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Tödliches Landleben

1

Vier Tage, bevor sie spurlos verschwand, stand Anna König auf dem Mühlberg, einer kleinen Anhöhe mit Kirche und Blick auf den Waginger See, und hielt Ausschau. Der Mann würde allein kommen, hatte man ihr versichert. Allein, Punkt 15 Uhr und am Steuer eines anthrazitfarbenen BMW mit Traunsteiner Kennzeichen. Und selbstverständlich habe sie absolut nichts zu befürchten, würde man wie vereinbart vernünftig und zivilisiert miteinander umgehen. Anna war dennoch beunruhigt. Sie lief ein paar Schritte auf und ab, taxierte erneut den Waldrand an der Südseite des Parkplatzes. Falls es Schwierigkeiten gab, würden sie von dort ausgehen. Von dem mit Fichten bewachsenen Abhang, in dem sich locker ein Profi verstecken und auf seine Chance warten könnte. Ein ehemaliger Elitesoldat oder Ex-Geheimagent, der Dinge tat, die niemals herauskommen durften. Sie überlegte kurz, ob sie nicht doch einen Blick in das Waldstück werfen sollte, entschied sich aber dagegen. Auf die Weise würde sie dem Kerl nur in die Arme laufen. Nein, ihre einzige Chance war, hier oben zu warten und auf das Beste zu hoffen. Darauf zu vertrauen, dass die Gegenseite nicht so dumm wäre, schon jetzt falsch zu spielen.

Das ältere Paar, das bei ihrer Ankunft gerade in der Kirche verschwunden war, kam auf den Parkplatz zurück. Die zwei gingen schnurstracks zu ihrem Van, ohne Anna besonders zu beachten. Und wieso auch? Seit ihrer Entlassung und den damit verbundenen Medienberichten waren bereits über sechs Monate vergangen und aktuelle Fotos hatte es dazu ohnehin nicht gegeben. Zwar hatte sie befürchtet, dass sie vielleicht kein Zimmer bekommen würde, wenn die Vermieter ihren Namen hörten, aber auch diese Sorge hatte sich als unbegründet erwiesen. Ihre Pensionswirtin hatte sie nur kurz gemustert und gefragt, wie lange sie denn bleiben wolle, mehr nicht. Der Van fuhr ab, und Anna blickte auf die Uhr. Exakt 15 Uhr. Exakt die Zeit, die ausgemacht war. Nur eine harmlose Verspätung oder fingen die Psychospielchen schon an?

Hundegebell ließ Anna herumfahren. Sie erblickte einen braunfleckigen Mischling, gefolgt von drei Kindern, die den Fußweg von Waging heraufgekommen waren. Die drei machten bei der Kirche Halt, schauten kurz zu Anna herüber und stürmten Sekunden später mit Geschrei wieder hinunter. Anna lächelte zufrieden. Wieder ein paar potenzielle Zeugen mehr, die dafür sorgten, dass man sie nicht einfach so beiseite schaffen konnte. Was so ein kleiner Wallfahrtsort doch alles bewirkte, ein einziges Kommen und Gehen. Als sie wieder auf die Straße blickte, die von Gaden heraufführte, verdüsterte sich ihre Miene. Noch immer kein dunkler BMW in Sicht. Sie fröstelte plötzlich. Vielleicht ist er aufgehalten worden, versuchte sie sich zu beruhigen. Andererseits, konnte man bei so einer wichtigen Angelegenheit nicht erwarten, dass der Mann sich rechtzeitig auf den Weg machte, dass er seine Aufgabe als Unterhändler ernst nahm?

Anna ging um ihren Fiat Panda herum, öffnete die Beifahrertür und griff nach ihrer Umhängetasche. Sie hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und fühlte sich trotz der ganzen Aufregung unversehens erschöpft und ein wenig daneben. Sie nahm die Tafel Schokolade heraus, die sie an der Tankstelle in Waging gekauft hatte, und behielt die Tasche kurz in der Hand. Sie dachte an die zwei Jahre zurück, in denen drei Dinge zum unverzichtbaren Inhalt ihrer diversen Taschen gezählt hatten: eine geladene Pistole mit Ersatzmunition, etliche tausend Mark Bargeld und Tabletten zum Wachhalten. Zwei Jahre ständig auf der Hut, ständig auf dem Sprung. Aber auch mit der Gewissheit, dass sie sich notfalls wehren könnte. Sie brach ein Stück von der Schokolade ab, im selben Augenblick ertönte von unten ein Motorengeräusch und eine dunkle Limousine drängte sich in Annas Blickfeld. Sie verfolgte die Anfahrt des Wagens, bis der BMW etwa fünf Meter von ihr entfernt anhielt, der Fahrer den Motor abstellte und noch ein, zwei Sekunden lang sitzen blieb, ehe er die Wagentür aufstieß und ausstieg. Er entsprach genau dem Bild, das sie im Internet von ihm entdeckt hatte. Ein massiger Kerl mit feistem Gesicht und tief- liegenden Augen, das noch volle, dunkelblonde Haar straff nach hinten gekämmt. Er trug Jeans und ein Sportsakko und wirkte trotz seines erheblichen Übergewichts nicht schwerfällig. Er blickte Anna mit einer Mischung aus Unbehagen und Neugier an.

„Ich dachte schon, Sie hätten unsere kleine Verabredung vergessen“,sagte Anna mit bemüht scharfer Stimme.

„Ich bin ein viel beschäftigter Mann“, erwiderte er. „Da müssen Kleinigkeiten eben mal warten.“ Der Mann trat einen Schritt näher und musterte Anna ungeniert von Kopf bis Fuß. „Dafür, dass Sie mal eine unglaublich hübsche Person waren, haben Sie sich ganz schön verändert“, sagte er schließlich. „Kaum zu glauben, dass wegen Leuten wie Ihnen mal die Hölle los war in diesem Land.“

Anna sagte nichts. Sie war nur erleichtert, dass ihr Gegenüber sie nicht duzte. Immerhin waren vierundvierzig Jahre vergangen, seit sie mit dem Kerl zu tun gehabt hatte: Franz Dobschütz, damals ein mageres Bürschchen mit Aknenarben auf der Stirn, den sie als humorlosen Strebertyp in Erinnerung hatte, der bei den Mädels entsprechend schlecht ankam. Aber leider auch schon damals der beste Freund des Mannes, den sie nun an der Angel hatte.

„Interessanter Treffpunkt“, sagte Dobschütz weiter. „Wart ihr beide damals auch hier oben?“

„Wir haben’s auch hier oben getrieben, ja“, erwiderte Anna schroff.

Dobschütz nickte mit nachdenklicher Miene. „Kann ich mir denken“, murmelte er und straffte sich. „Also dann, kommen wir zur Sache: Wie viel wollen Sie für die verdammten Briefe?“

„Nicht viel. Jedenfalls nicht für seine Verhältnisse.“

„Ach ja? Da bin ich ja gespannt …“

„Fünfzigtausend. Und bar auf die Hand, versteht sich.“

Dobschütz starrte sie an. „Wie bitte?“

„Fünfzigtausend …“, wiederholte Anna, leicht verunsichert durch die Überraschung, die sich in Dobschütz’ Gesicht abzeichnete. Hatte sie zu hoch gepokert?

„Jetzt machen Sie sich mal nicht lächerlich“, sagte Dobschütz. „Selbst wenn die Sache publik werden sollte, ist sie nach einer Woche wieder vergessen. Ich meine, wenn der Ludwig irgendeinen Scheiß gebaut hätte, der nie aufgedeckt oder vertuscht worden wäre, so was wie schwere Körperverletzung vielleicht oder was mit harten Drogen, dann müssten wir uns vielleicht Sorgen machen. Aber eine ganz normale Liebesgeschichte unter Teenagern, da kräht doch heute kein Hahn mehr nach. Egal, was Sie in der Zwischenzeit alles angestellt haben.“

„Und wieso sind Sie dann überhaupt gekommen?“

„Nun ja …“ Dobschütz mühte sich ein Grinsen ab. „Sagen wir, ich war einfach neugierig. Von mir wollte die feine Dame damals ja nichts wissen …“

Aus gutem Grund, dachte Anna, ging aber nicht darauf ein. „Kann schon sein, dass sich niemand darüber aufregt“, sagte sie. „Kann aber genauso gut sein, dass die Sache ungeahnte Wellen schlägt, gerade jetzt im Wahlkampf, wo seine Partei jede Stimme braucht. Immerhin ist er mit etlichen Leuten in der Regierung gut befreundet und ein wichtiger Mann, der schon für mehrere Posten im Gespräch war, zum Beispiel als Umweltminister. In Amerika wäre er nach so einer Enthüllung jedenfalls Gift für seine Partei. Und Sie wissen genau, dass immer irgendwas hängen bleibt, und vielleicht macht genau das den Unterschied aus. Lausige fünfzigtausend für eine gewonnene Wahl ist kein zu hoher Preis, finde ich.“

Dobschütz schüttelte den Kopf. „Selbst wenn, wäre es völlig unmöglich. Woher soll er so viel Geld denn nehmen?“

„Woher er es nimmt, ist mir egal. Aber erzählen Sie mir nicht, dass er nicht die Möglichkeit dazu hätte. Soviel ich gehört habe, hat er jede Menge Grundbesitz, ein Ferienhaus am Gardasee und bestimmt auch beste Verbindungen zu Leuten, die noch viel mehr haben.“

„Das kann schon sein. Trotzdem kann ich mich nur wiederholen: Das ist die Sache nicht wert.“ Dobschütz trat einen weiteren Schritt auf Anna zu und deutete mit dem Zeigefinger auf ihre Brust. „Und noch eines: Seien Sie lieber froh, dass ich nicht die Polizei mitgebracht habe. Denn das, was Sie hier machen, ist eindeutig Erpressung. Eine ganz miese Erpressung. Kein Wunder, dass Ihre Tochter nichts mit Ihnen zu schaffen haben möchte. Erst Mord und Entführung, und jetzt auch noch Erpressung!“

„Lassen Sie meine Tochter aus dem Spiel, okay?“, fuhr Anna den Mann an.

Dobschütz hob abwehrend die Hände. „Schon gut, schon gut …“

Erneutes Hundegebell lenkte Anna ab. Wieder die Kinder, die sich nun in Begleitung von drei Erwachsenen um die dreißig näherten. Zwei Frauen, die sich angeregt unterhielten, während der Mann sich mit seinem Handy beschäftigte. Anna lächelte ihnen freundlich zu, Dobschütz dagegen kehrte der kleinen Schar den Rücken zu und wartete, bis alle vorbeigetrottet waren.

„Darf ich Sie was Persönliches fragen?“, fragte Dobschütz.

Anna nickte unwillig.

„Wie stehen Sie eigentlich heute zu dem, was Sie gemacht haben? Zeit zum Nachdenken hätten Sie ja reichlich gehabt.“

„Wieso wollen Sie das wissen?“

„Hätte mich nur interessiert …“

„Wenn Sie es genau wissen wollen: Wir haben vielleicht einiges falsch gemacht, aber das, was wir damit erreichen wollten, war richtig.“

„Und das wäre gewesen?“

„Eine gerechtere Gesellschaft, was sonst?“

„Herbeigeführt mit Mord und Totschlag …“

„Behalten Sie Ihre Moral für sich, okay. Machen Sie mir lieber einen Gegenvorschlag“, insistierte Anna. „Oder müssen Sie erst rückfragen, bevor Sie mir eine Summe nennen können?“

„Fünfzigtausend“, erwiderte Dobschütz mit einem Kopfschütteln. „Also ich muss schon sagen, Sie machen mir echt Spaß. Was wollten Sie mit so viel Geld eigentlich anfangen? Man möchte doch meinen, dass Sie sich inzwischen an einen, sagen wir mal, etwas bescheideneren Lebensstil gewöhnt haben.“

„Das kann Ihnen doch egal sein …“

„Na schön, ich will kein Unmensch sein: Ich biete Ihnen fünftausend. Für sämtliche Briefe, versteht sich. Und das auch nur, weil ich es dem Ludwig ersparen möchte, sich weiter mit Ihnen beschäftigen zu müssen. Und danach verschwinden Sie aus der Gegend und lassen sich hier nie wieder blicken.“

„Fünftausend“, wiederholte Anna ungläubig.

„Genau. Fünftausend und keinen Cent mehr. Und damit kommen Sie noch verdammt gut weg, würde ich sagen.“

Anna wandte sich ab und blickte zur Kirche, um ihre Enttäuschung vor Dobschütz zu verbergen. Sie holte ein paar Mal tief Luft, konnte es nicht fassen, diese Abfuhr, diese Arroganz, und dazu noch diese Drohung mit den Bullen.

Hatte sie die Situation wirklich so falsch eingeschätzt? Und was jetzt? Sollte sie klein beigeben oder es darauf ankommen lassen?

„Fünfzehntausend“, sagte sie, ohne Dobschütz dabei anzusehen. „Fünfzehntausend oder ich stelle die Briefe ins Internet. Unter anderem, versteht sich.“ Sie drehte sich um und blickte Dobschütz fest in die Augen. „Und denken Sie nicht mal dran, mich reinzulegen. Ich habe mich mehrfach abgesichert.“

Dobschütz lächelte vage. „Jetzt nehmen Sie sich mal nicht so wichtig, ja. Wer sollte Sie schon reinlegen wollen?“

Anna sagte nichts.

„Na gut, ich werd’s mir überlegen“, sagte Dobschütz. „Aber nur, wenn ich vorher die Briefe auch zu sehen kriege, wenigstens einen davon. Könnte ja sein, dass Sie hier nur bluffen.“

Anna drehte sich um, ging die paar Schritte zu ihrem Wagen und holte den Brief samt Kuvert aus ihrer Handtasche. Sie hatte von den insgesamt fünf Briefen, die erhalten geblieben waren, zwei auf ihre Reise mitgenommen. Der andere lag in ihrer Reisetasche in der Pension. Sie händigte Dobschütz das vergilbte und schon reichlich zerknitterte Exemplar aus und sagte: „Ich melde mich dann morgen bei Ihnen, die Nummer habe ich ja.“

„Okay.“

Dobschütz steckte das Kuvert in seine Sakkotasche und warf Anna noch einen verächtlichen Blick zu, bevor er in seinen BMW stieg und wegfuhr.

2

Anna wartete, bis der BMW außer Sichtweite war, stieg dann in ihren Fiat und fuhr ebenfalls los. Wenige Minuten später bog sie zum dritten Mal seit ihrer Ankunft in den Parkplatz vor dem Waginger Kurhaus ein, wie magisch angezogen von diesem Ort. Auch wenn das Gebäude, in dem damals die heißeste Diskothek zwischen München und Salzburg zu finden war, heute einen Supermarkt beherbergte, und auch sonst sich vieles verändert hatte, es war hier unten am Waginger See gewesen, wo sie über Nacht erwachsen geworden war. So wie man sagt: Man wird nicht älter, sondern wacht eines Morgens auf und ist alt. Hier unten hatte sie erstmals den ganzen bürgerlichen Mief hinter sich gelassen, hatte angefangen zu leben, frei und ungestüm. Sex mit dem Maierhofer und ein paar anderen, die ersten Drogen und die ersten Diskussionen über die Notwendigkeit einer revolutionären Erhebung. Begleitet vom Soundtrack der Doors, ihrer damaligen Lieblingsband. Die schönsten Wochen ihres Lebens!

Sie blieb kurz im Wagen sitzen, um zu sehen, ob ihr jemand gefolgt war, aber nichts. Nur ein Radfahrer mit Helm, Sonnenbrille und knallbuntem Anorak kam die Straße herabgesaust und verschwand in Richtung Campingplatz. Anna stieg aus und ging los, noch immer wütend über Dobschütz’ Auftritt. Aber was sollte sie machen? Dass der Mistkerl versuchen würde, den Preis zu drücken, war ihr klar gewesen, aber vielleicht nicht mal fünfzehntausend, damit hatte sie nicht gerechnet. Zumal sie das Geld dringend brauchte. Wie hatte Nick gleich zu ihr gesagt, nachdem er sich nach langem Hin und Her bereit erklärt hatte, ihr unter die Arme zu greifen: „Ich helfe dir nur dieses eine Mal. Und das auch nur, weil ich ein sentimentaler Mensch bin.“ Dieser Schleimer! Früher mal die große Klappe, aber selbst nie aktiv geworden, nie etwas riskiert. Dafür heute mit einer Kanzlei, die ihm schätzungsweise eine Viertelmillion im Jahr einbrachte. Und was hatte er letztendlich herausgerückt? Läppische achttausend Euro, die für den Kauf des Fiat, die Kaution für die winzige Wohnung und die ersten Mietzahlungen fast schon wieder verbraucht waren.

Sie seufzte und schlenderte weiter, hinab zum Seeufer, wo sich neben ein paar Spaziergängern die ersten Badegäste herumtrieben. Meist ältere Leute, denen die für Ende April noch recht kühlen Temperaturen nichts auszumachen schienen. Sie blickte auf den See hinaus und dachte erneut über ihr Gespräch mit Dobschütz nach. Vermutlich würden sie sich irgendwo in der Mitte treffen, also bei etwa zehntausend. Und danach? Sie könnte wieder zurück zu Holger und Nina nach Portugal, wo sie schon den Winter verbracht hatte. Aber wieder zurück in die Einsamkeit, zu den lausigen Verhältnissen und dem Bekehrungsfimmel des inzwischen tiefgläubigen Paars? Auch keine sehr reizvolle Aussicht. Am Seeufer angekommen, wandte sie sich nach links zum Campingplatz und suchte erstmals nach der Stelle, wo sie seinerzeit ihr Zelt aufgeschlagen hatten. Aber sie fand nur Wohnwagen vor, ordentlich aneinandergereiht und von vermutlich ebenso ordentlichen Menschen bewohnt.

Plötzlich hungrig geworden eilte sie zurück auf den Parkplatz und fuhr nach Waging hinein, wo sie ihren Fiat auf dem Parkplatz vor dem Friedhof abstellte. Nach einigem Suchen entdeckte sie in der Ortsmitte ein italienisches Restaurant und stand schon am Eingang, als ein junges Pärchen ihre Aufmerksamkeit erregte. Ein auffällig großer, kräftig gebauter Mann um die fünfundzwanzig und eine eher zierliche, aber energisch wirkende Frau etwa gleichen Alters. Sie kamen gerade aus einer Bäckerei schräg gegenüber und wandten sich einem wenige Meter entfernt geparkten Kombi zu. Sie blickten nicht zu ihr herüber, aber Anna war sich ziemlich sicher, die zwei schon irgendwo einmal gesehen zu haben. Aber nicht hier in der Gegend, sondern bei sich zuhause, in der Nähe ihrer neuen Wohnung. Vor zwei Wochen etwa, als sie von einem Ausflug ins Bergische Land zurückgekommen war. Da hatten sie an einem Kiosk gestanden, den sie auf der Suche nach einem Parkplatz passiert hatte.

Die zwei stiegen in den Wagen ein und teilten sich etwas aus der Papiertüte mit Einkäufen, die die Frau aus dem Supermarkt mitgebracht hatte. Anna war unschlüssig, ob sie dennoch eine Kleinigkeit essen oder sich besser aus dem Staub machen sollte. Dass sie seit ihrer Rückkehr aus Portugal zumindest zeitweise observiert wurde, war ihr nicht entgangen. Deswegen hatte sie auch den Mühlberg als Treffpunkt gewählt, wo man eventuelle Beschatter schon von Weitem ausmachen konnte. Aber falls die zwei wirklich auf sie angesetzt waren, was hatten sie dann hier zu suchen? Sie hatte bis vor wenigen Minuten ja selbst nicht gewusst, dass sie hierherkommen würde.

Na schön, dachte sie schließlich, Hauptsache, sie haben das mit dem Dobschütz nicht mitgekriegt. Sie betrat das Restaurant, und als sie aus dem Fenster auf die Straße hinausblickte, war der Kombi verschwunden.

3

Einen Tag später, es war kurz nach 16 Uhr, betrat Anna ein Café in Chieming. Sie suchte sich einen Platz am Fenster mit Panoramablick auf den Chiemsee und die dahinter liegende Bergkette und griff nach der Speisekarte. Sie fühlte sich erschöpft und bat die Bedienung als Erstes um ein Glas Leitungswasser. Nach dem ersten Schluck bestellte sie sich einen Cappuccino und ein Stück Mohnkuchen und widmete sich anschließend der Lokalzeitung, die auf dem Nebentisch gelegen hatte. Doch schon bald verlor sie das Interesse und starrte in Gedanken versunken zum Fenster hinaus. Falls Dobschütz Wort hielt, würde sie in wenigen Minuten im Besitz von zehntausend Euro sein. Übergeben von einer jungen Frau, die spätestens um 16:30 Uhr ins Café kommen würde. Ein Punkt, auf dem sie bestanden hatte: Die Übergabe sollte an einem öffentlichen Ort stattfinden, der Geldbote sichtbar werden. Windige zehntausend! Es war beinahe zum Lachen, wenn sie daran dachte, mit welchen Erwartungen, aber auch Ängsten sie hierhergekommen war. Aber gut, zehntausend waren besser als nichts und würden es ihr erst mal ersparen, schon wieder bei alten Freunden betteln gehen zu müssen.

Sie blickte auf die Uhr, noch knapp zehn Minuten, und nahm erneut die Zeitung auf. Sie überblätterte den Kulturteil, Kabarett und klassische Musik hatten sie noch nie interessiert, und studierte gerade das Kinoprogramm, als mehrere Personen das Lokal betraten und sich hinter ihrem Rücken umständlich und mit viel Geplapper und Stühlerücken an einen Tisch setzten. Und sie wollte sich gerade umblicken, als ihr bewusst wurde, dass ihr eine der Stimmen bekannt vorkam. Vor Überraschung fiel ihr fast die Zeitung aus der Hand und beinahe hätte sie auch noch ihre Kaffeetasse vom Tisch gefegt, so durcheinander war sie plötzlich.

Das war einfach unmöglich, das konnte nicht sein. Sicherlich nur eine Täuschung, sagte sie sich, widerstand aber dennoch dem Impuls, sich umzudrehen und sich sofort Gewissheit zu verschaffen. Stattdessen kniff sie die Augen zusammen und konzentrierte sich auf das Gespräch, in das die Stimme verwickelt war. Sie waren mindestens zu dritt, zwei Männer und eine Frau, schon etwas älter und keine Touristen, sondern Einheimische, dem Dialekt und Sprachgebrauch nach zu urteilen.

Es dauerte vielleicht eine Minute und Anna dachte schon, noch länger würde sie die Spannung nicht mehr aushalten, als die Stimme endlich wieder ertönte. Und nun war es eindeutig. Es war die Stimme von Dirk Weber. Von Dirk, dem Verräterschwein. Von Dirk, der ihr zweiundzwanzig Jahre ihres Lebens gestohlen hatte. Von Dirk, den umzubringen sie sich tausendmal vorgestellt hatte. Er erzählte irgendetwas von einem Ausflug, den er unternommen hatte, mit einer Pointe, die sie nicht verstand. Jedenfalls lachten alle lautstark auf und ein anderer Mann nahm den Faden auf, führte aus, was er kürzlich Tolles erlebt hatte.

Anna drehte sich langsam zur Seite und fixierte mit vors Gesicht gehaltener Hand die Typen am betreffenden Tisch. Sie zählte vier Köpfe, doch die zwei Gesichter, die ihr zugewandt waren, sagten ihr nichts. Also musste es der Grauhaarige mit dem Pferdeschwanz sein, der neben einer blonden Frau mit dem Rücken zu ihr saß. Sie rieb sich die Wange und beugte sich wieder über ihre Tasse. Folglich hieß es abwarten, auch wenn es ihr zunehmend schwer fiel, Ruhe zu bewahren. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf: Was machte der Dreckskerl hier? Und wo war Marlene, dieses Miststück? Dass er wie sie auf der Durchreise sein könnte, schied wohl aus. Ebenso, dass er nur vorübergehend hier war. Dazu gingen diese Leute viel zu vertraut miteinander um. Es blieb nur eine Erklärung: Er lebte hier, war ein braver Bürger geworden, der seiner Arbeit nachging, pünktlich seine Steuern zahlte und dem einen oder anderen Verein angehörte. Untergetaucht in der Normalität sozusagen. Dass die Bullen ihn und Marlene irgendwo unterbringen würden, mit neuer Identität und etwas Startkapital, war ihr seinerzeit natürlich klar gewesen. Allerdings hatte sie angenommen, dass die beiden sich ins Ausland verzogen hätten, weit weg von Deutschland. Hatten sie nichts gefunden, was ihnen zugesagt hätte? Oder hatten sie einfach Angst gehabt, sich in der Fremde eine Existenz aufzubauen?

„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, unterbrach die Bedienung ihre Überlegungen.

Anna blickte verwirrt auf. Ihr war schlecht und sie hatte das Gefühl, sie müsste sich gleich übergeben. Sie schüttelte den Kopf und murmelte: „Danke, alles bestens.“

Was jetzt? Anna umklammerte mit beiden Händen ihre leere Kaffeetasse, ignorierte die neugierigen Blicke der zwei älteren Damen am Nebentisch, denen ihre Aufregung nicht entgangen war. Doch Dirk hielt nun weitgehend den Mund, dafür waren die anderen umso lauter. Aber nach gut fünf Minuten erspähte sie aus den Augenwinkeln, wie der Grauhaarige seinen Stuhl zurückschob, sich erhob und ihr für einen Sekundenbruchteil sein Gesicht zuwandte. Zuerst hätte sie ihn beinahe nicht wiedererkannt. Dass er ein paar Kilo zugelegt hatte und sein einst schmales Gesicht aufgedunsen und gerötet war, überraschte sie nicht. Immerhin war es über fünfunddreißig Jahre her, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Was ihr hingegen sofort auffiel, war seine Nase. Oder genauer gesagt: seine nicht mehr schiefe Nase. Deswegen hatte er es gewagt, im Lande zu bleiben, er hatte ein wenig an seinem Äußeren herumschnipseln lassen! Sie hätten ihm die Stimmbänder rausschneiden sollen, dachte sie grimmig, während sie zusah, wie er den Weg zur Toilette ansteuerte und im Halbdunkel des Flurs verschwand.

Anna saß reglos da und überlegte, was sie jetzt tun sollte. Nie im Leben hätte sie daran gedacht, dass ihr der Kerl noch mal über den Weg laufen würde, dass sich eine Gelegenheit finden würde, ihm seinen Verrat heimzuzahlen. Also, was müssten ihre nächsten Schritte sein? Klar, erst einmal müsste sie dafür sorgen, dass er sie nicht bemerkte. Anschließend müsste sie ihm folgen und Näheres herausfinden: Wo er wohnte, ob er noch mit Marlene zusammen war oder Familie hatte, was er beruflich machte und den ganzen Kram. Wäre dies erledigt, könnte sie sich eine Strategie zurechtlegen, einen todsicheren Plan. Denn eines stand fest: Noch einmal würde sie wegen dem Kerl nicht in den Knast gehen. Dieses Mal würde das Vergnügen ganz auf ihrer Seite sein.

„Haben Sie noch einen Wunsch?“

Schon wieder die Bedienung! Um ihre Ruhe zu haben, bestellte sie sich einen Toast mit Salat und Käse, den Blick unverwandt auf den Eingang gerichtet. Als seine Gestalt wieder sichtbar wurde, hielt sie sich erneut die Hand vors Gesicht, aber Dirk gesellte sich zu seinen Freunden, ohne sie zu beachten.

„Ist bei Ihnen noch frei?“

Eine Frau Ende dreißig stand am Tisch. Sportlicher Typ, leger gekleidet, leicht arroganter Blick. Anna nickte nur und begriff erst dann, dass dies die Geldbotin sein könnte. Unglaublich, dass sie dies vergessen konnte.

„Bitte“, murmelte Anna.

Die Frau platzierte ihre Handtasche auf dem Stuhl zwischen ihnen und setzte sich.

Anna räusperte sich, in Gedanken wieder bei Dirk. Jetzt bloß kein Aufsehen erregen, befahl sie sich.

„Was ist?“, fragte die Frau. „Haben Sie Angst? Sie sehen aus, als hätten Sie gerade ein Gespenst ge sehen.“

Anna starrte sie nur an. „Nein, wieso?“, brachte sie schließlich heraus.

Die Frau lächelte vage. „Ich weiß nicht … Könnte ja sein, bei dem, was Sie so treiben.“

„Wie bitte?“ Annas Körper verkrampfte sich.

„Sie wünschen bitte?“ Die Bedienung war wieder an ihren Tisch getreten.

Die Frau blickte hoch und schüttelte den Kopf. „Danke, ich bin gleich wieder weg.“

„Also, Sie wissen Bescheid, aber ich wiederhole es trotzdem noch einmal“, fuhr die Frau fort, nachdem die Bedienung sich einem anderen Gast zugewandt hatte. „Sie bekommen jetzt das Geld und übergeben nächste Woche, wenn Sie wieder zurück in Köln sind, sämtliche noch in Ihrem Besitz befindlichen Briefe an einen Mittelsmann, den wir Ihnen noch benennen werden.“

„Ich habe doch gesagt, dass ich damit einverstanden bin.“

Die Frau lächelte humorlos. „Was die Leute sagen und was sie tun, ist bekanntlich meistens zweierlei. Und deswegen sollte Ihnen eines klar sein: Durchaus möglich, dass Sie Herrn Maierhofer mit diesen Briefen ein bisschen ärgern könnten, aber das wäre nichts im Vergleich zu dem Ärger, den wir Ihnen bereiten könnten.“

Anna nickte nur.

Die Frau griff in ihre Handtasche und brachte einen braunen, prall gefüllten Umschlag zum Vorschein. Sie legte den Umschlag vor Anna auf den Tisch, sagte nach einer Pause: „Einen schönen Tag noch“,erhob sich und ging hinaus, ohne sich noch einmal umzublicken.

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