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Träume sterben nie

Hinweis & Widmung

Hinweis:

Bei diesem Werk handelt es sich um einen Roman.

Die dargestellten Personen sind frei erfunden.

Etwaige Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit real

existierenden Menschen wären rein zufällig.

Alle beschriebenen Handlungen 

sind zwar an die Realität angelehnt,

beziehen sich aber nicht auf konkrete Begebenheiten.

Auch hier wären ale Ähnlichkeiten rein zufällig. 

Widmung:  

Solange es Fans gibt,

wird es Träume geben.

Solange es Träume gibt, 

wird es Sehnsucht geben.
Solange es Sehnsucht gibt, 
wird es Musik geben.
Solange es Musik gibt, 
wird es Stars geben.
Solange es Stars gibt, 
wird es Jessicas geben.

Deshalb widme ich dieses Buch allen 
Jessicas, Marios und Felix´.
Das Leben geht weiter!

Das erste Konzert

Es wird geschubst, gedrängelt und geschoben. Schon wieder bekomme ich einen Hieb in die Rippen.

Bevor mir noch jemand mitten ins Gesicht sagt, dass eine "Oma" wie ich hier nun absolut nichts zu suchen hat, halte ich Ausschau nach einem ruhigen Plätzchen, von wo aus ich die Lage überblicken kann, ohne mich in akute Lebensgefahr zu begeben. Irgendwohin wird man sich doch auch in einem solchen Chaos verdrücken können...

Mein Blick fällt auf eine Lautsprecherbox, die einladend einsam im Raume steht. Jetzt muß es mir nur noch gelingen, mich meiner nervös tänzelnden Begleitung neben mir verständlich zu machen. Siehe da, ein kleiner Knuff in ihre Schulter genügt schon, um sie aufschrecken zu lassen. Meine Rettung scheint in Sicht.

"Janina, mach was du willst, ich verschwinde. Wir treffen uns nach dem Konzert an dem Imbissstand. Wenn du das in dem Hexenkessel aushältst, ist es okay. Für mich ist das nichts".

"Was?"

Gut, schreien wir eben noch lauter...

"Ich verziehe mich - nach dem Konzert am Imbissstand - okay?"

Ein verständnisvolles Nicken.

"Alles klar Mama. Wir sehen uns dann!"

Leichtfüßig schlängelt sie sich durch die vielen Menschen ganz nach vorne zur Bühne. Wer ihr im Wege steht, wird höflich aber bestimmt um Durchlass gebeten - und man macht ihr Platz. Es ist unglaublich. Allein mit ihrem Lächeln erreicht sie einfach alles was sie will. Andere müssen hart kämpfen und bekommen nicht mal das, was ihnen zusteht. Janina fällt alles in den Schoß. Mit ihrem Charme wickelt sie die Menschen so geschickt um den kleinen Finger, dass sie es nicht mal merken.

Auch mich hat sie auf diese Art und Weise dazu gebracht, heute hierher zu fahren. Fast 500 km für ein einziges Konzert...

Seit Wochen liegt sie mir damit schon in den Ohren. Da kann man doch gar nicht nein sagen. Zumal sie schon so lange für diesen Jungen schwärmt. Ihr ganzes Zimmer ist ein einziger "Jerry Thompsan - Gedächtnistempel". Und dies ist das letzte Konzert, das er in diesem Jahr in Deutschland gibt - also ihre allerletzte Chance.

Überhaupt - so ihr Argument - war sie noch nie bei einem Konzert. Und es wäre wohl nicht zuviel verlangt, wenn ich ihr die Eintrittskarte zum 14. Geburtstag schenken würde. Sie wird ja schließlich nur einmal 14 - das wäre schon was ganz besonderes.

Ich musste ihr recht geben.

Verdutzt schaute sie mich an.

"Kein Widerspruch? Mama, geht's Dir auch wirklich gut?"

Wie immer, wenn sie mich so fragend anschaute, legte sie ihren Kopf schief und ihre Stirn zierten viele kleine Dackelfältchen.

"Kein Widerspruch!"

"Ach Mutti, Du bist ein Schatz!

Wir fahren also tatsächlich hin?"

"Ja, wir werden fahren..."

Zu mehr kam ich nicht. Stürmisch fiel sie mir um den Hals und gluckste vor Freude. Dann riss sie sich eilig los.

"Ich muss sofort Sarah anrufen. Die wird blass vor Neid!
Stell dir vor, ihr Alter hat doch tatsächlich strikt verboten, dass sie zu diesem „Schreihals ohne Moral“ fährt..."

Schon läuft sie zum Telefon.

Wie würde Janinas Vater wohl reagieren, wenn seine Tochter ihn anflehen würde, zu solch einer Veranstaltung zu fahren? Ich versuchte mich in seine Lage zu versetzen, doch ich konnte meine Frage nicht beantworten. Zu lang war es her, dass ich ihn kannte. Eigentlich wusste ich auch viel zu wenig von ihm. Ich hoffte, dass er Verständnis für seine Tochter hätte.

Das erste Konzert... Wie lange lag das bei mir schon zurück?

Anders als Janina war ich damals ganz zufällig da hineingeraten.

Mario


Ich muss ungefähr in ihrem Alter gewesen sein, als ich auf dem Schulweg von einer Klassenkameradin angesprochen wurde, ob ich nicht Lust hätte, am Wochenende mit zu einem Konzert zu fahren. Sie hätte noch eine Karte übrig, weil kurzfristig jemand abgesprungen sei und es wäre doch schade, sie verfallen zu lassen.
Ich erklärte ihr, dass ich erstmal meine Eltern um Erlaubnis fragen müsste. Sie verstand und sagte, dass ich ihr aber schnell Bescheid geben sollte.

Da ich noch nie auf einem Konzert war und mich auch noch nie irgend jemand gefragt hatte, ob ich etwas mit ihm unternehmen möchte, tat ich mich erst sehr schwer, meinen Eltern von dem Vorhaben zu berichten. Ganz vorsichtig tastete ich mich vor. Ich erzählte, dass meine Klassenkameraden diese Fahrt zum Konzert geplant hätten...

Meine Mutter schaute erst mich, dann meinen Vater völlig verwundert an.
Das wars - dachte ich.

Die tatsächlich nachfolgende Reaktion überraschte mich vollkommen.

"Kind, Du möchtest mit zu dem Konzert? Bist Du Dir ganz sicher? Und sie wollen Dich mitnehmen? Dann überlege nicht lange. Wenn Du wirklich Lust dazu hast, dann wird es Zeit, dass Du endlich mal was anderes siehst als Dein Zimmer und Tiere. Wir werden uns natürlich Sorgen um Dich machen und froh sein, wenn Du heil wieder Zuhause ankommst, doch wenn Du es für richtig hältst, dann geh!"

So kam es, dass ich Samstagmorgen vor dem Kleiderschrank stand und der Verzweiflung nahe war. Was sollte ich nur anziehen? Alles, was ich fand, waren Jeans und Sweat-Shirts. Zieht man so was zu einem Konzert an? In der Ecke des Schrankes hingen noch ein paar alte Kleider. Mit denen konnte ich wohl auch keinen Blumentopf mehr gewinnen... Zig mal zog ich mich an und wieder aus. Doch zufrieden mit dem, was ich da im Spiegel sah, war ich eigentlich nicht.

Egal, es wurde höchste Zeit. Mit den anderen sollte ich mich an der Bushaltestelle treffen und bis dahin hatte ich noch gut 10 Minuten zu laufen. Es regnete in Strömen und ich hatte natürlich keinen Regenschirm dabei. Das bisschen Make-up, das ich mir aufgelegt hatte, lief schon nach den ersten Metern über mein Gesicht. Ich sah bestimmt aus wie eine Vogelscheuche!

Am Treffpunkt angekommen, bog auch schon ein alter VW-Käfer um die Ecke. Mit quietschenden Reifen bremste er direkt vor mir ab. Am Steuer saß der Bruder von Sabine. Sabine war das Mädchen, das mich wegen der Karte angesprochen hatte. Sie saß auf dem Beifahrersitz und begrüßte mich mit einem freundlichen "Hallo". Leider gehörte mir der Rücksitz nicht alleine. Zwei Mädchen, die ich bis dato noch nicht kannte, hatten es sich hinten schon bequem gemacht. Ich machte mich so klein wie möglich und beschloss die Lage erstmal eingehend zu prüfen.

Auf der Fahrt herrschte eine Bombenstimmung. Die Mädchen alberten ständig herum. Die konnten wirklich nicht mal für zwei Minuten ernst bleiben. Und dann fingen sie auch noch an, sich die tollsten Stories über den Sänger zu erzählen, zu dessen Auftritt wir unterwegs waren. Er würde wohl kein Mädchen auslassen und von Rauschgift hätten sie in Verbindung mit seinem Namen auch schon gehört.

Rauschgift? Das ist ja wohl das Allerletzte!

Wohin bringen die mich?

Ach, wie gerne hätte ich jetzt ganz allein Zuhause in meinem Zimmer gesessen...

Petra, das Mädchen neben mir, fragte mich, ob sie mich nachschminken solle. Sollte sie das? Warum nicht! Schlimmer konnte es ja nicht mehr werden...

Dabei kamen wir ins Gespräch. Sie war vier Jahre älter als ich und eigentlich gar nicht so übel wie es erst aussah.

In der Großstadt, in der das Konzert stattfand, angekommen, hatte sich meine Stimmung völlig gewandelt. Jetzt fing ich auch schon an, über die Scherze der anderen zu lachen. Und das Leben eines Popstars schien wirklich interessant zu sein...

Voller Neugier betrat ich mit ihnen die große Konzerthalle. Sie stürmten gleich nach vorne und waren jetzt vollends aufgedreht. Gespannt auf das, was mich hier erwartete, rannte ich ihnen hinterher.

Endlich gingen die Lichter aus und eine gewaltige Fanfare ertönte. Nebel stieg empor, der Vorhang hob sich. Wie aus dem Nichts erschien, begleitet von einem höllisch lauten Knall, eine Band auf der Bühne. Der Krach, den sie dort veranstalteten, ließen Sabine & Co. vor Entzücken hüpfen und schreien.

Da ich mit dieser Art von Musik nun überhaupt nichts anzufangen wusste, bastelte ich mir wieder meinen eigenen Film. Das tat ich oft. Ich spielte darin meist die schöne Prinzessin, der alle zu Füßen lagen. Plötzlich riss mir mein Film.

Auf der Bühne wurde ein "Special Guest" angesagt. Den Namen konnte ich vor lauter Krach um mich herum nicht verstehen, doch als er sich aus der Kulisse löste und in den Vordergrund kam, tat sich etwas in meiner lupenreinen, jungen Seele.
Mein Blick hing völlig gebannt auf diesem Gesicht. Ich konnte einfach nicht davon ablassen. So sehr ich es auch versuchte. Wie hypnotisiert starrte ich in diese Augen. Augen, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sanft und gleichzeitig wild - wie die einer Raubkatze. So waren auch die Bewegungen dieses Mannes - geschmeidig und unberechenbar. Seine Haut war braungebrannt, die Zähne strahlend weiß und seine Haare fielen wirr auf die Schultern. Seine gesamte Ausstrahlung ließ mich erschaudern. Meine Knie zitterten und Schweiß trat mir auf die Stirn.

Nie zuvor hatte ich fremde Menschen um etwas gebeten, doch jetzt schlich ich mich unaufhaltsam weiter nach vorne in die erste Reihe. Immer wieder fragte ich, ob ich vielleicht mal durch dürfte, weil ich doch so klein wäre und gar nichts sehen könnte. Das war irgendwie gar nicht mehr ich, die da sprach. Ich hätte das doch nie gewagt.

Und dann stand ich dort am Bühnenrand und fixierte immer noch dieses Gesicht - bis es mich anlächelte... In diesem Augenblick glaubte ich zu wissen, was man fühlt, wenn man liebt.

Das Konzert ging zu Ende, ohne dass es mir überhaupt bewusst wurde. Von weit her hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Es war Petra, die mich verzweifelt suchte.

"Mensch, wo steckst Du denn? Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Die anderen sind zum Bühnenausgang vorgegangen und wollen versuchen, ein Autogramm zu erhaschen. Komm schnell, sonst verpassen wir noch alles..."

Irgend etwas schien ihr an mir nicht zu gefallen. Fragend schaute sie mich an.

"Jessica, ist etwas mit Dir? Was ist passiert? Geht es Dir nicht gut?"

Fast lautlos stammelte ich:

"Wer war das?"

"Wer war was?"

"Wer hat da eben gesungen?"

"Ach der! Der war ja nun wirklich überflüssig. Aber der Rest des Konzerts war doch echt dufte, oder?"

"Der Rest? - Wer war ER?"

"Meine Güte, was findest Du an diesem Heini? Das war Mario. Einfach nur Mario. Ein Newcomer. Der ist doch nun wirklich nicht das Gelbe vom Ei! Sag nur, der hat Dir gefallen? Das ist doch ein kleines Würstchen. Der mit seinem deutschen Tralala. Ich weiß überhaupt nicht, wo sie den ausgegraben haben..."

"Mario...?"

"Ja, Mario! Und jetzt komm endlich!"

"Ne, wie süß! Ist das Deiner?"

"Ja, das ist mein Hund."

Während ich mich zu dem kleinen Kerl auf den Boden setzte, um ihn zu streicheln und mit ihm zu spielen, erzählte mir Mario, dass er schon auf dem Wege zum Auto war, als ihm auffiel, dass er seinen Hund hier vergessen hatte. Dann hatte er mich dort stehen sehen und sich gedacht, dass man mich mal mit hinter die Kulissen nehmen könnte, wenn ich hier schon so verloren rumstünde...

In diesem Moment kam der "Star des Abends" den Flur entlang. Im Vorbeigehen rief er: "Tschau Mario, bis morgen!"

"Hey, warte mal..." Mario lief ihm hinterher.

Kurze Zeit später kam er mit einem Autogramm in der Hand wieder zu mir und dem kleinen Hund zurück.

"Hier, das habe ich Dir besorgt. Vielleicht freust Du Dich ja darüber?"

Na ja, ob ich mich freute, konnte ich nicht sagen. Ich mochte diesen Kerl einfach nicht und mit Autogrammen konnte ich noch nie etwas anfangen. Ich fand die Idee aber wirklich unheimlich lieb.

Zu allem Überfluß wurde ich vor Verlegenheit auch gleich wieder ganz rot und hauchte nur ein leises "Danke".

Mario meinte dann noch:

"Weißt Du, die anderen da draußen warten nämlich vergeblich. Er verschwindet jetzt durch einen kleinen Eingang auf der anderen Seite des Gebäudes, wo schon sein Wagen auf ihn wartet..."

Dann drückte er mir auch noch ein Autogramm von sich selbst in die Hand, das ich nie verlangt hatte.

Es war einfach unglaublich, wie süß er war.

Er stand hier vor mir und grinste so schelmisch wie ein kleiner Lausejunge und doch war da etwas sehr männliches an ihm, das mich magisch anzog. Wunderschöne Hände hatte er. Das war mir gleich aufgefallen, als er mir die Karte reichte. Seine Finger waren lang und schlank - fast feminin. Die Nägel kurz und sehr gepflegt. Außerdem roch er unverschämt gut.

Aber eines war mir doch bitter aufgestoßen: Wie konnte man nur so etwas wertvolles wie einen Hund - seinen immerhin besten Freund! - vergessen? Er mußte ein völliger Chaot sein!

Und ich hatte mich gerade unsterblich in ihn verliebt.

Nachdem er mich ganz brav wieder dort abgestellt hatte, wo er mich gefunden hatte, gab er mir zum Abschied noch einen kleinen Kuß auf meinen Mund. Seine samtweichen Lippen spürte ich auch dann noch, als er schon längst wieder verschwunden war.

Als wenn es erst gestern gewesen wäre, höre ich immer noch sein:

"Tschüss, mein Kleines! Es war schön Dich zu treffen. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder!"

Mario hinterließ damals ein völlig verwirrtes Mädchen - im Volksmund auch Fan genannt, das ab sofort keinen anderen Gedanken mehr fassen konnte, als ihn so schnell wie möglich wiederzusehen.

Heute steht meine Tochter dort vorne. Was geht wohl in ihr vor? Hat es sie vielleicht gerade in diesem Moment auch so tierisch erwischt? Wenn ja, dann wünsche ich ihr, dass ihre Träume niemals in Erfüllung gehen, denn Träume können unendlich schmerzen und sie lassen einen nie mehr los. Aber vielleicht kann man unerfüllte Träume irgendwann abstreifen - vielleicht ist das möglich. Aber sicher nur, wenn man sie niemals gelebt hat.

Ach verdammt, warum bleibe ich nicht endlich mal mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen? Träume hin oder her. Das alles ist nicht mehr. Schließlich habe ich eine fast erwachsene Tochter und hänge immer noch Teenagerträumen nach. Was soll das? Die Helden von gestern sind längst müde.

Konzentrieren wir uns auf die Helden von heute. Mal sehen, was der Junge auf der Bühne so zu bieten hat. Janina reißt mir den Kopf ab, wenn ich nach dem Auftritt nicht genau weiß, was dort oben abgelaufen ist.

Man mag mich ja für altmodisch halten, doch ich kann dem deutschen Schlager immer noch eine Menge mehr abgewinnen. Obwohl, der Kleene dort oben ist echt nicht schlecht.

Da vorne an der Absperrung zur Bühne muss ja der Teufel los sein. Ständig sehe ich Sanitäter. Hoffentlich ist bei Janina alles klar!

Die armen Mädchen, die da rausgeschleppt werden. Da haben sie sich wochenlang, vielleicht sogar Monate - oder noch länger auf das Konzert gefreut und dann machen sie schlapp und kriegen überhaupt nichts mehr mit.

Dabei geht man in diesem Gedränge wirklich leicht k.o.

Der Plan

Nach diesem Abend, an dem ich Mario das erste Mal begegnet bin, war plötzlich nichts mehr so wie früher.

Zuhause stellte ich sein Bild auf meinen Nachttisch. "Für Jessica alles Liebe und Gute" hatte er darauf geschrieben. Noch lange sah ich es an - bis die Müdigkeit mich übermannte und ich irgendwann im Morgengrauen meine Augen schloss.

In meinen Träumen war er mir dann wieder ganz nah. Wir lagen Hand in Hand unter einem wunderschönen alten Baum und der Hund wühlte auf der Wiese nach Mäuschen. Gerade wollte Mario sich zu mir herüberbeugen, um mich zu küssen, da kam eine Horde wild gewordener Fans auf uns zugerannt. In Panik flüchteten wir. Wir rannten und rannten, doch wohin wir auch liefen, sie waren schon da. Er war zu schnell, ich konnte ihm nicht mehr folgen. Schon verschwand er hinter einer grauen Häuserwand. Ich fand ihn nicht wieder...

Doch irgendwo in meinem Kopf hatte er sich festgebissen. Tief in irgendwelchen Gehirnwindungen und noch tiefer in meinem Herzen.

Aus Angst ausgelacht zu werden, sprach ich mit niemanden über meine unendliche Sehnsucht. Nur unserem Nachbarshund, den ich jeden Tag spazierenführte, weil meine Eltern mir keinen eigenen erlaubten, beichtete ich meinen Kummer, erzählte von meinen Ängsten und Sorgen, von Mario und meinen Träumen.

Und dann vertraute ich ihm noch etwas an:

Ich wollte einmal seine Frau werden, wünschte mir, dass er mich in seine Arme nehmen würde und mir alle Zärtlichkeit der Welt gäbe. Doch noch hatte ich nicht viel Ahnung wie so etwas abläuft, war mir aber ganz sicher, dass er es mir zeigen würde.

Dann spürte ich wieder seine zarten Lippen und sah seine Hände. Hände, die sicherlich fähig waren, zu verzaubern. Heimlich nahm ich mir fest vor, schnell erwachsen zu werden, um ihm gehören zu können.

Ich weiß nicht, woran es nun wirklich lag, doch weit vor meinen Altersgenossinnen reifte ich tatsächlich zur Frau - wenigstens rein äußerlich.

Aber wo war er?

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, denn plötzlich überschlugen sich die Ereignisse und schon bald wussten alle und nicht nur der brav zuhörende Hund, für wen mein Herz schlug.

Mario landete einen Riesenhit und ich konnte meine Gefühle nicht mehr für mich behalten.

Von allen Titelblättern lächelte er mir vierfarbig entgegen. Jeder Radiosender spielte sein Lied.

Ich wusste überhaupt nicht, welche Zeitschrift ich zuerst kaufen sollte. Jeden Schnipsel über ihn schnitt ich fein säuberlich aus und klebte ihn in eine Mappe.

Seine Platte lief bei mir rauf und runter. Der Plattenspieler kam Tag und Nacht nicht zur Ruhe.

Meine Eltern waren schon mit den Nerven am Ende. Besonders der Tumult, wenn ein Fernsehauftritt angesagt war, zerrte ganz gewaltig an ihren Kräften. Schon Tage vorher rannte ich Zuhause herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. Immer wieder erinnerte ich sie daran, dass sie mich daran erinnern sollten, dass ich mir ja die Sendung anschaute. Nicht auszudenken, wenn ich es verpasst hätte...

Während des Auftritts durfte kein Wort gesprochen werden. Meine Nase drückte ich fast am Bildschirm platt und mein Vater musste auf sämtliche Lieblingssendungen im anderen Kanal verzichten, um sich das Gejohle - wie er es nannte - anzuhören.

Auf meine besten Jeans hatte ich in Riesenlettern seinen Namen gestickt. So nach und nach ersetzten seine Poster die Tierbilder an meiner Wand.

Ich hatte solche Sehnsucht nach ihm, dass ich keine Nacht mehr schlafen konnte.

Bei meinen Klassenkameraden war ich unten durch. Wer wollte schon etwas mit einer Verrückten zu tun haben? Es war nicht so, dass sie meinen Starkult nicht verstanden hätten, doch dass ich mein Herz an einen deutschen Schnulzenheini verschenkt hatte, ging einfach zu weit.

Dann hörte ich mir seine Lieder an und alles war wieder gut. Ich war nicht mehr allein, denn er tröstete mich.

Und eines Tages war ich dann in der Situation, in der Janina sich kürzlich befand. Auch deshalb konnte ich ihr ihren Wunsch ganz einfach nicht abschlagen. Wenn ich sie nicht verstand, wer dann?

Aber ich wusste auch, warum ich die Sorgen von Sandras Vater nachvollziehen konnte. Bei ihm waren sicherlich viele Vorurteile im Spiel und auch eine übertriebene Sorge um seine Tochter. Denn ich war sicher, dass er nicht mal ahnte, was so ein Auftritt für ein Nachspiel haben könnte.

Ich konnte es einfach nicht glauben, was ich da in der Zeitung las.

Dort stand es schwarz auf weiß: Mario ging auf Tournee! Wow! Dazu auch noch in den Ferien. Da musste ich hin. Das musste ich erleben. Ich musste ihn sehen.

Meinem Plan folgten tagelange harte Debatten mit meinen Eltern. Sie wollten mich einfach nicht gehen lassen.

Na gut, ich sah es ja ein, dass meine Idee schon ein wenig verrückt war, doch ich wollte die ganze Tour mitmachen. Jede Sekunde, die ich erhaschen konnte, wollte ich das Gefühl haben, in seiner Nähe zu sein.

So rebellisch hatten mich die Eltern noch nie erlebt. Irgendwann war ihr Wille gebrochen. Sie gaben mir die Erlaubnis.

Meine Mutter bestellte die Zimmer in den verschiedenen Tourneeorten und orderte die Karten. Mein Vater fuhr mich zum ersten Auftrittsort.

Noch ahnte ich nicht, dass ich meinem Schicksal entgegen fahren würde...

Die Zeit bis zum Konzertbeginn wollte einfach nicht vergehen. Ich saß in meinem kleinen Hotelzimmer vor einem Berg belegter Brote, die mir meine Mutter fürsorglich eingepackt hatte und bekam vor Aufregung keinen Bissen herunter.

"Mario, ich will Dich endlich wiedersehen. Zu lange habe ich von diesem Tag geträumt - habe mich Stück für Stück darauf vorbereitet.

Aus der Bücherei habe ich mir sämtliche Biologiebücher und Sexualkundebücher ausgeliehen, die ich nur erwischen konnte. Auch die Aufklärungsseiten in den verschiedenen Jugendzeitschriften habe ich mir gnadenlos reingezogen. Man muß ja schließlich auf alles vorbereitet sein...

Ich denke, dass ich in der Theorie jetzt bestens Bescheid weiß. Die Anatomie eines Mannes kann mich nicht mehr erschrecken.

Im Bücherschrank meines Vaters habe ich zu meiner Überraschung auch noch etwas passendes gefunden. "Eros, Sexus, Sitte" - etwas antiquarisch, doch sehr anschaulich...

Hörst Du das, Mario?"

In meiner Hand hielt ich sein Bild. Und in diesem Hotelzimmer habe ich ihm zum ersten Mal alles erzählt. Dabei lächelte er mich ganz still an.

Der Blick zur Uhr ließ mich verzweifeln. Auch die Selbstgespräche, die ich pausenlos führte - oh Verzeihung, es waren natürlich Gespräche mit Mario, ließen die Zeit nicht vergehen.

Was er wohl gerade so machte? Bei dem bloßen Gedanken an ihn tanzten schon die Schmetterlinge in meinem Bauch. Diese verfluchte Sehnsucht fraß mich auf.

Fast fluchtartig verließ ich mein Zimmer. Egal was - aber ich mußte etwas unternehmen! Am besten ging ich zu Fuß zur Konzerthalle. Das dauerte...

Dort angekommen war ich gar nicht mehr allein. Einige hundert Leute hatten sich schon vor dem Eingang versammelt.

Ich setzte mich abseits auf eine kleine Mauer und beobachtete sie. Aus den Gesprächen konnte ich entnehmen, dass die meisten Mädchen wegen Mario da waren. Ab und zu fiel noch ein anderer Name: Felix Norden. Er trat im Vorprogramm auf und schien also auch Fans zu haben.

Als sich endlich die große Tür öffnete, stürmte ich wie von Sinnen in die Halle und fand mich in der ersten Reihe wieder. Ich hatte nur den einen Wunsch: Ihm ganz nah sein - so nah wie nur irgend möglich.

Mein Herz klopfte wild und mir wurde schwindelig. Kaum glaubte ich daran, dass mein Traum ihn wiederzusehen, sich nun endlich erfüllen würde.

Schon bei diesem Norden war im Publikum die Hölle los, doch ich nahm ihn überhaupt nicht wahr. Der Kerl interessierte mich nun wirklich nicht.

Als Mario dann endlich - nach tausend Ewigkeiten - angesagt wurde, raste mein Puls und das Herz klopfte bis in die Schläfen. Wäre ich nicht so verdammt jung gewesen, hätte ich sicherlich kurz vor einem Infarkt gestanden.
Ich saugte ihn in mich auf, verschlang ihn mit meinen Augen und Ohren. Nichts sollte mir entgehen. Keine Gestik, keine Mimik, kein Wort - einfach gar nichts.

Die Mädchen neben mir kreischten und schrien. Ich konnte das nicht begreifen. Wie konnten sie in diesem Zustand überhaupt etwas von dem mitbekommen, was sich da oben auf der Bühne abspielte?

Wie unbeteiligt stand ich daneben und speicherte alles ab. Jederzeit wieder abrufbereit - für immer und ewig.

Da nahm er seine E-Gitarre und fetzte los, dass Jimi Hendrix vor Neid erblaßt wäre. Beim Blick auf die Saiten zog er einen unglaublich süßen "Schmollmund". Das machte mich ganz verrückt. Wieder konnte ich nicht von diesem Gesicht ablassen.

Wenn da nur nicht die dauernden Rempeleien gewesen wären. Links ein Stoß in die Rippen, rechts zog jemand an meinen Haaren und ein anderer trat mir auf die Füße. Es gab kein Halten mehr, die Fans drängten nach vorne. Alle wollten ihm ganz nahe sein, ihn berühren. Ich wurde einfach mitgezogen und an den Bühnenrand gequetscht - der reichte mir genau bis zum Hals.

Von hinten wurde immer massiver geschoben. Mir blieb die Luft weg. Mein Hals drückte sich unaufhaltsam zu. Panik ergriff mich.

Jeder Fluchtgedanke war zwecklos. Ich kam hier nicht mehr raus. Für einen Moment glaubte ich, sterben zu müssen. Dann wurde es schwarz um mich herum.

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