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Tod den alten Göttern

Peter Tremayne

Tod den alten Göttern


Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Irmhild und Otto Brandstädter

 

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Inhaltsübersicht

HAUPTPERSONEN

IN RATH NA DRÍNNE

IN CASHEL

IN TARA

HISTORISCHE ANMERKUNG

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

EPILOG

 

Gewidmet den unentwegten Enthusiasten aus zehn Ländern, die sich vom 8.–10. September 2006 in Cashel zum ersten

Féile Fidelma: Sister Fidelma’s World at Cashel

zusammenfanden, und den Organisatoren und Bürgern von Cashel, voller Dank für die erbrachten Leistungen.

 

AD 669: Iar mbeith cúicc bliadhna ós Érinn h-i righe do Sechnussach mac Blaithmaic, do-cear la Dubh Duin, flaith Ceneoil Coibre. As for Sechnussach do-athadh an teistimen-si:

Ba srianach, ba h-eachlascach

In teach h-i mbidh Sechnussach

Ba h-imdha fuigheall for slaitt

h-istaigh i mbidh mac Blathmaic

 

Annála Rioghachta Éireann

A. D. 669: Nachdem Sechnussach, Sohn des Blathmac, fünf Jahre lang über Irland geherrscht hatte, wurde er von Dubh Duin, Stammesfürst der Cinél Cairpre, ermordet. Es war Sechnussach, dem dieses ruhmreiche Zeugnis galt:

Voller Zaumzeug und Reitpeitschen

war das Haus, in dem wohnte Sechnussach.

An Ehrenpreisen gab es die Fülle

in dem Haus, in dem wohnte der Sohn des Blathmac.

 

Annalen der Könige von Irland

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks, ihr Ehemann

IN RATH NA DRÍNNE

Ferloga, Gastwirt

Lassar, seine Frau

IN CASHEL

Colgú, König von Muman und Bruder Fidelmas

Bruder Conchobhar, Apotheker und Arzt

Caol, Befehlshaber der Nasc Niadh, der Leibwache des Königs von Muman

Gormán, einer der Leibwächter

IN TARA

Cenn Faelad, der neue Hochkönig

Barrán, Oberster Brehon

Sedna, Stellvertreter des Obersten Brehon

Abt Colmán, geistlicher Ratgeber und rechtaire oder Oberkämmerer des Hochkönigs

Bruder Rogallach, bollscari oder Kammerherr des Hochkönigs

Gormflaith, Witwe des Hochkönigs Sechnussach

Muirgel, älteste Tochter von Sechnussach und Gormflaith

 

Irél, Befehlshaber der Fianna, der Leibgarde des Hochkönigs

Erc der Sommersprossige, Krieger der Fianna

Cuan, ein Krieger der Fianna

Lugna, ein Krieger der Fianna

 

Mer, eine alte, verwirrte Frau

Iceadh, Heilkundiger, Leibarzt des Hochkönigs

 

Brónach, Obermagd

Báine, eine Magd

Cnucha, eine Magd

Torpach, ein Koch

Maoláin, sein Gehilfe

Diurnín, ein Diener

 

Assíd, ein Sklave

Verbas von Peqini, Sklavenhalter und Kaufherr

 

Bischof Luachan, Bischof von Delbna Mór

Bruder Céin, sein Verwalter

Bruder Diomasach, ein Schreiber

Bruder Manchán, ein Mönch von Baile Fobhair

Ardgal, Stammesfürst der Cinél Cairpre

Beorhtric, ein angelsächsischer Krieger

 

Dubh Duin, Stammesfürst, Attentäter

HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Vorfälle, um die es in dieser Geschichte geht, begaben sich zu Beginn des Winters A. D. 669 und somit ein Jahr nach den Geschehnissen, die im Roman Ein Gebet für die Verdammten geschildert wurden. Bei dem Datum der Ermordung Sechnussachs habe ich mich an die Annála Tighernach und Annála Rioghachta Éireann gehalten, wenngleich mir bewusst ist, dass andere Annalen wie die Annála Ulaidh und Chronicum Scotorum das Vorkommnis um zwei Jahre später, nämlich auf den Winteranfang A. D. 671 verlegen. Einige Gelehrte bevorzugen das erstgenannte Datum, andere neigen zum zweiten.

In der Handschrift Ban Shenchus (Geschichte der Frauen), die Gilla Mo Dutu Ua Casaide auf Daimh Inis (heute Devenish, Grafschaft Fermanagh) im Jahre 1147 zusammenstellte, wird an verschiedenen Stellen sowohl A. D. 669 als auch A. D. 670 als Datum für den Mord an dem Hochkönig genannt. Ban Shenchus erwähnt die drei Töchter Sechnussachs und weiß zu berichten, dass die jüngste, Bé Bhail, siebzig Jahre nach dem Vorfall starb, woraus man ableiten kann, dass sie damals noch sehr jung gewesen sein muss.

Alle Chronisten stimmen darin überein, dass der Hochkönig Sechnussach vom Stammesfürsten der Cinél Cairpre ermordet wurde; das Gebiet seines Clans lag im Norden der heutigen Grafschaft Sligo und im Nordosten der Grafschaft Leitrim. In den Annála Tighernach ist außerdem nachzulesen, dass Sechnussach die Kehle durchtrennt wurde (jugulatio). Demzufolge lautet die zentrale Frage in unserem Mordfall nicht »Wer war der Täter?«, sondern vielmehr »Warum tat er’s?«

Bei den meisten Ortsnamen war ich wie in den vorhergehenden Bänden dieser Romanfolge bestrebt, anachronistische Bezeichnungen zu vermeiden. Deshalb schreibe ich zum Beispiel Muman anstelle von Munster – die Silbe ster oder stadr ist ein von den Wikingern gebrauchtes Suffix (stadr heißt »Ort«). In zwei Fällen habe ich die Regel durchbrochen und mich für die anglisierten Formen entschieden, damit der Leser die geografischen Bezeichnungen leichter einordnen kann. Ich benutze die anglisierten Formen Tara und Cashel, verzichte also auf die ursprüngliche Schreibung Caiseal Mumhan. Tara ist weltweit als der Sitz der Hochkönige von Irland bekannt. Der Name ist die anglisierte Form des Genitivs Teamhrach von Téa. Sie war die Frau von Eremon, dem Sohn des Mile Easpain oder Milesius, der die Gälen nach Irland führte. Über Bedeutung und Ursprung des Ortsnamens besteht auch heute noch keine endgültige Klarheit.

PROLOG

Für Erc den Sommersprossigen, Wachtposten am Tor von Ráth na Ríogh, der königlichen Burg mit dem herrschaftlichen Palast von Tara, erwies sich der Mann, den er in der Dunkelheit aufgefordert hatte, sich zu erkennen zu geben, nicht als Fremder. Er kannte ihn, und arglos gewährte er ihm Zutritt, ließ ihn sich frei und ohne Begleitung in dem Herrschersitz der Hochkönige von Éireann bewegen. Erc war, wenn es darauf ankam, ein unerschütterlicher Krieger, aber an Vorstellungskraft mangelte es ihm. Es wäre ihm gar nicht eingekommen, einer Person, die bei den Palasthütern allseits bekannt war und in früher Morgenstunde um Einlass in den Königsbereich bat, nach seinem Begehr zu fragen. Dass er den Mann, der im Fackelschein am Haupttor stand, kannte, genügte Erc. Ohne Zögern und eine Frage nach dem Woher und Wohin zu stellen, ließ er ihn ein. Wusste er doch, dass der vor ihm stehende Stammesfürst oft genug am Tage vom Hochkönig empfangen worden war. Zumindest würde er das bei der Befragung dem Brehon so erklären, aber bis es dazu kommen sollte, war es bereits zu spät.

Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden, dass es auch sonst guten Grund gab anzunehmen, alles sei bestens geschützt. Jedermann wusste, dass man unmöglich in den riesigen Bezirk, in dem die Gebäude von Tara standen, eindringen konnte. Er war zu gewaltig und bestens gesichert, sowohl was die Zahl der Wachtposten anging als auch von der massiven Bauweise her. Eine ernsthafte Bedrohung verbot sich von selbst. Die Hügelkuppen, auf denen sich die königliche Festung erhob, war über die Jahrhunderte hinweg mit Gebäuden mannigfacher Art bebaut worden, und unter ihnen erstreckte sich ein üppiges Tal mit einem mächtigen Fluss, der den Namen der alten Göttin Bóinn trug. Es hieß, die Festung war nach Téa, der Frau von Eremon benannt worden, der zusammen mit seinem Bruder Eber den Stamm der Gälen in dieses Land geführt und sie zu Vorzeiten hier angesiedelt hatte. Erc den Sommersprossigen interessierten die alten Legenden nicht. Ihm war einzig und allein wichtig, dass kein Feind in die Ringfestung einzudringen vermochte, und so paarte sich Unbekümmertheit mit seiner mangelnden Vorstellungskraft.

Der Kern der Burganlage ging auf den viel gerühmten Hochkönig Cormac Mac Art zurück. Er hatte vor drei Jahrhunderten den Bau des großen rechteckigen Hauses angeordnet, das bis heute den Namen Tech Cormaic, Haus des Cormac, trug und das auch jetzt noch den Hochkönigen als Wohnsitz diente. Ihm gegenüber, mehr nach Osten, lag der Forradh, der königliche Sitz, von dem aus die Hochkönige die Geschicke der fünf Königreiche lenkten. Selbst der riesige Tech Miodhchuarta, der Festsaal, ging auf Cormac zurück. Auch die Befestigungsanlagen zum Schutz des inneren Burghofs hatte er bauen lassen. Hohe Mauern und Gräben, gewaltige ovale Erdwälle sicherten die ganze Anlage, und an jedem der Eingangstore standen Wachtposten.

Tara war unbezwingbar. Kein Wunder, dass Erc der Sommersprossige unbesorgt war, als der Adlige, den er kannte, in der noch nachtdunklen Frühe am Tor erschien, das er bewachte. Er hatte ihn nicht weiter befragt. Es hatte ihm genügt, dass er im Fackelschein die Gesichtszüge des Mannes gesehen und erkannt hatte. Er hob lediglich seinen Speer zum Gruß, ging die Holztreppe hinunter zum immdorus, der kleinen Pforte in dem verriegelten großen Eingangstor zur Burg, löste das Schloss, öffnete die Tür und bedeutete dem Mann einzutreten. Der tat wie geheißen und nickte Erc freundlich lächelnd zu.

Sobald er das Tor und dann die Brücke, die über den Graben führte, der so tief war, dass drei Männer übereinander darin hätten stehen können, hinter sich gelassen hatte, wirkte er gehetzt. Mit gesenktem Kopf, hochgezogenen Schultern und weit ausholenden Schritten eilte er dahin, wobei er sich im Halbdunkel abseits der Wege hielt. Die große Festhalle, die düster in die Höhe ragte, ließ er zu seiner Rechten liegen, ebenso zu seiner Linken ein aus Steinquadern errichtetes Bauwerk, in dem die Hochkönige ihre Versammlungen abhielten. Gleich dahinter ging er nach links und hastete zum Bestattungshügel, den es schon immer dort gegeben hatte, lange bevor die Gälen in das Land kamen. Er ließ den Forradh hinter sich und stand vor dem großen Gebäude des Tech Cormaic, der Wohnstatt des Hochkönigs.

Im Schutz einiger Bäume und Sträucher, die dem Gebäude etwas Anheimelndes verleihen sollten, blieb er stehen. Zwei Fackeln, die auf beiden Seiten der dunklen Eichentüren in eisernen Haltern steckten, gaben ein fahles Licht, und unzählige Schatten tanzten gespenstisch um das Portal.

Plötzlich bewegte sich etwas, und er trat tiefer in den Schatten zurück, während seine Hand unwillkürlich den Schwertgriff fasste. Er kniff die Augen zusammen, als würde ihm das helfen, in der Dunkelheit besser zu sehen.

Mit gezogenem Schwert, dessen Klinge lässig an der Schulter ruhte, tauchte an der Ecke des Gebäudes ein Krieger auf, kam gemächlich näher und blieb vor den Türen aus Eichenholz stehen. Kurz darauf gesellte sich ein zweiter Krieger zu ihm.

Der eine fing an, leise etwas zu sagen; in der lautlosen Stille hatte der Fremde keine Mühe, seine Worte zu verstehen.

»Schrecklich, wie langsam die Zeit vergeht, findest du nicht auch, Cuan?«

»Verdammt langsam«, pflichtete ihm der andere bei. »Wie lange ist es noch bis zum Morgen, Lugna?«

Der schaute zum Himmel. Viele Wolken gab es nicht, aber die wenigen, die der Wind vor sich her trieb, verdeckten den blassen Dreiviertelmond. Mit raschem Blick begutachtete Lugna die Position der Sterne.

»Das dauert noch ’ne Weile.«

»Ob ein herzhafter Schluck gegen die Morgenfrische hilft? Ich weiß, wo in der Küche ein Krug steht.«

Sein Kumpan zauderte. »Wir dürfen die Türen nicht unbewacht lassen. Was, wenn Irél kommt und die Wache überprüft?«

Cuan gluckste vor Vergnügen. »Unser lieber Vorgesetzter hat sich in seine Kammer zurückgezogen. Vor der Wachablösung in der Früh lässt der sich nicht blicken. Los, komm, ein Schlückchen corma vertreibt die Nachtkühle.«

Lugna rang mit sich, gab aber schließlich nach. »Na gut. Geh voran.«

Die beiden Wachhabenden trollten sich, stapften am Haus des Hochkönigs vorbei und verschwanden in der Dunkelheit, wo sie der ircha, der Küche, zustrebten. Die lag im hinteren Ende des Gebäudes und hatte einen separaten Zugang.

Der im Dunklen wartende Fremde grinste vergnügt vor sich hin, hielt vorsichtig Umschau, vergewisserte sich, dass niemand anders in der Nähe war und schritt rasch hinüber zu den schweren Türen. Seine Hand gehorchte ohne Zittern, als er den eisernen Türgriff drehte. Ein Türflügel öffnete sich wie von selbst. Er schlüpfte in das große Gebäude. Die beiden Wachtposten wusste er in der Küche, und dass es im königlichen Haus keine weiteren Wächter gab, war ihm wohlbekannt. Seine Anspannung ließ nach, und leise schloss er die Tür hinter sich. Über die mit rotem Eibenholz verkleideten Wände huschten die Schatten von blakenden Öllampen. So weit, so gut, dachte er zufrieden.

Wenn er richtig informiert war, schlief der Hochkönig in dieser Nacht allein. Der Eindringling grinste niederträchtig. Ihm war bekannt, dass die Gattin des Hochkönigs zur Zeit nicht in Tara weilte. Sie hatte sich in Begleitung ihrer Töchter auf den Weg nach Cluan Ioraird zur Abtei des heiligen Finnian gemacht, um für den Seelenfrieden ihrer Mutter zu beten. Die Mutter war vor kurzem an der Gelben Pest gestorben. Ohnehin wusste der Fremde, dass der Hochkönig seit längerem nicht mehr mit seiner Gattin, Lady Gormflaith, schlief. Falls der Hochkönig nicht gerade eine andere Frau eingeladen hatte, das Bett mit ihm zu teilen, würde er ihn also allein in seinem Gemach vorfinden.

Der Mann kannte den Weg zum Schlafgemach des Hochkönigs bestens. In aller Bedächtigkeit stieg er die breiten Holzstufen der Treppenflucht nach oben, gelangte in den oberen menschenleeren Flur und blieb stehen. Er wendete den Kopf in eine bestimmte Richtung und lauschte. Alles war ruhig. Jetzt konnte er nur hoffen, dass auch die anderen ihre Rolle gespielt hatten. Es vergingen einige Augenblicke, dann hörte er, wie sich zu seiner Rechten leise eine Tür öffnete. Sicherheitshalber drückte er sich an die getäfelte Wand, als er einen Schatten wahrnahm. Es war eine Frauengestalt. Sie hatte er erwartet.

Sie tauschten keinen Gruß miteinander. Die Frau streckte ihm nur eine Hand entgegen, und im nächsten Moment hielt er in der seinen einen sich kalt anfühlenden Schlüssel, einen eochuir aus Bronze.

»Das Schloss ist gut geölt«, flüsterte die Frau. »Ich habe mich selbst drum gekümmert.«

»Ist er allein?«

Sie zögerte kurz. Dann: »Ich bin ziemlich sicher«, kam die leise Antwort. »Die Alte hat die Stufen, die zur Hintertür führen, nicht aus dem Auge gelassen. Seit er sich zur Nachtruhe zurückgezogen hat, hat sie niemand hinaufgehen sehen.«

»Gut. Geh wieder in deine Kammer. Ich ruf dich, wenn ich die Sache erledigt habe. Du weißt, worauf du zu achten hast?«

»Selbstverständlich.« Ihre Stimme klang spöttisch. »Habe ich nicht mein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet? Bist du bereit?«

»Ich kenne meine Rolle ebenso gut wie du deine. Noch vor Tagesanbruch müssen wir von hier verschwunden sein.«

»Die Alte kennt den Weg. Sie wird uns führen. Man darf uns nicht erwischen. Du weißt, was getan werden muss, wenn etwas schief geht?«

»Ja«, erwiderte er verbissen.

Ohne weitere Worte verschwand sie dorthin, woher sie gekommen war.

Er ging auf die dunkle Eichentür am Ende des Ganges zu. Ganz vorsichtig und leise steckte er den Schlüssel ins Schlüsselloch und drehte ihn langsam. Das Schloss war tatsächlich bestens geölt, es gab nicht das geringste Geräusch. Den Türgriff drehen, ein leichter Stups, und die Tür öffnete sich einen Spalt. Für den Bruchteil einer Sekunde verspürte er Erleichterung. Er horchte erneut. Von weiter hinten im Dunklen war nichts zu hören. Er stieß die Tür ganz auf, schlich auf leisen Sohlen hinein in die Finsternis und zog die Tür hinter sich sacht zu. Ohne recht zu überlegen, ließ er den Schlüssel in den Beutel gleiten, den er am Gürtel trug. Mit dem Rücken an die Tür gelehnt blieb er einen Moment stehen und wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

Als er einzelne Umrisse erkennen konnte, merkte er, dass das bleiche Mondlicht den Raum schwach erhellte. Offensichtlich waren die Wolken weitergezogen und gaben den fahlen Schimmer frei, der ins Zimmer drang und auch das Bett erkennen ließ, auf dem eine Gestalt ruhte.

Der Hochkönig lag auf dem Rücken und schien zu schlafen. Voller Genugtuung nahm es der Fremde zur Kenntnis. Mit einer raschen Bewegung zog er den Dolch, die Schneide scharf wie ein Rasiermesser, und sprang geschmeidig an die Bettstatt. Ohne lange zu überlegen, drückte er die Klinge auf die Kehle seines Opfers. Aus der durchtrennten Vene spritzte etwas Blut, während er wie ein Metzger, der ein Lamm schlachtet, die Kehle durchschnitt. Alles ging so schnell, dass es im Gesicht des Dahingestreckten nicht einmal zuckte. Der Mörder war überzeugt, dass der Schlafende gar nicht gemerkt hatte, was geschah.

Er trat einen Schritt zurück, und ein befriedigtes Lächeln huschte über sein Gesicht. Das Mordwerkzeug hielt er immer noch in der rechten Hand.

Er war gerade im Begriff, sich vom Tatort abzuwenden, als ein gellender Entsetzensschrei durch das Zimmer hallte. Er riss den Kopf zurück. Am anderen Ende des Raumes war eine Tür aufgegangen, und in ihrem Rahmen stand ein junges Mädchen. Sie war nackt und hielt in einer Pose des Schocks und Schreckens die Hände an die Wangen gepresst. Ein weiteres Mal schrie sie auf, wandte sich eilends um und schlug die Tür hinter sich zu.

Der Täter stand wie versteinert und unentschlossen da. Man hatte ihn auf frischer Tat ertappt. Was sollte er tun? Ihr nachjagen oder durch die Tür, durch die er gekommen war, entrinnen? Die Schreie hatten die Dienerschaft und die Wachtposten aufgeschreckt. An Flucht war nicht zu denken. Ihm blieb nichts anderes übrig – sich ergeben kam nicht in Frage. Er empfand so etwas wie Bedauern, aber ein Wille, der über dem seinen stand, zwang ihn zu gehorchen. Er hob die Hand mit dem Dolch.

Wenige Augenblicke später flog die Tür auf, und Lugna, einer der Krieger von der Leibgarde des Königs, stürzte mit gezogenem Schwert herein. Gleich hinter ihm folgte Cuan mit einer Laterne.

Sie kamen zu spät.

Am Bett des Hochkönigs lag zusammengesackt der Mörder, aus seiner Brust sickerte Blut. Noch lebte er, aber seine Augen waren am Erlöschen. Lugna beugte sich über ihn, hätte ihm am liebsten den Rest gegeben, bezähmte sich jedoch.

»Warum?« herrschte er ihn an.

Ausdruckslos starrte der Sterbende ins Leere. Dann flackerte es noch einmal kurz in seinen dunklen Augen auf, und er bewegte die blassen Lippen. Er hauchte ein Wort, und Lugna bückte sich dicht zu ihm herunter, um etwas zu verstehen. Aber der Mann gab nur noch einen letzten Seufzer von sich, rutschte zur Seite und hinterließ auf dem Fußboden eine Blutspur.

Angewidert stand Lugna auf. Er nahm Cuan die Laterne ab und richtete sie über den Leichnam des Mörders hinweg auf die im Bett liegende Gestalt, nur um sich zu vergewissern, dass auch ihr nicht mehr zu helfen war.

Neugierig betrachtete Cuan den tot Hingestreckten am Boden. »Was hat er gesagt?«, wollte er wissen.

Lugna zuckte mit den Schultern. »Irgendwas mit Schuld. Vielleicht wollte er damit ausdrücken, dass er die Schuld an dem Mord trägt.«

Der andere lachte kurz auf.

»Das bedurfte keiner Erklärung.«

Das Rufen und der Lärm von hin und her laufenden Menschen draußen nahmen kein Ende, und manche drängten ins Zimmer. Lugna ging zur Tür und schob sie hinaus. Derweil bemerkte Cuan auf der Erde neben dem toten Missetäter ein kleines Armband, ein Kettchen, an dem Silbermünzen hingen. Es sah wertvoll aus. Er hob es auf und wollte sich Lugna zuwenden, der aber hatte von alledem nichts mitbekommen, weil er damit beschäftigt war, den Neugierigen den Zugang zu versperren. Ein oder zwei hielten Öllampen in den Händen. Irgendjemand rief nach dem Arzt des Hochkönigs. Cuan ließ das Schmuckstück in seiner Hand verschwinden.

»Für den Arzt ist es zu spät. Der Hochkönig ist tot«, teilte Lugna den sich an der Tür Drängenden mit und steckte sein Schwert wieder in die Scheide. »Der Mörder ist ebenfalls tot, wenn auch nicht durch meine Hand.«

Dann erschien Irél, der Befehlshaber der Fianna, des Hochkönigs Leibwache, und bahnte sich einen Weg durch die aufgebrachte Dienerschaft.

Lugna nahm Haltung an, als sein Vorgesetzter mit deutlichem Entsetzen die Situation erfasste. Sein Blick fiel auf den Leichnam des Mörders, der neben dem Bett auf dem Boden lag. »Das ist ja Dubh Duin, der Stammesfürst der Cinél Cairpre!«, rief er.

Lugna hatte den Mann nicht erkannt, aber jetzt wandte er sich neugierig um und ließ den Schein der Laterne über die Züge des Toten gleiten. Fassungslos stieß er einen leisen Pfiff aus – der Befehlshaber hatte recht.

»Er gehörte doch aber zu den Uí Néill, zur gleichen Familie wie der Hochkönig«, sagte er betroffen zu Irél. »Kann es sich um eine Blutfehde gehandelt haben? Oder steht ein Aufstand bevor?«

Der Befehlshaber der Fianna hielt sich mit einer Äußerung zurück, aber seine Gedanken gingen in die gleiche Richtung.

»Wir müssen Abt Colmán, den Oberkämmerer, holen lassen, und auch Cenn Faelad, den Bruder des Hochkönigs. Er ist der gesetzmäßige Erbe und wird ihm als König auf den Thron folgen. Man muss ihn benachrichtigen. Inzwischen werde ich der Fianna Befehl erteilen, in Bereitschaft zu stehen, bis wir hinter den Sinn des Ganzen gekommen sind.«

Noch einmal warf Lugna einen Blick auf die reglos im Bett liegende Gestalt.

Sechnussach, Sohn von Blathmac, dem Sohn von Sil nÁedo Sláine, direkter Nachkomme des unsterblichen Niall von den Neun Geiseln, Hochkönig der fünf Königreiche von Éireann, war tot. Wenn es wirklich eine Blutfehde war, würde über kurz oder lang in den fünf Königreichen ein Bürgerkrieg ausbrechen.

KAPITEL 1

Als Broterwerb hatte Ferloga sein Leben lang ein Gasthaus betrieben, und er brüstete sich damit, Gäste jeglicher Art empfangen zu haben – reiche und arme, hochmütige und bescheidene. Könige und Stammesfürsten hatten bei ihm genächtigt, Mönche und Geistliche aller Couleur, wohlhabende Kaufleute, umherziehende Schauspieler, Bauern auf dem Weg zum Markt und selbst Bettler, die verzweifelt um Unterschlupf gebeten hatten. Er bildete sich etwas darauf ein, dass nie ein Gast versucht hatte, ihn zu prellen, denn angeblich konnte er bei fast allen auf den ersten Blick sagen, welches Gewerbe sie betrieben und ob sie vertrauenswürdig waren oder nicht. Jetzt aber saß der alte Gastwirt da und unterhielt sich mit seiner Frau, die den Frühstückstisch abräumte, und gestand freimütig, nicht zu wissen, woran er war. Der letzte Gast, der zu nächtlicher Stunde angeklopft hatte, war ihm ein Rätsel.

Bei dem Fremden, der Herberge begehrte, handelte es sich um einen großen, hageren Mann, dünn wie ein Skelett, mit pergamentähnlicher Haut, die straff die Knochen umspannte. Alt war er auf alle Fälle, aber ob sechzig oder achtzig, ließ sich schwer ausmachen. Er hatte einen merkwürdigen Blick, denn den linken Augapfel verschleierte ein trüber Film, offensichtlich Folge des grauen Stars. Das dichte, weiße Haar stand nach allen Seiten ungebändigt ab, die krausen Locken reichten bis zu den Schultern. Der Hals mit dem auffallend hervorstehenden Adamsapfel erinnerte den Betrachter an die faltige Haut eines gerupften Huhns. Bekleidet war er mit einem Wollumhang, dessen dunkles Grau vermutlich ehemals weiß gewesen war und der bis zu den Knöcheln reichte. In den langen Stab aus Holz, den er bei sich trug, waren seltsame Muster geschnitzt, und um die Schulter hatte er eine Ledertasche gehängt.

Zunächst hatte Ferloga gedacht, er wäre ein wandernder frommer Bruder, sah er doch aus wie einer der umherziehenden Eremiten, denen man ab und an begegnete, auch war er eindeutig zu Fuß gekommen. Bald aber hatte er den Gedanken verworfen, denn als der Mann seinen Umhang löste, kam darunter keins der üblichen Symbole des Neuen Glaubens zum Vorschein, sondern eine fremdartige Kette aus Gold und Halbedelsteinen, wie sie kein frommer Mann trug.

Die Unterhaltung war auf das Wesentliche beschränkt geblieben. Ferloga war von seinen Gästen gesprächsfreudige Geselligkeit gewöhnt, dieser Reisende aber hatte nur kurz und knapp ein Bett verlangt. Selbst den traditionellen Becher corma, der einen vor nächtlichem Frösteln bewahrte, hatte er abgelehnt. Und als Ferloga ihn gefragt hatte, woher er käme, hatte er nur geantwortet: »Von weither aus dem Norden.« Aus all dem hatte Ferloga die Schlussfolgerung gezogen, dass der Mann von dem langen Fußmarsch erschöpft war; es fiel tatsächlich auf, dass er etwas schwankte und die dunklen Tränensäcke leicht geschwollen waren. Also war der Gastwirt nicht länger auf ihn eingedrungen, hatte dem Spätankömmling über der Treppe ein kleines Zimmer zugewiesen und sich zurückgezogen.

Jetzt aber in der Morgendämmerung machte er sich von Neuem Gedanken über den geheimnisvollen Gast.

Seine rundliche Frau murrte verärgert und rührte den Haferbrei um, den sie im Kessel über dem Feuer immer noch warm hielt, damit er nicht ansetzte.

»Hier zu sitzen und herumzurätseln führt zu nichts. Geh lieber hoch und weck den Mann. Die Sonne ist längst aufgegangen. Keiner der anderen Gäste liegt noch im Bett. Alle haben gefrühstückt und sich auf den Weg gemacht. Ich bin nicht gewillt, hier den ganzen Tag zu stehen und mich darum zu kümmern, dass der Brei nicht anbrennt. Muss schließlich noch Beeren pflücken.«

Mit einem Seufzer trennte sich Ferloga von seinem gemütlichen Platz am Feuer. Seine Frau Lassar hatte natürlich recht. Die anderen Aufgaben konnten nicht ewig warten, und dass Gäste sich morgens beim Aufstehen so viel Zeit ließen, war fürwahr ungewöhnlich.

 

Auf einer Anhöhe der Straße, die von Cluain Meala, dem Honigfeld, fortführte, brachte Fidelma von Cashel ihr Pferd zum Stehen. In der Ansiedlung am Ufer des breiten Flusses Siúr, nördlich von der Burg ihres Bruders gelegen, hatte sie übernachtet. Eine ganze Woche lang war sie von Cashel fort gewesen und hatte die Zeit in der großen Abtei Lios Mhór weiter südlich jenseits des Gebirgszuges Mhaoldomhnaigh zugebracht. Die nächtliche Ruhepause hatte ihr gut getan, doch trotzdem fühlte sie sich nach der Woche anstrengender Arbeit erschöpft. Sie war Rechtsanwältin, eine dálaigh bei den Gerichtshöfen der fünf Königreiche von Éireann, und das im Range einer anruth, dem zweithöchsten Amtstitel im Rechtswesen des Landes. Ihr Rang gestattete ihr, nicht nur jemanden vor den Richtern zu vertreten, sondern, wenn ausdrücklich gewünscht, Fälle in einem eigenständigen Verfahren anzuhören und abzuurteilen, sofern die Anwesenheit eines ranghöheren Richters nicht geboten war. Brehon Baithen, der Oberste Richter des Königreiches Muman, bat sie recht häufig, eine solche Rolle zu übernehmen. Aufgaben dieser Art mochte sie am wenigsten.

In einem stickigen Gerichtssaal zu sitzen und sich die Beschwerden und Argumente derjenigen, die vor ihr erschienen waren, anzuhören, fand sie reichlich ermüdend. Oft war es die reinste Zeitverschwendung, weil den Klägern nicht von vornherein klargemacht worden war, dass ihre Forderungen jeder Rechtsgrundlage entbehrten und nur auf Kleinlichkeit oder Böswilligkeit zurückzuführen waren. Dennoch war sie verpflichtet, geduldig zuzuhören und zu entscheiden, ob ein ordentliches Gerichtsverfahren nötig wurde oder der Fall sogar vor einen höheren Richter gehörte. So nahm es nicht wunder, dass sie nach einer Woche in den Gerichtssälen von Lios Mhór müde und auch verärgert war. Mit Freuden hatte sie sich auf ihr Pferd geschwungen und über die Berge auf den Heimweg zu ihres Bruders königlicher Festung in Cashel gemacht.

Jetzt stand sie auf der Anhöhe und drehte sich im Sattel um, wollte sehen, ob ihr Begleiter hinter ihr war. Der junge Krieger, der hinter ihr ritt, war Caol, Befehlshaber der Leibgarde ihres Bruders. Man hatte ihn auserkoren, ihr auf der Reise Schutz zu gewähren. Als er sein Pferd neben ihr anhielt, wies sie lächelnd mit ausgestrecktem Arm nach vorn.

»Das dort ist Ráth na Drínne. Ich könnte gut und gern eine Erfrischung in Ferlogas Wirtshaus vertragen, ehe wir unseren Weg nach Cashel fortsetzen.«

Caol neigte kurz den Kopf, verriet jedoch keinerlei Regung.

»Ganz nach deinem Belieben, Lady.« Jedermann, der Fidelma als Schwester von Colgú, König von Muman, kannte, benutzte die höfliche Form der Anrede und nicht die für sie ebenfalls gültige geistliche. »Wir sind ohne zu frühstücken von Cluain Meala aufgebrochen«, fügte er hinzu, »und auch ich hätte nichts dagegen, etwas in den Magen zu bekommen.«

Fast klang es ein wenig vorwurfsvoll, denn er spielte auf Fidelmas Hast an, noch vor Tagesanbruch loszureiten. Wiederum wusste er nur allzu gut, warum es Fidelma so eilig hatte, nach Cashel zurückzukehren. Eine Woche lang war sie von ihrem kleinen Sohn Alchú getrennt gewesen, und für ihre Besorgnis als Mutter hatte Coal volles Verständnis. Dass sie dieses Mal zusätzlich besorgt war, hatte seinen guten Grund: Ihr Mann Eadulf, der Angelsachse, hatte Cashel schon eine Woche zuvor verlassen und war im Auftrag von Ségdae, dem Abt von Imleach und Hauptbischof von Muman, zur Abtei Ros Ailithir geritten. Wie lange er für seine Mission brauchen würde, in der es um wichtige geistliche Fragen ging, stand in den Sternen. Es konnte Wochen dauern. Angesichts dieser Umstände hatte Caol über Fidelmas auffallende Ungeduld und ihren raschen Stimmungswechsel in den letzten Tagen hinweggesehen.

Ihr Mienenspiel verriet, dass sie seine Gedanken las. »Ich weiß, ich weiß. Hätte es mich heute früh nicht so zum Aufbruch getrieben, hätten wir frühstücken und etwas Warmes zu uns nehmen können und wären besser gegen die Kälte unterwegs gewappnet gewesen«, gestand sie ein. »Aber in Ferlogas Gasthaus dort unten können wir das Versäumte nachholen.«

Sie spornte ihr Pferd an und strebte der Erhebung von Ráth na Drinne entgegen. Wenig später ritten sie auf den Hof vor der Wirtschaft und lösten unter den Hühnern und Gänsen ein heftiges Gegacker und Geschnatter aus. Sie waren noch nicht abgesessen, als die Tür zum Gasthaus aufgerissen wurde und Ferloga herausgestürzt kam. Fidelma fiel sofort auf, wie blass und aufgeregt er war.

»Was ist los mit dir?«, begrüßte sie ihn mitfühlend.

Sein Gesicht hellte sich auf, als er sie erkannte. »Lady, Gott sei gedankt, dass er dich geschickt hat.«

Fragend zog sie eine Augenbraue hoch, stieg ab und stand dem alten Wirt gegenüber.

»Du bist völlig außer dir, Ferloga. Was ist geschehen?«

»Einer meiner Gäste, Lady. Es war schon spät, und er war noch nicht aufgestanden. Da bin ich hinaufgegangen und wollte ihn wecken. Ich habe ihn gerade gefunden … im Bett … tot.«

Inzwischen war auch Caol abgestiegen und nahm Fidelma die Zügel ab. »Tot?« Sein Interesse war geweckt. »Ermordet?«

Ferlogas Augen weiteten sich vor Schreck. »Ermordet? An so was hätte ich nie gedacht.«

»Bring die Pferde in den Stall, Caol«, wies ihn Fidelma an und wandte sich dem verwirrten Gastwirt zu. »Komm, wir schauen uns mal die Leiche an. Wer ist überhaupt dieser Gast?«

Er ging vor ihr her und zuckte mit den Achseln. »Ich habe keine Ahnung, Lady. Er ist erst spät in der Nacht angekommen und hat nichts von sich erzählt. Ein älterer Mann, mehr kann ich nicht sagen.«

Gemeinsam betraten sie das Gasthaus. Ferlogas Frau Lassar ließ sich verängstigt blicken.

»Gut, dass du hier bist, Lady. Wenn die Verwandtschaft von dem Mann hier auftaucht und behauptet, wir seien mit schuld an seinem Tod, weil wir unsere Pflichten dem Gast gegenüber vernachlässigt hätten, das könnte für uns schlecht ausgehen.«

Fidelma war sich wohl bewusst, weshalb die beiden Alten sich so erregten. Die Gesetzgebung für Gastwirte, wie sie im Bretha Nemed Toisech niedergeschrieben war, legte die Verantwortlichkeiten präzise fest. Einem jeden Gast gebührte Rechtsschutz; wurde er während seines Aufenthaltes verletzt oder getötet, war er ein Opfer des als diguin bezeichneten Vergehens geworden, der Verletzung eben dieses Rechtsschutzes. Verantwortlich für die Gewährleistung des Schutzes war der Gastwirt, ganz gleich, ob es sich um eine öffentliche Herberge oder um ein privates Gasthaus handelte. Wenn er also wegen Mordes zur Rechenschaft gezogen wurde, konnte Ferloga sein Gasthaus verlieren und mit einer schweren Geldstrafe bedacht werden.

Fidelma lächelte der alten Frau aufmunternd zu. »Wo ist die

Leiche?«, fragte sie Ferloga.

Er drehte sich zu den Stufen um, die ins obere Stockwerk führten. »Hier lang«, sagte er.

Der Leichnam lag rücklings auf dem Bett. Ferloga hatte bereits die Fensterläden geöffnet, um Licht hineinzulassen. Fidelma wünschte, Eadulf wäre bei ihr; seine medizinischen Kenntnisse wären jetzt hilfreich gewesen. Sie beugte sich über den Toten und betrachtete den leblosen Körper etwas eingehender. Zwei Dinge fielen ihr sofort auf. Die Gesichtsmuskeln waren zu einer Grimasse verkrampft, als wären sie mitten in einer Schmerzempfindung erstarrt. Wirklich kalt war das Fleisch noch nicht, also konnte der Tod erst kurz vor der Morgendämmerung eingetreten sein. Zum zweiten zeigten die Lippen eine bläuliche Färbung, und zwar sehr auffällig. Sie überwand sich, schlug die Bettdecke zurück und vergewisserte sich, dass der Körper keine Spuren von physischer Gewalteinwirkung zeigte. Dann bedeckte sie den Leichnam wieder, stand auf und wollte sich dem verängstigten Ferloga zuwenden, als Caol die Treppe heraufgestürzt kam und einen ersten Blick auf den Toten warf.

»Kann ich behilflich sein, Lady?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Schau ihn dir genauer an; ich möchte wissen, ob du der gleichen Meinung bist wie ich. Nach meinem Dafürhalten ist er einem Krampfanfall erlegen.«

Sie benutzte das Wort taem, um deutlich zu machen, was sie meinte.

Caol sah hin und nickte. »Blaue und verzerrte Lippen und Muskelverkrampfung. So was hab’ ich schon früher gesehen, Lady, auf dem Schlachtfeld. Zweimal ist mir das vorgekommen: Männer haben sich in eine maßlose Kampfeswut gesteigert, sich plötzlich an die Brust gegriffen, die Gesichtszüge verzerrten sich, und dann hatten sie einen Herzanfall. Viele starben daran.«

»Dagegen scheint niemand gefeit zu sein, ob alt oder jung«, pflichtete ihm Fidelma bei. »Ich habe auch gehört, dass manche den Anfall überleben, und die haben es als einen fürchterlichen und lähmenden Schmerz in der Brust beschrieben. Nein, sei unbesorgt, Ferloga, dich kann man nicht für seinen Tod verantwortlich machen.«

Von der Tür kam ein Seufzer der Erleichterung. Lassar, Ferlogas Frau, war Caol nach oben gefolgt. Bei Fidelmas Worten war ihr ein Stein vom Herzen gefallen.

»Ich gehe runter und sorge für eine kleine Erfrischung, Lady«, meinte sie nun.

»Vielleicht hast du auch frisches Brot und Honig, das würde mich vollends beglücken«, rief ihr Caol nach.

Fidelma warf einen erneuten Blick auf den Leichnam. »Wer war er?«

»Ich hatte kaum Gelegenheit, das herauszufinden«, erwiderte Ferloga achselzuckend. »Er erreichte den Gasthof nach Einbruch der Dunkelheit, sagte bloß, er käme aus dem Norden, was mich nicht weiter überraschte, denn sein Tonfall verriet, dass er im Nordland aufgewachsen war. Auf Fragen antwortete er nicht, stellte selbst nur eine Frage, aß nichts, trank nichts und wollte nur die Bettstatt gezeigt haben.«

Aufhorchend sah Fidelma den Gastwirt an. »Stellte selbst nur eine Frage? Nämlich welche?«

»Er erkundigte sich, welchen Weg er heute früh nehmen müsste, um nach Cnánmchailli zu kommen.«

Gedankenvoll wiegte Fidelma den Kopf. »Der Platz an der Ara-Quelle? Da gibt es doch aber nichts weiter, nur eine alte Steinsäule.«

»Das hab’ ich ihm auch gesagt. Er wollte trotzdem den Weg wissen, und ich hab ihm den beschrieben.«

»Hast du dir irgendeine Meinung über den Mann bilden können? Du bist dafür bekannt, nach kürzester Zeit über deine Gäste Bescheid zu wissen.«

Er grinste ironisch. »Erst heute früh hab ich zu Lassar gesagt, dass ich am Ende meiner Weisheit bin. Zuerst dachte ich ja, er wäre irgendein frommer Bruder, bis ich dann seine Kleidung und seinen Schmuck etwas näher in Augenschein genommen hatte. Trotzdem, er bleibt mir ein Rätsel.«

»Und er ist zu Fuß hierher gekommen?«, fragte Caol. Überrascht sah Fidelma zu ihm hinüber. Wie konnte er das wissen? Erklärend fügte er hinzu: »Als ich vorhin unsere Pferde in den Stall brachte, habe ich kein anderes Pferd gesehen, das einem Gast hätte gehören können.«

Ferloga nickte bestätigend. »Er kam zu Fuß hier an; er hat sich unterwegs nur auf seinen merkwürdigen Stab stützen können.«

Fidelma ging zu dem kunstvoll geschnitzten Stab, der in einer Ecke des Raumes lehnte. Sie nahm ihn zur Hand und drehte und wendete den Stab aus dunkler Eiche, dessen Knauf mit Bronze beschlagen war. Das Metall überzog die mit winzigen Buckeln versehene Stockzwinge und auch den kunstvoll gearbeiteten Griff. Das oberste Ende war ganz aus Bronze gestaltet und hatte die Form eines Kopfes. Dargestellt war ein Mann mit Halsreif, langem Wallebart und Augen aus rot glitzernden Halbedelsteinen. Ein halbmondförmiger Kopfschmuck, der mit kleinen im Dreifußstil angeordneten Sonnensymbolen besetzt war, reichte von einem Ohr zum anderen.

»Eine wunderschöne Arbeit«, murmelte Caol, der ihr über die Schulter blickte.

»Stammt aus alten Zeiten«, ergänzte Ferloga.

»Aus sehr alten Zeiten«, bestätigte Fidelma. »Irgendwo habe ich solche Symbole schon mal gesehen, ich kann mich nur nicht erinnern, wo …«

»Der ganz Stab ist ein einziges Schnitzwerk, von oben bis unten voller geheimnisvoller Symbole und Tiere. Er muss ungemein wertvoll sein«, sagte Caol sinnend.

»Hatte er sonst noch etwas bei sich, was Rückschlüsse auf seine Person zuließe?«, fragte Fidelma an Ferloga gewandt.

Der Gasthausbesitzer wies auf einen Lederranzen, den der Mann bei seiner Ankunft über der Schulter gehabt hatte. Auf dem Tischchen neben dem Bett lag auch der mit vielen Gravuren versehene Halsschmuck, den er am Abend zuvor getragen hatte. Offensichtlich hatte der Gast ihn abgelegt, bevor er sich zur Ruhe begab.

»Außer seinem Überwurf und der sonstigen Kleidung hatte er nur den Ranzen und das Schmuckstück da.«

In dem Ranzen fanden sich nur einmal Wäsche zum Wechseln, ein zusätzliches Paar Sandalen, ein Messer und die üblichen Dinge, die ein Mann zur Körperpflege auf Reisen bei sich führt. Sonst nichts. Wenn schon der Stab ein Kunstwerk besonderer Art war, dann galt das für den Halsschmuck um so mehr. Der sichelförmige Reif war aus Gold und filigran gehämmert, alle möglichen Symbole aus alten Zeiten reihten sich aneinander; auch sie kamen Fidelma von irgendwoher bekannt vor, aber wirklich einordnen konnte sie sie nicht. Sie wollte sich gerade dazu äußern, als Caol einen Ausruf der Überraschung von sich gab.

Sie drehte sich zu ihm um und sah, wie er unter dem Kissen, auf dem der Kopf des alten Mannes ruhte, einen kleinen Lederbeutel hervorzog. Als er ihn hochhielt, vernahmen sie ein metallenes Geräusch. Er reichte das Säckchen Fidelma.

»Es sieht so aus, als ob der fremde Alte reich war.«

Fidelma löste das Band, dass den Beutel zusammenhielt, und tatsächlich war er voller Münzen, überwiegend Gold und Silber, manche auch Bronze. Sie betrachtete einige eingehender.

»Es sind im wesentlichen Münzen aus Gallien und Britannien, Münzen von der Sorte, wie sie die Britannier prägten, ehe die Römer kamen. Merkwürdig. Nicht eine römische Münze dazwischen, und dabei sind das die, die heutzutage am meisten von Hand zu Hand gehen.«

»Das heißt, der Alte wollte auch Gallien oder Britannien durchwandern«, schlussfolgerte Caol.

Fidelma schüttelte den Kopf. »Das heißt lediglich, dass er im Besitz von Münzen aus besagten Ländern war, aber sie sind Jahrhunderte alt. Mehr lässt sich im Moment nicht dazu sagen, wir haben keine weiteren Anhaltspunkte. Wenn sich jemand auf Reisen begibt und dafür Geld braucht, warum dann nicht Münzen, mit denen man hier und heute zahlt?«

»Da hast du recht«, gab Caol kleinlaut zu. »Aber soviel kann man doch sagen, dass er wahrscheinlich so etwas wie ein Kaufmann war, sonst hätte er wohl kaum fremdländische Münzen besessen, noch dazu so viele davon. So reich sind nur Kaufleute.«

»Ich glaube nicht, dass er Kaufmann war.«Die Bemerkung kam von Ferloga, und Fidelma blickte ihn fragend an.

»Nicht alle haben sich zum Neuen Glauben bekannt, Lady«, gab er zu bedenken. »Du hast es selbst erfahren. Einige halten an den alten Vorstellungen fest.«

Sie begriff, was der Wirt mit seinen Worten andeuten wollte. Noch einmal nahm sie den Halsschmuck des Toten in Augenschein und prüfte ihn sorgsam. Dann atmete sie tief durch; was Ferloga insgeheim befürchtete, stimmte.

»Jetzt verstehe ich gar nichts mehr«, sagte Caol stirnrunzelnd.

»Ferloga meint, der Tote könnte ein Druidenpriester gewesen sein.«

»Die alten Religionen sind doch aber ausgestorben. Die Druiden gibt es gar nicht mehr.«

»Ich habe mehr als einmal mit Menschen zu tun gehabt, die sich von dem Alten Glauben nicht trennen wollen«, erklärte sie bitter. »Es ist noch gar nicht so lange her, dass man Eadulf und mich ins Tal von Gleann Geis schickte, als Leisre beschloss, dass seine Leute von den alten Auffassungen lassen und sich zum Neuen Glauben bekennen sollten.«

»Glenn Geis liegt weit weg im Westen«, spöttelte Caol abfällig. »Die hinken immer hinterher.«

Fidelma musste über die Anmaßung des jungen Kriegers lächeln. »Oder aber sie schlagen eine gänzlich andere Richtung ein«, bemerkte sie ruhig. »Du schätzt die Lage falsch ein, Caol. Es gibt mehr als genug, die auf alten Pfaden wandeln und den alten Göttern und Göttinnen dieses Landes huldigen. Viele, selbst solche, die sich zum Neuen Glauben bekannt haben, verehren und schätzen die Druiden und sehen sie heute wie damals als zu bewundernde Lehrer. Hat nicht sogar Colmcille, die Taube der Kirche, in einem seiner Gedichte geschrieben, dass Christus, Sohn des Einen Gottes, sein Druide war?«

Caol zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Du willst also sagen, der Tote da war ein Druide?«

»Es würde zumindest in die Richtung passen, dass ich ihn anfangs für einen frommen Bruder hielt«, warf Ferloga ein, »auch wenn er gewiss nicht zum christlichen Glauben gehört. Die Symbole an seinen Sachen sprechen für sich. Das sind genau die Symbole, die auf den alten Steinen eingemeißelt sind, bei denen früher die Leute zur Götterverehrung zusammengeströmt sind. Und schließlich hat er auch nach dem Weg nach Cnánmhchailli gefragt, dem Ort, wo die alte Steinsäule steht.«

Gedankenverloren nickte Fidelma. »Du magst durchaus recht haben, Ferloga. Nur können wir jetzt kaum etwas tun, das uns weiterhilft beim Herausfinden, wer er ist. Wir müssen warten, bis man ihn vermisst und jemand kommt und ihn sucht.«

»Wenn ich nur wüsste, was ich machen soll, Lady«, jammerte der Wirt. »In meinem Gasthaus ist noch nie einer gestorben.«

Fidelma überlegte kurz.

»Wir nehmen seine Habseligkeiten mit nach Cashel. Bruder Conchobhar kennt sich in den alten Gebräuchen und Symbolen aus. Vielleicht kann er uns mehr über ihre Bedeutung erzählen, und wir können dann leichter zurückverfolgen, woher der Mann kam.«

»Und die Leiche? Was wird mit der?«, fragte er unglücklich.

»Jenseits des Hügels gibt es eine kleine Kapelle«, beruhigte ihn Caol. »Zwei fromme Brüder tun dort ihre Dienste, und ganz in der Nähe ist auch ein Gottesacker. Schick jemand dorthin, sie sollen kommen, den Toten holen und ihn ordentlich bestatten. Egal, welchen Glaubens er war, man muss ihn unter die Erde bringen, wie es sich gehört.«

Ferlogas Gesicht wurde immer länger. Fidelma erkannte die Sachlage, langte nach ihrem Geldbeutel und drückte dem Alten ein paar Münzen in die Hand.

»Sag ihnen, es sei mein ausdrücklicher Wunsch, dass der Tote eine angemessene Bestattung erfährt. Mach dir keine Sorgen, das hier reicht allemal, um ihn zur letzten Ruhe zu betten.«

»Das kann ich doch nicht annehmen …«, wehrte Ferloga wenig glaubhaft ab.

»Ich nehme die Börse des Toten an mich«, fiel sie ihm ins Wort. »Ich hoffe, dass wir mit Hilfe der Münzen mehr über ihn erfahren. Und du sollst deshalb keine Einbuße erleiden. Wenn jemand hier auftaucht und nach ihm fragt, schick ihn zu uns nach Cashel.«

Er sah immer noch bedrückt aus. »Gott segne dich, Lady.« Und nach kurzem Zögern fragte er besorgt: »Glaubst du, jemand könnte kommen und nach ihm fragen?«

»Was beunruhigt dich an dem Gedanken?«

Er nagte nervös an der Unterlippe, ehe er mit der Sprache herausrückte. »Wenn er der alten Religion anhing, können die, die da vielleicht kommen, auch von der Sorte sein. Wir hier sind gute Christen. Mein Großvater wurde im Siúr getauft, der heilige Ailbe höchst persönlich hat das besorgt.«

»Du machst dir unnötig Gedanken«, beschwichtigte sie ihn.

»Wenn aber der Mann ein Heide war und sich in den Künsten von damals, den Beschwörungen und Verwünschungen auskannte …«

»Wir haben kein Recht so zu tun, als ob wir das Gute für uns gepachtet hätten, Ferloga«, mahnte sie. »Der Neue Glaube verlangt von uns, allen Menschen mit Nachsicht und Freundlichkeit zu begegnen und keine Vorbehalte gegenüber denen zu haben, die andere Wege beschreiten.«

Sie warf Caol einen Blick zu. Der verstand sie auch ohne Worte, ergriff Halsreif, Stab, Ranzen und den Beutel mit den Münzen und folgte ihr nach unten, wo Ferlogas Frau Lassar bereits einen Imbiss vorbereitet hatte und sie ein gedeckter Tisch erwartete.

Ferloga ging nach draußen, um den Burschen, der ihm für gewöhnlich im Stall und bei der Arbeit im Freien zur Hand ging, zur Kapelle zu schicken und die Hilfe der frommen Brüder zu erbitten, wie ihm Fidelma geraten hatte. Fidelma und Caol hingegen gönnten sich eine erste Morgenmahlzeit und sprachen dem frisch gebackenen Brot mit Honig und dem süßen Met herzhaft zu. Fidelma vergaß nicht, auch Lassar zu beruhigen und ihr zu erklären, wie die Dinge standen. Als Ferloga wieder den Raum betrat, fragte sie ihn, ob er Neues aus Cashel gehört hätte. In Gasthäusern sprachen sich Neuigkeiten und Gerüchte immer rasch herum.

Aufsehenerregendes hatte er nicht zu berichten. »In den letzten Tagen hat sich nichts ereignet, worüber es zu reden lohnte, Lady. Eher könnte ich fragen, ob es aus Lios Mhór etwas Interessantes gibt. Ist dir dort das eine oder andere zu Ohren gekommen?«

Sie schüttelte den Kopf. Es war eine langweilige Woche gewesen, lauter harmlose Strafsachen: Ein Mann, der seiner Frau den Unterhalt versagte, oder ein anderer Fall von einer Frau, die behauptete, vergewaltigt worden zu sein, doch konnte dem beschuldigten Mann nichts diesbezügliches nachgewiesen werden. Fidelmas Nachforschungen hatten ergeben, dass die Klage ein kleiner Racheakt seitens der Frau gewesen war, weil der Mann sie nicht gewollt hatte. »Nein, nur Banalitäten. Sind gar keine Reisenden bei euch eingekehrt, die etwas zu erzählen wussten?«

»Nur ein paar fromme Männer neulich, die vor kurzem aus dem Königreich Dál jenseits des Meeres gekommen waren.«

Fidelma horchte auf, denn auch sie war einst durch Dál Riada gereist und hatte sich auf der winzigen Insel Í, bekannt unter Iona, aufgehalten, wo Colmcille eine Abtei gebaut hatte. Fast fünf Jahre lag das zurück, dass sie dort gewesen war auf dem Weg zur Synode von Whitby, wo es um die große Debatte zwischen den irischen Geistlichen und denen ging, die die römische Vorherrschaft unterstützten.

»Und was haben sie gesagt? Schickt Iona immer noch Missionare in die angelsächsischen Königreiche?«

»Davon haben sie nichts erwähnt. Sie erzählten von Kämpfen zwischen den Clans der Cruithin und auch zwischen den Angelsachsen untereinander. In Dál Riada aber sei es friedlich. Dem König – sie sprachen von einem Domangart, Sohn des Diomhnall Brecc – sei es gelungen, Eintracht und Frieden im Land herzustellen. Sie behaupteten, jeder wüsste nur Gutes über den König zu sagen.«

»Es gibt also eine gedeihliche Entwicklung dort?«

»Ja, aber auch Besorgnis und Unruhe wegen eines angelsächsischen Königs namens Wulfhere, der über das Königreich Mercia herrscht. Wenn ich richtig verstanden habe, liegt das südlich von Dál Riada. Die Reisenden sagten, er wolle seine Landesgrenzen ausdehnen, nicht nur innerhalb der angelsächsischen Königreiche, sondern auch über sie hinaus. Bei einem Einfall in Gwynedd hätte man die große Abtei der Britannier niedergebrannt, berichteten sie. Viele Mönche sollen umgekommen sein.«

Was sie zu hören bekam, stimmte Fidelma traurig. »Anscheinend müssen die Angelsachsen sich immer bekriegen; wenn sie sich nicht mit den Nachbarn streiten, dann eben untereinander.« Den Satz aussprechen und an Eadulf denken war eins; schuldbewusst errötete sie. Und doch hatte sie recht, fand sie.

»Ach ja, dann haben sie noch gesagt, der Abt von Iona wäre gestorben.«

»Cumméne der Gerechte?«, fragte sie erschrocken.

»Eben den Namen nannten sie, Lady. Du weißt aber auch alles«, fügte er bewundernd hinzu.

Sie tat die Bemerkung mit einem Achselzucken ab.

»Ich bin dem alten Abt begegnet, als ich damals durch das Land reiste.« Cumméne war ein anerkannter Gelehrter, der siebente Abt seit der Gründung des Klosters durch Colmcille, der eine Schrift über das Leben und Wirken des heiligen Gründers geschrieben hatte. »Ist er eines natürlichen Todes gestorben?«

»So sagten sie jedenfalls. Er soll hochbetagt und nicht bei bester Gesundheit gewesen sein.«

»Haben sie ein Wort darüber fallen lassen, wer sein Nachfolger ist?«

»Failbe von den Cenél Conaill.«

Offensichtlich folgte Iona den Gepflogenheiten vieler irischer Klöster, wonach die Leitung der Abtei innerhalb der Familie weitergegeben wurde und die Wahl durch die derbfine erfolgte, einen Rat aus Vertretern dreier Generationen der Familie des ersten Abts. Failbe, den sie damals auch getroffen hatte, war ein Neffe eines anderen ehemaligen Abts, Ségene, und der war ein Vetter von Colmcille, dem Begründer der Abtei.

»Failbe wird mit vielem zu ringen haben«, dachte sie laut. »Cumméne zu ersetzen wird schwer, er war ein großer Denker und weiser Gelehrter.«

Sie plauderten noch eine Weile, dann stand Fidelma auf und erklärte, man müsse nun weiter nach Cashel.

Caol ging und holte die Pferde aus dem Stall, während Fidelma den beiden Wirtsleuten noch einmal versicherte, dass es keinen Grund gäbe, sich für den Tod des Fremden in ihrem Haus verantwortlich zu fühlen. Bald darauf waren sie auf der Straße, die aus Ráth na Drinne hinausführte und strebten dann weiter auf einem Weg, der sich durch den Wald schlängelte, der Felsenburg ihres Bruders entgegen.

KAPITEL 2

Der Ritt zur Festung von Cashel war ohne Zwischenfälle verlaufen. Sowie sie dort ankamen, überließ Fidelma die Pferde Caol und eilte zu ihren Privaträumen, die sie mit Eadulf zusammen bewohnte. Muirgen, die Amme, hatte bereits von ihrer Ankunft erfahren und stand mit dem kleinen Alchú an der Hand in der Tür, um sie willkommen zu heißen. Mit einem raschen Blick vergewisserte sich Fidelma, dass das Kind gesund und fröhlich war, kauerte sich nieder und streckte ihm die Arme entgegen. Muirgen ließ den Kleinen los, und jauchzend tappelte er auf seine Mutter zu. Überglücklich herzte und koste sie den Jungen, der vor Vergnügen laut quiekte.

Dankbar lächelnd schaute sie zu der alten Amme auf. »Ist alles gut gegangen, Muirgen?«

»Alles ist in bester Ordnung. Und schon gestern ist Bruder Eadulf zurückgekommen, auch er ist wohlauf.«

»Er ist bereits da?«, fragte Fidelma überrascht. »Wo ist er?«

»Bei Bischof Ségdae; sie besprechen das Ergebnis seiner Reise nach Ros Ailithir. Kein Grund zur Beunruhigung. Soll ich das Bad richten, oder möchtest du erst etwas zu dir nehmen?«

Fidelma stand auf und warf ihren Reitmantel aus Dachsfell ab.

»Wir haben am Vormittag eine Rast gemacht und uns in Ferlogas Gasthaus ein Frühstück gegönnt, insofern wäre mir ein Bad jetzt recht.« Sie wandte sich wieder dem Kleinen zu. »Komm auf meinen Schoß, mein Schatz. Muirgen geht und bereitet das Badewasser für mich. Deine Mutter ist viele Stunden geritten und ist ganz staubig von dem langen Weg.«

Muirgen war im Begriff, ihren Auftrag zu erledigen, als die Tür aufgerissen wurde und Eadulf hereingestürmt kam.

»Man hat mir soeben gesagt, dass …«. Mitten im Satz brach er ab, weil er Fidelma erblickte. Freudig eilte er ihr entgegen, während Muirgen sich taktvoll zurückzog.

Schon bald überfiel er seine Frau mit Fragen. Klein-Alchú hatte sich in eine Zimmerecke getrollt und spielte. Sie berichtete ihm von ihren ermüdenden Tagen in Lios Mhór. Auch für Eadulf war der Ritt nach Ros Ailithir eine der langweiligsten Unternehmungen gewesen, ganz zu schweigen von dem sich in die Länge ziehenden Rückweg. Dann sah er den Stab, den Fidelma mitgebracht hatte. Er nahm ihn zur Hand und betrachtete neugierig die Verzierungen daran.

»Ein bemerkenswertes Geschenk, das man dir da gemacht hat.«

»Ich habe ihn nicht geschenkt bekommen«, beeilte sie sich zu sagen und erklärte ihm, was sich in Ferlogas Gasthaus zugetragen hatte. »Ich gedachte ihn Bruder Conchobhar zu bringen, dessen Wissen ist unerschöpflich. Ich will nur erst baden und ein wenig ruhen, dann suche ich ihn auf.«

Sie zeigte Eadulf auch die anderen Sachen, die sie aus dem Gasthaus mitgenommen hatte. »Und nichts davon gibt einen Anhaltspunkt, wer der Mann gewesen sein könnte?«

Sie schüttelte den Kopf. »Es täte mir leid, wenn man ihn namenlos begraben müsste, denn nach den Dingen, die er bei sich führte, muss er ein Mann von Bedeutung gewesen sein.«

»Und auch die Münzen sind wertvolle Stücke«, meinte Eadulf. »Wer oder was mag er gewesen sein?«

»Darüber zu spekulieren ist reine Zeitvergeudung. Lass uns abwarten, was der alte Conchobhar dazu sagt.«

 

Erst am späten Nachmittag begab sich Fidelma zu Bruder Conchobhars Apotheke, die etwas abseits von der Kapelle auf dem Burggelände lag. Eadulf war noch einmal zu Bischof Ségdae gerufen worden, der weitere Dinge mit ihm besprechen wollte, und so hatte sie sich allein auf den Weg gemacht. Als sie den düsteren Raum betrat, verschlug ihr der Moschusgeruch von getrockneten Kräutern und Mixturen kurz den Atem. Der Duft war nicht unangenehm, hing aber schwer in der Luft. Unter einer tief hängenden Öllampe ganz hinten beugte sich ein alter Mann in abgetragenem und beflecktem braunen Gewand über einen Tisch und hantierte zwischen Schälchen und Gefäßen mit Stößel und Mörser.

Er schaute auf, erhob sich von seinem Schemel und kam ihr freundlich lächelnd mit ausgestreckten Armen entgegen, um sie zu begrüßen. Bruder Conchobhar kannte Fidelma seit ihrer Kindheit, hatte er doch schon ihrem Vater, König Failbe Flann, und auch davor und danach anderen Königen von Cashel gedient. Viele konnten sich die Hauptstadt von Muman ohne den alten Conchobhar, den Apotheker, Arzt und Astrologen, überhaupt nicht vorstellen. So manchem hatte er seine Kenntnisse weitergegeben, auch der jungen Fidelma, die eifrig darauf bedacht gewesen war, auf möglichst allen Gebieten gediegenes Wissen zu erlangen.

Obwohl sie sich lange genug kannten, redete Bruder Conchobhar sie stets mit »Lady« an; dass er sie bei all ihren Kinderkrankheiten umsorgt, sie unterrichtet und sie beraten hatte, spielte dabei für ihn keine Rolle. Nur ein einziges Mal hatte sie seinen Rat nicht befolgt, und das war, als er gemeint hatte, sie wäre nicht der Mensch, um in der Abtei von Cill Dara das Leben einer Nonne zu führen. Tatsächlich kannte er ihr Wesen so gut, dass er ihr rundweg davon abriet, sich der Lebensführung einer frommen Schwester zu verschreiben. Nie hatten sie darüber ein Wort verloren, dass sie schon kurz nach ihrem Eintritt das Kloster wieder verließ. Sie war berechtigt, mit »Schwester« angeredet zu werden, er aber hielt es für angebracht, sie daran zu erinnern, dass sie die Tochter eines Königs und die Schwester eines Königs war und darüber hinaus aus der Linie der Eóghanacht stammte. In seinen Augen gebührte ihr die Anrede »Lady« als die Ehrfurcht gebietende Form.

»Ich hoffe doch, es ist alles zum besten bestellt, Lady«, nahm er sogleich das Wort. »Nicht, dass dich und die Deinen Beschwerden plagen und ihr meiner Rezepturen bedürft.«

Warmherzig erwiderte sie sein Lächeln. »Nein, wir sind alle wohlauf und brauchen deine Fürsorge und Mittelchen nicht, guter Freund. Was ich jedoch brauche, ist dein Wissen und deinen Rat.«

»Womit kann ich dienen, Lady?« Er bemerkte den Stab in ihrer Hand und warf einen interessierten Blick auf ihn.

»Sagt der dir etwas?«, fragte sie. Er nahm ihn, ging damit ans Licht und betrachtete ihn sorgfältig von allen Seiten.

»Es ist lange her, dass ich so etwas gesehen habe, da war ich noch ein Kind«, offenbarte er ihr schließlich. »Es ist ein sehr altes und schönes Stück. Wo hast du ihn her?«

»Du siehst so einen Stab also nicht zum ersten Mal? Erzähl mir erst, was du darüber weißt«, drängte sie ihn.

»Es ist ein alter Stab, wie ihn zu Zeiten, bevor der Neue Glaube in unser Land gebracht wurde, die weisen Lehrer bei sich führen durften.«

»Du meinst die Druiden?«

Bruder Conchobhar nickte mehr zu sich selbst. »Die Druiden, und dem Begriff gebührt Respekt, denn das Wort ›vid‹ bedeutet ›Wissen‹, und die Vorsilbe ›dru‹ steht für ›Versenkung‹. Die Druiden galten als Menschen, die sich in ihr Wissen versenkten. Niemand war weiser oder besser unterrichtet als sie.«

Fidelma konnte ihre Ungeduld nicht verbergen.

»Ich weiß über die Druiden sehr wohl Bescheid. Ich habe auch mit Leuten zu tun gehabt, die sich bis heute so nennen. Trotzdem sind es Menschen, die an dem Alten Glauben und den alten Vorstellungen festhalten.«

»Aber dieser verzierte Stecken hier spricht für einen Weisen von Rang. Wo hast du den Stab her?«, wiederholte er seine Frage.

Fidelma berichtete ihm von den Geschehnissen in Ferlogas Gasthaus. Was er zu hören bekam, stimmte Conchobhar nachdenklich.

»Hatte er noch andere Dinge bei sich? Irgendetwas anderes außer dem Stab?«

Fidelma langte in ihren Beutel und reichte ihm den glänzenden Halsschmuck; die in die halbmondförmige Platte gehämmerten fremdartigen Muster und Symbole funkelten prächtig. Ganz gegen seine Gewohnheit gab Bruder Conchobhar einen leisen Pfeifton von sich.

»Ich hätte nicht gedacht, dass ein Gegenstand wie dieser den Übereifer derer, die den Neuen Glauben in unserem Land verbreiteten, überdauern würde. Nur einmal habe ich bisher etwas Ähnliches gesehen, und das war bei der Leiche eines Mannes. Man sprach von ihm als einem großen Lehrer, ein Mystiker war er, wenn auch ein Heide. Ein Krieger nahm den Stab, und der wurde dann auf Anweisung eines Priesters zusammen mit dem Leichnam ins Meer geworfen, begleitet von vielen Gebeten und lauten Rufen, Christus möge die Frommen schützen.«

Fidelma schüttelte betrübt den Kopf. »Aberglaube und Furcht bringen uns nicht weiter.«

»Ohne ein gewisses Maß an Furcht gewinnt kein Glaube an Boden«, philosophierte der Alte. Fast klang er besorgt. »Der Glaube ist nichts Logisches, sonst wäre er kein Glaube. Seinerzeit fanden die Verkünder des Neuen Glaubens Anhänger, wenn ihre Wunderkraft stärker als die der alten Götter war. Deshalb mussten wundersame Legenden erfunden und verbreitet werden; die Menschen sollten erfahren, welche Macht die frühen Glaubensväter über ihre heidnischen Widersacher hatten. Das war der Grund, weshalb der heilige Patrick durch die Feuer zu gehen vermochte oder der heilige Ailbe den Sohn des Mac Dara zum Leben wiedererwecken konnte, nachdem er im Fluss ertrunken war. Wir brauchen doch bloß an die Geschichte zu denken, wie Patrick den Schädel des Druiden Lochru an einem Felsen zerschmettert hat. Wie es heißt, tat er das mit Hilfe seiner magischen Kräfte. Es ging darum zu zeigen, dass seine Zauberkraft von größerer Wirksamkeit war als die der anderen. Aus Furcht bekannten sich die Menschen zu dem Glauben, den er verkündete, er schien verheißungsvoller für ihr Wohlergehen. Der Glaube stützt sich auf Furcht.«

So recht einverstanden mit seiner Beweisführung war Fidelma nicht, wenngleich ihr all die Geschichten wohl bekannt waren. Aber sie selber glaubte an keinerlei Wunder.

»Du hältst das hier also für ein Symbol des Alten Glaubens?«, fragte sie rasch, als sie merkte, dass Bruder Conchobhar im Begriff war, seinen Gedanken weiterzuführen.

Er nickte bedächtig. »Der Stab kann durchaus das einzige verbliebene Symbol eines großen Druiden sein.«

»Du meinst, der alte Mann, der in Ferlogas Gasthaus gestorben ist, war ein bedeutender Vertreter des Alten Glaubens?«

»Mit Sicherheit kann man das nicht sagen, aber es geschieht selten, dass ein Mann Gegenstände dieser Art mit sich führt. Ist dir sonst irgendetwas über ihn bekannt? Weiß jemand, woher er kam und wohin er wollte?«

»Er war offensichtlich aus dem Norden. Ferloga, den Gastwirt, hat er gefragt, wie er am besten nach Cnánmchailli kommt. Dabei gibt es in der Gegend dort gar keine Ansiedlungen. Das ist eine ganz öde und menschenleere Ecke.«

Bruder Conchobhar machte große Augen. »Wenn man von der alten Steinsäule absieht«, bemerkte er leise.

»Das hat Ferloga auch gesagt«, gab Fidelma mürrisch zu. »Aber warum zieht es jemanden zu einer alten, halb verfallenen Steinsäule? Ich bin zigmal da vorbeigekommen. An der ist doch nichts Besonderes dran.«

»In deinen Augen vielleicht nicht. Wenn dieser Mann aber wirklich einer von denen war, die an den heidnischen Bräuchen festhalten, dann war es aus seiner Sicht durchaus verständlich, dass er dorthin wollte.«

»Wieso das?«

Vertraulich beugte er sich zu ihr vor. »Hast du schon mal was von den Mug-Ruith-Legenden gehört?«

»Dem Sonnengott der Heiden?«

Der alte Mann nickte. »Er wurde als mac seanfhesa, Sohn alter Weisheit, bekannt, als Oberhaupt aller Druiden in den fünf Königreichen. Er fuhr auf einem großen Wagen, der nachts wie das helle Tageslicht leuchtete. Bevor der heilige Ailbe von Imleach die Lehren des Christus in diese Ecke der Welt brachte, ging die Mär um, die Steinsäule wäre ein Stück aus dem Rad des großen Wagens von Mug Ruith, und es stünde dort versteinert.«

Fidelma konnte sich eines zynischen Lächelns nicht erwehren, doch Bruder Conchobhar schüttelte tadelnd den Kopf.

»Es ist nicht rechtens, anderer Menschen Glauben zu missachten, ohne zu wissen, wovon man spricht. Bei denen, die am Alten Glauben festhalten, heißt es, Mug Ruith sei ihr großer Streiter gegen das Christentum, und sein Roth Fáil, das Lichtrad, würde sich eines Tages als ein Werkzeug der Zerstörung erweisen, das die Lehren Christi aus den fünf Königreichen treibt; der Tag würde kommen, da wir alle wieder dem alten Glauben folgen. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Anhänger des alten Glaubens in der Hoffnung leben, das Roth Fáil zu finden.«

»Eine alte Steinsäule und das Roth Fáil, das passt wohl kaum zusammen«, wehrte Fidelma ab.

»Die alten Druiden sprachen in Symbolen. Wer will schon wissen, was sie tatsächlich meinten? Hatte der Mann sonst noch etwas bei sich?«

Sie holte das Säckchen mit den Münzen hervor. »Das hier.«

Bruder Conchobhar schüttete die Münzen auf den Tisch und betrachtete sie.

»Römische Münzen?«, fragte er.

»Schau nur genauer hin. Es sind alte Münzen von der Art, wie sie die Britannier und Gallier hatten, ehe die Römer kamen. Ich habe sie auf früheren Reisen schon mal gesehen. Es sind uralte Münzen aus Gallien, die Jahrhunderte vor Christi Geburt geprägt wurden. Auf manchen ist sogar der Name Tasciovanus zu erkennen, der zwei Generationen vor der Invasion der Römer in Britannien regierte. Siehst du die Buchstaben CAM hier auf dem Goldstück? Die stehen für seine Hauptstadt Camulodunum. Nicht eine der Münzen stammt aus jüngerer Zeit, als sich Rom hier breitmachte. Es sind die ältesten Münzen unserer westlichen Welt.«

»Was für Beweggründe mag der Mann gehabt haben, diese Art Münzen bei sich zu tragen?«, überlegte der Apotheker stirnrunzelnd und ging die Münzen noch einmal durch. »Sie zeugen eindeutig von Wohlstand.«

Fidelma zuckte mit den Schultern. »Ich hatte gehofft, du mit deinem großen Wissen hättest eine Erklärung dafür.«

»Leider nicht.«

»Ich lasse die Beweisstücke bei dir, guter Freund, vielleicht kommt dir doch noch ein Gedanke. Wenn der Tote wirklich einer von denen aus vergangenen Zeiten war, einer, der nicht den Neuen Glauben anerkannte, dann wäre es schon interessant zu wissen, was er vorhatte. Denkst du wirklich, er war auf der Suche nach dem Roth Fáil?«

»Vielleicht. Es könnte aber auch noch etwas anderes dahinterstecken.«

»Was willst du damit sagen?«

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass von denen, die an dem Alten Glauben festhalten, eine neue und wachsende Bewegung ausgeht.«

»Eine wachsende Bewegung?«, fragte sie überrascht. »Davon höre ich zum ersten Mal.«

Bruder Conchobhar neigte ernst den Kopf. »Ich hab’s von Reisenden aus Inis Celtra im Roten See.«

»Das ist die Schule, die der heilige Caiman begründet hat. Ich kann mich noch gut an ihn von meinen Kindheitstagen her erinnern. Ein gütiger alter Mann; er starb, als ich schon fort war und auf der Schule von Brehon Moran lernte.«

»Stimmt. Die Reisenden von Inis Celtra erzählten, ihnen seien aus etwas abseits liegenden Regionen von Connacht Geschichten zugetragen worden, denen zufolge christliche Pilger von Banden überfallen worden wären, die sich als Anhänger des Alten Glaubens ausgaben und ein Totem mit einem Wolfskopf bei sich trugen.«

»Ein Wolfskopf?«

»Seinerzeit«, fuhr Conchobhar ernst fort, »gab es unter den Corco Baiscinn, das ist der Stamm, der in der Nähe des Roten Sees angesiedelt ist, eine Bande, die an der alten Religion festhielt und sich ›Wolfsgemeinschaft‹ nannte.«

»Und diese Geschichten, beruhen die nur auf Hörensagen, oder konnten deine Gäste bezeugen, dass es die Überfälle tatsächlich gegeben hat?«

Der alte Mann zuckte mit den Achseln. »Sie gaben weiter, was sie gehört hatten.«

Fidelma schürzte die Lippen und schaute ungläubig drein. »Dann müssen wir das nicht allzu ernst nehmen. Das weißt du genauso gut wie ich. Es ist gerade erst zweihundert Jahre her, dass der Neue Glaube in unserem Land Fuß gefasst hat. Ich verschließe nicht die Augen davor, dass es hier und da Gruppen gibt, die noch an die alten Götter glauben, aber meist sind das alte Leute, die nicht von den Traditionen unserer Vorfahren lassen können. Gewalttätig sind die eigentlich nicht, und die alten Glaubensvorstellungen predigten auch nicht Brutalität oder Gewalt als Tugenden. Ich bin wiederholt Menschen begegnet, die sich ans Althergebrachte klammern, und doch leben sie mit ihren christlichen Brüdern in friedlicher Eintracht. Im Grunde genommen können sie einem fast leid tun, denn sie müssen zusehen, wie die Jungen sich eifrig zum Neuen Glauben bekennen, und sie begreifen, dass die Zukunft des Landes unweigerlich mit den Lehren Christi verbunden ist.«

Bruder Conchobhar nickte bedächtig, doch der besorgte Ausdruck wich nicht von seinem Gesicht. »Die Durchreisenden haben jedenfalls die Geschichte mit solcher Überzeugung vorgetragen, dass Brehon Baithen mit ein paar Kriegern deines Bruders nach Inis Celtra aufgebrochen ist, um nachzuschauen, wie es dort wirklich ...

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