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Tod in der Königsburg

Peter Tremayne

Tod in der Königsburg

Historischer Kriminalroman

 

Aus dem Englischen von Friedrich Baadke

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

HISTORISCHE ANMERKUNG

HAUPTPERSONEN

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

EPILOG

 

Für Mary Mulvey und die Mitarbeiter des Cashel Heritage Centre zum Dank für ihre begeisterte Unterstützung Schwester Fidelmas.

HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen um die Mitte des siebenten Jahrhunderts n. Chr.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die früher der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dálaigh, eine Anwältin an den Gerichten des alten Irland. Da dieser Hintergrund nicht allen Lesern vertraut sein mag, soll dieses Vorwort einige wesentliche Punkte erläutern und damit zu einem besseren Verständnis ihrer Abenteuer beitragen.

Im siebenten Jahrhundert bestand Irland aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige irische Wort für Provinz lautet cúige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige – von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) – erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Rí oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche gab es eine Aufteilung der Macht in Kleinkönigreiche und Stammesgebiete.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war in Irland unbekannt. Das Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen versammelt sein mußten. Wenn ein Herrscher nicht für das Wohl seines Volkes Sorge trug, wurde er angeklagt und seines Amtes enthoben. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irlands mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien des europäischen Mittelalters.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, welches das Gesetz der Fénechas, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Nach der Überlieferung wurden diese Gesetze zuerst im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ollamh Fódhla zusammengefaßt. Im Jahre 438 n. Chr. berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Dieser Kommission gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland schließlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterbinden. Selbst der Besitz eines Gesetzbuchs wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Verbannung.

Das Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Féis Temhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze, ausgehend von der sich verändernden Gesellschaft und ihren Bedürfnissen.

Dieses Gesetz wies der Frau eine einzigartige Stellung zu. Die irischen Gesetze gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Gesetzeswerk jener Zeit oder seitdem. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten politische Führer werden, Krieger in Schlachten befehligen, Ärzte, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Anwälte und Richter werden. Wir kennen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Bríg Briugaid, Áine Ingine Iugaire, Darí und viele andere. Darí zum Beispiel war nicht nur Richterin, sondern verfaßte auch einen berühmten Gesetzestext, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde. Die Gesetze schützten die Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleicher rechtlicher Basis gesetzlich von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld. Aus heutiger Sicht beschrieben die Gesetze der Brehons ein beinahe feministisches Paradies.

Diesen Hintergrund und seinen starken Gegensatz zu den Nachbarländern Irlands sollte man sich vor Augen halten, um Fidelmas Rolle in den Romanen zu verstehen.

Fidelma wurde im Jahre 636 in Cashel geboren, der Hauptstadt des Königreichs Muman (Munster) im Südwesten Irlands. Sie war die jüngste Tochter des Königs Faílbe Fland, der ein Jahr nach ihrer Geburt starb, und wuchs unter der Aufsicht eines entfernten Vetters auf, des Abts Laisran von Durrow. Als sie mit vierzehn Jahren das »Alter der Wahl« erreichte, ging sie wie viele irische Mädchen zum Studium an die Schule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren Studium erlangte Fidelma den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen oder kirchlichen Hochschulen im alten Irland zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist noch heute das irische Wort für Professor. Fidelma hatte die Rechte studiert, sowohl das Strafrecht Senchus Mór als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill. Deshalb wurde sie dálaigh, Anwältin bei Gericht.

In jener Zeit gehörten die meisten Vertreter der geistigen Berufe den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der geistigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft in Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gerechnet wurde, galt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne der angelsächsischen Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow sind zu dieser Zeit Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen verzeichnet. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien im Süden. Irland war der Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die keltische Kirche Irlands lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Rituale mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfests und Teile ihrer Liturgie geändert. Die keltische Kirche und die Orthodoxe Kirche des Ostens weigerten sich, Rom hierin zu folgen. Die keltische Kirche wurde schließlich zwischen dem neunten und elften Jahrhundert von der römischen Kirche aufgesogen, während die orthodoxen Ostkirchen bis heute von Rom unabhängig geblieben sind. Zu Fidelmas Zeit wurde die keltische Kirche Irlands von dieser Auseinandersetzung stark beansprucht.

Ein Kennzeichen sowohl der keltischen wie der römischen Kirche im siebenten Jahrhundert war die Tatsache, daß das Zölibat nicht allgemein üblich war. Es gab zwar in beiden Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, doch erst auf dem Konzil von Nizäa im Jahre 325 wurden Heiraten von Geistlichen verurteilt, aber nicht verboten. Das Zölibat in der römischen Kirche leitete sich von den Bräuchen der heidnischen Priesterinnen der Vesta und der Priester der Diana her. Im fünften Jahrhundert hatte Rom den Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht. Erst der Reformpapst Leo IX. (1049 –1054) unternahm ernsthaft den Versuch, den Klerikern der westlichen Länder das allgemeine Zölibat aufzuzwingen. In der östlichen Orthodoxen Kirche haben die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht zur Heirat.

Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospitae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta in Kildare war solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill-Dara = die Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Conlaed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste Biographie wurde 650, zur Zeit Fidelmas, von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priesterinnen werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige, die ein solches Amt innehatte. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Damit sich der Leser in Fidelmas Irland des siebenten Jahrhunderts, dessen geopolitische Einteilung ihm kaum vertraut sein wird, besser zurechtfindet, habe ich eine Kartenskizze beigefügt und dazu eine Liste der Hauptpersonen.

Im allgemeinen habe ich es aus naheliegenden Gründen abgelehnt, anachronistische Ortsnamen zu verwenden, habe jedoch einige wenige moderne Ausdrücke übernommen wie Tara statt Teamhair, Cashel an Stelle von Caiseal Muman und Armagh für Ard Macha. Hingegen bin ich bei dem Namen Muman geblieben und habe nicht die Form »Munster« vorweggenommen, bei der im neunten Jahrhundert das nordische »stadr« (Ort) an den irischen Namen Muman angehängt und die dann anglisiert wurde. Ähnlich habe ich das ursprüngliche Laigin beibehalten statt der anglisierten Form Laigin-stadr, aus der Leinster wurde.

Mit diesem Hintergrundwissen ausgerüstet, betreten wir nun Fidelmas Welt. Die Ereignisse dieses Romans spielen sich im September ab, dem Monat, den die Iren des siebenten Jahrhunderts den Mittelmonat (Meadhón) der Erntezeit (Fogamar) nannten und der im modernen Irisch immer noch Meán Fhómhair heißt. Es ist das Jahr 666.

Die Geschichte von der Verschwörung und Rebellion der Uí Fidgente ist in dem Roman »Die Tote im Klosterbrunnen« erzählt worden.

Der Leser möchte vielleicht wissen, was aus der großen Abtei und Kathedrale des heiligen Ailbe in Imleach Iubhair geworden ist, dem »Grenzland der Eibenbäume« oder Emly (in der Grafschaft Tipperary), wie es jetzt anglisiert heißt. Heute ist es ein kleines Dorf acht Meilen westlich von Tipperary (dem »Brunnen von Ara«). Eine Kirche steht noch an der Stelle. Emly blieb der führende Bischofssitz in Munster bis 1587, als seine Diözese mit der von Cashel vereinigt wurde. Der katholische und der protestantische Bischof führen sowohl Emly wie Cashel in ihrem Titel.

Die alten Abteigebäude wurden im dreizehnten Jahrhundert durch eine Kathedrale ersetzt, die im Krieg von 1607 zerstört wurde. Am Ende jenes Jahrhunderts wurde die Kirche neu erbaut, als anglikanische Bischofskirche geweiht, verfiel aber bald. Sie wurde 1827 wiedererrichtet, doch vierzig Jahre später abgerissen, hauptsächlich wegen der Entstaatlichung der anglikanischen Kirche in Irland. Ein Kaufangebot der katholischen Kirche wurde abgelehnt, und viele der Steine wurden zum Neubau der anglikanischen Kirche in Monard verwendet. Die moderne katholische Kirche wurde 1882 errichtet. Sie lohnt einen Besuch schon um ihrer schönen farbigen Glasfenster willen, von denen eines den berühmten König und Bischof von Cashel, Cormac Mac Cuileannáin (836 –908), verewigt, der Dichter, Schriftsteller und Lexikograph war. Auf dem Kirchhof, in dessen Mitte immer noch ein Eibenbaum wächst, befinden sich der Brunnen des heiligen Ailbe und die Reste eines alten, verwitterten Steinkreuzes, das das Grab des Heiligen bezeichnen soll. Man trifft noch immer Gläubige, die dem Schutzheiligen des großen Königreichs der Eóghanacht treu bleiben und am Festtag des heiligen Ailbe, am 12. September, den Brunnen besuchen und seinen himmlischen Beistand erbitten.

Es gibt nicht weniger als fünf geheiligte Brunnen in Emly, doch Tobair Peadair (Peters Brunnen) wurde zur Gefahr und ist nun zugedeckt. Von seinem Schacht aus soll ein unterirdischer Gang zum Berg Knockcarron (dem Berg des Cairn) führen.

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, dálaigh oder Anwältin an den Gerichten Irlands im siebenten Jahrhundert

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

IN CASHEL

Colgú von Cashel, König von Muman und Fidelmas Bruder Donndubháin, Tanist oder erwählter Thronfolger Colgús Donennach mac Oengus, Fürst der Uí Fidgente

Gionga, Kommandeur der Leibwache Donennachs Conchobar, Astrologe und Apotheker

Capa, Hauptmann in Colgús Leibwache

 

Brehon Rumann von Fearna

Brehon Dathal von Cashel

Brehon Fachtna von den Uí Fidgente

 

Oslóir, ein Stallknecht

Della, eine zurückgezogen lebende Frau

AM BRUNNEN VON ARA

Aona, der Gastwirt

Adag, sein Enkel

IN IMLEACH

Ségdae, Abt und Bischof von Imleach, Comarb von Ailbe

Bruder Mochta, Bewahrer der heiligen Reliquien

Bruder Madagan, der rechtaire oder Verwalter

Bruder Tomar, der Stallwärter

Schwester Scothnat, die domina des Gästehauses

Finguine mac Cathal, Fürst von Cnoc Áine

Bruder Daig

Bruder Bardán, der Apotheker

Nion, der bó-aire (Dorfschulze) und Schmied

Suibne, sein Gehilfe

Cred, eine Gastwirtin

Samradán, ein reisender Kaufmann aus Cashel

Solam, ein dálaigh der Uí Fidgente

KAPITEL 1

Ein hochgewachsener Mönch eilte den dunklen Korridor entlang. Die Sohlen seiner Sandalen klatschten so laut auf die Granitsteine des Bodens, daß man hätte glauben können, davon würde die ganze Abtei erwachen. Er hielt den dicken Stumpf einer Talgkerze in der Hand, deren Flamme in den zugigen Durchgängen flackerte und tanzte, ihm aber gerade noch den Weg erleuchtete. Ihr Licht verzerrte seine hageren Züge und ließ sein Gesicht eher wie die alptraumhafte Vision eines der Hölle entsprungenen Dämons erscheinen denn als das eines Dieners Gottes.

Die Gestalt verhielt vor einer dicken Holztür und zögerte einen Moment. Dann ballte der Mann die freie Hand zur Faust und schlug zweimal dagegen. Ohne auf eine Antwort zu warten, hob er die eiserne Klinke und trat ein.

Der Raum lag im Dunkeln, denn noch hüllte Nacht die Abtei ein. Er blieb auf der Schwelle stehen und hob die Kerze. In einer Ecke ruhte eine Gestalt auf einem niedrigen Bett, in eine Decke gewickelt. Ihr schwerer, gleichmäßiger Atem verriet dem Mönch, daß sein Klopfen und plötzliches Eintreten den einzigen Bewohner des Raums nicht geweckt hatte.

Er ging zum Bett und stellte die Kerze auf den danebenstehenden Tisch. Dann beugte er sich vor und rüttelte den Schläfer kräftig an der Schulter.

»Pater Abt!« rief er laut mit vor Erregung fast brüchiger Stimme. »Pater Abt! Du mußt aufwachen!«

Der Schlafende stöhnte einen Augenblick und kam dann widerwillig zu sich, blinzelte und versuchte im Dämmerlicht etwas zu erkennen.

»Was ...? Wer ...?« Er drehte sich herum und sah zu dem langen Mönch auf, der an seinem Bett stand. Dieser warf seine Kapuze zurück, und das scharfgeschnittene Gesicht des im Schlaf Gestörten verfinsterte sich. »Bruder Madagan. Was ist los?« Mühsam setzte er sich auf und erblickte den Nachthimmel im Fenster. »Was ist denn? Habe ich verschlafen?«

Der hochgewachsene Mönch schüttelte rasch den Kopf. Seine Miene erschien düster im Kerzenschein.

»Nein, Pater Abt. Erst in einer Stunde ruft uns die Glocke zum Morgengebet.«

Das Morgengebet fand zur ersten Stunde des kirchlichen Tages statt. Zu ihm versammelten sich die Brüder der Abtei Imleach und sangen die Lobpsalmen, mit denen die Andachtsübungen des Tages begannen.

Ségdae, der Abt und Bischof von Imleach und der Comarb, also der Nachfolger, des heiligen Ailbe, sank mit gefurchter Stirn auf sein Lager zurück.

»Was ist denn geschehen, daß du mich vor der rechten Zeit weckst?« fragte er ärgerlich.

Bruder Madagan senkte den Kopf bei dem scharf tadelnden Ton des Abts.

»Pater Abt, weißt du, welcher Tag heute ist?«

Ségdae starrte Bruder Madagan an, und seine Verärgerung ging in Verwirrung über.

»Was soll diese Frage und weshalb weckst du mich deswegen? Es ist der Feiertag des Gründers unserer Abtei, des heiligen Ailbe.«

»Vergib mir, Pater Abt. Aber wie du weißt, nehmen wir an diesem Tag die Reliquien des heiligen Ailbe aus unserer Kapelle und tragen sie zu seinem Grab, wo du sie segnest und wir Dankgebete für das Leben Ailbes und seine Bekehrung dieses Teils der Welt zum rechten Glauben sprechen.«

Abt Ségdae zeigte wachsende Ungeduld. »Komm zur Sache, Bruder Madagan, oder hast du mich nur geweckt, um mir zu sagen, was ich längst weiß?«

»Bona cum venia, mit Verlaub, ich kann das erklären.«

»Dann tu es auch!« fauchte der Abt gereizt. »Und zwar mit guten Gründen.«

»Als Verwalter der Abtei machte ich meinen nächtlichen Rundgang. Dabei ging ich in die Kapelle.« Der Mönch hielt inne, als wolle er seinen Worten einen dramatischen Effekt verleihen. »Pater Abt, das Reliquiar des heiligen Ailbe ist nicht mehr in der Nische, in der es aufbewahrt wurde!«

Abt Ségdae war hellwach und sprang aus dem Bett.

»Ist nicht mehr da? Was soll das heißen?«

»Das Reliquiar ist fort. Verschwunden.«

»Es war doch noch da, als wir zum Vespergebet zusammenkamen. Wir alle haben es gesehen.«

»Sicher war es da. Aber jetzt ist es weg.«

»Hast du Bruder Mochta schon gerufen?«

Bruder Madagan zog die Brauen zusammen, als habe er die Frage nicht verstanden. »Bruder Mochta?«

»Als Bewahrer der Reliquien des heiligen Ailbe hätte er als erster geholt werden müssen«, erklärte Ségdae, dessen Verärgerung sich wieder verstärkte. »Geh . . . nein, warte! Ich komme mit.«

Er schlüpfte in seine Sandalen und nahm seinen wollenen Mantel vom Haken. »Nimm die Kerze und geh mir voran zu Bruder Mochtas Kammer.«

Bruder Madagan ergriff die Talgkerze und ging hinaus auf den Korridor, dicht gefolgt von dem aufgeregten Abt.

Draußen war Wind aufgekommen, er säuselte und heulte um den Berg, auf dem die Abtei stand. Sein kalter Hauch drang in die dunklen Gänge des Gebäudes, und Abt Ségdae spürte schon fast den Regen, den der Wind mitbrachte. Aus langer Erfahrung wußte der Abt, daß der Wind vom Süden kam und die Wolken herantrieb, die am vorigen Abend noch über den Bergen von Ballyhoura gehangen hatten. Bei Tagesanbruch würde es regnen.

»Was kann nur mit den heiligen Reliquien geschehen sein?« Bruder Madagans Stimme unterbrach seine Gedanken mit einem Verzweiflungsschrei, während sie den Gang entlangeilten. »Kann ein Dieb in die Abtei eingebrochen sein und sie gestohlen haben?«

»Quod avertat Deus!« betete der Abt und bekreuzigte sich. »Hoffen wir, daß Bruder Mochta einfach früh aufgestanden ist und die Reliquien geholt hat, um den Gottesdienst vorzubereiten.«

Noch während der Abt sprach, wurde ihm klar, daß dies eine vergebliche Hoffnung war, denn jeder kannte den Ablauf des Gedenkgottesdienstes für den heiligen Ailbe. Die Reliquien blieben bis nach dem Morgengebet in der Kapelle. Danach nahm der Bewahrer sie heraus und trug sie, gefolgt von der Prozession der Brüder und Schwestern, erst zu dem heiligen Brunnen, wo der Abt frisches Wasser schöpfte und die Reliquien segnete, so wie der heilige Ailbe einst vor über hundert Jahren seine neue Abtei gesegnet hatte. Dann wurden das Reliquiar und ein Kelch mit geweihtem Wasser zu dem Steinkreuz getragen, das das Grab des Gründers der Abtei bezeichnete, und dort fand dann der Gedenkgottesdienst statt. Warum sollte also der Bewahrer der Reliquien sie zu so früher Stunde aus der Kapelle entfernt haben?

Der Abt und der besorgte Verwalter standen nun vor der Tür, und Bruder Madagan wollte anklopfen. Ungeduldig schob ihn Abt Ségdae beiseite und riß die Tür auf.

»Bruder Mochta!« rief er und trat in die kleine Kammer. Dann blieb er stehen, und seine Augen weiteten sich. So verharrte er einige Augenblicke, und Bruder Madagan versuchte vergeblich, ihm über die Schulter zu sehen. Ohne sich umzuwenden, sagte der Abt merkwürdig ruhig: »Halte die Kerze höher, Bruder Madagan.«

Der Verwalter hob sie hoch über die Schulter des Abts.

Das flackernde Licht ließ erkennen, daß sich die winzige Zelle in völliger Unordnung befand. Kleidungsstücke waren auf dem Fußboden verstreut. Die Strohmatratze war halb von dem niedrigen hölzernen Bettgestell heruntergerissen. Ein Kerzenstummel lag in einer kleinen Talgpfütze auf dem Boden, der hölzerne Ständer ein Stück weiter. Hier und da fanden sich persönliche Toilettenartikel.

»Was hat das zu bedeuten, Pater Abt?« flüsterte Bruder Madagan entsetzt.

Abt Ségdae schwieg. Seine Augen verengten sich, als sein Blick auf die Matratze fiel. Er bemerkte eine Verfärbung, die er sich nicht erklären konnte. Er nahm Bruder Madagan die Kerze aus der Hand, trat vor und beugte sich nieder, um den Fleck zu untersuchen. Vorsichtig berührte er ihn mit dem Finger. Er war noch feucht. Im flackernden Kerzenlicht besah er seine Fingerspitze.

»Deus misereatur . . .«, flüsterte er. »Das ist Blut.«

Bruder Madagan verbarg den Schauer nicht, der ihn plötzlich überlief.

Abt Ségdae blieb wie erstarrt stehen. Es dauerte einige Zeit, bis er sich regte.

»Bruder Mochta ist nicht hier«, stellte er überflüssigerweise fest. »Geh, Bruder Madagan, und wecke die Abtei. Wir müssen uns sofort auf die Suche machen. Es ist Blut auf seiner Matratze, seine Zelle ist in Unordnung, und die Reliquien des heiligen Ailbe sind fort. Geh und läute die Sturmglocke, denn das Böse geht um in dieser Abtei heute nacht!«

KAPITEL 2

Die Nonne blieb auf der letzten Stufe stehen, bevor sie den Wehrgang hinter den Zinnen der Burg betrat, und blickte mißbilligend zum Morgenhimmel auf. Ihr junges hübsches Gesicht mit den rebellischen roten Haarsträhnen, die ihr in die Stirn geweht waren, und den hellen Augen, in denen sich jetzt der düstere graue Himmel spiegelte, trug eine strenge Miene, mit der sie das Wetter des Tagesanbruchs betrachtete. Mit kaum merklichem Achselzucken machte sie den letzten Schritt hinauf zu dem steinernen Umgang, der innen an den mächtigen Mauern der Burg entlanglief, die zugleich der Palast der Könige von Muman war, des größten und südwestlichsten Königreichs in Éireann.

Cashel erhob sich beinahe drohend an die sechzig Meter hoch auf einem Kalksteinfelsen, der die Ebene ringsum beherrschte. Den einzigen Zugang gewährte eine steile Straße von dem Marktflecken herauf, der sich in seinem Schatten angesiedelt hatte. Außer dem Königspalast standen noch viele Gebäude auf dem Felsen. Die große Kirche, der Sitz des Bischofs von Cashel, war nach Art der meisten Kirchen hoch und rund erbaut und durch Gänge mit dem Palast verbunden. Daneben gab es Stallungen, Vorratshäuser, Gästehäuser, Kasernen für die Leibwache des Königs und ein Kloster für die Mönche und Nonnen, die in der Kathedrale Dienst taten.

Schwester Fidelma bewegte sich mit einer jugendlichen Lebhaftigheit, die nicht zu ihrem Beruf zu passen schien. Ihr Nonnengewand ließ ihre hochgewachsene, wohlgebildete Gestalt erkennen. Mit leichtem Schritt stieg sie zu den Zinnen hinauf und prüfte wieder den Himmel. Ein kleiner Schauer überlief sie, als ein kalter Windstoß über die Gebäude fegte. Offensichtlich hatte es in der Nacht etwas geregnet, denn die Luft war noch feucht, und ein feiner silberner Schimmer lag auf den Feldern, auf denen sich das Licht des frühen Morgens in Tautropfen spiegelte.

Das Wetter war ungewöhnlich. Der Tag des heiligen Matthäus, der die herbstliche Tagundnachtgleiche mit erstem Frühfrost und sinkenden Nachttemperaturen verkündigte, war noch nicht gekommen. Die Tage in diesem Monat waren schön, aber kühl. Den Himmel bedeckte eine einförmige graue Wolkenschicht, nur wenige hellere Stellen zeigten, wo die Sonne sie zu durchdringen versuchte. Die Wolken ballten sich über den Bergen im Südwesten, jenseits des Tales, in dem sich das breite Band des Flusses Suir von Nord nach Süd schlängelte.

Als Fidelma sich von der Betrachtung des Himmels löste, erblickte sie ein kleines Stück entfernt einen älteren Mann. Anscheinend beobachtete auch er den Morgenhimmel. Sie ging zu ihm und begrüßte ihn lächelnd.

»Bruder Conchobar! Du schaust heute morgen so traurig drein«, sagte sie fröhlich, denn Fidelma ließ ihre Stimmung nicht vom Wetter beeinflussen.

Der alte Mönch hob sein langes Gesicht und setzte eine trübe Miene auf.

»Dazu habe ich auch allen Grund. Heute ist kein glückverheißender Tag.«

»Ein kalter Tag, das gebe ich zu, Bruder«, antwortete sie. »Doch die Wolken können sich verziehen, denn der Wind kommt aus Südwesten, wenn er auch kühl ist.«

Der Alte schüttelte den Kopf und ging nicht auf ihren Frohsinn ein.

»Es sind nicht die Wolken, die mir sagen, wir sollten uns an diesem Tag in acht nehmen.«

»Hast du wieder deine Himmelskarten studiert, Conchobar?« schalt ihn Fidelma, denn sie wußte, daß Bruder Conchobar nicht nur der Arzt von Cashel war, dessen Apotheke im Schatten der königlichen Kapelle stand, sondern daß er auch Schlüsse aus den Konstellationen der Sterne zu ziehen vermochte und viele einsame Stunden in der Betrachtung des Himmelsgewölbes verbrachte. Oft verbanden Ärzte die Medizin und die Astrologie in der Ausübung ihrer Kunst.

»Studiere ich die Karten nicht jeden Tag?« erwiderte der Alte mit düsterer, monotoner Stimme.

»Wie ich seit meiner Kindheit weiß«, bestätigte Fidelma feierlich.

»Allerdings. Früher habe ich versucht, dir die Himmelskarten zu erklären«, seufzte der Alte. »Du wärst eine ausgezeichnete Deuterin der Vorzeichen geworden.«

Fidelma verzog freundlich das Gesicht. »Das bezweifle ich, Conchobar.«

»Verlaß dich drauf. Habe ich nicht bei Mo Chuaróc mac Neth Sémon studiert, dem größten Astrologen, den Cashel hervorgebracht hat?«

»Das hast du mir oft erzählt, Conchobar. Aber nun sag mir, warum dieser Tag kein Glück verheißt?«

»Ich fürchte, heute geht das Böse um, Fidelma von Cashel.«

Der alte Mann redete sie nie mit ihrem religiösen Titel an, sondern betonte stets, daß sie die Tochter eines Königs und die Schwester eines Königs war.

»Kannst du das Böse genau erkennen, Conchobar?« fragte Fidelma mit plötzlich erwachtem Interesse. Sie hatte kein großes Vertrauen zu Astrologen, denn ihre Wissenschaft schien allein von den Fähigkeiten des einzelnen Kenners abzuhängen, sie gestand sich aber ein, daß man von den klügsten unter ihnen etwas lernen konnte. Das Studium des Himmels, nemgnacht, war eine alte Kunst, und wer es sich leisten konnte, ließ sich bei der Geburt eines Kindes ein nemindithib, ein Horoskop, stellen.

»Das kann ich leider nicht genau sagen. Weißt du, wo heute der Mond steht?«

In einer so naturverbundenen Gesellschaft mußte man schon völlig unwissend oder ein Trottel sein, wenn man die Stellung des Mondes nicht kannte.

»Wir haben abnehmenden Mond, Conchobar. Er steht im Haus des Steinbocks.«

»Ja, und der Mond steht in Opposition zum Merkur, in Konjunktion zum Saturn und im Sextilschein zum Jupiter. Und wo steht die Sonne?«

»Das ist leicht, sie steht im Haus der Jungfrau.«

»Und in Opposition zum nördlichen Knoten des Mondes. Die Sonne steht in Opposition zum Mars. Saturn steht in Konjunktion zum Mond im Haus des Steinbocks, doch er steht in Opposition zum Merkur. Jupiter steht in Konjunktion zum Mittelpunkt des Himmels, aber in Opposition zur Venus.«

»Und was bedeutet das alles?« drängte ihn Fidelma und versuchte ihm mit ihren mageren Kenntnissen in dieser Kunst zu folgen.

»Es bedeutet, daß dieser Tag nichts Gutes bringt.«

»Für wen?«

»Hat dein Bruder Colgú die Burg schon verlassen?«

»Mein Bruder?« Fidelma runzelte überrascht die Stirn. »Er brach schon vor der Morgendämmerung auf, um sich, wie verabredet, beim Brunnen von Ara mit dem Fürsten der Uí Fidgente zu treffen und ihn hierher zu geleiten. Siehst du eine Gefahr für meinen Bruder?« Plötzlich überkam sie Furcht.

»Das kann ich nicht sagen.« Der Alte breitete verlegen die Arme aus. »Ich bin mir nicht sicher. Die Gefahr könnte sich auf deinen Bruder beziehen, doch wenn es so ist und ihm ein Leid zugefügt wird, dann wird der, der es verursacht, am Ende nicht triumphieren. Das ist alles, was ich weiß.«

Fidelma sah ihn mißbilligend an.

»Du sagst zu viel oder zu wenig, Bruder. Es ist unrecht, Leute zu verunsichern, ohne ihnen genug mitzuteilen, damit sie das Unheil abwehren können.«

»Ach, Fidelma, sagt nicht das Sprichwort, daß ein schweigender Mund am lieblichsten klingt? Es wäre leichter für mich, nichts zu sagen und die Sterne ihren Lauf nehmen zu lassen, als zu versuchen, ihnen ihre Geheimnisse zu entreißen.«

»Du hast mich verstimmt, Bruder Conchobar. Jetzt werde ich mir Sorgen machen, bis mein Bruder heil zurück ist.«

»Es tut mir leid, daß ich dich beunruhigt habe, Fidelma von Cashel. Ich bete, daß sich alles als ein Irrtum herausstellt.«

»Die Zeit wird es uns sagen, Bruder.«

»Die Zeit enthüllt alles«, stimmte ihr Conchobar ruhig zu und zitierte damit ein altes Sprichwort.

Er neigte zum Abschied den Kopf und ging vorsichtig von den Zinnen hinunter, mit gebeugtem Rücken und auf einen kräftigen Weißdornstock gestützt. Fidelma blickte ihm nach, sie vermochte ihre Unruhe nicht abzuschütteln. Sie kannte Bruder Conchobar, seit sie vor dreißig Jahren auf die Welt gekommen war. Er hatte schon bei ihrer Geburt geholfen. Er schien seit ewigen Zeiten in der alten Burg von Cashel zu wohnen. Er hatte ihrem Vater, König Failbe Fland mac Aedo, gedient, an den sich Fidelma nicht erinnerte, denn er war noch in dem Jahr ihrer Geburt gestorben. Er hatte auch ihren drei Vettern gedient, die ihm in der Königswürde gefolgt waren. Nun diente er ihrem Bruder Colgú, der vor kaum einem Jahr zum König von Muman ausgerufen worden war. Bruder Conchobar galt als einer der gelehrtesten unter den Männern, die den Himmel beobachteten und Karten der Sterne und ihrer Bahnen zeichneten.

Fidelma kannte Conchobar gut genug, um zu wissen, daß man seine Voraussagen nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Sie blickte zum trüben Himmel auf, erschauerte und stieg von den Zinnen hinab. Auf dem großen Palastgelände auf dem Kalksteinfelsen gab es viele kleine Höfe und noch kleinere Gärten. Der ganze Gebäudekomplex war von hohen Verteidigungsmauern umgeben.

Fidelma schritt über die gepflasterten Höfe zum großen Eingang der königlichen Kapelle. Der Lärm spielender Kinder ließ sie aufblicken. Sie lächelte, als sie sah, daß einige Knaben die Wand der Kapelle für ein Spiel benutzten, das roth-chless oder »Radwerfen« genannt wurde. In ihrer Kindheit war es ein Lieblingsspiel ihres Bruders gewesen, denn es war das einzige Spiel, bei dem Colgú sie mit Sicherheit besiegen konnte. Es kam dabei auf die Stärke des Arms an, denn es galt, eine schwere runde Scheibe an einer hohen Wand hochzuschleudern. Wer am höchsten kam, war Sieger. Der Legende nach warf der große Krieger Cúchullain eine Scheibe so hoch, daß sie über die Mauer und das Dach des Gebäudes hinwegflog.

Das Freudengeschrei der Kinder zeigte an, daß einem von ihnen ein besonders guter Wurf gelungen war. Ein ergrauter Stallknecht, der gerade vorbeikam, blieb stehen und wies sie zurecht.

»Ein schweigender Mund klingt am lieblichsten«, ermahnte er sie mit erhobenem Finger und demselben Sprichwort, das Bruder Conchobar vorhin zitiert hatte. Als er weiterging, sah er Fidelma und grüßte sie. Fidelma bemerkte, daß ein paar Jungen ihm hinter seinem Rücken Gesichter schnitten, tat aber so, als sähe sie es nicht.

»Ach, Lady Fidelma, diese jungen Burschen«, seufzte der alte Diener und gebrauchte die Anrede ihres königlichen Standes, wie alle in Cashel. »Wahrhaftig, Lady, ihr Lärm zerreißt die Stille der Stunde.«

»Es sind doch nur Kinder beim Spiel, Oslóir«, erwiderte sie. Fidelma legte Wert darauf, alle Bediensteten im Palast ihres Bruders mit Namen zu kennen. »Ein griechischer Philosoph hat einmal gesagt: ›Spielt, damit ihr ernst werdet.‹ Also laß sie spielen, solange sie jung sind. Sie haben noch viele Jahre vor sich, in denen sie ernst sein müssen.«

»Aber Stille ist doch der Idealzustand?« protestierte der Diener.

»Das kommt darauf an. Zuviel Stille kann auch schmerzen. Man kann von allem zuviel bekommen, selbst vom Honig.«

Sie lächelte den Kindern zu, wandte sich zum Eingang der königlichen Kapelle und wollte gerade die Stufen hinaufgehen, als eine der Türen sich öffnete und ein junger Mönch in einer braunen wollenen Kutte heraustrat. Es war ein stämmiger junger Mann, in dessen üppiges braunes Haar die corona spina eingeschnitten war, die runde Tonsur der römischen Kirche. Seine dunkelbraunen Augen funkelten humorvoll in seinem angenehmen und beinahe hübschen Gesicht.

»Eadulf!« begrüßte ihn Fidelma. »Dich suche ich gerade.«

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, der aus dem Königreich des Südvolks stammte, war als Gesandter keines geringeren als Theodors, des Erzbischofs von Canterbury, an den Hof des Königs von Cashel gekommen. Er begrüßte sie mit fröhlicher Miene.

»Ich hatte dich heute morgen beim Gottesdienst erwartet, Fidelma.«

Fidelma schmunzelte verschmitzt. »Höre ich da eine Kritik heraus?«

»Sicher gehört es doch zu den wichtigsten Pflichten einer Nonne, den Gottesdienst am Sabbatmorgen zu besuchen.« Die irische Kirche hielt am Sonnabend als dem Sabbattag fest.

»Ich war allerdings beim Morgengebet heute in aller Frühe«, erwiderte Fidelma spitz. »Das war vor Sonnenaufgang, als du, wie ich hörte, noch geschlafen hast.«

Eadulf errötete leicht.

Sofort empfand Fidelma Reue und berührte ihn leicht am Ärmel.

»Ich hätte dir vorher sagen sollen, daß es in unserem Hause üblich ist, am Feiertag des heiligen Ailbe ganz früh zum Dankgebet für sein Leben zu gehen. Außerdem mußte mein Bruder schon vor Tagesanbruch Cashel verlassen und zum Brunnen von Ara reiten. Wir sind früh aufgestanden.«

Eadulf war noch nicht besänftigt, ging aber mit Fidelma zurück über den Hof zum Eingang der großen Festhalle von Cashel.

»Was ist so Besonderes an diesem Feiertag?« fragte er etwas gereizt. »Alle preisen den heiligen Ailbe, doch ich gestehe offen, daß ich weder von seinem Leben noch von seinem Werk etwas gehört habe.«

»Ein Fremder muß auch nicht unbedingt etwas von ihm wissen«, bemerkte Fidelma. »Er ist unser Schutzheiliger, der himmlische Beschützer des Königreichs Muman. Dies ist der Tag, an dem das Gesetz Ailbes unserem Volk verkündet wurde.«

»Ich verstehe«, meinte Eadulf, »weshalb dieser Tag ein besonderer ist. Aber nun sag mir, warum er als Schutzheiliger Mumans gilt und was es mit dem Gesetz Ailbes auf sich hat.«

Gemeinsam schritten sie durch den Empfangsraum des Palastes und durch die große Festhalle, die zu dieser Tageszeit fast verlassen dalag. Nur wenige Bedienstete waren unauffällig dabei, Feuer in den Kaminen zu machen, die Zimmer zu säubern und die Steinfußböden mit Reisigbündeln zu fegen.

»Ailbe stammte aus Muman, er wurde im Nordwesten des Landes geboren, am Hofe Crónans, eines Fürsten des Volkes der Cliach.«

»War er ein Sohn des Fürsten?«

»Nein. Er war der Sohn einer Dienerin des Fürsten, die bei der Geburt starb. Wer der Vater war, ist umstritten. Der Fürst war so erzürnt darüber, daß seine Geburt ihn einer bevorzugten Dienerin beraubte, daß er das Kind ersticken lassen wollte. Der Sage nach wurde es in der Wildnis ausgesetzt, aber von einer alten Wölfin aufgezogen.«

»Ach, solche Geschichten habe ich schon öfter gehört«, bemerkte Eadulf spöttisch.

»Da hast du allerdings recht. Wir wissen nur, daß Ailbe, als er erwachsen war, ins Ausland ging und in Rom zum neuen Glauben bekehrt und getauft wurde. Der Bischof von Rom schenkte ihm ein wunderschönes silbernes Kruzifix als Zeichen seines Amtes und sandte ihn nach Irland zurück, damit er Bischof der dortigen Christen würde. Das war noch bevor der heilige Patrick seinen Fuß in unser Land setzte. Mein Ahnherr, der erste christliche König von Muman, Oenghus mac Nad Froích, wurde von Ailbe zum Glauben bekehrt. Ailbe und Patrick nahmen beide an der Taufzeremonie des Königs hier auf diesem Felsen von Cashel teil. König Oenghus ordnete danach an, daß Cashel hinfort der Sitz des Primas von Muman sei und zugleich die königliche Hauptstadt, und Ailbe solle der erste Oberhirte des Königreichs werden.«

Sie setzten sich an ein Fenster der Großen Halle, das auf den westlichen Teil der Stadt unter ihnen hinausging, und blickten über die Ebene zu den entfernten Bergen im Südwesten. Eadulf reckte sich und unterdrückte rasch ein Gähnen. Fidelma sollte sich nicht gekränkt fühlen. Sie hatte es nicht bemerkt, denn ihr Blick ruhte auf den schimmernden Wäldern des fernen Tals. Mit ihren Gedanken war sie noch bei dem alten Bruder Conchobar und seiner düsteren Vorhersage. Sie fragte sich, ob sie sich auf ihren Bruder Colgú bezog. Es war kein Geheimnis, daß er sich zum Brunnen von Ara, einer Furt durch den Fluß Ara, begeben hatte, um sich mit den Erzfeinden der Könige von Cashel zu treffen. Solange sie denken konnte, waren die Fürsten der Uí Fidgente ihrer Familie feind gewesen. Gewiß, Colgú hatte seine Leibwache mitgenommen, konnte ihm dennoch Gefahr drohen? Beinahe hätte sie Eadulfs Frage überhört.

»Wie kommt es dann, daß er Ailbe von Imleach genannt wird und nicht Ailbe von Cashel? Und was besagt dieses Gesetz Ailbes?«

Eadulf wollte immer möglichst viel über das Königreich Muman erfahren.

Fidelma blickte ihn an und entschuldigte sich mit einem Lächeln für ihre Abwesenheit.

»Die Könige von Cashel gingen davon aus, daß nur Ailbe die kirchliche Oberhoheit in unserem Königreich besaß. Armagh, das im nördlichen Königreich der Uí Néill von Ulaidh liegt, versucht jetzt durchzusetzen, daß es die kirchliche Oberhoheit über ganz Irland erhält. Wir in Muman bestehen darauf, daß unsere Oberhoheit in Imleach bleibt. Deshalb ist Ailbe so wichtig für uns.«

»Aber du sagtest doch, Cashel wäre der Ort der Oberhoheit«, warf Eadulf ein.

»Es heißt, als Ailbe alt wurde, erschien ihm ein Engel und sagte ihm, er solle ihm nach Imleach Iubhair folgen, das nicht weit von hier liegt, und dort würde er den Ort seiner Auferstehung sehen. Das war symbolisch gemeint, denn Imleach war die alte Hauptstadt des Königreichs, bevor König Corc noch in heidnischen Zeiten Cashel dazu machte. Es hat seinen Namen von dem heiligen Eibenbaum, der das Totem unseres Königreichs ist.«

Eadulf schnalzte mißbilligend mit der Zunge wegen dieser heidnischen Symbolik. Als ein zum Christentum Bekehrter hing er wie die meisten Bekehrten dem Glauben besonders eifrig an.

»Ailbe verließ Cashel, ging nach Imleach und errichtete eine große Abtei«, fuhr Fidelma fort. »Es gab dort einen alten heiligen Brunnen, den er segnete und dem Dienst Gottes weihte. Er segnete sogar den heiligen Eibenbaum. Nach der Gründung der Abtei durch Ailbe entstand in Imleach eine blühende Gemeinschaft. Als Ailbe sein Werk vollendet hatte, ging er in den Himmel ein. Seine Gebeine ruhen in Imleach. Es gibt eine Legende . . .«

Fidelma brach ab, lächelte und zuckte entschuldigend die Achseln. In Wahrheit redete sie nur davon, um sich von der Sorge um die Sicherheit ihres Bruders beim Brunnen von Ara abzulenken, die beständig an ihr nagte.

»Sprich weiter«, drängte Eadulf, denn er genoß die Leichtigkeit, mit der Fidelma die Legenden ihres Volkes erzählte und die alten Götter und Helden zum Leben erweckte.

Fidelma schaute wieder über das Tal zur Straße, die den Fluß Suir kreuzte, und weiter in Richtung auf den Brunnen von Ara. Nichts bewegte sich auf der Straße. Sie wandte sich wieder Eadulf zu.

»Man sollte es nicht billigen, aber viele in unserem Volk glauben fest daran, daß im Fall eines Diebstahls der Reliquien Ailbes nichts unser Land davor bewahren könnte, in die Hände seiner Feinde zu fallen. In den alten Sagen ist Ailbe ein Hund, der die Grenzen des Königreichs bewacht. Manche meinen, der Heilige sei nach diesem Hund benannt worden, deshalb betrachten sie ihn als eine Verkörperung des Hundes, der immer noch unsere Grenzen beschützt. Sollten seine Reliquien aus Imleach verschwinden, dann würde die Dynastie der Eóghanacht in Cashel gestürzt, das Königreich Muman zerrissen, und es gäbe keinen Frieden mehr im Land.«

Eadulf war sichtlich beeindruckt von dieser Legende.

»Ich hatte keine Ahnung, daß so etwas noch in deinem Volk lebendig ist«, meinte er mit leichtem Kopfschütteln.

Fidelma verzog das Gesicht.

»Ich unterstütze solchen Aberglauben nicht. Doch die Menschen glauben so fest daran, daß ich ihn lieber nicht auf die Probe stellen möchte.«

Sie blickte auf und erkannte eine Bewegung am Rande des fernen Waldes. Ein Lächeln froher Erleichterung breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

»Sieh nur, Eadulf! Dort kommt Colgú, und der Fürst der Uí Fidgente ist bei ihm.«

KAPITEL 3

Eadulf blickte aus dem Fenster über die weiten bestellten Äcker zwischen der Stadt und dem ungefähr vier Meilen entfernten Fluß. Er konnte gerade wahrnehmen, daß auf dem Weg eine Reiterschar aus dem Wald hervorkam. Er warf Fidelma einen raschen Blick zu und bewunderte im stillen ihre Sehschärfe, denn außer der Tatsache, daß es Berittene waren, konnte er noch nichts ausmachen. Daß sie unter ihnen ihren Bruder zu erkennen vermochte, war ihm kaum vorstellbar.

Sie beobachteten schweigend, wie sich die Kolonne auf die Stadt unterhalb der Burg zu bewegte. Nun sah Eadulf das bunte Banner des Königs von Muman und ein anderes, das ihm nicht bekannt war, aber wohl dem Fürsten der Uí Fidgente gehörte.

Plötzlich ergriff Fidelma seine Hand und zog ihn fort vom Fenster.

»Gehen wir hinunter in die Stadt und sehen uns ihre Ankunft an, Eadulf. Dies ist ein großer Tag für Muman.«

Eadulf lächelte leise über ihre aufschäumende Begeisterung und ließ sich von ihr durch die Große Halle führen.

»Das verstehe ich nicht so ganz. Warum ist die Ankunft des Fürsten der Uí Fidgente so wichtig?« fragte er, während sie den Hof überquerten.

Fidelma ließ seine Hand los, sobald sie sicher war, daß er ihr folgte, und fiel in den würdigeren Schritt einer Nonne.

»Die Uí Fidgente sind einer der größeren Clans in Muman und leben westlich des Flusses Maigne. Ihre Fürsten haben sich oft geweigert, den Eóghanacht von Cashel Tribut zu zahlen oder sie überhaupt als Könige von Muman anzuerkennen. Sie erheben sogar selbst Anspruch auf die Königsherrschaft in Muman, mit der Begründung, daß ihre Fürsten ebenfalls von unserem gemeinsamen Ahnherrn Eóghan Mór abstammen.«

Sie ging rasch voran über den Hof, an der Kapelle vorbei und durch das Haupttor. Der wachhabende Krieger lächelte und grüßte sie. Colgús Schwester war sehr angesehen in ihrem Volk. Eadulf hielt leicht Schritt mit ihr.

»Ist ihr Anspruch berechtigt?« fragte er.

Fidelma verzog schmollend den Mund. Sie war stolz auf ihre Sippe, und darin, das wußte Eadulf aus Erfahrung, unterschied sie sich nicht von den meisten irischen Adligen, die er kennengelernt hatte. Jede Sippe beschäftigte einen professionellen Genealogen, um sicherzugehen, daß alle Generationen und ihre vielfachen Verwandtschaftsverhältnisse genau und deutlich aufgezeichnet wurden. Nach dem Brehon-Gesetz wurde die Nachfolge durch den Beschluß eines Wahlmännerkollegiums geregelt, das aus bestimmten Generationen, derbfhine genannt, bestand, deshalb war es wichtig, die Generationen und ihr Verhältnis zueinander zu kennen.

»Fürst Donennach, der heute mit meinem Bruder herkommt, beruft sich darauf, in gerader männlicher Linie in der zwölften Generation von Eóghan Mór abzustammen, den wir als den Begründer unseres Hauses betrachten.«

Eadulf entging ihr sarkastischer Unterton, er schüttelte verwundert den Kopf darüber, mit welcher Leichtigkeit der irische Adel seine Verwandtschaftsbeziehungen bestimmen konnte.

»Also dieser Fürst Donennach entstammt einer jüngeren Linie deines Hauses?« fragte er.

»Wenn die Genealogen der Uí Fidgente die Wahrheit sagen«, erwiderte Fidelma mit Betonung. »Allerdings jünger nur entsprechend den Beschlüssen der derbfhine, die die Könige einsetzen.«

Eadulf seufzte tief.

»Dieses Verfahren ist mir schwer verständlich. Bei den Angelsachsen erbt immer das älteste männliche Kind der ältesten Linie, der Erstgeborene, wie gut oder schlecht das auch immer ist.«

Fidelma fand das nicht richtig.

»Eben. Wenn nun dieser Erstgeborene sich als ungeeignet erweist, geistesgestört ist oder schlecht beraten regiert, dann läßt die angelsächsische Sippe ihn umbringen. Bei uns wird der Mann gewählt, der sich am besten für die Aufgabe eignet, ob es nun der älteste Sohn, der Onkel, der Bruder, der Vetter oder der jüngste Sohn ist.«

»Wenn sich aber herausstellt, daß er schlecht regiert«, konterte Eadulf, »laßt ihr ihn dann auch töten?«

»Nicht nötig«, antwortete Fidelma achselzuckend. »Die derbfhine der Sippe treten zusammen, entheben ihn seines Amtes und setzen einen Fähigeren ein. Nach dem Gesetz darf er gehen und ihm niemand etwas tun.«

»Ruft er dann nicht seine Anhänger zur Rebellion auf?«

»Er kennt das Gesetz, und seine möglichen Anhänger kennen es auch. Sie wissen, daß sie für immer als unrechtmäßige Machthaber gelten würden.«

»Aber es wäre doch menschlich. Es kommt doch sicher vor.«

Fidelmas Miene war ernst. Sie neigte zustimmend den Kopf.

»Es kommt tatsächlich manchmal vor. Deshalb ist die Aussöhnung mit den Uí Fidgente so wichtig. Sie haben immer wieder gegen Cashel rebelliert.«

»Warum?«

»Sie begründen es mit dem, worüber wir eben sprachen. Unsere Sippe, die Colgús und meines Vaters Faílbe Fland, führt ihre Abstammung auf Conall Corc zurück, den Sohn des Luigthech, der ein Sohn von Ailill Flann Bec war, welcher wiederum ein Enkel von Eóghan Mór war, dem Gründer unseres Hauses.«

»Das glaube ich dir aufs Wort«, lächelte Eadulf. »Diese Namen sagen mir nichts.«

Fidelma bewahrte ihre Geduld.

»Die Linie der Uí Fidgente leitet sich von Fiachu Fidgennid her, dem Sohn des Maine Muincháin, der ein weiterer Sohn von Ailill Flann Bec, dem Enkel von Eóghan Mór, war. Falls ihre Genealogen recht haben, wie ich sagte.« Sie verzog das Gesicht. »Unsere Genealogen meinen, sie hätten ihre Stammbäume gefälscht, damit sie Anspruch auf den Königssitz von Cashel erheben können. Doch an diesem glücklichen Tag werden wir uns nicht mit ihnen streiten.«

Eadulf bemühte sich, ihr zu folgen.

»Ich glaube, nun verstehe ich dich. Die Spaltung zwischen deiner Sippe und den Uí Fidgente begann zwischen zwei Brüdern, Luigthech, dem ältesten, und Maine Muncháin, dem jüngeren.«

Fidelma lächelte mitfühlend und schüttelte den Kopf.

»Wenn ihre Genealogen recht haben, war Maine Muncháin, der Stammvater der Uí Fidgente, der älteste Sohn von Ailill Flann Bec. Unser Ahnherr Luigthech war sein zweiter Sohn.«

Eadulf hob ratlos die Arme.

»Es ist schon schwer genug, eure irischen Namen zu behalten, aber erst die Generationenfolge . . . Sagst du jetzt, daß die Uí Fidgente einen besseren Anspruch auf die Königswürde haben, weil sie von dem ältesten Sohn abstammen?«

Fidelma ärgerte sich über sein Unverständnis.

»Inzwischen solltest du unsere Thronfolgegesetze kennen, Eadulf. Sie sind doch so einfach. Maine Muncháins Nachkommen wurden von den derbfhine der Sippe als ungeeignet für die Königswürde bezeichnet.«

»Es fällt mir trotzdem schwer, dir zu folgen«, gestand Eadulf. »Nach dem, was du sagst, stammen die Uí Fidgente nach den Regeln des Erstgeburtsrechts von einer älteren Linie ab und sind deshalb nicht bereit, die Herrschaft deiner Familie in Cashel anzuerkennen?«

»Ob ältere Linie oder nicht, unser Rechtssystem kennt kein Erstgeburtsrecht«, klärte ihn Fidelma auf. »Außerdem ereignete sich das alles vor fast zehn Generationen. Das ist so lange her, daß unsere Genealogen meinen, die Uí Fidgente seien überhaupt keine richtigen Eóghanacht, sondern stammten von den Dáirine ab.«

Eadulf blickte zum Himmel auf.

»Und wer sind nun wieder die Dáirine?« stöhnte er entmutigt.

»Ein altes Volk, das sich vor fast tausend Jahren das Königreich Muman mit den Eóghanacht teilte. Es gibt im Westen von hier noch einen Clan namens Corco Loígde, der behauptet, von den alten Dáirine abzustammen.«

»Na, mein einfacher Verstand hat nun genug Genealogie und zu viele Namen aufgenommen.«

Fidelma kicherte leise über seine komische Leidensmiene, doch ihre Augen blieben ernst.

»Trotzdem ist es wichtig, daß du die politische Lage in diesem Königreich verstehst, Eadulf. Du erinnerst dich doch, daß wir im vorigen Winter ein Komplott der Uí Fidgente aufdeckten, die eine Rebellion anzetteln wollten, und daß mein Bruder ihnen ein Heer entgegenführen und sie bei Cnoc Áine zur Schlacht stellen mußte? Das war vor knapp neun Monaten.«

»Daran erinnere ich mich natürlich. Wie sollte ich das vergessen? Die Verschwörer hatten mich damals gefangengenommen. Aber fiel nicht der Herrscher der Uí Fidgente in der Schlacht?«

»Ja. Jetzt ist sein Vetter Donennach der Fürst der Uí Fidgente, und eine seiner ersten Amtshandlungen bestand darin, Gesandte zu meinem Bruder zu schicken, um einen Vertrag auszuhandeln. Donennach kommt nach Cashel, um Frieden zu schließen. Es ist der erste Friede zwischen den Uí Fidgente und Cashel seit Jahrhunderten. Deshalb ist der heutige Tag so bedeutend.«

Sie waren vom Tor der Burg den steilen Pfad hinuntergegangen, der zum Fuß des Felsens von Cashel führte, und dem Weg um ihn herum bis zum Rand des Marktfleckens gefolgt. Die Stadt lag knapp eine Viertelmeile vom großen Felsen entfernt.

Die Einwohner der Stadt versammelten sich bereits, um den Einzug ihres Königs mit dem Fürsten der Uí Fidgente und seinem Gefolge anzuschauen. Die Reiterkolonne erreichte das Westtor der Stadt, als Fidelma und Eadulf sie durch das Osttor betraten und sich mit anderen zusammen an einer Seite des weiten Marktplatzes aufstellten.

Eine Gruppe von sieben Kriegern ritt an der Spitze des Zuges. Dann kam Colgús Bannerträger. Das flatternde blaue Seidentuch zeigte den goldenen Hirsch, das Königswappen der Eóghanacht von Cashel. Dahinter ritt in guter Haltung der König selbst, ein hochgewachsener Mann mit rötlich glänzendem Haar. Nicht zum erstenmal fiel Eadulf die Ähnlichkeit der Gesichtszüge zwischen Colgú und seiner Schwester Fidelma auf.

Als nächster kam ein weiterer Bannerträger. Die über ihm flatternde weiße Seide zeigte in der Mitte einen roten Eber. Eadulf nahm an, dies sei das Wappen der Fürsten der Uí Fidgente. Hinter diesem Bannerträger ritt ein junger Mann mit vollem Gesicht und dunklem Haar, der jedoch auf seine Art ebenso gut aussah wie der rothaarige König von Muman. Trotz der behaupteten gemeinsamen Abstammung konnte Eadulf keine Spur von Verwandtschaft zwischen dem Fürsten der Uí Fidgente und dem König von Muman entdecken.

Den führenden Reitern folgten viele Krieger, von denen einige die Abzeichen des Ordens der Goldenen Kette trugen, der ausgewählten Leibwache der Eóghanacht-Könige. An ihrer Spitze ritt ein junger Mann, der nur wenig jünger schien als Colgú und ihm leicht ähnelte. Allerdings waren seine Züge etwas grober geschnitten, und sein Haar war so schwarz wie das des Fürsten der Uí Fidgente. Er saß lässig, aber stolz im Sattel. Auch seine Kleidung verriet Eitelkeit: Er trug einen langen Mantel aus blaugefärbter Wolle, der auf der Schulter von einer glitzernden Spange gehalten wurde. Sie war aus Silber und zeigte die Sonnenscheibe, von der fünf Strahlen ausgingen, deren Enden jeweils ein kleiner roter Granat zierte.

Das war Donndubháin, wie Eadulf wußte, der Tanist oder erwählte Nachfolger des Königs von Cashel, ein Vetter Colgús und Fidelmas.

Die Freude der Menschen beim Anblick des Reiterzuges war unverkennbar, sie jubelten und klatschten Beifall. Für die meisten bedeutete der gemeinsame Einritt des Königs von Cashel und des Fürsten der Uí Fidgente das Ende von jahrhundertelangen Fehden und Bluttaten und den Beginn eines neuen Zeitalters des Friedens und des Wohlstands für alle Völker in Muman.

Colgú wirkte entspannt und dankte winkend dem Jubel, während Donennach steif und anscheinend nervös im Sattel saß. Seine dunklen Augen spähten von einer Seite zur anderen, als halte er Ausschau nach Anzeichen von Feindseligkeit. Nur gelegentlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht, und er neigte kurz und knapp den Kopf zum Dank für den Applaus der begeisterten Menge.

Die Reiterschar überquerte den Marktplatz und näherte sich dem Pfad, der zu dem hohen Felsen mit dem Sitz der Könige von Cashel hinaufführte. Selbst Donennach von den Uí Fidgente schaute mit Bewunderung empor zu der Burg und dem Palast von Cashel.

Donndubháin hob den Arm, als wolle er dem Kriegertrupp signalisieren, auf den Weg zur Burg einzuschwenken.

Fidelma hatte sich durch die Menge nach vorn geschoben, von dem besorgten Eadulf gefolgt, weil sie ihren Bruder begrüßen wollte.

Als Colgú sie erblickte, verzog sich sein Gesicht zu einem jungenhaften Grinsen, wie es auch Fidelma in Augenblicken höchsten Vergnügens aufsetzen konnte.

Colgú zügelte sein Pferd und beugte sich tief vor, um seine Schwester zu begrüßen.

Diese Bewegung rettete ihm das Leben.

Mit einem eigenartigen dumpfen Laut bohrte sich der Pfeil in seinen Oberarm. Er schrie auf vor Schmerz und Schock. Hätte er nicht angehalten und sich niedergebeugt, hätte der Pfeil ein tödliches Ziel gefunden.

Vor Schreck waren alle wie erstarrt. Es schien ihnen eine lange Zeit, doch vergingen nur wenige Sekunden, bis ein zweiter Schmerzensschrei ertönte. Donennach, der Fürst der Uí Fidgente, schwankte im Sattel, ein Pfeil steckte in seinem Oberschenkel. Entsetzt sah Eadulf, wie er wankte und dann aus dem Sattel in den Straßenstaub stürzte.

Der Aufprall brachte alles in Bewegung und Aufruhr.

Ein Krieger der Uí Fidgente zog sein Schwert, brüllte »Mörder!« und sprengte auf eine Gebäudegruppe auf der anderen Seite des Marktplatzes zu. Einige seiner Männer folgten ihm, während andere zu ihrem gestürzten Fürsten eilten und sich mit gezogenen Schwertern um ihn scharten, als erwarteten sie einen Angriff auf ihn.

Eadulf sah, daß Donndubháin, Colgús designierter Nachfolger, ebenfalls mit gezogenem Schwert den Kriegern der Uí Fidgente nachsetzte.

Fidelma war eine der ersten, die wieder zur Besinnung kam. Ihre Gedanken wirbelten. Zwei Pfeile waren auf ihren Bruder und seinen Gast abgeschossen worden, und beide hatten wie durch ein Wunder nicht tödlich getroffen. Anscheinend hatte der Krieger der Uí Fidgente die Flugbahn beobachtet und die Gebäude erkannt, in denen sich der Schütze verbarg, der den König von Cashel und den Fürsten der Uí Fidgente niederstrecken wollte. Nun, im Augenblick brauchte sie nicht darüber nachzudenken, weshalb auch Donndubháin auf die Jagd nach den Attentätern gegangen war.

»Kümmere dich um Donennach«, rief sie Eadulf zu, der sich bereits den Weg durch die widerstrebende Leibwache des Fürsten bahnte. Sie wandte sich ihrem Bruder zu, der noch im Sattel saß, leicht verstört, und den Pfeil umfaßt hielt, der in seinem Arm stak.

»Steig ab, Bruder«, drängte sie ihn leise, »sonst bleibst du weiter eine Zielscheibe.«

Sie half ihm vom Pferd, wobei er sich mühte, nicht vor Schmerzen zu stöhnen.

»Ist Donennach schwer verletzt?« fragte er mit zusammengebissenen Zähnen. Er umklammerte immer noch seinen blutenden und schmerzenden Arm.

»Eadulf sieht nach ihm. Setz dich hier auf den Stein, und ich ziehe den Pfeil heraus.«

Beinahe widerwillig ließ sich ihr Bruder nieder. Zwei seiner Gefolgsleute, darunter auch Capa, der Befehlshaber seiner Leibwache, waren inzwischen herbeigeeilt, doch ihre gezückten Schwerter waren nicht nötig. Die Menschen um den König herum hatten nur Fragen und Ratschläge zur Hand. Fidelma winkte sie ungeduldig zurück.

»Ist ein Arzt unter euch?« erkundigte sie sich, nachdem sie die Wunde untersucht und festgestellt hatte, daß die Pfeilspitze tief eingedrungen war. Sie wollte den Pfeil nicht herausreißen, um nicht Muskeln zu durchtrennen und den Schaden noch größer zu machen.

Die Antwort bestand aus Murmeln und Kopfschütteln.

Vorsichtig betastete sie den Pfeil. Es würde zu lange dauern, den alten Conchobar herbeiholen zu lassen.

»Warte, Fidelma«, rief Eadulf und schob sich durch die Menge.

Fidelma seufzte beinahe vor Erleichterung, denn sie wußte, daß Eadulf eine Ausbildung an der großen medizinischen Hochschule in Tuaim Brecain erhalten hatte.

»Wie geht es Donennach?« fragte ihn Colgú, dessen Gesicht von der Anstrengung, sich zu beherrschen, grau geworden war.

»Konzentriere dich jetzt nur auf dich, Bruder«, ermahnte ihn Fidelma.

Colgús Miene war düster.

»Ein guter Gastgeber sollte sich zuerst um seinen Gast kümmern.«

»Es ist eine schlimme Wunde«, gab Eadulf zu und beugte sich nieder, um die Stelle zu untersuchen, an der die Pfeilspitze in Colgús Arm steckte. »Donennachs Wunde meine ich, allerdings ist deine eigene auch nicht bloß ein Kratzer. Ich lasse eine Trage bauen, damit wir Fürst Donennach in den Palast hinaufschaffen können, wo er besser versorgt werden kann als hier auf der staubigen Straße. Ich fürchte, der Pfeil ist in einem ungünstigen Winkel in Donennachs Schenkel eingedrungen. Aber er hatte noch Glück – wie du auch.«

»Kannst du den Pfeil aus meinem Arm herausziehen?« drängte ihn Colgú.

Eadulf hatte ihn genau untersucht und lächelte düster. »Das kann ich, aber es würde sehr weh tun. Ich würde lieber damit warten, bis wir dich in den Palast geschafft haben.«

Der König von Muman schnaubte verächtlich.

»Mach es hier und jetzt, damit meine Leute sehen, daß die Wunde nicht tief ist und ein König aus den Eóghanacht Schmerzen ertragen kann.«

Eadulf wandte sich an die Menge. »In welchem der Häuser hier brennt ein Herdfeuer?«

»In der Schmiede dort drüben, Bruder Angelsachse«, antwortete eine alte Frau und wies hinüber.

»Nur noch einen Augenblick, Colgú«, sagte Eadulf und ging hinüber zur Schmiede. Der Schmied befand sich in der Menge und begleitete Eadulf interessiert. Eadulf zog sein Messer. Der Schmied sah überrascht zu, wie der angelsächsische Mönch das Messer eine Weile über den glühenden Kohlen hin und her drehte, bevor er zu Colgú zurückkehrte.

Colgú hatte die Zähne zusammengebissen, und Schweißperlen standen auf seiner Stirn. »Mach es so schnell wie möglich, Eadulf.«

Der angelsächsische Mönch nickte kurz.

»Halte seinen Arm fest, Fidelma«, sagte er leise. Dann beugte er sich vor, packte den Pfeil am Schaft, lockerte ihn mit der Messerspitze und zog ihn rasch heraus. Colgú stöhnte auf, seine Schultern sanken ein, als wolle er fallen, doch er hielt sich aufrecht. Er biß die Zähne so fest zusammen, daß sie knirschten. Eadulf nahm ein sauberes Leinentuch, das ihm jemand reichte, und legte einen festen Verband an.

»Das hält, bis wir in die Burg kommen«, stellte er befriedigt fest. »Ich muß die Wunde noch mit Kräutern behandeln, damit sie sich nicht entzündet.« Leise setzte er, zu Fidelma gewandt, hinzu: »Zum Glück ging die Pfeilspitze glatt durch.«

Fidelma nahm ihm den Pfeil ab und betrachtete ihn eingehend. Dann schob sie ihn in den Gürtel und trat zu ihrem Bruder, um ihm zu helfen.

Der junge rotgesichtige Thronfolger drängte sich durch die Menge. Er war jetzt zu Fuß. Besorgt betrachtete er Colgú, der auf Fidelma gestützt dastand.

»Ist deine Wunde schlimm?«

»Schlimm genug«, antwortete Eadulf an Stelle des Königs, »aber er wird’s überleben.«

Donndubháin atmete tief aus.

»Die Attentäter sind von Fürst Donennachs Leuten gestellt worden.«

»Dann können wir uns mit ihnen befassen, sobald wir meinen Bruder und den Fürsten der Uí Fidgente in den Palast geschafft haben«, erwiderte Fidelma. »Komm, hilf mir dabei.«

Eadulf begab sich zu der Tragbahre, die man inzwischen für den verwundeten Fürsten der Uí Fidgente gebaut hatte, der darauf lag und sich vor Schmerzen wand. Eadulf hatte ihm den Oberschenkel verbunden. Er prüfte die Tragbahre noch einmal und gab den Kriegern der Uí Fidgente ein Zeichen, sie vorsichtig aufzunehmen und der Gruppe zu folgen, die Colgú half, den Weg hinauf zum Palast zu bewältigen.

Kaum hatten sie sich in Bewegung gesetzt, als Hufschlag und Rufe ertönten.

Die Berittenen aus Donennachs Leibwache kamen über den Platz zurück. Sie zogen auf dem Boden zwei Männer hinter sich her, die mit einem Seil um die Handgelenke am Sattelknopf des ersten Reiters festgebunden waren.

Fidelma sah es und wandte sich zornig von ihrem Bruder ab, um solche Grausamkeit zu unterbinden. Niemand, auch kein Attentäter, sollte so behandelt werden. Doch der Protest erstarb ihr in der Kehle, als die Reiter anhielten. Schon ein flüchtiger Blick auf die blutbefleckten Körper zeigte ihr, daß die beiden Männer bereits tot waren.

Der vorderste Reiter, ein Mann mit einem ausdruckslosen runden Gesicht und schmalen Augen, schwang sich vom Pferd ...

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