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Tod im Tal der Heiden

Peter Tremayne

Tod im Tal der Heiden

Historischer Kriminalroman

 

Aus dem Englischen von Friedrich Baadke

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

HISTORISCHE ANMERKUNG

HAUPTPERSONEN

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

Fidelmas Welt

 

Für Pater Joe McVeigh von Fermanagh zum Gedenken an unsere öffentliche Debatte über die Werte der keltischen Kirche und das System der Gesetze der Brehons bei der irischen Buchmesse im März 1994. Ich danke ihm dafür, daß er ein Anhänger Schwester Fidelmas ist!

 

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich

 

Psalm 23

 

HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen hauptsächlich in Irland um die Mitte des siebenten Jahrhunderts.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die früher der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dálaigh, eine Anwältin bei Gericht, im alten Irland. Da dieser Hintergrund nicht allen Lesern vertraut sein mag, soll diese historische Anmerkung einige wesentliche Punkte erläutern und damit zu einem besseren Verständnis der Geschichten beitragen.

Im siebenten Jahrhundert bestand Irland aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige irische Wort für Provinz lautet cúige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige – von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) – erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Rí oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche gab es eine Aufteilung der Macht unter Kleinkönigreichen und Stammesgebieten.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war in Irland unbekannt. Das Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen versammelt sein mußten. Wenn ein Herrscher nicht dem Wohl seines Volkes diente, wurde er angeklagt und abgesetzt. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irlands mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien, die sich im Mittelalter in Europa entwickelt hatten.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, das das Gesetz der Fénechus, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Nach der Überlieferung wurden diese Gesetze zum erstenmal im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ollamh Fódhla zusammengefaßt. Später, im Jahre 438 n. Chr., berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Dieser Kommission gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland schließlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterdrücken. Selbst der Besitz eines Gesetzbuches wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Deportation.

Das Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Féis Teamhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze entsprechend der sich verändernden Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse.

Diese Gesetze wiesen der Frau eine einzigartige Stellung zu. Die irischen Gesetze gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Gesetzeswerk jener Zeit oder bis in die jüngste Vergangenheit. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten politische Führer werden, Krieger in Schlachten befehligen, Ärzte, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Anwälte und Richter werden. Wir kennen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Bríg Briugaid, Áine Ingine Iugaire, Darí und viele andere. Darí zum Beispiel war nicht nur Richterin, sondern verfaßte auch einen berühmten Gesetzestext, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde.

Die Gesetze schützten die Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleichem Rechtsfuß gesetzlich von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld. Aus heutiger Sicht schufen die Gesetze der Brehons fast ideale Bedingungen für die Frauen.

Diesen Hintergrund und seinen starken Gegensatz zu den Nachbarländern Irlands sollte man sich vor Augen halten, um Fidelmas Rolle in den einzelnen Romanen zu verstehen.

Fidelma wurde im Jahre 636 in Cashel geboren, der Hauptstadt des Königreichs Muman (Munster) im Südwesten Irlands. Sie war die jüngste Tochter des Königs Faílbe Fland, der ein Jahr nach ihrer Geburt starb. Sie wuchs unter der Aufsicht eines entfernten Vetters auf, des Abts Laisran von Durrow. Als sie mit vierzehn Jahren das »Alter der Wahl« erreichte, ging sie wie viele irische Mädchen zum Studium an die weltliche Hochschule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren Studium erlangte Fidelma den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen oder kirchlichen Hochschulen des alten Irlands zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist heute noch das irische Wort für Professor. Fidelma hatte die Rechte studiert, sowohl das Strafrecht Senchus Mór als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill. Damit wurde sie dálaigh, Anwältin bei Gericht.

Ihre Rolle ähnelte der eines modernen Untersuchungsrichters, der unabhängig von der Polizei die Beweislage prüft und feststellt, ob eine Anklage zu erheben ist.

Zu jener Zeit gehörten die meisten Vertreter der geistigen Berufe den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der geistigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft in Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gezählt wird, gilt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne vieler angelsächsischer Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow sind zu dieser Zeit Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen verzeichnet. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien im Süden. Irland war der Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die keltische Kirche lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Riten mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfests und Teile ihrer Liturgie geändert. Die keltische Kirche und die orthodoxe Kirche des Ostens weigerten sich, Rom hierin zu folgen. Die keltische Kirche wurde schließlich zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert von der römischen Kirche aufgesogen, während die orthodoxe Ostkirche bis heute von Rom unabhängig geblieben ist. Zu Fidelmas Zeit wurde die keltische Kirche Irlands von dieser Auseinandersetzung stark beansprucht.

Eins hatten die keltische und die römische Kirche im siebenten Jahrhundert gemeinsam: Das Zölibat war nicht allgemein üblich. Es gab zwar in den Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, doch erst auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 wurden Heiraten von Geistlichen verurteilt, aber nicht verboten. Das Zölibat in der römischen Kirche leitete sich hauptsächlich von den Bräuchen der heidnischen Priesterinnen der Vesta und der Priester der Diana her.

Im fünften Jahrhundert hatte Rom den Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht. Erst der Reformpapst Leo IX. (1049 – 1054) unternahm ernsthaft den Versuch, den Klerikern der westlichen Länder das allgemeine Zölibat aufzuzwingen. In der östlichen orthodoxen Kirche besitzen die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht auf Heirat.

Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen Kirche bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospitae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta in Kildare war solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill-Dara = die Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Conláed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste Biographie wurde 650 von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es auch zu seiner Zeit eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priester werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Damit sich der Leser besser im Irland des siebenten Jahrhunderts und mit den Eigennamen zurechtfindet, habe ich eine Kartenskizze und eine Liste der Hauptpersonen beigefügt.

Im allgemeinen habe ich es aus naheliegenden Gründen abgelehnt, anachronistische Ortsnamen zu verwenden, habe jedoch einige wenige moderne Bezeichnungen übernommen wie Tara statt Teamhair, Cashel an Stelle von Caiseal Muman und Armagh für Ard Macha. Hingegen bin ich bei dem Namen Muman geblieben und habe nicht die Form »Munster« vorweggenommen, bei der im neunten Jahrhundert das nordische »stadr« (Ort) an den irischen Namen Muman angehängt und die dann anglisiert wurde. Ähnlich habe ich das ursprüngliche Laigin beibehalten statt der anglisierten Form Leinster, die aus dem nordischen Laigin-stadr hervorging.

Mit diesem Hintergrundwissen können wir uns nun in Fidelmas Welt begeben. Die Handlung spielt in dem Monat, der bei den Iren damals Boidhmhís hieß, der Monat des Wissens. Später erschien er in den Kalendern als Iúil oder Juli, nach Julius Cäsar benannt, der den römischen Kalender reformierte. Man schreibt das Jahr 666.

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

 

IN CASHEL

 

Colgú von Cashel, König von Muman und Fidelmas Bruder

Ségdae, Bischof von Imleach, Comarb von Ailbe

 

IN GLEANN GEIS

 

Laisre, Fürst von Gleann Geis

Colla, Tanist oder Thronfolger von Laisre

Murgal, Laisres Druide und Brehon

Mel, Murgals Schreiber

Orla, Laisres Schwester und Collas Ehefrau

Esnad, Tochter von Orla und Colla

Artgal, Krieger und Schmied in Gleann Geis

Rudgal, Krieger und Wagenbauer in Gleann Geis Marga, Apothekerin

Cruinn, Verwalterin des Gästehauses in Gleann Geis

Ronan, Krieger und Bauer in Gleann Geis

Bairsech, seine Frau

Nemon, Prostituierte

 

Bruder Solin, ein Kleriker aus Armagh

Bruder Dianach, sein junger Schreiber

 

Ibor von Muirthemne

Mer, ein Bote

 

AN ANDEREN ORTEN

 

Mael Dúin von den nördlichen Uí Néill, König von Ailech Ultan, Bischof von Armagh, Comarb von Patrick

Sechnassach von den südlichen Uí Néill, Großkönig in

Tara

KAPITEL 1

Jäger näherten sich. Menschen auf der Jagd. Das Bellen ihrer Hunde schallte schreckenerregend durch das enge Tal. Ein Brachvogel flog rasch von dem kleinen See in der Mitte des Tals auf, der gefleckte Vogel mit dem weißen Rumpf schwang sich empor und gab seinem Ärger darüber, auf eine leckere Krabbenmahlzeit verzichten zu müssen, mit einem klagenden Ruf aus seinem langen gekrümmten Schnabel Ausdruck: »Kuu-li! Kuu-li!« Er stieg immer höher hinauf in die Lüfte, bis er nur noch ein schwarzer Punkt war, der sich in immer größeren Kreisen bewegte und gegen den wolkenlosen azurblauen Himmel abzeichnete. Sonst war an diesem Himmelszelt nichts weiter zu sehen als der große, leuchtende Sonnenball, der sich langsam in die westliche Hälfte des Himmels hinabsenkte und dessen Strahlen das indigofarbene Wasser des Sees wie glitzernde Edelsteine funkeln ließen.

Es war ein heißer, ermüdender Tag. Doch jetzt geriet die träge Luft in Bewegung, eine allgemeine Unruhe brach aus. Ein Fischotter mit seinem langen Körper und kräftigen Schwanz brachte sich geduckt schleichend rasch in Deckung. Auf einem Bergpfad verhoffte ein Damhirsch mit einem breiten Schaufelgeweih, noch vom Bast bedeckt, das er bald mit Beginn der Brunftzeit abwerfen würde, und schnupperte mit zitternden Nüstern. Hätte ihn nicht das Hundegebell gewarnt, hätte ihn allein schon der Geruch nach Menschen, den einzigen Raubtieren, die er zu fürchten hatte, zur Flucht über den Höhenrücken hinweg, fort von der nahenden Bedrohung, veranlaßt. Nur ein einziges Tier knabberte weiter an Ginster und Heidekraut, anscheinend ungerührt von der Angst, die die anderen Tiere ergriffen hatte. Auf einem Felsvorsprung stand eine kleine zottige, trittsichere Wildziege mit langen Hörnern. Rhythmisch kauend behielt sie ihre gleichgültige, teilnahmslose Haltung bei.

In der Tiefe war das Tal teilweise mit einem Dickicht aus Büschen und Bäumen bedeckt. Es erstreckte sich vom Nordende des Tals herab und reichte bis auf fünfzig Meter ans Seeufer heran, während niedriger Ginster und Heide den übrigen Talboden bedeckten. Das Dickicht bestand weitgehend aus dem dornigen Gestrüpp des Schlehdorns mit seinen gezähnten harten Zweigen, die sich kaum von den Kirsch-Pflaumen unterschieden, die dazwischen wuchsen und sich mit den dicken Stämmen, starken Ästen und ausladenden Kronen der Zwergeichen vermischten. Von dem schmalen, dunklen Pfad durch dieses Dickicht kam ein Geräusch, das anzeigte, daß sich jemand rasch durch die hinderlichen Zweige und fesselnden Ranken zwängte.

Aus dem Dickicht stürmte ein junger Mann. Er blieb stehen und bemühte sich vergeblich, den unregelmäßigen, keuchenden Atem zu beruhigen, der seinen Brustkorb hob und senkte. Entsetzen weitete seine Augen, als er das breite, deckungslose Tal überblickte, dessen Seiten sanft zu den felsübersäten Hügeln anstiegen. Mit einem leisen verzweifelten Stöhnen sah er sich in der kahlen Landschaft nach einem Versteck um. Er wandte sich wieder dem Dickicht zu, doch die Verfolger waren darin zwar noch nicht in Sicht, aber deutlich zu hören. Das Bellen der Hunde ging in aufgeregtes Jaulen über, als sie spürten, wie nahe sie ihrer Beute waren.

In düsterer Hilflosigkeit lief der junge Mann stolpernd weiter. Er trug ein langes Gewand aus grobem braunem Wollstoff, eine Mönchskutte. Es war zerfetzt, und ein paar Dornenranken hingen daran, die sich in dem festen Stoff verfangen hatten, ohne ihn zerreißen zu können. Schmutz und auch Blut aus den von Dornen verletzten Stellen befleckten die Kleidung. Noch zwei Dinge außer der Kutte wiesen den jungen Mann als Mönch aus. Erstens trug er das Haar von der Stirn bis zu einer Linie von Ohr zu Ohr geschoren und hinten lang, nach der Tonsur des heiligen Johannes, wie sie die Mönche in Irland bevorzugten. Zweitens hing ihm eine Silberkette mit einem silbernen Kruzifix um den Hals.

Er mochte Anfang zwanzig sein und wäre hübsch gewesen, wenn nicht die Angst seine Züge verzerrt und sein Gesicht nicht die Kratzwunden des Dickichts getragen hätte. Seine roten Wangen bluteten. Vor allem aber war es die Panik in seinen großen dunklen Augen, die sein Gesicht entstellte. Er hatte sich völlig der Furcht überlassen, die ebenso aus seinem Körper quoll wie der Schweiß.

Mit einem erstickten Schrei drehte er sich um und lief mit hochgerafftem Gewand auf den See zu. Seine Sandalen hatte er längst verloren. Seine bloßen, aufgerissenen Füße starrten von Schmutz und Blut. Auf die Schmerzen achtete er nicht, der Schmerz erreichte sein Denken nicht mehr. Um den linken Knöchel trug er einen eisernen Ring, wie er bei Geiseln oder Sklaven üblich war, denn an der Seite hatte er eine Öse, durch die eine Kette oder ein Strick geführt werden konnte.

Schon nach wenigen Schritten merkte der junge Mann, daß der See ihm keinen Schutz bot. Dort wuchsen nur ein paar Büsche, nichts weiter. Er hatte so lange den Tieren als Tränke gedient, daß nicht einmal langes Gras oder Ginster übriggeblieben waren. Alles war zu kurzen Stoppeln abgeweidet worden. Nirgends gab es ein Versteck.

Mit einem seltsamen, verzweifelten Klagelaut blieb der junge Mann stehen und hob hilflos die Arme. Dann lief er auf den Berghang zu, auf dem die Wildziege immer noch ungerührt dastand. Beim Emporklettern trat er sich auf den zerrissenen Saum seiner Kutte und stürzte schwer zu Boden. Benommen blieb er liegen.

In diesem Augenblick kamen die ersten Verfolger aus dem Wald hervor.

Drei Männer liefen voran, jeder mit einer großen Bulldogge an der Leine, die ihn mit triefenden Lefzen vorwärtszog und eifrig jaulte beim Anblick des gehetzten Wildes. Die drei Jäger verteilten sich etwas, aber der junge Mann war zu erschöpft zu weiterer Flucht. Er stützte sich auf einen Arm und sah halb liegend, halb sitzend und außer Atem den Männern entgegen. Furchtsame Resignation spiegelte sich in seinen Zügen.

»Laßt die Hunde nicht los«, rief er mit schwacher, angstvoller Stimme. »Ich laufe nicht mehr weg.«

Keiner der drei Männer gab eine Antwort, doch blieben sie vor ihm stehen, die Leinen mit festem Griff so haltend, daß die mächtigen Hunde ihn beinahe berührten. Sie drängten nach vorn in ihrem Jagdeifer, ihre rauhen Zungen und der Geifer aus ihren Lefzen erreichten ihn fast. Er spürte ihren heißen Atem und krümmte sich zusammen.

»Um Gottes willen, haltet sie zurück!« schrie er, als sie seinem Ausweichen mit schnappenden Kiefern folgten.

»Keine Bewegung!« fuhr ihn einer der Jäger an. Mit einem raschen Zug an der Leine brachte er sein Tier unter Kontrolle. Auch die anderen beruhigten ihre Hunde.

Nun kam eine vierte Gestalt zu Pferde aus dem Dickicht. Bei ihrem Anblick flackerten die Augen des jungen Mannes nervös. Sein Mund verzog sich, als fürchte er sie noch mehr als die Bulldoggen vor ihm. Es war eine schlanke Person, sie saß lässig im Sattel, hielt die Zügel locker und ließ das Pferd trotten, als sei sie auf einem gemütlichen Morgenritt. Einen Moment hielt sie an und betrachtete die Szene.

Es war eine junge Reiterin. Ein glänzender Bronzehelm umschloß ihr Gesicht so eng, daß kein Haar darunter hervorlugte. Ein schmaler Silberreif auf dem Helm umfaßte in der Mitte einen leuchtenden Halbedelstein. Sonst trug sie keinen Schmuck. Kein Mantel zierte ihre Schultern, und ihr einfaches safrangelbes Leinenkleid wurde von einem schweren ledernen Männergürtel mit Tasche gehalten, an dem rechts ein kunstvoller Dolch in einer Lederscheide hing, während an ihrer linken Seite aus einer längeren Scheide der fein gearbeitete Griff eines Schwertes herausragte.

Ihr Gesicht war leicht gerundet, fast herzförmig und nicht unansehnlich. Ihr Teint war blaß, doch die Wangen leicht gerötet. Ihre Lippen waren wohlgeformt, doch etwas farblos, die Augen kalt und glitzernd wie Eis. Auf den ersten Blick hätte man sie für eine junge und auf unschuldige Art hübsche Frau gehalten, aber beim näheren Hinsehen bemerkte man die Härte des Mundes und ein seltsam bedrohliches Funkeln in den unergründlichen Augen. Ihre Mundwinkel verzogen sich leicht, als sie sah, wie die Jäger und ihre Hunde wachsam vor dem liegenden jungen Mann standen.

Der Anführer der Jäger blickte über die Schulter zurück, als sie im Schritt auf sie zu ritt, und lächelte zufrieden.

»Wir haben ihn, Lady«, stellte er mit Genugtuung fest.

»Das sehe ich«, erwiderte sie mit soviel Fröhlichkeit in der Stimme, daß ihre Worte um so gefährlicher klangen.

Der junge Mann war wieder etwas zu Atem gekommen. Seine rechte Hand drehte unsicher an dem silbernen Kruzifix, das er am Halse trug.

»Um Himmels willen habt Mitleid …«, setzte er an, doch die Frau brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Mitleid? Wieso erwartest du Mitleid, Priester?« fragte sie in drohendem Ton. »Ich habe selbst genug Leid zu tragen und jammere nicht nach dem Mitleid eines anderen.«

»Ich bin doch nicht für dein Leid verantwortlich«, verteidigte sich der junge Mann.

Die Frau stieß ein kurzes, abgehacktes Lachen aus, bei dessen unerwartet mißtönendem Klang selbst die Hunde ihre Köpfe wandten.

»Bist du nicht ein Priester des christlichen Glaubens?« höhnte sie.

»Ich bin ein Diener des wahren Glaubens«, erwiderte der junge Mann trotzig.

»Dann gibt es für dich keine Gnade in meinem Herzen«, erklärte die Frau harsch. »Auf die Füße, Priester von Christus. Oder willst du deine Reise in die Andere Welt im Liegen antreten? Mir soll es gleich sein.«

»Hab Erbarmen, Lady. Laß mich in Frieden aus diesem Lande ziehen, und ich schwöre dir, du siehst mein Gesicht nie wieder!«

Der junge Mann rappelte sich hoch und hätte sich an ihrem Steigbügel bittend vor ihr niedergeworfen, wenn ihn die Hunde nicht wütend zurückgescheucht hätten.

»Bei der Sonne und dem Mond« – die Frau lächelte spöttisch –, »du bringst mich fast dazu, kein Wasser auf eine ertrinkende Maus zu gießen! Genug jetzt! Nichts ermutigt so sehr zu Missetaten wie Erbarmen. Bindet ihn!«

Dieser Befehl galt den Jägern. Einer von ihnen reichte seine Hundeleine einem anderen, zog ein großes, dolchartiges Messer, ging zum nächsten Schlehdorngebüsch und schnitt einen kräftigen Ast von anderthalb Meter Länge ab. Er kam zurück, nahm einen Strick, den er um die Schulter geschlungen trug, und winkte den jungen Mann zu sich heran. Der gehorchte zögernd. Der Ast wurde ihm hinter dem Rücken zwischen den Ellbogen hindurchgeschoben, und dann wurden die Arme so daran festgebunden, daß das Holz wie ein schmerzender Halfter wirkte.

Die Frau schaute anerkennend zu. Nun beendete man die Fesselung und band dem jungen Mann einen anderen Strick um den Hals, dessen freies Ende ein Jäger hielt. Die Frau nickte zufrieden. Sie blickte zum Himmel und dann auf die Gruppe vor ihr. Die Hunde hatten sich beruhigt, nachdem die Aufregung der Hetzjagd vorbei war.

»Los, wir haben noch einen weiten Weg vor uns«, sagte sie, wendete ihr Pferd und ritt im Schritt den Pfad durchs Dickicht entlang.

Der Jäger, der den Gefangenen führte, folgte ihr, während die beiden anderen mit den Hunden den Schluß bildeten.

Vorwärtsstolpernd schrie der junge Mann noch einmal auf.

»Um der Liebe Gottes willen, habt ihr denn kein Erbarmen?«

Der Jäger zog rasch den Strick fester um den Hals des unglücklichen jungen Mannes. Er drehte sich mit einem Lachen aus einem Mund voller schwarzer Zähne zu ihm um.

»Du lebst länger, Christ, wenn du deinen Atem sparst.« Vor ihnen ritt die Frauengestalt ungerührt weiter. Mit starrer Miene schaute sie nach vorn. Die ihr folgten, schienen für sie nicht zu existieren.

Oben auf dem Hügel stand die Wildziege und beobachtete ihr Verschwinden im Dickicht mit demselben Gleichmut, mit dem sie die Vorgänge betrachtet hatte.

Später schraubte sich auch der Brachvogel in Kreisen wieder herunter zum See und setzte seine unterbrochene Mahlzeit fort.

KAPITEL 2

Der Mönch saß auf einem kleinen Felsen im rauschenden Bergbach und hielt mit glückseliger Miene auf dem emporgewandten Gesicht die Füße in das frische, kalte Wasser. Er hatte seine Kutte aus braunem Wollstoff bis zu den Knien hochgestreift und die Ärmel aufgekrempelt und genoß die heiße Sommersonne, während das Wasser um seine Füße gurgelte und schäumte. Er war jung, untersetzt und trug die corona spina, die kreisrunde Tonsur des heiligen Petrus von Rom, die in sein sonst volles, lockiges braunes Haar geschnitten war.

Plötzlich öffnete er die Augen und schaute vorwurfsvoll eine andere Gestalt an, die am Ufer des Baches stand.

»Ich glaube, dir gefällt das nicht, Fidelma«, beklagte er sich bei der hochgewachsenen rothaarigen Nonne, die ihn beobachtete. Die hübsche junge Frau betrachtete ihn mit Augen unbestimmbarer Farbe, die blau oder grün sein mochten, das war schwer zu sagen. Ihre herabgezogenen Mundwinkel ließen ihr Mißfallen erkennen.

»Wir sind dem Ziel unserer Reise so nahe, daß ich meine, wir sollten lieber weiterreiten, anstatt unsere Körper zu verwöhnen, als hätten wir alle Zeit der Welt.«

Der junge Mann lächelte verschmitzt.

»Voluptates commendat rarior usus«, zitierte er zu seiner Rechtfertigung.

Schwester Fidelma schnaufte verärgert.

»Vielleicht ist das Verwöhntwerden selten und deshalb besonders schön«, gab sie zu, »trotzdem, Eadulf, sollten wir unsere Reise nicht länger verzögern als unbedingt nötig.«

Widerwillig seufzend erhob sich Bruder Eadulf von seinem Sitz und watete zum Ufer. Seine Miene strahlte jedoch Befriedigung aus.

»O si sic omnia«, stellte er fest.

»Wenn alles so wäre«, entgegnete Fidelma spitz, »dann gäbe es keinen Fortschritt im Leben, denn dann wäre es alles eine einzige Hingabe an das körperliche Vergnügen. Gott sei Dank, daß er den Winter ebenso schuf wie den Sommer, damit sich unsere Empfindlichkeiten ausgleichen.«

Eadulf trocknete sich die Füße flüchtig mit dem Saum seiner Kutte ab und schlüpfte in seine Ledersandalen.

Sie hatten an dieser Stelle gerastet, um ihr Mittagsmahl einzunehmen und ihre Pferde am grünen Ufer des Baches grasen zu lassen. Fidelma hatte die Essensreste weggeräumt und die Satteltaschen neu gepackt. Die pralle Mittagssonne hatte Eadulf veranlaßt, seine Füße in dem kalten Bergbach zu kühlen. Er wußte auch, daß es nicht dieses kleine Vergnügen war, was Fidelma beunruhigte. Er hatte während der letzten vierundzwanzig Stunden ihre wachsende Besorgnis bemerkt, obwohl sie sich nach Kräften bemüht hatte, ihre Befürchtungen vor ihm zu verbergen.

»Sind wir unserem Ziel wirklich schon so nahe?« fragte er.

Zur Antwort zeigte Fidelma auf die hohen Spitzen der Berge, in deren Ausläufer sie am Morgen eingeritten waren.

»Das sind die Cruacha Dubha, die Schwarzen Berge. Sie bilden die Grenze des Landes des Clans Duibhne. Am späten Nachmittag sollten wir das Gebiet erreichen, über das Laisre herrscht. Es ist ein fast verborgenes Tal unterhalb des hohen Gipfels dort, der als der höchste Berg unseres Landes gilt.«

Bruder Eadulf starrte empor zu dem kahlen Horn, das die anderen überragte.

»Tut es dir schon leid, daß du das Angebot deines Bruders, uns Krieger mitzugeben, abgelehnt hast?« fragte er schüchtern.

In Fidelmas Augen blitzte es einen Moment auf, doch dann wurde ihr klar, daß Eadulf es gut meinte, und sie schüttelte den Kopf.

»Was hat die ganze Reise für einen Sinn, wenn Krieger uns beschützen müssen? Wenn wir unsere Lehren und unseren Glauben mit blankem Schwert verbreiten, dann müßten ja diese Lehren und unser Glaube es wohl nicht wert sein, daß man darüber spricht.«

»Manchmal sind die Menschen wie die Kinder und sitzen erst still und hören zu, wenn man sie dazu zwingt«, meinte der Angelsachse gelassen. »Man braucht einen Stock für Kinder und ein Schwert für Erwachsene. Das hilft ihnen, sich zu konzentrieren.«

»Da ist schon was dran«, gestand Fidelma. Dann fügte sie hinzu: »Ich kenne dich zu lange, Eadulf, als daß ich dir die Wahrheit verschweigen wollte. Ich hege tatsächlich Befürchtungen. Laisre regiert selbstherrlich. Nach Ehre und Pflicht ist er meinem Bruder in Cashel verantwortlich, aber Cashel ist für ihn sehr weit weg.«

»Es ist kaum zu glauben, daß es noch eine Gegend in diesem Land gibt, in der das Christentum unbekannt ist.«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Nicht eigentlich unbekannt; es ist bekannt, wird aber abgelehnt. Der Glaube erreichte diese Küsten erst vor knapp zweihundert Jahren, Eadulf. Es gibt immer noch viele abgelegene Gegenden, in denen der alte Glaube nur langsam abstirbt. Wir sind ein konservatives Volk und hängen an unseren alten Bräuchen und Vorstellungen. Du hast selbst an unseren kirchlichen Hochschulen studiert. Du weißt, wie viele noch an der alten Weise festhalten und an den alten Göttern und Göttinnen …«

Eadulf nickte nachdenklich. Erst vor einem Monat war er mit Fidelma nach Cashel zurückgekehrt, nachdem sie kurze Zeit im Tal von Araglin verbracht hatten. Dort hatten sie Gadra kennengelernt, einen Einsiedler, der fest bei der alten Religion geblieben war. Doch auch in vielen anderen Ländern war der Glaube noch jung. Eadulf selbst war erst im frühen Mannesalter bekehrt worden. Einst war er der erbliche gerefa oder Friedensrichter des Thans von Seaxmund’s Ham im Lande des Südvolks gewesen, bevor er sich einem Iren namens Fursa anschloß, der den heidnischen Sachsen das Wort Christi und die neue Religion brachte. Bald darauf hatte Eadulf den finsteren Göttern seiner Väter abgeschworen und war ein so guter Schüler geworden, daß Fursa ihn nach Irland an die großen kirchlichen Hochschulen von Durrow und Tuam Brecain entsandte.

Eadulf hatte schließlich den Weg nach Rom eingeschlagen und nicht den nach Iona. Bei der Teilnahme an der Debatte zwischen den Vertretern der römischen Liturgie und denen der Regeln Columbans, die in Whitby abgehalten wurde, hatte es sich zum erstenmal ergeben, daß Eadulf mit Fidelma zusammenarbeitete, die nicht nur Nonne war, sondern auch Anwältin bei den irischen Gerichten. Sie hatten mehrere Abenteuer gemeinsam bestanden. Jetzt war er wieder zurück in Irland als Sondergesandter des neuen Erzbischofs von Canterbury, Theodor von Tarsus, bei Fidelmas Bruder, König Colgú von Muman.

Eadulf wußte wohl, wie sehr die Menschen lieber an den alten Bräuchen und Vorstellungen hingen, statt sich dem Unerprobten und Unbekannten zu öffnen.

»Hat dieser Fürst Laisre, zu dem wir wollen, solche Angst vor dem neuen Glauben?« erkundigte er sich.

Fidelma zuckte die Achseln.

»Vielleicht ist es nicht Laisre, den wir fürchten müssen, sondern seine Ratgeber«, vermutete sie. »Laisre herrscht über sein Volk und respektiert Rang und Status. Er ist bereit, sich mit mir zu treffen und die Einrichtung einer ständigen Vertretung des Glaubens in seinem Gebiet zu besprechen. Das deutet auf eine offene Gesinnung hin.«

Sie hielt inne und dachte über die Ereignisse der vorigen Woche nach, über den Tag, an dem ihr Bruder Colgú von Cashel, der König von Muman, sie zu einem Gespräch in sein Privatzimmer gebeten hatte …

 

Es gab keinen Zweifel daran, daß Colgú von Cashel und Fidelma verwandt waren. Sie besaßen beide die gleiche hohe Gestalt, das gleiche rote Haar, die wandelbaren grünen Augen, die gleiche Gesichtsform und die gleichen unverwechselbaren Bewegungen.

Der junge König lächelte seine Schwester an, als sie das Zimmer betrat.

»Stimmt es, was ich höre, Fidelma?«

Fidelma schaute ihn ernst an, ihre Mundwinkel zogen sich herab.

»Ehe ich nicht weiß, was du gehört hast, Bruder, kann ich es weder bestätigen noch dementieren.«

»Bischof Ségdae hat mir berichtet, du habest deine Zugehörigkeit zum Haus der heiligen Brigitta aufgegeben.«

Fidelma verzog keine Miene. Sie ging ans Feuer und setzte sich. Sie besaß das Recht, sich in Gegenwart eines Provinzkönigs, auch wenn er nicht ihr Bruder war, ohne vorherige Erlaubnis niederzulassen. Dies Recht verlieh ihr nicht nur ihre Herkunft als Prinzessin der Eóghanacht, obwohl sie es noch verstärkte, sondern ihre Stellung als Anwältin bei Gericht im Range eines anruth, und deshalb durfte sie sich sogar in Gegenwart des Großkönigs setzen, wenn er sie dazu einlud.

»Das hast du richtig gehört aus dem Munde deines ›Grenzlandfalken‹«, antwortete sie ruhig.

Colgú lachte. Bischof Ségdaes Name bedeutete »falkenartig«, und er stand der Abtei von Imleach vor, des »Grenzlandes«. Imleach war das große kirchliche Zentrum von Muman und wetteiferte mit Armagh um die Stellung als das wichtigste christliche Zentrum Irlands. Von Kindheit an hatte Fidelma Worte und Bedeutungen geliebt und oft mit ihnen gespielt.

»Dann hat Bischof Ségdae also recht?« fragte Colgú etwas überrascht, als er ihre Worte begriff. »Ich dachte, du hättest dich darauf festgelegt, dem Haus der heiligen Brigitta zu dienen?«

»Ich habe mich aus dem Haus der heiligen Brigitta in Kildare zurückgezogen, Bruder«, bestätigte Fidelma mit hörbarem Bedauern in der Stimme. »Ich konnte der Äbtissin Ita nicht länger die Treue halten. Es war eine Frage der … der Integrität. Mehr möchte ich nicht sagen.«

Colgú saß ihr gegenüber, mit ausgestreckten Beinen in seinen Sessel zurückgelehnt, und sah seine Schwester nachdenklich an. Wenn sie sich zu etwas entschlossen hatte, war es zwecklos, weiter darüber mit ihr zu reden.

»Hier bist du immer willkommen, Fidelma. Du hast mir und diesem Königreich mehrfach einen Dienst erwiesen, seit du Kildare verlassen hast.«

»Der Gerechtigkeit einen Dienst erwiesen«, verbesserte ihn Fidelma sanft. »Ich habe einen Eid geschworen, daß ich vor allem anderen dem Gesetz dienen will. Damit diene ich zugleich dem rechtmäßigen König und somit auch diesem Königreich.«

Colgú lächelte; es war dasselbe rasche spitzbübische Grinsen, mit dem auch Fidelma oft einen gelungenen Scherz quittierte.

»Dann habe ich ja Glück, daß ich der rechtmäßige König bin«, meinte er trocken.

Fidelma begegnete dem Blick ihres Bruders mit stillem Humor.

»Ich freue mich, daß wir uns darin so einig sind.«

Doch Colgú wurde wieder ernst.

»Möchtest du nun in Muman bleiben, Fidelma? Hier gibt es genug religiöse Häuser, in denen du willkommen wärst. Imleach zum Beispiel oder auch Lios Mhór. Und solltest du hier im Palast von Cashel wohnen wollen, dann wär mir das mehr als recht. Hier bist du geboren, und dies ist dein Zuhause. Ich wüßte täglich deinen Rat zu schätzen.«

»Ich werde dort sein, wo ich dir am besten dienen kann, Bruder. Das wäre mein Wunsch.«

Ihr Bruder sah sie einen Moment forschend an und sagte dann: »Als Bischof Ségdae erwähnte, daß du Kildare verlassen hast, dachte ich zunächst, du hättest vielleicht die Absicht, ins Königreich von Ecgberht von Kent zu reisen.«

Unwillkürlich hob Fidelma vor Überraschung die Brauen. »Kent? Das Königreich der Jüten? Warum dorthin, Bruder? Wie kommst du denn darauf?«

»Weil Canterbury in Kent liegt. Ist das nicht der Ort, zu dem Bruder Eadulf zurückkehren muß?«

»Eadulf?« Fidelma errötete, hob aber trotzig das Kinn. »Was willst du damit andeuten?«

»Ich will gar nichts andeuten«, erwiderte Colgú mit einem wissenden Lächeln. »Ich habe nur bemerkt, daß du viel Zeit in Gesellschaft des Angelsachsen verbringst. Ich sehe, wie ihr beide miteinander umgeht. Bin ich nicht dein Bruder? Ich habe keinen Grund, dafür blind zu sein.«

Fidelmas Gesicht dwure verlegen.

»Das ist dummes Gerede.« Ihr heftiger Ton klang etwas gezwungen.

Colgú sah sie lange nachdenklich an.

»Auch Mönche und Nonnen müssen heiraten«, meinte er ruhig.

»Nicht alle«, widersprach Fidelma nervös.

»Stimmt«, antwortete ihr Bruder, »aber das Zölibat gilt nur für die, die wie Asketen und Einsiedler leben wollen. Du gehörst zu sehr dieser Welt an, als daß du jenen Weg gehen wolltest.«

Fidelma hatte nun ihre Verlegenheit überwunden und ihre Fassung wiedererlangt.

»Nun, ich habe jedenfalls keine Pläne, ins Königreich der Jüten zu reisen oder überhaupt in ein fremdes Land.«

»Dann wird vielleicht Bruder Eadulf seine Stellung in Canterbury aufgeben und sich bei uns niederlassen?«

»Ich bin nicht in der Lage, vorherzusagen, was Eadulf tun wird, Bruder«, antwortete Fidelma so gereizt, daß Colgú sie entwaffnend anlächelte.

»Du bist mir böse, weil ich so dreist frage, Schwester. Aber ich komme nicht aus bloßer Neugier auf dieses Thema. Ich möchte nur wissen, wie es dir geht und ob du vorhast, Muman zu verlassen.«

»Ich habe schon gesagt, daß ich das nicht beabsichtige.«

»Ich würde es dir nicht verübeln. Dein angelsächsischer Freund gefällt mir. Es ist gut mit ihm auszukommen, wenn er auch ein Sohn seines Volkes ist.«

Fidelma gab keine Antwort. Sie schwiegen eine Weile, Colgú streckte sich lässig in seinem Sessel aus; dann wurde seine Miene plötzlich besorgt.

»Ehrlich gesagt, Fidelma«, meinte er schließlich, »ich brauche deine Hilfe.«

Fidelmas Gesicht blieb ernst.

»So etwas habe ich erwartet. Um was handelt es sich?«

»Du hast das Geschick, Probleme zu lösen, Fidelma, und dieses Talent möchte ich mir wieder einmal zunutze machen.«

Fidelma neigte den Kopf.

»Mein Talent steht dir immer zur Verfügung, Colgú. Das weißt du doch.«

»Dann muß ich dir gestehen, daß ich dich mit einer ganz bestimmten Absicht hergebeten habe.«

»Daran hatte ich keinen Zweifel«, erwiderte sie ruhig. »Aber ich wußte, daß du das Thema auf deine Art anschneiden würdest.«

»Kennst du die Berge im Westen, die Cruacha Dubha genannt werden?«

»Ich bin noch nie dort gewesen, aber ich habe sie aus der Ferne gesehen und Geschichten über sie gehört.«

Colgú beugte sich vor.

»Hast du auch Geschichten über Laisre gehört?«

Fidelma runzelte die Stirn.

»Laisre, den Fürsten von Gleann Geis? Über ihn wurde neulich unter den Mönchen und Nonnen hier in Cashel geredet.«

»Was hast du gehört? Du kannst frei sprechen.«

»Daß sein Volk immer noch den alten Göttern und Göttinnen anhängt. Daß Fremde in seinem Land nicht willkommen sind und daß die Brüder und Schwestern des Glaubens auf eigene Gefahr dorthin gehen.«

Colgú seufzte und senkte den Kopf.

»Da ist etwas Wahres dran. Doch die Zeiten ändern sich rasch, und Laisre ist anscheinend ein intelligenter Mann. Er sieht jetzt ein, daß er dem Fortschritt nicht ewig im Wege stehen kann.«

Fidelma war überrascht.

»Heißt das, daß er sich zum Glauben bekehrt hat?«

»Nicht ganz«, gestand Colgú. »Er hält immer noch verbissen an den alten Bräuchen fest. Doch er ist bereit, die Argumente beider Seiten offen abzuwägen. In seinem Volk gibt es aber noch viel Widerstand dagegen. Der erste Schritt wäre also zu verhandeln …«

»Zu verhandeln?«

»Laisre hat uns wissen lassen, daß er bereit ist, mit mir darüber zu verhandeln, daß er Glaubensleuten die Erlaubnis erteilt, auf seinem Gebiet eine Kirche und eine Schule zu errichten, die späterhin die alten heidnischen Kultstätten ersetzen sollen.«

»Der Ausdruck ›verhandeln‹ läßt darauf schließen, daß er etwas dafür haben will. Wie hoch ist sein Preis für die Erlaubnis, eine Kirche und eine Schule auf seinem Gebiet zu bauen?«

Colgú zuckte leicht mit den Schultern.

»Den Preis müssen wir ermitteln. Ich brauche jemanden, der sowohl für dieses Königreich als auch für die Kirche sprechen kann.«

Fidelma schaute ihren Bruder nachdenklich an.

»Willst du damit sagen, daß ich in die Cruacha Dubha gehen und mit Laisre verhandeln soll?« fragte sie überrascht. Sie hatte gedacht, Colgú wolle nur ihren Rat in dieser Sache hören.

»Wer ist geschickter im Verhandeln und wer kennt dieses Königreich und seine Bedürfnisse besser als du?«

»Aber …«

»Du kannst in meinem Namen sprechen, Fidelma, und auch im Namen von Bischof Ségdae. Finde heraus, was Laisre will, was er erwartet. Wenn die Bedingungen vernünftig sind, kannst du ihnen zustimmen. Sind sie unzumutbar, kannst du ihm erklären, der König und sein Rat müßten sie erst noch prüfen.«

Fidelma überlegte.

»Weiß Laisre, daß ich komme?«

»Ich wagte nicht, davon auszugehen, daß du zustimmst, Fidelma.« Colgú lächelte. »Er bat nur darum, daß ein Abgesandter des Glaubens zum Anfang der nächsten Woche in sein Gebiet kommen möge und daß er meines Ranges würdig wäre. Nimmst du an?«

»Wenn es denn dein Wunsch ist, daß ich dich und Bischof Ségdae vertrete. Übrigens, warum ist der gute Bischof nicht hier und sagt uns seine Meinung dazu?«

Colgú schmunzelte.

»Er ist hier. Ich habe den alten ›Grenzlandfalken‹ draußen warten lassen, bis ich die Sache mit dir besprochen habe. Er wird dir seine Meinung später mitteilen.«

Fidelma sah ihren Bruder mißtrauisch an.

»Du warst also sicher, daß ich gehen würde?«

»Niemals«, versicherte ihr Colgú mit einem Lächeln, das seine Antwort nicht glaubwürdiger machte. »Doch wenn du nun gehst, dann nimm einen Trupp meiner Elitekrieger mit, meiner Ritter vom Goldenen Halsreif.«

»Und was würde Laisre sagen, wenn ich an der Spitze eines Trupps von Niadh Nasc in sein Gebiet geritten käme? Wenn ich Gesandte sein soll, muß ich auch als Gesandte auftreten. Er würde die Kriegerschar nur als Beleidigung und als Einschüchterung bei den Verhandlungen betrachten. Krieger sind fehl am Platz, wenn über die Errichtung einer Kirche oder einer Schule verhandelt wird. Ich reite allein.«

Colgú schüttelte heftig den Kopf.

»Allein in die Cruacha Dubha? Nein, das tust du nicht. Nimm wenigstens einen Krieger mit.«

»Ob ein Krieger oder zehn, sie sind eben Krieger und erregen Unwillen. Nein, ich werde nur noch einen Vertreter des Glaubens mitnehmen und damit unsere friedlichen Absichten bekunden.«

Colgú blickte ihr forschend ins Gesicht und gab nach. Er wußte, sie hatte sich entschlossen, und wenn seine Schwester einen Entschluß gefaßt hatte, das war Colgú klar, hatte es keinen Zweck, ihn umstoßen zu wollen.

»Dann nimm deinen Angelsachsen mit«, beharrte er. »Er ist ein guter Mann an deiner Seite.«

Fidelma blickte ihren Bruder rasch an, doch diesmal errötete sie nicht.

»Bruder Eadulf hat vielleicht anderes zu tun – es ist doch sicher an der Zeit, daß er zum Erzbischof von Canterbury zurückkehrt, der ihn dir als Gesandten schickte?«

Colgú lächelte sanft.

»Ich denke, du wirst feststellen, daß Bruder Eadulf bereit ist, noch etwas länger in unserem Königreich zu verweilen, Schwester. Trotzdem wünschte ich, du würdest dich von meinen Kriegern begleiten lassen.«

Fidelma blieb hart.

»Wie können wir beweisen, daß der Glaube der Weg des Friedens und der Wahrheit ist, wenn wir mit Gewalt bekehren? Nein, ich sage dir nochmals, Bruder, wenn ich ausgesandt werde, um mit Laisre und seinem Volk zu verhandeln, dann muß ich sie davon überzeugen, daß ich auf meinen Glauben vertraue und mich auf eine Zunge verlasse, die die Wahrheit spricht, und nicht auf ein Schwert. Vincit omnia veritas!«

Colgú war belustigt.

»Es mag schon sein, daß die Wahrheit alles besiegt, doch das Geheimnis besteht darin, zu wissen, wann und zu wem man diese Wahrheit sagt. Da du lateinische Sprichwörter so gern magst, Fidelma, gebe ich dir diesen Rat: cave quid dicis, quando et cui

Fidelma senkte ernst den Kopf.

»Das ist ein Rat, den ich beherzigen werde.«

Colgú erhob sich und ging zu einem Schrank. Ihm entnahm er einen kleinen Stab aus Ebereschenholz, auf dem eine kleine goldene Figur befestigt war. Es war das Abbild eines Hirsches mit Geweih, das Symbol des Fürstengeschlechts der Eóghanacht von Cashel. Feierlich überreichte ihn Colgú seiner Schwester.

»Hier ist das Wahrzeichen deiner Gesandtschaft, Fidelma. Dieser Stab verleiht dir meine Autorität und das Recht, in meinem Namen zu sprechen.«

Fidelma stand auf. Sie kannte den Symbolgehalt des Stabes gut.

»Ich werde dich nicht enttäuschen, Bruder.«

Colgú sah seine Schwester liebevoll an und legte ihr dann beide Hände auf die Schultern.

»Da ich dich nicht dazu überreden kann, einen Trupp meiner Krieger mitzunehmen, biete ich dir den zweitbesten Beistand an.«

Fidelma sah gespannt zu, wie Colgú sich umwandte und in die Hände klatschte. Die Tür öffnete sich, und sein Brehon und sein Kämmerer traten ein. Ihnen folgte Bischof Ségdae, ein älterer Mann mit Hakennase, dessen Gesicht seinem Namen zu entsprechen schien. Offensichtlich hatten sie draußen auf diesen Moment gewartet. Sie verneigten sich kurz und respektvoll vor Fidelma. Dann trat der Kämmerer wortlos an Colgús linke Seite. Er trug ein kleines Kästchen aus Holz, das er nun dem König darbot.

»Ich wollte dies schon seit einiger Zeit tun«, gestand Colgú vertraulich, während er das Kästchen öffnete. »Besonders, seitdem du die Pläne der Uí Fidgente zum Sturz meines Königreichs zunichte gemacht hast.«

Er nahm eine goldene Kette heraus. Sie war einfach gearbeitet und etwa zwei Fuß lang.

Fidelma hatte gesehen, wie andere Könige von Cashel diese Auszeichnung vornahmen, und begriff plötzlich, was bevorstand. Dennoch war sie überrascht.

»Du willst mich in die Niadh Nasc aufnehmen?« flüsterte sie.

»Das will ich«, bestätigte ihr Bruder. »Kniest du nieder und sprichst den Eid?«

Die Niadh Nasc, der Orden der Goldenen Kette oder des Goldenen Halsreifs, war eine ehrwürdige Adelsbruderschaft in Muman, die aus Mitgliedern der Elitekriegergarde der Könige von Cashel hervorgegangen war. Die Ehre wurde von den Eóghanacht-Königen von Cashel persönlich verliehen, und jeder Träger verpflichtete sich ihnen zur persönlichen Treue. Dafür trug er ein Kreuz, das einem alten Sonnensymbol nachgebildet war, denn die Ursprünge des Ordens sollten auch bis in tiefe Vorzeit zurückreichen. Manche Chronisten behaupteten, er sei tausend Jahre vor Christi Geburt gegründet worden.

Langsam sank Fidelma auf die Knie.

»Schwörst du, Fidelma von Cashel, bei allem, was du verehrst, den rechtmäßigen König von Muman, das Oberhaupt deines Hauses, zu verteidigen und zu beschützen und deine Gefährten des Ordens der Goldenen Kette in brüderlicher und schwesterlicher Verbundenheit anzunehmen?«

»Ich schwöre es«, flüsterte Fidelma und legte ihre rechte Hand in die ihres Bruders, des Königs Colgú.

Er nahm die goldene Kette und wand sie um ihre verschlungenen Hände als einem symbolischen Akt der gegenseitigen Verpflichtung.

»Im Bewußtsein deiner Treue gegenüber unserer Person, unserem Hause und unserem Orden und des feierlichen Eides, den du geschworen hast, ihnen zu gehorchen, sie zu verteidigen und zu beschützen, binden wir dich nun mit dieser Kette in unseren Dienst ein und nehmen dich in die Niadh Nasc auf. Möge nur der Tod und niemals die Unehre diese Kette zertrennen.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann löste Colgú mit einem verlegenen Lachen die Kette, hob seine Schwester auf und küßte sie auf beide Wangen. Darauf entnahm er dem Kästchen eine andere Goldkette. An ihrem Ende war ein eigenartig geformtes Kreuz befestigt, ein weißes Kreuz mit gerundeten Enden, in das ein einfaches Kreuz eingefügt war. Es war das Abzeichen des Ordens, älter als die christlichen Symbole. Ernst legte es Colgú seiner Schwester um den Hals.

»Jeder Mensch in den fünf Königreichen von Éireann kennt dieses Zeichen«, sagte er feierlich. »Du hast zwar den Schutz durch die Personen meiner Krieger abgelehnt, doch dies wird dir ihren Schutz im Geiste gewähren, denn wer ein Mitglied des Ordens kränkt, kränkt damit zugleich die Könige von Cashel und die Bruderschaft der Niadh Nasc.«

Fidelma wußte, daß dies kein eitles Versprechen ihres Bruders war. Nur wenige wurden in den Orden aufgenommen, und noch seltener wurde Frauen diese Auszeichnung zuteil.

»Ich werde das Zeichen in Ehren tragen, Bruder«, sagte sie ruhig.

»Möge es dir Schutz bieten auf deiner Reise ins Verbotene Tal und bei deiner Verhandlung mit Laisre. Und, Fidelma, denke an meine Mahnung: Cave quid dicis, quando et cui.«

 

Bedenke, was du sagst, wann und zu wem.

Der Rat ihres Bruders klang in Fidelma nach, als sie ihre Aufmerksamkeit wieder den düsteren, drohenden Gipfeln der Bergkette vor ihr zuwandte.

KAPITEL 3

Der Aufstieg in die Berge dauerte länger, als Eadulf erwartet hatte. Der Weg drehte und wendete sich wie eine unruhige Schlange durch steile Fels- und Erdwälle hindurch, kreuzte schäumende Bäche, die von den mächtigen Gipfeln herabstürzten, und führte durch dunkle, bewaldete Täler und über offene, felsige Strecken. Eadulf fragte sich, wie jemand in so einer einsamen Gegend leben konnte, denn Fidelma versicherte ihm, dies sei der einzige Weg von Süden her in dieses Gebiet.

Als er hinaufspähte zu den schwindelerregenden Höhen, sah er etwas kurz aufblitzen. Er blinzelte. Er hatte dieses Aufblitzen schon zwei- oder dreimal beim Aufstieg bemerkt und zunächst gedacht, er habe es sich nur eingebildet. Seine Besorgnis mußte irgendwie erkennbar geworden sein, vielleicht durch eine Anspannung der Nackenmuskeln oder eine zu starre Kopfhaltung in einer Richtung, denn Fidelma sagte gelassen: »Ich sehe es auch. Jemand beobachtet unsere Annäherung seit mindestens einer halben Stunde.«

Eadulf war gekränkt.

»Warum hast du es mir nicht gesagt?«

»Was gesagt? Es dürfte nicht überraschen, wenn jemand auf Fremde achtet, die durch dieses Gebirge reiten. Bergbewohner sind ein mißtrauisches Volk.«

Eadulf schwieg. Dennoch behielt er die sie umgebenden Hügel wachsam im Auge. Seiner Meinung nach entstand das Aufblitzen durch das Auftreffen von Sonnenstrahlen auf Metall. Metall bedeutete Waffen oder Rüstungen. Das hieß, es könnte Gefahr drohen. Sie ritten schweigend weiter und kamen dabei immer höher. An einer Stelle wurde der Weg so steil und steinig, daß sie absteigen und ihre Pferde führen mußten.

Schließlich wollte Eadulf Fidelma schon fragen, ob es denn noch viel höher ginge, als der Weg plötzlich um eine Bergkante bog und sich überraschend ein breites Tal vor ihnen auftat. Es war mit Heidekraut und Mengen von rotem, orangefarbenem und grünem Stechginster bewachsen und bot ein seltsam liebliches Bild. Die höheren Berggipfel schienen noch so entfernt wie zuvor.

»Dieser Ritt nimmt gar kein Ende«, murrte Eadulf.

Fidelma hielt an, wandte sich im Sattel um und sah den Angelsachsen streng an.

»So ist es nicht. Wir müssen nur noch dieses weite Tal durchqueren und zwischen den Gipfeln dort hindurch. Dann sind wir in Laisres Gebiet, in Gleann Geis.«

Eadulf runzelte die Stirn.

»Ich dachte, du wärst hier noch nie gewesen?«

Fidelma unterdrückte einen Seufzer.

»Das war ich auch nicht, allerdings bin ich schon mal vorbeigekommen.«

»Woher weißt du dann …«

»Aber Eadulf! Meinst du denn, unsere Leute hätten keine Ahnung vom Kartenzeichnen? Wenn wir uns in unserem eigenen Land nicht zurechtfänden, wie könnten wir dann Missionare in die riesigen Länder im Osten entsenden?«

Eadulf kam sich ein wenig töricht vor. Er wollte etwas sagen, doch plötzlich bemerkte er, daß Fidelma angespannt über das Tal vor ihnen schaute und dann zum Himmel aufsah. Er folgte ihrem Blick.

»Vögel«, stellte er fest.

»Die Raben des Todes«, sagte sie leise.

Die dunklen Punkte kreisten vor dem blauen Himmel und schienen sich in Spiralen abwärts zu senken.

»Zweifellos ein totes Tier«, meinte Eadulf und setzte hinzu: »Ein großes, wenn es so viele Aasfresser anlockt.«

»Sicherlich groß«, bestätigte Fidelma. Dann trieb sie ihr Pferd an und ritt entschlossen los. »Komm, es liegt auf unserem Wege, und ich möchte wissen, was so viele Vögel anzieht.«

Widerwillig folgte ihr Eadulf. Manchmal wünschte er sich, seine Gefährtin wäre nicht so wißbegierig. Er würde lieber der Hitze des Tages ausweichen und ihr Ziel so schnell wie möglich erreichen. Mehrere Tage im Sattel waren genug für ihn. Er würde allmählich einen bequemen Stuhl und einen im eisigen Bergbach gekühlten Krug Met vorziehen.

Fidelma mußte ihr Pferd vorsichtig lenken, denn der eben scheinende Talboden täuschte. Heidekraut und Dorngestrüpp überwuchsen tief die Unebenheiten. In dem Heidekraut und dem Ginster hätte sich eine ganze Armee verbergen können. Ihr Erscheinen hatte ein warnendes Krächzen unter den Vögeln ausgelöst, die ihre Kreise nun widerwillig wieder höher zogen.

Plötzlich parierte Fidelma ihr Pferd und starrte auf den Boden vor ihr.

»Was ist?« fragte Eadulf und schob sich neben sie. Sie schwieg und saß mit totenblassem Gesicht reglos im Sattel.

Eadulf folgte ihrem entsetzten Blick.

Auch er erbleichte.

»Deus miseratur …«, begann er die erste Zeile des 67. Psalms und brach dann ab. Der Text schien ihm unpassend. Denen, die diesen seltsamen Altar des Todes bildeten, war niemand gnädig gewesen. Auf dem rauhen Boden lagen über zwanzig Leichen, nackte Leichen junger Männer in einem grotesken Kreis. Es war offenkundig, daß sie einen gewaltsamen Tod gefunden hatten.

Fidelma und Eadulf saßen still auf ihren Pferden, schauten auf diesen Kreis nackter Leichen und konnten nicht begreifen, was ihre Augen sahen.

Noch immer sprachlos, glitt Fidelma schließlich aus dem Sattel und trat ein oder zwei Schritte vor. Eadulf schluckte schwer, stieg ab, nahm die Zügel beider Pferde und band sie locker an einen nahen Busch. Dann ging er zu Fidelma.

Sie stand da, die Hände vor sich gefaltet, die Lippen zu einem Strich zusammengepreßt. Das leichte Zucken eines Nervs an ihrem Kiefer verriet die Gefühle, die sie verbarg.

Sie trat noch einen Schritt vor und sah sich aufmerksam prüfend in diesem Kreis des Todes um. Es war keine Frage, daß die nackten männlichen Leichen nach dem Tode sorgfältig hier hingelegt worden waren.

Fidelma straffte die Schultern und schob das Kinn vor, als rüste sie sich für eine schwere Aufgabe.

»Sollten wir uns nicht entfernen, falls die Täter zurückkehren?« fragte Eadulf beunruhigt und schaute sich um. Doch im Tal schien sich kein Leben zu regen außer der Schar nachtschwarzer Raben, die sich weiter am Himmel sammelten und eine ungeordnete krächzende Wolke bildeten. Einige senkten sich zögernd herab, als seien sie dessen unsicher, was ihre Sinne ihnen verrieten, daß es hier reiche Beute gab, Aas in Hülle und Fülle. Doch sie spürten auch, daß sich etwas zwischen den Leichen bewegte, lebende Menschen, die ihnen schaden könnten. Ein paar von ihnen, kühner als die anderen, landeten dicht außerhalb des Kreises. Als sie vorsichtig näher hüpften, um die nächsten Leichen zu untersuchen, nahm Eadulf angewidert einen Stein auf. Er traf den häßlichen Vogel nicht, auf den er gezielt hatte, aber der flog mit einem ärgerlichen Krächzen auf und warnte die anderen, daß hier Gefahr lauere. Einige weitere landeten, doch außer Reichweite, und schauten mit hungrig funkelnden Augen zu.

»Komm weg, Fidelma«, drängte sie Eadulf. »Das ist kein Anblick für dich.«

Fidelmas grüne Augen blitzten gefährlich auf.

»Für wen wäre es dann ein Anblick?« Ihr Ton war scharf. »Für wen, wenn nicht für eine Anwältin, die geschworen hat, die Gesetze der fünf Königreiche zu wahren?«

Eadulf zögerte verlegen.

»Ich meine nur …«, wandte er ein, doch Fidelma unterbrach ihn mit einer scharfen Handbewegung.

Sie wandte sich ab, kniete bei der nächsten Leiche nieder und untersuchte sie. Langsam wiederholte sie das bei einer nach der anderen, wobei sie bei einer Leiche länger verweilte. Eadulf zuckte innerlich die Schultern, und während seine Augen immer wieder über die Umgebung glitten, versuchte er zugleich, irgendeinen Sinn in dem düsteren Leichenhaufen zu entdecken.

Als erstes fiel ihm auf, daß es alles junge Männer waren, der jüngste vielleicht sechzehn oder siebzehn, der älteste nicht über fünfundzwanzig. Alle waren sie nackt, doch ihre blasse Haut, weiß wie Pergament, verriet, daß sie im Leben nicht nackt gegangen waren. Er bemerkte auch, daß die Leichen im Kreis angeordnet waren, mit den Füßen zum Mittelpunkt hin. Jede Leiche lag auf der linken Seite. Er stellte zudem fest, daß der Boden um den Kreis herum weder blutig noch aufgewühlt war. Das bewies ihm, daß die jungen Männer nicht an dieser Stelle umgebracht worden waren. Diese Schlußfolgerung gefiel ihm.

Fidelma hatte ihre Untersuchung beendet und stand auf. Ungefähr zehn Meter entfernt floß ein kleiner Bach, und wortlos und zielsicher ging sie dort hin. Sie wusch sich Hände, Arme und Gesicht mit dem kalten Wasser.

Eadulf wartete geduldig, bis sie fertig war. Er war lange genug in den fünf Königreichen von Éireann, um zu wissen, wie genau es die Iren mit der Reinlichkeit nahmen. Als sie zurückkam, war ihre Miene noch finster, und sie blieb vor dem Kreis der Toten stehen.

»Nun, Eadulf, was ist dir aufgefallen?« fragte sie.

Eadulf fuhr überrascht auf. Er hatte nicht gedacht, daß sie bemerkt hatte, daß er alles genau betrachtete. Er überlegte rasch.

»Es sind nur junge Männer«, erklärte er.

»Das stimmt.«

»Sie sind in einem Kreis angeordnet, und sie wurden nicht hier getötet.«

Fidelma hob fragend eine Braue.

»Woraus schließt du das?«

»Wenn sie hier umgebracht worden wären, hätte es einen Kampf gegeben. Der Boden ist weder aufgewühlt noch blutig. Sie wurden woanders getötet und hierhergebracht.«

Sie nickte anerkennend.

»Und ihre Füße?«

Eadulf sah sie verblüfft an.

»Was ist mit ihren Füßen?« stammelte er.

Sie wies darauf.

»Wenn du dir ihre Füße ansiehst, stellst du fest, daß sie alle Hornhaut, Wunden und Blasen haben, als ob sie meilenweit über rauhen Boden laufen mußten. Die Spuren sind noch frisch. Widerspricht das nicht deiner Behauptung, sie wären hierhergebracht worden?«

Eadulf dachte schnell nach.

»Nicht notwendigerweise«, entgegnete er. »Sie mußten vielleicht weit laufen bis zu dem Ort, wo sie getötet wurden, und dann brachte man sie her und legte sie auf diese merkwürdige Art hin.«

Fidelma war mit ihm zufrieden. »Gut gemacht, Eadulf. Aus dir wird noch mal ein dálaigh. Sonst noch was? Du hast die Male von Fußfesseln an ihren linken Knöcheln noch nicht erwähnt.«

Diese Abschürfungen hatte Eadulf nicht bemerkt, doch als Fidelma ihn darauf hinwies, sah er sie auch. Sie fuhr fort: »Hast du die Leichen gezählt?«

»Ungefähr dreißig, glaube ich.«

Einen Augenblick wirkte sie verärgert.

»Darin sollte man genauer sein. Es sind dreiunddreißig.«

»Na, ich war doch nahe dran«, verteidigte er sich.

»Nein, das warst du nicht«, konterte sie scharf. »Doch darauf kommen wir gleich. Du sagtest, sie seien irgendwie angeordnet worden. Hast du dazu noch etwas zu ergänzen?«

Eadulf betrachtete den Kreis und verzog das Gesicht.

»Nein.«

»Du folgerst nichts aus der Tatsache, daß sie alle auf der linken Seite liegen, die Füße zur Mitte des Kreises? Sagt dir das nichts?«

»Nur, daß es sich um so etwas wie ein Ritual handeln muß.«

»Aha, ein Ritual. Schau noch mal hin. Die Leichen liegen auf ihrer linken Seite. Fang oben am Kreis an und zieh ihn nach … Ihre Gesichter zeigen nach rechts, mit anderen Worten, nach dem Sonnenlauf, was wir deisiol nennen.«

»Ich bin nicht sicher, ob ich dich verstanden habe.«

»In heidnischen Zeiten vollzogen wir bestimmte Riten deisiol oder nach dem Sonnenlauf. Selbst jetzt gibt es noch viele, die darauf bestehen, bei einer Beerdigung den Friedhof mit dem Sarg dreimal nach dem Sonnenlauf zu umschreiten.«

»Du meinst, das hier könnte ein heidnisches Symbol sein?« Eadulf erschauerte und hob die Hand, um sich zu bekreuzigen, ließ es aber lieber sein.

»Nicht unbedingt«, versicherte ihm Fidelma. »Als der heilige Patrick in Armagh Land geschenkt bekam, auf dem er später seine Kirche erbaute, mußte er, heißt es, es mit seinem Krummstab deisiol umschreiten und es so feierlich dem Dienst Christi weihen, indem er unsere alten Bräuche und Riten vollzog.«

»Was meinst du also?« fragte Eadulf.

»D

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