Logo weiterlesen.de
Tödlicher Grenzverkehr

In Traunstein wird der Enthüllungsjournalist Dieter Leschnik auf offener Straße ermordet. Ein Tipp von Alexandra Zeller, Leschniks Lebensgefährtin, führt die Kommissare Gruber und Bischoff in das Milieu der Salzburger Unterwelt. In der österreichischen Grenzstadt hatte der Journalist als Letztes recherchiert, um den Mord an seiner Nichte Angela aufzuklären. Dabei hatte er sich offenbar nicht nur Freunde gemacht. Aber auch Leschniks Freundin spielt nicht mit offenen Karten. In welcher Beziehung steht sie zu dem zutiefst verschuldeten Gerhard Schuhbeck? Und welche Rolle übernimmt Kaspar Mühlbacher, den der Journalist vor etlichen Jahren als Sexualverbrecher entlarvt und hinter Gitter gebracht hat? Handelt es sich um späte Rache? Die Kommissare Gruber und Bischoff tappen in dieser verworrenen Geschichte im Dunkeln. Erst als ein zweiter Mord geschieht und Gruber eine furchtbare Entdeckung macht, kommen die beiden Ermittler der schrecklichen Wahrheit näher, die ihr Weltbild zutiefst erschüttert.

Wolfgang Schweiger wurde 1951 in Traunstein geboren. Er veröffentlichte ein gutes Dutzend Krimis und schrieb Drehbücher für TV-Serien wie „SOKO 5113“ und „Der Fahnder“. 2008 erschien sein erfolgreicher Chiemgau-Krimi „Der höchste Preis“. 2009 folgte „Kein Ort für eine Leiche“.

Wolfgang Schweiger

Tödlicher

Grenzverkehr

PENDRAGON

„Die tödlichsten Fallen sind die,
die wir uns selber stellen.“

Raymond Chandler, The Long Goodbye

Prolog

Der Anruf kam um 22:45 Uhr, in einer ungewöhnlich kalten, sternklaren Nacht Ende April. Von diesem Zeitpunkt an hatte Dieter Leschnik noch genau siebzehn Minuten zu leben. Es sei denn, er wäre zuhause geblieben, im Bett mit seiner Freundin Alexandra. Doch das tat er nicht! Denn Leschnik war Journalist; genauer gesagt, ein gerissener Enthüllungsjournalist und weitgereister Kriegsberichterstatter. Und seit einigen Jahren auch ein erfolgreicher Buchautor. Er hatte einen angesehenen Stuttgarter Industriellen als Versicherungsbetrüger und mehrfachen Mörder entlarvt, einen korrupten Ex-Staatssekretär zum wohlverdienten Selbstmord animiert und zuletzt die Schlächtereien auf dem Balkan und im Kongo hautnah miterlebt. Er war überfallen, verprügelt und beschossen worden, hatte einen Flugzeugabsturz, Gelbfieber und zwei Scheidungen überlebt. Und gleichgültig, mit wem oder was er sich gerade vergnügte, er wäre niemals auf den Gedanken gekommen, deswegen einen Informanten abzuwimmeln.

Die Anruferin, Leschnik schätzte ihr Alter auf etwa Ende dreißig, stellte sich weder vor noch gab sie andere persönliche Details preis. Lediglich ihr leicht osteuropäischer Akzent verriet, woher sie kam. Die Frau bat Leschnik mit knappen Worten um ein Treffen. Und zwar in Sachen Melzer. Ort und Zeitpunkt könne Leschnik selbst bestimmen, allerdings würde es ein wenig eilen.

Leschnik warf einen Blick auf den Wecker und sagte: „Hm, ich kann mich da ganz nach Ihnen richten. Schlagen Sie was vor ...“

„In einer Stunde am Grenzübergang Freilassing“, war die Antwort. „Würde Ihnen das passen?“

„Das wäre zu schaffen. Und wie erkenne ich Sie?“

„Ich kenne Sie. Also bis gleich.“

Leschnik legte das Handy zurück auf den Nachttisch und steckte sich eine Zigarette an. Er rauchte ein paar Züge, verspürte plötzlich ein diffuses Unbehagen. Irgendetwas in seinem Bauch schlug Alarm. So wie damals in diesem Waldstück bei Vukovar, kurz bevor die ersten Schüsse fielen. Er drückte die Kippe aus und beugte sich zu Alexandra rüber. Er strich der Frau mit dem Finger über die Stirn, sog den Duft ihres Haars ein. Er murmelte eine Entschuldigung, erhielt aber keine Antwort. As er den Kleiderschrank öffnete, um sich nach einem extra warmen Pullover umzuschauen, fiel sein Blick auf die kugelsichere Schutzweste, ein Geschenk seines Verlegers. Er nahm die Weste, ein vergleichsweise leichtgewichtiges Modell neuester Machart, vom Bügel und hielt sie in die Höhe.

„Vielleicht sollte ich das gute Stück mal wieder ausführen“, sagte er. „Was meinst du dazu?“

Alexandra wälzte sich herum und blickte ihn mit schläfrigen Augen an. „Stimmt was nicht?“

Leschnik schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Aber du weißt ja: In einer feindseligen Umgebung ist Misstrauen nun mal die beste Waffe.“

„Dann bleib doch hier ... “

„Wenn ich damit erst anfange, kann ich gleich einpacken.“ Leschnik legte die Weste an und posierte kurz vor dem Spiegel damit, bevor er einen Pullover darüber zog und in die Hose schlüpfte.

„Um was geht es denn?“, fragte Alexandra. „Wieder um diesen blöden Melzer?“

„Du sagst es.“

„Aber du hast doch selbst gesagt, dass er mit dem Mord an der Angie höchstwahrscheinlich nichts zu tun hatte.“

„Das schon, aber Gangster bleibt Gangster ...“

„Dann verrate mir doch endlich mal, was du bisher rausgefunden hast?“

„Pssst ...“ Leschnik wedelte mit den Socken in Richtung Fenster. „Feind hört mit.“

Alexandra warf die Bettdecke zurück und stand ebenfalls auf. Sie trat zu Leschnik, umschlang mit beiden Armen seine Taille und drückte ihn fest an sich. Was Leschnik beinahe in Atemnot brachte, ihm zugleich aber eine beachtliche Erektion bescherte.

„Du machst mich noch wahnsinnig mit deiner Paranoia“, wisperte sie ihm ins Ohr.

„Ach ja...?“

„Manchmal glaube ich fast, du traust mir nicht?“

Leschnik lächelte verhalten. Ihm war schon seit Mitte Januar bekannt, dass Alexandra mit einem weiteren Mann recht intimen Umgang pflegte. Mit einem windigen, aber hundsgemein gut aussehenden Geschäftemacher, der nach seiner letzten Pleite wieder auf dem Bauernhof seiner Eltern in der Nähe von Seebruck wohnte. Leschnik sagte: „Ich habe bisher nur erfahren, dass seine diversen Unternehmungen nicht mehr so gut laufen wie noch vor ein paar Jahren.“

„Und wieso?“

„Das eben versuche ich gerade herauszufinden ...“ Was durchaus der Wahrheit entsprach, auch wenn er ungern davon redete. Aber der Stand der Dinge war nun einmal, dass seine Recherchen bislang mehr oder weniger im Sand verlaufen waren. Dass er trotz aller Bemühungen noch immer nichts Konkretes in der Hand hatte gegen den Mistkerl. Der verdammte Kerl hielt sich mächtig bedeckt, und der Einzige, der inzwischen dumm dastand, war er selbst, seit es kein Geheimnis mehr war, dass er Melzer ans Leder wollte. Aber gut, mal sehen, was diese Frau zu bieten hatte. Vielleicht würde durch sie endlich Bewegung in die Sache kommen. Auch wenn er ein merkwürdig ungutes Gefühl dabei hatte.

Leschnik löste sich von Alexandra, steckte sein Handy in die Hosentasche und ging in den Flur hinaus, um sich fertig anzuziehen. Bleib cool, dachte er. Die Fahrt nach Freilassing würde zu dieser späten Stunde kaum mehr als vierzig Minuten dauern, was bedeutete, dass er am Treffpunkt noch in aller Ruhe die Lage checken könnte. Es gab also keinen Grund, sich jetzt schon Sorgen zu machen. Vor der Haustür blieb er kurz stehen und blickte sich um. Die Straße lag ruhig und leer da, nur zwei Häuser weiter kam die Zeitungsausträgerin eben aus der Zufahrt und ging weiter, entfernte sich von ihm. Echt ein Scheißjob, dachte er und entschied, ihr dieses Mal zu Weihnachten einen Zwanziger zukommen zu lassen. Sein Volvo war schräg gegenüber geparkt und er stand schon an der Fahrertür, als hinter ihm ein Automotor gestartet wurde. Leicht erschrocken hielt er inne und starrte ins Scheinwerferlicht, das nun in seine Richtung schwenkte. Seine Gedanken überschlugen sich. Nur ein Zufall? Aber hätte er nicht bemerken müssen, wie der Fahrer in den Wagen gestiegen war? Immerhin hatte er auch die Zeitungsausträgerin zu Gesicht bekommen! Und er hatte auch nichts gehört, keine Trittgeräusche, kein Zuschlagen der Wagentür, rein gar nichts. Das hieß doch, dass der Fahrer schon dringesessen haben musste; dass der Mann hier vielleicht auf jemanden gewartet hatte; dass hier möglicherweise etwas faul war. Er versuchte, das Gesicht hinter der Windschutzscheibe zu erkennen, und dann war es zu spät. Denn plötzlich gab der Fahrer Vollgas und ehe sich Leschnik versah, wurde er vom rechten Kotflügel des Wagens erfasst und brutal gegen seinen Volvo gestoßen. Er dachte noch: Was für eine blödsinnige Methode, eine Warnung auszusprechen. Dann schrammte der Wagen, ein graufarbener Kombi der Marke Subaru, an ihm entlang, und obwohl er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, geriet er unter den rechten Hinterreifen. Ein schwarzes Gummiungeheuer, das mit mörderischer Wucht in seinen Unterleib drückte und dann über ihn hinwegholperte.

Der Subaru entfernte sich mit aufheulendem Motor, und Leschnik stierte in den Nachthimmel, konnte nicht fassen, was da eben passiert war. Überfahren vor der eigenen Haustür. Noch dazu von einer Frau, wenn er richtig gesehen hatte. Einer jungen Frau mit schmalem Gesicht und dunklem Haar. Dann wurde ihm speiübel, und mit der Übelkeit kam der Schmerz. Ein Schmerz, so schneidend und widerlich, dass ihm die Luft wegblieb und er dachte: Das halte ich keine zehn Sekunden aus. Er stemmte sich auf den rechten Ellbogen, versuchte zugleich, sein linkes, intakt gebliebenes Bein anzuziehen. Vergebens. Er fiel wieder zurück, sein Mund füllte sich mit Erbrochenem. Er spuckte aus, tastete nach seinem Handy in der Hosentasche. Nur keine Panik jetzt, befahl er sich. Er war immerhin mitten in der Stadt, mitten in der Zivilisation, in ein paar Minuten würde er auf dem OP-Tisch liegen und eine ganze Mannschaft von Spezialisten würde sich darum reißen, den Schaden zu beheben. Doch der Apparat entglitt seinen zittrigen Fingern und schon halb betäubt von der Kettensäge, die in seinen Eingeweiden herumwühlte, sah er sich plötzlich von oben daliegen. Ganz so, als würde er sich aus einem Fenster im dritten oder vierten Stock beugen und ein Unfallopfer beobachten. Unbeteiligt und objektiv. Dann verschwamm seine Sicht, bis nur noch ein brennend gelber Punkt übrig blieb, der wie eine Signallampe am Ende eines Tunnels aufblinkte. Als auch der verschwand, alles schwarz wurde und eine eigenartige, innere Stille eintrat, wurde ihm bewusst, dass er im Sterben lag. Ohne Getöse, ohne Geschrei, einfach so. Kurioserweise fühlte er keinen Zorn, keine Wut, nicht einmal Angst in sich hochsteigen. Alles, was er fühlte, war eine Art von Traurigkeit. Mein Gott, er war doch eben erst sechzig geworden! So viele Jahre, die ihm nun entgehen würden.

So viele Stunden mit Alexandra etwa.

Nur ein kleines Weilchen noch, dachte er, das wäre schön. Dann fiel sein Kopf zur Seite und er fühlte nichts mehr.

1

„Samstag früh fliegen wir“, verkündete Ingrid und hielt Gruber einen Computerausdruck hin.

Gruber nahm das Blatt entgegen und setzte sich auf die Bettkante. „Und damit kommst du erst jetzt an?“, brummelte er.

„Kleine Überraschung vor dem Zubettgehen ...“

Gruber rückte ein Stück näher zur Nachttischlampe und studierte die Angaben. Er hatte es Ingrid überlassen zu bestimmen, wohin in den Süden sie reisen wollten. Vereinbart war nur, dass sie für zwei Wochen ans Meer wollten, bevor die Hauptsaison losging. Dass sie noch relative Ruhe mit Badefreuden verbinden konnten, nicht mehr als vier, fünf Flugstunden entfernt. Dass es nach Rhodos gehen würde, hatte er allerdings nicht erwartet.

„In Athen haben wir zwar ein paar Stunden Aufenthalt, aber dafür ist der Flug fast um die Hälfte günstiger als ein Direktflug“, sagte Ingrid und setzte sich neben Gruber.

„Hm, und hast du auch schon ein Hotel gebucht?“, fragte er.

„Habe ich“, erwiderte sie und zog einen kleinformatigen Reiseführer sowie eine Landkarte aus der Tasche ihres Bademantels. Gruber legte den Ausdruck auf den Nachttisch, griff nach der Karte und breitete sie auf seinem Schoß aus. Er wusste kaum etwas über Rhodos. Eigentlich nur, dass die Insel mal heiß umkämpfter Stützpunkt irgendeines Ritterordens gewesen war. Also vermutlich jede Menge Sehenswürdigkeiten bereithielt, vorausgesetzt, man hielt halbverfallene Festungsanlagen für sehenswert. Er tippte mit dem Zeigefinger auf einen Punkt an der Ostküste. „Anthony Quinn Bay“, sagte er verwundert.

„Die haben da mal einen Film gedreht, steht im Reiseführer. , Die Kanonen von Navarone‘. Irgend so ein Zweiter Weltkriegs-Schinken mit Gregory Peck und Anthony Quinn. Dem hat’s da so gut gefallen, dass er ein Stück Land gekauft hat, das noch heute nach ihm benannt ist.“

„Ich kenne nur den Alexis Sorbas mit ihm.“

„Der hat auf Kreta gespielt.“

„Aha ...“

„Und, was sagst du? Bist du einverstanden?“

„Die Frage kommt ein bisschen spät, meinst du nicht? Es sei denn, du hast auch eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen?“

„Es wird dir gefallen, glaub mir.“

Ingrid bedachte ihn mit ein paar zärtlichen Küssen auf die Wange, kroch dann hinter ihm aufs Bett und massierte ihm mit beiden Händen sanft den Nacken. Gruber beugte sich weiter vor, ließ die Landkarte auf den Teppich fallen und schloss die Augen. Er konnte sein Glück noch immer nicht so richtig fassen, selbst nach gut einem Jahr ihres Zusammenseins. Vor allem, wenn er daran dachte, unter welch unglücklichen Umständen sich ihre Beziehung angebahnt hatte. Dass sie trotz seiner Riesendummheit, die sie fast das Leben gekostet hätte, weiter zu ihm gehalten hatte. Und dann auch einverstanden gewesen war, ihn zu heiraten, mit ihm den Rest ihres Lebens zu verbringen. Nein, diese Frau war einfach der blanke Wahnsinn. Er brauchte sie nur anzuschauen und schon ging es ihm gut. Und sie brauchte ihn nur anzufassen und schon ... Er sah an sich herab und grinste wie ein Schulkind, das eine gute Note erhalten hatte. Vielleicht doch gar nicht schlecht, dachte er, dass es damals nicht geklappt hatte mit ihnen, dass vor mittlerweile einundvierzig Jahren nichts aus ihnen geworden war. Dann würden sie vermutlich längst getrennte Wege gehen, oder er könnte ihrem Anblick nichts mehr abgewinnen und sie wären nur noch aus Gewohnheit zusammen, wie so viele andere Ehepaare auch. Würden sich bei jeder Gelegenheit angiften und sich vor der Nähe des anderen ekeln. So aber könnten sie gemeinsam alt werden und er würde, so hoffte er zumindest, doch nie genug von ihr kriegen.

„Wir werden tagsüber ein bisschen herumfahren, irgendwo baden oder auch nur am Strand herumliegen, abends dann fein essen gehen und nachts werde ich dir ein paar Sterne zeigen, von denen du garantiert noch nie etwas gehört hast“, flüsterte ihm Ingrid ins Ohr.

Bevor Gruber antworten konnte, klingelte sein auf dem Nachttisch abgelegtes Handy. Er blickte auf den Wecker. Es war kurz vor halb zwölf. Schlechte Nachrichten, keine Frage. Er stieß einen Seufzer aus und griff nach dem Apparat. Es war Bischoffs Nummer auf dem Display. Na prima, dachte er.

„Ja?“

„Hast du schon geschlafen?“, fragte seine Kollegin etwas kleinlaut.

„Würde das einen Unterschied machen?“, erwiderte er abweisender, als er eigentlich gewollt hatte.

„Tut mir leid, aber ich glaube, du musst noch mal raus ...“

„So? Verrätst du mir auch, wohin? Und vor allem, warum?“

„Ein Fall von Fahrerflucht mit einem Toten, mitten in der Stadt, in der Leonrodstraße.“

„Fahrerflucht?“, wiederholte Gruber missmutig. „Kannst du das nicht allein erledigen?“

„Schon. Aber es könnte mehr dahinterstecken ...“

„Was denn zum Beispiel?“

„Mord.“

2

Gruber stellte seinen Peugeot auf dem Bushaltestreifen vor der Hauptschule in der Haslacher Straße ab, stieg aus und blickte sich um. Er mochte diese Ecke der Stadt besonders, diese Handvoll Straßen mit den prächtigen Jugendstilvillen, gesäumt von mächtigen Kastanienbäumen. Dass ausgerechnet hier ein Mord auf offener Straße stattgefunden haben sollte, wollte ihm nicht in den Kopf. Die Bischoff übertreibt mal wieder, dachte er, während er die Fahrbahn überquerte und sich dem Schauplatz des Geschehens näherte, wo ihm die Blaulichter etlicher Streifenfahrzeuge entgegenblinkten. Er passierte ein paar neugierige Anwohner, die leicht fröstelnd auf dem Gehsteig herumstanden, und trat zu der Gruppe von Streifenpolizisten, die sich um einen am Straßenrand geparkten Volvo geschart hatte.

„Abend, Herr Kommissar“, begrüßte ihn einer der Beamten, ein schnauzbärtiger Mittdreißiger.„Eine echt scheußliche Sache, sage ich Ihnen.“

Gruber nickte nur. Er hatte eigentlich erwartet, dass Bischoff ihn aufklären würde, konnte seine Kollegin aber nirgends entdecken. Er sah nur eine dunkelhaarige, jüngere Frau, bekleidet mit Jeans und einem Anorak, die ein Stück weit entfernt an einem Geländewagen lehnte und eine Zigarette rauchte, eine schwarze, prall gefüllte Umhängtasche zu ihren Füßen. War die Bischoff etwa schon im Krankenhaus?

„Also dann, schießen Sie mal los“, sagte Gruber zu dem Beamten.

„Na ja, hier hat er gelegen, der arme Teufel“, erwiderte der Beamte und trat dabei einen Schritt zurück. „Hier vorm linken Kotflügel, zusammengekrümmt und die Hände vorm Bauch. Und mit einem Gesichtsausdruck, der mir jetzt noch wehtut.“

„Heißt das, er hat noch gelebt, als Sie angekommen sind?“

Der Beamte schüttelte den Kopf. „Kein Puls, kein Atem, nichts. Das hat dann auch der Notarzt festgestellt, der gleich nach uns gekommen ist. Da war definitiv nichts mehr zu machen. Sie haben ihn trotzdem aber noch ins Krankenhaus geschafft.“

„Und welcher Art waren seine Verletzungen?“

„Na ja, äußerlich war ihm kaum was anzumerken. Wahrscheinlich war innerlich alles zerquetscht. Aber jetzt raten Sie mal, was er getragen hat?“

„Was er getragen hat?“, wiederholte Gruber und blickte den Beamten verblüfft an. „Woher soll ich das wissen?“

„Sie werden es kaum glauben, aber der Tote hat unter seinem Pullover eine kugelsichere Weste angehabt.“

„Was?“ Gruber schüttelte verwirrt den Kopf. Das wurde ja immer bunter. Erst ein Mordanschlag mitten in der Stadt, und jetzt hatte das Opfer offensichtlich auch noch damit gerechnet. Wir sind doch hier nicht bei der Mafia, dachte er, wir doch nicht. Er blickte erneut in die Runde, doch von Bischoff immer noch keine Spur. Er wurde langsam ärgerlich.

„Wissen wir schon, um wen es sich handelt?“, fragte er den Beamten. „Hatte er seinen Ausweis bei sich?“

„Seine Brieftasche und sein Handy hat Ihre Kollegin schon an sich genommen ...“

„Ach so? Wo steckt die überhaupt?“

„Da war eine junge Frau, aus einem der Häuser dort drüben, die kam hier angerannt und ist total ausgeflippt. Vielleicht die Tochter des Toten, dem Alter nach. Der Arzt hat ihr eine Beruhigungsspritze verpasst und die Frau Kommissarin hat sie dann zurückgebracht.“

„Verstehe. Gibt es Zeugen? Wer hat ihn denn gefunden?“

Der Beamte drehte sich zur Seite und wies mit dem Daumen auf die Frau mit der Zigarette. „Die Dame dort hat uns alarmiert. Sie trägt hier die Zeitungen aus und hat ihn liegen gesehen. Sonst hat niemand etwas beobachtet. Jedenfalls hat sich bis jetzt keiner gemeldet.“

„Irgendwelche Hinweise auf das Tatfahrzeug?“

„Auch Fehlanzeige ...“

„Wir wissen also nicht mal, um welches Fahrzeug es sich handelt?“

Der Beamte schüttelte den Kopf. „Ich habe der Frau Kommissarin trotzdem geraten, eine Fahndung in die Wege zu leiten“, sagte er dann. „Ich meine, manche Kollegen haben einen Blick, einen sechsten Sinn für so was. Und jetzt, wo kaum mehr Verkehr herrscht ...“

Gruber nickte nachdenklich. „Ja, da ist was dran.“

„Und die Spurensicherung ist auch schon unterwegs. Die Frau Kommissarin hat gemeint, sie möchte die ganze Straße absuchen lassen, für alle Fälle.“

„Na gut.“ Gruber wandte sich ab und ging zu der Zeitungsausträgerin, die bei seinem Näherkommen ihre Kippe fallen ließ und mit dem rechten Schuh ausdrückte. Gruber streckte seine Hand aus und sagte „Guten Abend. Ich bin Hauptkommissar Gruber.“

Die Frau ergriff die Hand und erwiderte mit dünner Stimme. „Hallo. Mein Name ist Monika Graf.“

„Muss ja ein ziemlicher Schock für Sie gewesen sein?“

Die Frau nickte nur.

„Haben Sie den Toten zufällig gekannt?“

„Sein Name war Dieter Leschnik.“ Die Frau machte eine Kopfbewegung zu der Villa schräg hinter ihr. „Da drin hat er gewohnt, oben im ersten Stock, zusammen mit seiner Frau oder Freundin. Die war auch kurz hier unten ...“

Leschnik! Der Name kam Gruber vage bekannt vor. Hatte es zu seiner Gymnasialzeit nicht mal einen Arzt oder Professor gleichen Namens in der Stadt gegeben?

„Und Ihnen ist vorher nichts aufgefallen?“, fragte er weiter. „Ein Wagen vielleicht, der ziellos rumgekurvt ist, oder jemand, der in einem geparkten Wagen gesessen hat?“

Die Frau schüttelte den Kopf, holte aus ihrer Jackentasche eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug und steckte sich eine weitere Kippe an. Sie nahm ein paar hastige Züge, sagte dann: „Wissen Sie, wenn ich meine Runde drehe, mache ich das so schnell wie möglich. Ohne mich viel umzuschauen.“

„Verstehe ... War er noch ansprechbar, als Sie bei ihm waren?“

„Nein.“

Über der Schulter der Zeitungsausträgerin sah Gruber, wie Bischoff aus dem Haus und auf ihn zukam. Wie üblich tiptop gekleidet, dezent geschminkt und ohne eine Spur von Müdigkeit im Gesicht.

„Sie können dann nach Hause gehen“, sagte Gruber zu der Zeitungsausträgerin. „Hinterlassen Sie bei den Kollegen nur Ihre Adresse. Wir melden uns dann gegebenenfalls.“

Die Frau nahm wortlos ihre Tasche und wandte sich den Streifenpolizisten zu, und Gruber konzentrierte sich auf Bischoff.

„Gut, dass du hier bist. Den Kollegen Schmidinger habe ich schon verständigt“, sagte Bischoff statt einer Begrüßung.

„Wieso das denn?“ Edwin Schmidinger war Chef der Salzburger Kripo und mit Gruber gut bekannt.

„Wirst du gleich erfahren. Leschniks Freundin weiß, wer dahintersteckt ...“

„Du meinst also, es war wirklich Mord?“

„Todsicher. Und der Auftraggeber sitzt in Salzburg. Kommst du?“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und lief zum Haus zurück. Gruber blickte ihr kopfschüttelnd nach, ehe er in normalem Schritttempo folgte. Er dachte daran, was ein Kellner einmal zu ihm gesagt hatte: Ein guter Ober dürfe niemals laufen, egal, wie voll der Laden oder wie nervig die Gästen seien. Neben der massiv hölzernen Eingangstür waren zwei Namensschilder und zwei Briefkästen angebracht: Leschnik/Zeller und A. Beuschl.

3

„Sie ist im Bad, kommt aber gleich. Dann kann sie es dir selbst erzählen“, sagte Bischoff, nachdem Gruber die Wohnung betreten und die Tür hinter sich zugemacht hatte. Gruber nickte und ging hinter Bischoff ins geräumige Wohnzimmer, das allerdings mehr einer Bibliothek als einem der üblichen Fernsehzimmer mit Schrankwand und Nippes glich. Nichts als Bücher, dazu stapelweise Zeitschriften und etwa vierzig Aktenordner, gefüllt mit Zeitungsausschnitten, wie Gruber feststellte.

„Scheint ja ein echter Bücherwurm gewesen zu sein“, sagte er verwundert. „Wer sollte so jemanden denn umbringen?“

„Er hat nicht nur gelesen. Er hat auch geschrieben. Er war Journalist. Jedenfalls bis vor ein paar Jahren.“

„Fürs Tagblatt?“

„Das nicht gerade. Er war eine echte Berühmtheit ...“ Bischoff griff nach einem Buch, das auf einem Stapel ganz oben lag und hielt es Gruber unter die Nase. Der Titel lautete „Krieg in Europa. Was in Jugoslawien wirklich geschah“, das Coverfoto zeigte einen hageren, fast kahlköpfigen, etwa fünfzigjährigen Mann mit Adlernase, der mit einer Kamera in der Hand eine menschenleere, augenscheinlich ausgebombte Straße entlangging. Der Autor höchstpersönlich? Gruber nahm das Buch entgegen und schlug es auf. Tatsächlich zeigte das Bild Dieter Leschnik in Sarajevo, aufgenommen im Oktober 1996.

„Und der hat hier in Traunstein gewohnt?“, fragte er.

„Erst seit Kurzem. Aber er ist hier geboren und aufgewachsen. Deswegen vielleicht ...“

Gruber blätterte ein paar Seiten um, bis er weitere Fotos fand. Auf einem saß Leschnik auf dem Beifahrersitz eines Jeeps, mit nachdenklicher Miene und einem Notizblock auf den Knien. Neben ihm stand ein dunkelhaariger, forsch dreinblickender jüngerer Mann, ein Fernglas umgehängt und eine ausgebreitete Straßenkarte in den Händen. Der Reporter und sein Scout im Feindesland, dachte Gruber unwillkürlich.

„Wieso ist sie eigentlich nicht mit ins Krankenhaus?“, fragte er zwischendurch. „Ich meine, auch wenn er schon tot war ...“

Bischoff zuckte mit den Schultern. „Frag mich was Leichteres.“

G

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tödlicher Grenzverkehr" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen