Logo weiterlesen.de
Tod vor der Morgenmesse

Peter Tremayne

Tod vor der Morgenmesse

Historischer Kriminalroman

 

Aus dem Englischen von Irmhild und Otto Brandstädter

 

Aufbau-Verlag

Menü

Inhaltsübersicht

HAUPTPERSONEN

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

 

|5|Für Seamus J. King aus Cashel

in Erinnerung

an das Cashel Arts Festival

im November 2004

und

Treasa Ní Fhártharta

für den seanfhocal

 

|7|An té a bhfuil drochmeas aige ar a shaol féin, beigh sé ina

mháistir ar shaol duine eile – fainic, éireoidh le ’n a leithéid

máistreacht a fháil ar anamacha.

 

Wer sein eigenes Leben mißachtet, wird leicht zum Beherrscher

des Lebens anderer – hüte dich, denn Menschen wie diese

sind oft auch Beherrscher der Seelen.

Brehon Morann

|9|HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks, ihr Begleiter

AUF DER »SUMERLI«

Esumaro, Kapitän

Coros, sein Steuermann

VOR DER INSEL INIS

Olcán, Anführer der Strandräuber

Äbtissin Faife von der Abtei Ard Fhearta

Schwester Easdan

IN DER ABTEI ARD FHEARTA

Conrí, Kriegsherr des Stammes der Uí Fidgente

Socht, einer seiner Krieger

 

Abt Erc

Bruder Cú Mara, der rechtaire oder Verwalter

|10|der Ehrwürdige Cináed, ein Gelehrter

der Ehrwürdige Mac Faosma, ein Gelehrter

Bruder Benen, sein Student und Gehilfe

Schwester Sinnchéne

Schwester Buan, Ehefrau Cináeds

Bruder Feólaigid, der Metzger

Schwester Uallann, die Ärztin und Apothekerin

Bruder Eolas, der leabhar coimedach oder Bibliothekar

Bruder Faolchair, der Hilfsbibliothekar

Bruder Cillín, der stiúirtheóir canaid oder Chorleiter

 

Mugrón, ein Handelsherr

Tadcán, Herr auf Baile Tadc

IN DER FESTUNG DAINGEAN

Slébéne, Stammesfürst der Corco Duibhne

IN DEN SLIABH MÍS BERGEN

Iobcar, Sohn von Starn, dem Hufschmied

Ganicca, ein alter Mann

IN BAILE GABHAINN

Gáeth, der Schmied

Gaimredán, sein Geselle

 

|11|Bréanainn (das bedeutet »Prinz«), so hieß ein Irländer im sechsten Jahrhundert, der die Abtei Ard Fhearta (Ardfert, Grafschaft Clare) gründete. Er wurde als Heiliger verehrt und ist im allgemeinen unter der lateinisierten Form seines Namens Brandanus und Brendanus bekannt, von der sich die englische Form Brendan ableitet und Breandán im neuzeitlichen Irisch.

 

Die Handlung des vorliegenden Romans spielt im Monat Dubh-Luacran, (dunkelste Tage), d. h. im Januar des Jahres 668 u. Z. und folgt auf den im Band »Der Tod soll auf euch kommen« geschilderten Ereignissen.

|13|KAPITEL 1

Esumaro drehte sich um, runzelte die Stirn und wandte das von Wind und Wetter gegerbte Gesicht den dunklen, bedrohlich tiefhängenden Wolken zu. Mißmutig zischte er durch die schiefstehenden, schwärzlichen Zähne und suchte festen Halt auf dem schwankenden Deck zu finden, ehe er einen kritischen Blick in die Runde wagte. Auf dem Meer rund um das behäbig breite Schiff lag der Widerschein düsterer Wolken. Die Oberfläche des Wassers war unruhig; kurze, kabbelige Wellen mit weißen Schaumkrönchen tanzten auf ihr. Soweit sich zwischen den dichten Regenschauern überhaupt etwas ausmachen ließ, wurde die See wütend und belebte sich gefährlich.

Sorgenvoll schaute Esumaro hoch zu den geblähten Segeln. Der Wind aus Nordwest nahm rasch zu, sogar der Großmast ächzte unter diesem Ansturm.

Neben der Ruderpinne stand Coros, sein Steuermann. Dem war nicht wohl zumute, und bang blickte er zum Kapitän.

»Da vorn liegt Inis Mhic Aoibhleáin«, rief er laut, um sich im Heulen des Windes und inmitten der tosenden Brecher verständlich zu machen. Mit ausgestreckter Hand wies er auf die verschwommenen Umrisse einer leicht backbord liegenden Insel, die im Regen fast verschwanden. »Der Wind drückt uns ostwärts, Käpten. Bei dem Seegang schaffen wir es nicht, |14|die Insel luvwärts zu umsegeln. Und wenn wir uns backbord halten, treibt es uns an die Klippen.«

Esumaro antwortete nicht sofort. Schon hatte das gedrungene, aus starken Planken gezimmerte Schiff sein Fahrverhalten geändert. Das Deck bäumte sich auf, als wäre es ein Pferd, das sich noch nicht an seinen Reiter gewöhnt hat. Die »Sumerli« war ein tüchtiges, hochbordiges Kauffahrteischiff aus Gallien, das schwerer See und heftigen Stürmen trotzen konnte. Sie ähnelte den Kampfbooten, mit denen sich die Veneter Aremoricas den Legionen Julius Caesars widersetzt hatten. In ihrer Bauart glich sie jenen robusten, schweren Eichenholzschiffen, die den leichteren römischen Kriegsgaleeren Tod und Verderben brachten.

Esumaro hatte sein Leben auf solchen Schiffen zugebracht. Seit zwanzig Jahren war er mit dieser Küste und ihren Gefahren vertraut, mit ihren Buchten, Landzungen und Riffen. Ihm war längst bewußt, daß sie um diese Inseln, von denen Inis Mhic Aoibhleáin die südlichste war, nicht herumkommen würden. Der Kapitän aus Gallien kannte jede Querspante und Verbindungsnut der »Sumerli«, ihre Eisenbolzen und Ketten und schweren Segel. Er spürte geradezu körperlich jedes Knarren und Ächzen, mit dem ihr Spantenwerk gegen die Wucht der Wogen aufbegehrte. Dieser Sturm, der ohne jede Vorwarnung innerhalb weniger Minuten von dem sich verdüsternden Atlantik herangebraust war, konnte sie an einer der vielen kleinen Felseninseln zu Kleinholz zerschlagen. Und mit denen war gerade dieser Küstenstrich des Königreichs Muman übersät. Die ihnen von daher drohende Gefahr war nicht zu übersehen, und er hatte sich entschlossen, den Kurs zu ändern. Coros’ Ratschläge brauchte er dazu nicht, sah aber ein, daß sein Steuermann nur seine Pflicht tat.

»Wir wenden und laufen vor dem Wind«, schrie er zurück. |15|»Wir halten uns südwärts von den Inseln und suchen Schutz in der Bucht.«

»Dann geraten wir in teuflische Gewässer, das ist die Daingean-Bai«, rief Coros.

»Weiß ich selber«, schrie Esumaro gereizt. »Ich kenn mich hier aus. Hoch bis zur Abtei Colmán werden wir die ›Sumerli‹ steuern. Ich habe da schon öfter Handel getrieben. Dort können wir unsere Ladung Wein und Silber gegen Wolle, Pökelfleisch und Otterfelle tauschen.«

Der Steuermann schaute verwundert drein.

»Aber erwartet nicht Mugrón von An Bhearbha unsere Fracht?« Gewissenhaft war Coros wie kein zweiter. »Wir können doch hier gleich eine geschützte Bucht finden und den Sturm abreiten.«

Esumaro grinste trotz des peitschenden Regens.

»Bis der aufhört zu blasen, verlieren wir Tage. Und wir würden mit dem Teufel Geschäfte machen, wenn wir versuchten, die Inseln zu umgehen; wir müßten im Land der Uí Fidgente auf ruhige See warten.« Mit Nachdruck schüttelte er den Kopf. »Glaub mir, ich kenn mich in diesen Gewässern aus. Der gute Kaufmann Mugrón kann schon mal eine ausbleibende Lieferung verschmerzen, und mit der Abtei Colmán lohnt sich’s durchaus zu handeln. Schwenk nach Steuerbord, Coros. Wir laufen vor dem Sturm in die Bucht.«

Coros reagierte ohne langes Bedenken.

»Jawohl, Käpten, Steuerbord liegt an«, brüllte er in den heftiger werdenden Wind.

Er gab den beiden Matrosen an der Ruderpinne einen Wink, denn mindestens zwei wurden benötigt, um das Schiff in der schweren See auf Kurs zu halten. Sofort zogen beide mit aller Kraft den langen hölzernen Hebel über das Deck.

Kaum hatte das Schiff seine Breitseite in die Windrichtung |16|gedreht, da traf es der Sturm mit voller Gewalt. Die Segel knatterten, und der Wind pfiff durch die Takelage.

Esumaro hielt sich auf Deck so geschickt, als befände sich das Schiff auf spiegelglatter See. Keinen Moment ließ er die schwellenden Segel aus dem Auge. Soviel stand fest, sie würden in schweres Wetter geraten, ehe sie noch in das ruhige Wasser der Bucht gelangten.

»Strecktaue längsschiffs festmachen«, brüllte er und hieß Coros nach vorn laufen, um mit Hand anzulegen.

Nun spielte der Wind wie ein Musikant auf den straff gespannten Wanten, zerrte wie ein irrer Harfenist die gestreckten Saiten. Große, graue, schaumige Wellen schlugen gegen die Backbordseite, und das Schiff krängte ein wenig, ehe es sich wieder aufrichtete. Eine Bö traf es seitwärts, und wieder krängte es. Soviel sich die Männer an der Ruderpinne auch mühten, das Schiff schwenkte unbeholfen zur Seite, das Heck hob sich schwerfällig, während der Bug sich gefährlich der Wasseroberfläche näherte. Dem Kapitän war klar, daß er Segel reffen mußte, sonst würde der zunehmende Wind sie zum Kentern bringen.

»Wir müssen das Großsegel reffen, Coros. Auf Kurs bleiben!« Der Befehl galt den Männern an der Ruderpinne. »Das Heck im Wind halten!«

Jedes Segel war in querlaufende Abschnitte unterteilt, die Reffs, die man aufrollte, wollte man die dem Wind ausgesetzte Segelfläche mindern. Jedes Reff hatte sein eigenes Band, einen verstärkten Leinwandstreifen, mit dem das Segel an die Schoten oder Stütztaue geknotet wurde.

Coros befahl, die Segel zu reffen.

Und gleich ließ der Druck spürbar nach, wenn auch der Wind immer noch durch die Seile der Takelage fuhr und sie wie Harfensaiten zum Klingen brachte. Die »Sumerli« |17|lief rasch in die breite Öffnung der Bucht. Die Küste zu beiden Seiten würde sich am Ende zu einem Trichter verengen. Hatten sie erst einmal den Felsvorsprung hinter sich, der einfach Inis, »die Insel«, hieß, würden sie in den ruhigen, windgeschützten Loch na dTri Caol kommen, durch den man den Ankerplatz der Abtei Colmán erreichte. In dem Hafen hatte Esumaro schon oft angelegt, doch nie unter sich verdüsterndem Himmel und nicht bei derartigem Sturm.

Backbords konnte der Kapitän die dunklen, gezackten Umrisse der Berge ausmachen, die sich wie das Rückgrat einer Riesenechse über die Halbinsel zogen. Auch auf der Steuerbordseite waren ähnliche dunkle Bergspitzen durch den Regen zu erkennen. Er spürte förmlich, wie die breite Öffnung der Bucht enger wurde.

Die Dämmerung des Winterabends setzte ein und schien durch die dunklen Sturmwolken unmittelbar in die Nacht überzugehen. Der Wind aber blies unvermindert, wimmerte und stöhnte in der Takelung. Das Schiff stampfte in der schweren See, und die Wogen donnerten unablässig gegen die Heckplanken. Esumaro schaute hinter sich und biß die Zähne zusammen, denn eine Welle, gewaltig wie ein schwarzer Berg, rollte auf sie zu und drohte sie zu verschlingen. Zum Glück brach sie sich unter dem Heck, hob das Schiff und stieß es vorwärts. Backbord und steuerbord trafen die Brecher aufschäumend die Felsen, die vor dem steil ansteigenden Ufer lagen. Esumaro schaute einen Moment hinüber zu den Matrosen, die blaß geworden waren und sich an die Ruderpinne klammerten. Aufmunternd lächelte er ihnen zu, obwohl ihm keineswegs so zumute war.

»Sind bald in Sicherheit«, rief er. »Vor uns sind zwei Landzungen, und dahinter kommt ruhiges Fahrwasser, da können wir beidrehen.«

|18|Plötzlich fegte brüllend eine Bö heran, es krachte, und etwas zerriß. Einen Augenblick verloren die Männer an der Ruderpinne fast den Halt, denn der Hebelbalken gebärdete sich wie wild und wollte sich losreißen. Als sie ihn wieder zu fassen bekamen, richtete sich Esumaro mühsam auf. Er war gegen die Reling geflogen, und die hatte ihn davor bewahrt, über Bord geschleudert zu werden. Einen Augenblick lang war ihm die Luft weggeblieben, nun stand er keuchend da, hustete Salzwasser und Regen aus, die er hatte schlucken müssen. Dann suchten seine Augen die Masten ab. Vom Sturmsegel waren nur noch Fetzen übriggeblieben, die an den Rahen flatterten. Das Schiff schwoite, als ob es sich wieder seewärts richten wollte.

»Beidrehen, beidrehen!« schrie Esumaro aus vollem Halse, fürchtete er doch, daß sie jeden Moment kentern könnten.

Die Leute an der Ruderpinne hatten begriffen, welche Gefahr ihnen drohte, stemmten sich mit aller Kraft dagegen, trotzten dem Toben von Wind und Meer. Die Wellen türmten sich auf, trugen noch stärkere Schaumkronen als zuvor, warfen sich mit gierigen, krallenbewehrten Tatzen gegen das Schiff. Ohrenbetäubend heulte der Sturm. Esumaro betete stumm, kalte Schauer liefen ihm über den Rücken, und er atmete nur stoßweise. Kurz schien das Schiff stillzustehen, wollte sich weder vom Wetter noch von Menschen lenken lassen, dann schwenkte sein Bug langsam und widerwillig wieder auf Kurs.

Verbissen spähte Esumaro nach vorn. Jetzt mußten sie jeden Moment an den Engpaß kommen, der von den Einheimischen »Inselspitze« oder auch »Schwarze Spitze« genannt wurde. Er wußte, da waren Sandbänke, aber bei so hoch gehender See hatte er genug Wasser unter dem Kiel, um sich hindurchzumanövrieren.

|19|»Ein Feuer rechts voraus, Käpten!« schrie Coros.

Verdutzt starrte Esumaro ins Dunkel der Regengüsse.

Er hatte geglaubt, sie wären dem Wendepunkt nahe, wo die Landzunge Inis in die Bucht ragte. Das war eigentlich ein Inselchen, das vom Festland auf der Nordseite nur bei Flut getrennt war. Er mußte sich also südwärts halten, um nicht aufzulaufen. Doch südwärts war ein Feuer, das auf und ab tanzte. Nur ein anderes Boot konnte sich so bewegen. Wieso war da ein Schiff und bei dem Wetter? Es mußte im Schutz des Südufers vor Anker liegen. War er schon zu weit südwärts?

»Steuerbords vorbei!« brüllte er schnell. »Wir passieren steuerbords!«

Sie zogen das Ruder etwas nach rechts, um das Leuchtfeuer nördlich zu umschiffen.

Wenige Augenblicke später schrie Coros entsetzt auf.

»O Gott!«

Esumaro vernahm den Schrei und sah eine weiß schimmernde Linie vor dem Bug der »Sumerli«. Es krachte fürchterlich, das Schiff drehte sich in seiner ganzen Länge, anrollende Wogen donnerten gegen die Planken der Seitenwand, trugen das Schiff seitwärts auf das flache, felsige Ufer. In dem Getöse konnte er die Angstschreie seiner Leute nicht hören, sah nur, wie einige einfach über Bord gespült wurden. Das Deck glitt ihm unter den Füßen weg, er konnte sich eben noch an die Reling klammern, sonst wäre er ihnen gefolgt.

Das Kauffahrteischiff krängte nach Backbord und lag mit der Breitseite auf den Klippen am Strand. Gewaltige Wellen krachten darüber hinweg. Die Sturzflut einer hohen Wasserwand zermalmte das hölzerne Gefährt. Planke um Planke wurde bei diesem Ansturm der Natur weggerissen. Das Deck war um fünfundvierzig Grad gekippt, noch hielt sich Esumaro mit beiden Händen an der Heckreling fest, doch begriff |20|er bereits, daß sein Schiff auf Grund gelaufen war und daß er und seine Mannschaft verloren waren.

Die See um ihn herum glich einem brodelnden Hexenkessel. Er hörte das fürchterliche Rasseln, wenn der Unterwassersog die Kiesel vom Strand zog, bevor die nächste gewaltige Woge über das Schiff hereinbrach.

Vergebens hielt er Ausschau nach Überlebenden. Der Kapitän war allein, er keuchte, flehte Gott um Hilfe an, wußte, da war keine Chance, lebend davonzukommen. Das Schiff würde völlig auseinanderbrechen, soviel war sicher. Lange würde er sich auch nicht mehr an der Eisenstange halten können. Die Arme schmerzten bereits, wenn er sich festklammerte, um der Wucht der Wasserkaskaden zu widerstehen, die über ihn stürzten. Die verkrampften Muskeln in Oberarmen und Schultern ließen ihn jedesmal vor Schmerz aufschreien. Ihm blieb nur noch eins. Sobald die nächste Welle zurückrollte, würde er übers Deck rutschen und sich auf den Kieselstrand fallen lassen, würde sich irgendwie aufrappeln müssen und zum Ufer rennen, ehe die folgende Woge zuschlug. Wieviel Zeit ihm dazu blieb, vermochte er nicht einzuschätzen. In der Dunkelheit konnte er nicht einmal ausmachen, wie hoch das Wasser auflief.

Esumaro waren Heimweh und sentimentale Gefühle fremd, doch jetzt sah er Frau und Kinder in seinem Heimathafen An Naoned vor sich, und er schluchzte laut. Aber Selbstmitleid nützte nichts, selbst eine Ratte kämpfte, wenn sie in Gefahr war zu ertrinken. Er mußte kämpfen, egal wie es ausging.

Sobald er hörte, wie der Sog unter ihm mit den Kieseln rasselte, ließ er die Reling los und rutschte über das schiefstehende Deck. Zwar mühte er sich, sein Abwärtsgleiten zu bremsen, schlug aber am anderen Ende schmerzhaft mit einem Knie gegen die Reling. Er sprang über Bord und |21|landete auf allen vieren im Kies am Ufersaum. Nackte Furcht trieb ihn vorwärts. Er richtete sich auf, stolperte durch die nassen, glitschigen Kiesel, die erbarmungslos an seinen Fußgelenken zerrten und sie nicht losließen. Mehrmals schlug er hin, doch die Angst saß ihm im Nacken und peitschte ihn voran. Schon vernahm er das Tosen der anrollenden Welle, hörte, wie die Planken des Schiffes weiter brachen.

Er bezwang sich, schaute nicht nach hinten, spürte aber, daß die Welle nah war. Vor ihm tauchte eine Felsnadel auf, er warf sich der Länge nach hin, umschlang sie mit beiden Armen, als hätte er nach langer Trennung seine Liebste vor sich. Dann brachen die tosenden, schäumenden Wasser über ihn herein. Es schien ihm eine Ewigkeit, wie lange sie über ihm brodelten, und ihm ging die Luft aus. Er wollte schon die sich ineinanderklammernden Hände lösen und auftauchen, da spürte er den starken Sog des zurückgehenden Wassers. Der zerrte an ihm, wollte seine Hände auseinanderreißen. Alle Kraft, die ihm blieb, lenkte er darauf, die Finger fest ineinanderzuhaken. Mit einemmal war das Wasser fort, er hörte nur noch das unheimliche Rollen und Rascheln der Kieselsteine, die die abebbende Flut mit sich schleifte.

Esumaro keuchte, spuckte Wasser, stöhnte unwillkürlich in seiner Angst. Er kam auf die Knie, suchte sich zu vergewissern, wo er war, kroch aufs Ufer zu. Um ihn herum nur große Felsblöcke; auf allen vieren krabbelte er weiter hoch. Die nächste Woge rauschte heran, doch zum Glück spürte er jetzt Sand unter sich und sogar Gras. Trotzdem gönnte er sich keine Verschnaufpause, humpelte weiter, bis ein Dornbusch ihn zurückriß. Mitten in dem Gesträuch fiel er hin und wurde ohnmächtig.

Es war noch dunkel, als er zu sich kam, aber der Wind schien abzuflauen. Er hörte Donnergrollen in der Ferne, und |22|Blitze erleuchteten die Gipfel der nahen Berge. Esumaro hob vorsichtig den Kopf und blinzelte mehrmals, um klar sehen zu können. Er war bäuchlings gefallen und hatte mit dem Gesicht nach unten in einem Gestrüpp gelegen. Aus der Ferne drangen Stimmen an sein Ohr. Er wollte aufstehen, hatte aber nicht die Kraft dazu.

So stützte er sich auf die Ellbogen, schob sich langsam in eine bessere Position und schaute in Richtung des dunklen, tobenden Meeres. Er befand sich auf einer grasbewachsenen Kuppe oberhalb eines langgestreckten Strandes mit schwach schimmerndem weißen Sand. Einige Männer gingen umher und hielten Laternen hoch, um die Gegend abzusuchen. Der Uferstreifen war mit Schiffstrümmern und Toten übersät. Nach rechts, wo er ans Ufer gelangt war, stieg die Küste an. Der Strand war durch vorgelagerte Riffe geschützt, und gegen die hatte das Unwetter die »Sumerli« geschmettert.

Mit heftigen Kopfbewegungen versuchte er, die Benommenheit abzuschütteln. Er wollte schon rufen, um sich den Männern unten am Strand bemerkbar zu machen. Da hörte er eine Stimme, die etwas in der Sprache der Éireannach rief, die er während all der Jahre gelernt hatte, in denen er mit ihnen Handel trieb.

»Der hier lebt noch, Olcán.«

Im Laternenlicht sah Esumaro, wie ein Mann eine schwere Holzkeule hob.

»Wartet!« Eine weitere Person tauchte auf, die eine Laterne in einer Hand hielt. »Richtet ihn mal auf!«

Mehrere Gestalten bückten sich und zerrten einen Mann hoch und in den Schein der Laternen. Das Gesicht des Schiffbrüchigen konnte Esumaro nicht sehen, doch es mußte jemand von seiner Mannschaft sein.

|23|»Verstehst du mich?« hörte er den Mann fragen, den sie Olcán nannten.

Der Überlebende hustete und suchte die Sprache wiederzufinden. Offenbar hatte er angedeutet, daß er ihn verstand, denn wieder fragte Olcán.

»Was für ein Schiff?«

Schweigen. Ungeduldig wurde die Frage wiederholt.

»Die ›Sumerli‹, von Gallien.«

Erregt und verwirrt erkannte Esumaro Coros’ Stimme.

»Gallien? Ein Handelsschiff?«

»Ja, sind von An Naoned aus gesegelt.«

»Welche Ladung?«

»Wein, Gold und Silber für die Goldschmiede in den Klöstern.«

Jubelnd lachte Olcán auf, daß es Esumaro kalt überlief.

»Prachtvoll. Erschlag ihn!«

Die Keule fuhr nieder, und der Mensch, der Coros war, sackte lautlos auf dem Strand zusammen.

»Sobald es hell wird, bergen wir die Ladung und schaffen, was brauchbar ist, in den Turm. Was sagt er, Gold und Silber? Da hätten wir ja einen Glückstreffer gelandet.«

Einer der Leute rief noch: »Soll ich die Laterne vom Pferd nehmen?«

»Ja, kannst du. Der Klepper war gut, hat uns das Schiff ans Ufer gelockt.«

»Wo hast du den Trick her?« Der Mann, der den armen Coros erschlagen hatte, schien damit beschäftigt, das Blut von seiner Keule im Sand abzureiben.

»Trick? Eine am Kopf eines Pferdes befestigte Laterne, die auf und nieder schwankt, kann man im Dunkeln leicht für eine Schiffslaterne halten. Na ja, ist ein ganz guter Trick. Hab ich vom Meister. Achte drauf, daß die Leute alles, was sie finden, |24|im Turm verstauen. Sobald der Morgen dämmert, müssen wir von hier abhauen. Die Beute können wir uns später holen.«

»Warum können wir nicht hier bleiben und die Sache gleich ordentlich bereinigen?« muckte einer der Männer auf.

»Willst du die Befehle des Meisters in Frage stellen?« fuhr ihn Olcán an.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Aber warum …?«

»Weil wir einen Treff am Küstenweg haben. Der Meister wird bald hier sein. Will sich davon überzeugen, daß wir die Verabredung einhalten. Los jetzt, bringt das Strandgut in die Burg und ruht euch eine Weile aus. Es wird bald Tag, und wir haben einen langen Ritt vor uns.«

Er wendete sich zum Gehen, doch einer aus seiner Bande hielt ihn zurück.

»Müßten wir hier nicht noch alles nach weiteren Überlebenden absuchen?«

Lachend wehrte Olcán ab.

»Die wenigen, die am Leben geblieben sind, werden sich auf diesen günstigen Strich Sandstrand gerettet haben. Das ist die einzige Stelle, wo man mit einigem Glück an Land kann. Alle anderen werden die Wellen auf die Klippen geschleudert haben, die sind mausetot. Überlebende gibt es nicht, das kannst du vergessen. Und sollte doch einer davongekommen sein, den finden wir, sobald es hell wird.«

Entsetzt kroch Esumaro weiter ins dichte Unterholz, spürte nicht einmal die stachligen Brombeerzweige. Er versuchte, sich so klein wie möglich zu machen, wäre am liebsten ganz im Erdboden versunken. Ein Blick zum Himmel weckte seine Energie. Er mußte von hier fort, noch ehe die Kerle da die Gegend nach Überlebenden absuchten. Die würden ihn genauso kaltblütig umbringen wie den armen Coros.

 

|25|Es wurde schon hell, als Esumaro wieder zu sich kam. Verschwommen erinnerte er sich, daß er im Dunkeln davongehastet war, hinter Schilfbüscheln und Buschwerk Schutz gesucht hatte, durch eine überschwemmte sandige Senke gewatet war. Schiere Angst hatte ihn vorwärtsgetrieben, Angst vor denen, die seinen Steuermann Coros erschlagen und seine ganze Mannschaft zu Tode gebracht hatten. Allmählich begriff er, daß Schurken in voller Absicht sein Schiff hatten stranden lassen. Nur wegen der zu plündernden Fracht. Was für Barbaren lebten in diesem gottverlassenen Landstrich! Empörung und Wut mischten sich in seine Furcht, spornten ihn an, so weit wie möglich von dieser schaurigen Küste wegzukommen, ehe die Sonne aufging. Coros’ Schicksal wollte er auf keinen Fall erleiden. Wenn die Angst nachließ, so schwor er sich, würde er Helfer finden, um an den elenden Schuften Rache zu nehmen, die dieses entsetzliche Verbrechen begangen hatten.

Grelles Licht blendete ihn. Seine Kleider waren gefroren. Es dauerte, bis er begriff, was ihn so blendete: Er lag auf einer ausgedehnten Schneefläche. Sogar die Äste der Bäume bogen sich unter der weißen Last. Er fühlte sich schwach und fror erbärmlich. Als er stöhnend versuchte, sich zu bewegen, drang der aufgeregte Ruf einer Frau an sein Ohr.

»Ich glaube, er lebt, Ehrwürdige Mutter.«

Esumaro blinzelte gegen das gleißende Weiß und strengte sich an, klar zu sehen. Das schmerzte.

Eine junge Frau beugte sich über ihn. Unter einem schweren Pelzumhang trug sie die braune Wollkutte einer Ordensschwester. An einer Lederschnur hing ein Metallkreuz von ihrem Hals.

Ein paar Schritte weiter standen sechs Frauen, die ebenso gekleidet waren und beunruhigt zu ihm herüberschauten. Die meisten waren jung.

|26|Die eine, die bei ihm war, wandte sich um und rief ihnen fast freudig zu: »Wirklich, er lebt!«

Esumaro versuchte, sich aufzurichten und auf einen Ellenbogen zu stützen. Eine der abseits Stehenden, eine großgewachsene, gutaussehende Frau in mittleren Jahren, kam zu ihrer jungen Gefährtin herüber und betrachtete ihn. Ihr Kreuz war kunstvoller, sie lächelte und beugte sich herab.

»Wir glaubten, du bist tot«, sagte sie einfach. »Wieso liegst du hier draußen mitten im Schneetreiben? Bist du krank? Deine Kleidung ist steif vor Nässe und zerrissen. Haben dich Räuber überfallen?«

Esumaro hatte Mühe, ihr zu folgen. Sie sprach schnell und sehr deutlich.

»Mir … mir ist furchtbar kalt«, brachte er heraus.

Die Frau zog die Brauen zusammen. »Deine Sprache klingt seltsam. Du bist wohl nicht von hier?«

»Ich … ich komme aus Gallien, Ehrwürdige Schwester«, stammelte er.

»Gallien liegt ziemlich weit weg. Wenn mich der Schein nicht trügt, bist du gekleidet wie ein Seemann.«

»Ich bin …«, Esumaro preßte plötzlich die Lippen zusammen. Ihm fiel ein, daß jeder in diesem Land als möglicher Feind anzusehen war, solange man es nicht besser wußte.

»Was treibt dich hier um?« fuhr die Frau fort. »So im Schnee kann man leicht erfrieren.«

»Ich war auf einer Wanderung, da hat mich Erschöpfung übermannt.«

»Du bist gewandert?« Die Frau schaute auf seine Füße und schmunzelte.

Esumaro sah an sich herunter und wurde gewahr, daß er nur einen Seemannsstiefel trug. Wann er den anderen verloren |27|hatte, daran erinnerte er sich nicht, vielleicht war das geschehen, als er von dem Wrack loskam oder auch erst später.

Rasch stellte er eine Gegenfrage: »Was tust du hier, Ehrwürdige Schwester? Wer bist du?«

»Ich bin die Äbtissin Faife vom Kloster Ard Fhearta. Wir sind alle vom Kloster Ard Fhearta. Wir sind auf unserer jährlichen Pilgerfahrt zur Kapelle des Gründers unserer Abtei auf dem Bréanainn-Berg.«

Mißtrauisch blickte Esumaro zu ihr auf. »Ard Fhearta liegt doch im Norden hinter diesem Bergrücken. Den Bréanainn habe ich draußen auf See ausmachen können, der ist auch auf der Nordseite dieser Halbinsel. Hier aber sind wir auf dem Südufer.«

Äbtissin Faife wunderte sich zwar, ließ sich aber nichts anmerken. »Für einen Seemann aus Gallien – du bist ja wohl einer – kennst du dich gut aus in dem Gebiet hier. Doch recht zu trauen scheinst du uns nicht. Wir haben zwei Nächte im Kloster Colmán verbracht, wir hatten da etliches zu bereden. Jetzt wandern wir nach Westen auf den Bréanainn. Was macht dich so mißtrauisch?«

Esumaro fühlte sich leidlich beruhigt.

»Tut mir leid, Ehrwürdige Schwester«, lenkte er von ihrer Frage ab. »Ich friere und bin hungrig und sehr erschöpft. Verzeih mir, daß ich so frei heraus frage. Gibt es hier irgendwo eine trockene Unterkunft, wo ich mich ausruhen kann?«

»Hinter uns, nicht weit von hier, ist eine Schutzhütte. Wir können dir etwas zu essen und einen trockenen Umhang dalassen – ja, sogar Schuhe. Die Feuerstelle wird noch warm sein, eben haben wir dort gerastet. Als wir von der Abtei Colmán aufbrachen, war es noch völlig dunkel. Wirst du aufstehen und gehen können?«

Die Äbtissin beugte sich zu ihm und half ihm auf. Esumaro |28|kam auf die Beine, es schmerzte fürchterlich. Unsicher wankte er hin und her, bis er schließlich sein Gleichgewicht gewann. Die junge Frau neben ihm faßte ihn am Arm und stützte ihn.

»Und in welcher Richtung liegt die Abtei?« stieß er keuchend hervor.

»Da im Osten, gar nicht so weit von hier, aber du mußt um die Bucht herum.« Sie deutete mit dem Kopf in die Richtung. »Weit wandern kannst du ohnehin nicht in deinem Zustand.«

»Danke sehr. Ich werde mich eine Weile ausruhen und mich dann auf den Weg in die Abtei machen.«

»Du mußt dich aufwärmen, trockene Sachen anziehen und was essen. Komm mit, wir schaffen dich in die Hütte, da kannst du erst mal dein nasses Zeug abstreifen.«

Esumaro machte eine erschrockene Miene, und die Nonne lächelte.

»Keine Sorge. Wir haben einen Packen mit Kleidung und Schuhen bei uns für Bruder Maidú, der die Kapelle auf dem Bréanainn versorgt. Der hat ungefähr deine Statur, und seine Kutte wird dir genau passen, wenn du nichts dagegen hast, eine Weile ein Mönchsgewand zu tragen.«

Äbtissin Faife wandte sich zum Gehen. Gemeinsam mit ihrer jungen Gefährtin half sie Esumaro, ein kurzes Stück über die Schneefläche zu humpeln. Nicht lange, und sie führten ihn auf eine kleine, altertümliche, wie ein Bienenkorb geformte steinerne Behausung zu. Ihm fiel ein, daß die Leute in dieser Gegend so ein Obdach coirceogach nannten. Sie stand etwas höher zwischen Bäumen versteckt und war von dem Hauptweg, auf dem sie ihn gefunden hatten, kaum zu sehen. Nur aus dem ringsum zertretenen Schnee ließ sich herleiten, daß vor kurzem jemand hier gewesen war. Auch der Rauch, der sich aus dem kegelförmigen Dach kringelte, verriet das. Die Äbtissin hatte also recht.

|29|Im Handumdrehen wurde wieder ein tüchtiges Feuer entfacht. Der bejammernswerte Seemann befreite sich in der wohltuenden Wärme von den naßkalten Fetzen seiner Bekleidung, und aus den Packen, die die jungen Ordensschwestern trugen, reichte man ihm trockene wollene Sachen. Die Äbtissin hatte ihn richtig eingeschätzt; die Kutte paßte, war warm, es gab nichts daran auszusetzen. Sobald er sich umgezogen hatte, gab ihm die junge Frau, die ihm behilflich war, Branntwein zu trinken und versorgte ihn mit Brot, Käse und Fleisch. Esumaro bekundete mehrfach seine Dankbarkeit dafür, doch ihm fielen die Augen zu, und er konnte gegen die Müdigkeit nicht ankommen.

Er versank in einen kurzen Schlaf. Als Kapitän war er gewöhnt, an Bord immer nur kurz zu schlummern. Nach vielleicht einer Stunde hob er den Kopf, rieb sich die Augen und schaute umher. Zu seiner Überraschung saßen die frommen Schwestern noch am Feuer.

Die junge Frau, die ihn entdeckt hatte, war neben ihm und lächelte sanft.

»Wir hielten es für besser, zu bleiben, bis du aufwachst«, erklärte sie ihm. »In den Wäldern hier treiben sich Wölfe herum.«

Die Äbtissin setzte sich zu ihnen.

»Jetzt bin ich ausgeruht und munter«, versicherte er und richtete sich auf.

»Fühlst du dich jetzt wirklich gut?« erkundigte sie sich. »Ruh dich nur noch eine Weile aus, wenn dir danach ist, aber schlaf nicht ein, es sei denn, du hast keine Schwierigkeiten, jederzeit wach zu werden. Wölfe gibt es hier tatsächlich, wie Schwester Easdan gesagt hat. Die Strecke bis zur Abtei dürfte dir keine besondere Mühe bereiten. Wir jedenfalls müssen jetzt weiter westwärts ziehen, sonst erreichen wir unser Ziel nicht mehr vor Sonnenuntergang.«

|30|»Mir geht es schon viel besser«, behauptete Esumaro ernsthaft. »Ich fühle mich kräftig genug. Mich bedrückt nur, daß ich dir deine Freundlichkeit nicht entgelten kann. Weißt du, ob ich beim Kloster Colmán ein Schiff aus Gallien erreichen würde?«

Äbtissin Faife zuckte die Achseln. »Als wir dort waren, haben wir keine großen Schiffe gesehen. Und der Verwalter der Abtei hat uns erzählt, daß dort schon seit Wochen kein Schiff angelegt hat. Das schien ihm Sorgen zu machen. Die Abtei ist schließlich auf den Seehandel angewiesen«, fügte sie hinzu. Wie sollte sie ahnen, daß ihr Schützling das besser als kein anderer wußte.

Er wollte sie noch etwas fragen, doch da vernahm er das Getrappel galoppierender Hufe. Sie blickten aus der Türöffnung der Steinhütte. Auf dem Weg unter ihnen preschten einige Reiter dahin. Einer von ihnen schrie plötzlich etwas und deutete nach oben. Sofort machte der Trupp kehrt, und wenige Augenblicke später hatte ein Dutzend grobschlächtiger Krieger mit gezogenen Schwertern die Raststätte der Pilger umzingelt. Ihre Pferde stampften unruhig den Boden und schnoben heißen Atem aus den Nüstern. Esumaro wurde gewahr, daß sich zwischen ihnen eine kleinere Gestalt befand, die von Kopf bis Fuß in ein graues Gewand gehüllt war, so daß kein Teil des Körpers sichtbar wurde. Die Kapuze war völlig über den Kopf gezogen. Die Gestalt war offenbar von schlankem Wuchs und hatte rundliche Schultern.

Die Äbtissin trat heraus und musterte sie verärgert. »Was sucht ihr hier?« verlangte sie mit fester Stimme.

Der Befehlshaber des Trupps, ein ungeschlachter Kerl mit strubbligem schwarzen Bart und einer Narbe über der Stirn lachte trocken auf.

»Dich suchen wir, Weib, und deine fromme Brut. Unser |31|Meister braucht euch, und deshalb werdet ihr jetzt mit uns ziehen.«

Esumaro überlief es kalt. Er erkannte die Stimme, das war der Anführer der Strandräuber, denen er entkommen war. Wie hieß er doch gleich? Richtig, Olcán!

»Wir dienen nur einem Meister, das ist Jesus Christus«, erwiderte die Äbtissin. »Wir sind auf Pilgerfahrt zum …«

»Ich weiß, wohin ihr zu gelangen glaubt, Weib«, fauchte der Kerl. »Aber ich weiß auch, daß euch ein anderes Ziel bestimmt ist. Bald werdet ihr einem anderen Meister dienen«, scherzte er unheilverkündend. »Los, kommt jetzt! Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Die Äbtissin ließ sich nicht einschüchtern. »Ich bin die Äbtissin Faife des Klosters Ard Fhearta. Steckt eure Schwerter weg und zieht hin in Frieden. Wir brechen jetzt zur Kapelle auf dem Bréanainn-Berg auf und …«

Esumaro bemerkte, daß der Schwarzbart zu der schmächtigen Gestalt in der grauen Kutte schaute. Fast unmerklich bewegte das rätselhafte Wesen den in der Kapuze verborgenen Kopf.

Dann geschah etwas ohne jede Vorwarnung, und zwar sehr rasch. Der bärtige Anführer beugte sich auf dem Sattel nach vorn und stieß sein Schwert der Äbtissin ins Herz.

Sie war auf der Stelle tot; auf ihrem Gesicht malte sich so etwas wie Überraschung. Noch während sie zu Boden sank, herrschte der Schurke die vor Entsetzen gelähmten Begleiterinnen der Äbtissin an.

»Will sich sonst noch wer mit mir streiten? Packt eure Bündel und geht vor uns her, oder ihr bleibt hier bei eurer Äbtissin … und gesellt euch im Jenseits zu ihr.«

Die junge Schwester, die sich um Esumaro bemüht hatte, warf sich neben der ermordeten Äbtissin auf die Knie.

|32|»Erstochen hast du sie«, schluchzte sie und fühlte vergeblich nach einem Puls. »Warum hast du sie ermordet? Was für ein abscheulicher Mensch bist du? Wer bist du überhaupt?«

Drohend holte der Mann wieder mit dem Schwert aus. »Du stellst zu viele Fragen, Weibsbild. Willst du wirklich hier neben ihr liegenbleiben?«

Esumaro sprang vor, hielt die Hand hoch, als wollte er damit den Schwerthieb abfangen. Ebenso schnell beugte er sich hinunter und half der jungen Frau auf.

»Jetzt ist nicht die Zeit zu jammern und Klage zu erheben. Nicht, wenn du am Leben bleiben willst«, raunte er ihr zu.

Sie stutzte, warf einen Blick auf den sie bedrohenden Reiter, schaute Esumaro an, nickte und gewann ihre Fassung wieder. Ihren zusammengepreßten Lippen konnte man entnehmen, welche Kraft sie das kostete. Während sie vorgab, sich zu erheben, streckte sie die Hand aus, berührte die Brust der Äbtissin. Nur Esumaro sah, wie ihre Finger sich um das Lederband schlangen, an dem das Kreuz der Äbtissin hing, und es mit raschem Ruck zerrissen. Beim Aufstehen klammerte sie sich an seinen Arm und drückte ihm das Kreuz in die Hände.

»Werd lieber einer von uns, bis wir wissen, was das alles soll«, murmelte sie kaum hörbar. Esumaro staunte, wie rasch das Mädchen die Lage einschätzte.

Kaum hatte er das Kreuz an sich gepreßt, blaffte ihn der Bandenführer an: »He, du! Den Kerl da, mein ich.«

Mit zusammengekniffenen Augen wandte sich Esumaro nach ihm um.

»Wer bist du?« Der Anführer betrachtete ihn mißtrauisch. »Du bist doch nicht einer von den Ordensleuten von Ard Fhearta. Ich hab nichts davon gehört, daß ein Glaubensbruder diese Schar Gänse begleitet.«

|33|Esumaro überlegte und blickte verstohlen zu der schweigsamen Gestalt unter dem grauen Habit.

»Also … ich bin … Bruder Maros und begleite diese Glaubensschwestern zu den Vigilien in der Kapelle auf dem Bréanainn-Berg.«

»Und warum trägst du euer Zeichen des Glaubens nicht auf deiner Kutte?«

Esumaro zögerte kurz und hielt dann das Kruzifix hoch, das ihm die flinke Nonne zugesteckt hatte.

»Ich war gerade dabei, das Band neu zu knoten, als du und deine Mannen uns überfielen. Gestattest du, daß ich es mir wieder umhänge?«

»Aus dieser Gegend bist du wohl nicht, wie?« Esumaros Akzent hatte den Fragenden erst recht argwöhnisch gemacht.

»Als Brüder des wahren Glaubens ist es unsere Pflicht, in der Welt umherzuziehen auf der Suche nach zu rettenden Seelen«, hub Esumaro an und hoffte, er habe den ehrfürchtig salbungsvollen Ton getroffen.

Trotzig blitzte es in den Augen der jungen Schwester, als sie ihm zu Hilfe kam. »Bruder Maros hat sich uns in der Abtei Colmán angeschlossen. In den Klöstern Galliens wird er als berühmter Gelehrter geachtet.«

Der Berittene runzelte ungläubig die Stirn und schien wieder auf eine Weisung der Gestalt in Grau zu warten.

»Aus Gallien? Und wie bist du in die Abtei Colmán geraten? Schon seit Monaten hat dort kein Schiff mehr angelegt.«

»Ich bin im Hafen von Ard Mór im Süden an Land gegangen und wandere bereits seit einigen Monaten in eurem Königreich umher. Wie hätte ich sonst eure Sprache so gut erlernen können?«

Sein Gegner dachte nach, warf wieder einen Blick auf die |34|verhüllte, schmächtige Gestalt und zuckte die Achseln. Die Antwort schien ihm logisch, befriedigte ihn aber nicht vollends.

»Du trägst doch keine Tonsur. Alle Mönche haben Tonsuren.«

Die junge Nonne fiel ihm ins Wort: »Bruder Maros ist ein Jünger des heiligen Budoc von Laurea, eines Gelehrten, der in seinem Land hoch verehrt wird. Seinen Anhängern wird nicht die Tonsur geschoren.«

Der Krieger schaute finster drein; ihn ärgerte ihre Keckheit. »Kann er nicht selber antworten?« schnaubte er.

»Doch, kann ich«, stellte sich Esumaro schützend vor sie. »Es ist, wie meine Schwester im Glauben, Schwester Easdan, sagt. Ich gehöre der Bruderschaft des heiligen Budoc an.« Er war froh, behalten zu haben, wie die Äbtissin ihre Gefährtin angeredet hatte.

Der schwarzbärtige Wüstling grunzte, schien noch etwas sagen zu wollen und schaute wieder zu der unkenntlichen Gestalt. Irgendwie verständigten sie sich, denn er wandte sich um und winkte dem Trupp, ihm zu folgen.

»Vorwärts jetzt, und daß mir keiner redet«, rief er. »Vergeßt nicht, an euch liegt’s, ob ihr überlebt oder sterbt. Meine Leute sind wachsam.«

Esumaro warf Schwester Easdan einen Blick zu, der ihr, wie er hoffte, seine Dankbarkeit bekundete. Er würde sie fragen müssen, wer dieser Budoc war. Doch auf was hatte er sich da eingelassen? Gott im Himmel! In was für eine Mördergrube war er geraten?

|35|KAPITEL 2

Es war noch dunkel, als Abt Erc sein warmes Gemach in der großen Abtei von Ard Fhearta verließ. Er hatte sich den wollenen Mantel über die gebeugten Schultern geworfen und machte sich auf den Weg durch das vallum monasterii. Trotz der Dunkelheit konnte er die tiefhängenden Wolken am Himmel erkennen; feiner Eisregen sprühte ihm ins Gesicht. Noch etliche Stunden würden vergehen, bis die Wintersonne aufging, doch schon bald würde das Läuten der Glocke den Beginn eines neuen Tages verkünden und die Klostergemeinde wecken. Für den alten Abt war es ein besonderer Tag, war es doch das Fest der heiligen Íte, »der strahlenden Sonne der Frauen von Muman«, die Bréanainn, den Gründer von Ard Fhearta, aufgezogen und unterwiesen hatte. Heute würde man in der kleinen Kapelle ganz besondere Gebete sprechen, denn der Überlieferung nach war es hier gewesen, daß Bréanainn zum ersten Mal den Männern und Frauen, die er an diesem Ort zusammengerufen hatte, die drei Grundlehren von Íte predigte. Wie Íte, so hatte auch er sie ermahnt, ein reines Herz zu bewahren, ein genügsames Leben zu führen und edelmütig im Umgang miteinander zu sein. Seither lebte man in einem conhospitae, Männer und Frauen arbeiteten einträchtig im Dienst des Neuen Glaubens.

Vor dem kleinen, aus Steinen gebauten aireagal, dem Bethaus, das viele der Brüder lieber mit dem lateinischen Namen oraculum bezeichneten, hielt der Abt inne. Dann stieß er die hölzerne Tür auf. Gegen alle Gewohnheit war das Innere des Raumes in völliges Dunkel gehüllt. Eigentlich hätte darin ein Licht brennen müssen, und daß dem nicht so war, ärgerte ihn. Es gehörte zu den Pflichten des rechtaire, des Verwalters der Klosteranlage, dafür zu sorgen, daß im aireagal ständig eine |36|Lampe brannte. Auch war er davon ausgegangen, der Ehrwürdige Cináed würde ihn bereits erwarten, so daß sie gemeinsam das Bethaus segnen und die Altarkerzen für die Morgenandacht anzünden konnten.

Er wandte sich um und schaute hinaus in den trüben Regenschleier und auf die sich düster abhebenden Klostergebäude im Hintergrund.

Nichts deutete darauf hin, daß Cináed auf dem Weg hierher war. Dergleichen war man nicht gewohnt vom ältesten Gelehrten des Klosters. Cináed galt als so alt, daß viele der jüngeren Ordensbrüder glaubten, er hätte noch Bréanainn in persona erlebt. In der Tat war Cináed mit einigen älteren Mitgliedern des Klosters zusammen gewesen, die ihrerseits den heiligen Begründer der Abtei gekannt hatten. Von allen war er am längsten in Ard Fhearta, und als man Erc zum Abt gewählt hatte, war dem nicht recht wohl ums Herz gewesen, denn eigentlich hätte Cináed diese Stellung zugestanden. Doch der war es zufrieden, allzu gerne zog er sich mit seinen Manuskripten und Schreibutensilien in seine Zelle zurück und widmete sich seinen Studien. Hin und wieder unterrichtete er die Jungen in den Künsten der Kalligraphie und des Verfassens von Streitschriften. Für seine Stellung im Orden spielte es eine nicht unwesentliche Rolle, daß Cináed zwar als Mönch lebte, aber nie zum Priester geweiht worden war, und auch kein Interesse daran bekundete. Dennoch verlangte es der Brauch, daß das älteste Mitglied der Gemeinschaft zum Festtag der Íte bei der Segnung des Andachtsraums mit zur Hand ging.

Abt Erc verharrte einen Augenblick länger, schritt dann zum Bord bei der Tür, wo in der Regel Talgkerze und Zunderbüchse standen. Er tastete danach, denn sehen konnte er kaum etwas, und dank langjähriger Übung gelang es ihm bald, Hobelspäne und Kerze zu entzünden.

|37|Sogleich fühlte er sich ruhiger, schritt in den Innenraum und blieb vor dem Altar stehen. Schwerfällig ließ er sich auf die Knie nieder, setzte die flackernde Kerze vor sich ab, breitete die Arme aus und imitierte mit seinem Körper symbolisch das Kreuz. So vorbereitet konnte er nun das cross-figill, das Gebet vor dem Kreuz, anstimmen.

Er war im Begriff, mit der Litanei zu beginnen, als er unmittelbar vor ihm auf den Fliesen etwas Befremdliches bemerkte. Stirnrunzelnd griff er danach. Es war eine Bronzecrotal, eine Glocke mit geschlossenem Boden. Das birnenförmige Gehäuse umschließt eine lose Kugel, die bei Schwingung einen Ton erzeugt. Er nahm sie auf und spürte, daß sie feucht war – klebrig naß. Rasch zog er die Hand zurück und betrachtete den Gegenstand im Licht der Kerze etwas genauer. Die klebrige Substanz erwies sich als Blut.

Abt Erc griff nach der Kerze, versuchte auf die Füße zu kommen und sah sich vorsichtig um. Im aireagal war eindeutig kein Mensch, es sei denn … Er blickte zum Altar und entdeckte unmittelbar davor dunkle Flecken.

»Ist da jemand?« Die bange Frage klang mehr wie ein Krächzen. Er räusperte sich. »Im Namen Gottes, ist da jemand?« wiederholte er etwas beherzter.

Es kam keine Antwort.

Er näherte sich dem Altar, einem massiven Block aus Kalkstein, in den die Namen des Sanctissimus Ordo, der ersten Heiligen von Éireann, eingemeißelt waren. Abt Erc hielt die Kerze hoch und ging um den Altar.

Die Leiche lag auf dem Rücken, die Hände über dem Kopf ausgestreckt, als hätte sie jemand an den Armen hinter den Altar gezerrt. Der Kopf und das weiße Haar waren voller Blut; offensichtlich war auf den Schädel mit einer schweren Keule eingedroschen worden.

|38|»Oh, mein Gott!« stöhnte der Abt. »Nicht schon wieder! Nicht schon wieder!«

Er hatte den Leichnam auf den ersten Blick erkannt. Es war der Ehrwürdige Cináed.

 

Der rechtaire war dermaßen aufgeregt, daß er völlig vergaß, beim Abt anzuklopfen. Er stürmte ins Gemach, so daß der grauhaarige Abt, der auf einem Stuhl am lodernden Feuer saß, erschreckt aufblickte. Erzürnt sah er den jungen Verwalter an, dessen Wangen vor Erregung glühten.

»Sie sind da«, rief Bruder Cú Mara. Und ehe der Abt eine tadelnde Bemerkung äußern konnte, fuhr er fort: »Sie nähern sich dem Kloster. An der Spitze reitet Fürst Conrí. Ich geh sie am Tor willkommen heißen.«

Ein Wort der Erwiderung war Abt Erc nicht vergönnt; der junge Mann schien in seiner Aufregung alle Regeln von Anstand und Ehrerbietung vergessen zu haben, machte kehrt und hastete davon. Die Tür blieb offen, und ein heftiger Luftzug wirbelte durch den Raum.

Der Abt setzte den Weinkelch ab, stand auf, schlurfte zur Tür, blieb einen Moment stehen, hob seufzend die Schultern und schloß die Tür.

Äußerlich war ihm nichts anzumerken, doch gestand er sich ein, daß er die Aufruhr der Gefühle des Verwalters bis zu einem gewissen Grade teilte. Es war zehn Tage her, daß er Conrí, den Kriegsherrn der Uí Fidgente, um Hilfe ersucht hatte. Im Monat zuvor hatten zusammen mit Äbtissin Faife sechs junge Schwestern der Gemeinschaft das Kloster verlassen. Sie waren nur wenige Tage fort gewesen, als Mugrón, ein in Ard Fhearta wohlbekannter Kaufmann, mit erschreckender Kunde erschienen war. Er hatte nahe der Wegstrecke südlich der Sliabh-Mis-Berge den Leichnam der Äbtissin gefunden. |39|Von ihren sechs Begleiterinnen fehlte jede Spur. Zufällig stattete Conrí, Anführer der Stammeskrieger und zudem Neffe der Äbtissin, dem Kloster einen Besuch ab. Er barg den Leichnam, wohnte den Begräbniszeremonien bei und beteuerte Abt Erc, er wisse nur von einer Person, die in der Lage sei, die rätselhaften Geschehnisse zu klären. Er war mit zwei Kriegern losgezogen und hatte versprochen, den Retter in der Not ausfindig zu machen und ihn so rasch wie möglich zu Hilfe zu holen.

Nun war es soweit: Conrí kehrte zurück. Nur war es in der Zwischenzeit zu einem zweiten tragischen Vorfall gekommen – der Ermordung des Ehrwürdigen Cináed.

Bei dem Gedanken daran, wie er Cináeds Leiche im Bethaus gefunden hatte, fröstelte es Abt Erc. Gott! Welche bösen Mächte spielten der berühmten Abtei so übel mit? Trübsinnig starrte der Abt ins Feuer und fragte sich, welcher Art die Person war, in die Conrí so großes Vertrauen setzte und die er bitten wollte, Licht in das Dunkel zu bringen.

 

Conrí, »König der Wölfe« und Kriegsherr der Uí Fidgente, hielt sein Pferd auf der Bergkuppe an und tätschelte den Hals des Braunen. Der Reiter war von großer und kräftiger Statur, hatte dichtes schwarzes Haar, graue Augen und quer über der linken Wange eine blaßweiße Narbe. Die wirkte aber nicht weiter entstellend, und besonders wenn der gutaussehende junge Mann lächelte, verrieten seine Züge ein fröhliches Temperament. Sein Lachen verlieh dem zunächst arrogant anmutenden Gesichtsausdruck etwas spitzbübisch Jungenhaftes. Jetzt drehte er sich zu seinen Begleitern um und deutete über die Ebene in nordwestlicher Richtung.

»Das dort vorne ist die große Abtei von Ard Fhearta, Lady.«

Mit ihm ritten eine rothaarige Ordensschwester und ein untersetzter |40|Mann mit der Tonsur des heiligen Petrus, und hinter ihm zwei mürrisch dreinblickende Bewaffnete. Die Frau und der Mann zügelten ihre Rosse und blickten über Conrís ausgestreckten Arm hinweg.

»Weit ist die Reise von Cashel nicht gewesen, Conrí«, stellte die Frau fest.

»Hatte ich ja vorausgesagt«, bestätigte der Angesprochene. »Was mir nur leid tut ist, daß ich nichts Besseres wußte, als ausgerechnet dich zu bitten, uns mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.«

Skeptisch grinste ihn der Begleiter der Ordensschwester an. »Wie hätten wir uns verweigern können, da du dein Anliegen so überzeugend dargelegt hast?«

Die Bemerkung weckte Conrís Argwohn. »Wenn mir etwas abgeht, dann ist es Redegewandtheit, Bruder Eadulf«, erwiderte er. »Ich glaube eher, daß die befremdlichen Geschehnisse Lady Fidelma bewogen haben, mit mir zu ziehen.«

Bruder Eadulf wollte gerade etwas entgegnen, als Schwester Fidelma die Hand hob und mit dem Kopf leicht in eine Richtung wies. »Hört mal! Was ist das?«

Sie vernahmen ein schwaches rhythmisches Geräusch ähnlich einem Trommelschlag aus weiter Ferne, langsam, aber regelmäßig.

»Bist du noch nie in dieser Ecke von Muman gewesen, Lady?« fragte Conrí. Er redete Fidelma stets mit ihrem Rang als Schwester von Colgú, des Königs von Muman, an und verzichtete auf die Nennung ihres Ordenstitels.

»Ich habe mich bisher nie jenseits der Bergkette von Sliabh Luachra aufgehalten, die uns vom Kernland der Uí Fidgente trennt«, meinte sie. Und mit einem verschmitzten Lächeln fügte sie hinzu: »Aus gutem Grund, wie du mir zugestehen wirst, Conrí.«

|41|Es war noch nicht lange her, daß die Fürsten der Uí Fidgente ihre Stammesleute in einen aussichtlosen Krieg geführt hatten, um Fidelmas Bruder, der damals erst kurze Zeit auf dem Thron von Cashel saß, zu stürzen. Erst vor zwei Jahren hatten die Uí Fidgente bei Cnoc Áine eine Niederlage erlitten. Danach hatte man den jungen Conrí zum neuen Kriegsherrn erkoren, und der hatte dank seiner diplomatischen Fähigkeiten im Namen des neuen Stammesfürsten Donennach ein Bündnis mit Cashel zuwege gebracht.

»Ich dachte, dieser Landstrich gehörte zum Stammesgebiet der Ciarraige Luachra und nicht der Uí Fidgente?« äußerte sich Bruder Eadulf bissig. Er war von Anfang an gegen diese Reise gewesen, hatte es aber nicht versäumt, sich vor ihrem Aufbruch in der Bibliothek von Cashel kundig zu machen.

Conrí ließ sich die gute Laune nicht nehmen. »Vor zwei Generationen hat unser Stammesfürst Oengus mac Nechtain das Gebiet der Ciarraige Luachra unserem Territorium zugeführt. Aber du hast insofern recht, Bruder Eadulf, als das hauptsächliche Gebiet der Uí Fidgente mehr im Nordosten liegt.«

»Also, was ist das für ein Geräusch?« griff Fidelma ihre Frage wieder auf.

»Das ist das Meer. Wir sind keine sechs Kilometer von ihm entfernt.«

»Ich bin schon näher an Küsten dran gewesen, habe aber nie etwas Ähnliches gehört.«

»Vor dem Kloster, auf der anderen Seite der Hügel, zieht sich von Süden nach Norden ein sandiger Küstenstreifen von elf, zwölf Kilometern hin. Wir nennen ihn den Banna-Strand, das sandige Meeresufer vor den Bergeshöhen. Selbst an ganz windstillen Tagen sind die Meereswogen dort hoch und ungestüm, und die Wellen brechen sich mit ungeheurer Kraft; |42|man könnte meinen, der Erdboden erzittert, wenn man näher kommt. Die Winde, die das Wasser peitschen, sind zeitweise ungemein heftig und sorgen für klare Luft, und die wiederum hält die Menschen gesund und widerstandsfähig, jedenfalls behaupten das die Heilkundigen.«

Bruder Eadulf betrachtete die Landschaft mit kritischem Blick. »Die Bäume zumindest sehen nicht gesund und widerstandsfähig aus«, stellte er fest. »Die, die eigentlich senkrecht in die Höhe wachsen müßten, liegen fast am Boden, verkrüppelte und in sich verdrehte Gebilde, eher Phantome aus einer anderen Welt.«

Es war nicht das erste Mal in diesen zwei Tagen, seit sie von Cashel aufgebrochen waren, daß Fidelma ihren Begleiter seines kritischen Tons wegen mit einem tadelnden Blick strafte. Doch sogleich konzentrierte sie sich wieder auf die Aussicht, die vor ihnen lag.

Die Abtei, deren Gebäude wie fast alle klösterlichen Anlagen der Gegend ringsherum von einem Schutzwall umgeben waren, hatte man hoch auf einer Bergkuppe erbaut. Am Fuß der Erhebung schlängelte sich ein Fluß und bahnte sich den Weg zum Meer. Hier und da im Tal verstreut, erspähte Eadulf befestigte Gehöfte und Bauernhäuser, und er mußte daran denken, daß noch bis vor kurzem die Uí Fidgente sehr kampfwütige Leute gewesen waren. Im Gegensatz zu anderen großen Klöstern war das vor ihnen liegende nicht der Kern eines dörflichen Gemeinwesens, denn es befand sich keine Siedlung in seinem unmittelbaren Umfeld.

Conrí gab sich alle erdenkliche Mühe, auf heilige Brunnen, Grabmäler und ertragreiche Gehöfte der Gegend hinzuweisen. »Ard Fhearta ist über hundert Jahre alt«, wußte er nicht ohne Stolz zu berichten. »Erbaut wurde es von dem großen Bréanainn …«

|43|»… von den Ciarraige Luachra«, fiel ihm Bruder Eadulf ins Wort. »Ich kenne die Geschichte.«

»Ard Fhearta heißt soviel wie ›Friedhofshöhe‹, stimmt’s?« vergewisserte sich Fidelma und überging Eadulfs Bemerkung. »Demnach hat man die Abtei auf einer alten heidnischen Begräbnisstätte errichtet.«

»Wie viele andere Klöster und Kirchen unseres neuen Glaubens auch«, stimmte ihr Conrí zu. »Abt Erc hat mir erzählt, man habe es deshalb getan, um die alten Stätten zu weihen, auf daß all unsere Vorfahren sich mit uns im christlichen Jenseits vereinen können.«

Bruder Eadulf legte die Stirn in Falten. Seine Leute, das Südvolk, die ihre Herkunft von Casere, dem Sohn des großen Gottes Wodan ableiteten, hatten immer geglaubt, der einzige Weg, Unsterblichkeit zu erlangen, sei, mit dem Schwert in der Hand zu sterben, Wodans Namen auf den Lippen. Dann und nur dann würden sie ins Jenseits gelassen, würden sie in der großen Heldenhalle neben den Göttern sitzen dürfen. Hin und wieder lebten in ihm die Glaubensvorstellungen seiner frühen Jugend auf und gerieten in Widerstreit zu seiner Bekehrung zum Neuen Glauben. Eadulf war immer noch auf der Suche nach der Bestätigung der göttlichen Wahrheit. Deshalb hatte er auch die weniger strengen Lehren der Iren abgelehnt, die ihn bekehrt und ausgebildet hatten, und sich zu den rigoroseren Ansichten Roms bekannt.

Der kleine Trupp zog weiter und strebte der Klosteranlage mit ihren grauen Stein- und Holzbauten zu. Der Weg führte durch eine breite Allee, umsäumt von Steineinfassungen, vorbei an einer hohen, unbehauenen, nach Westen ausgerichteten Steinsäule und weiter durch den Talgrund, wo das Rauschen des Meeres weniger stark war, weil die Hügel dazwischen lagen. Sie begegneten einem Hirten mit einer kleinen |44|Herde Ziegen; beflissen versuchte er, die Tiere zur Seite zu treiben. Offensichtlich erkannte er Conrí, denn er grüßte den Kriegsherrn ehrerbietig, nicht ohne neugierig dessen Mitreisende in Augenschein zu nehmen.

Als sie sich bergauf den Mauern von Ard Fhearta näherten, öffneten sich die Holztore, und ein junger Mann trat heraus. Mit unverhohlener Erregung blieb er stehen und sah ihnen entgegen.

»Gott sei mit dir, Bruder Cú Mara«, begrüßte ihn Conrí und zügelte sein Pferd vor dem geöffneten Tor.

»Mögen Gott und Maria dich schützen, Conrí, Sohn des Conmáel«, erwiderte der junge Mann, wie es das Ritual verlangte. Dann wandte er sich den anderen zu, um auch sie willkommen zu heißen. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als er Fidelma gewahr wurde.

»Bruder Cú Mara ist der rechtaire der Abtei«, erklärte Conrí.

»Willkommen in Ard Fhearta, Lady.« Der Ton seiner Worte widersprach ihrem Inhalt.

Fidelma zog eine Augenbraue hoch. »Du weißt, wer ich bin?«

Der junge Mann neigte leicht den Kopf. »Wer kennt nicht Fidelma, Schwester von Colgú, dem König von Muman? Dein Ruf als dálaigh hat sich in allen fünf Königreichen von Éireann verbreitet.«

Vorwurfsvoll sah Fidelma zu Conrí. »Sagtest du nicht, du hättest niemandem gegenüber ein Wort verloren, daß du an mich gedacht hast, als du Hilfe holen wolltest?«

Bruder Cú Mara kam ihm zuvor. »Ich habe davon auch nichts gewußt, habe dich eben erst erkannt.« Freundlich klang seine Erklärung nicht.

»Ich bin dir schon früher einmal begegnet?«

|45|»Ich habe in Durrow unter Abt Laisran die Schreibkunst erlernt. Dort habe ich dich mehrfach gesehen.«

Fidelma lächelte. Durrow – das Kloster bei den Eichen. Es schien eine Ewigkeit her, seit sie das letzte Mal dort gewesen war. Der heitere, wohlwollende Abt Laisran hatte Fidelma unter seine Fittiche genommen, hatte sie dafür gewonnen, eine Glaubensschwester zu werden, nachdem sie an der berühmten Schule des Brehon Morann ihre Prüfungen im Rechtswesen abgelegt hatte. Der gute, liebenswerte Abt mit seinem ansteckenden Humor.

Mit forschendem Blick hatte sich Bruder Cú Mara inzwischen Eadulf zugewandt. »Und du bist …?«

»Das ist mein Gefährte Bruder Eadulf«, sagte Fidelma.

Der junge Mönch zuckte mit keiner Miene.

»Natürlich«, gab er kurz angebunden zur Antwort und drehte sich zu Conrí um. »Der Abt wird dich sogleich sprechen wollen, Fürst Conrí, um so mehr wenn er erfährt, wen du mitgebracht hast.«

Das Mißfallen in seiner Stimme war nicht zu überhören, und auch Fidelma spürte es.

»Ich werde ihn sogleich aufsuchen«, versicherte ihm Conrí. »Von den vermißten Ordensschwestern hat man vermutlich noch nichts gehört?«

Der Verwalter verzog das Gesicht. »Kein Wort, Fürst Conrí. Aber ein neuerlicher tragischer Schlag hat das Kloster getroffen.«

»Halt uns nicht unnütz lange hin, Bruder«, drängte ihn Conrí.

»Vor drei Tagen hat man den Ehrwürdigen Cináed tot im Bethaus gefunden.«

»Den Ehrwürdigen Cináed?« Es war Fidelma, die den Namen wiederholte. »Meinst du Cináed, den Gelehrten?«

|46|»Kennst du seine Arbeiten, Lady?« fragte der Verwalter erstaunt.

»Seine Abhandlungen über Philosophie und Geschichte sind in aller Munde«, reagierte sie, ohne zu zögern. »In den fünf Königreichen von Éireann erfreuen sich seine Arbeiten großer Wertschätzung. Er muß schon betagt gewesen sein – hat hoffentlich einen friedlichen Tod gefunden?«

Bruder Cú Mara schüttelte den Kopf. »Betagt war er, ja, aber er starb eines gewaltsamen Todes. Offensichtlich wurde ihm mit einem heftigen Hieb hinterrücks der Schädel zertrümmert.«

Conrí stöhnte auf, während Fidelmas Augen sich erschrocken weiteten.

»Deiner Wortwahl entnehme ich, daß es kein Unfall war?«

»Man fand seinen Leichnam in der Kapelle hinter dem Altar, doch von einem Gegenstand, mit dem der tödliche Schlag verübt wurde, fehlt jede Spur.«

»Hat man den Missetäter ergriffen?« forschte Conrí. Er schaute Fidelma an: »Das sind in der Tat böse Nachrichten. Cináed war ein großer Unterstützer unseres neuen Stammesfürsten Donennach und gehörte zu seinen Ratgebern.«

Der Verwalter wirkte nicht übermäßig bekümmert.

»Ich weiß von manchen, die glauben, auf der heiligen Stätte hier liege ein Fluch, weil Donennach sich unterworfen hat«, sagte er in aller Ruhe.

Fidelma bemerkte die Feindseligkeit in der Redeweise des Mannes. »Ein Fluch?« fragte sie streitlustig.

»Vielleicht sind es die Schatten vergangener Generationen der Uí Fidgente, die hier begraben liegen. Vielleicht sind sie aus ihrem Schlummer im Jenseits erwacht, sind zurückgekommen und bringen Unheil über uns, weil wir ihr Andenken verunglimpft haben?«

|47|Verwundert betrachtete Fidelma den jungen Mann. Seine Frage klang mehr wie eine überlegte und sachliche Feststellung. Ihr war nicht ganz klar, ob es ihm ernst war mit dem, was er von sich gab, oder ob ihn eine makabre Art von Humor dazu getrieben hatte.

»Als Mitglied der Bruderschaft solltest du nicht solchen abergläubischen Unfug daherschwatzen.«

»Ich spreche nur das aus, was viele von uns denken. Und manche haben es auch schon laut gesagt«, verteidigte er sich. »Das Kloster steht auf einer alten heidnischen Begräbnisstätte, und vielleicht haben wir mit unserer Niederlage tatsächlich die alten Geister der Uí Fidgente erzürnt?«

»Fast könnte man meinen, wir sind zum richtigen Zeitpunkt gekommen«, sagte jetzt Eadulf ernst. »Wir wollen euch vom Stamm der Uí Fidgente davor bewahren, wieder in den angsterfüllten Götzendienst zu verfallen.«

Fidelma merkte als einzige an seiner Tonlage, daß er spottete.

Bruder Cú Mara war drauf und dran, sich lautstark zu entrüsten, besann sich aber eines Besseren, drehte sich um und erklärte lediglich: »Ich an deiner Stelle würde Abt Erc nicht unnötig lange warten lassen, Fürst Conrí. Was Lady Fidelma und ihren Begleiter betrifft, so wird der Abt beide gewiß nach dem Abendgebet und Essen empfangen. Ich bringe euch derweil zum hospitium, dort könnt ihr euch nach dem langen Ritt erholen und frisch machen.«

Eadulf entging nicht, daß der lateinische Ausdruck gefallen war.

»Habt ihr euch hier dem römischen Brauch angeschlossen, Bruder?« fragte er, stieg vom Pferd und folgte dem Verwalter. Sie führten die Tiere am Zügel, während sie durch die Klosteranlage gingen.

|48|Bruder Cú Mara schüttelte den Kopf.

»Ich habe sehr wohl bemerkt, daß du die römische Tonsur trägst, Bruder Eadulf. Wir hier folgen aber den Lehren unserer Kirchenväter. Trotzdem spielt Latein eine beachtliche Rolle im Kloster, und unsere Gelehrten sind stolz darauf, aus lateinischen Texten zu übersetzen. Der Ehrwürdige Cináed führte eine umfangreiche Chronik in Latein, in der er die Geschichte der Abtei seit ihrer Gründung durch den heiligen Bréanainn festhielt.«

Conrí hatte sein Pferd einem seiner Mitstreiter, einem wortkargen Krieger namens Socht, übergeben und sich von ihnen getrennt, um den Abt aufzusuchen. Indes geleitete der junge Verwalter die anderen durch das Gelände, vorbei an Gebäuden unterschiedlicher Größe und Bauart und weiter bis zu einem Holzbau von beachtlichem Ausmaß. Vermutlich war es das hospitium. Bruder Cú Mara blieb stehen.

»Wir haben zur Zeit keine weiteren Gäste, folglich habt ihr das Haus ganz für euch. Macht es euch bequem. Schwester Sinnchéne ist drinnen. Sie wird euren Wünschen nachkommen. Nach dem Abendgebet hole ich euch wieder ab und bringe euch zu Abt Erc.«

Er ließ es dabei bewenden, drehte sich um und ging.

Socht und der zweite Krieger übernahmen die Pferde und führten sie fort zu den Ställen.

Mißmutig blickte Eadulf dem wegeilenden Bruder Cú Mara nach. »Ausgesprochen fröhlich scheint der junge Mann nicht ob unserer Anwesenheit zu sein«, stellte er fest.

»Du darfst nicht vergessen, daß wir uns auf dem Gebiet der Uí Fidgente befinden«, erwiderte Fidelma. »Es ist erst zwei Jahre her, daß mein Bruder sie in der Schlacht besiegte. Manche Menschen tun sich schwer, zu vergeben und zu vergessen.«

|49|Eadulf öffnete die Tür zum Gästehaus und ließ Fidelma den Vortritt. Sie kamen in einen großen Raum mit roter Eibentäfelung. Offensichtlich war er für die Allgemeinheit gedacht, hier konnte man am Feuer sitzen und sich entspannen. Draußen wurde es schon dunkel; an kalten Wintertagen wie diesem kam die Abenddämmerung zeitig, doch in der mit Steinplatten ausgelegten Feuerstelle flackerten fröhlich Flammen. Eine junge Frau mühte sich an einer Öllampe ab, die auf einem Mitteltisch stand, und versuchte den spärlich brennenden Docht zu richten. Sie hatte ihr Eintreten nicht bemerkt und blickte jetzt erschrocken auf. Die geröteten Augen und Tränen in den Wimpern verrieten, daß sie geweint hatte.

Rasch erhob sie sich und fuhr mit einer Hand flüchtig über das Gesicht. Fidelma betrachtete das Mädchen mit Wohlgefallen. Es hatte helle Haut, blaue Augen und üppiges blondes Haar. »Ich bin Schwester Sinnchéne«, stellte sie sich vor. »Ihr seid sicher die Gäste, die wir erwarten? Ich steh euch zu Diensten.«

Ganz offensichtlich hatten sie die Nonne in einem Moment überrascht, da sie ihrem Kummer freien Lauf ließ, und jetzt versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen.

Fidelma nannte ihren und Eadulfs Namen. Schwester Sinnchéne zeigte keine sonderliche Reaktion. Offenbar wußte sie nichts von Fidelmas verwandtschaftlichen Beziehungen zum König von Muman.

»Vielleicht willst du nach deiner Reise baden, Schwester«, meinte sie. »Ich kann rasch heißes Wasser fürs Badehaus bereiten. Nur sind unsere Möglichkeiten hier ziemlich einfach, es gibt keine getrennten Einrichtungen für Männer und Frauen. Aber wenn dein Gefährte wartet, bis du fertig bist, will ich dafür Sorge tragen, daß auch für ihn heißes Wasser bereit ist.«

|50|Das irische Streben nach übertriebener Reinlichkeit war Eadulf stets fremd geblieben. Da, wo er herkam, aus dem Land des Südvolks, war Baden lediglich ein kurzes Eintauchen im Fluß, und selbst das machte man nicht allzu oft.

»Ich kann gerne warten«, bestätigte er eilfertig.

»Für die Übernachtung haben wir getrennte Räumlichkeiten«, fuhr Schwester Sinnchéne fort und wies auf einen Flur, der von dem Raum hinter ihr abging. »Badehaus und defaecatorium befinden sich am anderen Ende des Gangs.«

»In unserer Begleitung ist Fürst Conrí mit zwei Kriegern. Für sie brauchen wir auch eine Liegestatt«, erläuterte Fidelma.

»Die Krieger werden sich mit Betten im Schlafsaal begnügen müssen«, befand Schwester Sinnchéne energisch und in sachlichem Ton. »Ich gehe das Wasser bereiten und sage Bescheid, wenn’s heiß ist. Inzwischen kannst du dich für eine Kammer entscheiden, Schwester.«

Sie verschwand mit raschen Schritten.

Fidelma begab sich in den Korridor, von dem aus man in mehrere Zellen gelangte. Sie waren so klein, daß nicht mehr als eine schmale Bettstatt und ein paar armselige Gegenstände Platz fanden. Fidelma betrat die erstbeste und warf mit einem leichten Seufzer ihren Mantelsack aufs Bett. Eadulf bezog die danebenliegende Zelle und folgte dann Fidelma, die in den Hauptraum zurückgegangen und auf einen Stuhl gesunken war.

»Da wir gerade einen Moment allein sind«, fing sie unvermittelt an, »könntest du mir erzählen, was dir auf der Seele liegt.«

Eadulf zog die Augenbrauen hoch. »Wie kommst du darauf?«

»Die ganze Reise über hast du herumgenörgelt wie ein altes |51|Weib«, reagierte sie verärgert. »Es wäre besser, du sagst, was dich bedrückt, als es länger mit dir herumzutragen.«

Eadulf zögerte, zuckte mit den Schultern und setzte sich ihr gegenüber. »Seit Conrí in Cashel aufgetaucht ist, beschäftigt mich ein und dasselbe«, bekannte er gequält.

»Und das wäre?« drängte ihn Fidelma unnachgiebig.

»Es ist nur wenige Wochen her, daß man unseren Sohn Alchú entführte. Gott sei Dank konnten wir ihn wieder unbeschadet in die Arme schließen. Doch wir waren eben erst als Familie vereint, waren gerade sicher in Cashel angelangt. Es wurde höchste Zeit, endlich eine Weile zur Ruhe zu kommen. Da erscheint Conrí, und du begibst dich kurzentschlossen auf gefährliches Terrain. Das mag ja hier alles zum Königreich deines Bruders gehören, aber von jeher bäumt man sich hier gegen ihn auf. Und nur, weil Conrí dir in den Ohren liegt, gehst du mit ihm.«

Über Fidelmas Gesicht glitt ein Schatten, und für einen kurzen Augenblick verrieten ihre Augen Wehmut. »Ich bin Alchús Mutter, Eadulf«, sagte sie mit Nachdruck. »Glaubst du, mein Sohn liegt mir nicht am Herzen? Ich leide ungeheuer darunter, daß ich ihn gleich wieder in Cashel habe zurücklassen müssen, vielleicht sogar mehr als du. Aber ich bin des Königs Schwester, und – wie dir sehr wohl bewußt ist – vor allen Dingen eine dálaigh. Ich habe die Ausbildung dafür erfahren, und in diesen Dingen kenne ich mich aus. Du weißt um die Probleme, die mein Bruder mit den Uí Fidgente hatte. Jetzt bietet sich mir eine ideale Möglichkeit, den brüchigen Frieden zwischen Cashel und dem ungebärdigen Stamm hier zu festigen. Conrí ist als Kriegsherr der Uí Fidgente nach Cashel gekommen und hat um meine Hilfe als dálaigh ersucht. Indem ich ihm diese Hilfe gewähre, kann ich meinen Bruder in seinem Streben, sein Königreich wieder zu einen, unterstützen.«

|52|Eadulf konnte ihrer Argumentation durchaus folgen, aber sein inneres Ich wehrte sich.

»Ich hätte nichts dagegen, wenn alles andere bei uns in ebenen Bahnen verliefe, aber davon kann wohl kaum die Rede sein«, protestierte er. »Die wenigen Wochen sind zu zählen, die wir uns in Cashel eingerichtet haben und wieder als Familie zusammen sind. Gerade haben wir begonnen, Pläne zu schmieden für die feierliche Zeremonie, die uns für immer aneinander binden soll. Wir hatten dafür das Fest des Imbolc gewählt, wenn die Schafe ihre Lämmer werfen. An dem Tag solltest du meine cétmuintir werden.«

Seit fast einem Jahr lebten Fidelma und Eadulf als ban charrthach und fer comtha zusammen, als Partner für ein Jahr und einen Tag, einem dem Gesetz nach rechtsgültigen, wenn auch nur zeitlich befristeten Ehebündnis. Stellte sich heraus, daß man nicht zusammenpaßte, konnte man nach Jahr und Tag ohne Schimpf und Schande und auch ohne gegenseitige Zahlungsverpflichtungen wieder auseinandergehen.

Betroffen sah Fidelma Eadulf an. »Hegst du Zweifel, daß es nicht dazu kommen könnte?« fragte sie leise.

Eadulf hob den Arm, wie um seine Hilflosigkeit anzudeuten, und ließ ihn wieder sinken. »Bisweilen bin ich mir nicht so sicher. Irgendwie treibt es uns von einer dramatischen Situation in die nächste.«

»Dann will ich dir folgendes sagen«, meinte sie ernst. »Daß ich hierhergekommen bin, geschah auf Verlangen meines Bruders, nicht weil ich Conrí zu Willen sein wollte. Unter den gegebenen Umständen hätte ich ohnehin keine Veranlassung gehabt, Conrí einen Gefallen zu tun. Mein Bruder ist König. Ich bin seinen Wünschen nachgekommen. Ich habe bereits versucht, dir das zu erklären, ehe wir uns auf den Weg machten.« Eadulf war im Begriff, etwas zu erwidern, aber sie gebot ihm |53|mit der Hand Einhalt und fuhr fort: »Eine Aufklärung der dramatischen Ereignisse hier ist äußerst wichtig für die Herrschaftsverpflichtung meines Bruders. Jetzt stellen wir bei unserer Ankunft in Ard Fhearta fest, daß sich das Drama zugespitzt hat: Der Ehrwürdige Cináed wurde ermordet. Ein Mann, der in allen fünf Königreichen bekannt und geachtet ist und für den selbst der Hochkönig Bewunderung hegt. Sein Tod dürfte für alle im Lande hier ein weitaus größerer Schock sein als der von Conrís Tante, der Äbtissin Faife.«

Mit Sicherheit hatte Fidelmas Bruder Colgú in dem Gespräch mit ihr auf die politische Bedeutung hingewiesen, gewährte man Conrí Unterstützung. Wenn Cashel auf ein Hilfeersuchen der Uí Fidgente einging, bei der Aufklärung eines Verbrechens im Kloster Ard Fhearta mitzuwirken, dann konnte das nur von Vorteil sein, wollte man den Zwist begraben, der über lange Zeiten die Herrscher der Uí Fidgente und die Könige von Muman gegeneinander aufgebracht hatte.

»Colgú hat gut reden«, ereiferte sich Eadulf. »Er muß sich ja nicht in den Bezirk der Uí Fidgente ohne seine Leibgarde vorwagen und sich Gefahren aussetzen …«

Fidelma lächelte schelmisch. »Nanu! Sagst du nicht immer, daß du einzig und allein um meine Sicherheit besorgt bist?«

Eadulf ärgerte sich, wie leichtfertig sie sich gab. »Mir geht es um die Sicherheit von uns beiden. Es wäre besser gewesen, wenn uns die Krieger deines Bruders begleitet hätten, Männer, denen wir vertrauen können. Statt dessen müssen wir uns wohl oder übel auf Conrí und die Gutwilligkeit der Uí Fidgente verlassen.«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Ich vertraue Conrí.«

»Mir ist meine Zeit als Gefangener der Uí Fidgente ins Gedächtnis geschrieben. Du kannst von mir nicht erwarten, daß ich ihnen vertraue.«

|54|»Auf der Suche nach Alchú bist du aber auf eigene Faust durch das Gebiet der Uí Fidgente gezogen, da hast du nicht nach deiner Sicherheit gefragt.«

»Da ging es auch nur um mich. Du warst in Cashel und sicher.«

Lächelnd schüttelte sie den Kopf.

»Das war ich nicht, wie sich herausstellte«, erinnerte sie ihn. »Ich war Gefangene der rebellischen Uí Fidgente. Und es war Conrí, der mir zur Flucht verhalf.«

»Sich gegen dich in einem Streitgespräch zu behaupten, wird mir wohl nie gelingen!« Eadulf hob die Arme, als wollte er sich eines imaginären Angreifers erwehren. »Ich sollte es gar nicht erst versuchen. Da wir nun einmal hier sind, laß mich lieber mit meinen Bedenken allein.«

»Das wird mir schwerfallen«, sagte sie und meinte es ernst. »Jedenfalls sehen wir nachher Abt Erc. Ich hoffe, du wirst deinen Unmut bezwingen können und keine Feindseligkeit aufkommen lassen. Feindseligkeit wird uns hier reichlich begegnen. Ich brauche deine Unterstützung, deinen Kopf und Verstand. Vergiß nicht, Muigen und Nessán versorgen unseren kleinen Alchú, der ist in der Festung meines Bruders wohl geborgen. An unseren Plänen für den Festtag des Imbolc ändert sich nichts. Jetzt aber sind wir hier, du und ich, beide zusammen, und es gilt, ein Problem zu lösen. Was kann uns Besseres passieren?«

Ihre Begeisterung war ansteckend, er mußte lächeln.

»Also gut, ich werden meine Ängste im Zaum halten. Und doch sehne ich den Tag herbei, da wir nach Cashel zurückkehren können.«

Man hörte Schritte. Schwester Sinnchéne erschien in der Tür.

»D

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tod vor der Morgenmesse" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen