auch andere Autos stehen. Carla fragt Stella nach ihrer Handynummer, nur so, für den Fall, dass sie sich in der Menge verlieren.

»Wir sind da. Lasst eure Jacken hier, drinnen werden sie geklaut«, sagt sie.

Sie lassen die Jacken im Auto. Steigen aus. Gesellen sich wieder zu den Typen. Die Musik hämmert von innen gegen die Wände des rosa Gebäudes, und vor der Tür wartet eine lange Schlange.

Das Mädchen, das am Steuer saß, zieht ein paar Kärtchen hervor und bedeutet den anderen, ihr zu folgen. Sie zeigt den Gorillas am Eingang die Karten, und die winken sie durch. Stella hat den Eindruck, an eine Gruppe von VIPs geraten zu sein.

Das Lokal ist überfüllt. Die Musik ohrenbetäubend. Weiße Lichtblitze zerreißen die Dunkelheit.

Stella kann kaum die Gesichter der Leute erkennen. Sie sind bloß verworrene Umrisse. Und sie selbst hat Bauchschmerzen. Es sind keine richtigen Bauchschmerzen, eher ein Ziehen, das immer dann auftritt, wenn man in Situationen kommt, die man nicht kennt. Ein Schmerz in den Gedärmen, so plötzlich wie eine Kolitisattacke.

»Suchen wir etwas?«, schreit sie.

»Was willst du denn suchen«, schreit Carla.

»Ich weiß nicht, irgendetwas. MDMA ...«

»Vielleicht hat Marco noch ein bisschen.«

Sie drängt sich zwischen den Silhouetten nach vorn. Erreicht das Mischpult. Die Boxen vibrieren. Die Leute toben. Sie schließt die Augen. Vor ihr – der Blonde. Er verströmt einen ganz eigenen Geruch: Es ist nicht nur Aftershave, eher wie der Geruch von Haut, die nach anderer Haut verlangt. Ein Geruch nach Sex. Er drückt sein Becken gegen das von Stella, und sie spürt die Kraft der Berührung.

»Ich habe Lust«, flüstert sie ihm ins Ohr, »auf Drogen.«

»Ich habe alles, was du willst«, antwortet der Blonde und holt das Tütchen raus.

Er steckt den Finger hinein und legt ihn sich dann auf die Zunge. Stella schließt die Augen. Ihre Lippen streifen sich. Der Geschmack seines Mundes mischt sich mit dem von Stella. Sie saugt die Droge von der Zunge des Blonden. Er ist süß, dieser Kuss. Süß und bitter gleichzeitig. Stella fühlt sich frei. Sie fühlt, dass sie all das machen kann, was sie ihr immer verboten haben. Sie fühlt eine ungeheure Lust, sich über alles, was man ihr gesagt hat, hinwegzusetzen, Lust nach mehr, viel mehr. Sie will den Geruch dieses Mannes auf ihrer Haut. Sie fühlt, wie ihr die Begierde die Eingeweide zusammenzieht. Sie küsst ihn erneut.

Was ist das denn, das Paradies der Sinne?

Der andere Kerl nähert sich ihr und versucht, sie ebenfalls zu küssen. Sie stößt ihn weg, zeigt mit dem Finger auf den Blonden und sagt: »Mir gefällt er.«

Falls außer ihm jemand versucht, mich zu küssen, wird er dafür bezahlen.

Der andere zieht beleidigt ab und lässt sie allein.

Stella tut etwas, das sie irgendwann einmal in einem Film gesehen hat: Sie legt ihre Hand auf die Brust des Blonden, lässt sie unter sein Hemd wandern und presst sie dann auf seine Haut. Sie schließt die Augen. Er geht ihr mit der Hand in die Hose, unter den Slip, bis zu den Schamhaaren, lässt dort seine Finger kreisen.

Du kommst aber schnell zur Sache.

Sie tanzt weiter, seine Finger in ihrem Slip. Sie schiebt ihr Becken nach vorn. Die Zartheit, dieses Berühren und Nichtberühren, ein Kribbeln ergreift sie, sie ist schon feucht. Sie fühlt Liebe und Hass, Krieg und Frieden, Verlangen und Angst. Sie ist verloren. Sie liebt ihn. Obwohl sie nichts von ihm weiß. Sie begehrt ihn. Ihr gefällt dieser Blick eines Hurensohns auf ihrem Körper. Ihr gefällt der Geruch, der ihn umgibt, seine Art, ihr zwischen die Beine zu fassen, als ob er ihren Körper besser kennt als sie selbst.

Und du bist ziemlich gut, verdammt!

Sie taumelt. Verliert das Gleichgewicht. Hört keine Musik mehr. Sieht keine Lichtblitze mehr, die die Dunkelheit unterbrechen. Sie spürt nichts anderes als Lust. Sie keucht. Sie klammert sich an ihn. Sie stöhnt.

Was ist mit mir los? Hör bloß nicht auf.

»Ich krieg Lust, mit dir zu schlafen«, flüstert er, »komm, lass uns Liebe machen.«

Liebe?

Sie nickt.

Der Blonde beugt sich zu seinem Freund. Er flüstert ihm etwas ins Ohr. Der andere händigt ihm gereizt die Schlüssel aus.

Stella und der Blonde verlassen das Lokal. Sie weiß nicht, ob sie vor Kälte oder wegen der Drogen zittert oder weil sie gerade im Begriff ist, es mit einem Fremden zu machen. Er geht schnell, ohne auf sie zu warten. Dunkelheit. Stille. Kälte.

Wenn du auf mich wartest, darfst du vielleicht ran.

Bäume. Das Auto ist weit entfernt von den anderen geparkt. Stella friert. Schaudern. Schwindel.

Was für ein Licht: als würden gleich Außerirdische landen.

Der Blonde öffnet die Tür des Citroëns, steigt ein. Sie hinterher.

»Wohin fahren wir?«, fragt er.

»Keine Ahnung.«

Ich bin zu fertig, um zu denken.

Er lässt das Auto an. Biegt in einen Feldweg ein. Stella verschränkt die Arme vor der Brust. Schluckt den bitteren Geschmack des MDMA hinunter. Starrt auf die Straße.

Der Blonde fährt an die Seite. »Ziehen wir eine Line?«

Sie nickt.

Er nimmt eine CD-Hülle, kippt das Tütchen darüber aus, zerdrückt mit einer Karte die Kristalle, rollt eine Banknote zusammen und steckt sie sich in die Nase. Dann hält er inne.

»Ach, sorry«, er reicht sie Stella, »Ladies first.«

Sie weiß nur zur Hälfte, was sie machen soll. Und auch das nur aus einem Film. Einen Augenblick lang fühlt sie sich wie eine Kriminelle. Und sie ist sich nicht sicher, ob ihr die Sache gefällt oder nicht. Aber aufregend ist es.

Spiel jetzt nicht das unerfahrene, junge Ding, los, zieh dir das rein.

Sie steckt sich die Banknote in die Nase und zieht so stark sie kann. Die Nasenflügel brennen. Sie macht die Augen zu. Atmet. Alles dreht sich. Sie will sich übergeben, unterdrückt es. Schluckt es runter. Seufzt.

Bald werde ich mich nicht mehr erinnern, wer ich bin. Na toll.

Der Blonde zieht seine Line und verstaut die Utensilien. Er beugt sich über sie, legt ihr die Hand in den Nacken und küsst sie. Warme Wogen durchströmen ihren Unterleib, und sie spürt ein starkes Verlangen zwischen den Beinen. Er streichelt sie dort, sie schiebt ihre Hand in seine Hose. Streift seine Leiste. Die Schamhaare. Das Glied. Sie packt es. Beginnt, die Hand auf und ab zu bewegen. Es reagiert nicht. Sie stoppt.

Besser so. Ich war drauf und dran, Scheiße zu bauen.

»Komm, macht nichts«, sagt sie.

»Nein«, sagt er, die eisblauen Augen auf sie geheftet, »ich gehe hier nicht weg, bis wir miteinander geschlafen haben.«

Sie reißt die Augen auf.

Okay, aber wenn du keinen hochkriegst, Herzchen, wie willst du das anstellen?

Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, sagt er:

»Es ist nicht deine Schuld, es ist das MDMA.«

Stella versucht, die Kontrolle über sich zurückzugewinnen. Ihr dreht sich noch immer alles. Ihr Kiefer mahlt unaufhörlich. Der Blonde klappt ihre Lehne runter. Schiebt die Hand unter ihr T-Shirt. Sie fühlt die warmen, schmalen Finger auf ihrer Brust, die Brustwarzen werden hart.

Sieh mal einer an, du weißt, wie es geht.

Die Fingerspitzen des Blonden kreisen zwischen ihren Brüsten, hinunter zu ihrem Bauch. Die blauen Augen gleiten schneller über ihren Körper als seine Finger. Sie drückt ihren Rücken durch, streckt ihm alles entgegen. Er klappt seinen Sitz runter.

»Entspann dich«, flüstert er.

Er streichelt ihren Bauch. Sie sinkt auf das Polster. Hebt die Knie. Zieht ihre Schuhe aus. Stellt die Füße auf die Sitzkante. Der Blonde hat die Hand in ihrem Slip. Streift mit den Fingern durch die Schamhaare. Er trifft den Punkt, wo sie den höchsten Genuss empfindet. Stella öffnet ihre Lippen, sie sind feucht. Sie senkt die Augenlider. Stöhnt.

Wenn du mich so berührst, explodiere ich.

Sie so zu sehen – mit entblößten Brüsten und geschwollenen Brustwarzen, geschlossen Augen, speichelfeuchten Lippen – erregt ihn. Er nimmt ihre Hand und schiebt sie in seine Boxershorts. Sie legt die Hand um sein Glied, schließt sie zur Faust, spürt, wie es unter dem Druck immer mehr anschwillt. Bewegt die Hand auf und ab, im Wechsel tritt die Eichel hervor und verschwindet.

Alter, du bist gut bestückt!

Er steckt einen Finger in sie. Er hält ihn ihr vor den Mund und wartet, dass sie ihre Zunge rausstreckt. Stella lutscht an dem Finger des Blonden. Er zieht sich die Hose aus. Nimmt sein Glied in die Hand. Sie beugt den Kopf zwischen seine Beine. Macht den Mund auf. Die Eichel ist kurz vor ihren Lippen. Ein starker Spermageruch hat sich im Auto verbreitet. Sie öffnet den Mund noch weiter und fühlt, wie das Glied anschwillt.

»Du bist wunderbar«, murmelt er, »mach weiter. Hör nicht auf. Du bist wunderbar.«

Klar, alle Frauen sind wunderbar, wenn sie Schwänze lutschen.

Sie behält sein Glied im Mund, bis es ganz steif ist. Dann zieht er ihr die Hose aus. Sie streift sich mit den Füßen die Strumpfhosen ab. Der Blonde betrachtet ihre schlanken Beine. Legt seine Finger zwischen ihre Oberschenkel. Er drückt ihre Beine auseinander und dringt in sie ein. Stella zuckt zusammen. Schmerz. Dann Vergnügen. Feuchtigkeit. Lust. Genuss.

Ich kapier gar nichts mehr.

Er ist behutsam. Lässt sie sein Glied nur kurz spüren, bevor er sich ihr wieder entzieht. Sie keucht, beginnt zu stöhnen. Er wird etwas schneller, stößt ruckartig und hart gegen ihr Becken. Sie krümmt sich. Er zieht das Glied raus und streicht ihr damit über die Klitoris. Sie spürt einen Schauer zwischen den Beinen. Schaut ihn an.

Du machst mich verrückt.

Er gibt ihr mit den Augen eine Warnung. Dringt hart in sie ein. Stella schreit, krümmt sich auf. Wird von der Lust überschwemmt. Schreit erneut. Sie versteht nicht, was mit ihr passiert. Warum sie sich so vereint mit ihm fühlt. Sie hat keine Kontrolle über ihre Sinne. Und in den Eingeweiden pulsiert der Genuss. Sie fühlt, wie es ihre Schenkel hinabfließt und ihre Haut verschmiert. Sie fühlt das Vakuum. Alles steht still. Der Orgasmus beginnt in ihrem Innern und saugt sie auf. Er breitet sich über jeden Nerv aus, bis in die Fingerspitzen. Ihr ist schwindlig. Und ihre Augen drehen sich nach innen.

Wenn das nur Sex ist, dann mache ich es gerade mit Gott.

»Darf ich in dir kommen?« Seine Stimme reißt sie zurück in die Wirklichkeit.

»Nein, nicht! Komm auf keinen Fall in mir.«

»In Ordnung, wollte nur fragen.«

Der Blonde nimmt das Glied raus und spritzt über ihr ab. Sie spürt die Wärme der Flüssigkeit auf ihrem Bauch. Und kommt wieder zu Atem.

»Wie heißt du?«, fragt er sie.

Na großartig.

»Stella.«

»Marco«, noch auf ihr, schüttelt ihr die Hand. Er schiebt sich auf den Fahrersitz, zieht sich die Hose an und gibt Stella ein paar Taschentücher.

»Kann ich dich wiedersehen?«, fragt er sie.

Sie beißt sich auf die Lippen.

Und wer erklärt das jetzt Donato?

»Es gibt ein Problem ...«

»Du hast einen Freund.«

»Ja.«

Er legt eine Hand auf ihre Schulter.

»Verstehe.«

Stella fühlt sich wie eine Idiotin.

»Lass es uns so machen«, sagt er, »ich geb dir meine Nummer, und wenn du Lust hast, rufst du mich an, ok?«

Sie nickt.

Klar, natürlich rufe ich dich an. Worauf du dich verlassen kannst.

»Woher kommst du?«, fragt sie ihn.

»Sarignano. Es ist spät geworden, schau«, sagt er mit einem Blick aus dem Fenster. Es dämmert.

Er lässt das Auto an.

Schweigen. Schweigen. Ein Blick.

»Jetzt wirst du schlecht über mich denken.«

Marco fährt langsamer. Sieht sie an. »Nein ...«

»Das ist das erste Mal, dass mir so was passiert.«

»Bei mir nicht, aber so war es noch nie.«

Sie lächelt.

»Und außerdem habe ich ihn noch nie betrogen. Wir sind jetzt zwei Jahre zusammen, und das ist mir noch nie passiert.«

Marco schweigt. Er grinst dreckig, und das macht ihn noch attraktiver. Beim Zero sind die Rollläden schon unten, davor parkt kein einziges Auto mehr. Daffy Duck steht allein da, wartet, dass sein Kumpel ihm den Wagen zurückbringt. Marco hält neben ihm. Stella steigt aus. Jetzt, da sie darüber nachdenkt, weiß sie nicht, wie sie nach Hause kommen soll; außerdem hat sie ihre Jacke im Auto der Mädchen liegenlassen. Marco wirft die Fahrertür zu und kommt zu ihr.

»Ein letzter Kuss.«

Sie umarmen und küssen sich vor Daffy Duck. »Marco, verdammte Scheiße, lass uns endlich abhauen«, sagt er.

Marco verabschiedet Stella, die ihn an der Schulter festhält. »Könntet ihr mich nicht ein Stück mitnehmen?«

»Wo wohnst du?«, fragt Daffy.

»Hier in der Nähe, hinter der Brücke, ist nicht weit.«

Sie steigen wieder ein und fahren in Richtung von Stellas Wohnung. Im Auto reden die beiden Jungs über Musik, Partys und erwähnen die Namen von Mädchen. Ab und zu drehen sie sich zu Stella um und fragen nach dem Weg. Stellas Wohnung ist nah, sie kommen viel zu schnell an.

Vielen Dank auch für eure Mühe.

Sie steigt aus, öffnet das Tor, bleibt dahinter stehen und schaut dem Citroën hinterher, der langsam die Straße hinauf davonfährt. Noch spürt sie Wogen der Lust, überkommen sie Hitzewellen von dem MDMA. Sie hat ein unendlich breites Lächeln im Gesicht und denkt nur an seine Telefonnummer. Sie starrt auf ihr Handy, sucht Marcos Nummer und klingelt ihn an. Er antwortet sofort.

Ich will ihn ja gar nicht wiedersehen, ich will nur, dass er mich nicht so schnell vergisst.

Stella öffnet die Haustür, steigt in den Aufzug und betrachtet sich dort im Spiegel: Mit den riesigen Augen und den stark erweiterten Pupillen sieht sie verdammt gut aus, findet sie.

Sie betritt die Wohnung auf Zehenspitzen, um ihre Eltern nicht zu wecken. Zieht ihre Schuhe im Flur aus, geht in ihr Zimmer, lässt die Tür angelehnt, um keinen Lärm zu machen. Sie holt ihr Heft aus der Schublade und schreibt alles auf, alles, was ihr heute Nacht passiert ist, haarklein, bis ins letzte Detail.

Sie hört Schritte im Nebenzimmer. Die Stimme ihres Vaters. Eine Tür wird zugeschlagen. Sie macht das Licht des Globus aus und schlüpft unter die Decke. Schläft nicht. Drückt das Heft an sich. Sie ist auf Reisen.

Bald werden sie zur Arbeit gehen. Halt durch.

Das Geräusch einer Schiebetür. Sie stellt sich schlafend. Ihre Mutter betritt das Zimmer. Sie schaut sie an. Kommt näher. Sie mustert Stella eingehend.

Halt deine Augen geschlossen.

Ihre Mutter ist so nah, dass Stella ihren schalen Frühmorgenatem riechen kann.

Augen zu!

Ihre Mutter legt Stella sorgfältig die Bettdecke über und geht hinaus. Wasserrauschen. Besteckgeklimper. Stühlerücken.

Sie wartet auf das Geräusch der zuschlagenden Wohnungstür, ehe sie aus dem Bett steigt.

Ein neuer Tag, ein neues Ich.

DER FREAK

Die Tür des Badezimmers ist durchsichtig. Wie alle Türen bei Stella zu Hause. Um in jedem Fall ungestört zu sein, hat sie die Korridorund die Badezimmertür abgeschlossen. Das Wasser strömt über ihre Haut. Stella greift sich einen blauen Schwamm von der Duschablage. Sie will den Rasierer woanders hinlegen. Er rutscht ihr aus der Hand und schneidet ihr in die Fingerkuppe. Sie fährt sich mit dem Schwamm über die Schultern. Über den Bauch. Zwischen die Beine.

Sie betrachtet sich. Streichelt sich. Misst ihre Taille mit den Händen. Schaut sich das dunkle Haarbüschel zwischen den Beinen an. Denkt an Marcos Finger, wie sie sich durch ihre Schamhaare schmuggeln. Sie verspürt Lust.

Ich will ihn nicht wiedersehen. Er interessiert mich gar nicht.

Sie hebt den Rasierer vom Boden der Dusche auf und fährt damit unter dem Bauchnabel entlang. Dann zwischen den Beinen.

Aber, wenn es so weit kommen sollte ... dann erwartet ihn eine kleine Überraschung.

Sie geht in die Hocke, spreizt die Beine. Sie zieht an der Haut ihrer Schamlippen. Im Rasierer Büschel schwarzer Haare.

Sie zieht mit den Fingern die Haut der Leistengegend straff. Sie rasiert sich, bis nur ein dünner Streifen über ihrem Geschlecht zurückbleibt.

Sie erschrickt. Draußen, hinter der Badezimmertür, hinter der Tür zum Flur, fliegen hysterische Schreie durch die Luft, von denen Stella nur einzelne Fetzen versteht. Ihre Eltern sind schon zurück.

»Nicola, es ist deine Schuld. Du warst es, der ihr zu viel Freiraum gelassen hat. Jetzt denkt sie, sie kann machen, was sie will.«

»Na wenn du ihr ständig auf die Pelle rückst, wenn du ständig versuchst, ihr schlechtes Gewissen zu sein, Monica, komm, denk mal nach. Wie soll sie rausfinden, was richtig und was falsch ist, wenn du so an ihr klebst?«

»Sie ist undankbar.«

»Sie rebelliert gegen dich.«

»Ich bitte dich. Dich verabscheut sie auch.«

Freiheit? Gewissen? Rebellion? Rufe ich ihn an oder nicht?

Stellas Handydisplay leuchtet auf. Sie bemerkt es, springt aus der Dusche, streift sich einen Bademantel über, geht ran, schlüpft in ihr Zimmer und schließt die Tür.

»Schätzchen, was zum Teufel ist mit dir passiert? Ich habe seit Ewigkeiten nichts von dir gehört«, sagt der Freak.

»Schätzchen. Tut mir leid. Ich bin ein Miststück.«

»Warum? Was hast du gemacht?«

»Nichts, echt nichts.«

»Na jedenfalls wollte ich dir sagen, dass mich deine Mutter gestern Nacht angerufen hat.«

»Und du?«

»Und ich hab’ ihr gesagt, dass du nicht bei mir bist. Keine Ahnung, wo du steckst, aber nicht bei mir.«

Ah, deswegen benimmt sie sich wie eine Furie.

»Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?«

Die Wut lässt ihre Wangen auflodern.

»Entschuldige mal. Was hättest du denn an meiner Stelle getan? Du lässt mich da sitzen, um mit ein paar Unbekannten, die voll auf irgendwelchem Zeug sind, tanzen zu gehen? Und ich soll dir auch noch vor deiner Mutter den Arsch retten?«

Sie schweigen.

»Donato, ich muss mit dir reden.«

»Kommst du her?«

»Ja, genau das werde ich tun.«

Stella zieht sich an: Gestreiftes T-Shirt, grauer Pullover, Jeans, Turnschuhe. Dann verlässt sie das Zimmer, durchquert den Flur.

»Nicola«, schreit ihre Mutter, »pass auf, wenn du es ihr nicht sagst, mach ich es, und zwar auf meine Art.«

Was wollt ihr mir sagen? Dass ihr zwei Trottel seid?

Stella öffnet die Tür, im Wohnzimmer riecht es nach Tomatensoße. Die Küchentür steht offen, Monica spült das Geschirr, Nicola sitzt an der Stirnseite des Tisches und raucht. Vor ihm drei aufgeschlagene Zeitungen.

»Guten Morgen«, sagt Stellas Mutter.

Ihr Vater sagt nichts, begrüßt sie nicht mal.

»Hallo«, sie nimmt einen Salzkringel von dem blauen Teller in der Mitte des Tisches.

»Willst du frühstücken?«

»Nein, ich hau ab.«

Ihr Vater zieht die Augenbrauen hoch. Richtet die Brille. Sieht sie nicht an.

»Wohin willst du?«

Stella schnauft.

»Zu Donato.«

Nicola nimmt die Brille ab und schaut ihr tief in die Augen.

»Haben wir heute wohl die Ehre, deine Gesellschaft beim Abendessen zu genießen?«

Stellas Augen wandern von ihrem Vater zu ihrer Mutter und wieder zurück. Monica zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf.

»Aber«, sagt Stella leise, »heute ist doch Samstag.«

Nicola hält ihr entgegen, dass für sie jeden Tag Samstag sei, weshalb sie heute ruhig mal aufs Ausgehen verzichten könne.

»Mama, sag doch etwas! Ich muss zu Donato, zu Donato! Ich komme auch nicht allzu spät.«

Monica schaut zu ihrem Mann.

»Wenn sie zu Donato will ...«

Nicola setzt sich wieder die Brille auf, sammelt die Zeitungen ein und steht auf. Stella fährt sich mit der Zunge über die Zähne. Ihr Vater schlägt die Flurtür zu. Der Knall dröhnt bis in die Küche. Stella geht zu ihrer Mutter und setzt ihren treuherzigsten Blick auf.

Komm Mutti, ich weiß, dass du viel von Donato hältst.

»Ich komme bald zurück. Versprochen.«

»Bereinige mal die Sache mit Donato und dann komm zurück. Und sag ihm, er soll nicht vergessen, sich hin und wieder zu waschen.«

Das sage ich ihm jeden Tag, aber es bringt so gut wie nichts.

Stella nickt ihrer Mutter zu und verschwindet. Sie stürzt die Treppe hinunter und macht sich davon, bevor es sich ihre Mutter noch mal anders überlegt.

Sie überquert die Brücke, läuft an der Poliklinik vorbei, biegt in die Allee ein, betritt den Hof des Freaks, drückt auf die Klingel.

Eine Frau mit Kochschürze macht die Tür auf. Im Haus riecht es nach frischgebackener Focaccia. Die Frau umarmt Stella. Sagt ihr, dass Donato noch schläft.

»Willst du ein Stück Focaccia? Einen Kaffee? Ein Stück Kuchen?«

»Nein, vielen Dank.«

Eigentlich sterbe ich vor Hunger.

»Nimm, Stella. Tu dir keinen Zwang an.«

»Wenn Sie darauf bestehen.«

Sie folgt der Frau mit der Schürze zur Küche, setzt sich, die Frau schneidet ein Stück dampfender Focaccia ab und stellt es ihr hin. Sie lächelt.

Schön wär’s, wenn ich auch eine Mutter hätte, die in der Küche gut ist und nicht nur darin, einem auf die Nerven zu gehen.

»Was macht die Uni?«

»Gut, es gefällt mir sehr. Ich besuche jetzt ein Seminar über Sartre: etwas kompliziert, aber interessant.«

»Tja, Stella, du bist ein gutes Mädchen, nicht so ein Taugenichts wie mein Sohn.«

Stella beißt in die Focaccia, kaut, schluckt. Es schmeckt nach gebratenem Brot, Kartoffeln, Tomaten. Als sie mit dem Essen fertig ist, begleitet die Frau sie ins Zimmer ihres Sohnes. Sie macht die Tür auf.

»Donato, wach auf, Stella ist da.«

Donato, mein Lieber, wach auf ... meine Eltern hätten mich längst mit Fußtritten aus dem Bett gejagt, wenn ich um vier Uhr nachmittags noch schlafen würde.

Der Freak macht die Augen auf. Sie tritt ein, die Frau geht und schließt die Tür. Es ist dunkel.

Der Freak setzt sich im Bett auf. Stella geht etwas näher heran. Ihr ist zum Heulen.

»Ziehst du nicht den Rollladen hoch?«

»Ich bleib lieber im Dunkeln.«

»Komm, mach ihn auf, sonst krieg ich Beklemmungen.«

Schweigen.

Stella zieht den Rollladen hoch. Das Zimmer wird von Licht durchflutet. Langsam kann man die Poster an der Wand erkennen: Grateful Dead, Pink Floyd, Jefferson Airplane, Bob Marley. Klamotten liegen über das Sofa verstreut. Der rote Schimmer von Donatos Barthaaren wird sichtbar. Seine traurigen Augen ebenso. Seine hervorstehenden Backenknochen. Seine Stirn und die Zornesfalten.

Donato streicht sich die wirren Haare nach hinten, die ihm sonst bis zum Bauchnabel reichen. Er atmet tief ein, hält den Atem an und sagt:

»Setz dich bitte.«

Stella setzt sich neben ihn, nicht zu nah.

»Komm näher«, sagt er.

Sie rückt näher, lässt aber etwas Platz zwischen ihrem Hintern und dem von Donato.

»Wie geht’s dir?«

Scheiße.

»Gut ...«

Schweigen.

Stella schaut Donato an. Sie hat das Gefühl, dass er schon alles weiß. Sie kann es ihm nicht sagen. Sie würde gerne, aber sie kann es nicht. Außerdem hat er es sowieso begriffen, denkt sie, es macht keinen Sinn, sich in Einzelheiten zu ergehen.

»Gibt’s etwas, dass du mir sagen solltest?«, fragt er.

Verdammt, ich habe nicht gedacht, dass es so schwer sein würde.

Sie rutscht etwas weiter weg. Donato legt eine Hand auf ihr Bein.

»Hau nicht ab.«

»Ich haue nicht ab.«

Sie schauen sich an. Stella seufzt. Schluckt. Ihre Finger krallen sich in die Decke.

»Donato, wir beide können nicht mehr zusammen sein.«

»Hast du mich betrogen?«

Sie beißt sich auf die Lippen.

Ja.

»Nein.«

»Wer waren die?«

»So Leute halt.«

»Warum bist du mit denen mitgegangen?«

»Es gibt ein Mädchen.«

»Ein Mädchen?«

»Ja, mir gefällt ein Mädchen.«

Was für eine Riesenlügnerin.

Sie schauen sich an. Er sucht nach Antworten in ihren Augen.

»Ein Mädchen?«

Warum? Darf ich nicht lesbisch werden?

Der Freak lässt den Kopf in die Hände sinken. Stella rückt zu ihm, löst seine Hände vom Gesicht und hält sie fest. Er schaut auf. Sie fühlt sich wie ein Stück Dreck. Sie drückt ihn an sich. Küsst ihn. Er dreht sich weg. Dann wieder zurück. Er küsst sie. Stella schließt die Augen. Kneift sie fest zusammen. Eine Träne fließt über ihre Wange. Er streicht ihr durch das Haar, das Gesicht.

»Was hast du, Stella?«, sagt er leise. »Was hast du?«

Nichts, ich hatte nur völlig zugedröhnt Sex mit einem Unbekannten.

Sie hält das Schluchzen zurück. Lässt sich ausziehen. Das schuldet sie ihm. Die Finger ihres Freundes gleiten über ihren Körper wie die eines Fremden. Der Freak ertastet die glatte, nackte Haut zwischen ihren Beinen. Seine Hand bleibt auf ihrem Geschlecht liegen.

»Was hast du gemacht?«

»Ich wollte etwas ändern.«

Warum, findest du das nicht erregend?

Donato lässt sie los und knöpft sich die Hose wieder zu.

»Ich finde, du veränderst dich gerade zu sehr«, sagt er.

DAS GESCHENK

Stella lässt den Freak auf dem Bett liegen, geht aus dem Zimmer, grüßt die Frau mit der Kochschürze flüchtig und haut ab. Donato weint, aber Stella weiß es nicht.

Die Vorstellung, zu Fuß nach Hause zu gehen, gefällt ihr überhaupt nicht. Die Tränen fühlen sich an wie Regentropfen, die über ihre Wangen rinnen. Auf der Brücke herrscht dichter Verkehr. Der Himmel ist ein Kondensat der Farben Rot, Dunkelblau, Violett. In der Jeanstasche vibriert ihr Handy.

So ein Scheiß, warum müssen die beiden mir so auf die Nerven gehen?

Sie holt das Handy raus. Es sind nicht ihre Eltern.

»Hey Mädchen, wir sind alle hier versammelt, Marco ist auch da.«

Sie spürt, wie sich ihr Magen zusammenzieht.

»Weißt du, dass du deine Jacke bei uns im Auto gelassen hast?«, sagt Carla.

»Stimmt, hatte ich schon vergessen.«

»Wenn du willst, kann ich sie dir nach Bari mitbringen, in die Uni zum Beispiel.«

»Du würdest mir echt einen Gefallen tun.«

»Oder du kannst hierher zu uns kommen.«

»Ich zu euch?«

»Zum Beispiel am Mittwoch.«

»Am Mittwoch?«

»Wir wollen alle zusammen zu Abend essen.«

Und mich reicht ihr als Hauptspeise rum.

»Ich weiß noch nicht.«

»Überleg es dir.«

»Mach ich.«

»Sag mir Bescheid.«

»Ok, ich komme.«

Stella beschleunigt den Schritt. Die Autos rasen vorbei. Es wird dunkel.

Und so gerät das kleine Mädchen in die Löwengrube. Wie wunderbar.

Sie geht am Parkhaus entlang, der Haupteingang der Poliklinik, die gelben Hochhäuser.

Nee nee, meine Lieben, ich werde nicht den Part des unschuldigen, naiven Mädchens übernehmen.

Sie geht weiter, über die Ampel, überquert die Straße, kommt an der Bäckerei vorbei.

Ich gehe nicht mit leeren Händen nach Sarignano. Ich bringe ihnen ein schönes Geschenk mit.

Sie tippt auf dem Handy herum und findet die Nummer von Sabino, dem Fixer. Sie kennt ihn eigentlich nicht so gut, aber er hängt auch im alten Krankenhaus rum.

»Ich bin Stella, die Blonde vom letzten Wochenende.«

»Hey, du Schönheit, wie geht’s?«

»Ich muss dich um einen Gefallen bitten.«

»Hab’ verstanden. Wann?«

»So bald wie möglich.«

»Komm zur Piazza Umberto. Ich bin da.«

Sehr gut, Stella, du bist dabei, dich in die Zone der Ausgestoßenen zu begeben.

Zwischen den Palmen und Zedern, in den Beeten, auf den Bänken, an den Rändern des Platzes die Punkabbestia; Assis, Schnorrer und Fixer, aber vor allem Hundebesitzer. Sie dealen nicht direkt dort, Piazza Umberto ist eher ihr Treffpunkt. Treffpunkt aller Außenseiter: Einwanderer, Obdachlose, Straßenhändler, alte Leute. Die Punkabbestia versuchen, nicht groß aufzufallen, stehen möglichst weit von dem Brunnen und dem Unieingang.

Stella zieht sich die Kapuze über den Kopf. Wenn jemand sie dort sieht und es ihren Eltern erzählt, bedeutet das jede Menge Stress. Sie nerven schon, weil sie nachts nicht nach Hause kommt, es fehlte gerade noch, dass sie sie auf der Piazza Umberto bei den Punkabbestia erwischen.

Die Hände in den Taschen, die Kapuze über dem Kopf schlendert sie zwischen den Beeten entlang. Sie sieht einen Typ mit zerrissener Hose und einer Mütze voller Anstecker. Er lehnt an einem Baum und setzt sich einen Schuss.

Bloß nicht hingucken.

Sie geht noch ein bisschen herum. Hört jemanden, der die Passanten nach Kleingeld anschnorrt. Sie kommt zu einer halbzerfallenen Bank: Eine Gruppe Leute mit Piercings und Hunden. Einer von ihnen ist Sabino.

»Hey!«, sagt sie und klopft ihm auf die Schulter.

Der Kerl ist aufgeregt und zittert wie Espenlaub.

»Na, Schönheit«, sagt er und umarmt sie.

Er will ihr ein paar Freunde vorstellen.

Stella blickt sich um, und allein der Gedanke lässt sie erschaudern.

Zombies? Nein danke.

»Ich hab’ es eilig.«

Sabino lässt es sich nicht zweimal sagen, grüßt einmal in die Runde, hängt sich bei ihr ein, und sie gehen los.

»Wo gehen wir hin?«, fragt er mit einem rauen Unterton in der Stimme.

»Ich hab’ ein Zimmer, gleich hier im Zentr ...« Sie stockt mitten im Satz.

Bist du schwachsinnig? Willst du so etwas mit zu dir nach Hause nehmen?

»Nee, warte mal, da fällt mir gerade ein, geht doch nicht. Wird momentan renoviert«, korrigiert sie sich.

»Gehen wir zu mir?«, fragt Sabino.

Vom Regen in die Traufe.

»Wohnst du allein?«

»Nee, da sind noch ein paar Typen, aber voll entspannt.«

Das heißt Fixer.

»Na gut, lass uns zu dir gehen.«

Den ganzen Weg lang tut Sabino nichts anderes, als auf seinem Lippenpiercing rumzukauen, zu zittern und Stella zu sagen, dass sie eine verdammt heiße Frau ist.

Sie biegen in die Via Davanzati ein, kommen in eine Gasse, dann in noch eine. Stadtviertel Madonnella. Ein schwarzes Tor. Sabino nimmt den Schlüssel von der Kette an seinen Jeans, schließt auf. Stella geht zur Treppe, die nach oben führt.

»Nee, hier lang«, sagt er und zeigt auf die Treppe nach unten.

Ach so, dann muss das also der Eingang zur Hölle sein.

Sabino macht die Tür auf. Es stinkt nach Gebratenem und nach seit Jahren vor sich hin schimmelndem Mozzarella. Niemand ist da.

»Willst du ein Bier?«

»Ok.«

Überall in der Küche sind Spritzer von Kaffee und Tomatensoße. Stella kommt es wie Blut vor. Sabino macht den Kühlschrank auf und nimmt zwei Bierflaschen raus. Auch hier schimmliger Käsegeruch. Stella drückt an ihren Fingern herum, es knackt. Er öffnet die Flasche mit den letzten gesunden Zähnen und reicht sie ihr. Stella schließt fest die Augen und trinkt den ersten Schluck.

Es stinkt zwar auch nach verschimmeltem Mozzarella, aber hey, dafür ist es wenigstens kalt.

»Also, was brauchst du?«, fragt er zitternd.

»Koka.«

»Wie viel brauchst du?«

»Hör mal, ich habe vierzig Euro, wie viel kannst du mir dafür geben?«

»Ich tue dir einen Gefallen, weil du so schön bist: Ich gebe dir ein halbes für vierzig Euro, in Ordnung?« Er zittert weiter.

»Was hast du?«, fragt sie ihn. »Alles in Ordnung?«

»Ja, alles in Ordnung, lass uns eine Line Koks ziehen, so kannst du das Zeug gleich probieren und mir sagen, wie du es findest.«

Stella spürt, wie sich ihre Innereien zusammenziehen. Sie wechseln ins Schlafzimmer.

Das Zimmer ist dunkel. Die Rollläden sind heruntergelassen. Auf dem Boden liegt eine Doppelbettmatratze mit einer roten Decke. An der Wand das Poster von Exploited: ein riesiger Totenkopf mit einem orangefarbenen Iro. Ein Poster von Trent Reznor. Eine Metallkette mit Nägeln aufgehängt. Auf dem Boden liegen CD-Hüllen, Löffel und gebrauchte Spritzen.

Sabino setzt sich auf die rote Matratze. Rückt einen Tisch heran, übersät mit Tabak, Bier- und Kaffeeflecken (oder Blut), und schüttet aus einem Tütchen zwei Lines. Stella setzt sich neben ihn. Jetzt zittert sie.

Dann mal los, Stella, los. Das ist praktisch deine erste Line Koks, spiel nicht das Küken.

Der Fixer steckt sich einen abgeschnittenen Strohhalm in die Nase und zieht die erste Line weg. Danach reicht er ihr den Strohhalm. Sie sehen aus wie zwei Blätter im Wind: Der eine zittert wegen des Entzugs, die andere aus Panik.

Stella steckt sich den Strohhalm in die Nase. Er ist feucht. Verschmutzt von Sabinos Schleim. Sie will sich übergeben, beißt die Zähne zusammen und beugt sich hinunter. Saugt alles auf. Die Nasenflügel brennen. Sie hält sich die Nase mit beiden Händen zu. Trinkt einen Schluck Bier. Sie zündet eine Zigarette an. Fühlt sich völlig überreizt. Es juckt überall, als läge ein dünner Film auf ihrer Haut, der es ihr schwermacht, noch etwas von außen aufzunehmen. Die Zunge klebt am Gaumen, kribbelt, und das Herz pumpt schnell. Der rechte Fuß beginnt, nervös auf den Boden zu tippen, es scheint unmöglich, ihn anzuhalten.

Sabino ist blass und zittert furchtbar am ganzen Körper.

»Hey, du Schönheit«, sagt er, »entschuldige, aber ich muss es tun.«

Er wird doch nicht etwa mit mir schlafen wollen?

»W-was?«, fragt Stella.

»Ich muss es jetzt tun ...«

Scheiße, und was, wenn er mich vergewaltigen will?

»Was, ekelt es dich?«, fragt er.

»W-was soll mich ekeln?«, antwortet sie mit aufgerissenen Augen.

»Die Sache ist, dass, wenn ich kokse«, er knirscht mit den Zähnen, »brauche ich etwas, das mich runterbringt.« Seine Stimme wird nervös. »Sonst erwischt es mich übel, und ich schieb nur Para.«

»...«

»Das Problem ist, dass ich nie die Vene treffe.«

Sabino greift sich einen Löffel vom Boden. Gibt ihn Stella. Sie ist außer sich vor Panik, hält den Löffel, zittert, mit ihr der Löffel. Der Fixer nimmt das Heroin aus einem anderen Tütchen, holt sich ein Fläschchen aus einer Schublade und das Feuerzeug aus der Tasche. Er hält die Flamme unter den Löffel, und das braune Pulver wird langsam flüssig.

Komm schon, ich will hier weg.

Er tastet nach der Spritze auf dem Boden, findet sie und zieht die ganze Flüssigkeit ein. Er greift sich ein Abschnürband und hält es ihr hin.

»Weißt du, wie man einen Schuss setzt?«

»Ehrlich gesagt, nein.«

»Bitte«, zittert er, »ich treffe nie die Ader, bitte!«

Sabino streckt seinen Arm aus. Stella ist total durcheinander, ihre Zähne klappern, der Kopf ist leer. Sie zieht das Band so stark wie möglich zusammen. Die blauen Flecken auf seinem Arm schwellen an. Stella sieht keine Vene. Ihr zittern die Arme, sie hält die Spritze beidhändig wie eine Waffe, sie versucht, sie ruhig zu halten, aber kein Chance.

Verdammte Scheiße: die Zähne, die Hände, der Fuß. Wollt ihr mal still halten!

Sie fängt an, ihm mit der Spritze in die Haut zu pieksen.

»Nein! Nicht da, stopp«, schreit er.

Sie zuckt zusammen. Versucht vergeblich, die Nadel in den Arm einzuführen. Bis er sagt: »Ja, los! Da! Stich dort rein!«

Stella schließt die Augen und spießt Sabinos Arm auf. Er schiebt sie weg und drückt sich den ganzen Stoff rein.

Dann fällt er aufs Bett, die Spritze noch immer im Arm.

Sie bleibt sitzen. Kerzengerade. Starrt Löcher in die Luft.

Der Fixer stöhnt auf der Matratze, als hätte er einen Orgasmus. Er zieht die Spritze heraus, aber die Nadel bleibt im Arm stecken. Stella greift sich an die Kehle, um sich zu vergewissern, dass ihr nicht gerade das Herz herausspringt.

»Hilfst du mir?«, lallt er.

Alter, verdammt noch mal, wenn du nicht in der Lage bist, dir einen Schuss zu setzen, dann lass es bleiben. Was willst du noch von mir?

Sabino hält seinen bläulich verfärbten Arm ganz nah vor ihr Gesicht und schwenkt ihn mitsamt der Nadel vor ihr hin und her. Sie hat das drängende Bedürfnis zu kotzen. Ihr Fuß hämmert jetzt den Rhythmus des Teufels auf den versifften Fußboden. Die Zunge ist an den Gaumen gekleistert. Ihre Augen schnellen von den an der Wand hängenden Ketten zur Nadel im Arm des Fixers. Sie kriegt keine Luft. Sie nimmt sich zusammen, erwischt die Nadel mit den Fingernägeln, zieht sie heraus. Sabinos Blut spritzt aufs Bett und auf Stellas Lippen. Eine Welle Rostwasser, zäh und warm. Sie versucht, es mit dem Pulloverärmel zu entfernen, doch der warme Eisengeschmack bleibt im Mund.

Das Mädchen rennt zur Toilette und kotzt. Als sie ihren Kopf hebt, bemerkt sie den Jauchegestank und die schwarzbraune Kruste im Waschbecken und in der Wanne.

Stella kommt ins Schlafzimmer zurück. Sabino liegt lächelnd auf dem Bett und fragt sie, ob sie nicht ein bisschen mit ihm chillen möchte.

»Lass uns einen Film anschauen, hast du Lust?«, lallt er.

Klar, wie wäre es mit: Die Nacht der lebenden Toten.

»Sorry, muss los!«

Sie schnappt sich das Tütchen Koks, schmeißt das Geld auf den Tisch und ist weg.

Unterwegs spürt sie immer wieder, wie ihr Handy vibriert, aber sie geht nicht ran. Sie will mit niemandem sprechen. Schnell lässt sie die Stadtviertel Madonnella und Poggiofranco hinter sich. Während der ganzen Strecke reibt sie sich die Lippen mit dem Ärmel: Das Blut ist nicht mehr da, doch der widerliche Metallgeschmack geht nicht weg.

Zu Hause liegt ihre Mutter auf dem Sofa, ist vor dem Fernseher eingeschlafen, ihr Vater ist nicht da.

Na toll: Sie haben bestimmt gestritten.

Plötzlich wacht Monica auf. Stella geht ins Badezimmer. Ihre Mutter folgt ihr.

»Mama, heute ertrage ich dich nicht«, sagt sie.

Monica kommt ihr langsam näher. Stella riecht das verfluchte Nachthemd ihrer Mutter, es riecht alt, nach alter Ehefrau und Mutter, die sie nie werden will. Sie sieht die Falten auf dem Gesicht ihrer Mutter und die Augen, geschwollen vor Müdigkeit.

»Dein Vater ist losgegangen, um dich zu suchen, weißt du das?«, sagt Monica mit einer Grabesstimme.

»Könnt ihr bitte aufhören, euch zu benehmen, als ob ich hirnamputiert wäre?«, sagt Stella und versucht, die Ausdünstung des Koks abzuschätzen.

»Stella, was ist mit dir los?«, fragt ihre Mutter und macht einen Schritt zurück, um sie in Gänze zu betrachten.

Stella schweigt.

Lass dich nicht erwischen, du Idiot.

Ihre Mutter betrachtet sie forschend.

»Mit dir stimmt etwas nicht, Stella, wir sind doch nicht blind.«

Was willst du denn?

»Mama, raus!«, schreit sie.

»Du sagst nicht einfach ›raus‹ zu mir«, brüllt ihre Mutter.

Stella stößt sie aus dem Türrahmen des Badezimmers.

»Hat man so was schon gesehen. Was für eine verzogene Göre!« Monica hat schon aufgegeben, ihre Stimme entfernt sich.

Stella zieht sich aus, legt die Jeans und den Pullover in eine kleine Wanne und kippt die Flasche Desinfektionsmittel drüber. Sie stürzt in die Dusche. Bleibt drei Stunden lang. Wasser reinigt, sagt sie sich, Wasser beseitigt auch den Dreck im Innern.

DER KURIER

»Das ›Vom-Andern-gesehen-werden‹ ist die Wahrheit des ›Den-Andern-Sehens‹«, sagt der Professor.

»Eh, verstehst du den?«, fragt das Mädchen mit dem pinkfarbenen Pony, das neben Stella sitzt.

»Ehrlich gesagt, nein«, antwortet sie und greift sich an den BH, wo das Tütchen Koks versteckt ist.

»Wie soll man sich bloß auf diese Prüfung vorbereiten?«

»Tina, ich hab’ keine Ahnung, ich glaub, ich gehe nachher mal in seine Sprechstunde.«

Der Professor hüstelt, hört auf zu reden, hebt den Blick und sucht die Plätze, wo das Getuschel herkommt. Alle drehen sich um. Stellas Banknachbarin tuschelt noch weiter. »Später«, bedeutet Stella mit den Lippen.

Es sind noch vierzig Minuten bis zum Ende der Vorlesung. Der Professor knallt das Buch so laut aufs Pult, dass es im ganzen Hörsaal widerhallt. Dann wirft er zum Ausdruck seines Ärgers die Arme in die Luft, starrt ins Leere und verlässt schließlich den Hörsaal.

Jemand sagt: »Schau sich einer das an! Und wir sind extra für seine Vorlesung hergekommen.«

»Und ich komme von außerhalb. So was kann er doch nicht bringen!«, wirft ein anderer Typ ein.

Philosophie ist ein bisschen wie das Leben: Wenn du deinen Arsch nicht hochkriegst, wirst du einen Dreck verstehen.

Stella entzieht sich Tinas Geplapper, indem sie aufsteht und den Saal verlässt. Sie folgt dem Professor, er geht auf seinen Stock gestützt, versucht trotzdem sich zu beeilen. Stella sieht, wie er stolpert – erst jetzt bemerkt sie, dass er hinkt.

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