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Treasures - Das Jahr, in dem wir 15 waren

Kathleen Strobach

Treasures - Das Jahr, in dem wir 15 waren





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorwort

Vorwort

Dieses Buch enthält viele Erinnerungen, die ich fest im Herzen trage und die mich noch heute Schmunzeln lassen.

Es ist einem besonderem Menschen gewidmet, dessen Hand ich mir so manches Mal gewünscht hätte, wenn ich lernen musste, ganz allein wieder aufzustehen.

Es ist für einen Menschen, der mein Leben bereichert hat und dem ich alles Glück der Welt wünsche, auch wenn wir unseren Weg nicht mehr gemeinsam gehen!

Vieles geht, aber die Erinnerung bleibt

und dafür danke ich dir!

 

1. Kapitel

1

 

Der erste wirkliche Ferientag begann für die beiden fünfzehnjährigen Mädchen um drei Uhr morgens. Der Mond stand noch hoch am Himmel und beleuchtete nur schwach die Bäume vor dem Fenster. Die schmalen und knochigen Äste warfen Schatten auf die Erde. Wippend und pfeifend bewegten sie sich. Es klang ein bisschen nach Ironie. Die Mädchen grinsten.

„Mensch, sei doch vorsichtig!“, herrschte Kathi Steffi nun an. „Bin ich doch.“ Behutsam zog Steffi die Gardine ein Stück weiter zur Seite. „Das Fenster quietscht!“ Steffi drehte ihrer besten Freundin den Kopf zu und grinste. „Ich komm mir vor, als fahre ich Achterbahn!“ - „Ich mir auch! Obwohl ich noch nie Achterbahn gefahren bin!“ - „Ich kann nicht glauben, dass wir das machen!“ - „Das ist einfach Wahnsinn!“ - „Lass mich mal ran!“ Vorsichtig hob Kathi den Fensterrahmen etwas an, während sie die Scheibe vorsichtig zu sich heranzog. „Sei leise! Wenn sie jetzt aufwachen!“ - „Ich hab was gehört!“  - „War da was?!“ - „Mach das Fenster wieder zu! Ich glaub meine Mutter ist im Flur!“ - „Ach da war nichts! Oder?“ Die Beiden hielten den Atem an. „Mensch, die schlafen noch! Deine Mutter muss erst um sechs los zur Frühschicht!“ - „Und wenn nicht? Das gibt Ärger bis zum geht nicht mehr!“ - „Den gibt es sowieso! Aber das nehme ich auf mich!“ - „Ich auch!“, grinste Kathi nun etwas gelassener. Sie gab dem Fenster einen letzten Ruck. Nun war es vollständig geöffnet. „Ich glaube, es wäre doch einfacher gewesen, ganz normal die Haustür zu nehmen!“ - „Ja, aber das wäre zu laut gewesen!“, erinnerte Kathi sie. „Hier deiner!“ - „Danke!“, sagte Kathi und schnappte sich ihren Rucksack, den Steffi ihr entgegenhielt.

Zaghaft stieg Kathi mit dem einen Bein auf die Lehne der Couch und mit dem anderen auf das Fensterbrett. „Na los, beeil dich, deine Eltern können jeden Moment aufwachen!“ Schwupps, machte sie einen Satz hinunter und landete nach zwei Metern Fall auf dem feuchten Rasen. „Hier fang!“, warf Steffi ihr den Rucksack hinunter. Angestrengt zog sie sich an dem Fensterrahmen hinauf und machte auch einen Satz hinunter auf die nasse Erde. Der Nebel hüllte die Freundinnen ein und der leichte Wind übertönte das wilde Pochen ihrer Herzen. „Ich kann nicht glauben, dass wir das tun!“ - „Wow, wow, wow! Treasures wir kommen!“ - „Kannst du dich noch daran erinnern, als wir den ersten Treasures-Song hörten? Lady? Da kannte sie noch keiner!“ - „Und jetzt kennt sie die halbe Welt!“ - „Ich kann´s kaum abwarten!“ - „Eh, wie lange haben wir auf diesen Tag gewartet?!“ - „Jahre?! Einfach abhauen und los!“ - „Ich wünsch mir, dass wir die Treasures treffen!“ Eifrig schritten sie auf leisen Sohlen, wie zwei hüpfende Störche davon. „Lady, would you dance with me?!“ - „Lady, come and rescue me!“

Die Beiden sangen und liefen nun ein Stück. Schnell warf Steffi noch einen Blick zurück. Gott sei Dank, hinter ihnen war nichts weiter als die harmlose Mondlandschaft. „Siehst du, und es ist keiner aufgewacht!“ - „Oh meine Eltern reißen mir so den Kopf ab, wenn sie wissen, was ich hier mach!“ - „Na und meine erst!“ - „Ach Mauz! Das wird ein riesiges Abenteuer!“, sagte Steffi und schlug ihrer Freundin im Laufen auf die Schulter. „Bald treffen wir Sam, Glenn, Roger und Co!“ - „Ja, ganz bestimmt!“  - „Lady, come rescue me!“, sang Kathi wieder und deutete mit ihrer Hand eine tanzende Silhouette in ihrem Armen an. „Hast du auch den Zettel nicht vergessen?“ - „Nein, ich hab ihn in den Flur gestellt, damit meine Mutter ihn gleich findet, wenn sie morgen aufsteht. Heute, besser gesagt!“ - „Sie wird bestimmt ausrasten!“ - „Das glaub ich auch. Irgendwie hab ich ja schon ein schlechtes Gewissen!“ - „He, nicht drüber nachdenken! Das ist jetzt unser Traum! Wie lange haben wir uns vorgestellt, wie wir hier rumlaufen und uns auf die Suche nach den Treasures machen?!“ - „Okay, ich denk nicht mehr nach. Ich träume nur!“

Kathi krempelte den Rollkragen ihres Pullovers hoch und kroch mit dem Kinn unter den wärmenden Stoff. „Ganz schön kalt heute!“ - „Ja, aber dir wird schnell warm werden, wenn wir erstmal in Halsken sind!“

Halsken, die Stadt, in der die Treasures, die fünf smarten Boys, ihr erstes Konzert ihrer Tour geben  werden. Die Treasures: Ben, Chris, Sam, Glenn und Roger, fünf Jungs in den Zwanzigern, die sämtliche Mädchenherzen zum Flattern brachten. Vor allem Chris, der Dunkelhaarige, hatte es Kathi mit seinen tiefbraunen Augen und den kleinen Löckchen angetan. Steffi hingegen schwärmte mehr für Roger, dessen Lachen unvergleichbar war. „Donald Duck!“, sagte Kathi immer. „Nicht die Stimme eines Engels!“

Halsken war die erste Stadt auf dem Tourplan der Boys. Sie war die erste Stadt, die den Mädchen die Chance bot, die Treasures zu treffen. Sie würden den Jungs auf Schritt und Tritt folgen und ihnen überallhin nachreisen. Halsken sollte nur der Anfang sein. 

„Beeil dich!“, forderte Steffi Kathi auf. Sie eilten in Richtung der gelben Telefonzelle, die die letzte ihrer Art war. In jedem anderen Dorf hatte man diese alten Telefonzellen durch neumodische halboffene Zellchen ersetzt. Geld hatten beide Mädchen momentan nicht auf ihrem Handy, deshalb mussten auch sie jetzt auf ein öffentliches Telefon zurückgreifen.

Eifrig zog Kathi die schwere Glastür zu sich heran und betrat den kleinen, engen Raum. „Ihh, hier soll ich telefonieren!“, schrie sie angewidert und deutete auf ein paar ausgelutschte Zigarettenkippen und ein paar klebrige Kaugummis auf den halb zerfledderten Telefonbüchern, die nur noch an einem Ende an der Metallhalterung hingen. „Augen zu und durch!“ - „Aber das mach ich nur für die Treasures!“  Steffi grinste, warf jedoch noch einen Blick die Straße hinunter zum Haus ihrer Freundin. Alles blieb dunkel. ‚Zum Glück!’, dachte sie. Kathi wählte nun die Nummer von Roy. Das Abenteuer konnte beginnen…

2. Kapitel

2

 

Roy war der Schlüssel, der das Tor zu ihrem aufregenden Erlebnis öffnen würde. Mit zittrigen Händen lauschte Kathi dem Klingeln in der Telefonleitung. Aufgeregt hauchte sie gegen die Scheibe, als Steffi angewidert zurücksprang und grinste. „Hallo, Roy hier.“, erklang eine Stimme am anderen Ende der Leitung. „Hi Roy, hier ist Kathi. Wir sind jetzt draußen. Du  kannst kommen.“ - „Nun mal langsam, wohin kann ich kommen?“, murrte der Freund und gähnte müde in den Hörer.  „Na es war doch alles abgesprochen! Du wolltest uns doch abholen und zum Bahnhof bringen!?“ - „Ich bin müde und habe keine Lust auf eure Spielchen. Gute Nacht.“ Klack.  Kathi hörte ein lautes Knallen und dann nur noch Stille. „Hallo?“ Vergeblich fragte sie nach ihrem Freund. Roy hatte bereits aufgelegt. „Das kann doch nicht sein!“ Kathi öffnete wutentbrannt die Tür. „Was ist los? Beeil dich!“, sagte Steffi etwas verdutzt und drängend. „Wir müssen uns beeilen! Außerdem ist mir kalt.“ - „Roy hat aufgelegt. Ich fass das nicht!“, sagte Kathi entgeistert. „Wie? Er hat aufgelegt?“ - „Einfach aufgelegt!“ - „Das kann nicht sein! Warte, ich ruf ihn noch mal an.“  Steffi riss eifrig den Hörer an sich, steckte eine Münze in den schmalen Schlitz und wählte Roy´s Nummer. „Und, geht er ran?“ - „Nun warte doch mal! Es klingelt doch noch gar nicht!“, versuchte Steffi ihre Freundin zu beruhigen. Doch auch ihre Miene änderte sich rasch. „Er nimmt nicht mehr ab!“ - „Toll! Was machen wir denn jetzt?“ - „Ich weiß es nicht!“ - „Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als schnell zu Fuß zu laufen!“ - „Meinst du, das schaffen wir rechtzeitig!?“ - „Na klar, wir haben doch genug Zeit eingeplant!“ - „Dann lass uns schnell los!“ -„Roy kann uns mal!“ - „Genau!“

Steffi wollte die Tür hinter sich zu knallen, doch leider war sie zu schwerfällig und blieb halb offen stehen. Sie zog die Gurte ihres Rucksackes enger und legte Kathi eine Hand auf die Schulter. „Auf geht’s! Davon lassen wir uns doch nicht unterkriegen!“ - „Hast Recht! Lass uns los!“ - „Mist! Guck mal da drüben!“ - „Was? Wo?“ - „Da drüben ist gerade Licht angegangen!“ -„Wo? Bei mir Zuhaus?“ Kathi drehte sich ruckartig um und prüfte die heimischen Fenster - alles dunkel. „Nein, da drüben! Schräg hinter dir! Da guckt Frau Samber raus!“ Kathi blickte unauffällig in die besagte Richtung. „Oh nein, nicht die! Die tratscht das im ganzen Dorf umher!“ - „Wir müssen uns so unauffällig wie möglich verhalten! Die fragt sich doch garantiert, was wir hier mitten in der Nacht  machen!“ - „Lass uns wieder zurück gehen und den Schleichweg hinterm Spielplatz entlanggehen. Dann denkt sie, wir gehen wieder nach Hause und sieht uns nicht, wenn wir nachher auf die Straße kommen.“ - „Aber dann sehen uns doch bestimmt deine Eltern!“ - „Das Risiko müssen wir eingehen. Was sollen wir machen,  wenn die jetzt herkommt und uns fragt, was wir hier machen.“ - „Telefonieren!“, grinste Steffi. „ Du bist witzig. Lass uns ganz langsam und normal wieder zurückgehen.“ - „Okay. Aber sie fragt sich bestimmt, warum wir Rucksäcke auf dem Rücken haben.“ - „Kann doch sein, dass wir gerade von der Disco gekommen sind!“ Langsam traten sie den Rückweg an. „Man, das ist aber auch kalt heute. Wenn wir noch weiter so langsam schleichen, schaffen wir den Zug nicht. Und dann weiß ich auch nicht weiter!“ - „Das schaffen wir schon!“ Sie erreichten das Ende der Straße und bogen vor Kathis Elternhaus nach Links ins Dunkel ein. „Hier sieht sie uns nicht mehr. Jetzt lass uns laufen!“ - „Okay!“

Kathi griff nach Steffis Hand und folgte ihr durch das Halbdunkel. Sie liefen quer über den unebenen Rasen gleich hinter der alten Baracke hinter dem Spielplatz entlang. „Warte nicht so schnell, ich flieg noch hin!“ - „Wir müssen uns beeilen!“, pustete Steffi. Sie bogen nun noch mal links ein und hasteten den schmalen Schleichweg entlang! „Wow, was machen wir hier nur!“ - „Wenn das die Treasures sehen könnten!“ - „Die würden sich krank lachen über zwei so blöde Mädchen!“ - „Ja und danach heiraten Chris und Roger uns!“ - „Du spinnst doch!“, schnaubte Kathi. Sie erreichten die Straße und stoppten abrupt. „Was ist?“ - „Lass uns erstmal um die Ecke luschern und gucken, ob sie noch da ist!“ - „Hier sieht sie uns doch nicht mehr. Es ist doch viel zu dunkel hier!“ - „Dann lass uns schnell weiter.“ - „Ich brauch erst ne Pause!“, stöhnte Kathi. „Bist du jetzt schon ko? Es ist noch ein weiter Weg bis zu den Treasures!“ - „Ich weiß. Na gut, lass uns weiter!“

In schnellem Schritttempo, doch wesentlich langsamer, folgten sie nun dem Straßenverlauf, hielten sich direkt neben dem Asphalt auf und möglichst weit weg von den Häusern links und rechts von der Fahrbahn.  „Was ist wenn uns jetzt einer sieht - wie wir hier langgehen?!“ - „Uns sieht schon keiner. Die schlafen alle noch.“ Kathi sah sich ängstlich und prüfend um. „Da drüben hinter der Kirche ist Licht an!“ - „Die sehen uns nicht. Oder kannst du hinter deren Gardinen gucken?“ - „Nee.“ - „Na also.“ Und eins und zwei und drei… Nach wenigen Minuten erreichten sie das Dorfschild liefen schnell ein Stück weiter und blickten zurück. Schnell klatschten sie sich gegenseitig in die Hände: „Die erste Hürde ist geschafft!!“ - „Ja, und weiter geht’s!“ - „Treasures wir kommen!“ - „Lady…“ - „come rescue me!“

Fröhlich und sich nun sicher fühlend sprangen sie nun regelrecht auf der leeren Landstraße umher. „Hat doch auch was Gutes, dass Roy so ein Arsch ist. Wir genießen ungestört den schönen Nachthimmel, die Sterne... Es riecht noch regelrecht nach Schlafen!“ - „Ja, aber wir müssen unseren Zug schaffen, denk dran! Wir haben uns ganz schön in Roy getäuscht. Erst groß reden und lieb gucken und dann kommt nix!“ - „Der ist für uns jetzt Vergangenheit! Jetzt gibt’s nur noch die Treasures!“ - „La, la, la, la, la!“ Sie liefen wieder ein Stück und fanden sich immer besser im Halbdunkel zurrecht. Ab und zu ging ein Blick zurück auf das Dorf, das noch immer im Dunkel schlief. „Oh man, hoffentlich geht das alles gut!“ - „Na klar! Das ist unser großer Traum!“ - „Mist!“ - „Verdammt!“ - „Da kommt ein Auto!“ - „Und nun?“ - „Der achtet bestimmt nicht auf uns!“ - „Und wenn doch? Der bringt uns bestimmt gleich wieder nach Hause, zwei jugendliche Ausreißer!“ - „Schnell!“ Steffi stieß Kathi in den Straßengraben noch ehe sie ein weiteres Wort herausbrachte. Und plumps, landeten sie beide auf der feuchten, schlammigen Erde des Feldes. Und rusch, zischte das Auto an ihnen vorbei. „Du spinnst!“ - „Nein, ich hab uns gerettet!“ Beide fingen an zu lachen. „Ihh!“ Kathi rappelte sich hoch und stütze sich mit den Händen in dem kalten Schlamm ab. „Pfui! Wie sehen wir denn jetzt aus!“ - „Wie absolut echte Treasures-Fans!“, lachte Steffi und zog sich an ihrer Freundin mit hoch. „Hat der uns auch nicht gesehen?“ - „Nach der Aktion?“ - „Wohl kaum!“

Sie standen voreinander und wischten sich den Matsch so gut von der Kleidung wie es eben nur ging. Kathi stampfte mit dem Fuß auf den Boden und schien verzweifelt: „Man, es geht aber auch alles schief!“ Steffi sah sie von unten bis oben an und lachte erneut. „Man, das ist nicht lustig!“, wehrte Kathi sich und fiel nun auch in einen Lachkrampf. „Wir sind doch bescheuert!“ - „Wie spät ist es? Können wir so überhaupt in den Zug steigen?“ - „Wir haben noch Zeit. Die im Zug denken bestimmt wir sind heimatlose Landstreicher!“ - „Oder kurz gesagt Assis!“ Im Dauerlauf eilten sie nun der Stadt entgegen. Gelegentlich blickte Kathi zur Seite und warf einen flüchtigen Blick auf Steffi. Wer hätte jemals gedacht, dass sie mal so gute Freunde werden würden. In ihrer Klasse sicher niemand. Sie selbst galt als ruhig und unnahbar und Steffi wohl auch mehr als Außenseiter. Aber sie hatten sich gefunden. Waren sie äußerlich auch verschieden, Steffi mit ihren hellen Haaren und den braunen Augen und Kathi mit ihren dunklen Haaren und den blauen Augen, so waren sie innerlich doch gleich. Sie lachten über die gleichen Witze und verliebten sich oft in den gleichen Jungen, den sie Geheimkürzel wie TK oder SI gaben. Tausend gemeinsame Erinnerungen brachten ihre Augen immer wieder zum Funkeln.  „Ach Mauz, ich hab dich lieb!“ - „Ich dich auch Mauz, aber heiraten will ich Roger, okay!?“, grinste Steffi.

Nach weiteren schnellen Schritten erreichten sie nun den Bahnhof der nahen Stadt, während der Tag langsam auch an Helligkeit gewann. Die nächste Hürde wollte bewältigt werden.

3. Kapitel

3

 

Verdutzt blickten die beiden Mädchen auf die große Bahnhofsuhr, dessen Zeiger hörbar von Ziffer zu Ziffer sprang. „Was, es ist erst halb fünf? Haben wir nur eine halbe Stunde gebraucht bis hierher?“ - „Hmm, sieht ganz so aus!“, antwortete Steffi und prüfte die Zeit auf ihrer Armbanduhr. Die Bahnhofshalle war noch geschlossen und die beiden Gleise lagen verlassen und stumm vor ihnen. Die alte Zuckerfabrik die bereits vor Jahren geschlossen hatte, ragte vor ihnen gen Himmel empor.

Plötzlich begann Steffi zu lachen. „Was denn?“, fragte Kathi überrascht. „Guck dich mal an!“, deutete Steffi auf ihre Sachen. Jetzt wo es schon heller war, sahen die beiden Mädchen aus, als hätten sie in einer Pfütze geplanscht. Kathi lachte und versuchte, den inzwischen etwas angetrockneten Schlamm abzuschütteln. „Du siehst aber auch nicht besser aus. Wollen wir uns da drüben hinsetzen?“ Sie zeigte auf die Bank, die direkt vor dem Bahnhofsgebäude stand. „Ja, noch können wir unsere Karten ja nicht kaufen. Der Schalter ist ja erst ab Fünf geöffnet.“ - „Hier sucht uns bestimmt auch niemand. Ob meine Eltern schon wach sind?“ - „Ach, glaub ich nicht. Um diese Zeit?“ - „Die Treasures sind jetzt bestimmt schon unterwegs und proben oder so.“ - „Und Roger träumt bestimmt gerade von mir.“ - „Ja klar, und Chris von mir.“ Kathi sprang auf: „Tam dam da dam, tam  dam da dam...Wollen sie die hier anwesende Stefanie Holster heiraten, Herr Roger von und zu?“ - „Ha, ha, du spinnst!“ - „Warum?! Das trifft bestimmt bald ein!“ - „Schön wär’s!“, schwärmte Steffi und öffnete ihren Rucksack. „Hier Frau Dreckspatz, wie wär’s mit Frühstück?“ - „Oh ja gerne, Frau ebenso Dreckspatz!“ Steffi reichte Kathi die vorbereiteten Brötchen. „Aber ich glaub, wenn ich das jetzt aufesse, kommt’s eh gleich wieder raus, so aufgeregt wie ich gerade bin.“ - „Geht mir genauso.“

Langsam knabberten sie an den Brötchen herum und beobachteten die Zeiger der Uhr. Gleichzeitig zog Steffi nun ihren Halsken-Stadtplan aus der Tasche. Nachdem sie ihn die letzten Wochen ausgiebig studiert hatte, konnte sie nun behaupten, sich sicher zurechtfinden zu können. „Oh mein Gott!“, sagte nun jedoch Kathi. „Da sollen wir uns zurechtfinden?“ - „Na klar, das Organisatorische überlass mal mir. Ich bin bestens informiert.“ - „Das hoff ich auch Mauz!“ Verängstigt sah Kathi auf das Wirrwarr von Linien. „Was ist wenn wir uns da verlaufen und Hilfe brauchen? Unsere Eltern können wir ja schlecht anrufen.“ - „Mauz, vertrau mir. Ich bin gut vorbereitet.“ - „Vielleicht sollten wir das doch sein lassen.“ - „Jetzt hör auf damit. Das ist unser Traum! Alles Gute fängt mal blöd an.“ Kathi seufzte. „Ich glaub, ich trau mich nie mehr nach Hause.“ - „Mauz, denk jetzt nicht daran. Wir brauchen volle Konzentration für Chris und Roger. Wenn wir schon aussehen wie Schlamm höchstpersönlich, müssen wir wenigstens selbstbewusst tun.“ Kathi lachte wieder. „Ach Mauz!“

Die Zeit verging nun schnell, während sie von den Treasures schwärmten, diese atemberaubende Band, die mit ersten Schritten begann, einen weiteren Meilenstein in der Musikgeschichte zu setzen. Bald würden sie den fünf Boys so nahe sein, koste es alles, was sie geben konnten.

Die dunklen Wolken am Himmel hatten sich vollständig aufgelöst, doch der Bahnhof war noch immer vollkommen leer. Eines jedoch hatte sich verändert, es leuchtete nun Licht in der kleinen Bahnhofshalle. Steffi stieß Kathi an. „Guck mal, ich glaub wir können.“ - „Ich trau mich nicht.“ - „Los Mauz, jetzt können wir keinen Rückzieher mehr machen.“ - „Na los! Dann komm! Hauptsache, die Verkäuferin kennt uns nicht und erzählt jemanden, dass wir hier waren.“ Wenige Minuten später hielten die Mädchen ihre Fahrkarten nach Halsken in den Händen. „Jetzt ist es offiziell. Jetzt gibt es gar kein Zurück mehr.“, flüsterte Steffi. „Ja, auf geht’s! Hoffentlich klappt mit dem Hotel auch alles!“ - „Na klar, ich hab mir die Reservierung schriftlich bestätigen lassen und das Geld hab ich hinten im Rucksack.“ - „Hoffentlich findet uns da auch keiner!“ - „Ach Mensch, nun mach dir nicht so viele Sorgen.“

Besorgt blickte Kathi noch einmal hoch zur Uhr. „Oh man, er kommt gleich.“ - „Ja, dann geht’s los!“ Und mit einem akustischen Signal senkten sich auf schon die Schranken. Steffi griff nach Kathis Hand. „Jetzt geht’s los Mauz. Treasures wir kommen!“ - „Ich hab Angst Mauz!“ - „Nicht nachdenken!“ Und mit einem lauten Knattern näherte sich nun der Zug bis er direkt vor ihnen zum Stehen kam.

Mit zittrigen Beinen betraten sie die Bahn und nahmen auf den Plätzen gleich schräg gegenüber der Tür platz. Steffi nahm ihren Rucksack vom Rücken und legte ihn auf ihre Knie. Kathi sah sich um. Sie waren bisher die einzigen Fahrgäste. „Tja, die schlafen alle noch.“, seufzte Steffi. Kathi lehnte sich zurück und starrte hinaus. Ihr Gesicht spiegelte sich in der Scheibe. Steffi beobachte den Gesichtsausdruck und schwieg. Mit Getöse schlossen sich nun die Türen und das Fahrwerk setzte sich in Bewegung. Kathi blickte zurück und prüfte den Bahnsteig. Ihnen war niemand gefolgt. Erleichtert atmete sie auf. Jetzt fühlte sie sich sicher.

„So, jetzt planen wir noch mal.“ - „Nein, nicht jetzt Mauz. Mir ist schon ganz übel.“ - „Na gut. Aber auf jeden Fall müssen wir uns in Halsken aufteilen. Wenn wir getrennt suchen, ist die Chance größer, die Treasures zu finden.“ - „Mir ist schlecht.“ - „Ich glaube, wir brauchen ganz viel Mut. Aber für die Treasures schaffen wir das!“ - „Ja…!“, antwortete Kathi beiläufig und starrte weiter aus dem Fenster.

Und mit dem Start in eine lange, ruhige Fahrt war die nächste Hürde genommen.

4. Kapitel

4

„Steffi bist du da?“ Gedankenverloren träumte Steffi vor sich hin und sah aus, als würde sie schlafen. „Hallo?“ Kathi winkte mit der Hand vor ihrem Kopf hin und her. Ruckartig nahm Steffi die Kopfhörer ihres Discman ab. “Was ist denn?” - „Wir müssten bald da sein. Es ist kurz vor Neun.“ - „Das heißt, es haben jetzt garantiert schon alle unser Verschwinden bemerkt und garantiert auch unseren Brief gefunden!“ - „Bekommst du jetzt etwa auch ein schlechtes Gewissen?! Wir sind gleich da, in Halsken! Ich kann die Treasures schon riechen!“ - „Ach, quatsch!“, grinste Steffi, während Kathi unruhig auf ihrem Sitz umherrutschte. „Was war denn die letzte Haltestelle?“ - „Trinsko oder so.“ Steffi kramte in ihrer Jackentasche herum und zog einen kleinen Faltplan heraus. „Toll, das steht hier natürlich nicht drauf.“ - „Heißt das, wir sind schon zu weit gefahren?“ - „Nein, oder hast du irgendwo ein Schild gesehen, auf dem Halsken stand?“ - „Nicht das ich wüsste, aber möglich ist alles. Nach unserem tollen Start heute weiß man nie.“ - „Das war bestimmt nur so ein Bahnhof mit zwei, drei Gleisen, oder? Der steht hier bestimmt gar nicht drauf. Der ist bestimmt zu klein.“

In diesem Augenblick ertönte ein akustisches Signal. „Sehr geehrte Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Halsken. Hier erhalten sie Anschluss an die Regionalzüge nach Lorekak, Dreese und Klifeu. Genaueres entnehmen sie bitte den Fahrplantafeln auf ihrem Bahnsteig. Wir danken für ihre Mitfahrt und wünschen ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

„Oh Mauz, mir ist schlecht!“, sagte Kathi nun. „Mir auch!“ Gespannt blickten die beiden Mädchen aus dem Fenster. In der Ferne erschien es ihnen, als zeichneten sich erste Hochhäuser am Horizont ab. Der Zug schien nun zu rasen, obwohl er stets die gleiche Geschwindigkeit beibehielt. Links und rechts neben ihnen lag noch ein kahles, graues Feld. „Hoffentlich klappt alles!“ - „Na klar, was soll denn nicht klappen!?“ Steffi packte ihren Discman zurück in den Rucksack und schloss ihn. Auch Kathi schnürte ihren fest zu. „Ich hab das Gefühl mein Magen dreht sich um.“ - „Dazu sag ich nur: Dreh dich um, zeig mir dein Gesicht, dein Lächeln, deine Tränen will ich nicht!“, sang Steffi und legte Kathi provozierend den Arm auf die Schultern. Kathi stimmte ein in den Treasuressong: „Ich küss dir deine Tränen weg, halt mich nur fest, nur dieses Mal, wenn du mich lässt.“  - „Treasures wir kommen!“

Und schon näherte sich der Zug im Eiltempo der Stadt. „Auf geht’s!“ Kathi öffnete noch einmal den Reißverschluss ihrer Jackentasche und blickte auf ihr Handy. „Eine Kurzmitteilung!“, schreckte sie auf. „Von wem?“, fragte Steffi erstarrt. „Ich will das gar nicht wissen. Ich les die am besten erst wenn wir alles gut gefunden haben und sicher im Hotel sind.“ - „Wozu, ob du sie jetzt liest oder später!“ - „Ja, aber wenn’s vielleicht ne Nachricht von meinen Eltern ist, steig ich vielleicht gar nicht erst aus!“ - „Ich werd dir helfen!“ Kathi schob das Handy mit der ungelesenen Nachricht zurück in die Tasche. „Auf geht’s!“ Mit einem leichten Ruckeln fuhr der Zug in die Stadt. „Wow, nicht schlecht!“, sagte Steffi und deutete auf die Wolkenkratzer die sich langsam zunehmend links und rechts von den Schienen auftürmten. „Na siehst du schon unser Hotel!“, scherzte Kathi. „Sicher, das steht bestimmt gleich direkt vor uns.“ - „Guck mal da hinten!“ - „Was denn?“ - „Ein Heißluftballon!“ - „Ach, den hab ich bei uns auch schon gesehen.“ Kathi verzog die Mundwinkel. Sie konnte hören, wie im Abteil hinten ihnen, Leute in Getuschel verfielen. Sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass sie sich mit ihrem Gepäck erhoben, um gleich den Zug zu verlassen.

Steffi stand nun auf und griff nach ihrem Rucksack. Kathi folgte ihr langsam in Richtung der Tür und beobachtete, wie Steffi ihr Gesicht gegen die Scheibe presste und ihre Nasenspitze in Fahrtrichtung deutete. „Ich kann den Bahnhof sehen Mauz!“ - „Schön!“, entgegnete Kathi mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Auch sie drängte sich nun gegen die Scheibe und konnte direkt hinter ihr Steffis leichtes Parfum riechen. Sie liebte diesen Duft. Es war der Duft ihrer Freundin. Mit dem kleinen lila Duftflakon machte man Steffi immer das richtige Geschenk, egal ob zu Weihnachten oder zum Geburtstag.

Momentan machte Kathi dieser Duft jedoch nur noch nervöser. Er ließ die Umgebung vertraut, aber auch sehr reell erscheinen und das konnte sie bei ihrer Aufregung im Moment nicht gebrauchen. „Oh, oh.“ - „Das kannst du laut sagen. Ich sehe jetzt bestimmt schon fünf Gleise!“, sagte Kathi besorgt. „Ach man, die kannst du gar nicht sehen. Außerdem ist der Bahnhof bestimmt gar nicht so groß.“ - „Ich hoffe, du hast Recht.“ - „Bald ist das Treasures-Konzert! Ich freu mich schon so!“ - „Daran denk ich noch gar nicht!“ - „Ach Mauz, sei doch nicht so ein Angsthase!“

Kathi hielt inne und auch Steffi verstummte. Der Zug fuhr nun langsamer in den Bahnhof ein und tatsächlich lagen links und rechts neben ihm weitere Schienen. „Oh man!“ Es war überwältigend. Zwischen Unmengen von Menschen standen weitere Züge und Kathi vermochte nicht zu sagen, wie viele Gleise dieser Bahnhof tatsächlich haben mochte. Sie versuchte beim Einfahren den Inhalt von Reklameschildern zu erfassen, doch die Buchstaben zogen zeitlupengleich an ihr vorbei. „Guck mal da oben! Douglas!“ - „Ja, und Mc Donalds!“, stellte Kathi beruhigend fest. „Tja, Einiges gibt’s überall!“ Der Zug hielt. Steffi drückte auf die Runde leuchtende Scheibe, um die Tür zu öffnen. „Treasures, nehmt euch in Acht, die Steffi kommt!“, frohlockte sie. Eifrig sprang sie die beiden Stufen hinunter. Auch Kathi folgte ihr auf den Bahnsteig. „So und nun?“, fragte Kathi orientierungslos, während sie gleichzeitig feststellte, dass dieser Bahnhof scheinbar auch Treffpunkt verschiedener Völker war. „Nun mal langsam Mauz, ich muss mich erstmal orientieren.“ Steffis Blick schweifte über den Bahnsteig. „Da in der Mitte ist ein Schild.“

Steffi sauste davon und Kathi folgte ihr eilig. „Warte doch mal!“ - „Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, kicherte Steffi. Während Kathi noch überlegte, ob ihr auch ja niemand das Portemonnaie aus dem Rucksack ziehen könnte, stoppte Steffi schon vor dem besagten Schild und überlegte. Ein grüner Pfeil zeigte nach rechts und hatte die Aufschrift Stadtmitte, ein blauer Pfeil hingegen zeigte nach links und deutete auf das Wort Zentrum. Steffi schaute ratlos auf den Wegweiser. „Mauz, bin ich blöd oder sind Stadtmitte und Zentrum das Gleiche?“ - „Tja, also ich würde sagen, dass ist annähernd dasselbe.“ - „Wie kann das sein?“ - „Das soll wohl heißen, egal wo wir die Treppe hochgehen, wir kommen immer ins Zentrum.“ - „Tja. Irgendwie ist heute nicht unser Tag.“ Steffi grübelte. Ich würde sagen, wir gehen nach rechts.“ - „Warum das?“ - „Weil da auch ein Taxischild abgebildet ist.“ - „Willst du etwa mit dem Taxi fahren?“ - „Warum nicht? Warum sollen wir es uns unnötig kompliziert machen.“ - „Aber was ist, wenn wir das Geld noch anderweitig brauchen?“ - „Mauz, wie lange haben wir jetzt unser Taschengeld gespart? Wir sind nicht mal mit auf Klassenfahrt gefahren, weil wir das Geld von unseren Eltern weggelegt haben und stattdessen krank gespielt haben.“ - „Ja, schon, aber was ist, wenn irgendwas Unvorhergesehenes passiert?“ - „Ach Mauz, du machst dir zu viele Sorgen. Das Hotelgeld hab ich extra gelegt, die Konzertkarten haben wir schon. Was zu Essen haben wir fürs Erste mit und wo brauchen wir denn noch groß Geld?“ - „Na ich weiß ja nicht. Bist du denn schon mal mit `nem Taxi gefahren? Also ich weiß, es hört sich blöd an, aber ich noch nicht.“ - „Taxi fahren ist ja wohl nicht so schwer.“, fauchte Steffi etwas gereizt. „Ich mein ja nur. Bist du leicht gestresst?“ - „Ich bin nur nervös. Ich muss uns ja irgendwie ans Ziel bringen.“ Sie gingen bis zum Ende des Gleises und erkämpften sich ihren Weg hindurch durch Menschenmassen nach oben. „Schöne Geschäfte sind hier.“, bemerkte Kathi. Sie warf einen Blick nach unten. „Ich könnt kotzen wenn ich das seh.“ - „Im Dunkeln sieht es bestimmt noch geiler aus, wenn hier alles leuchtet.“

Die beiden Mädchen bogen nun nach links in die Einkaufsstraße ein. Es war schon etwas Besonderes für die die Mädchen, sich hier in der Großstadt zu bewegen und nur Roy, dieser flüchtige Freund, wusste, wo sie sich aufhielten. Eines aber war sicher, die Treasures werden hier ihr erstes Konzert geben und sie, Kathi und Steffi, hatten Karten dafür. Und wenn sie nur richtig suchten, könnten sie die Boys möglicherweise sogar treffen. Die beiden Mädchen glaubten fest daran. „Dort drüben, da steht schon ein Taxi.“ - „Und nun?“ Steffi schnappte nach Kathis Hand und zog sie hinter sich her. In diesem Moment spürte Kathi das Vibrieren ihres Handys. War das ein Anruf? Nein, das Vibrieren war viel zu kurz, oder? Steffi schritt direkt auf das gelbe Taxi zu. Sie beugte sich hinunter und lugte durch das offene Fenster zum Fahrer hinein, noch immer mit Kathis Hand auf dem Rücken. „Guten Tag, können sie uns bitte zum Beville-Hotel fahren?“ Der etwas ältere Herr mit ansatzweise grauem Haar musterte die beiden Mädchen kurz irritiert. „Na klar, steigt ein! Geht’s es so mit eurem Gepäck oder soll ich’s in den Kofferraum legen?“ - „Nee, das geht schon so.“, wehrte Steffi ab. Mit freundlicher Miene langte er herüber zur Beifahrertür und öffnete sie mit einem Ruck. ‚Zwei Rucksäcke nennt er Gepäck?!’, dachte Kathi. „Können wir auch beide hinten sitzen?“ - „Na klar, nix dagegen!“

Die Freundinnen öffneten die hintere Tür und rutschten nacheinander auf die Rückbank. Erst jetzt bemerkten sie wieder ihre schmutzigen Sachen und schämten sich. Der Fahrer, der an einen lieben Opi erinnerte, drehte den Schlüssel herum und löste die Handbremse. Die Fahrt begann. „Seid ihr zu Besuch hier?“ - „Mehr oder weniger.“ - „Was heißt  das? Woher kommt ihr?“, fragte der Fahrer neugierig. „Aus Lefod. Das ist ein kleines Dorf.“ Wie erwartet, hatte er von diesem Ort noch nie gehört. „Und was macht ihr so ganz allein hier?“ - „Wir gehen morgen zum Konzert der Treasures!“ Steffi übernahm die Gesprächsführung während Kathi aufgeregt mit dem Gurt ihres Rucksackes spielte und hin und wieder überrascht aus dem Fenster oder auf die dreispurige Straße schaute, nicht ohne ab und zu die Geschwindigkeit auf dem Tacho zu messen. „Ich habe auch eine Tochter. Sie hat von der Gruppe erzählt und war total fanat in sie. Aber die gibt es doch noch nicht so lange oder?“ - „Naja, eine Weile schon.“ - „Ach meine Tochter hat immer so ein Leuchten in den Augen gehabt, wenn sie von ihnen erzählt hat. Und einige Lieder von denen sind ja auch okay, wenigstens nicht in einer anderen Sprache.“ - „Ja, aber viele sind auch auf Englisch.“ - „Naja, Hauptsache, euch Mädels gefällt die Musik. Ihr würdet euch mit meiner Tochter bestimmt blendend verstehen.“ - „Wie alt ist sie denn?“ - „Sie ist siebzehn.“ - „Oh, doch schon etwas älter als wir.“ - „Manchmal kommt sie mir aber vor, als wäre sie erst sechs. Mein kleiner Sonnenschein.“ - „Ja, so sind wir auch manchmal.“, grinste Steffi. Sie bogen nun in eine lange Einkaufsstraße ein. Steffi hielt inne und starrte erstaunt aus dem Fenster und gaffte in die vorbeiziehenden Schaufenster. „Wow, hier müssen wir unbedingt mal hin.“ - „Das könnt ihr auch. Wir sind schon gleich da.“ - „Oh, so schnell?!“ - „Na, klar. Mit dem Taxi geht alles fix.“ - „Guck mal Mauz, ein 99Cent-Laden!“ - „Wo?“ - „Da drüben!“ Kathi drehte sich um und suchte die Straße ab.

„So meine Damen, wenn sie ihre Aufmerksamkeit bitte auf das Gebäude dort drüben rechts richten würden!“, imitierte der Fahrer einen Reiseleiter. Und wenige Meter entfernt sahen die Mädchen nun ein hohes Gebäude, das sich durch sein cremefarbenes Mauerwerk von den anderen unterschied. Vor dem Haus standen mehrere hohe Masten, an denen Flaggen verschiedener Länder flatterten. „Ist es das?“ - „Ja, das ist es. Ein gutes und bekanntes Hotel.“ Kathi erschrak kurz: „Bekannt?“ - „Naja, so ganz unbekannt ist es nicht.“ Langsam fuhr er weiter, ordnete sich auf dem rechten Parkstreifen ein und kam dann vor dem Eingang, der mit goldenen Säulen verziert ist, zum Stehen. „Wow, ob das echt ist?“ - „Das glaube ich nicht, und wenn doch, dann schneidet mir ein Stück ab und bringt´s mir später.“, grinste der Fahrer. „Mein Name ist übrigens Harry Blake.“ Er kramte in der kleinen Tasche seines einfachen Jacketts und holte eine Visitenkarte hervor. „Das sind meine Daten. Wenn ihr noch mal einen Fahrer braucht.“ - „Danke. Dürfen wir hier eigentlich parken?“, fragte Steffi besorgt, als sie sah, dass hinter ihnen ein limousinenähnlicher Wagen hielt. „Ach na klar, ich darf das und außerdem fahr ich ja gleich wieder.“ - „Was bekommen sie von uns?“ - „Ach lasst mal gut sein, spart mal euer Geld!“ - „Das geht doch nicht!“ - „Steck das Geld weg! Ihr wollt euch doch sicher auf dem Konzert auch noch was gönnen, oder?“, kniff er ein Auge zusammen und grinste. „Ja, mal schauen.“ - „Na gut, dann hüpft mal raus! Vergesst eure Sachen nicht!“ - „Danke für alles!“ - „Ja, danke!“, sagte auch Kathi zögernd.

Sie griffen nach ihren Rucksäcken und Kathi öffnete ihre Tür, damit sie beide nacheinander aus dem Auto klettern konnten. „Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Ich wünsch euch ganz viel Spaß!“, winkte Harry Blake noch einmal und startete dann den Motor. „Danke!“, rief Steffi ihm noch einmal nach und sah zu, wie sich das Auto langsam entfernte.

5. Kapitel

5

 

Erst jetzt nahm Kathi die wahre Größe des Komplexes vor ihnen wahr. „Wow, da wollen wir rein?“ - „Ja, wohl oder übel. Das ist unsere Herberge für die nächsten Tage. Sieht doch super aus.“ - „Ja, als würde Michael Jackson hier residieren.“ Das Gebäude ragte bestimmt zehn Meter in den Himmel. Im unteren Bereich befanden sich große Fenster, deren Bögen verschnörkelt ineinander liefen. Nach oben hin wurden die Fenster schmaler und wurden von Etage zu Etage kleiner. Zumindest sah es von hier unten so aus. Links und rechts neben dem breiten Drehkreuz standen große bepflanzte Kübel, die mit ihren bunten Mosaiksteinchen das eher triste Hotel lebhafter erschienen ließen. „Der Fahrer war irgendwie cool!“, sagte Steffi. „Ja, aber wenn er noch mehr von seiner Tochter erzählt hätte und noch mehr gefragt hätte…“ - „Er wollte doch nur nett sein.“ - „Ja, das stimmt wohl.“ - „Nett aber nervend!“, grinste Steffi. „Kannst du das glauben, dass er uns kostenlos fahren lassen hat?“ – „Tja, es scheint doch noch ein guter Tag zu werden!“

„Na, wollen wir rein?“, fragte sie nun. „Nee, nicht wirklich.“ - „Na los, ich muss mal.“ - „Ich auch. Hast du das Geld?“ - „Ja, vorne im Rucksack.“ Sie nahm ihn vom Rücken und zog das Band auseinander. „Hier ist der Umschlag.“ Steffi ging voraus und schob die gläserne Drehtür vor sich her. Kathi folgte ihr. Zielstrebig schritten die Mädchen auf die Rezeption zu, die etwas seitlich direkt ein paar Meter hinter den großen Fensterbögen lag. Von dort hatte man wohl einen guten Blick auf die Couchecke vorne rechts, die sich Besuchern zum  Verweilen anbot. Eine Dame mittleren Alters, sehr schlank, mit schwarzem, kurzem Haar und Brille schaute zu ihnen auf. „Guten Tag, mein Name ist Steffi. Ich habe ein Zimmer reserviert.“ - „Hallo!“ Sie musterte die Beiden argwöhnisch und Kathi hatte den Eindruck, sie würde sie von oben bis unten begutachten. „Normalerweise stellt man sich ja mit seinem Familiennamen vor, aber ich weiß schon wer ihr seid. Einen kleinen Moment bitte.“ Sie verschwand in einem offenen Hinterzimmer. „Wie ist die denn drauf?“, fragte Steffi entgeistert. „Die ist mir ja sehr symphatisch!“ - „Und mir erst!“ Die Mädels grinsten sich unbemerkt an.

Die Dame kam nun wieder hervor und hielt eine goldene Karte in der Hand. „Damit öffnen sie ihre Zimmertür, Zimmer 41.“ Sie hielt sie Kathi mit der ausgestreckten Hand hin. „Danke.“

„David, würdest du den Beiden bitte ihr Zimmer zeigen?!“, rief sie nun etwas gelöster in den Hinterraum hinein. Steffi sah sie fragend an. Die Dame nahm es wohl als Anreiz und sagte: „Unser Fahrstuhl hier vorne ist im Moment leider defekt. Wenn man die Treppe nimmt, ist das Zimmer nicht so einfach zu finden. Es ist besser, David zeigt es euch.“ - „Ja, ja, unser Glückstag heute!“, stöhnte Steffi leise.

Jetzt erschien ein junger Mann. Er trug einen schwarzen Anzug, abgesetzt mit roten Ärmeln - und auch hier wiederholte sich das Gold, welches schon im Hotel so auffiel. Eine lange goldene Knopfleiste zierte den edlen Stoff. Er wich ihren Blicken jedoch aus. „Nobel!“, flüsterte Steffi. Er war etwa einen Kopf größer als sie und wohl drei, vier Jahre älter.

„Hallo!“, begrüßte David die Freundinnen nun flüchtig. „David, dass sind die Mädchen, deren Eltern sich letzte Woche meldeten. Sie werden Zimmer 41 beziehen.“, sagte die Dame mit unterschwelligem Ton, während sie sie wieder musterte, was David hingegen mit einem Lächeln aufnahm. Steffi erschrak kurz. „Die Rezeptionsfrau hat unseren gestellten Anruf wohl durchschaut.“, flüsterte sie Kathi kaum hörbar zu. „Und wenn schon.“ Kathi beobachtete den fremden Jungen und dachte einen flüchtigen Moment an die Kurzmitteilung auf ihrem Handy in der Tasche.

„Wenn sie etwas brauchen, David hilft gerne.“ - „So, wollen wir?“, unterbrach dieser nun frech das Gespräch. Er drehte sich um und schritt im Eiltempo voran. Kathi und Steffi folgten ihm die helle vertäfelte Holztreppe hinauf, deren Stufen mit Fell ausgelegt waren. „Noch nobler! Wie Miezekatze!“, staunte Steffi. „Man, ist der süß.“ - „Der Teppich?“, fragte Steffi erstaunt. „Nee, David. Und die Stimme!“, flüsterte sie und achtete darauf, dass er sie nicht hört. „He, wir sind wegen den Treasures hier!“ - „Ich weiß, aber süß ist er trotzdem!“ - „Na ich weiß ja nicht.“ - „Du hast einfach keinen Geschmack!“ - „Ja, das hast du aber nicht gesagt, als wir beide in TK aus der Zehnten verknallt waren.“ - „Ja, ja, das waren noch Zeiten.“

Sie erreichten das Ende der Treppe und David bog nach links in einen schmalen Flur ein. Kathi ertappte sich dabei, wie sie flüchtig auf seinen Hintern blickte. Auch Steffi bemerkte dies. „Na, na, Mauz!“ - „Man, das hab ich noch nie gemacht.“ - „Wovon reden die Damen? Stellt ihr hinter meinem Rücken auch nichts an?“, fragte David und drehte sich um. Er lächelte, während Kathi rot anlief. „Ich geh wohl lieber etwas langsamer, damit ich auch etwas mitbekomme.“, grinste David nun. Kathi starrte ihn an. „So, wir müssen jetzt noch bis zum Ende des Flurs, dann nach rechts und dann gleich wieder links, dann das dritte Zimmer links.“ - „Hä, geht das auch noch mal langsamer für Blöde?“, fragte Steffi irritiert. „Immer mit der Ruhe. Ich bring euch doch hin.“

Er schritt weiter  voran. Der Flur war mit dem gleichen Teppich ausgelegt wie die Treppe. An den Wänden hingen verschiedene Collagen, die von ein und derselben Künstlerin zu seien schienen. Steffi blickte auf die Uhr. Es war jetzt zehn Uhr. Jetzt weiß garantiert schon jeder von ihrem Verschwinden. Kathi beobachtete noch immer David und hoffte, er würde sich noch einmal umdrehen, um mit ihnen zu reden. Aber er eilte eifrig davon. Hoffentlich brauchten sie noch lange bis zum Zimmer.

Sie bogen nach rechts in den nächsten Flur ein, der nach etwa fünf Metern jedoch schon wieder endete und sie nach links führte. „So die Damen, das dritte Zimmer. Zimmer 41, tada.“ Er deutete mit der Hand auf die braune Tür an der die goldene 41 prangte. „Danke!“ - „Und wie kriegen wir Supertür 41 auf?“, fragte Steffi. David schaute sie überrascht an, blickte auf Kathi und griff spontan nach der Goldkarte in ihrer Hand. Steffi erschrak und zuckte zusammen. „Keine Sorge, ich beiße nicht. Naja gut, manchmal. Aber dann muss man mir schon sagen, dass man das mag.“, grinste er frech. Seine Hand ruhte kurz auf Kathis, während sich ihre Blicke trafen. David machte keine Anstalten, in eine andere Richtung zu sehen und hielt ihrem Blick stand. Kathi spürte wieder die Hitze von vorhin in ihren Kopf steigen und sah nun blitzschnell auf Steffi.

David zog die Karte aus der Hand und erklärte: „Also, man nehme hier dieses schöne Ding, dann schiebt man sie durch diesen, ich nenne es mal Türspalt, und siehe da, die Tür springt auf. Die Mädchen lugten hinein. „Und können wir auch von innen abschließen?“ - „Warum habt ihr Geheimnisse?“, fragte er neugierig. „Nein, aber man weiß ja nie!“, entgegnete Steffi. „Macht euch da mal keine Sorgen. Ohne Karte kommt hier keiner rein.“ -„Aber es gibt doch bestimmt noch ne Zweitkarte oder so was, falls diese hier verloren geht.“ - „Ja, die hab ich. Aber keine Sorge, ich statte jungen Damen keinen nächtlichen Besuch ab.“ - „Schade eigentlich!“, scherzte nun Steffi. Kathi stieß ihr mit dem Ellenbogen in die Rippen. „Na, na! Ich habe gehört, hier soll es auch manchmal Vampire geben! Also sag das nicht so laut!“, hauchte David geheimnisvoll. „Sag mal, du weißt nicht zufällig, wo die Treasures absteigen?“, fragte Steffi nun, eine Chance witternd.

„Wer?“, entgegnete David verdutzt. „Na die Treasures! Das ist `ne Band!“ Er zwinkerte nun mit einem Auge. „He, na klar weiß ich wer die Treasures sind. Aber ich hab keine Ahnung, wo die sind. Aber wenn ich’s erfahr, dann sag ich’s euch.“ Er verbeugte sich tief und wandte sich zum Gehen um. „Wenn ihr was braucht, mich findet ihr unten, Frühstück gibt es von sieben bis zehn, Abendessen von sieben bis neun. Einen schönen Aufenthalt!“ - „Danke gleichfalls!“, entgegnete Kathi, merkte jedoch gleich, dass ihre Antwort irgendwie nicht ganz passte. Schließlich arbeitete David hier.  Kathi sah ihm noch nach, bis er hinter der Wand im nächsten Flur verschwand. Ob er spürte, dass sie ihm nachsah? „Komm rein Mauz und mach die Tür zu!“  Sie lehnte die Tür behutsam an und sah sich um. „Wow, nicht schlecht!“ - „Cool was?!“

Wie versteinert standen sie nun auf dem weißen Flauscheteppich ihres Zimmers. Ein riesiges Doppelbett stand in der Mitte, gleich rechts daneben ein Fenster, das einen Blick auf die Hochhäuser der Stadt freigab. Links neben der Tür stand ein kleiner runder Tisch mit zwei ebenso runden Hockern. Rechts neben der Tür hatte ein Fernseher auf einer dunkelbraunen Kommode seinen Platz gefunden, gleich neben einem weiteren Tisch, der jedoch als Schreibtisch genutzt werden konnte. Eine schmale Stehlampe schloss mit dem breiten Fensterbrett den Raum optisch ab. „Was ist da drüben?“ Kathi deutete nach links auf eine weitere Tür, die an einer verwinkelten Wand eingebaut war und parallel zu dem Schrank verlief, der auf der linken Zimmerseite, durch eine weitere Wand abgegrenzt, stand. Steffi ging neugierig auf die Tür zu. „Das ist bestimmt unser Bad.“ Sie drückte die Türklinke hinunter. „Megawow!“ Kathi stellte sich nun direkt hinter sie und luscherte auch in den Raum. „Geil! Ich würde sagen, wir haben nicht nur eine Dusche, einen Ganzkörperspiegel und ne vergoldete Toilette, wir haben auch einen Whirlpool! Megageil!“ - „Mauz!“, stupste Kathi ihre Freundin nun aufgeschreckt an. „Ich weiß, was wir vergessen haben!“ - „Was denn?“ - „Das Zimmer bezahlen!“ - „Ach, das müssen wir bestimmt erst machen, wenn wir abreisen, oder auschecken, wie man hier bestimmt nennt.“ Sie grinste. „So, wenn du mich mal entschuldigst. Ich muss dringend die Goldtoilette einweihen!“ - „Aber beeil dich damit! Ich muss auch.“

Sie schloss die Tür hinter sich. Jetzt, bei der plötzlichen Stille im Zimmer, stieg ein merkwürdiges Gefühl in Kathi hoch. „Es ist verrückt, was wir hier machen.“, dachte sie, schob die Gedanken jedoch schnell wieder beiseite. Sie legte ihren Rucksack auf die Erde, zog ihre Jacke aus und hob ihren Arm, um sie auf das Bett zu schmeißen. Sie achtete darauf, dass der getrocknete Schmutz nicht zu sehr abblätterte. Doch nun hielt sie inne. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jackentasche aus und zog ihr Handy heraus. Zwei Kurzmitteilungen. Jetzt legte sie die Jacke hin und ihr Handy gleich daneben auf den Nachtschrank ihrer Bettseite, die sie sich soeben ausgesucht hatte. Ohne die Tastensperre ihres Telefons zu lösen, schob sie es in die Ecke neben der kleinen Nachttischlampe. „Na Mauz, ist da auch goldenes Klopapier oder warum kommst du nicht raus?“, scherzte sie nun und drängte ihre Besorgnis beiseite. „Ich bin gleich fertig!“ Jetzt rauschte das Wasser durch die Spülung. Das Zischen schien gar nicht mehr aufzuhören. Steffi öffnete die Tür und kam hinaus. „Man, mit der Klospülung kannst du einen Elefanten wegspülen!“ - „Na das werd ich ja gleich sehen!“ - „Warum, willst dich reinsetzen?“ - „Ha, ha!“ Kathi schlug Steffi abwehrend und verspielt auf die Schulter. „So, ich geh dann mal!“ - „Ja, viel Spaß!“ - „Danke, werd ich haben!“ Kathi schloss die Tür hinter sich. Während sie auf der Toilette platz nahm, hörte sie Steffi euphorisch rufen: „He, wir haben sogar `ne Minibar!“ - „Auch gefüllt?“, kreischte Kathi zurück. „Oh ja, mit lauter leckeren Sachen.“ - „Aber die sind bestimmt nicht für uns bestimmt.“ - „Das weiß ja keiner!“

6. Kapitel

6

Jetzt staunte auch Kathi über die Spülung, die noch zwei Minuten nach dem Toilettengang zischte. „Ich glaub, nachts kann das ganz schön nervig sein!“, vermutete sie und ließ sich nun neben Steffi auf das Bett fallen. Ausgestreckt und mit den Armen unter dem Kopf starrten die Beiden nun an die Decke. „Was machen wir hier nur Mauz?!“ - „Liegen!“ - „Ja, das weiß ich auch.“ Nun schwiegen sie und nur noch der Lärm vorbeifahrender Autos von der Hauptstraße drang in das Zimmer. „Man ist der süß!“, schwärmte Kathi nun. „Naja, cool ist er ja, das muss ich zugeben. Ich hab noch nie mit `nem Wildfremden so locker geredet. Aber das muss wohl so sein, hier in der Stadt. Der Taxifahrer war ja auch so cool drauf.“ -  „He, du weißt gleich, wen ich meine?!“ - „Na bestimmt nicht den Taxifahrer!“ -  „Was meinst du, wie alt ist er?“ - „Hmm, fünfzig, sechzig?“ - „Nee, nicht Harry Blake! David!“ - „Keine Ahnung. Sechzehn, Siebzehn, Achtzehn? Aber jetzt guck erstmal auf dein Handy.“ - „Ich mag nicht.“ - „Du hast gesagt, wenn wir im Hotel sind, guckst du nach, wer dir geschrieben hat. Los! Ab!“

Kathi richtete sich auf und griff nach ihrem Telefon. Sie drückte die Freigabetaste und öffnete mit einem weiteren Klick ihren Nachrichteneingang. „Eine von Roy und eine fremde Nummer.“ - „Von wem ist die zweite?“ - „Warte… Hä? Was ist das? Da hat einer geschrieben, ich soll meinen WAP-Zugang einrichten.“ - „Was soll das denn?“ - „Ich weiß nicht. Ich kenn die Nummer auch nicht.“ - „Das ist bestimmt nur Werbung.“ - „Ich hoffe es!“ - „Und was schrieb Roy?“ - „Warte… He, sorry wegen vorhin. Ich war noch nicht richtig wach!“ - „Toll, das kann er sich jetzt auch klemmen!“ - „Meine Meinung!“ - „Keine Nachricht oder so von deinen Eltern?“ - „Nein. Vielleicht denken die auch, wir schlafen noch und haben den Brief noch gar nicht gefunden.“ Kathi atmete erleichtert auf. „Hmm, abwarten.“ Kathi atmete erleichtert auf. „Ist heute eigentlich auch noch unser Frühstück mit gebucht?“ - „Nee, ich glaube nicht. Warum? Hast du Hunger.“ - „Irgendwie schon. Wir können ja heute Mittag mal gucken, ob wir irgendwo einen Imbiss finden. Appetit auf unsere geschmierten Brötchen und die Carazza-Dinger hab ich nämlich nicht.“ - „Ich auch nicht.“ - „Wollen wir erstmal Lagebesprechung machen?“ - „Hmm, ja.. also ich würde sagen, wir suchen in dem schönen Telefonbuch in meinem Rucksack alle Hotels raus, was bestimmt ne Menge sein wird, teilen dann auf, wer zu welchem geht und so. Und nach dem Konzert bleiben wir da hocken, suchen den Tourbus und warten, bis die Treasures raus kommen.“ - „Du hast n Telefonbuch von Halsken in der Tasche?“ - „Ja, das konnte man sich übers Internet bestellen.“ - „Hat das auch keiner gesehen?“ - „Nein, das ist doch mein Heiligtum. Das schütz ich wie mein Tagebuch!“ - „Na ich weiß nur nicht, ob das alles so leicht wird.“ - „Lass mich mal machen. Ruh du dich mal einen Moment aus! Ich übernehme die Planung.“ - „Gut, gerne.“, stimmte Kathi bereitwillig zu. „Darf ich deinen Discman haben?“ - „Ja, bedien dich.“

Kathi wühlte in Steffis Rucksack und holte das Gerät hervor. Sie steckte sich die Kopfhörerstöpsel in die Ohren, betätigte den kleinen Hebel und machte einen Bauchklatscher auf das Bett. Sie stellte nun das Radio ein. Sie musste einfach wissen, ob man inzwischen eine Vermisstenmeldung durchgab. Ihr Verstand sagte ihr zwar, dass das unsinnig war, aber sie musste es einfach hören. Steffi holte inzwischen ihren Stadtplan hervor und markierte nun verschiedene Stellen mit einem blauen Kreis.

Kathi setzte sich nun ruckartig auf, als sie die aktuelle Radiomeldung hörte. Sie gestikulierte wild mit den Armen. „Noch nie war der Andrang so groß, wie heute, bei der Ankunft der neuen Teeny-Band ‚The Treasures’ in Halsken. Zahlreiche Fans ließen den fünf angesagten Musikern kaum ein Durchkommen. Hotels werden belagert und fanatische Schreie erfüllen die Innenstadt. Die Treasures jedoch äußerten, es bedauern zu müssen, den Kern der Stadt nicht kennen zu lernen. Sie ziehen sich ruhig und dezent aus der Stadt zurück, was die Fans natürlich bedauern werden. Auf jeden Fall sei gesagt, es wird eine aufregende Zeit in Halsken und noch ein aufregenderes Konzert geben.“ Kathi zog die Stöpsel aus den Ohren.

„Was ist denn?“, fragte Steffi, erstaunt über Kathis wildes Winken. „Das glaubst du nicht! Da war eben was über die Treasures im Radio!“ - „Und was?“ - „Da sind überall Fans in Halsken und schreien und belagern Hotels, aber die Jungs sind nicht in Halsken! So hab ich das auf jeden Fall verstanden.“ - „Was?! Was genau haben die gesagt?“ - „…dass sie den Stadtkern nicht kennen lernen werden, dass sie sich ruhig aus der Stadt zurückziehen…“ - „Heißt das, sie wollen gar nicht in ein Hotel? Vielleicht wollen sie auch von sich ablenken.“ - „Ich hab keine Ahnung. Aber wenn das schon so konkret gesagt wird?“ - „Toll, dann kann ich meine Kreise hier wieder streichen.“ - „Tja, und was heißt das jetzt?“ - „Hmm.. wenn sie aber hier ihr Konzert geben, werden sie ja nicht so weit von Halsken weg sein und sie sagten ja nur Stadtkern, oder? Vielleicht meinen sie auch, dass sie sich irgendwo am Stadtrand aufhalten, wo es ruhiger ist. Vielleicht können wir ja mal David fragen, ob er weiß, wo es außerhalb des Zentrums Pensionen gibt.“ - „Nee, das können wir doch nicht machen!“ - „Wieso nicht? Er war doch cool drauf vorhin.“ - „Ja, aber trotzdem.“ - „Also ich würde sagen, auf los geht’s los. Ich wüsste nicht, wie wir sonst anfangen sollen. Ich habe darauf gehofft, dass wir alle Hotels abklappern können. Kommst du mit runter oder bleibst du hier?“ - „Nee, ich komm mit, aber nur widerwillig. Du willst ihn echt fragen? Der lacht uns aus! Wir haben doch keine Ahnung, wo die Treasures sind!“ – „Mauz, warum sind wir in dieser Stadt?“ Kathi schwieg und nickte.

Die beiden Mädchen verließen das Zimmer. Während Steffi im Flur voraneilte, schlurfte Kathi mehr zögerlich hinterher. „Du hast dir den Weg aber gut gemerkt?“, stellte Kathi fest. „Tja, den Weg zu süßen Jungs finde ich immer schnell!“, grinste sie. „Na hoffentlich findest du die Treasures dann auch so schnell.“ - „Ich geb mein Bestes.“ - „Was willst du David denn sagen? Außerdem weißt du doch gar nicht, wo er dort ist.“ - „Schauen wir erstmal.“

Sie bogen nun in den letzten Flur ein und hasteten die breite Treppe hinunter. „Warte Mauz! Ich hab keine Lust mich hier auf die Schnauze zu legen.“ - „Dann musst du halt aufpassen.“ Steffi erreichte als Erste das Ende der Treppe und ging nun dezent weiter nach links zur Rezeption. Kathi folgte ihr ebenso unauffällig.

Die Rezeptionsdame hob erneut sarkastisch den Kopf und musterte sie. „Hallo, wir suchen David. Können sie uns bitte sagen, wo wir ihn finden?“ Sie rückte die Brille auf ihrer Nase zurecht und antwortete: „Seht mal drüben im Speisesaal nach. Gleich der Gang neben mir und dann die erste Tür rechts.“ - „Danke.“ Steffi war zufrieden und hastete nun wieder davon. Kathi folgte ihr mit Unbehagen. „Du sprichst aber mit ihm! Ich sag nichts. Dürfen wir da überhaupt einfach so rein?“ - „Sonst hätte unsere Freundin uns wohl kaum hier reingeschickt, oder?“ In diesem Moment stemmte Steffi schon ihre Hand gegen die große Schwingtür. Der Speisesaal tat sich mit Eleganz vor ihnen auf. Sie gingen an runden und auch an quadratischen Tischen vorbei, die mit edlem Silberbesteck, Servietten und Rosenblättern dekoriert waren. Es hatte den Eindruck, die Gedecke dienten nur als Deko. Die Mädchen konnten sich nicht vorstellen, hier auch tatsächlich zu essen.

Steffi schritt nun direkt auf einen größere Stehbar zu, die sich farblich nicht sehr von dem Teakholz der Tische abhob. Hinter dem Tresen vernahm sie eine Stimme, konnte jedoch in dem auch sonst leeren Raum niemanden sehen. „Hallo?“, fragte sie und beugte sich über die Theke, die ihr bis zur Brust reichte. David, der auf dem Boden hockte erschrak und schoss hoch. „Man!.. Hast du mich erschreckt!“ - „Was machst du denn da unten?“ - „Hier muss einer der Zuflüsse gewechselt werden. Ich sag dir, das ist keine leichte Angelegenheit.“, stöhnte er und atmete langsam wieder ruhiger.  - „Was für ein Zufluss?“, fragte Steffi verwundert, während nun auch Kathi unbemerkt näher herantrat. „Hallo!“, begrüßte David sie nun, ohne auf die Frage einzugehen. „Hi!“

„Und was macht ihr beiden Hübschen hier? Treibt euch der Hunger her?“ - „Nee, die Treasures.“, warf Kathi ein. „Und die treiben euch gerade in den Speisesaal?“, scherzte David. „Da kam eben so eine Radiomeldung und wir bräuchten da mal deine Hilfe.“ - „Also ich kann ja viel, aber mit Radios kenn ich mich nicht aus.“ - „Nein, das mein ich auch nicht!“ Steffi schüttelte abwehrend und lächelnd den Kopf. „Also die haben im Radio gesagt, die Treasures wollen nicht in ein Hotel, sondern an einen ruhigen Ort.“ - „So hab ich das nicht gesagt!“, warf Kathi nun ein. „Ja, aber so ähnlich. Ich hab’s nur kurz zusammengefasst. Und wir sind ja hergekommen, um die Treasures zu suchen…“ - „Hmm, und von mir wollt ihr jetzt wissen, wo so ein ruhiger Ort sein könnte?“ - „Stimmt. Genau.“, antwortete Steffi froh. „Also helfen kann ich euch da wohl nicht.“ - „Bitte, du kennst dich hier doch bestimmt ein bisschen aus. Also im Zentrum wollen sie wohl nicht bleiben.“, munkelte Steffi. Sie schaute ihn lieb an und rückte näher an ihn heran. Er hingegen trat einen Schritt zurück und schaute nun Kathi fragend an. „Und was sagst du dazu?“ - „Hmm, am besten gar nichts.“, sagte Kathi schüchtern. „Oh Mauz, du musst dich für uns einsetzen. Bitte hilf uns David, du kennst hier doch bestimmt ein paar Orte.“ - „Also ich kann höchstens Eines machen…“ Er zögerte.

„Ja, ja, ja!“, sprang Steffi nun freudig vor ihm auf und ab. „Immer ruhig bleiben ja!“, flüsterte David und tadelte sie scherzhaft mit seinem Zeigefinger. „Also, wir haben da so ein paar Orte… Wenn wir ausgebucht sind, schicken wir unsere hohen Gäste dorthin. Das sind sozusagen private Partner von uns. Wir bringen die dort unter, die Privatperson verdient daran und wir erhalten eine Vermittlungsprovision und haben ne gute Werbung für uns. Aber das sind halt freie Leute, die auch für andere Hotels arbeiten.“ - „Das klingt gut. Wo sind die Orte?“, fragte Steffi angespannt. „Ich such euch Unterlagen raus. Das wird euch zwar nicht zu eurer Band führen, aber ihr werdet die schöne Natur unserer Umgebung erkunden.“, scherzte er. „Das hilft uns ganz bestimmt. Du bist ein heiliger Engel!“ Kathi zwickte Steffi eifersüchtig und natürlich unbemerkt in den Hintern. „Au, Mauz! Spinnst du!?“ - „Seid ihr irgendwie ein bisschen aufgedreht?“, fragte David und verdrehte spielerisch die Augen. „Nee, mir hat nur gerade jemand in den Hintern gekniffen, weil ich dich Engel genannt hab.“  Kathi schoss in Sekundeneile die Röte ins Gesicht. „Aha, und wer war der Jemand? Ich kann dem Jemand versichern, ein Engel bin ich nicht. Ich kann sogar manchmal ein ganz schöner Teufel sein.“, grinste er frech und schaute Kathi provozierend an. Kathi wich seinem Blick aus und starrte zur Tür. Sie tat, als hätte sie jemanden eintreten hören.

„So, ihr beiden Lieben, ich bin gleich wieder da und kopier euch was. Dauert einen Moment. Macht es euch in meinem Reich gemütlich.“ - „Okay, gerne.“, antwortete Steffi, zog den hohen Barhocker ein Stück vom Tresen ab und kletterte hinauf. David verließ den Raum. Kathi schmollte noch, während die Schwingtür hinter ihm nachschwang. „Toll, das hättest du ja wohl nicht sagen brauchen!“ - „Was denn?“ - „Na das mit mir!“ - „Nun hab dich mal nicht so. Ich hab den Eindruck, er will was von dir.“ - „Ganz bestimmt.“, seufzte Kathi ungläubig und enttäuscht. „Hoffentlich finden wir die Treasures mit Davids Liste.“ - „Hmm, das ist wohl nur n kleiner Hoffnungsschimmer. Winzig. Oder miniwinzig.“ - „Nö, find ich nicht. Die Hotels hier haben bestimmt Ahnung und David sagte ja, da schicken sie hohe Tiere hin. Also ich denk, wir haben gute Chancen.“ - „Na hoffen wir es mal.“ - „Wenn die aus unserer Klasse uns jetzt sehen könnten. Die würden ganz schön blöd gucken.“ - „Das glaub ich auch. Besonders Corinna. Ich weiß noch, wie sie über uns gelästert hat, als wir unsere Treasureskarten auf dem Tisch liegen hatten.“ - „Die blöde Ziege würde sich das doch nie trauen, einfach so abzuhauen. Die hat immer nur ne große Fresse.“ - „Ja, und Timo, der denkt wir können nicht mal reden. Wenn der erfährt, dass wir abgehauen sind, bleibt dem der Mund offen stehen.“ - „Ach, ich würde am liebsten gar nicht mehr zurück. Einfach für immer mit den Treasures mitreisen und ein ganz neues Leben führen.“ - „Tja, das wäre schön. Und dann heiraten wir irgendwann Chris und Roger und werden die Managerinnen der Band.“ - „Genau, und dann bekommst du irgendwann ein Baby und das nennen wir Mauzine.“ - „Ja, und die denken dann ich bin blöd!“ - „Warum, Mauzine ist doch schön.“ - „Ja, dann musst du denen aber vorher erklären, warum wir beide uns Mauz nennen.“ - „Tja, das weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht mehr so genau.“ - „Tja, dann nenn wir sie wohl lieber Christiane oder so.“ - „Oder Rogine!“  - „Nee, dann wird Roger ja eifersüchtig!“ - „Eifersucht, du böses Spiel. Du treibst mich in den Wahnsinn, zeigst mir viel zu viel!“, sang Steffi nun. Kathi stimmte ein in den Treasuressong und wiederholte: „Eifersucht, du böses Spiel. Du treibst mich in den Wahnsinn, zeigst mir viel zu viel.“ In diesem Moment schlich David sich an sie heran. „He, singt ihr ein Lied über mich?“ - „Ah!“ Kathi erschrak und drehte sich um. David stand direkt vor ihr und wedelte mit ein paar Zetteln umher. „Singt ruhig weiter, ich will wissen, wie es ausgeht!“ - „Nee, das ist geheim.“, sagte Kathi während sich Wärme in ihrem Körper ausbreitete. David trat nicht zurück, sondern blieb dicht vor ihr stehen.

„Also die Damen, ich habe hier alles kopiert, was ich gefunden habe. Ganz oben aufm Zettel steht immer der Ansprechpartner, bzw. bei einigen der Name der Residenz…“ – „Residenz!“, wiederholte Steffi mit edler Stimme. „Lass mich ausreden! Darunter ist ein Bild, dann kommt ne kurze Beschreibung zu den Zimmern  und darunter findet ihr das Wichtigste, ne Anfahrtsskizze. Die Preise interessieren euch wohl weniger.“ - „Wow, super!“, sagte Steffi euphorisch. „Aber wenn ihr sie tatsächlich findet, hab ich was gut bei euch.“ - „Das hast du auch so.“  Er reichte ihr die Zettel. „Bekommst du Ärger, wenn du uns das gibst?“, fragte Kathi leise. „Wenn ihr dann lebenslang in meiner Schuld steht, antworte ich mit ja.“ Er grinste.

Kathi sah ihn verträumt an. Irgendwie ähnelte er sehr Chris, vielleicht war das auch der Grund, warum sie gerade weiche Knie bekam und ein Kribbeln über ihren Körper zog. „So David, bist du böse, wenn wir uns gleich wieder verziehen?“, fragte Steffi. „Wir müssen planen.“ Aufgeregt sprang sie von ihrem Hocker hoch. „Ja, ja, der Engel David ist das gewöhnt. Haben die Damen das, was sie brauchen, lassen sie mich allein.“ - „Das stimmt doch gar nicht.“, sagte Kathi nun, da sie den Eindruck hatte, David war tatsächlich ein bisschen enttäuscht. „Aber ich hoffe doch, man sieht sich noch?“, fragte David nun wieder etwas freudiger. „Na klar, ganz bestimmt. Und dann sind wir bestimmt in Begleitung der Treasures hier!“ - „Ja, ich drück euch die Daumen.“ - „Okay, dann bis später.“ - „Bis dann und viel Glück!“ Steffi sauste davon. Kathi drehte sich im Gehen noch einmal, mit den Schultern zuckend, zu David um. Ihr Herz raste. „Man, was macht der mit mir.“, dachte sie. Während die Schwingtür nun auch hinter ihr hin und her pendelte, sah sie Steffi die Treppe hochspringen und freudig mit den Zetteln umherwinken. Kathi folgte ihr, jedoch wieder unauffälliger.

7. Kapitel

7

 

Die beiden Mädchen ließen freudestrahlend die Zimmertür hinter sich ins Schloss fallen und warfen sich auf ihr großes Bett. „Cool, wir haben einen Anhaltspunkt!“, sagte Steffi. „Ja, aber auch nur einen ganz kleinen. Wer weiß, ob die da wirklich sind, bei unserem Glück. Das ist doch alles Zeitverschwendung!“ - „Denk immer positiv!“ - „Ich versuch es.“ - „Guck mal, wo würdest du als reicher Star hingehen?“ Sie hielt ihr die Zettel mit den Bildern entgegen. „Wow, das sieht ja geil aus!“ Kathi deutete auf eine Art Blockhütte im Grünen. Das Bild zeigte die Hütte in strahlendem Sonnenschein, von Rosen umrankt und mit einem kleinen Springbrunnen links neben der Kiesauffahrt. „Also wenn du willst, kannst du die Adresse checken!“, sagte Steffi. „Was heißt ich?“ - „Na wir wollten uns doch trennen. Wir suchen jeder für sich, so können wir die Zeit optimal nutzen.“ - „Du klingst ja wie irgendein Professor oder so.“ - „Professor Mauz, stets zu Diensten der Treasures!“, lachte Steffi. „Aber ich glaub, ich trau mich nicht, da allein rumzufahren. Wie soll ich das denn allein finden?“ - „Also,…“ Steffi kramte in ihrem Rucksack. „Dies ist dein Starterpaket... professioneller Name, ich weiß… Darin findest du ein Fahrplanheft und einen kleinen Stadtplan.“ - „Wo hast du das denn her?“ - „Professorengeheimnis! Ich sagte doch, ich hab alles voll im Griff.“ - „Hmm, und hier seh ich auch durch?“, fragte Kathi misstrauisch, während sie einen Blick in das Heftchen warf. „Na klar. Idiotensicher!“ - „Na ich verlass mich da mal auf dich.“ - „Also damit kommst du auf jeden Fall immer an dein Ziel. Ich setz mich mal kurz aufs Klo und plan uns was.“ - „Warum aufm Klo?“ - „Da kann ich mich am besten konzentrieren.“ - „Das muss ich jetzt nicht verstehen oder?“ - „Nein!“, grinste Steffi und schlüpfte mit Stift, Papier und Fahrplanbuch ins Badezimmer. „Und was soll ich in der Zwischenzeit machen?“ - „Hmm, die letzten ruhigen Minuten genießen und von David träumen?“ - „Ha, ha!“ Kathi rutschte hinunter auf den Teppich und setzte sich direkt vor die Badezimmertür. „Lady, can you hear me…“, sang sie, um ihre Unruhe zu verdrängen. „Ja, ich kann dich hören!“, antwortete Steffi. „Aber ich bitte um Ruhe, ich brauch Konzentration!“, alberte sie umher. „Aber stell nichts Unsinniges mit unseren Zetteln an da drinnen!“ - „Nein, keine Sorge!“ - „Ach ja, was Roger und Chris wohl gerade machen.“ - „Mauz, Ruhe! Ich muss mich anstrengen!“ - „So, ne schwierige Sitzung?“ - „Oh, du bist blöd! Ich arbeite hier was aus!“ - „Ach so nennt man das heute!“

Kathi erhob sich wieder und tanzte durch den Raum. „Komm zeig mir dein Gesicht, deine Tränen nicht!“ Sie tänzelte hinüber zum Fenster, hielt inne und warf einen Blick nach unten. Autos fuhren auf der Hauptstraße entlang. Kathi ließ ihren Blick über die umliegenden Häuser schweifen. Es gab hier ein Casino, eine Bäckerei, etwas, das ein Kino sein könnte und zahlreiche Boutiquen. „Oh man, wenn meine Eltern jetzt wüssten, wo ich bin!“ - „Dann wären sie schon lange hier!“, sagte Steffi, die nun aus dem Bad gesprungen kam. „Na, Sitzung erfolgreich gewesen? Lange gedauert hat es ja nicht!“ - „Ja, ich hab auch nur grob geplant.“ - „Also, David hat uns hier sechs Zettel gegeben. Ich würde sagen, wir nehmen uns heute jeweils zwei vor.“ - „Das heißt genau?“ - „Also ich hab dir diese beiden rausgesucht, die liegen relativ dicht beieinander. Ich nehm die hier und morgen gucken wir uns zusammen noch mal die anderen beiden an.“ - „Heißt das, morgen gehen wir zusammen?“ - „Ja, ich würde sagen schon.“ - „Und wie genau hast du dir das heute vorgestellt?“ - „Also, wir gehen zusammen zur Haltestelle Lohgrimm. Da fahren eine U-Bahn und auch ein Bus ab. Da trennen wir uns und fahren in verschiedene Richtungen.“ - „Hmm, das ist ja nicht gerade eine tolle Planung.“ - „Zeig mal ein bisschen mehr Einsatz Mauz! Wir hatten doch eigentlich gar keinen Plan. Jetzt haben wir wenigstens was, wo wir mit der Suche anfangen können.“ - „Ja, aber ich soll allein hier rumirren?“ - „Ich schreib dir den Fahrplan und alles, wo du umsteigen musst und so, alles auf.“ Steffi überschlug sich fast beim Sprechen. „Umsteigen muss ich auch?!“ - „Ja, das lässt sich in so einer Stadt leider nicht vermeiden. Du schaffst das schon.“ - „Stell dir vor, wir finden heute noch die Treasures! Du kannst Chris umarmen, ihn alles fragen, ihn küssen, lieben, heiraten!“ - „Na nun übertreib mal nicht!“ - „So, also hier deine Zettel.“ - „Und wie und wo treffen wir uns wieder?“ - „Tja, der Zeitplan ist so eine Frage. Ich weiß nicht genau, wie lange wir brauchen, aber ich würde sagen, wir treffen uns spätestens um Sechs wieder hier vorm Hotel.“ - „Und warum nicht an der U-Bahn-Station?“ - „Wenn du erstmal bei der U-Bahn bist, ist es zum Hotel auch nicht mehr weit. Und ich warte lieber hier, als zwischen lauter fremden Leuten.“ - „Oh man, mir ist schlecht.“ - „Denk immer an die Treasures!“ Kathi verzog das Gesicht. „Aber erstmal würde ich sagen, gehen wir mal raus und gucken, ob wir irgendwo was Essbares finden!“, schlug Steffi vor. „Wie spät ist es?“ - „Kurz nach Zwölf!“ - „Wow, waren wir so lange unten bei David?!“ - „Hmm, ich hab keine Ahnung. Wann wollen wir denn los?“ - „Ich würde sagen gleich.“ - „Nein, ich meine zu unserer Abenteuersuche.“ - „Wenn wir fertig sind mit essen, vorausgesetzt wir finden irgendwo einen Imbiss oder so was.“ - „Ich geh nur noch mal schnell auf Toilette. Mir ist jetzt schon schlecht.“ - „Okay, lass dir Zeit.“

Wenige Minuten später gingen die Mädchen mit ihren Rucksäcken den Flur entlang. Steffi steckte die Zimmerkarte in ihre Jackentasche. „Also so ein kleines komisches Gefühl hab ich auch im Bauch!“, stellte sie fest. „Bei mir ist es riesengroß. Wenn ich an meine Eltern denk, wird’s noch größer!“ - „Ja, aber denk mal an Chris und seine schönen braunen Augen!“ - „Ja, und die süßen Löckchen. Seine Haut ist bestimmt total weich und kuschelig.“ - „Hmm, aber sonst geht’s dir gut ja?“ - „Ja, bestens.“, schluckte Kathi.

Sie gingen nun gesitteter die Treppe hinunter und warfen der Rezeptionsfrau einen giftigen Blick zu. Steffi huschte als erste durch die gläserne Drehtür. Kathi folgte ihr. „Hätten wir uns bei der abmelden müssen?“, fragte sie besorgt. „Ach Quatsch, warum? Sie ist doch nicht unsere Mutter.“ - „Nein, aber sie könnte sie anrufen.“ - „Sie hat doch unsere richtige Adresse gar nicht!... So, nach links oder nach rechts?“ Steffi zeigte in beide Richtungen der Straße. „Hmm, links?“ - „Okay.“ In gutem Schritttempo gingen die Freundinnen die Einkaufsstraße hinunter. „Cool, guck mal da! Der 99Cent-Laden!“ - „Oh, so dicht dran ist der? Mir kam es weiter vor!“ - „Mir auch!“ - „Und guck mal da, eine Zoohandlung! Da müssen wir auch irgendwann noch mal rein.“ - „Aber wenn wir erstmal in den Armen der Treasures liegen, haben wir dazu keine Zeit mehr!“ - „Oh man, wenn die uns jetzt sehen könnten!“ - „Dann würden wir ihnen vermutlich gar nicht auffallen!“ Plötzlich fuhr ein Auto rasend und hupend zentimeterdicht an ihnen vorbei. Steffi sprang zur Seite. „Man ist der verrückt!“ - „Hat der sie nicht mehr alle!?“ Steffi drehte sich um und schrie dem Fahrer hinterher: „Du Vollidiot!“

Sie ging langsam rückwärts weiter und fluchte. „Spinner!“ - „Ach Mauz, beruhig dich, in einer Stadt ist das wohl normal!“ - „Trotzdem ist der ein Arsch!“ - „Achtung Mauz!“ - BOING - Steffi knallte rückwärts gegen eine Straßenlaterne. „Au!“ - „Tja, da ist wieder unser Glück!“ - „Man!“ Steffi rieb sich mit der Hand den Hinterkopf. „Blöde Lampe!“ Sie trat mit dem Fuß dagegen. „He, sie kann doch auch nichts dafür! Stell dir vor, sie wäre Roger!“ Prompt legte Steffi ihre Arme um den Laternenmast und drückte ihr Gesicht dagegen. „Ach mein lieber Roger!“ Kathi lachte: „Du bist blöd! Die Leute denken bestimmt du bist bescheuert!“ Und tatsächlich hielten einige der vielen Passanten um sie herum für einen kurzen Moment an und schüttelten den Kopf. „Guck mal da drüben!“ - „Was ist da?“ - „Dort auf der anderen Straßenseite. Mc Donalds!“ - „Tatsache! War nicht vorhin am Bahnhof gerade einer?“ - „Tja, die gibt’s wie Sand am Meer. Wollen wir dort essen?“ - „Ich hab eigentlich mehr Appetit auf Currywurst oder so was.“ - „Und wie wäre es damit?“ Kathi deutete geradeaus. Ein paar Meter weiter sahen sie tatsächlich eine kleine Imbissbude. „Charlys Fressbude!“ - „Das ruft ja schon regelrecht nach uns!“ - „Oh ja!“ - „Ein letztes Festmahl bevor wir die Treasures treffen!“

Schnell gingen sie weiter und hielten direkt vor der Bude, in der ein fülliger Mann mit schwarzem krausem Haar, das ihm bis zum Kinn reichte, dabei war, einige Steaks auf seinem Rost zu wenden. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, von der ein blauweißes Tuch die Haare oben zurückhielt. Schweißflecken zeichneten sich auch links und rechts auf seinem Hemd ab. „Der sieht merkwürdig aus.“, sagte Steffi. „Psst!“ Kathi wurde wieder rot und schämte sich. „Was darf ich den Damen Gutes tun?“ - „Ähm, ja, wir gucken erstmal.“ Steffi und Kathi prüften die Angebotstafel. „Also ich nehm die Currywurst mit Pommes!“, sagte Steffi prompt. „Ich nehme das Gleiche!“ - „Okay, gern. Esst ihr hier?“ Kathi sah Steffi fragend an. „Ja, machen wir.“ - „Okay, dauert einen Moment. Ich bekomm dann 4,80 €. Steffi zog schnell ihr Portemonnaie aus der Tasche und zählte das Kleingeld. „Bitteschön!“ - „Danke auch.“

Die Mädchen stellten sich an einen der runden Stehtische und tuschelten leise. „Der hat bestimmt schon Einen umgebracht. Der ist mir unheimlich!“ - „Nun mal mal nicht den Teufel an die Wand! Der sieht zwar komisch aus und ist bestimmt schwul aber sonst…“ - „Da ist mir Chris tausendmal lieber!“ - „Mir ausnahmsweise auch!“ - „Hoffentlich packen wir das nachher alles und hoffentlich sucht uns noch keiner!“ - „Ach, daran dürfen wir nicht denken. Außerdem finden sie uns hier sowieso nicht. Wir haben keine Spuren hinterlassen.“ - „Ich würde Chris so gern mal umarmen.“ - „Und David bestimmt auch oder?“ - „Man!“ - „Soll ich ihn mal fragen, ob er das mal macht?“ - „Nein, spinnst du!“ - „Er macht das bestimmt gerne!“ - „Man, hör auf!“

Schon brachte der Imbissbesitzer ihnen ihre beiden Portionen. „So, dann mal guten Hunger!“ - „Danke!“ Steffi fiel sofort über ihre Currywurst her. Kathi stocherte mit einer kleinen grünen Gabel in ihren Pommes umher. „Lass es dir schmecken Mauz!“ - „Du dir auch!“ - „Ich bin irgendwie schon müde.“ - „Ich auch. Aber wir haben noch einen langen Tag vor uns.“ - „Ja, vor allem einen aufregenden!“ Genüsslich verspeisten sie nun ihr erstes Halskenmahl und verdrängten ihre Aufregung.

 

„So, jetzt lass mich mal gucken. Wir sind jetzt hier. Das heißt, wir müssen jetzt noch ein Stück weiter und dann nach links. Dann müssten wir die U-Bahn schon sehen!“ - „Willst du wirklich?“ - „Ja, was denn sonst. Hast du deine Zettel mit?“ - „Ja, alles startklar!“ - „Na dann lass uns los!“ Steffi ging wieder voran. Kathi versuchte mit ihr Schritt zu halten. „Mir wird immer übler, falls man das Wort steigern kann.“ - „Lass mal, mir auch.“ - „Hauptsache ich finde auch wieder zurück.“ - „Wenn nicht, hast du ja meine Handynummer im Kopf. Ne Telefonzelle gibt’s bestimmt irgendwo.“ - „Hmm…“ - „Guck mal, da drüben ist sie schon!“ Kathi las still das Wort „Lohgrimm“. Sie gingen die kurze Treppe hinunter, die den Fußweg in der Mitte spaltete. „Oh man Mauz, das mach ich nur für die Treasures!“ Steffi griff nach Kathis Hand.

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