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Todesregeln

Inhaltsübersicht

1. Kapitel JANA WAR NUR NOCH FERTIG.

2. Kapitel ARVA ZUPFTE JANA AM ARM.

3. Kapitel JANA WAR AN DER REIHE.

4. Kapitel ZWEITE STUNDE.

5. Kapitel BRAD HATTE EIN EIGENES AUTO UND WAR TÄTOWIERT.

6. Kapitel JANA STAND ALLEIN DA.

7. Kapitel ARVA REDETE. Und redete.

8. Kapitel »MACHEN WIR EINEN SPAZIERGANG.«

9. Kapitel JANA ZITTERTE.

10. Kapitel PAULINE WAR AUSSER SICH.

11. Kapitel JANA KOCHTE.

12. Kapitel MARS ÜBERRASCHTE JANA.

13. Kapitel MICHAEL SPÜRTE NICHTS.

14. Kapitel ES WURDE ZEIT, MIT MICHAEL ZU REDEN.

15. Kapitel MARS’ SCHULTER KRACHTE.

16. Kapitel »OH GOTT, ER HAT DICH VERGEWALTIGT.«

17. Kapitel JANA WAR FRÜH DRAN.

18. Kapitel MICHAEL SCHAUDERTE ES.

19. Kapitel JANA ERZIELTE DREI MINUSPUNKTE.

20. Kapitel MARS WAR BEREIT ZUM AUFBRUCH.

21. Kapitel JANA DRÜCKTE WYATTS HAND.

22. Kapitel SIE WAREN FAST AM ZIEL.

23. Kapitel ARVA SCHAUTE MIT EINEM STIRNRUNZELN IN DIE WELT.

24. Kapitel SHERRY SCHWÄNZTE DIE SCHULE.

25. Kapitel JANA SPRANG INS WASSER UND GING UNTER.

26. Kapitel MARS ZOG SICH UM.

27. Kapitel »GIBTS HIER SCHLANGEN?«

28. Kapitel MARS WAR SCHLECHT GELAUNT.

29. Kapitel SIE HATTEN NICHT VIEL ZEIT.

30. Kapitel »WAS IST DAS DENN?«

 

Dieses Buch widme ich Stephanie MacLean,

die mir Flügel verliehen hat.

1. Kapitel JANA WAR NUR NOCH FERTIG.

Es war ihr erster Tag in der neuen Schule und alle im Bus sahen einfach komisch aus. Sie berührte mit beiden Händen ihr Gesicht, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte. Sie hatte Erdbeergeschmack im Mund. Aber sie konnte sich nicht erinnern, gefrühstückt zu haben.

Ihre Hände betasteten immer wieder ihr Gesicht. Ihre Finger fühlten sich kühl an.

»Das ist an deinem Hinterkopf«, sagte ihre Sitznachbarin. »Nicht in deinem Gesicht.«

»Was denn?«

»Deine Haare sind hinten verklebt. Bist du gefallen?«

»Ja, vermutlich«, sagte Jana. Langsam kam ihr die Erinnerung.

»Ich bin Arva Davis.« Arva würgte ihren Namen in einem heiseren Flüstern aus sich heraus.

»Jana Webster.«

Von Webster und Haynes, hätte Jana gern hinzugefügt, ließ es aber. Auch an ihrer neuen Schule würden die anderen bald erfahren, dass Jana in dieser Welt nicht allein stand.

»Ach, ich weiß. Wir teilen doch das Zimmer. Ich soll dir bei der Orientierung helfen, so an deinem ersten Tag und überhaupt.«

Es war schwer zu sagen, ob Arva versuchte, locker zu sein. Sie redete in einem angestrengten Flüstern, wie ein Schurke im Film, nachdem der entscheidende Schuss ihn getroffen hatte.

»In der Bibliothek steht ein Handbuch für die Schule«, sagte Arva. »Aber wenn du Fragen hast, komm einfach zu mir.«

Jana schaute aus dem Fenster. Die Häuser am Straßenrand schienen vorüberzugleiten, als bewegten sie sich, und nicht der Bus. Sie hatte diese Straße noch nie gesehen.

»Wo ist Michael?«, fragte Jana. Das war ihre allerwichtigste Frage.

»Wer?«

»Mein Freund. Michael Haynes. Wir sind immer zusammen.«

An ihrer Schule waren sie berühmt dafür, dass sie zusammen waren, ein Paar. Jana kam sich ohne Michael nackt vor. Mit ihm war sie die perfekt zufriedene Jana, die selbstsichere und begabte Jana. Ohne ihn war sie nur nervös und zappelig.

»Ich nehme mal an, er ist an deiner alten Schule. Hast du Heimweh? Anfangs geht das allen so.«

Arva war zweifellos etwas im Hals stecken geblieben, dachte Jana. Kein Mensch konnte absichtlich so reden. Jana hätte Arva gern auf den Rücken geklopft, bis ihre Stimme wieder normal klang.

»Er lässt mich hier nicht allein«, sagte Jana. »Bestimmt wartet er auf dem Parkplatz auf mich.«

»Der Campus ist nicht zugänglich«, sagte Arva. »Keine Besucher.«

Jana drehte sich auf ihrem Sitz um, um aus dem Heckfenster des Schulbusses zu schauen, vermutlich folgte Michael in seinem Auto. Er konnte doch nicht ohne sie leben.

Die Leute auf den Sitzen hinter ihr starrten Jana an. Sie alle hatten etwas Seltsames an sich. Sogar der gutaussehende Typ, der sich auf der Rückbank fläzte, sah ein bisschen verrückt aus. Er lächelte sie an.

Er hatte wunderschöne blaue Augen und perfekt geschwungene dunkle Augenbrauen, aber Jana erkannte Typen wie ihn auf den ersten Blick. Die gab es in jeder Schule. Sie spielten den harten Burschen und rissen Zoten. Michael konnte sie mit einer Handbewegung verjagen. Und Jana konnte das auch.

Sie zeigte dem Jungen hinten im Bus ihren linken Handrücken, die Hand, an der Michaels Schulring aus Weißgold steckte. Jana winkte sich selbst zu.

Der Junge ganz hinten nickte und grinste. Dann zeigte er ihr einen Vogel. Ein langer Kerl, der seine Beine durch den Mittelgang gestreckt hatte, lachte.

Jana drehte sich wieder um.

»Sieh sie nicht an«, sagte Arva warnend. »Die Jungs ganz hinten sind Sliders. Die sind gefährlich. Die können dir echten Ärger machen. Sonst taugen sie zu nichts.«

Janas neue Zimmergenossin hörte sich an wie ein Frosch, der zu sprechen versucht.

»Wenn ich dir jetzt so fest ich kann den Hals zudrücke, hörst du dann auf, so zu reden?«, fragte Jana.

Arva kicherte. Es hörte sich an wie quietschende Autobremsen.

Jana suchte nach ihrem Handy und ihr Blick fiel auf ihre Kleidung. Sie trug exakt die gleiche wie Arva: ein Faltenrock in dunkelgrünen Tönen und eine weiße Hemdbluse. Kniestrümpfe und schwarze Halbschuhe. Solche Kleider hatte sie nie gehabt. Nie im Leben.

Sie rochen auch nicht nach ihren Kleidern. Sie dufteten nicht nach ihrem Weichspüler oder ihrem Parfüm, das Michael ihr zum Valentinstag geschenkt hatte. Jana rümpfte die Nase. Ihre neuen Kleider rochen wie Ivory-Seife. Und sie auch.

Sie rutschte auf dem Sitz nach vorn und suchte in ihrer neuen Kleidung nach Taschen. Es gab auf jeder Seite des dicken Baumwollrocks eine. Beide waren leer. Sie sah oben in ihren Strümpfen nach.

»Suchst du Zigaretten?«, fragte Arva.

Jana schüttelte den Kopf. »Handy«, sagte sie. »Ich muss Michael eine SMS schicken.« Er würde sie überall abholen. Wann immer sie wollte. Notfalls würde er auch eine Stunde schwänzen.

»Geht nicht«, sagte Arva. »Handys funktionieren hier nicht. Nicht im Bus, nicht in der Schule, nicht im Wohnheim.«

»Ach«, sagte Jana. »Echt nicht? Das kann doch nicht wahr sein.«

Ihre weiße Bluse hatte eine Brusttasche. Die war leer.

»Das ist absolut wahr«, sagte Arva. »Wenn du eins hattest, als du hergekommen bist, dann liegt es im Wohnheim, mit den Kleidern, die du anhattest. Aber es funktioniert nicht. Wir haben hier kein Netz.«

»Meine Tasche?«, fragte Jana, verwirrt, dass sie bei ihrem Wechsel auf die neue Schule offenbar so viele Dinge verloren hatte. Von denen Michael nicht das Unwichtigste war. »Wo sind meine Bücher? Mein Laptop?«

»Handtaschen und andere Taschen sind auf dem Campus nicht erlaubt. Bücher und Hefte für jede Unterrichtsstunde liegen an deinem Platz, wenn du dort hinkommst. Du lässt sie dann einfach dort und nach der Schule liegen sie in deinem Zimmer. So machen sie das eben hier. Und in unserem Zimmer steht ein Computer, aber der wird dir nicht gefallen.«

Jana war es egal, ob ihr der Computer gefiel. Eine Email würde ihr Leben retten. Sie musste eben warten.

»Wann fahren wir nach Hause?«, fragte Jana, deren Gedanken jetzt weiterwanderten.

Wieder lachte Arva. Jedenfalls interpretierte Jana dieses zweimalige heisere Quietschen als Lachen.

»Das ist doch ein Internat«, sagte Arva. »Du kommst zu Beerdigungen und Ausflügen und so was raus.«

Wieder schaute Jana aus dem Fenster.

Hier ergab wirklich nichts einen Sinn. Niemand konnte doch mitten im Schuljahr einfach so in eine neue Schule versetzt werden. Schon gar nicht in der zweiten Collegeklasse, wenn sie mit einem Jungen aus der Abschlussklasse ausging. Jana berührte ihren Hinterkopf. Ihre Haare schienen verklebt zu sein. Ihre Bürste lag in ihrer Tasche, wo immer die sein mochte.

»Wir sind fast da«, sagte Arva zu ihr. »Wir sind zusammen in einer Klasse. Aber wenn du noch Fragen hast, dann solltest du sie jetzt stellen. Wenn ich während des Unterrichts rede, dann wissen sie, dass ich das bin.«

Jana musterte verwirrt ein Mädchen, das ganz vorn im Bus saß.

Alle anderen trugen die Schuluniform. Dieses Mädchen aber hatte ein leuchtendes weißes langes Gewand. Der Stoff sah aus wie Satin.

»Na gut«, sagte Jana. »Dieses Mädchen in Weiß. Was ist mit der los? Ist sie in einer Sekte oder so was?«

»Pssst.« Arva hielt sich den Finger an die Lippen. »Mach keine Witze.«

»Ich mache keine Witze«, sagte Jana. »Aber sie sieht so blass aus. Abgesehen von ihren Lippen und Augen hat alles an ihr die gleiche Farbe wie ihr Kleid.«

»Ich weiß. Du hast das Gefühl, durch ihre Haut schauen zu können. Sie ist eine Jungfrau. Die sind durchscheinend. Ätherisch.«

»Warum trägt sie so ein Kleid? Ist sie im Chor?«

»Irgendwie schon«, sagte Arva. »Jungfrauen singen. Sonst tun sie in der Schule nicht viel. Sie besuchen nicht wie wir anderen den Unterricht. Sie dürfen auch nicht mit uns reden. Sie sind fast Engel.«

»Und wie wird man das?«, fragte Jana. Sie hätte nichts dagegen, für anderthalb Jahre den Unterricht ausfallen zu lassen.

»Jungfrau?« Arva grinste. »Denk doch mal nach. Du hast auch als eine angefangen.«

»Na, meine Güte. Ich bin Jungfrau.«

Arva schüttelte langsam den Kopf und schaute Jana voll in die Augen. »Finger zählen auch«, sagte sie.

Jana starrte ihre neue Klassenkameradin ungläubig an. Das war nicht fair. Entweder man schlief miteinander oder nicht. Jana und Michael hatten es nicht getan. Sie hatten einstimmig beschlossen, es nicht zu tun. Sie würden es tun, aber noch nicht. Auch Jana war so ein Engel. Fast.

»Sonst noch was?«, fragte Arva.

Jana schüttelte den Kopf.

»Du möchtest seinen Namen wissen, oder?«

»Wessen Namen?«

»Von dem Typen da hinten. Der sieht wirklich ungeheuer gut aus. Ich schaue ihn immer an, wenn es möglich ist. Aber lass dich von ihm nicht dabei erwischen. Er hat ein Lächeln, das dir die Knöpfe von der Bluse schmelzen kann.«

»Nein«, sagte Jana. »Ist mir egal, wie er heißt.«

Er war grob und vulgär und mehr brauchte sie nicht zu wissen.

»Mars«, sagte Arva. »Wie die Schokoriegel, die wir als Kinder hatten. Sein Name ist das einzig Gute an ihm. Diese Jungs sind Gift, Jana. Pures Gift.«

Jana drehte sich um. Sie saß in einem Schulbus, wo vor ihr ein Fast-Engel saß und hinter ihr das pure Gift.

Sie starrte Arva an. Die Lippen ihrer Orientierungshelferin waren am Rand ein wenig blau und sie zitterten. In ihren Mundwinkeln klebte eine kleine Feder. Sie sah aus wie aus einem Daunenkissen entflogen, nur die Farbe stimmte nicht.

Arva bemerkte ihr Starren. Sie berührte ihren Mund und wischte die kleine schwarze Feder weg. »Kommt vor«, sagte Arva.

 

Jana war gestürzt.

Jetzt erinnerte sie sich wieder. Daher waren ihre Haare am Hinterkopf so verklebt.

Als Michael ihr gesagt hatte, dass Nathan Mills ein Doppeldate vorgeschlagen hätte, war Jana gar nicht begeistert gewesen. Nathan war ein Idiot. Michael war nur mit ihm befreundet, weil sie schon als Kinder auf derselben Straße gegenüber gewohnt hatten. Sie waren früher jeden Tag gemeinsam zur Schule gegangen, bis Michael und sein Vater in ein besseres Stadtviertel gezogen waren.

»Wir sind doch ohnehin dauernd mit dem zusammen«, sagte sie. »Muss er dann auch noch mit uns ausgehen?«

»Diesmal ist das was anderes, Jana. Er möchte dieses Mädchen beeindrucken, das in ihn verknallt ist. Er glaubt, sie könnte das Richtige sein. Eine, die wartet, bis er von der Marine zurückkommt.«

Michael hatte diesen Blick in den Augen. Den Blick, der Jana die ganze Welt versprach. Wie hätte sie da Nein sagen können?

»Warum geht er denn zur Marine?«, fragte Jana. »Der hat doch keine Ahnung von Schiffen.«

»Um von hier wegzukommen«, sagte Michael. »Um die Welt zu sehen. Genau wie wir.«

»Aber wir werden nicht in einem Boot durch die Gegend dümpeln, Michael. Wir ziehen in die Stadt, wo es echtes Theater gibt.« Sie hatte das schon hundertmal erklärt.

»Wir können gleich nach dem College nach Hollywood gehen«, hatte er sie erinnert. Er hatte gelernt, dass er mit Jana am besten auskam, wenn er ihren Traum am Leben erhielt. In Michaels Welt kam das College zuerst.

»Oder nach New York«, sagte Jana. »Denzel Washington hat in New York angefangen.«

Webster und Haynes waren für eine Karriere als berühmte Schauspieler bestimmt. Sie hatten ein Jahr zuvor die Bezirksmeisterschaften für Duo-Auftritte gewonnen. Und in diesem Jahr würden sie die Staatsmeisterschaften gewinnen. Das sagten alle. Jana hatte sich zudem für humoristische Solo-Auftritte qualifiziert, mit ihrem Vortrag von Horton hört ein Hu, während Michael für eine Rede nach Tisch einen Regionalpreis eingesackt hatte. So gut waren sie.

»Okay«, sie ließ sich besänftigen. »Wer will denn eigentlich mit Nathan ausgehen?«

»Sherry Simmons. Aus der zehnten Klasse.«

Jana stöhnte.

»Kennst du sie?«, fragte Michael.

»Kennt Nicole denn Kidman?«, erwiderte Jana.

»Kennt Sandra denn Bullock?«, gab Michael zurück.

»Zauberhafte Schwestern«, antwortete Jana. »Zu einfach.« Das war ihr privates Spiel. Es brachte sie zum Lächeln.

»Ich hätte Stockard Channing sagen sollen.«

»Du hättest zu Nathan Nein sagen müssen. Du weißt doch, er macht mir eine Gänsehaut. Und Sherry Simmons ist eine Schlampe. Nathan wird Sherry Simmons nicht heiraten. Keiner hier in der Stadt wird das tun.«

»Sie will nur gemocht werden«, sagte Michael. »Und sie weiß nicht, wie sie das anstellen soll.«

»Oh, sie weiß sehr gut, wie sie das anstellen soll. Und inzwischen hat die Hälfte aller Jungs in der Schule sie gemocht.«

Sherry war klein und rund. Sie trug Mitesser an ihrem Hals wie Schmuck. Jedes Wochenende bekam sie frische dazu. Ihr Vater war Schlosser. Das einzige, was Jana je von Sherry gehört hatte, war, wie man in Läden und Wohnhäuser einbricht. Die Jungs in der Schule hingen an ihren Lippen.

Sherry beobachtete Jana immer auf dem Schulflur. Wenn Jana diesen Blick erwiderte, machte Sherry ein Gesicht, als ob sie und Jana eigentlich Freundinnen wären. Was sie nicht waren.

»Na los, Jana«, sagte Michael. »Das bringt dich schon nicht um.«

»Na gut. Aber sie gehen früh nach Hause, das ist mein Ernst. Ich werde nicht den ganzen Abend mit dem Auto durch die Gegend fahren, während Nathan kichert und Bier trinkt, bis er sich übergeben muss.«

»Nathan hat sich für Donnerstag mit ihr verabredet. Das ist dann also abgemacht.«

»Du schuldest mir einen Gefallen«, sagte Jana.

»Du kannst entscheiden, was wir machen. Ich dachte, vielleicht ins Kino gehen.«

»Kino ist nur für uns, Michael. Das weißt du.« Jana ging die Möglichkeiten durch. »Ich lass mir schon was einfallen«, sagte sie.

Und das tat sie auch. Jetzt wünschte Jana, ihr wäre etwas eingefallen, wo man nicht so leicht und so hart hinfallen konnte.

2. Kapitel ARVA ZUPFTE JANA AM ARM.

»Hier ist unsere Klasse«, sagte sie mit ihrer krächzenden Stimme, als sie Jana ins Haus führte. Bläulicher Teint schien hier angesagt zu sein. Und nicht nur das.

»Dein Tisch ist neben meinem«, krächzte Arva fröhlich. »Schau mal, dein Heft liegt schon hier. Bleistifte und Kugelschreiber. Du kannst Notizen machen, aber nach der Stunde musst du dein Heft hier liegen lassen.«

Jana hing über ihrem Tisch. Sie beugte den Kopf über das Heft und ließ ihre dunkelbraunen langen Haare ihr Gesicht verbergen. Eine Wand des Klassenzimmers hatte Fenster. Die Plätze am Fenster waren von Jungen belegt, mit Ausnahme des ersten Tisches. Der war leer.

»Hallo«, sagte jemand zu Arva. Jana schaute nicht sofort auf.

Sie wollte eigentlich niemanden ansehen. Ihre Klassenkameraden hatten Dinge an sich, die sie nicht zweimal sehen wollte. Entstellte Gesichter. Seltsam verletzte Körper. Der Bus war schlimm genug gewesen. Der Schulflur war schlimmer. Bei Arva waren es die kleine schwarze Feder im Mundwinkel und das erstickte Keuchen und Krächzen ihrer gebrochenen Stimme. Aber bei anderen 

»Das ist Beatrice«, sagte Arva gerade.

»Wie heißt du?«, fragte Beatrice.

»Jana Webster«, antwortete Jana, die sich noch immer vorbeugte und ihre Augen vor der Klasse verbarg.

»Von Webster und Haynes«, würgte Arva heiser heraus. Jana hatte auf dem Weg zur Klasse alles über Michael erzählt. Sie konnte nicht anders.

»Oh, klingt scharf«, sagte Beatrice, die sofort verstanden hatte. »Wie super ist er?«

»Super hoch drei«, sagte Arva.

Dabei hob Jana den Kopf und schob sich die Haare hinter die Ohren, um Beatrice anzusehen. Jana setzte ihr Lächeln auf. Das Lächeln, das sie benutzte, wenn sie bei Rede- und Schauspielwettbewerben neue Leute kennenlernte.

Jana sah Beatrice an und schaute dann ganz schnell weg.

»Tut mir leid«, murmelte Jana. Sie hob die Hand an den Mund und ließ sie dann wieder sinken. »Tut mir leid, aber da ist … da ist … «

Beatrice war offenbar daran gewöhnt, dass neue Bekannte ein- oder zweimal nach Luft schnappten. Sie grinste Jana an. Beatrice hatte einen breiten Mund, der nach unten zeigte, wenn sie grinste. Dabei sah sie niedlich aus. Jana würde diese Technik üben müssen. Es war ein Aussehen, das sie kopieren könnte, wenn es einen Grund gab, um über etwas zu lächeln, das sie nicht richtig glücklich machte.

»Ragt da was aus meinem Kopf?«, fragte Beatrice. »Sieht aus wie ein Hut, was? Ein Clownshut oder eine riesige künstliche Blume.«

»Was ist das?«

»Dartpfeil. Kirchenpicknick.«

»Ich wusste nicht, dass die noch hergestellt werden.«

»Ach, werden sie auch nicht«, sagte Beatrice. »Das sind Sammlerstücke.«

Jana nickte wie eine Idiotin. Beatrice saß einen Tisch hinter ihr. Jana schaute nach vorn und sank wieder in sich zusammen, sodass ihre Haare vor ihr Gesicht fielen. Sie versuchte, nicht zu zittern, und fragte sich, ob Beatrice wohl versucht hatte, dieses Dings aus ihrem Kopf zu ziehen. Sie hatte so hübsche braune Augen, aber kein Mensch auf der Welt würde das bemerken, so lange ein Metallstab und drei knallgelbe Plastikflossen aus ihrem Schädel ragten.

Ein neues Geräusch erregte Janas Aufmerksamkeit. Grau gekleidete Helfer brachten drei Jugendliche auf Bahren mit quietschenden Rädern in die Klasse. Die Schüler mit den Bahren wurden in einer Reihe gestellt, vor der Wand ohne Fenster, und ihre Zehen zeigten auf die Klasse. Jana war offenbar auf eine Inklusionsschule für Gehbehinderte versetzt worden.

Sie spähte über ihre Schulter, Jungen, die in leisen, herausfordernden Stimmen redeten, boxten sich gegenseitig auf die Arme.

Sliders. So hatte Arva sie genannt. Zwei von ihnen trugen Jeans anstelle der schwarzen Schuluniformhosen. Mars stand in der Gruppe. Er erwischte sie, als sie ihn gerade ansah.

»Appell«, rief eine dröhnende Männerstimme aus dem Lautsprecher neben der Uhr über der Tafel. Die Namen der Schüler wurden in alphabetischer Reihenfolge verlesen. Sein Nachname war Dreamcote. Mars Dreamcote. Das klang wie etwas, das man im Bett anzieht, wenn man im Traum Marsmenschen begegnen will.

Ihr Lehrer tauchte auf. Er trat vor die Klasse, schaute über alle hinweg, sah niemanden an. Jana nahm ihm das nicht übel.

»Alle anwesend«, sagte er. Er warf einen Blick auf den leeren Tisch ganz vorn und fügte hinzu: »Fehlen registriert.«

Jana öffnete ihr Notizbuch und sah, dass schon jemand mit dunklem Bleistift etwas auf die erste Seite geschrieben hatte. Es war ein einfaches Wort, gefolgt von einem kurzen Anhang in kleineren, sorgfältig gemalten Buchstaben darunter.

Das Wort war Mord. Die Notiz darunter sagte Von einem Freund.

Mord. Was sollte das wohl bedeuten?

 

»Jeff Bridges«, sagte Jana.

Sie telefonierte mit Michael. Jana hatte den Abend im Netz verbracht und genau die richtige Aktivität für ihr Doppeldate mit Nathan Mills und Sherry Simmons gefunden.

»Und?«, fragte Michael.

»Sam Elliott.«

Michael zögerte. »Das ist nicht leicht«, sagte er.

»Wird es, wenn ich noch einen Hinweis gebe.«

»Nein, ich krieg es schon.«

Sie wartete.

»Na gut.« Michael gab auf. »Noch einen.«

»John Goodman.«

»The Big Lebowski«, sagte Michael, dann fluchte er, weil er drei Schauspielernamen gebraucht hatte, um auf den Filmtitel zu kommen. »Einer meiner Lieblingsfilme. Ich hätte es bei Sam Elliott wissen müssen.«

»Furz, Toffee und Popcorn«, sagte Jana und lachte. Es war ihr Lieblingsausdruck, den sie benutzte, statt zu fluchen. »Hast du aber nicht.«

»Ich vermute, wir gehen bowlen?«

»Yep«, sagte Jana. »Das perfekte Doppeldate. Ich hab schon eine Bahn reserviert.«

Jana konnte Bowling nicht leiden. Es war zum einen zu laut, und sie fühlte sich immer am Boden zerstört, wenn eine Kugel danebenging. Aber Bowling würde sie davor bewahren, in Gesellschaft von Nathan und Sherry irgendetwas Romantisches tun zu müssen. Und noch wichtiger, es würde die beiden davon abhalten, vor Janas Augen etwas Romantisches zu tun. Bei der Vorstellung, ihnen beim Küssen zusehen zu müssen, bekam sie eine Gänsehaut.

»Ich wusste gar nicht, dass du gern bowlst, Jana.«

»Ich hasse es«, sagte sie fröhlich. »Aber ich werd’s überleben. Und beim nächsten Doppeldate entscheide ich, mit wem wir ausgehen. Okay?«

»Woody Harrelson«, sagte Michael als Antwort.

»Kingpin – Zwei Trottel auf der Bowlingbahn«, sagte Jana treffend. »Viel zu einfach, Michael.« Dann fügte sie schnell hinzu: »Bill Murray, Randy Quaid.« Sie bekam zehn Pluspunkte, weil sie den Film und zwei weitere Schauspieler genannt hatte. Je mehr Darsteller genannt werden mussten, ehe man den richtigen Film erriet, um so schwieriger wurde es, die weiteren Darsteller anzubringen.

»Pluspunkte notiert«, sagte Michael widerstrebend.

»Liebst du mich nicht einfach?«, neckte Jana.

Natürlich tat er das. Da war Jana sich ganz sicher. Webster und Haynes liebten einander inniglich, zutiefst und für alle Ewigkeit.

 

Einer der Sliders hatte es geschrieben, entschied Jana.

Mord. Von einem Freund. Die Druckbuchstaben waren so präzise. Sie schaute sich in der Klasse um, um zu sehen, ob die Sliders sie beobachteten, bereit loszuprusten, wenn sie die unheimliche Mitteilung gelesen hätte.

Wieder erwischte Mars sie dabei, dass sie ihn ansah. Er lächelte mit einem Mundwinkel. Ein Grübchen zeigte sich.

Jana schaute sich schnell wieder um. Der Lehrer schrieb etwas an die Tafel. Er hatte fettige Haare mit einem hoch sitzenden Mittelscheitel. Fast sechs Zentimeter um seine Ohren herum waren glatt geschoren. Er war Anfang vierzig, tippte sie, aber sein Gesicht sah viel müder aus. Seine Hände waren zu groß für seine Arme.

Der Name des Lehrers stand ganz oben an der Tafel: Mr Fitzgerald. Er hatte keinen Ring. Nachdem er Die heutigen Aufgaben an die Tafel geschrieben hatte, drehte er sich um, um seine Notizen durchzusehen. Er trug eine Drillichjacke mit Pepitamuster und einen komischen gestrickten Schlips. Der hatte schnurgerade kontrastierende Streifen und war zu kurz. Außerdem war er unten quer abgeschnitten. Jana sah gern ältere Leute an. Sie gab sich alle Mühe, um herauszufinden, was sie antrieb. Das gehörte dazu, um eine gute Schauspielerin zu sein. Mr Fitzgerald allerdings schien von gar nichts angetrieben zu werden. Seine Augen waren müde und sein Gesicht war aufgedunsen. Bestimmt trank er. Er war Alkoholiker und sie hätte gern gewusst, warum.

Unglückliche Liebe, beschloss Jana. Er hatte geliebt und verloren. Und war noch immer besessen davon. Nicht alle konnten Webster und Haynes sein.

 

Am Donnerstagabend waren Jana und Sherry zur Toilette gegangen, um ihr Make-up zu überprüfen.

»Gefällt er dir?«, fragte Jana die Jüngere. Sherrys Haare waren dick und glatt und weit über ihren Schultern abgeschnitten. Es waren einfach braune Haare, aber Sherry hatte sich zu beiden Seiten des Mittelscheitels fette kirschrote Strähnen einfärben lassen. Jede rote Strähne hatte in der Mitte einen schmalen gelben Streifen. Ihr Kopf sah aus wie ein gestreiftes Bonbon.

»Total hin und weg«, sagte Sherry. Sie sagte die Wahrheit, aber es hatte nichts mit Nathan zu tun.

»Vorsichtig«, warnte Jana die Jüngere. »Er ist bald mit dem College fertig und du bist erst in der Zehnten.«

Janas Haare waren von schlichtem Dunkelbraun ohne natürliche oder unnatürliche Tönungen. Wenn sie nicht auf der Bühne stand, benutzte sie nur wenig Make-up. Ihre Augenlider waren klar gezeichnet, aber Jana hielt ihre Augenfarbe für langweilig und dumpf. Fast grün. Oder doch eher haselnuss. Es war einer der Gründe, warum Jana nicht so hübsch war wie ihre Mutter. Und das auch niemals sein würde.

Sie kannte alle ihre Mängel und konnte damit leben. Ihre Augenbrauen waren nicht dunkel genug. Ihr Kinn sprang ein wenig zu weit vor. Ihr Mund war zu groß. Wenn Jana lächelte, bedeckte das Lächeln ihr ganzes Gesicht.

Janas Mutter war eine auffällige Schönheit, sie war früher einmal ein berühmtes Model gewesen. Sie hatte Jana wieder und wieder erzählt, dass es gefährlich sei, hübsch zu sein, dass Jana Glück habe, weil sie doch ein wenig unscheinbar sei, denn sie solle sich doch nur ansehen, was es ihrer Mutter gebracht hatte, umwerfend schön zu sein.

»Wenn du schön bist, sieht jeder in dir eine andere Geschichte, aber es ist nicht deine Geschichte«, hatte ihre Mutter erklärt. »Sei froh, dass du als die gute schlichte Jana durch das Leben gehen kannst. Du kannst dich selbst definieren und brauchst das nicht anderen zu überlassen.«

Jana benutzte wasserfeste Wimperntusche bei einem Date, da sie Michaels Hemd nicht schmutzig machen wollte. Aus Angst, die grellen Lichter der Bowlinghalle könnten ihre Züge endgültig verwischen, trug sie vorsichtig eine neue Schicht pfirsichfarbenen Lipgloss auf. Es fühlte sich auf ihren Lippen wie Seide an. Sie kam sich dadurch hübsch vor.

Jana presste vor dem Spiegel die Lippen aufeinander und lächelte. Aber es war kein übertrieben strahlendes Lächeln.

»Manchmal musst du dir überlegen, wen du willst, und dann darfst du dir keine Sorgen wegen der Kleinigkeiten machen, die im Weg stehen könnten«, sagte Sherry. »Ich bin nicht so perfekt wie du. Also muss ich mir größere Mühe geben.«

Jana lachte. Sie war nicht perfekt. Sie fing im Spiegel Sherrys Starren auf und sah den Ernst in ihren Augen. Sherry starrte Jana mit einem witzigen kleinen Schmollmund an, der ihre Augen gemein aussehen ließ.

»Kleinigkeiten?«, fragte Jana.

»Du weißt schon, andere Leute.« Sherry zuckte mit den Schultern. »Solche Kleinigkeiten.«

Seltsamerweise ertappte Jana sich dabei, dass sie Sherrys Erkenntnisse darüber, wie man das bekommt, was man will, durchaus zustimmte. Andere Leute dürften Webster und Haynes nicht in die Quere kommen. Niemals.

»Und ich bin nicht perfekt«, sagte Jana. »Wenn du was Perfektes willst, dann solltest du mal meine Mutter sehen. Und warten, bis du mich kotzen siehst.«

Sherry grinste. Diesmal war es echt. Ihre gemeinen Augen funkelten.

»Und Michael ist das auch nicht«, fügte Jana hinzu. »Wir sind nur zufällig perfekt füreinander.«

Sherrys Tasche lag offen vor dem Waschbecken. Jana sah hinüber und entdeckte oben auf den anderen Sachen eine Spraydose.

»Ist das Haarspray?« Treibgas fraß Löcher in die Atmosphäre.

Sherry ließ ihre Tasche zuschnappen. »Pfefferspray«, sagte sie. »Mein Dad leidet unter Verfolgungswahn. Ohne darf ich das Haus nicht verlassen. Ich habe genug, um eine ganze Footballmannschaft auszuschalten.«

»Na, wenn du Probleme mit Nathan hast, dann sag mir einfach Bescheid. Michael wird ihm schon bessere Manieren beibringen.«

Sherry trat vom Spiegel zurück und tat etwas, das Jana noch nie bei einem Mädchen gesehen hatte. Sherry schob ihr T-Shirt nach oben und rieb sich einige Male mit den Handflächen über die Brustwarzen. Jana musste sich abwenden, um keine vulgäre Bemerkung zu machen. Kein Wunder, dass sie Pfefferspray braucht, dachte Jana.

Sie gingen mit Michael und Nathan zu ihrer Bowlingbahn.

Die Knallgeräusche der schweren Kugeln, die auf den Boden auftrafen und über die Bahn kullerten, hallten von den Wänden wider. Die fallenden Kegel machten einen Lärm, als ob Krieg herrschte. Die Leute johlten und brüllten. Sie sprangen in die Höhe und kreischten.

Michael saß hinter der elektronischen Punktetafel. Als Jana auf ihn zuging, hatte sie ein Déjà-vu. Sie sah ihn zweimal hintereinander, wie er ihre Namen eintippte. Jana hätte ihm gern auf die Schulter geklopft und ihn gebeten, mit ihr von hier wegzugehen. Sie hatte Schmetterlinge im Bauch, die nicht dorthin gehörten. Irgendetwas stimmte an diesem Abend nicht.

Jana schüttelte ihre prickelnde Angst ab. Michael war bei ihr und sie war in Sicherheit.

Nathan und Sherry saßen zusammen auf der halbrunden Bank hinter Michael. Jana setzte sich neben Sherry, um ihre Bowlingschuhe anzuziehen. Vorsichtig und gleichmäßig zog sie die Schnürsenkel zurück und band sie dann ganz fest. Dann machte sie in jede Schleife noch einen Knoten.

»Was machst du denn da?«, fragte Nathan. »Häkeln?«

Nathan lachte über seinen eigenen Witz. Sein Lachen klang wie ein Motorrad, das Probleme beim Starten hat. Das tat er, wenn er Bier trank. Er lachte. Er würde den ganzen Abend lang lachen. Es war so nervig.

Sherry beugte sich vor, um zuzusehen, wie Jana in jeden Schnürsenkel einen zweiten Knoten machte. Aus Versehen versetzte Nathan Sherrys Tasche einen Tritt und das Pfefferspray kullerte heraus. Das schien dem Mädchen peinlich zu sein, denn sofort fiel sie vor Jana auf die Knie und griff unter die Sitze, um die Dose zurückzuholen, ehe irgendwer sehen konnte, was das war.

Während Sherry sich bückte, schnitt Nathan für Jana eine Grimasse, hob und senkte seine Augenbrauen und ließ seine Zunge aus seinem Mund hängen wie ein hechelnder Hund. Was war Nathan für ein Mistkerl.

»Jana, du bist dran«, sagte Michael. Er drehte sich um und zwinkerte ihr zu. »Hals und Beinbruch«, fügte er hinzu, um ihr Glück zu wünschen.

3. Kapitel JANA WAR AN DER REIHE.

Sie strich die Beine ihrer Caprihose glatt. Sie war hellblau und hatte cremefarbene senkrechte Streifen. Die ließen ihre Beine länger aussehen.

Jana hob die orangerote Bowlingkugel hoch und ihr Fuß glitt auf dem polierten Holzboden unter ihr weg. Bowling war glitschiger, als sie es in Erinnerung hatte. Sie hielt sich mit der freien Hand am Rand der Bahn fest und richtete sich auf. Dann rutschte sie wieder weg. Als ob sie Räder unter ihrem rechten Schuh hätte oder versuchte, auf Eis zu gehen.

Sie hob den Fuß, um nicht zu fallen.

Janas linker Schuh rutschte nach links und sie führte einen absurden Tanz auf. Sie beugte sich zu weit vor, dann richtete sie sich mit einer Umdrehung so gerade auf, wie sie nur konnte. Sie hob die orange Kugel über den Kopf und versuchte, das Gleichgewicht zu halten.

Es half alles nichts. Ihr rechter Fuß glitt ganz von selbst unter ihr weg.

Jana hörte Nathan lachen, als sie rücklings umf iel und das Gewicht der Kugel ihren Arm über ihre Schulter nach hinten riss.

Sie hielt die acht Pfund schwere Bowlingkugel fest wie einen Rettungsring. Die Kugel traf zuerst auf den Boden auf. Janas Finger steckten darin fest. Ihr Kopf landete auf der Bowlingbahn, als sie dann endlich fiel. Ihr Ellbogen ragte in die Luft.

Michael war in der Nähe, aber im Sturz sah sie ihn nicht. Ihr Schädel war nur ein wenig angeknackst, die Haut darüber kaum verletzt. Der Schmerz war im ersten Moment unerträglich. Ebenso schnell war er dann wieder verschwunden.

Luft strömte in Janas Gehirn. Ihre Träume stürzten heraus.

Sie war drei Jahre alt und saß mitten im Sommer in einem Schwimmbecken aus Plastik hinten im Garten hinter dem Haus. Ihre Mutter war nicht dabei.

Dann war sie sieben. An ihrem Geburtstagsfest gab es ein Pony. Ihre Mutter war nicht dabei. Das Pony hatte eine lange weiße Mähne, die ihm vorn ins Gesicht fiel.

In der dritten Klasse hatte ein Junge Jana als Bastard bezeichnet. Sie jagte ihn und er stolperte und fiel. Dann trat sie ihn, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, und weil die anderen Kinder in der Schule alle zusahen.

Jana kaufte Cargo Shorts mit Gürtel und Flipflops für ihre Ken-Puppe.

Ein Bild ihrer Mutter starrte Jana von der Titelseite der Vogue an. Es sah nicht aus wie irgendeine Frau, die Jana kannte.

Jana tanzte auf dem Schulball. Ihr Tanzpartner machte große Schritte zur Seite. Sie konnte den Duft der weißen Nelken an ihrem Handgelenk riechen.

Auf dem Parkplatz der Schule verschluckte sie sich am Zigarettenrauch und meinte, sterben zu müssen.

»Du würdest mich doch niemals verlassen, oder würdste?«, fragte Jana Michael mit dem witzigen Akzent, den sie lernen musste, um bei einem Wettbewerb die Abbie in Eugene O’Neills Begierde unter Ulmen zu spielen. Michael war Eben. In diesem Stück hatten sie zusammen ein Baby.

Janas Mutter saß auf ihrer Bettkante und heulte. Sie war selbst dann schön, wenn sie weinte.

In der hintersten Reihe des Kinos entfernte Jana ihren BH , ohne ihren Pullover auszuziehen, damit Michael ihre Brüste berühren könnte. Sie hatte das seit Wochen geübt. Die Erinnerungen waren sofort verflogen. Küsste sie irgendwer? Luft strömte herein und ihr Leben verrann und fegte diese Frage hinweg. Jede Empfindung, die sie je gehabt hatte, verflog. Abgesehen von dem Geschmack von Erdbeeren in ihrem Mund.

Furz, Toffee und Popcorn. Sie war schon tot.

 

Das Mädchen vor Arvas Tisch sagte: »Au!«

Sie hatte sehr hübsche Haare, die wie ein glänzender Fächer über ihre Schultern fielen und sich ein wenig zu bewegen schienen, wie in einer Sommerbrise.

»Au.« Dann nach einer Minute wieder. »Au, au.«

Immer, wenn sie das sagte, hoben sich Haare und Schultern des Mädchens.

Mr Fitzgerald schrieb weiter an der Tafel. Jana wandte ihre Aufmerksamkeit dem Jungen vor ihr zu. Der hatte neun Zentimeter lange dicke schwarze Haare, die in alle Richtungen abstanden. Dadurch sah sein Kopf aus wie eine dunkle Pusteblume. Wenn er den Kopf zur Seite drehte, konnte sie fast seine Augen sehen. Seine Wangenknochen standen hervor.

Er hatte sie angesehen, als sie sich gesetzt hatte, und dabei war ihr aufgefallen, dass seine dunkelbraunen Augen rund und groß waren, wie nach einer Überraschung. Er hatte ein dazu passendes glattes, rundes Gesicht.

»Au«, sagte das Mädchen vor Arva.

Jana schloss die Augen und gab sich alle Mühe, um sich zu konzentrieren. Mr Fitzgerald setzte sich ans Pult. Er öffnete ein Buch und fing an zu lesen. Die Aufgaben standen auf der Tafel.

Was uns nicht umbringt, macht uns stärker, hatte er in kaum lesbarer Schrägschrift geschrieben. Aber was ist damit, was uns umbringt? Antwortet bis zum Ende der Stunde in 250 Wörtern: Lasst eure Hefte auf dem Tisch liegen. Einen schönen Tag noch.

Jana erkannte den ersten Satz. Der war von Nietzsche, dem deutschen Philosophen.

Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Was ist damit, was uns umbringt?

Sie dachte darüber nach, als der rundgesichtige Junge vor ihr sich umdrehte und einen Zettel auf ihren Tisch legte. Er grinste sie über seine Schulter an und drehte sich wieder um. Jana öffnete das zusammengefaltete Stück Papier. Darauf stand: Hallo. Ich bin Henry Sixkiller. Bist du öfter hier?

Jana musste einfach lachen. Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Ihre Finger fühlten sich auf ihren Lippen kalt an. Sie senkte den Kopf über ihr aufgeschlagenes Heft und hoffte, dass niemand dieses erstickte Geräusch gehört hatte.

»Au!«, sagte das Mädchen leise, das auf der anderen Seite von Henry saß, und machte diese seltsame kleine Bewegung mit den Schultern.

Jana schrieb an ihrem Aufsatz.

Liebe, schrieb sie, ist stärker als der Tod. Sie und Michael waren so verliebt wie eh und je. Und eine von ihnen, wie sich jetzt zeigte, war tot.

Sie hatte Michael nicht gesehen, als sie gestürzt war. Aber er war dort gewesen. Er war so nah gewesen. Aber sie war allein gestorben. Das machte ihr jetzt zu schaffen.

Wenn sie Michael sah, wenn sie sich küssten und sie ein magisches, heißblütiges Leben verspürte, das zwischen ihnen hin und her wanderte, wusste Jana, dass sie nie wieder einsam sein würde. So wie es mit ihrer Mutter gewesen war.

Es war nicht fair, dass Jana allein sterben musste. Es war einfach nicht fair.

Romeo und Julia waren zusammen gestorben. Alte Omas und Opas in Pflegeheimen starben nur wenige Tage nacheinander. Das Flugzeug stürzte ab und alle Insassen kamen ums Leben, Jana und Michael eng umschlungen.

Jana wandte sich wieder ihrem Aufsatz zu, schrieb noch ein paar Absätze und endete mit: Was uns umbringt, bringt die Liebe nicht um. Der Philosoph, der behauptet hat, dass Leiden, das nicht zum Tod führt, uns stärker macht, hat keine Ahnung, denn der Tod ändert nichts an deiner Stärke.

Ich bin noch immer hier. Und ich bin noch immer stark. Ich bin stark, weil ich liebe. Was Nietzsche hätte sagen sollen, ist, dass Liebe uns stärker macht als alles andere.

Jana war zufrieden mit ihrem Aufsatz. Man bekam keine Supernoten in der Schule, wenn man nicht zweihundert Wörter schreiben konnte, die Sinn ergaben. Jana wünschte nur, sie hätte ihr Werk laut vorlesen können. Sie war großartig in dramatischer Interpretation.

Manchmal rührte sie sich selbst zu Tränen.

Jana schaute auf die Uhr. Die Zeiger hatten sich nicht bewegt, seit sie sich an ihren Tisch gesetzt hatte. Sie rieb sich die Arme, um warm zu werden. Es war kalt im Zimmer. Sie wollte auf ihrem Handy nachsehen, wie spät es war, dann fiel ihr ein, dass sie es nicht bei sich hatte. Jana hoffte, dass es auf ihrem Zimmer lag.

Sie las noch einmal Henrys Zettel. Immerhin hatte er eine Möglichkeit gefunden, um Hallo zu sagen. Das war nett von ihm. Jana schrieb eine Antwort. Sie beugte sich über ihren Tisch und tippte Henry mit dem Bleistift auf die Schulter. Es gefiel ihr, wie seine Haare überall abstanden, und sie fragte sich, wie er das wohl machte. Als er sich umdrehte, reichte sie ihm den Zettel.

Einmal im Leben, hatte sie geschrieben. Dann hatte sie mit ihrem Namen unterschrieben und hinzugefügt: Von Webster und Haynes.

 

Die Zeit stand still, aber Jana konnte das nicht.

Wenn sie wirklich tot war, überlegte Jana, dann würde das nicht wehtun. Sie rammte sich den Bleistift in den Arm.

»Au!«

Es tat wahnsinnig weh. Jana kam sich blöd vor. Ihr Arm blutete. Sie ließ ihre Blicke durch das Klassenzimmer schweifen, um zu sehen, ob Mars sie beobachtete.

Das tat er.

Arva fing ihren Blick auf, als Jana sich wieder umdrehte. Ihre Zimmergenossin schüttelte den Kopf und bildete mit den Lippen das Wort »Nein«. Arva fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Kehle.

Die Tür wurde zugeschlagen und alle im Zimmer schauten auf. Drei Jungfrauen waren hereingekommen und standen nun Schulter an Schulter vor der Klasse. Sie trugen ihre durchscheinenden weißen Gewänder über ihrer fast durchsichtigen Haut. Sie leuchteten.

Die Jungfrau in der Mitte war ein Junge. Er trug das gleiche Gewand wie die Mädchen. Jede Jungfrau sang einen Ton. Es hörte sich an wie Glocken. Alle im Raum schlossen ihre Hefte. Die Tür öffnete sich und die Jungfrauen gingen hinaus auf den Gang. Mr Fitzgerald war schon verschwunden.

Jana schaute zur Uhr hoch, überrascht, weil der Stundenzeiger nun doch weitergewandert war. Es war eine Stunde später als vorhin, als sie sich gesetzt hatte. In der Totenschule gibt es keine Minuten, dachte sie. Nur Stunden. Zum ersten Mal hatte Jana dieses Wort gedacht. Totenschule.

Aber so war es. Sie war tot. Und sie war in der Schule. Sie sollten den Namen über die Tür schreiben, damit man nicht raten müsste, wenn man zum ersten Mal hier eintraf.

4. Kapitel ZWEITE STUNDE.

Die war genau wie die erste. Dieselben Leute saßen an denselben Plätzen. Diesmal lag auf ihrem Tisch ein Lehrbuch, zusammen mit einem neuen Heft. Der Lehrer hieß Skinner. Er hatte eine Brille und war darin vertieft, Rechtecke an die Tafel zu zeichnen und vor sich hin zu murmeln.

Beatrice trug noch immer den Dartpfeil im Kopf. Henry drehte sich zu ihr um und sagte Hallo. Das Mädchen vor Arva zuckte eine Zeitlang nicht mehr mit den Schultern und sagte auch nicht mehr »Au«. Mars saß in der hinteren Tischreihe und starrte Jana weiterhin an.

Jana öffnete ihr Heft. Sie schnappte nach Luft, als sie den Satz in der ersten Zeile sah. Dort stand: Es war Mord. Die Wörter waren mit Bleistift geschrieben, mit den gleichen sorgfältig gemalten Druckbuchstaben wie die Mitteilung im Heft für die erste Stunde.

Sie drehte sich eilig um und starrte Mars wütend an. Ihre Blicke verhakten sich ineinander. Janas Blicke hätten töten können. Mars legte den Kopf auf die Seite, als ob er keine Ahnung hätte, was töten bedeutete.

Arva streckte die Hand über den Gang zwischen ihren Tischen aus und berührte Janas Arm. Jana riss ihren Arm weg und schaute Arva wütend an.

»Lass mich in Ruhe!«, sagte sie zu Arva. »Ich brauche keine Mutter.« Wenn Jana wollte, würde sie ans Ende des Klassenzimmers marschieren und Mars klarmachen, dass er nicht mehr in ihre Hefte zu schreiben hätte.

Sie hatte zu laut geredet. Mr S

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