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Trashig, düster, laut & hässlich

Linus Lumpitzsch

Trashig, düster, laut & hässlich

Böse Stories und ein musikalischer Bonustrack





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

››Trashig, düster, laut und hässlich‹‹

 

 

››Böse Stories und ein musikalischer Bonustrack‹‹

 

Linus Lumpitzsch

Über die Geschichten in ››Trashig, düster, laut und hässlich‹‹

Willkommen in der Dunkelheit…

››Trashig, düster, laut und hässlich‹‹ trägt den Untertitel ››Böse Stories und ein musikalischer Bonustrack‹‹ und enthält Geschichten, von denen sich die meisten am ehesten dem Thriller- bzw. Horror-Genre zuordnen lassen. Ein Hauch von Düsterem und Strangem weht durch jede der Stories.

Im blutigen und düsteren Kurz-Roman ››Dunkel‹‹ wird Jim in einen Strudel der Gewalt und eine Menge Merkwürdigkeiten gerissen, als er wegen seinem Vater Nathaniel Bekanntschaft mit dem mächtigen Schurken Jones Figurato machen muss.

Áris Sorbotas – ein irrer und äußerst brutaler sowie seltsamer Mörder – befindet sich hingegen auf seinem Weg zur absoluten Perfektion und hat noch eine Rechnung offen, für deren Begleichung er durch blutiges Gemetzel über Leichen geht…

Der Thriller begleitet einerseits die beiden recht planlosen Polizisten Alan McKrigley und Lenny Pinkerflobble bei ihren Versuchen, Jones Figurato und den aus einem Gefängnis geflüchteten Áris aufzuhalten, andererseits erleben wir aber auch die Versuche von Jim, seinem Vater zu helfen und schauen dem offensichtlich verrückten Áris Sorbotas bei seinen brutalen Taten über die Schulter.

In dieser ziemlich gewaltbeladenen Geschichte spielt auch Lisa Hollister – die Geliebte von Jones Figurato – eine Rolle und dann sind da noch ein komischer Butler, einige Leibwächter mit eigenen Plänen und ein undurchsichtiger Typ namens Tiger…

››Flucht‹‹ handelt von fünf chaotischen Verbrechern, welchen an einem Freitag, den 13. ein Banküberfall gelingt. Bereits während ihrer Flucht mit dröhnender Musik aus dem Radio und Millionen im Kofferraum betrinken sich diese schrägen Typen und verstecken sich in einem abgelegenen und gruseligen Unterschlupf…

Als Harold Brookleton eine Zeitungsanzeige mit der Frage ››Liebst Du?‹‹ entdeckt, wird sein Leben in eine furchtbare Hölle verwandelt, nachdem er zunächst von einer mysteriösen Stimme terrorisiert sowie fremdgeleitet wird und später dann die Bekanntschaft mit Thaddäus Bartholomäus Fitzgerald macht. Eine Begegnung, die er sich besser erspart hätte…

Woher stammt jene mysteriöse Melodie? Wie kommt die donnernde Stimme in Harolds Kopf? Weshalb klingelt ein Telefon, dessen Hörer nicht aufgelegt wurde? Warum blinzelt jener seltsam alterslose Mann, dessen Gast Harold wird, nicht?

Das Leben von Harold Brookleton verwandelt sich in den reinsten Horror…

In der Geschichte ››Rache‹‹, in welcher auch ein grauenerregendes Haus eine Rolle spielt, kehrt Rontruso als totes Geschöpf zurück und steht plötzlich Tratzuc – für seinen Tod verantwortlich – gegenüber.

››Stuff‹‹ erzählt von Bruce Drunken und drei weiteren Personen, die sich im Haus des merkwürdigen Bruno Drunato aufhalten. Dieser scheint den Menschen bei der Bekämpfung ihres Problems helfen zu wollen, trägt jedoch zudem ein äußerst erschreckendes Geheimnis mit sich herum…

››Last Days‹‹ berichtet von den letzten Monaten der Menschheit auf der Erde, welche durch die Seuche ›NREE257‹ sowie kriminelle Organisationen in ihren Untergang gestürzt wurde.

››Ein Jahr‹‹ ohne eine negative Eigenschaft, welcher er nachgegangen war, bewirkt für einen Mann etwas ausgesprochen Merkwürdiges.

››Eine seltsame Unterhaltung‹‹ liefert genau eine solche.

››Stille‹‹ handelt von einem Menschen, der alleine auf einer verlassenen und stillen Welt zu sein scheint, weshalb er über empfundene Gefühle und Gedanken inmitten dieser beängstigenden Situation schreibt.

In ››Die kalte Nacht‹‹ erleben mehrere Jugendliche in einer stürmischen und verregneten Nacht den reinsten Albtraum, als sich ein Mann zu ihnen gesellt, der einige Macken hat.

In ››Eine kleine und kurze Reise durch einen Ausschnitt der Musikwelt eines Musikliebhabers‹‹ schreibt der Autor über Bands, einzelne Künstler, aber auch seine Gefühle rund um das Hören von Musik an sich.

Als Bonustrack ist die im Jahr 2014 wesentlich erweiterte ausführliche Preview zu einem noch nicht veröffentlichten Thriller mit dem Titel ››Frei‹‹ zu finden.

 

››Dunkel‹‹

Ein blutiger Kurzroman...

I

››Halleluja, ich hoffe, ihr Pfeifen habt endlich verstanden, wie ihr vorzugehen habt. Oder muss ich euch unterbelichteten Nieten etwa auch noch einen Plan aufzeichnen?‹‹ wollte er von den beiden wie Espenlaub zitternden Typen wissen.

Blicke der Irritation trafen ihn und diese riefen – nicht nur, weil die Nacht bereits weit fortgeschritten war – bei dem unrasierten und etwas fettleibigen Mann in dem schwarzen Ledersessel kein müdes Lächeln hervor. Sie versetzten ihn stattdessen in allergrößten Zorn.

Des Öfteren hatte er sich bereits die Frage gestellt, ob er nicht zu dumme Männer für sein Vorhaben engagiert hatte. Diese Beschränkten schienen höchstens soviel Hirn zu haben wie ein Regenwurm.

Dennoch blieb er relativ gelassen und zeigte ihnen die Wut, welche er mittlerweile verspürte, nicht allzu deutlich. Abgesehen davon war er von der Tatsache überzeugt, dass sie diese nicht einmal dann erkennen würden, wenn er ihnen das Messer mit der scharfen Klinge durch die Handflächen stoßen würde, welche sie auf dem alten Tisch platziert hatten.

Innerlich verfluchte sich Jones Figurato. Da konnte er eine wunderbare Nacht mit Lisa erleben, befand sich aber stattdessen mit diesen beiden madenhirnartigen Kreaturen der absoluten Verblödung in diesem schäbigen Hinterzimmer des Tabakladens seines Bruders.

››Ich hätte da noch eine Frage…‹‹, begann derjenige, der Jones links gegenüber saß.

Jones Figurato warf einen kurzen und ernsthaften Blick auf seine Uhr.

Er wollte Lisa ficken und dieser erbärmlichen nächtlichen Sitzung in diesem verrauchten und miefenden Hinterzimmer nun bald ein Ende bereiten.

Trotzdem bemühte sich der große Mann um eine einigermaßen menschliche Reaktion, selbst wenn ihm im tiefsten Herzen nach Furchteinflößung zumute war.

››Was, bitteschön, hat mein liebster Mister Ranglodut daran nicht verstanden?‹‹

Sein gehässiger Ton wurde begleitet von einer derartigen Festigkeit, sodass Harold Ranglodut ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Der andere warf Ranglodut einen etwas wütenden, zugleich jedoch bestätigenden Blick zu. Ihm war bewusst, was sein Partner gewillt war, zu erfahren.

››Ähm. Nun, wie viel, ich meine…‹‹

Ranglodut konnte seine ungeschickt begonnene Fragestellung nicht zu Ende führen, denn diesmal zog Jones Figurato das silbrig-matt glänzende Messer tatsächlich hervor. Die kurzfristig eintretende Stille beunruhigte sie beide.

Langsam ließ er die Klinge des gefürchteten Messers sich immer wieder in die Tischkante fressen. Dies erzeugte einen unangenehmen Ton, was fast noch schlimmer als die Stille war.

Ihnen beiden war vollkommen klar, dass Figurato sie jederzeit ersetzen und ihnen – ohne auch nur einen Moment zu zögern – dieses Messer in ihre Herzen stoßen würde, wenn ihm danach sein sollte.

››Diesmal wird der Dienst nicht bezahlt, meine Herren. Irgendwelche Beschwerden?‹‹ fragte er sie voller Hohn in der Stimme.

Wahrlich, er liebte die ihm verliehene Macht diesen beiden stumpfsinnigen Idioten gegenüber.

Ranglodut betrachtete von leichtem Zittern begleitet das Messer, welches Figurato noch immer stets aufs Neue in die Kante des alten Tisches stieß.

››Nun, ich hoffe doch sehr, ihr könnt euch mit den gegebenen Umständen anfreunden?‹‹

Jones Figurato tat sich schwer damit, nicht auf der Stelle in höhnisches Lachen zu verfallen. Dennoch gelang ihm das Unglaubliche: Er blieb stumm.

Anders das Mobiltelefon, welches er in der Innentasche seines schwarzen und maßgeschneiderten Jacketts trug. Dieses hatte mit der Melodie von ››Spiel mir das Lied vom Tod‹‹ zu klingeln begonnen.

Er ließ das Messer noch zwei weitere Male in das Holz des Tisches fahren und warf den beiden ihm gegenüber sitzenden Gestalten einen belustigten und doch zugleich ernsthaften und strengen Blick zu. Dann endlich griff er nach dem iPhone und tippte auf dem Display auf Gesprächs-Annahme.

Die beiden betrachteten ihn vorsichtig abwartend. Sie waren erleichtert, dass die unheimliche Stimmung durch die laute Anrufmelodie des Telefons beendet worden war.

Immer wieder warf ihr Boss ihnen prüfende Blicke zu, ehe er sich wieder seinem Gesprächspartner zuwandte. Dabei klang er sehr bestimmend. Scheinbar hatte er dem Anrufer seine ganze Macht zu verdeutlichen, um ein Geschäft durch seine typische Einschüchterungsmasche zu einem für ihn günstigeren Abschluss zu bringen.

Urplötzlich ließ sich Figurato in seinen Sessel fallen und schloss für Momente während des Telefonats die Augen.

Harold Ranglodut inspizierte seinen Partner Phil Sodrumo für wenige Sekunden. Dann schweifte sein Blick ab, so dass er die Umrisse von Figurato im schwarzen Ledersessel im Blickfeld hatte. In diesem wirkte Jones Figurato noch mächtiger, als dies ohnehin schon der Fall war.

››Dann darf ich Sie beglückwünschen. Ich möchte zum Abschluss noch erwähnen, dass ich mich geehrt fühle, mit Ihnen Geschäfte gemacht zu haben.‹‹

Mit diesen Worten beendete Figurato das etwa drei-minütige Telefongespräch, während welchem er das eine oder andere Mal über die schlechte Verbindungsqualität geflucht hatte.

Nachdem er das Handy wieder in der Innentasche seines Nadelstreifenjacketts verstaut hatte, konzentrierte sich sein Blick wieder vollständig auf Harold Ranglodut und Phil Sodrumo.

Erst meinten sie lediglich, ein Lächeln in den Zügen von Figuratos müdem Gesicht zu erkennen, dann jedoch wurde dieses zur offensichtlichen Realität und ein bestialisches Grinsen, wie dies zweifelsohne nur von Jones Figurato kommen konnte, überzog die kantige Visage jenes dreiundfünfzigjährigen Mannes, dessen Kopf von einer Halbglatze geziert wurde.

››Meine Freunde. Seit wann arbeitet ihr Typen für mich?‹‹

Fragend blickten sich die beiden etwa fünf Sekunden an, dann sahen sie wieder direkt in die eiskalt wirkenden Augen von Jones Figurato.

››Im Dezember zehn Monate, Mister Figurato‹‹, antwortete Phil.

››Nun, ihr beide seid keine fünfunddreißig. Ich habe doch Recht, nicht wahr?‹‹

Er ließ ihnen keine Möglichkeit, ihm zu antworten und ebenso wenig schien er auf eine Reaktion ihrerseits zu warten.

››Dieses Leben ist ein Jammer, nicht wahr? Ungerechtigkeit trifft die Falschen, Ruhm und Geld spazieren zu den Schlechten. Aber wir sind doch alle von der dunklen Seite.‹‹

Jones erhob sich, dabei nun wieder das Messer in der rechten Hand haltend.

Dann trat er langsam auf die beiden zu.

››Spürt ihr, wie die Nacht nach Fressen schreit? Das Leben verlangt ab und zu von uns allen sehr… ja… traurige Dinge, nicht wahr?‹‹

II

Jim Gutamore erwachte an diesem Samstag nach einem tiefen Schlaf um kurz nach acht Uhr am Morgen. Draußen tat sich die Sonne noch sehr schwer damit, sich für ihre Strahlen einen Weg durch ein großes Meer blumenkohlartiger Wolken zu bahnen.

Langsam öffnete er seine Augen und blickte in den Lauf der auf ihn gerichteten Smith and Wesson. Er wagte den Wechsel seines Blickfelds und sah in die Augen seines Vaters.

››Was soll das, Nathaniel?‹‹ war das Einzige, was er stammelnd und noch dazu sehr zögerlich hervorzubringen in der Lage war.

Die Miene im Gesicht seines Vaters änderte sich nicht ein bisschen.

Noch immer hielt der den Revolver auf den Kopf von Jim gerichtet und blickte dazu in eine gähnende Leere, in ein anderes Jetzt.

››Ich verlange von dir, dass du mir auf der Stelle erklärst, was du mit diesem Theater beabsichtigst! Nimm das blöde Ding weg, verdammt noch mal!‹‹

Nach einigen Augenblicken fügte er hinzu: ››Wie bist du überhaupt hier reingekommen?‹‹

››Die olle Hausbesitzerin. Jim, ich möchte dir nichts tun. Aber hör’ mir zu, verdammt und Halleluja!‹‹

Jim schüttelte nur den Kopf und sah dabei seinen Vater an.

Eine kurze Stille kehrte ein, während welcher Jim beobachtete, wie Nathaniel mit der Smith and Wesson auf verschiedene Gegenstände zielte, um die Waffe dann endlich doch wegzustecken.

››Ich geh’ mich erst mal etwas…‹‹

Jim konnte seinen Satz nicht beenden. Wieder diese alte, gebrechliche und doch von Herrschsucht begleitete Stimme seines sehr gealterten Vaters.

››Scheiße, wir haben keine Zeit mehr, Jim. Beeil’ dich!‹‹

Auch wenn ihm viel daran lag, von seinem Vater zu erfahren, was diesen hierher getrieben hatte, beschloss er, den Gang ins Bad fürs erste vorzuziehen. Er warf seinem ungebetenen Gast einen letzten Blick zu, dann verschwand er.

››Sohn?‹‹ rief Nathaniel nach etwa fünf Minuten.

Jim verzog genervt sein Gesicht, als er die Stimme seines Vaters vernahm.

››Was, verdammt?‹‹

Beim Nassrasieren rutschte er ein wenig ab und schnitt sich. Ein penetrantes Brennen zog sich über sein Gesicht.

››Was ist mit einer Frau?‹‹ fragte Nathaniel und klang auf einmal überhaupt nicht mehr besonders alt.

››Das geht dich nichts an‹‹, entgegnete Jim, der seine Rasur beendet und den Schnitt verwundet hatte.

Er öffnete die Türe des Bades, um wieder auf seinen Besucher zuzutreten.

››Keine Frau? Kein Spaß?‹‹ fragte jener Mann, der in Jims Augen immer ein hoffnungsloser Lustmolch gewesen war.

››Deshalb bist du wohl kaum hier. Erzähl’ mir, was los ist!‹‹

Das schelmische Grinsen verschwand vollständig aus Nathaniels Gesicht.

››Ich sitze in der Klemme. Du bist der einzige Mensch, dem ich mein Vertrauen schenken kann.‹‹

››Was hast du ausgefressen? Erzähl’ schon! Du hast dich doch nicht etwa an einer Minderjährigen vergriffen, oder?‹‹

Er begann zu lachen, spürte jedoch den kalten Atem seines Vaters am Hals und kurz darauf auch den überraschend festen Griff um selbigen.

››Das ist kein Moment für Scherze, Jungchen. Ich bin hier hergekommen, weil ich deine Hilfe brauche.‹‹

››Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder du erzählst mir innerhalb von dreißig Sekunden, was dir auf dem Herzen liegt, oder du kannst gleich wieder verschwinden.‹‹

Er prüfte die Reaktion seines Vaters und wartete ab.

››Ich werde bedroht und brauche deine Hilfe.‹‹

Jim schüttelte den Kopf.

››Das mit der Hilfe hast du mir jetzt schon tausend Mal vorgesungen, die Platte hängt. Fünfzehn Sekunden noch. Du hast mir noch nicht erzählt, was genau geschehen ist.‹‹

Sein Vater nickte schnell und zog den Revolver erneut hervor.

››Ich hab’ verstanden, Jungchen. Aber diese Masche wird nicht ziehen.‹‹

Er richtete die Smith and Wesson wieder auf sein eigen Fleisch und Blut.

››Du gibst mir genau die Zeit, die ich brauche! Kapiert?‹‹

Jim reagierte überhaupt nicht. Er warf einen Blick über Nathaniels Schulter hinaus aus dem Fenster und stellte fest, dass ein leichter Schneefall eingesetzt hatte.

III


In diesem Moment entdeckte Police-Officer Lenny Pinkerflobble, der sich im Tabakladen bei Alec Figurato neben Tabak auch Informationen über dessen Bruder besorgen wollte, die Blutspuren, welche ihn trotz Gegenwehr in das hintere Zimmer führen sollten…

IV


››Du bittest mich um Hilfe und richtest den Revolver auf mich. Irgendwie komisch. Erzähl’ mir, bist du wirklich so ein dummer…‹‹

Sein Vater wurde wütend und drückte die Smith and Wesson an die Brust seines Sohnes.

››Schweig’, Jungchen! Das ertrage ich nicht. Hör’ auf mit diesem Blödsinn! Setz’ dich auf den verdammten Stuhl und halt’ deinen Mund!‹‹

In Jim breitete sich eine gewisse Scham aus, der Sohn dieses durchgedrehten Irren zu sein. Sein Vater setzte sich nach einer Weile ebenfalls hin und nickte. Dann klingelte das Telefon, woraufhin Nathaniel aufschreckte.

››Hab’ ihnen deine Nummer gegeben, sie wollten das so‹‹, brachte er fast stammelnd hervor.

Jim nahm den Hörer ab.

Sein Vater beobachtete das Ganze mit dem nach wie vor auf seinen Sohn gerichteten Revolver.

››Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht‹‹, meinte Jim nach einigen Augenblicken.

Die Person am anderen Ende der Leitung entgegnete: ››Nun, damit liegen Sie richtig. Aber das wird sich in Kürze ändern.‹‹

Die Stimme des Anrufers klang sehr bestimmt und überlegen.

››Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie wegen meinem Vater Nathaniel Gutamore anrufen?‹‹ fragte Jim und nahm diesen für kurze Zeit ins Visier, ehe er wieder die Pinnwand über der Kommode, auf welcher das schwarze Tastentelefon stand, ansah.

Nach weniger als zwei Minuten legte Jim mit zornigem Gesicht den Hörer auf.

››Nathaniel, Nathaniel…‹‹, sprach er recht wütend und trat auf seinen Vater zu.

››Was ist geschehen?‹‹

Vor der abermals auf ihn gerichteten Waffe hatte er mittlerweile keine Angst mehr.

››Das war ein Mitarbeiter von Jones Figurato. Wer das ist, brauch’ ich dir höchstwahrscheinlich nicht näher zu erläutern. Was zur Hölle ist passiert?‹‹

Jim sah seinen Vater an, der die Waffe tatsächlich einsteckte und für einen Moment beinahe in Tränen auszubrechen schien.

››Zu spät, Jim. Das alles… ist zu viel für mich. Ich bin…‹‹, er stoppte und blickte seinen Sohn ernst an, ››…wir sind ernsthaft in Gefahr, mein Sohn.‹‹

Nathaniel Gutamore zog etwas hervor.

Jim betrachtete das Foto, welches ihm sein Vater mit zittrigen Händen gereicht hatte, sehr lange und war irritiert und beängstigt zugleich. Nach etwa einer Minute schüttelte Jim ungläubig den Kopf und starrte seinen Vater an.

››Das glaube ich nicht. Ist ja wohl nur ’ne schlechte Collage. Ein Trick. Ich… nein.‹‹

Er ließ das Foto zu Boden fallen und erhob sich. Sein Vater sagte nichts. Stattdessen blickte er aus dem Fenster und betrachtete die kleinen und sanft wirkenden Schneeflocken, welche zu Boden gingen.

››Nathaniel. Was hat das alles zu bedeuten?‹‹ fragte Jim nach einer Weile und betrachtete seinen Vater ernster, als er dies jemals zuvor getan hatte.

Nathaniel warf nun mit großen Augen Blicke auf das Foto, so als habe er dieses nicht bereits seit längerer Zeit bei sich und sähe den Schnappschuss nun ebenfalls zum ersten Mal. Langsam trat Jim, von leichter Traurigkeit erfüllt, auf seinen Vater zu.

››Schöne Scheiße, nicht wahr?‹‹ fragte Nathaniel mit einer gebrechlichen und zittrigen Stimme.

Jim verwunderte nicht im Geringsten, als er seinen Vater ansah und dieser bittere Tränen der Angst weinte.

››Ja‹‹, gab er als kurze Antwort von sich und ließ sich neben seinem Vater auf die Bettkante fallen.

Dann legte Jim seinen Arm auf die Schulter seines Vaters und lauschte dessen leisem Wimmern. So verging mehr als eine halbe Stunde, während welcher die beiden einfach nur dasaßen und kein Wort wechselten.

››Was schlägst du vor, Jim?‹‹ beendete Nathaniel nach gefühlten Ewigkeiten die eingekehrte Stille.

Er weinte nicht mehr und wischte sich leicht beschämt die Ansammlung der heißen Tränen aus dem Gesicht. Er konnte sich nicht daran erinnern, seinen Gefühlen in Gegenwart seines Sohnes auch nur einmal derart freien Lauf gelassen zu haben.

Vor nicht langer Zeit hatte die naheliegende St. James-Kirche neun Mal geläutet. Die beiden saßen noch immer auf der Kante des ungemachten Bettes.

››Wir müssen ihn treffen. Das wurde mir vorhin am Telefon mitgeteilt. Ich weiß nicht, wie ernst sie das Ganze meinen. Aber entweder, wir halten das Treffen ein, oder…‹‹

Er sah seinem Vater in dessen wässrige Augen.

››Oder?‹‹ begann Nathaniel und scharrte mit seinen schwarzen Schuhen auf dem Teppich.

››Was drohen sie uns an, Jungchen?‹‹

››Oder wir können uns demnächst neue Methoden überlegen, wie wir etwas hören wollen. Was soll dieser Quatsch? Sag’ mir, dass das Foto gefälscht ist.‹‹

Sein Vater erhob sich langsam wieder und deutete seinem Sohn an, sich nun gemeinsam mit ihm auf den Weg zu machen. Jim begleitete seinen Vater mit einem sehr mulmigen Gefühl.

››Du hast doch nicht etwa immer noch die alte Corvette?‹‹ fragte Jim und wusste zugleich bereits die Antwort: Niemals würde Nathaniel die orangefarbene und stets sehr gut gepflegte Corvette einfach so aufgeben.

Jims Vermutung wurde bestätigt, als sie wenige Augenblicke später vor dem Wagen angelangten. Da stand sie im leichten Schneefall, glänzte förmlich vom vielen Polieren, grinste sie an.

››Da staunst du. Hattest du etwa gedacht, ich würde diese Mühle einfach so aufgeben? Ich bin froh, dass du bereit bist, mir zur Seite zu stehen.‹‹

Der Vater lächelte, während er den Wagen auf die Straße lenkte und warf seinem Sohn einen kurzen Blick zu.

››Na, du bist vielleicht ein Scherzkeks. Was für ’ne Wahl hab’ ich denn?‹‹

Zufrieden lächelte der Vater, dann kehrte eine Stille ein, während Nathaniel unter dem gleichmäßigen und sehr gesund klingenden Geräusch der Corvette den Wagen der Bleibe von Jones Figurato entgegensteuerte. Nathaniel schaltete das Radio ein, woraufhin sich nach kurzer Zeit ein Country-Sender einstellte.

Jim erinnerte sich genau, wie sein Vater früher dieses Zeug gehört hatte. Vor allem entsann er sich dieser Sonntage, wenn sie alle gemeinsam gefrühstückt hatten und Nathaniel sein Western- und Country-Gedudel eingeschaltet, sich zufrieden mit einer selbstgedrehten Zigarette im Mund in einen Sessel fallen lassen und in der Folge die Zeitung gelesen hatte. Die Erinnerung rief ein kurzes Lächeln in sein Gesicht, welches jedoch schnell wieder verschwand.

Erneut trat dieses Foto in den Vordergrund seiner Gedanken.

››Wie bist du zu deinem hübschen Portrait gekommen?‹‹ wollte Jim wissen, während er den recht starken Autoverkehr auf der Straße vor ihnen betrachtete.

Ihn suchte kein gutes Gefühl heim.

Jones Figurato deutete nicht gerade auf Freundschaft und einen gemütlichen Plausch hin.

››Sie haben mir den Schnappschuss geschickt. Ich… du weißt, dass mir das alles leid tut. Die verfluchte Knarre werd’ ich im Auto lassen. Wollte dich sowieso nur ein wenig vorantreiben damit.‹‹

Jim blickte seinen Vater zornig an.

››Wirklich sehr nett von dir, mich mit dieser Scheiße zu beglücken. Mach’ mit der Waffe, was du willst, von mir aus kannst du sie dir auch in dein rechtes Nasenloch schieben. Aber richte das blöde Ding nicht nochmal auf mich. Ich bin doch dabei, oder nicht?‹‹

V


››So eine verdammte Scheiße. Die Leute werden immer kränker in ihrer Birne‹‹, fluchte der Polizist, während sich ihm bei dem Anblick der beiden verstümmelten Körper der getöteten Personen beinahe der Magen umdrehte.

Lenny Pinkerflobble, der Partner von Alan McKrigley, nickte nur gelangweilt mit dem Kopf. Allzu oft hatte er solch derbe Anblicke über sich ergehen lassen müssen und im Laufe der Zeit gelernt, dies als seine Arbeit anzusehen und die Gefühle abzuschalten. Natürlich funktionierte das nicht immer, denn auch nach über zehn Jahren des harten und nervenaufreibenden Polizisten-Daseins in Hitchten war Lenny Pinkerflobble in erster Linie noch immer ein Mensch mit Gefühlen.

››Kranke Bastarde‹‹, meinte er dennoch kurz angebunden und machte den Weg frei für den Fotografen.

Weit abseits der Polizisten und sensationssüchtigen Presseleute stand an diesem Morgen ein Mann, welcher sich fragend an der Stirn kratzte und den angerichteten Schaden in seinem Tabakladen betrachtete: Der Bruder von Jones Figurato. Alec konnte einfach keine Antwort darauf finden, weshalb ihn sein eigener Bruder derartig in die Scheiße hatte reiten müssen. Während Alec – von einer leichten Fassungslosigkeit heimgesucht – noch immer nur dastand, trat Lenny langsam auf ihn zu.

››In Ordnung. Ich vermute, uns ist beiden klar, wer hinter dieser Schweinerei steckt. Du weißt, was wir von dir wissen wollen. Raus mit der Sprache!‹‹

Alec blickte den Police-Officer nicht an, sah stattdessen immer noch in die weite Ferne, und entgegnete: ››Mein Bruder und ich, wir haben mit diesem Mist nichts zu tun. Oder nehmen Sie etwa an, einer von uns beiden würde sich derart stümperhaft benehmen?‹‹

Lenny entgegnete nichts.

››Selbst Ihnen müsste ersichtlich sein, dass da jemand versucht, uns in den Sumpf zu ziehen…‹‹

Lenny wurde, während sich Alan mehr oder weniger erfolgreich mit den Presseleuten auseinandersetzte, langsam ungeduldig.

››Ich krieg’ euch am Arsch. Richte das deinem verdammten Bruder aus! Die Zeit der Kooperation ist beendet. Ich hab’ genug von der Scheiße. Dein Bruder hält sich nicht an die Abmachungen‹‹, meinte der genervte Lenny Pinkerflobble und wünschte sich den Feierabend herbei. Dann würde er sich hoffentlich zu gutem Bier das Footballspiel auf ›Sport Channel Hitchten‹ ansehen.

Er wandte sich zu Alan um und vertiefte sich kurz darauf mit seinem Kollegen in ein Gespräch. Währenddessen wuchs der Zorn, welchen Alec verspürte, immer weiter an. Sein Bruder Jones und er hatten von ihrem amerikanischen Vater und ihrer italienischen Mutter gelernt, sich gegenseitig stets zu helfen und bisher hatte Jones das – nicht nur in finanzieller Hinsicht (er hatte schließlich dafür gesorgt, dass Alec seinen Laden nicht hatte schließen müssen), sondern auch in rein menschlicher – stets getan. Ein Bann war gebrochen. Diese einfache Tatsache enttäuschte Alec Figurato zutiefst.

VI


Jones Figurato strich sich durch sein fettiges Haar und blickte sie an.

››Schätzchen, bist du sicher, dass du dich gut fühlst?‹‹ fragte er und warf Lisa einen auffordernden Blick zu.

Dann trat er bis auf wenige Zentimeter auf sie zu und gab ihr einen kurzen, nahezu schamhaft wirkenden Kuss.

Sie nickte nur und erwiderte seine Gefühle nicht im Geringsten. Stattdessen entfernte sie sich und trat in die Ecke links des Fensters. Von dort aus sah sie Jones an und wartete ab, was der als nächstes tun würde.

Sie empfand viele Gefühle für ihn. Nicht alle waren guter Art.

Das alte Radio in der anderen Ecke war leise eingestellt und ein monoton sprechender Ansager verlas nahezu perfekt und dialektfrei die neuesten Nachrichten. Jones Figurato schenkte den Meldungen keinerlei Beachtung.

››Ja. Alles ist okay‹‹, meinte sie kurz angebunden.

Jones Figurato trat einen Schritt auf sie zu.

››Süße, mir gefällt das nicht‹‹, sagte er leise und verstummte wieder.

Die Stimme des Sprechers aus dem Radio war nun lauter als jene von Figurato.

Sie sah ihn fragend an. Jones warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster und überlegte sich, ob sie ihn nicht belog. Nun sah Lisa ihn leicht irritiert an.

››Was willst du?‹‹ brachte sie hervor.

››Das gefällt mir nicht‹‹, wiederholte Figurato und begann, immer wieder auf und ab zu marschieren.

››Du hast keinen Grund, dir Gedanken zu machen‹‹, meinte sie.

Dann ließ sie sich langsam an der Wand zu Boden gleiten und betrachtete Jones, der noch immer nervös seine Runden drehte.

››Kann ich dir noch vertrauen?‹‹ fragte er sanft und kaum vernehmbar.

Aus dem Radio drang nun direkt nach den News der Stunde ››The Air that I breathe‹‹ von den Hollies.

››Weshalb möchtest du das wissen? Selbstverständlich kannst du mir…‹‹

Sie hielt inne, denn Jones trat in dem spärlich eingerichteten Zimmer mit kleinen Schritten auf sie zu.

››Ich habe dich etwas gefragt. Antworte mir!‹‹ sprach er.

Nun war seine Stimme ein wenig lauter, jedoch noch immer von jener seltsamen Sanftheit begleitet.

››Ich… sicher. Du kannst mir vertrauen‹‹, entgegnete sie.

Das Zittern von Lisa erregte Figurato. Er drängte seine innersten Gelüste jedoch beiseite und schüttelte den Kopf.

››Weshalb glaube ich dir nicht, Süße? Warum erscheint mir jedes deiner Worte wie eine Lüge? Nur ausgesprochen, mich auf falsche Fährten zu locken.‹‹

Er hatte sich ihr bis auf wenige Zentimeter genähert und strich ihr über ihr knallrot gefärbtes Haar.

››Du brauchst dir…‹‹

Ein Mann trat in den Raum. Er hatte nicht angeklopft. Urplötzlich drehte sich Figurato zu dem Störenfried um.

››Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbrechen muss, aber…‹‹

››Aber was?‹‹ wollte Figurato, der nun mit schnellen Schritten auf den Mann zutrat, die Meldung des Störenden beschleunigen.

Lisa Hollister betrachtete ängstlich, wie Jones auf den kleinwüchsigen Mann zuging. Sie wusste, was geschehen würde. Zu gut kannte sie Jones Figurato, den unberechenbarsten aller Männer, welchen sie jemals kennengelernt hatte.

››Scheiße‹‹, zischte Figurato und verpasste dem kleinen Mann mit den lockigen schwarzen Haaren einen festen Tritt gegen dessen Schienbein.

Der schob sich mit schmerzerfülltem Gesicht zur Seite und konnte den Fall ebenso wie einen lauten Aufschrei erst im letzten Moment verhindern. Im Laufe der Zeit hatte er gelernt, dass man besser damit fuhr, in den Augen von Figurato nicht den Eindruck eines Schwächlings zu hinterlassen. Dies hatte auch seine finanziellen Vorteile.

Aber der Schmerz war unbeschreiblich. Er krabbelte das Bein empor, kitzelte und stach zugleich, als piksten ihn hunderte von Stecknadeln.

››Ich wollte Ihnen lediglich mitteilen, dass Sie Besuch haben.‹‹

Jones Figurato setzte ein kurzes und ebenso falsches Lächeln auf.

››Ich hasse nichts mehr, als gestört zu werden, wenn mir das nicht passt. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass ich Sie erschießen muss, sollte dies noch einmal vorkommen. Ich hoffe, Sie können das in Ihrem Spatzenhirn aufnehmen. Hauen Sie endlich ab und bitten Sie den Besuch herein!‹‹

Sofort nickte der kleine Mann und drehte sich zur Türe um, aus welcher er stark humpelnd hinausmarschierte.

››Hurenbock‹‹, brachten seine Lippen sehr leise hervor.

Figurato drehte sich erneut zu Lisa um.

››Ich möchte, dass du mich begleitest!‹‹ befahl er mit einer lieblich-süßen Honigstimme.

Langsam erhob sich Lisa. Vom Gang her waren Schritte auf den knarrenden Holzdielen des alten Bodens zu vernehmen. Lisa hakte sich bei Figurato ein und gemeinsam traten sie auf ihre Gäste zu. Aus dem Radio drang nun frech-verführerisch daher gezwitschert die Aufforderung, diese und jene Kontakt-Nummer anzurufen.

Die beiden Besucher standen Figurato und Lisa gegenüber. Kurze Zeit blickten sie alle dem kleinwüchsigen Mann hinterher, welcher sich mit hastigen und nervös wirkenden Schritten hinkend davonmachte, um in einen der anderen Räume zu gelangen.

››Nun, wenn ich mich nicht ganz täusche, dann müssten Sie Jim sein, nicht wahr?‹‹ beendete Jones Figurato nach einiger Zeit die eingetretene Stille.

Jim nickte. Sein Blick hatte sich in der weiblichen Begleitung von Figurato verfangen. Von dieser Frau ging sofort eine besondere Faszination aus, welcher er sich nicht zu entziehen vermochte. Während Figurato ihn und Nathaniel in einen der Räume bat, war Jim mit seinem Blick noch immer in der Anzüglichkeit jener jungen Frau verfangen und konnte sich nicht abwenden. Sie hatte etwas sehr Geheimnisvolles an sich.

››Jim. Wenn ich auch Sie bitten dürfte?‹‹ wischte Jones Figurato die fesselnde Faszination, welche Jim dieser jungen Frau gegenüber verspürte, nur für kurze Zeit davon.

Jim räusperte sich und folgte den Dreien.

››Wenn Sie sich bitte setzen würden‹‹, meinte Figurato und schnippte, als sie seiner Bitte gefolgt waren, mit den Fingern.

Wenige Augenblicke später eilte der kleine Mann mit den eng beieinander liegenden Augen und der leichten Hakennase wieder herbei und beäugte seinen Chef fragend.

››Was wünschen die Herrschaften zu trinken?‹‹ fragte Figurato in einem überraschend vornehmen Ton.

Beide entschieden sich für eine nichtalkoholische koffeinhaltige Limonade.

››Also, ich könnte das um diese Tageszeit nicht‹‹, meinte Figurato.

Sie sahen ihn fragend an.

››Nun, eine ekelhafte Limonade zu mir nehmen‹‹, schloss er aufklärend ab.

Keiner brach in ein Lachen aus.

Lisa bestellte sich eine Orangenlimonade und Jones Figurato orderte einen Bourbon. Wenig später verschwand der kleine Mann wieder, nachdem er bestätigend genickt hatte.

Sie saßen Figurato und dessen Begleiterin auf einer roten Couch gegenüber. Zwischen den beiden Couches war ein gläserner niedriger Tisch platziert, welcher blitzte und blinkte. Jim saß genau gegenüber von Lisa.

Während der Zeit des Wartens auf die Getränke sprach keiner von ihnen ein Wort. Stattdessen beobachteten sie sich. Aus der Ferne war der kleine Butler zu hören, der seinen jüngsten Auftrag schnellstens ausführte. Er erschien etwa zwei Minuten später mit einem silbern glänzenden Tablett wieder bei seinem Chef, dessen Freundin und den Gästen.

Mit seinem Wiedererscheinen wurde auch das Schweigen gebrochen und Figurato fragte seinen Angestellten, ob sich die ›Montera‹-Brüder schon gemeldet hätten, was der kleinwüchsige und seltsam aussehende Mann verneinte. Recht zufrieden nickte Figurato und schickte den Bediensteten wieder aus dem Raum, nachdem dieser die Getränke verteilt hatte.

Der Blick von Jim verfing sich in den grünen und unschuldig wirkenden Augen der Frau. Sie mochte nicht älter als dreißig sein und lächelte ihm verführerisch, doch zugleich auch irgendwie ängstlich, entgegen.

››Darf ich vorstellen? Das ist Lisa, meine Geliebte.‹‹

Er strich ihr über ihr Haar und sah ihr dann in die Augen.

››Liebste, die Herren sind Nathaniel und Jim Gutamore‹‹, fuhr er fort, nahm das randvoll gefüllte Glas in die rechte Hand und trank einen Schluck vom Bourbon.

Dann erklang wieder die Melodie von ››Once Upon A Time In The West‹‹ aus Figuratos Mobiltelefon und während er den Drink abstellte bat er um Entschuldigung.

Jones Figurato lächelte aufgesetzt und erhob sich. Seine Schritte brachten ihn zum Fenster, aus welchem er blickte, während er das Gespräch annahm.

Jims Blick verfing sich wieder in der ihn so sehr faszinierenden Frau. Unter dem hauchdünnen roten Kleid zeichneten sich ihre vollen Brüste ab. Nathaniel stupste seinen Sohn vorsichtig an, als er erkannte, wie offensichtlich Jim starrte. Währenddessen vernahmen sie alle die laute und unzufrieden klingende Stimme von Figurato. Nach einigen Momenten warf er ihnen einen kurzen und ebenso flüchtigen Blick zu, ehe er wieder aus dem Fenster starrte und meinte, dass er diesmal nur Heroin für zweieinhalb Millionen Dollar nehmen würde.

››Alles wird in Ordnung kommen‹‹, meinte Lisa.

Noch immer trug sie dieses trügerische und scheinbar auch von Angst begleitete Lächeln in ihrem Gesicht.

››Ich hoffe, das Problem gehört bald der Vergangenheit an‹‹, sagte sie mehr zu sich selbst und warf einen kurzen Blick auf Jones Figurato.

Sie sprach sehr leise und mit klaren Worten. Jim fand, dass ihre Stimme etwas sehr Sanftes und Beruhigendes an sich hatte. Nun verfing sich sein Blick auf ihren schwarz geschminkten Lippen. Dann streifte dieser wieder weiter nach unten und noch während er ihren Körper musterte, starrte er auf das atemberaubende Samtkleid, welches sie trug.

Sehr plötzlich wurde dieser fesselnde Augenblick durch ein ››Scheiße‹‹ von Jones Figurato beendet, der wieder auf die drei zu trat.

Jim konnte seinen Blick im letzten Moment von Lisa abwenden und starrte stattdessen auf das Glas in seiner Hand.

››Dann wollen wir mal beginnen, nicht wahr?‹‹ meinte Figurato und steckte das Telefon wieder in die Innentasche seines Nadelstreifenanzugs.

Er nahm einen weiteren Schluck des Bourbons, drehte sich zu Lisa um und legte seine linke Hand auf ihre heiße Wange. Dann gab er ihr einen kurzen Kuss.

Jim konnte sich beinahe nicht davon abhalten, dem etwas dickbäuchigen Halbitaliener in dessen Weichteile zu treten. Nathaniel bemerkte auch diesmal die Reaktion von Jim. Besänftigend legte er kurz seine alte und von den vielen Jahren sehr gezeichnete Hand auf die seines Sohnes. Das genügte.

››Ihr Vater hat Ihnen das schöne Bild doch gezeigt, nicht wahr?‹‹

Jones Figurato gebrauchte dieses ›nicht wahr?‹ am Ende seiner Sätze nahezu ekelhaft häufig. Wütend und von Zorn begleitet nickte Jim und bemühte sich darum, nicht allzu viel des Frustes bemerkbar werden zu lassen.

››Sehr schön. Dann dürfte Ihnen bekannt sein, in welch prekärer Lage sich Ihr Vater befindet. Ich möchte vorschlagen, dass wir fortan Nägel mit Köpfen machen.‹‹

Jim warf einen weiteren von Entsetzen begleiteten Blick auf das Foto, welches er erneut in den Händen hielt.

››Was sagen Sie dazu, Jim?‹‹

››Ich weiß nicht. Er… ich kann einfach nicht glauben, was mir dieses Bild offenbart‹‹, sagte er und warf der jungen Frau einen von Sehnsucht begleiteten, jedoch extrem flüchtigen Blick zu.

Jones Figurato kramte aus seiner Tasche etwas hervor. Nach einiger Zeit erkannte Jim, dass dieser Gegenstand eine kleine Dose war. Wenig später drehte sich Figurato eine Zigarette und betrachtete die beiden Personen ihm gegenüber eingehend.

››Ich wüsste nicht, was an diesem Foto noch zweifelhaft und unklar sein sollte.‹‹

Er vollendete das Drehen der Zigarette, dann zündete er sich diese an und warf Jim einen weiteren Blick zu.

››Dann kläre ich Sie mal ein wenig über Ihren Vater auf‹‹, sagte Jones Figurato grinsend.

Jim entgegnete nichts und hielt noch immer die Fotografie in der Hand, auf welcher sein Vater zu sehen war, wie er mit einer Waffe in der Hand vor einer Person stand, welcher ein riesiges Loch in den Kopf geschossen worden war.

››Sie setzen ihn unter Druck. Mit dieser billigen Collage. Das…‹‹

Jones nahm einen langen Zug an der Zigarette und blies ihnen den Rauch entgegen.

››Na, wer wird denn gleich so aus der Haut fahren? Hören Sie sich doch bitte zuerst meine Version an‹‹, bat Figurato.

››Sind Sie bereit für die Wahrheit, mein Junge?‹‹ fragte er und lächelte Lisa zu.

Jim schüttelte nur den Kopf und sah seinen Vater an.

››Ich… Nathaniel… sag’ mir, dass…‹‹

Jims Vater sah seinem Sohn in die Augen und legte ihm eine Hand auf die rechte Schulter: ››Hör’ zu, mein Sohn! Ich bitte dich darum.‹‹

Zufrieden nickte Figurato.

››Sehr schön, Nathaniel. Nun, Jim: Die Wahrheit mag das eine oder andere Mal etwas sehr Hartes sein, nicht wahr? Unglaublich und abscheulich. Aber sich mit dieser Wahrheit auseinanderzusetzen, das ist die große Kunst. Ihr Vater…‹‹, er nahm wieder einen Zug an der selbstgedrehten Zigarette und blies ihnen ein weiteres Mal den Rauch entgegen, ››…arbeitet für mich, Jim. Ja, das ist die Wahrheit. Nun möchte er aussteigen.‹‹

Jim sah seinen Vater ungläubig, beschämt und wütend zugleich an.

››Nein‹‹, meinte er zornig und wusste dennoch zugleich, dass das, was der Mann auf der anderen Seite des Tisches gesagt hatte, nichts weiter als die harte und betäubende Wahrheit gewesen war.

Lisa trank einen weiteren Schluck von ihrer Orangenlimonade.

››Sie werden sicherlich verstehen, dass ich einen Ausstieg nicht akzeptieren werde. In der heutigen Zeit sind gute Arbeitnehmer selten. Und Ihr Vater, Jim, ist einer der besten.‹‹

Jim sah den Mann an. Dann wandte er sich um und blickte seinem Vater in dessen Augen. Sie waren mit Tränen gefüllt und strahlten Aussichts- und Hoffnungslosigkeit aus.

››Du bist ein Killer?‹‹ brachte Jim stammelnd hervor und schüttelte den Kopf.

››Ganz richtig, Jim. Ihr Vater ist ein eiskalter, sehr präziser und zuverlässiger Arbeitnehmer. Aber nehmen Sie doch nicht dieses herablassende und außerordentlich hässliche Wort in den Mund! Dieses Foto wurde heimlich geschossen, um eine gewisse Absicherung zu haben. Eine ziemlich billige und schäbige Tour. Das geb’ ich gerne zu.‹‹

Jim starrte abermals auf das Bild. Auf dem Foto trug Nathaniel eine falsche Brille und einen schlecht klebenden und offensichtlich falschen Schnurrbart. Außerdem hatte er eine falsche Nase über der eigenen.

››Jeder erkennt dich‹‹, meinte Jim aufgebracht.

Dann kehrte wieder einmal jene Stille ein, welche an den Nerven von Jim und seinem Vater, dem scheinbar kaltblütigen und hervorragend arbeitenden Killer, zehrte.

››Lassen Sie mich meine kleine Erzählung fortsetzen, Jim! Nun, Ihr Vater arbeitet seit mehr als fünf Jahren für mich. Damals habe ich ihn in seinem Suff im ›Dollten Pub‹ aufgelesen. Nun, zuerst einmal habe ich ihn ausnüchtern lassen, um ihn anschließend vor die Wahl zu stellen.‹‹

Jim warf Jones Figurato einen zornigen Blick zu.

››Welche?‹‹ fragte er aufgebracht und betrachtete Jones, der in diesem Moment offensichtlich innerlich befriedigt die Zigarette in einem goldenen Aschenbecher ausdrückte.

››Nun. Die Wahl, für mich zu arbeiten, oder überhaupt nicht mehr. Sie wissen schon. Das Leben ist hart.‹‹

Nathaniel legte seine zitternde und schweißnasse Hand auf die seines Sohnes.

››Sie Bastard ließen ihm keine Alternative‹‹, schrie Jim.

Figurato lächelte noch immer und wirkte nicht besonders beeindruckt. Jim riss währenddessen seine Hand unter jener seines Vaters hervor und erhob sich.

››Ich hab’ genug von dieser Scheiße, die Sie mir vorsetzen‹‹, schnaubte Jim.

Noch einmal traf der Blick von Lisa Hollister den seinigen. Auch Nathaniel stand nun langsam auf. Er sah seinem Sohn ungläubig und enttäuscht hinterher.

››Nein, Junge. Mach’ das nicht! Du kannst mich hier nicht allein’ zurücklassen‹‹, flehte der Vater und trat einige Schritte in die Richtung, in welche auch Jim gelaufen war.

Jim hatte sich urplötzlich noch einmal umgedreht und blickte nun in die Augen seines Vaters, die kalt und doch zugleich sehr verletzlich wirkten.

››Du willst mir sagen, ich könne dich hier nicht alleine zurücklassen? Du, ein verfluchter Mörder? Ich hab’ genug von dem Theater. Ich brauch’ jetzt ’ne Pizza und ein paar kühle Bier.‹‹

Er wandte sich zu Jones Figurato und seiner erotischen Begleiterin um.

Mister Figurato strich sich über seinen Bauch und nickte zufrieden lächelnd. Er erwiderte den Blick von Jim.

››Und was Sie angeht…‹‹

Jim hielt inne und bemerkte das Zittern der Frau.

››Wie ich euresgleichen kenne, so werdet ihr euch keine fünf Minuten, nachdem ich hier raus bin, an die Kehle springen.‹‹

Nun lächelte Jim. Irgendwie kam er sich vor wie Clint Eastwood. Das hier jedoch war kein Film, den er sich ansah, und die Torte war noch längst nicht verspeist.

Jones Figurato erhob sich und trat bis auf wenige Zentimeter an ihn heran.

››Du willst uns tatsächlich verlassen, bevor ich euch erklärt habe, wie ihr aus diesem Problem herauskommen könnt? Ich werde den schwachköpfigen Untertanen rufen, damit er Sie zum Ausgang begleitet.‹‹

Jones’ hochnäsig hervorgebrachte Worte und seine ständige Vermischung von Siezen und Duzen klangen aus seinem Mund lächerlich, aufgesetzt und wie ein einziger durch LSD beeinträchtigt betrachteter Comicstrip.

Nathaniel trat seitlich an seinen Sohn heran.

››Bitte, Junge. Du darfst nicht gehen.‹‹

Jim kümmerte sich nicht um die Worte seines besorgten Vaters. Er riss sich los, als der ihn am Ärmel der Jacke packen und zurückzerren wollte. Wieder sah er Jones Figurato in dessen Augen.

››Eines noch, mein Freund. Ich möchte dir ein kleines Andenken mit auf den Weg geben‹‹, sagte dieser grinsend.

Jones legte seinen Arm um Jim und klopfte ihm auf dessen Schulter.

››Ich habe vollstes Verständnis, wenn du mit alldem hier nichts zu tun haben möchtest. Durchaus. Aber weißt du, die Zeiten sind schwierig. Sie sind kalt und grausam…‹‹

Jim bemerkte nicht, wie Jones sein gefürchtetes Messer hervorzog.

››Niemand von uns hat sich seine Rolle ausgesucht. Nicht wahr, Junge?‹‹

Jim sah Figurato von Angst gepackt an, als ihm bewusst wurde, dass der etwas im Schilde führte.

››Nein‹‹, stammelte er nach einigen wie unendlich zäh in die Länge gezogen wirkenden Augenblicken.

››Sehr schön, Jim‹‹, sagte Jones Figurato.

Lächelnd drückte er seinem Gegenüber mit dem Daumen auf die Nase.

››Nun gut. Bringen wir diese Farce zu Ende‹‹, grinste Jones Figurato.

Mit zwei großen Schritten hechtete er direkt auf Nathaniel zu, der erst spät bemerkte, was überhaupt geschah. Die vielen Jahre waren nicht spurlos an ihm vorübergezogen.

Figurato ließ sich mit einem lauten Aufschrei auf Nathaniel fallen, der stöhnend in die Kissen gedrückt wurde. In dem Moment, in welchem Jim zu den beiden rennen wollte, öffnete sich eine bisher nicht zu erkennen gewesene Türe und zwei bewaffnete Männer in schwarzen Anzügen traten in den Raum. Sie zielten direkt auf ihn.

››Neeeeeiiiiiin‹‹, schrie Jim, während sich Lisa langsam und angewidert abwandte, um das Dargebotene nicht mehr mit ansehen zu müssen.

Die beiden Männer behielten Jim auch dann noch im Visier, als dieser zitternd und weinend auf die Knie gegangen war und zu schluchzen begonnen hatte.

››Weißt du, Jim? Das alles ist vorausbestimmt‹‹, raunte Jones Figurato nun.

Er ließ das Messer mit der scharfen Klinge über das vor Angst zitternde Gesicht von Nathaniel kreisen.

››Ich hatte dir ein Andenken versprochen…‹‹

Jones begann laut zu lachen, dann setzte er das Messer unterhalb von Nathaniel Gutamores linkem Auge an und drückte dessen Spitze fest hinein. Ein lauter von Schmerzen und Qual begleiteter Aufschrei ertönte.

Jones lachte noch immer, während er weiter das Messer um das linke Auge von Nathaniel schnitt, der wild zappelte, sich jedoch nicht aus Figuratos Griff zu befreien vermochte.

Blut quoll hervor und spritzte herum. Der alte Mann zuckte und schlug wild und laut schreiend um sich, während ein unbeschreiblicher Schmerz ihn an den Rand der Bewusstlosigkeit trieb.

Jim konnte nichts unternehmen. Er war der Ohnmacht nahe und konnte doch seinen Blick auf die beiden Männer richten, welche Jones bei dessen Arbeit ziemlich gelangweilt zusahen und ein gequältes Lächeln hervorbrachten. Lisa Hollister hingegen war bereits schreiend aufgesprungen und aus dem Zimmer verschwunden.

Noch immer fraß sich das ohrenbetäubende Schreien des Mannes, welcher Höllenqualen zu erleiden hatte, in ihrer aller Ohren.

Jones lachte ununterbrochen und begann nun, das Messer leicht zu drehen. Die Gegenwehr von Nathaniel war nahezu vollkommen erloschen. Zu sehr war auch er der Ohnmacht nahe, während Jones weiter mit dem Messer das Auge ausschnitt und sich Nathaniel Schmerzen bitterbösester Art ausgeliefert sah, welche er glücklicherweise kaum noch mitbekam und fühlte.

Jim hielt sich die Ohren zu, um die Schreie der Qual nicht mehr hören zu müssen. Aber diese waren überall, hatten sich bereits in Jims Gehirn festgefressen. Er wollte aufspringen, um seinen Vater zu retten, war jedoch nicht in der Lage, sich zu rühren.

Das Schneiden des Messers erzeugte ein ekelhaftes Geräusch. Die Hand von Jones Figurato war befleckt mit Blut. Nun begannen auch die beiden Männer in den überhaupt nicht zu ihnen passenden Anzügen schallend zu lachen. Jim kotzte, während sein Vater weiter gequält wurde, auf den Boden vor sich.

Nach einigen Minuten verstummte das Schreien seines Vaters schließlich. Jim lag mit dem Kopf im Erbrochenen und hörte die langsamen Schritte, welche sich ihm näherten. Sein Atem war schwer und er überzeugt davon, dies alles könne nur ein Traum sein. Die Tränen rannen ihm noch immer das Gesicht hinab und er zitterte am ganzen Körper.

Jones Figurato bückte sich zu Jim herunter.

››Hier, das Andenken. Deinen Vater brauche ich noch.‹‹

Er ließ das blutige Auge in das Erbrochene fallen und wandte sich wieder den beiden Männern zu.

››Schafft ihn hier weg! Ich denke, diese Warnung hat ihm genügt. In die Kammer mit ihm!‹‹

Nun trat auch Lisa wieder in den Raum und hielt sich beim Anblick des Dargebotenen entsetzt die zarte rechte Hand vor ihren Mund, um nicht aufzuschreien. Jones Figurato warf einen angeekelten Blick auf Jim, der noch immer in seiner eigenen Kotze lag, während sich Lisa langsam näherte. Die beiden Männer setzten sich in Bewegung.

››Wo sollen wir seinen Sohn hinbringen?‹‹ wollte der Größere von den beiden wissen.

››Scheiße, das stinkt ja erbärmlich‹‹, wurde Jones Figurato angewidert los.

Er löste sich aus der verkrampften Umklammerung Lisas, um wenig später das herausgeschnittene Auge aufzuheben und dieses in die linke Tasche von Jims Hemd zu stecken.

››Das weiß ich im Moment noch nicht. Sperrt den Penner so lange in den Keller, wenn ihr den anderen in die Kammer eingeschlossen habt. Die Idioten müssen mit einem Wagen gekommen sein. Fahrt den in die vordere Garage und sorgt dafür, dass die Kotze weggemacht wird.‹‹

Er sah kurz zu Nathaniel, dessen Gesicht blutüberströmt war. Der Alte lag da und war wie auch sein Sohn für gewisse Zeit ebenfalls nicht bei Bewusstsein. Der kleinere Bodyguard bemerkte den nachdenklichen Blick von Jones Figurato.

››Sollen wir ihn nicht gleich aus dem Haus schaffen?‹‹ fragte er.

Figurato ließ das blutige Messer zwischen seinen Fingern herumtanzen und schenkte dem Fragestellenden einen zornigen Blick.

››Er bleibt hier. Kümmert euch zuerst um die Karre‹‹, meinte er, bewegte sich auf Nathaniel zu, in dessen Taschen er sogleich zu kramen begann.

Nach kurzer Zeit hielt er grinsend die Autoschlüssel der Corvette in die Höhe. Begleitet von einem zufriedenen ››Na, also‹‹ schleuderte er seinen Fund einem seiner Bodyguards an den Bauch. Der Getroffene bückte sich mit leicht zornigem Blick, hob den Schlüsselbund auf und zog seinen Partner mit sich. Laut sprang Sekunden später die Eichenholztüre hinter ihnen zu.

Für Momente lauschte Figurato den Schritten der beiden auf den knarrenden morschen Holzdielen. Anschließend wandte er sich Lisa zu. Sie hatte Tränen in den Augen und zitterte am ganzen Körper. Immer wieder warf sie kurze verstohlene Blicke auf Nathaniel, der nach wie vor regungslos in die Kissen auf der Couch gedrückt dalag.

››Ist er tot?‹‹ fragte sie und schüttelte dazu den Kopf.

Sie verspürte Unmengen des Hasses diesem Mann gegenüber, war sich zugleich jedoch der Aussichtslosigkeit der Lage bewusst und beruhigte sich schließlich sogar ein wenig.

››Blödsinn. Er hat diese Lektion nötig gehabt. Und ich hab’ das Gefühl, du könntest auch mal wieder eine vertragen.‹‹

Eiskalt


Áris Sorbotas war ein freier Mann. Um wieder in die Freiheit zurückkehren zu können, welche ihm von den Bastarden gestohlen worden war, hatte er das mühevoll aufgebaute Vertrauen seines Wärters zu ihm ausgenutzt.

Nun stand er für wenige Augenblicke unmittelbar vor der kleinen Polizeiwache von Traplehood, in welcher man ihn seit Wochen festgehalten hatte. Im rechten Mundwinkel glimmte eine Zigarette vor sich hin und Áris lächelte selbstgefällig über sein ganzes Gesicht. In seiner hinteren Hosentasche steckte ein fantastisches Buch, welches er sehr liebte.

Mit dem Wärter hatte er ein ziemlich leichtes Spiel gehabt. Er hatte ihn unter dem Vorwand, höllische Kopfschmerzen zu haben, zu sich gebeten und da ihm der allein anwesende Wärter der Wache Traplehood inzwischen vertraute, hatte dieser ohne jedes Zögern die Zelle geöffnet.

Áris hatte die Schritte gehört, die andeuteten, dass der Wärter auf ihn zutrat. Er sah Michael Homper nicht an und handelte stattdessen instinktiv, als er diesem blitzschnell entgegensprang und mit beiden Händen dessen Kehle umgriff. Die Umklammerung verfestigte sich deutlich.

Für Homper geschah all das viel zu schnell. Er war ein alter Mann und einem Großteil seiner körperlichen Kraft längst beraubt worden. Sein Gesicht lief begleitet von seinen lauten, dennoch zu ersticken scheinenden Schreien dunkelrot an.

Der Griff von Áris wurde immer fester und bald schon lag er auf Michael, dem mittlerweile Tränen des Schmerzes über die Wangen rannen.

››Na, was für ein Gefühl ist das, der Unterlegene zu sein?‹‹ fragte Áris, dem die langen und leicht gewellten schwarzen Haare vor dem Gesicht herunterhingen, während er blitzschnell die Waffe – eine Beretta – von Homper ergriff.

Als Antwort erhielt er nichts weiter als ein schrecklich klingendes Röcheln.

Immer wieder verstärkte Áris den Griff, während Homper herum zappelte und wild mit den Beinen auf dem kalten Steinboden der Zelle scharrte. Dann löste sich der Griff und Homper drehte sich auf den Bauch.

Áris nervte das schluchzende Weinen des Alten.

››Homper, alter Bursche. Sei so nett und halt’ endlich die Fresse‹‹, brachte Áris anschließend lächelnd hervor.

Nur langsam verschwand das Rot aus dem Gesicht von Michael Homper. Áris entsicherte die Beretta und zielte mit Hompers Dienstwaffe auf den Hinterkopf des alten Wärters.

››Im Leben geschehen Dinge, zu denen man gezwungen wird, Michael‹‹, gab Áris von sich.

››Nein‹‹, schrie Homper mit hörbarer Todesangst in seiner gebrechlich, schwach und zugleich panisch wirkenden Stimme. Seine Stirn beheimatete etliche Schweißtropfen.

Michael Homper zitterte am ganzen Körper und für einen kleinen Moment starrte er direkt in den auf ihn gerichteten Lauf seiner eigenen Dienstwaffe. In Michaels Kopf spulte sich dessen langes hinter ihm liegendes Leben ab und er blickte nun diesem Verrückten in dessen matte Augen. Homper schlängelte sich mit einer letzten großen Kraftanstrengung erstaunlich schnell zur Seite. Doch das brachte ihm überhaupt nichts mehr.

Áris drückte ab. Der erste Schuss verfehlte sein Ziel und schlug in der Wand der Zelle ein.

››Ich hab’ noch was zu erledigen, Homper. Du warst ein armer Narr. Ich hatte wahrlich ein leichtes Spiel mit dir‹‹, raunte Áris voller Bösartigkeit und Hass in seiner Stimme.

Dann zielte er erneut auf den Hinterkopf des am ganzen Körper zitternden Homper. Der kreischte und schluchzte nun wie eine Hyäne und flehte darum, am Leben gelassen zu werden. Doch Áris drückte erneut ab und diesmal traf er.

Er blickte in diesem Bruchteil einer Sekunde genau hin, als Michael Hompers Kopf getroffen wurde. Die Zelle wurde sofort übersät mit Blut und Teilen des Gehirns.

Langsam bahnte sich das dunkelrote Blut seinen Weg die Wände hinab Richtung Steinboden. Áris steckte die Waffe in die linke Tasche seines Häftlingsanzugs.

››Ein Jammer‹‹, meinte er sanft und beugte sich dann über den leblosen Körper von Homper, um ihm dessen zum Teil ebenfalls blutbefleckte Dienstkleidung auszuziehen.

Immer wieder hatte er dabei für Momente das Flehen und Röcheln von Homper in den Ohren, während er sich schnell Kleidungsstück für Kleidungsstück umzog.

››Das ist für die verlorene Zeit, Hurensohn‹‹, meinte er und trat noch einmal fest gegen Hompers Kopf.

Dies erzeugte ein ekelhaftes Geräusch und Áris Sorbotas begann laut zu lachen.

››Verbrenn’ in der Hölle, Bastard!‹‹

Zwei Minuten später stand er vor der Polizeiwache des kleinen Ortes nahe Hitchten und rückte sich zufrieden die Dienstmütze zurecht. Dann zündete er sich eine der letzten Zigaretten aus Hompers Packung an und nahm immer wieder längere Züge an dieser.

››Nun ist die Zeit bald gekommen‹‹, sagte er sich selbst lächelnd, sah sich nur noch einmal zu beiden Seiten, nicht jedoch zum Gebäudekomplex der kleinen Wache um, und setzte sich dann die Zigarette von sich schnippend in Bewegung.

In der Tat, er war ein freier Mann und alles hatte seltsam einfach funktioniert. Selbstverständlich war sich Áris darüber bewusst, dass die Polizeiwache Traplehood gegen die Vorschrift verstoßen hatte, welche besagte, dass stets zwei Beamte anwesend zu sein hatten und schon gar nicht ein einzelner Wärter in die Zelle eines Gefangenen durfte.

Das mühsame Aufbauen des Vertrauens zwischen Homper und ihm – dem Mann, der nach dem zweifachen Mord, was beileibe nur einen Bruchteil der von ihm begangenen Tötungen ausmachte, vor über dreißig Tagen hier in der Zelle bis heute auf das Urteil ausgeharrt hatte – war tatsächlich belohnt worden.

Töten bereitete Áris Sorbotas, dem achtundvierzigjährigen früheren Hausmeister, nichts weiter als größte Freude. Und nun, da der Winter ihm leichte Schneeflocken entgegen wehte, da hatte er ein großes Ziel, sah einen Namen, der vor seinen Augen immer wieder schnell und unregelmäßig rot aufleuchtete.

Er verspürte großen Hass und bemerkte den gnadenlosen Hunger in sich…

Ratlos


Lenny hatte sehr schlechte Laune, denn wieder einmal schien Jones Figurato alles perfekt gemacht zu haben. Dieser Mistkerl lernte schnell und seit er zuletzt neun Monate eingesessen hatte, hatten sie ihm keine weiteren Taten nachweisen können, welche er Lennys Meinung nach begangen hatte.

Sie hatten den Tabakladen von Figuratos Bruder mitsamt Alec Figurato zwecks eines Verhörs dieses Typen längst verlassen und nun saß er in seinem Büro, welches wie immer schlecht belüftet war.

Er konnte nichts weiter unternehmen, als den jüngsten Fall auch weiterhin als nicht abgeschlossen zu betrachten. Ihm war durchaus bewusst, wie beschissen die Lage derzeit war. Doch diesmal würde er Figurato nicht so einfach davonkommen lassen. Dieser Schurke ließ sie alle lächerlich aussehen, was der hauptsächliche Grund für Lennys überaus grauenhafte Laune war. Sicher: Auch ihm war bewusst, dass er sich nicht selten hatte schmieren lassen von diesem Ekelpaket Jones Figurato. Aber das war etwas anderes. Wenn Geld geflossen war – und davon nicht zu wenig –, dann waren die begangenen Taten weitaus weniger brutal gewesen. Aber das hier war eine andere Liga.

An diesem Samstagnachmittag um kurz nach fünf Uhr bat ihn sein Vorgesetzter in dessen Büro. Mit sehr unbehaglichem Gefühl und noch immer diese große Enttäuschung verspürend machte sich Lenny auf, um wenig später aus seinem Büro zu verschwinden und den kargen langen Gang entlang zu gehen, um dann das Büro von Fuller zu betreten.

››Nimm Platz, Lenny‹‹, meinte Samuel Fuller, der Vorgesetzte mit der runzeligen Stirn und dem ersten Anfall grauen Haares.

Lenny konnte Samuel Fuller nicht besonders gut leiden und er hatte niemals versucht, dies ihm gegenüber zu verheimlichen. Seltsamerweise jedoch schien dies für Fuller kein Problem darzustellen. Wahrscheinlich arbeitete er lieber mit ehrlichen Menschen zusammen.

Samuel Fuller strich mit der rechten Hand über seinen teuren Schreibtisch, welcher erst wenige Wochen in seinem großen Büro stand. Er grinste Lenny mit einem gekünstelten Lächeln zu und wirkte ausgesprochen verärgert.

Lenny hatte sofort erkannt, dass irgendetwas Besorgniserregendes geschehen sein musste. Er hoffte, Fuller möge ihn an diesem verschneiten Samstagnachmittag nicht auf den jüngsten Mord im Hinterzimmer von Figuratos Tabakladen ansprechen, aber selbstverständlich tat ihm der diesen Gefallen nicht.

››Wie kommst du in der ›Figurato‹-Sache voran?‹‹ kamen die Worte schnell aus Fullers schmalem Mund geschossen.

Er strich sich durch sein kurzgeschorenes Haar und tippte dann mit den Fingern auf die Platte des Schreibtisches.

Lenny war danach, Samuel Fuller einen festen Schlag in dessen Gesicht zu verpassen.

Stattdessen antwortete er leicht gereizt klingend: ››Samuel, du weißt doch, dieser Figurato macht seine Sache verdammt gut. Er hält uns zum Narren. Aber glaub’ mir, ich werd’ mir den Pizzafresser schnappen.‹‹

Lennys Wut wurde immer unbeschreiblicher. Samuel Fuller inspizierte Pinkerflobble genau und nickte dann wenig zufrieden dreinblickend.

››Halt’ dich ran, Lenny! Du weißt, was die Medien mit uns beim letzten Mal veranstaltet haben. Diese Scheiße darf sich nicht wiederholen. Nun zu meinem Anliegen…‹‹, begann er.

Lenny blickte seinen Vorgesetzten gespannt und von nahezu kochender Wut begleitet an und verspürte zudem plötzlich großen Hunger.

Fuller schien nicht zu wissen, wie er seine Neuigkeit verkünden sollte. Er erhob sich und drehte sich zum Fenster um.

››Ein Zwischenfall hat sich ereignet, Lenny. Und zwar kein sehr angenehmer. Sagt dir der Name Áris Sorbotas noch was? Klingelt‘s da bei dir?‹‹ fragte er und wandte sich wieder Lenny zu.

Der hatte den Namen beiläufig bei einer der letzten Dienstbesprechungen aufgeschnappt, konnte ihn jedoch nicht genau einordnen.

››Hilf mir auf die Sprünge‹‹, bat er.

Samuel Fuller marschierte um seinen Schreibtisch und trat dann genau neben Lenny.

››Dieser Bursche war vorübergehend in Traplehood in Zwangshaft. Er hat zwei Morde begangen und ist aus diesem Grund bis zu einer Gerichtsverhandlung, welche nächste Woche stattfinden sollte, in der Polizeiwache Traplehood unter größter Aufsicht festgehalten worden.‹‹

Lenny unterbrach seinen Vorgesetzten. Ihm fiel auf, dass Fuller irgendwie Ähnlichkeit mit dem Typen aus dem Horrorfilm hatte, den er am Abend zuvor daheim gesehen hatte. Der Mann in dem Film hatte mit einem bestialischen Grinsen im Gesicht und einer Kettensäge in einer Kirche alles zersägt, was ihm in den Weg gekommen war. Das waren nicht nur leblose Gegenstände gewesen. Etwas schaudernd schob er die Erinnerung an den ziemlich miesen Streifen zur Seite.

››Weshalb sagst du, dass er gefangen gehalten wurde? Was ist geschehen?‹‹

Samuel Fullers Miene verfinsterte sich.

››Nun, dazu komme ich jetzt. Sein Anwalt hat viel Druck ausgeübt. Wir haben ein Hintertürchen gefunden, um diesen Mistkerl bis zur Verhandlung im Gefängnis zu verwahren. Da war er auch, zumindest bis heute. Nun ist das Mistviech ausgebrochen. Hat einen Wärter ziemlich übel fertiggemacht. Er muss sich dessen Vertrauen erschlichen haben. Jedenfalls hätte der Wärter niemals alleine in die Zelle gehen dürfen. Tja… Nun singt er Arien mit den Engeln.‹‹

Lenny sah seinen Vorgesetzten mit entsetzten Augen an. Auf ihn schien eine lange Arbeitsnacht zuzukommen.

››Der Kerl ist extrem gefährlich. Wir haben alles eingeleitet, um diesen Typen so schnell wie möglich dorthin zu befördern, wo er hingehört. Die Scheiße wird auf allen Kanälen ausgestrahlt, jede Stunde. Das ganze verfluchte Internet ist voll von nach Sensation hechelndem Schwachsinn. Lenny, aus Sorbotas’ Akten ergibt sich ein seltsamer Zufall, weswegen ich dir all den ärgerlichen Mist persönlich mitteilen wollte.‹‹

Samuel Fuller blickte Lenny eindringlich an. Er bemerkte, dass dieser wohl sehr an der am Morgen im Tabakladen entdeckten Schweinerei zu knabbern hatte.

››Was für einer, Samuel?‹‹

Er benutzte den Vornamen seines Vorgesetzten nicht gerne, irgendwann jedoch hatten sie sich darauf geeinigt.

››Der Zufall, von dem ich spreche, ist der, dass dieser Bastard Beziehungen zu einem dir altbekannten Wichser pflegt.‹‹

Wieder dieser eindringliche und prüfende Blick.

››Zu wem?‹‹ brachte Lenny zögernd hervor, wusste jedoch die Antwort.

Fuller konnte Lennys Vorahnung in dessen Gesicht ausmachen.

››Ganz recht. Figurato und Sorbotas. Diese beiden Höllenhunde kennen sich schon seit etlichen Jahren. Haben einige miese Dinger zusammen abgezogen, diese durchgedrehten Psychopathen. Früher oder später wird dieser Hurensohn sicherlich Jones Figurato aufsuchen. Und du haftest dich mit Alan an seine Fersen!‹‹

Mit diesen Worten bedeutete Fuller seinem Gegenüber, ihn nun wieder alleine zu lassen.

Ratlos und wütend verließ Lenny das Büro von Fuller und wünschte sich, niemals diesen verfluchten Beruf gewählt zu haben.

Áris Sorbotas


Áris Sorbotas konnte noch immer nicht glauben, dass ihm die Flucht aus der Polizeiwache Traplehood derart leicht gemacht worden war. Der Tag neigte sich seinem Ende entgegen und er wusste, dass längst nach ihm gefahndet wurde. Aus diesem Grund hatte sich Áris nur sehr kurz dem wunderbaren Gefühl der Freiheit hingegeben und schon bald damit begonnen, Pläne zu schmieden, um unerkannt zu bleiben.

Für seine Flucht aus Traplehood nutzte er einen Waldweg, welcher schließlich vor der Pforte von Hitchten enden würde. Für den Fußmarsch, welchen er nach dem langen Zellenaufenthalt sehr genoss, benötigte er bis zum Abend dieses Samstags.

Seine Füße schmerzten und großer Hunger hatte ihn heimgesucht. Während seines langen, bedachten und doch sehr riskanten Spaziergangs durch den großen Wald konnte er ab und zu ein lautes Fluchen nicht verhindern.

Áris hatte darauf verzichtet, bereits in Traplehood einen Wagen zu knacken, um mit diesem nach Hitchten zu gelangen. Das Einzige, was für ihn klar gewesen war, war die schnelle Flucht in den dichten und zu dieser recht späten Tageszeit wenig heimgesuchten Wald, welcher sich zwischen Traplehood und Hitchten lange dahin zog. Dieser Wald war ihm alles andere als unbekannt, da er dort bereits in der Vergangenheit gewütet und getötet hatte.

Die Gefährlichkeit, durch den Wald zu marschieren, wo doch nach ihm gesucht wurde, war ihm durchaus bewusst. Er liebte die Gefahr und scheute auch das nahezu wahnsinnige Risiko nicht.

Um kurz nach sieben Uhr am Abend – er hatte mehr als vier Stunden gebraucht, um von Traplehood nach Hitchten zu gelangen – entdeckte er die ersten Häuserreihen am Rande von Hitchten sowie den Hudston-River. So schlich sich Áris bei leichtem Schneefall in der eisigen Kälte dieses Abends in den Randbezirk Harlington.

Dort begab sich der irre Grieche sogleich auf die Suche nach einem Wagen, welchen er wenige Minuten später in einer recht verlassenen Gegend auch fand. Ein Auto zu knacken war für Áris Sorbotas das reinste Kinderspiel. Wenig später saß er im Inneren des Mercedes Benz und rieb sich die kalten Hände. Erst jetzt spürte er, dass er auf dem langen Fußmarsch durch den dichten Wald halb erfroren war und nur langsam wärmte sich sein Körper wieder auf.

Áris wartete ein paar Minuten ab und schloss den Wagen schließlich kurz.

Er musste schleunigst an Geld kommen, um sich vollkommen neu einzukleiden. Außerdem – das wurde ihm schmerzlich bewusst, denn er liebte sie – würde er sich von einem Großteil seiner Haare trennen müssen.

››Entschuldigen Sie?‹‹ fragte Áris, kurz nachdem er den Benz nahe dem Stadtpark abgestellt hatte.

Der alte Mann wandte sich langsam und ängstlich zuckend zu ihm um. Er blickte in die Augen des reinsten Hasses.

››Könnte ich wohl für einige Momente Ihre Aufmerksamkeit erlangen?‹‹ fragte Áris weiter, die Eisenstange, welche er im Kofferraum des Wagens gefunden hatte, noch immer unter der Dienstkleidung versteckend.

››Wie kann ich Ihnen behilflich sein?‹‹ fragte der alte Mann, dessen Augen verbraucht und müde wirkten, zögerlich.

Im Stadtpark war wenig los und diese Tatsache begünstigte die Pläne von Áris Sorbotas. Er spürte, dass der Alte seiner Maskerade einer Wärterkleidung nicht so recht zu trauen schien.

››Sehen Sie, ich habe mich schon immer gefragt, was für ein Gefühl das sein mag, eine Eisenstange in den Rücken geschlagen zu bekommen. Vielleicht können Sie mir danach eine Auskunft rund um diese Frage geben?‹‹

Mit einem wahnsinnigen Lächeln zog er blitzschnell, noch ehe der Alte um Hilfe hätte schreien können, die Eisenstange hervor und schlug auf den Mann ein.

Ein berstendes und lautes Geräusch trat in die Luft. Mit einem Aufschrei der Qual ging der Mann in dem grauen Mantel zu Boden. Áris beeilte sich sehr und schlug ein weiteres Mal fest mit der Eisenstange in den Rücken des zu bemitleidenden Mannes. Dann griff er, nachdem er sich erst nun nach Menschen umgesehen hatte, schnell in die Innentasche des Mantels jenes Mannes, den er soeben totgeknüppelt hatte.

Der erste Teil hatte wunderbar funktioniert. Mit einem letzten Blick auf den Mann und noch immer die Eisenstange in der Hand haltend rannte er schnell dem alten Benz entgegen. Nachdem er die Geldbörse überprüft und sofort mehr als zweihundert Dollar in bar gezählt hatte, setzte er den Wagen erneut in Bewegung. Für ihn war vollkommen klar, was er als nächstes zu erledigen hatte.

Er fuhr durch die Straßen dieses Außenbezirkes von Hitchten und hielt Ausschau nach einem öffentlichen Telefon. Einige Minuten später wählte er, als er beim dritten Telefon erleichtert festgestellt hatte, dass sich dort noch niemand als Andenken den Telefonhörer mit nach Hause genommen hatte, die Nummer einer ihm sehr bekannten Person.

Ein unerwarteter Anruf


Der Butler trat direkt auf Jones zu und sprach: ››Telefon, Mister Figurato.‹‹

Figurato starrte seinen Butler wütend an. Er war stark gereizt.

››Wer, verflucht noch mal, ist dran? Dieses verdammte alte Handy nutze ich überhaupt nicht mehr.‹‹

››Er nennt keinen Namen, hat mir jedoch die große Dringlichkeit verdeutlicht, Sie zu sprechen.‹‹

Wütend nahm Figurato sein altes Mobiltelefon, welches der Butler für ihn aufbewahrte, entgegen.

››Wer ist da, verdammt noch mal?‹‹ fluchte Figurato.

D

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