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Tod bei Vollmond

Peter Tremayne

Tod bei Vollmond

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Susanne Olivia Zylla

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

HISTORISCHE ANMERKUNG

HAUPTPERSONEN

IN CASHEL

IN RATH RAITHLEN

IN DER ABTEI DES HEILIGEN FINNBARR

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

EPILOG

 

Für Denis, den O’Long von Garranelongy, den Nachkommen des Fürsten Longadh der Eoghanacht, der ein Zeitgenosse Schwester Fidelmas war, und für Lester, Madam O’Long, in Dankbarkeit für ihre Freundschaft und Gastlichkeit.

 

|7|Mögen weder Dämonen, Krankheit, Unglück noch schreckliche Träume unseren Schlaf, unseren Wunsch nach Ruhe, stören.

Ein Abendgebet

Dem heiligen Patrick zugeschrieben,

5. Jahrhundert

|8|HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen in der Mitte des siebenten Jahrhunderts und sind hauptsächlich in Irland angesiedelt.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die einst der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dálaigh, eine Anwältin an den Gerichten des alten Irland. Da dieser Hintergrund nicht allen Lesern vertraut sein mag, soll dieses Vorwort einige wesentliche Dinge erläutern und damit zu einem besseren Verständnis der Vorgänge beitragen.

Das damalige Irland bestand aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige irische Wort für Provinz lautet cúige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige – von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) – erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Rí oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche war die Macht noch einmal unter Kleinkönigreichen und Stammesgebieten aufgeteilt.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war in Irland unbekannt. Das |9|Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen versammelt sein mußten. Diente ein Herrscher nicht dem Wohl seines Volkes, wurde er angeklagt und abgesetzt. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irland mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien, die sich im Mittelalter in Europa entwickelten.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, das das Gesetz der Fénechus, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Der Überlieferung nach wurden diese Gesetze zuerst im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ollamh Fódhla zusammengefaßt. Im Jahre 438 berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Ihr gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert wieder, das heute in der Royal Irish Academy in Dublin aufbewahrt wird. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland letztendlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterdrücken. Selbst der Besitz des Gesetzbuches wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Verbannung.

|10|Das irische Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Féis Teamhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze entsprechend der sich verändernden Gesellschaft und deren Bedürfnissen.

Diese Gesetze wiesen der Frau eine einzigartige Stellung zu. Sie gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Gesetzeswerk jener Zeit oder späterer Jahrhunderte. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten ihr Volk als Krieger in Schlachten befehligen, politische Führer sein, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Ärzte, Anwälte und Richter werden. Wir kennen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Bríg Briugaid, Áine Inguine Iugaire, Darí und viele andere. Darí zum Beispiel war nicht nur Richterin, sondern auch die Verfasserin eines berühmten Gesetzestextes, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde.

Die Gesetze schützten Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleichem Rechtsfuß von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld, ob sie nun zu Hause lagen oder im Hospital. Im alten Irland gab es die ersten Krankenhäuser, die in Europa bekannt sind. Aus heutiger Sicht beschrieben die Gesetze der Brehons eine beinahe ideale Gesellschaft.

Fidelma studierte an der weltlichen Hochschule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren Studium erlangte sie den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen |11|oder kirchlichen Hochschulen des alten Irland zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist noch heute das irische Wort für Professor. Fidelma hatte die Rechte studiert, sowohl das Strafrecht Senchus Mór als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill. Deshalb wurde sie dálaigh, Anwältin bei Gericht.

Ihre Hauptaufgabe bestand ähnlich der eines heutigen schottischen Richters darin, unabhängig von den Befugnissen der Ordnungshüter Beweismittel aufzunehmen, einzuordnen und festzustellen, ob sich in einem Rechtsfall weitere Ermittlungen lohnen oder ob er eingestellt werden sollte. Der französische juge d’instruction hat heute noch entsprechende Aufgaben. Fidelma durfte darüber hinaus auch vor Gericht als Vertreterin der Anklage oder als Verteidigerin auftreten oder mußte sogar in weniger schwerwiegenden Fällen das Urteil sprechen, wenn ein Brehon dafür nicht abkömmlich war.

In jener Zeit gehörten die meisten Vertreter des Gelehrtenstandes den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der geistigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft von Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war. Zu der Zeit jedoch, in der die vorliegende Geschichte spielt, hatte Fidelma ernüchtert die Gemeinschaft verlassen.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gezählt wird, gilt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne der angelsächsischen Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow findet man zu dieser Zeit |12|Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien. Irland galt als Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die keltische Kirche Irlands lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Riten mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfestes und Teile ihrer Liturgie geändert. Die keltische Kirche und die orthodoxe Kirche des Ostens weigerten sich, Rom hierin zu folgen. Die keltische Kirche wurde schließlich zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert von der römischen Kirche aufgesogen, während die orthodoxen Ostkirchen bis heute von Rom unabhängig geblieben sind. Zu Fidelmas Zeit brach dieser Konflikt offen aus. Es ist unmöglich, über Kirchenfragen jener Zeit zu schreiben, ohne sich auf die damals vorherrschenden philosophischen Fehden zu beziehen.

Ein Kennzeichen der keltischen wie der römischen Kirche im siebenten Jahrhundert war die Tatsache, daß der Zölibat nicht allgemein üblich war. Es gab zwar in den Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, doch erst auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 wurden Heiraten von Geistlichen der westlichen Kirche verurteilt, aber nicht verboten. Der Zölibat in der römischen Kirche leitete sich von den Bräuchen der heidnischen Priesterinnen der Vesta und der Priester der Diana her.

|13|Im fünften Jahrhundert hatte Rom Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Einer der Hauptgründe scheint das Bestreben gewesen zu sein, kirchlichen Besitz zusammenzuhalten, denn Papst Pelagius I. (Amtszeit 556–561) ordnete an, daß die Söhne von Priestern keinen Kirchenbesitz erben durften. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht.

Die Befürworter des Zölibats in Rom wurden immer stärker. Der führende Kleriker Peter Damian (1000–1072), der sich in seinen Schriften als Frauenfeind offenbart, erlangte immer mehr an Einfluß und überredete Papst Leo IX. (Amtszeit 1049–1054), den Zölibat dem ganzen geistlichen Stand aufzuzwingen. Papst Leo IX. befahl, alle Ehefrauen der Priester als Sklavinnen nach Rom zu schicken, wo sie zur »freien Verfügung« des Papstes zu stehen hatten. Im Jahre 1139 setzte Papst Innozenz (Amtszeit 1130 –1143) eine mildere Form des Zölibats durch und forderte alle Priester auf, sich von ihren Frauen scheiden zu lassen. Doch Papst Urban III. (Amtszeit 1185–1187) legte fest, daß alle Ehefrauen von Priestern von jedem feudaladligen Herrscher gefangengenommen und als Sklavinnen verkauft werden durften. Die Priester wehrten sich jedoch. Rom gelang es erst nach vielen Jahren, den Zölibat allgemein durchzusetzen. Die keltische Kirche gab erst nach jahrhundertelangem Ringen ihre antizölibatäre Haltung auf und schloß sich den Richtlinien Roms an, wohingegen in der östlichen orthodoxen Kirche die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht zur Eheschließung haben.

Das Wissen um die freie Einstellung der keltischen Kirche |14|zu geschlechtlichen Beziehungen ist wesentlich für das Verständnis des Hintergrunds der Romane der Fidelma-Reihe.

Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospitae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta in Kildare war solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill Dara = Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Conlaed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste überlieferte Biographie wurde 650, fünfzig Jahre nach ihrem Tode, von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es auch weiterhin eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priester werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Im Gegensatz zur römischen Kirche gab es in der keltischen kein System von »Beichtvätern«, denen man seine »Sünden« beichten mußte und die dann die Vollmacht hatten, jemandem im Namen Christi diese Sünden zu vergeben. Statt dessen suchte man sich unter den Geistlichen oder Laien einen sogenannten »Seelenfreund« (anam chara) |15|aus und erörterte mit diesem Fragen der Seele, des Geistes und des Glaubens.

Damit sich der Leser leichter zurechtfindet, habe ich eine Liste der Hauptpersonen beigefügt.

So können wir nun Fidelmas Welt betreten. Die Ereignisse dieser Geschichte spielen im Jahre 667, in jenen Tagen im Anschluß an die Nacht, die einst Gelach a’bhruic genannt wurde, die Nacht des Dachsmondes. Denn in jener Vollmondnacht im Oktober trocknet nach Ansicht der alten Iren der Dachs im Mondlicht Gras, um damit sein Nest zu bauen.

|16|HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin an den Gerichten im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

IN CASHEL

Colgú, König von Muman, Fidelmas Bruder

Ségdae, Bischof von Imleach, comarb von Ailbe

Sárait, die Kinderfrau

Alchú, der kleine Sohn von Fidelma und Eadulf

IN RATH RAITHLEN

Becc, Stammesfürst der Cinél na Áeda

Adag, Beccs Verwalter

Accobrán, Beccs Tanist oder gesetzlicher Nachfolger

Lesren, der Gerber, Beccnats Vater

Bébháil, Beccnats Mutter

Seachlann, der Müller, Escrachs Vater

Brocc, Seachlanns Bruder

|17|Sirin, Koch von Rath Raithlen, Ballgels Onkel

Berrach, Ballgels Tante, Sirins Schwester

Goll, der Holzfäller

Fínmed, seine Frau

Gabrán, Golls Sohn

Liag, der Arzt und Heilkundige

Gobnuid, ein Schmied

Tómma, Lesrens Gehilfe

Creoda, ein Gerbergehilfe

Síoda, ein Junge

Menma, ein Jäger

Suanach, seine Frau

IN DER ABTEI DES HEILIGEN FINNBARR

Abt Brogán

Bruder Solam

Bruder Dangila

Bruder Nakfa

Bruder Gambela

 

Bruder Túan, Verwalter im Kloster Molaga

 

Conrí, Kriegsfürst der Uí Fidgente

|18|KAPITEL 1

Es schien, als würde die große weiße Scheibe des Mondes den Himmel beherrschen. Sie hing tief, war unbarmherzig weiß und kalt und erfüllte den Himmel mit einem solchen Leuchten, daß alles Dunkel sich aufzulösen schien. In dem gnadenlos eisigen Mondlicht zitterte er und kam sich für jedermann sichtbar und nackt vor. Kurz schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß es seltsam sei, am ganzen Körper zu frieren, dennoch einen scheinbar glühenden Kopf und schweißige Hände zu haben und dabei rasch und flach zu atmen. Es grenzte fast an eine sexuelle Erregung. Sein Herz pochte laut. Die verschiedenen Düfte der Nacht stiegen ihm in die Nase. Er streckte seine Arme zu der riesigen, fleckigen weißen Scheibe empor und reckte sich dabei ein wenig nach vorn, wobei sich seine Rücken- und Schultermuskeln anspannten.

Zwischen den Lippen wurden jetzt seine Zähne sichtbar, ein Laut drang hervor, als er siegesgewiß grinste. Ihn durchlief ein Schauer, denn er war im Besitz des Wissens, ein Rausch der Überlegenheit über seine Mitmenschen ergriff ihn. Er, nur er allein, wagte es, den verbotenen heiligen Namen der Mondgöttin auszusprechen, da er sich von ihr erleuchtet wußte, über ihre Weisheit verfügte. Nur er traute sich, ihren Namen zu nennen; seine Mitmenschen |19|hatten unzählige Umschreibungen und Beinamen für sie erfunden, da sie sich vor der unversöhnlichen Göttin der Nacht fürchteten und ihren wahren heiligen Namen nicht auszusprechen wagten. Sie redeten immer nur ängstlich von ihr als der »Strahlenden«, der »Leuchtenden« oder »dem Ort, wo das Wissen vereint ist«. Gingen Seeleute an Bord eines Schiffes, meinten sie, sie zögen Unglück auf sich, wenn sie Frau Luna nicht »Königin der Nacht« nannten. Doch er kannte ihren wahren Namen, und nur er war so mutig, ihn auszusprechen.

Nur er besaß dieses Vorrecht, und das war auch das Zeichen seiner Macht, der Beweis seiner Autorität und seiner Erfahrenheit. Selbst der Gott des neuen Glaubens wollte nicht einmal seinem geliebten Moses gegenüber seinen Namen preisgeben. Sagen nicht die Priester des neuen Glaubens, daß Moses auf diese Frage lediglich als Antwort von Gott erhielt: »Ich werde sein, der ich sein werde.« Stimmte es denn nicht, daß all die Götter ihre göttliche Freiheit aus geschickter Beeinflussung und Kontrolle errangen, indem sie Kenntnis und Gebrauch ihrer Namen verhinderten? Namen und das Benennen der Dinge verliehen Macht. Er besaß diese Macht. Und er spürte sie in diesem Augenblick.

Er streckte seine Hände wieder nach vorn, spreizte seine Fingerspitzen, als wollte er das strenge, zerklüftete Gesicht der erhabenen Göttin liebkosen. Er empfand die Erregung, das eigenartige Pulsieren der sreang na imleacáin, der Nabelschnur, die ihn mit der weißen Scheibe verband und bedingungslose Ergebenheit und Gehorsam forderte.

Er wußte, daß die Zeit herangerückt war, in der er ihrem zwanghaften Einfluß nicht länger widerstehen konnte.

Er verließ die Lichtung und lief merkwürdig hüpfend in den Wald. Ihm war klar, wo er sich befand. Mit der Leichtigkeit |20|eines Tieres bewegte er sich vorwärts und eilte über den dunklen Waldpfad. Hindernissen ging er geschickt aus dem Weg, sein Atem war ruhig und ohne jede Spur von Anstrengung. Der Hauptweg war nicht mehr weit, denn die Bäume standen nicht mehr so dicht. Er sah schon die dunklen Umrisse der alten Festung des Fürsten auf dem Hügel zu seiner Rechten. Bei diesem Anblick hielt er inne. Ihm fiel das Flackern der Laternen auf, die an den Toren der Festung angebracht waren. Er wußte, daß in deren Schatten mindestens zwei Krieger Wache hielten. Das störte ihn weiter nicht. Er würde sich nicht noch näher an die Festung heranwagen. Das war nicht seine Absicht.

Im Mondschein konnte man sehen, daß der Weg, der am Wald entlang- und zur Festung hinaufführte, völlig menschenleer war. Er blickte hinauf zu der Mondscheibe über sich; da formten sich seine Lippen kurz zu einer schmalen, entschlossenen Linie.

Ob es schon zu spät war? Hatte er etwa den richtigen Augenblick verpaßt? Gewiß nicht. Die Eingebung, die ihn vorantrieb, sagte ihm, daß alles gutgehen würde.

Jetzt regte sich etwas an den Toren der Hügelfestung. Das Quietschen von Metallscharnieren unterbrach die nächtliche Stille. Er vernahm Stimmen. Ein Mann rief in gedehntem Ton: »Komm gut heim, Ballgel!« Woraufhin eine leise weibliche Stimme vergnügt antwortete. Dann hörte er, wie die Tore wieder zugingen.

Etwas Dunkles schwebte langsam den Hügel hinunter.

Dankbar stieß er einen Seufzer aus. Er war rechtzeitig gekommen. Die schmale Gestalt, die offenbar einen Korb unter dem Arm trug, war im Mondlicht vor den dunklen Festungswehren besser zu erkennen. Sie lief mit jugendlich beschwingten Schritten.

|21|Er lächelte in sich hinein und zog sich ein wenig in den Schutz der Bäume zurück. Er spürte, wie sein Puls langsam schneller wurde; seine schweißnassen Handflächen begannen zu jucken. Unbewußt rieb er sich die Hände an seinen Oberschenkeln ab.

Die Gestalt näherte sich rasch und kam auf seine Höhe. Da bewegte er sich leicht, wobei es im Unterholz raschelte. Sofort blieb sie stehen und drehte sich in seine Richtung.

»Wer da?« fragte sie und starrte in die Finsternis hinein, ihre Stimme verriet keine Angst.

Er zögerte nur einen Moment, blickte rasch nach hinten, um sicher zu sein, daß sie wirklich allein waren, dann trat er in das Mondlicht hinaus. Sie erkannte ihn und war sichtlich erleichtert.

»Ach du bist es! Was tust du hier?«

Er räusperte sich und versuchte zu lächeln. Seine Stimme klang herzlich und freundlich. »Ich bin auf dem Heimweg, Ballgel. Ich meinte dich auf dem Weg von der Festung hinunter gesehen zu haben. Ist es nicht zu spät für dich draußen?«

Das Mädchen tat die späte Stunde mit einem Lachen ab. »Fürst Becc hatte heute abend viele Gäste. Ich mußte meinem Onkel in der Küche zur Hand gehen. Es gab allerlei zu tun. Ist es nicht immer das gleiche, wenn unser Herr Gäste hat? Ich muß häufig bis spät in die Nacht dableiben. Ich dachte, du wüßtest das.«

Geistesabwesend nickte er. Das wußte er natürlich. Damit hatte er gerechnet. »Ich werde dich begleiten.«

»Wie du willst«, erwiderte sie. »Ich gehe direkt nach Hause. Es war ein anstrengender Tag.«

Sie drehte sich um und lief weiter. Seine Hütte befand sich ja ungefähr in der gleichen Richtung wie die ihre. Daher |22|war sie nicht weiter von seinem Angebot überrascht. Er stapfte neben ihr her.

Jetzt lächelte er. Es war ein verschlagenes Lächeln, doch in dem trüben Licht nahm sie es nicht wahr.

»Wenn du schnell nach Hause willst, solltest du die Abkürzung direkt durch den Wald über die Kuppe des Hügels nehmen. Damit sparst du fünfzehn Minuten ein.«

»Durch das Eberdickicht zu so später Stunde?« Sie lachte wieder. »Mit Wölfen und wer weiß was für wilden Tieren? Hast du vergessen, was dort im Wald passiert ist?«

Er blieb stehen und breitete seine Arme aus, als wollte er damit alle Gefahr beiseite schieben.

»Ich bin doch hier, um dich zu beschützen, oder?« fragte er. »Weder Tier noch Mensch würde zwei erwachsene Leute angreifen. Ich möchte auch so schnell wie möglich heim, und ich muß noch ein Stückchen weiter als du. Wie gesagt, wir gewinnen so ganze fünfzehn Minuten.«

Das Mädchen zögerte, begriff dann aber, daß er recht hatte.

»Im Wald ist es so dunkel«, warf sie ein, allerdings etwas halbherzig.

»Was? Dunkel? Wo doch Vollmond ist? Es ist so hell, daß man sogar einen Dachs zwanzig Schritt entfernt unter den Büschen entlanglaufen sieht. Komm! Du brauchst dich vor nichts zu fürchten, ich bin bei dir.«

Nur für den Bruchteil einer Sekunde zögerte sie, dann nickte sie. »Nun gut, ich werde aber so schnell wie möglich laufen.«

Sie rannte vor ihm her, und einen Augenblick lang hob er sein Gesicht zu der riesigen Scheibe des Mondes empor, schloß frohlockend die Augen und tauchte sein totenbleiches Antlitz in das eisige weiße Licht.

|23|»So komm schon«, rief sie ihm ungeduldig zu. »Worauf wartest du?«

»Ich komme«, erwiderte er schnell. Sein Herz klopfte so laut, daß es alle anderen Geräusche zu übertönen schien. Er spürte, wie ihm der Schweiß von der Stirn tropfte und um die Augenhöhlen floß. Er wischte sich das Gesicht mit der Hand ab. Dann folgte er mit sicheren Schritten der dunklen Gestalt, die auf dem Pfad in den mondbeschienenen Wald hinein zu verschwinden schien.

 

»Mein Lord, komm schnell!«

Becc, der Stammesfürst der Cinél na Áeda, blickte verärgert auf, als Adag, sein Verwalter und Haushofmeister, ohne vorheriges Anklopfen in seinen Schlafraum stürzte. Das war ein unverzeihlicher Verstoß gegen die Regeln. Er öffnete den Mund, um seinen Untergebenen zurechtzuweisen, doch dieser redete weiter.

»Bruder Solam von der Abtei ist hier. Man will die Mönche angreifen«, stieß der rundliche, kahl werdende Mann hervor. »Abt Brogán bittet dich um Hilfe. Sofort.«

Becc war bis tief in die Nacht auf gewesen, hatte mit seinen Gästen gezecht. Ihm schmerzte der Kopf, sein Mund war ganz trocken. Er stöhnte ein wenig und griff nach einer Karaffe, die auf dem Tisch neben seinem Lager stand. Er hob sie an und nahm ein paar Schlucke. Angewidert verzog er das Gesicht. Der Verwalter sah ihm abschätzig zu.

»Der Wein wird süß getrunken, doch bitter bezahlt«, bemerkte Becc zu seiner Verteidigung und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.

Adag blickte über die Schulter seines Fürsten hinweg und schlug einen frommen Ton an: »Wer Wasser trinkt, braucht keinen Wein zu bezahlen.«

|24|Becc schaute ihn mürrisch an, öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Noch eine Redensart schoß ihm ungewollt durch den Kopf. Ob du nun betrunken oder nüchtern bist, behalte deine Gedanken für dich.

Er stand auf und legte rasch seine Kleider an, wobei er seinen Verwalter nicht weiter beachtete, bis er schließlich sein Schwert aufgenommen hatte.

Im Vorraum wartete ein völlig aufgelöster Mönch des neuen Glaubens. Er war jung und hatte blondes Haar.

»Bruder Solam«, begrüßte ihn Becc. »Was bringst du für Nachrichten?«

»Die Abtei wird angegriffen, mein Lord. Mein Abt bittet dich …«

Becc schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab.

»Die Abtei wird angegriffen? Wer wagt das?« fragte er barsch.

»Die Dorfbewohner, mein Lord. Wieder ist eine Leiche, die Leiche eines jungen Mädchens, heute früh im Wald gefunden worden. Sie heißt Ballgel …«

Entsetzt weiteten sich die Augen des Fürsten. »Ballgel? Die arbeitet doch in meiner Küche. Gestern war sie noch recht spät hier. Wir hatten Gäste …« Rasch drehte er sich zum Verwalter um, der ihm gefolgt war. »Adag, wann hat Ballgel die Festung verlassen?«

»Kurz nach Mitternacht, Lord. Ich war am Tor, als sie losging. Sie war allein.«

Becc wandte sich wieder Bruder Solam zu. »Steht es fest, daß es sich um Ballgel handelt?«

»Ja. Die Leute sind ganz aufgebracht. Das ist innerhalb der letzten drei Monate das dritte Mädchen, das hier ermordet wurde. Eine Meute aus dem Dorf ist auf die Abtei losmarschiert und hat den Abt aufgefordert, ihnen die drei |25|geistlichen Besucher auszuhändigen. Das lehnt der Abt ab, und deshalb toben sie jetzt. Sie sagen, sie werden die Mönche angreifen und alles in Brand stecken, wenn sie die Fremden nicht herausgeben.«

»Warum die Fremden? Haben die Leute aus dem Dorf Beweise dafür, daß sie etwas mit dem Tod von Ballgel zu tun haben?«

Bruder Solam schüttelte den Kopf. »Die Dorfbewohner sind eigentlich ängstlich und abergläubisch, mein Lord. Doch weniger gefährlich sind sie deshalb nicht.«

»Ich habe schon die Wache verständigt, Lord«, warf Adag ein. »Die Pferde sind gewiß schon gesattelt.«

»So laßt uns zum Kloster aufbrechen«, befahl Becc entschieden, wandte sich um und lief zum Hof voran. »Bruder Solam kann hinter einem unserer Krieger aufsitzen.«

 

Die Abtei des heiligen Finnbarr lag nur einen kurzen Ritt entfernt und bestand aus einer Ansammlung von Holzgebäuden am Ufer des Flusses Tuath. Die Häuser waren von einem Palisadenzaun umgeben, um Wölfe und andere nächtliche Räuber fernzuhalten. Vor dem Holztor, das kaum stark genug war, einen entschlossenen Mann fernzuhalten, befand sich eine Gruppe von vierzig oder fünfzig Männern und Frauen. Vor ihnen stand ein schmächtiger, älterer Mönch mit silberweißem Haar. Seinem Aussehen nach handelte es sich um einen ranghohen Geistlichen. Er war von vier jungen, recht furchtsam blickenden Mönchen umringt.

Der alte Mann hielt beschwichtigend die Hände hoch, als wolle er um Ruhe bitten. Doch seine Worte gingen im Lärm der aufgebrachten Menge unter.

»Liefert uns die Fremdlinge aus! Wir werden schon mit ihnen abrechnen!«

|26|In der vordersten Reihe hatte sich ein stämmiger Mann mit schwarzem Bart und zornigem Gesichtsausdruck aufgebaut. In einer Hand hielt er eine schwere Keule. Die Leute um ihn herum jubelten ihrem kampfeslustigen Anführer zu.

»Das ist ein Haus Gottes!« Als die wütenden Schreie kurz abebbten, konnte man die dünne Stimme des Alten hören. »Niemand wird das Haus Gottes mit gewalttätigen Absichten betreten. Kehrt in eure Hütten zurück.«

Daraufhin erhob sich lauter Protest. Jemand aus den hinteren Reihen warf einen kleinen Stein. Er flog über die Köpfe der anderen hinwegund schlug nur gegen die Wand. Doch die Botschaft war gefährlich.

»Im Namen Gottes, Brocc, schaff die Leute von hier fort, ehe noch ein Unheil geschieht.« Der alte Mann wandte sich nun direkt an den kräftigen Anführer.

»Es ist bereits Unheil geschehen, Abt Brogán«, entgegnete der, so laut er konnte, damit die Menge ihn verstand. »Und es wird noch mehr Unheil geben, wenn du die Fremdlinge nicht der gerechten Strafe zuführst.«

»Eurer Rache, meinst du wohl eher. Unsere Gäste werden nicht nur durch die Gesetze der Gastlichkeit geschützt, sondern auch durch das unverbrüchliche Recht auf Zuflucht.«

»Du beschützt also die Mörder unserer Kinder?«

»Hast du Beweise dafür?«

»Der Beweis sind die verstümmelten Leichen unserer Töchter!« schrie Brocc mit erhobener Stimme, so daß alle ihn hören konnten.

Seine Worte stießen auf allgemeine Zustimmung.

»Du hast keinen Beweis dafür«, entgegnete einer der Mönche an der Seite des Abts. Seine Stimme war kräftig |27|und übertönte den Lärm. »Ihr seid nur gekommen, weil diese Geistlichen aus der Ferne hier zu Gast sind, aus keinem anderen Grund. Ihr habt vor ihnen Angst, weil sie euch fremd sind.«

Wieder flog ein Stein aus den hinteren Reihen nach vorn. Doch diesmal traf er den jungen Bruder mitten auf die Stirn. Sofort schoß ein roter Strahl aus der Wunde, und der Mönch taumelte ein, zwei Schritte zurück. Die Menge grölte wild und bejubelte die Tat.

»Abt Brogán, wenn du nicht das gleiche Schicksal wie die Fremdlinge erleiden willst, gib sie uns lieber heraus«, drohte Brocc.

»Du wagst es, dem Abt zu drohen?« rief jetzt ein anderer Mönch entsetzt. »Du hast schon deine Hände gegen die Brüder dieses Klosters erhoben, die Strafe Gottes ist dir gewiß. Doch nun wagst du …«

»Genug der Worte!« schrie Brocc und riß bedrohlich seine Keule hoch.

Da preschten der Stammesfürst, Adag und vier berittene Krieger heran. Als die Leute ihren Herrn und seine bewaffneten Reiter erblickten, gaben sie mürrisch den Weg frei.

Bruder Solam, der hinter einem der Krieger gesessen hatte, rutschte vom Pferd, eilte zum Abt hinüber und stellte sich schützend vor ihn. Die Menge war verstummt. Doch Brocc wollte sich nicht den Wind aus den Segeln nehmen lassen.

»Nun, Fürst Becc«, rief er wutschnaubend, »bist du gekommen, um der Bestrafung der Mörder deine Zustimmung zu geben, oder unterstützt du jene, die sie beschützen?« Dabei streckte er einen Arm aus und zeigte anklagend auf den Abt. »Der Abt weigert sich, die Fremdlinge unter Recht und Gesetz zu stellen.«

|28|»Ich bin hier, um euch zu sagen, daß ihr gegen das Gesetz verstoßt«, rief Becc befehlsgewohnt. »Kehrt in eure Häuser zurück.«

Brocc spreizte großtuerisch die Beine, eine Hand stemmte er in die Hüfte, die andere hielt locker die Keule. Er mußte seinen Ruf als starker Mann verteidigen.

»Also wirst du auch die Mörder beschützen, Fürst Becc?« Seine Stimme klang beinah triumphierend.

»Ich bin dein Herr, du hast mir zu gehorchen«, fuhr ihn Becc gereizt an. »Ich sagte, kehrt in eure Häuser zurück, sonst bekommt ihr es mit mir zu tun.«

Besorgtes Murmeln drang aus der Menge, einige machten sich mit blassen, düsteren Gesichtern auf den Weg.

»Bleibt hier!« schrie Brocc. Er verharrte in seiner herausfordernden Haltung. Sein scharfer Ton band auch jene an ihn, die bereits halbherzig losgegangen waren. Dann wandte er sich dreist an den Fürsten. »Versuch nicht, uns einzuschüchtern, Becc. Wir verlangen Gerechtigkeit.«

Beccs Gesicht war vor Zorn rot angelaufen.

»Dir geht es doch nicht um Gerechtigkeit«, hielt er Brocc entgegen. »Du willst nur Blutvergießen, und das ohne einen rechten Grund außer deinem Vorurteil gegenüber Fremden.« Den Versammelten rief er zu: »Ich fordere euch noch einmal auf, in eure Häuser zurückzukehren. Ihr verstoßt gegen das Gesetz des Aufruhrs – das Cáin Chiréib! Macht ihr so weiter, wird das schreckliche Folgen für euch haben! Verstanden?«

Die Halbherzigen wären gern davongezogen, wenn nicht Brocc seine Hand erhoben und sie zum Bleiben gezwungen hätte.

»Ich bin ein céile, eine freier Stammesangehöriger. Ich bewirtschafte mein eigenes Land, zahle Steuern an die |29|Gemeinde, und ich bin der erste, der die Truppen des Fürsten bei Krieg und Gefahr unterstützt. Ich besitze eine Stimme in der Stammesversammlung, und auch wenn ich nicht zu den derbfhine deiner Familie gehöre, dem Netz von Verwandten, das dich zum Fürsten wählte, so soll und wird meine Stimme gehört werden.«

Becc saß immer noch ruhig auf seinem Pferd und wirkte entspannt, nur seine Augen wurden ein wenig schmaler.

»Deine Stimme wird gehört, Brocc«, erklärte der Fürst ruhig. Nur jene, die ihn gut kannten, bemerkten den gefährlichen Unterton in seinen Worten.

Doch Brocc kannte ihn nicht so genau. Er wandte sich wieder an die Menge.

»Unter uns hat es Tote gegeben. Junge Mädchen sind gewaltsam zu Tode gekommen. In der letzten Nacht wurde Ballgel, meine Cousine, die in der Küche unseres Stammesfürsten aushalf, auf dem Heimweg umgebracht. Sie ist das dritte Mädchen, das bei Vollmond brutal ermordet wurde. Hat nicht erst im letzen Monat Escrach, das einzige Kind meines Bruders, das gleiche Schicksal erleiden müssen? Wann hat das Abschlachten begonnen? Genau als Abt Brogán die drei dunklen Fremden bei sich aufgenommen hat. Schwarz ist ihre äußere Erscheinung, und schwarz sind ihre Taten. Ich fordere Gerechtigkeit. Bring sie heraus, damit sie bestraft werden können.«

Die Leute murmelten zustimmend, doch etwas verhaltener, seit die bewaffneten Krieger aufgetaucht waren. Deutlich war jedoch, daß Brocc bei den Dorfbewohnern große Unterstützung fand.

Becc lehnte sich in seinem Sattel vor. »Wo sind deine Beweise, Brocc?« fragte er ziemlich gleichmütig, als handelte es sich um eine normale Unterhaltung.

|30|»Die Beweise wurden deinem Brehon Aolú vorgelegt«, erwiderte Brocc.

»Sie waren für ihn gegenstandslos.«

»Und nun ist der alte Narr tot. Schaff einen neuen Brehon herbei, und ich werde ihm alles noch einmal vortragen.«

»Aolú hat dir doch erklärt, daß deine Beweise nicht ausreichten. Mit welchen Beschuldigungen willst du die Fremden vor einem neuen Brehon anklagen? Nach dem Gesetz dieses Landes geht das nicht ohne schlüssige Beweise.«

Brocc lachte auf. »Schon ihre Anwesenheit hier ist Beweis genug!«

Trotz immer lauter werdender Beifallsbekundungen lehnte sich der Fürst in aller Ruhe zurück. Er lächelte bitter.

»So verfügst du über keinen anderen Grund als dein Vorurteil?« spottete er. »Dir geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern du verlangst ein Opfer auf dem Altar deiner Vorurteile. Ich sage dir noch einmal, Brocc, und jedem, der noch immer vor diesem Tor hier steht, sage ich es ebenso: Ihr verstoßt gegen das Gesetz des Cáin Chiréib. Das ist meine zweite Verwarnung. Eine dritte möchte ich mir sparen.«

Brocc ließ sich nicht entmutigen. Unbeeindruckt stand er da und schüttelte den Kopf.

»Wir lassen uns nicht von unserem Vorhaben abbringen. Wir werden die Abtei stürmen und die Fremdlinge gefangennehmen. Niemand wird uns aufhalten, weder die Mönche noch du, Becc, und deine Krieger, wenn ihr euch uns in den Weg stellt.«

Er hob seine mächtige Keule drohend vor die Brust. Gleichzeitig drehte er sich zu den Leuten um und forderte |31|sie auf: »Folgt mir, und ich werde für Gerechtigkeit sorgen!«

Niemand rührte sich. Alle blickten an Brocc vorbei auf den Fürsten. Als sich Brocc umdrehte, hatte der gerade einen Pfeil an seinen Bogen gelegt. Nun zielte er in seine Richtung. Brocc war kein Feigling. Überrascht blinzelte er, doch dann lächelte er trotzig.

»Du kannst mich nicht niederschießen, Becc. Ich bin ein céile, ein freier Stammesangehöriger.«

Becc hatte den Bogen leicht angehoben und brachte den Pfeil in Augenhöhe. Jetzt war der Bogen ganz gespannt.

»Zum drittenmal, Brocc, warne ich dich. Du verstößt gegen das alte Gesetz des Aufruhrs. Ich befehle dir ein drittes und letztes Mal, in dein Haus zurückzukehren. Weigerst du dich, so trägst du allein die Folgen.«

»Verfaule doch in deinem Grab! Willst du etwa deine eigenen Leute umbringen, Becc?« spöttelte Brocc. »Das wirst du nicht tun, nur um Fremde zu beschützen.« Er hob seine Keule und rief in die Menge: »Folgt mir! Wir werden …«

Seine Worte endeten in einem Schmerzensschrei.

Becc hatte den Pfeil abgeschossen, der sich in Broccs Oberschenkel gebohrt hatte. Einen Moment stand er mit weit aufgerissenen Augen da, dann fiel er zu Boden, krümmte sich und stöhnte vor Schmerzen. Niemand rührte sich. Niemand sagte ein Wort.

Mit zornigem Blick rief der Fürst: »Ich habe euch dreimal gewarnt. Jetzt kehrt in eure Häuser zurück!« Seine Stimme klang streng.

Bereitwillig, wenn auch leise murmelnd, zerstreute sich die Menge. Nach kurzer Zeit waren alle verschwunden außer dem sich am Boden windenden Brocc.

|32|Als Abt Brogán auf den Fürsten zueilte, schwang der sich vom Pferd.

»Gott sei gedankt! Du hast dich beeilt, Fürst. Ich hatte schon befürchtet, daß sie über die Abtei herfallen.«

Becc drehte sich zu seinem Verwalter Adag um, der auch gerade absaß. »Schaff Brocc zum forus tuaithe, dort soll man sich um seine Verletzung kümmern. Es ist nur eine Fleischwunde, sie schmerzt zwar, wird ihn aber nicht gleich umbringen.«

Der forus tuaithe war – wörtlich – das »Haus des Gebietes«, das Hospital. Jedes Gebiet verfügte über eine solche Einrichtung, ob sie nun weltlich verwaltet war und unter die Zuständigkeit der Brehons fiel oder vom ansässigen Abt geleitet wurde.

Adag half Brocc auf die Beine, vielleicht ein wenig zu grob. Der stämmige Mann stöhnte und klammerte sich an ihn. Seine Wunde blutete stark.

»Ersticken sollst du!« stieß er keuchend hervor und blickte Becc mit haßerfüllten Augen an. »Vor Schmerzen brüllen und verrecken!«

Becc lächelte. »Deine Flüche können mir nichts anhaben, Brocc. Und denk dran, wenn du deine Verwünschungen ausstößt, du schaufelst dir dein eigenes Grab.«

Er sah zu Adag hinüber und nickte leicht. Der Verwalter zog den verletzten Brocc auf nicht eben sanfte Weise fort.

»Falls du die Redewendung nicht kennst, Brocc«, flüsterte Adag ihm erheitert zu, »sie bedeutet, daß der Fluch auf dich zurückfallen wird, wenn er die Person, auf die er abzielte, nicht trifft. Ich würde dem Fürsten gegenüber Reue zeigen, um den Folgen deines Fluchs zu entgehen.«

Becc sprach inzwischen mit dem Abt.

|33|»Das ist eine schlimme Angelegenheit, Abt Brogán«, sagte er, wobei er den Bogen an seinen Sattel hängte.

Der alte Mönch nickte. »Ich fürchte, daß die Leute Angst haben. Wenn es nicht Brocc wäre, dann würde ein anderer diese Angst ausnutzen. Drei junge Mädchen sind umgebracht worden und alle bei Vollmond.« Er zitterte, bekreuzigte sich und murmelte: »Absit omen!«

»Wo haben sich die Fremden gestern nacht aufgehalten?«

»Sie schworen, sich nicht aus der Abtei entfernt zu haben. In dieser Sache weiß ich mir keinen Rat. Soll ich ihnen sagen, daß ihnen die Abtei kein Obdach mehr bieten wird? Daß ich ihnen nicht weiter Schutz und Gastfreundschaft gewähren kann?«

Becc schüttelte rasch den Kopf. »Wenn sie nicht schuldig sind, wäre das ungerecht und ein Verstoß gegen das Gesetz der Gastfreundschaft. Sollten sie schuldig sein, so wäre es ebenso falsch, sie weiterzuschicken und ohne Prozeß entkommen zu lassen, damit sie dann woanders ihre Verbrechen begehen.«

»Was können wir tun?« wollte der Abt wissen. »Ich habe keine Lösung.«

Becc rieb sich das Kinn. Tatsächlich hatte er sich die Angelegenheit bereits durch den Kopf gehen lassen, nachdem ihm Bruder Solam die Nachricht überbracht hatte, und einen Plan erwogen. Doch man sollte ihm keine unvernünftigen Entscheidungen vorwerfen. Aolú war vierzig Jahre lang Brehon der Cinél na Áeda gewesen. Vor drei Wochen war der alte Mann plötzlich erkrankt und verstorben. Becc hatte schon überlegt, wie er den alten Richter ersetzen konnte. Innerhalb der Cinél na Áeda gab es eine Reihe von untergeordneten Richtern, doch niemand besaß derartige Fähigkeiten und eine solche Autorität wie Aolú.

|34|»Ich glaube, wir sollten einen Brehon von außerhalb bitten. Die hiesigen Brehons, so aufrecht und ehrbar sie auch sein mögen, sind wahrscheinlich nicht einflußreich und durchsetzungsfähig genug, um die aufgeschreckten Dorfbewohner zur Ruhe zu bringen.«

Der Abt nickte bedächtig. »Da stimme ich dir zu, Becc. Zuerst müssen wir die Ängste der Leute ausräumen und dann herausfinden, wer hinter diesen sinnlosen Morden steckt.«

Becc verzog das Gesicht.

»Kein Mord wird begangen, ohne daß der Mörder einen gewissen Sinn darin sieht«, erwiderte er. »Wir brauchen einen Brehon mit entsprechender Autorität.«

»Wo sollen wir den hernehmen, Becc?« fragte der Abt zweifelnd.

»Ich werde mit einem meiner Männer zum Hof des Königs nach Cashel reiten. König Colgú wird uns mit Rat und Tat beistehen, ist er doch die höchste Instanz des Landes.«

»Cashel?« Abt Brogán zog die Augenbrauen hoch. »Das heißt doch aber, daß du einige Tage unterwegs sein wirst. Von hier nach Cashel ist es ein weiter Weg.«

»Keine Angst. Ich werde dir Tanist Accobrán, meinen Nachfolger, hierlassen. Er hat die strenge Order, dich und die Fremden zu beschützen.«

Accobrán war noch nicht einmal ein Jahr lang der Tanist oder gesetzliche Nachfolger des Stammesfürsten der Cinél na Áeda. Als noch junger Krieger hatte er in den letzten Auseinandersetzungen mit den aufrührerischen Uí Fidgente große Tapferkeit bewiesen. Becc lächelte nachdenklich. »So wie ich Brocc in seine Schranken gewiesen habe, bezweifle ich, daß noch jemand versuchen wird, die Abtei anzugreifen. Nachdem die Leute die Folgen des Ungehorsams |35|miterlebt haben, werden sie sich das zweimal überlegen.«

»Das mag sein, gewiß«, stimmte ihm der Abt zu, »doch ich dachte eher an einen weiteren Mord.«

Einen Moment lang fuhr sich Becc nachdenklich durch seinen Bart. »Ich habe angenommen, daß genaue Beobachtung eine solche Furcht zerstreut hätte, Abt.«

Der Alte runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht ganz.«

»Die drei Mädchen wurden alle bei Vollmond umgebracht. Offenbar handelt es sich um einen grausamen Ritualmord. Bis zum nächsten Vollmond muß erst wieder ein ganzer Monat vergehen. Unsere jungen Frauen sind erst einmal sicher.«

Das Gesicht des Abtes blieb ernst. Becc hatte jene Ängste ausgesprochen, die er seit der Nachricht vom zweiten Mord hatte verdrängen wollen und die nun der dritte bestätigt hatte.

»Der Vollmond«, seufzte er. »Also bist du auch der Meinung, Becc, daß wir es mit einem Wahnsinnigen zu tun haben … Mit jemandem, der im Licht des Vollmondes einfach morden muß?«

»Das ist ganz klar, Abt Brogán. Ich werde heute nachmittag nach Cashel aufbrechen, um einen Brehon von Rang zu finden. Bis das Böse wieder zuschlägt, haben wir Zeit.«

KAPITEL 2

Eadulf betrat den Raum, wo es sich Fidelma auf einem Stuhl vor dem Feuer bequem gemacht hatte. Trotz der Wandgobelins und der Teppiche auf den Steinplatten am Boden drang die herbstliche Abendkühle durch die dicken grauen Steinmauern |36|des Schlosses von Cashel. Eadulf blickte finster. Gereizt stieß er die schwere Eichentür hinter sich zu.

Fidelma schaute etwas verärgert von ihrem Buch auf. Es handelte sich um eines jener kleinen Bücher, tiag liubhair genannt, die man bequem auf Pilgerreisen oder Missionsfahrten in ferne Länder bei sich tragen konnte. Da Fidelma gern vor dem Feuer las, waren diese kleinen Bücher, die man in einer Hand halten konnte, genau das richtige für sie.

»Leise! Du weckst Alchú noch auf«, sagte sie. »Er ist gerade erst eingeschlafen.«

Eadulfs Blick verfinsterte sich noch mehr.

»Stimmt etwas nicht?« wollte Fidelma wissen. Sie unterdrückte ein Gähnen und legte ihr Buch beiseite. Sie wußte genau, wann Eadulf verärgert war.

»Ich habe gerade diesen alten Narren getroffen, Bischof Petrán«, sagte Eadulf ohne Umschweife und ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber fallen. »Er wollte mir eine Lektion über die Vorteile des Zölibats erteilen.«

Fidelma lächelte müde. »Das sieht ihm ähnlich. Bischof Petrán ist ein führender Verfechter der Idee, daß alle Geistlichen zölibatär leben sollten. Für ihn ist die Ehelosigkeit unseres Standes der Höhepunkt des Sieges des Christentums über das Böse in allen weltlichen Dingen.«

Eadulf wirkte verstimmt.

»Das würde bedeuten, daß die Menschheit innerhalb von wenigen Generationen ausstirbt.«

»Wieso bist du mit dem alten Petrán aneinandergeraten?« fragte Fidelma. »Jeder weiß doch, daß er ein Frauenhasser ist, was wahrscheinlich an seiner eigenen zölibatären Lebensweise liegt. Ohnehin würde ihn keine Frau auch nur anschauen«, fügte sie kühl hinzu.

|37|»Er heißt unsere Ehe nicht gut, Fidelma.«

»Das ist seine persönliche Ansicht. Gott sei Dank gibt es kein Gesetz, das unter Geistlichen den Zölibat vorschreibt … Nicht einmal unter jenen, die wie Petrán Anhänger der Regeln und Doktrinen sind, die nun in Rom anerkannt werden. Im neuen Christentum gibt es bestimmte Gruppierungen, die meinen, daß jene, die Christus dienen und ihm ihre ganze Liebe schenken, ihre Liebe nicht zugleich auch einem einzelnen Mitmenschen geben können. Die irren sich. Gäbe es Gesetze, die unsere natürlichen Gefühle in Ketten legen würden, dann wäre die Welt um so vieles ärmer.«

Eadulf blickte weiterhin mürrisch drein. »Bischof Petrán behauptet, daß Paulus von Tarsus von seinen Jüngern den Zölibat eingefordert hätte.«

Fidelma rümpfte abschätzig die Nase. »Dann hättest du ihm aus Paulus’ Brief an Timotheus zitieren sollen: ›Etliche werden vom Glauben abfallen und anhangen den verführerischen Geistern und Lehren böser Geister durch die Heuchelei der Lügenredner, die ein Brandmal in ihrem Gewissen haben. Sie gebieten, nicht ehelich zu werden und zu meiden die Speisen, die Gott dazu geschaffen hat, daß sie mit Danksagung empfangen werden von den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkennen. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.‹ Frag Petrán, ob er etwa leugnet, daß Gott Mann und Frau schuf, und ob die Ehe nicht von ihm zu einem ehrbaren Stand gemacht worden ist.«

»Ich glaube nicht, daß Petrán die Einzelheiten dieser Sache mit mir erörtern will.«

|38|Fidelma streckte sich ein wenig aus. »Ich schätze, daß Petrán viele Dinge nicht gutheißt, die wir aus Éireann tun, seit er einige Jahre in einem fränkischen Kloster verbracht hat, wo man den Zölibat lehrt und lebt. Keusch sind nur jene Männer und Frauen, die nicht fähig sind, von ihren Mitmenschen Liebe zu erhalten. Daher hängen sie sich den Mantel der Keuschheit um, geben vor, den Unkörperlichen zu lieben, und schrecken vor Menschen aus Fleisch und Blut zurück. Zwingt man Menschen dazu, ihre Liebe gegenüber ihren Mitmenschen zu unterdrücken, so können sie gewiß auch nichts anderes lieben, ganz zu schweigen von Gott. Uns sollte es nicht weiter stören, was Petrán denkt, denn er wird sich bald auf eine Pilgerreise nach Lucca machen, einer Stadt nördlich von Rom, wo vor hundert Jahren der heilige Fridian von Éireann Bischof gewesen ist.«

Eadulf war ein wenig hin und her gerissen zwischen seiner Bewunderung für ihre philosophischen Ausführungen und dem Gefühl, ihr nicht das Wasser reichen zu können. Er wünschte, er hätte ein so gutes Gedächtnis wie Fidelma, die ganze Abschnitte aus der Bibel zitieren konnte. Die Gelehrten von Éireann hatten sich jahrhundertelang in dieser Kunst geübt. Fidelma hatte ihm davon berichtet, daß man vor der Einführung des Christentums in ihrem Land traditionell religiöse und philosophische Texte nicht schriftlich festhielt. Männer wie Frauen verwandten mehr als zwanzig Jahre darauf, die alten Gesetze und Riten auswendig zu lernen.

»Ich schätze, daß wir Bischofs Petráns Ansicht nach zweifach verdammt sind«, sagte Eadulf, stand auf und ging in die Ecke des Raumes, wo die Wiege stand.

»Weck ihn nicht auf«, sagte Fidelma.

|39|»Auf keinen Fall«, versicherte Eadulf ihr. Er sah auf das schlafende Baby hinab. Auf der Stirn lagen feine rote Haarsträhnen. Eadulf lächelte voller väterlichen Stolzes. »Es ist immer noch kaum zu glauben, daß wir einen Sohn haben«, sagte er leise, mehr zu sich selbst.

Fidelma stand rasch auf und stellte sich neben ihn, wobei sie eine Hand auf seinen Arm legte. »Vier Monate hattest du nun schon Zeit, dich mit Alchús Ankunft in dieser Welt anzufreunden.«

»Sanfter Hund.« Eadulf übersetzte den Namen leise, während er auf das Kind niederblickte. »Ich frage mich, was aus ihm einmal werden wird.«

»Er muß erst einmal groß werden, Eadulf, und das dauert.« Fidelma kehrte wieder ans Feuer zurück und setzte sich. »Sárait wird bald hier sein und sich um ihn kümmern, denn wir sind heute abend bei meinem Bruder zum Festmahl gebeten.«

Sárait war Fidelmas Dienerin und das Kindermädchen von Alchú. Solange Fidelma im Schloß ihres Bruders in Cashel wohnte, wurde sie nicht als Nonne behandelt, sondern als eine Prinzessin der Eóghanacht, die Schwester des Königs von Muman.

»Aus welchem Anlaß wird gefeiert?« wollte Eadulf wissen.

»Man hat mir mitgeteilt, daß der Stammesfürst der Cinél na Áeda heute nachmittag eingetroffen ist und meinen Bruder um Hilfe ersucht hat. Colgú hat uns gebeten, an der Tafel zu erscheinen.«

»Hilfe? Welcher Art wohl?«

Fidelma zuckte gleichgültig die Schultern. »Das weiß ich nicht. Ich habe mich auch schon gefragt, was ihn nach Cashel getrieben hat. Heute abend werden wir es erfahren.«

|40|»Wer sind die Cinél na Áeda? Ich dachte, ich würde alle Stämme deines Königreiches kennen, doch an den Namen kann ich mich nicht erinnern.«

»Sie leben in den Hügeln südlich vom Fluß Bride, einen gemächlichen Zweitageritt südwestlich von hier. Die Festung des Stammesfürsten wird Rath Raithlen genannt. Er heißt Becc und ist ein entfernter Cousin von mir, denn sein Volk gehört zu den Eóghanacht. Beccs Großvater Fedelmid war vor achtzig Jahren König von Cashel. Ich habe Becc zuletzt als kleines Mädchen gesehen, da war ich sogar mal in seinem Herrschaftsgebiet.«

»Also stattet er Cashel nicht so häufig einen Besuch ab?«

»Äußerst selten«, entgegnete Fidelma. »Er kommt nur zu den Zusammenkünften der Ratsversammlung dieses Königreiches. Sonst pflegt Becc keine weiteren Kontakte zu Cashel.«

Eigentlich war Fidelma noch neugieriger als Eadulf, was den Grund des Besuchs ihres entfernten Cousins betraf. Als sie mit Eadulf zu den privaten Räumen von Colgú, dem König von Muman, schritt, dachte sie ständig daran. Der königliche Haushofmeister hatte ihnen mitgeteilt, daß Colgú sie vor dem Festmahl bei sich empfangen wollte. Der junge König war allein. Es war kaum zu übersehen, daß Fidelma und Colgú eng miteinander verwandt waren, denn sie waren beide hochgewachsen, hatten rote Haare und die gleichen wandelbaren grünen Augen. Ihre Gesichtszüge ähnelten sich, und beide hatten die gleiche Art, sich zu bewegen.

Colgú empfing sie mit einem herzlichen Lächeln und umarmte seine Schwester. Dann streckte er Eadulf die Hand entgegen.

»Geht es dem Kleinen gut?« fragte er.

|41|»Alchú ist wohlauf, ja. Sárait ist bei ihm«, erwiderte Fidelma. Rasch blickte sie sich im Raum um. »Wie ich sehe, ist dein Gast nicht hier, Bruder. Das bedeutet, daß du mit uns etwas besprechen willst, ehe wir ihn begrüßen.«

Colgú lächelte. »Wie immer beweist du einen wachen Verstand, Fidelma. Ja, ich wollte tatsächlich vor dem Essen mit euch reden. Doch die Neuigkeiten sollt ihr direkt aus dem Mund unseres Cousins erfahren. Ich werde ihn später rufen lassen, bevor wir in den Saal gehen, wo, den Umständen entsprechend, nur noch eine oberflächliche Unterhaltung stattfinden kann.«

Eadulf hustete verlegen. »Vielleicht sollte ich mich zurückziehen, wenn die Angelegenheit eure Familie betrifft?«

Colgú streckte ihm eine Hand entgegen und hieß ihn bleiben. »Du gehörst nun zur Familie. Als Mann meiner Schwester und Vater ihres Sohnes. Außerdem geht diese Sache auch dich an.«

Fidelma nahm auf einem der Stühle vor dem Feuer Platz, Eadulf wartete, bis Colgú ihm das Zeichen gab, sich zu setzen. So schrieb es das Zeremoniell vor. Fidelma war nicht nur die Schwester des Königs, sondern eine anruth, eine Anwältin bei Gericht, also durfte sie sich auch ohne Erlaubnis in Anwesenheit der Provinzkönige setzen und vor ihnen das Wort ergreifen. Sie durfte sogar in Anwesenheit des Großkönigs sitzen, wenn man sie dazu einlud. Eadulf, der, obwohl Fidelmas Ehemann, in diesem Königreich ein Fremder war, mußte warten, bis man ihn zum Sitzen aufforderte.

»Colgú, deinen Bemerkungen entnehme ich, daß die Angelegenheit, in der Becc mit dir reden will, keine nur familiäre Sache ist?« fragte Fidelma.

|42|»So ist es«, erwiderte Colgú. »Er spricht von dem Bösen und vom Tod. Unter den Cinél na Áeda herrschen Furcht und Schrecken.«

Überrascht zog Fidelma ihre Augenbrauen hoch.

»Das Böse und der Tod?« wiederholte sie leise. »Das Böse ist ein emotionsgeladenes Wort, aber der Tod weilt immer unter uns. Wieso werden beide Wörter zusammen genannt?«

»Er spricht von Aberglauben und von möglicherweise unheiligen Ritualen, die sich unter den Bewohnern der dunklen Wälder breitgemacht haben.«

»Da bin ich aber gespannt, Bruder. Erzähl mehr davon.«

»Ich werde Becc rufen lassen, damit er weiterberichtet«, erwiderte Colgú. »Ihr sollt gleich alles aus seinem Mund erfahren.« Er langte nach einer kleinen silbernen Glocke, die sich seitlich auf einem Tisch befand. Kaum war das schrille Läuten verklungen, da trat der Haushofmeister des Königs ein und ließ auf ein Nicken von Colgú hin einen älteren Mann hereinkommen. Sein Gesicht mit dem buschigen Bart verriet noch, wie schön es in seiner Jugend gewesen sein mußte. Er besaß die durchtrainierte Figur eines Kriegers, die im Alter kaum an Stattlichkeit eingebüßt hatte.

»Becc, Stammesfürst der Cinél na Áeda«, verkündete der Haushofmeister, ehe er sich zurückzog und die Tür schloß.

Nur Eadulf erhob sich unbeholfen, als der fremde Fürst eintrat, dessen Name ganz im Gegensatz zu seiner hohen Gestalt stand – Becc bedeutete »der Kleine«. Becc verneigte sich förmlich vor Colgú, ehe er sich mit einem sanften Lächeln Fidelma zuwandte und ihr zunickte.

»Fidelma, wo ist das kleine Mädchen geblieben, dem ich vor vielen Jahren begegnet bin? Dein Ruhm eilt dir jetzt in allen Teilen unseres Königreiches voraus.«

|43|»Wie freundlich von dir, Cousin Becc«, erwiderte Fidelma ernst. »Erlaube mir, dir meinen Gefährten Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham aus dem Land des Südvolks vorzustellen.«

Becc wandte sich nun Eadulf zu und betrachtete ihn verschmitzt aus spöttischen blaugrünen Augen.

»Ich habe Bruder Eadulfs Namen immer im gleichen Atemzug mit dem von Fidelma von Cashel vernommen. Beide stehen für Gesetz und Gerechtigkeit.«

Eadulf fühlte sich ein wenig unbehaglich. Er hatte die vage Vermutung, daß hinter all diesen Komplimenten etwas steckte und das Treffen nicht ohne Hintergedanken stattfand.

»Setzt euch«, forderte der König nun Becc und Eadulf auf. »Ich habe Fidelma und Eadulf gebeten, sich deine Geschichte anzuhören, ehe wir uns zu dem Festmahl begeben, Becc.«

Der Fürst wurde ernst, und ein dunkler Schatten schien sich auf sein Gesicht zu legen.

»Möglicherweise könntet ihr den Cinél na Áeda einen Weg aus der Misere weisen«, sagte er hoffnungsvoll.

Fidelma blickte ihn nachdenklich an. »Berichte uns alles, was vorgefallen ist, Becc, und wir werden sehen, wie wir dir am besten helfen können.«

»Der erste Mord fand vor zwei Monaten statt«, fing Becc ohne große Umschweife an. »Das Opfer war Beccnat, die Tochter von Lesren, der bei uns das Leder gerbt und verarbeitet. Sie hatte gerade ihren siebzehnten Sommer erreicht. Ein junges, unschuldiges Mädchen.«

»Wie ist sie umgebracht worden?« fragte Fidelma nach einer Weile.

»Auf brutale Weise«, erwiderte Becc sofort. »Ganz brutal.« Seine Stimme klang auf einmal sehr angespannt. »Eines |44|Vormittags fand man ihre Leiche im Wald unweit meiner Festung. Jemand hatte mehrere Male auf sie eingestochen, so als hätte er auf unsagbar grausame Weise, einem Ritual folgend, ihr Fleisch von den Knochen lösen wollen.«

»Du hast gesagt, daß dies der erste Mord war. Also nehme ich an, es ist noch mehr passiert?«

»Vor einem Monat wurde wieder ein junges Mädchen getötet. Diesmal traf es Escrach, die Tochter unseres Müllers. Sie wurde in ähnlichem Zustand aufgefunden. Und auch sie war erst siebzehn oder achtzehn Jahre alt.«

»Wo war der Tatort? Wieder im Wald?«

Becc nickte. »Ganz in der Nähe von der ersten Leiche. Und vor ein paar Tagen fand man das dritte Mädchen. Ballgel war genauso alt wie die anderen. Sie hat in der Küche meiner Festung ausgeholfen. Auch sie war auf unsagbar schlimme Weise zerstückelt worden.«

»Unsagbar schlimm?« Fidelmas Gesicht verfinsterte sich. »Wenn manche Dinge unaussprechlich scheinen, so sollte man sie trotzdem benennen, finde ich.«

Becc seufzte und schüttelte den Kopf.

»Ich wähle meine Worte nicht leichtfertig«, sagte er tadelnd. »Habt ihr eine Vorstellung davon, wie es aussieht, wenn ein Fleischer ein Schwein schlachtet?«

Eadulf preßte seine Lippen aufeinander. »So böse?«

Becc blickte ihn ruhig an.

»Vielleicht noch schlimmer, sächsischer Bruder«, erwiderte er leise.

Daraufhin herrschte Schweigen.

»Du sagst, daß dies das dritte Mädchen war? Und jeder Mord geschah im Abstand von einem Monat?« fragte Fidelma schließlich.

»Bei Vollmond.«

|45|Fidelma atmete kurz aus und schaute rasch zu Eadulf.

»Bei Vollmond«, wiederholte sie leise.

Becc nickte, um der Bedeutung dieser Tatsache noch mehr Gewicht zu verleihen.

»Dieser Umstand ist mir und Abt Brogán auch aufgefallen«, sagte er.

»Abt Brogán?«

»In der Nähe liegt die kleine Abtei, wo der heilige Finnbarr geboren wurde.« Becc sah Eadulf an. »Finnbarr hat in der Sumpfregion des Flusses Laoi eine Schule gegründet und dort viele Jahre unterrichtet.«

»Wir wissen sehr gut, wer Finnbarr war«, warf Colgú schroff ein, »denn war nicht unser Vater, Faílbe Fland mac Aedo Duib, in jenen Tagen König von Cashel?«

Becc senkte den Kopf, erklärte aber nicht, daß seine Ausführungen für Eadulf bestimmt waren.

»Das hatte ich nicht vergessen. Nun denn, Abt Brogán ist ein ehrwürdiger Mann, der an Finnbarrs Schule am Fluß Laoi ausgebildet wurde. Vor zwei Jahrzehnten übernahm er die Verwaltung der Abtei in unserer Nähe. Sie liegt genau am Fuße des Hügels, auf dem die Morde geschahen. Den Wald dort nennen die Leute das Eberdickicht.«

Fidelma lehnte sich zurück. »Es wurden also drei junge Mädchen ermordet, jeweils bei Vollmond. Hat dein oberster Brehon diesen Fall untersucht? Ich begreife nicht, warum du das Ganze hier in Cashel vorträgst.«

Becc schaukelte verlegen hin und her. »Mein oberster Brehon war Aolú. Ein Mann von Verstand und Weisheit, der vierzig lange Jahre den Cinél na Áeda in diesem Amt gedient hat. Er war schon sehr alt und gebrechlich, und vor drei Wochen starb er an einem Fieber, das er sich in der Kälte zugezogen hatte.«

|46|»Wer ist sein Nachfolger?« fragte Fidelma.

»Nun, ich konnte keinen Nachfolger bestimmen. Bei uns gibt es mehrere untergeordnete Richter, doch niemand verfügt über genügend ...

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