Logo weiterlesen.de
Tod auf dem Pilgerschiff

Peter Tremayne

Tod auf dem Pilgerschiff


Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Friedrich Baadke

 

Menü

Inhaltsübersicht

HISTORISCHE ANMERKUNG

HAUPTPERSONEN

In Ardmore (Aird Mhór)

Die Pilger

Die Besatzung der »Ringelgans«

Andere

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

 

Für Christos Pittas, dessen Musik immer begeistert, der aber auch als Skipper der »Alcyone« Fidelmas Kurs nach La Coruña bestimmt hat; ebenso für Dorothy, die mich auf der Reise nach Santiago de Compostela begleitete, und für Moira zum Dank für ihre Anregungen und für David zum Dank für sein Mitgefühl.

 

Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, daß du mein

Elend ansiehst und erkennst meine Seele in der Not.

Psalm 31,8

HISTORISCHE ANMERKUNG

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen in der Mitte des siebenten Jahrhunderts n. Chr.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die früher der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dálaigh, eine Anwältin an den Gerichten des alten Irland. Da dieser Hintergrund nicht allen Lesern vertraut sein mag, soll dieses Vorwort einige wesentliche Punkte erläutern und damit zu einem besseren Verständnis der Geschichten beitragen.

Im siebenten Jahrhundert bestand Irland aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige irische Wort für Provinz lautet cúige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige – von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) – erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Rí oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche gab es eine Aufteilung der Macht unter Kleinkönigreichen und Stammesgebieten.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war in Irland unbekannt. Das Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen versammelt sein mußten. Wenn ein Herrscher nicht dem Wohl seines Volkes diente, wurde er angeklagt und abgesetzt. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irlands mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien, die sich im Mittelalter in Europa entwickelt hatten.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, das das Gesetz der Fénechus, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Nach der Überlieferung wurden diese Gesetze zuerst im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ollamh Fódhla zusammengefaßt. Im Jahre 438 n. Chr. berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Dieser Kommission gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland schließlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterdrücken. Selbst der Besitz eines Gesetzbuchs wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Verbannung.

Das Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Féis Teamhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze entsprechend der sich verändernden Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse.

Diese Gesetze wiesen der Frau eine einzigartige Stellung zu. Die irischen Gesetze gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Gesetzeswerk jener Zeit oder seitdem. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten politische Führer werden, Krieger in Schlachten befehligen, Ärzte, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Anwälte und Richter werden. Wir kennen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Bríg Briugaid, Áine Ingine Iugaire, Darí und viele andere. Darí zum Beispiel war nicht nur Richterin, sondern verfaßte auch einen berühmten Gesetzestext, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde. Die Gesetze schützten die Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleichem Rechtsfuß gesetzlich von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld, wenn sie zu Hause lagen oder im Krankenhaus. Im alten Irland gab es die ersten Krankenhäuser, die in Europa bekannt sind. Aus heutiger Sicht beschrieben die Gesetze der Brehons ein beinahe feministisches Paradies.

Diesen Hintergrund und seinen starken Gegensatz zu den Nachbarländern Irlands sollte man sich vor Augen halten, um Fidelmas Rolle in diesen Geschichten zu verstehen.

Fidelma wurde im Jahre 636 in Cashel geboren, der Hauptstadt des Königreichs Muman (Munster) im Südwesten Irlands. Sie war die jüngste Tochter des Königs Faílbe Fland, der ein Jahr nach ihrer Geburt starb. Sie wuchs unter der Aufsicht eines entfernten Vetters auf, des Abts Laisran von Durrow. Als sie mit vierzehn Jahren das »Alter der Wahl« erreichte, ging sie wie viele irische Mädchen zum Studium an die weltliche Hochschule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren Studium erlangte Fidelma den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen oder kirchlichen Hochschulen des alten Irlands zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist noch heute das irische Wort für Professor. Fidelma hatte die Rechte studiert, sowohl das Strafrecht Senchus Mór als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill. Deshalb wurde sie dálaigh, Anwältin bei Gericht.

In jener Zeit gehörten die meisten Vertreter der geistigen Berufe den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der geistigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft in Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gezählt wird, gilt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne der angelsächsischen Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow sind zu dieser Zeit Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen verzeichnet. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien im Süden. Irland war der Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die keltische Kirche Irlands lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Riten mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfests und Teile ihrer Liturgie geändert. Die keltische Kirche und die Orthodoxe Kirche des Ostens weigerten sich, Rom hierin zu folgen. Die keltische Kirche wurde schließlich zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert von der römischen Kirche aufgesogen, während die orthodoxen Ostkirchen bis heute von Rom unabhängig geblieben sind. Zu Fidelmas Zeit wurde die keltische Kirche Irlands von dieser Auseinandersetzung stark beansprucht.

Ein Kennzeichen sowohl der keltischen wie der römischen Kirche im siebenten Jahrhundert war die Tatsache, daß das Zölibat nicht allgemein üblich war. Es gab zwar in den Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, doch erst auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 wurden Heiraten von Geistlichen verurteilt, aber nicht verboten. Das Zölibat in der römischen Kirche leitete sich von den Bräuchen der heidnischen Priesterinnen der Vesta und der Priester der Diana her. Im fünften Jahrhundert hatte Rom den Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht. Erst der Reformpapst Leo IX. (1049-1054) unternahm ernsthaft den Versuch, den Klerikern der westlichen Länder das allgemeine Zölibat aufzuzwingen. In der östlichen Orthodoxen Kirche haben die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht zur Heirat.

Das Wissen um die freie Einstellung der keltischen Kirche zu geschlechtlichen Beziehungen ist wesentlich für das Verständnis des Hintergrunds dieses Romans.

Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospitae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta in Kildare war solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill-Dara = die Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Conlaed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste Biographie wurde 650, fünfzig Jahre nach ihrem Tode, von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es auch weiterhin eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priester werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Damit sich der Leser in Fidelmas Irland des siebenten Jahrhunderts, dessen geopolitische Einteilung ihm kaum vertraut sein wird, besser zurechtfindet, habe ich eine Kartenskizze beigefügt und dazu eine Liste der Hauptpersonen.

Im allgemeinen habe ich es aus naheliegenden Gründen abgelehnt, anachronistische Ortsnamen zu verwenden, habe jedoch einige wenige moderne Bezeichnungen übernommen wie Tara statt Teamhair, Cashel an Stelle von Caiseal Muman und Armagh für Ard Macha. Hingegen bin ich bei dem Namen Muman geblieben und habe nicht die Form »Munster« vorweggenommen, bei der im neunten Jahrhundert das nordische »stadr« (Ort) an den irischen Namen Muman angehängt und die dann anglisiert wurde. Ähnlich habe ich das ursprüngliche Laigin beibehalten statt der anglisierten Form Laigin-stadr, aus der Leinster wurde, und Ulaidh statt Ulaidhstadr (Ulster). Entschieden habe ich mich für die anglisierten Formen von Ardmore (Aird Mhór – der hohe Ort), Moville (Magh Bíle – die Ebene von Bíle, einer alten Gottheit) und Bangor (Beannchar – ein spitzer Berg).

In der folgenden Geschichte, die im Jahre 666 spielt, bricht Fidelma zu einer Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela auf, zum Schrein des heiligen Jakobus. Manche Leser könnten darauf hinweisen, daß erst im Jahre 800 ein Mönch aus Galicien namens Pelayo, geleitet vom Licht der Sterne (campus stella = Sternenfeld), den Ort entdeckt haben soll, den man Arcis Marmoricis nannte und wo das Marmorgrab des Heiligen gefunden wurde.

Jakobus, der Sohn des Zebedäus und der Maria Salome und Bruder des Johannes, wurde in Palestina im Jahre 42 getötet. Er war der erste Apostel, der als Märtyrer des neuen Glaubens starb. Der frühen christlichen Überlieferung zufolge hatte er bereits eine Missionsreise zur Iberischen Halbinsel unternommen, deshalb legten seine Anhänger seinen Leichnam in einen Marmorsarg, brachten ihn auf ein Schiff und fuhren nach Galicien. Das Schiff landete in Padrón. Als der Autor und seine Frau diese hübsche kleine Stadt besuchten, zeigte ihnen ein alter Mann, der die Kirche reinigte, eine Vertiefung unter dem Hochaltar. Darin stand ein alter Marmorsarg mit einer lateinischen Inschrift, und das soll der ursprüngliche Sarg sein, in dem der Leichnam des heiligen Jakobus überführt wurde.

Der Leichnam wurde an den Ort gebracht, der heute Santiago de Compostela (Der heilige Jakobus vom Sternenfeld) heißt. Im Laufe der Jahrhunderte und mit den Schismen in der christlichen Bewegung wurde das Wissen um die Ruhestätte des Apostels immer unsicherer. Anscheinend betrachteten die Kirchen, die man heute unter dem Sammelbegriff der irischen Kirche zusammenfaßt und die noch lange nach der römischen Reform der Theologie und der Bräuche an der Liturgie und den Riten der ursprünglichen christlichen Bewegung festhielten, auch weiterhin Santiago de Compostela als die letzte Ruhestätte des Jakobus.

Eine Pilgerfahrt Fidelmas nach Santiago ist durchaus nicht anachronistisch. Wir lesen in einem frühen christlichen Text, daß im fünften Jahrhundert zehntausend Iren mit dem Segen Patricks eine peregrinatio pro Christo nach Santiago unternahmen. Das Liber Sancti Jacobi (Buch vom heiligen Jakobus) aus dem zwölften Jahrhundert spricht von einer langen Tradition solcher Pilgerfahrten und nennt die Muschelschale als das Symbol des Jakobus, eines Fischers aus Galiläa. Archäologen haben an vielen Orten in Irland Muschelschalen gefunden, meist in kirchlichen Begräbnisstätten aus dem Mittelalter. Das Liber Sancti Jacobi berichtet, daß an Ständen in Santiago Muschelschalen an die Pilger verkauft wurden. Noch heute werden in Santiago Andenken in Form von Muschelschalen angeboten.

Der Autor erhält vielfach Briefe von Lesern, die ihn fragen, ob er den gesellschaftlichen Hintergrund und die Technik in der Welt Fidelmas einfach erfindet, und kürzlich meinte ein Rezensent anscheinend, er schreibe den Iren eine Technik zu, die ihre tatsächlichen Möglichkeiten übersteige. Es mag die Leser interessieren, daß der Autor sich für diese Geschichte auf die folgenden Quellen gestützt hat:

In der Frage solcher Pilgerfahrten ist der Autor dankbar für »The Irish Medieval Pilgrimage to Santiago de Compostela« von Dagmar O Riain-Raedal in History Ireland, Herbst 1998.

Der Autor ist ferner dankbar für das folgende Quellenmaterial: »Irish Pioneers in Ocean Navigation of the Middle Ages« von G. J. Marcus in Irish Ecclesiastical Record, November 1951 und Dezember 1951; »Further Light on Early Irish Navigation« von G. J. Marcus in Irish Ecclesiastical Record, 1954, S. 93–100; »St. Brandan (sic) The Navigator« von Commander Anthony MacDermott RN, KM, in Mariner’s Mirror, 1944, S.73–80; »The Ships of the Veneti« von Craig Weatherhill in Cornish Archaeology, Nr. 24, 1985; »Irish Travellers in the Norse World« von Rosemary Power in Aspects of Irish Studies, Hrsg. Hill und Barber, 1990; und »Archaic Navigational Instruments« von John Moorwood in Atlantic Visions, 1989.

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin an den Gerichten im Irland des siebenten Jahrhunderts

In Ardmore (Aird Mhór)

Colla, Gastwirt und Händler

Menma, sein junger Gehilfe

Die Pilger

Schwester Canair aus Moville (Magh Bíle), Führerin der Pilger

Bruder Cian, früher Mitglied der Leibwache des Großkönigs, jetzt von der Abtei Bangor (Beannchar)

Schwester Muirgel aus der Abtei Moville

Schwester Crella aus Moville

Schwester Ainder aus Moville

Schwester Gormán aus Moville

Bruder Guss aus Moville

Bruder Bairne aus Moville

Bruder Dathal aus Bangor

Bruder Adamrae aus Bangor

Bruder Tola aus Bangor

Die Besatzung der »Ringelgans«

Murchad, der Kapitän

Gurvan, der Steuermann

Wenbrit, Kajütenjunge

Drogan, Matrose

Hoel, Matrose

Andere

Toca Nia, Überlebender eines Schiffbruchs

Pater Pol in Ushant

Brehon Morann, Fidelmas Lehrer

Grian, Fidelmas Freundin in Tara

KAPITEL 1

Ardmore Bay an der irischen Südostküste, Mitte Oktober 666.

 

Der Gastwirt Colla zog an den Lederzügeln, um die beiden stämmigen Esel anzuhalten, die seinen überladenen Karren geduldig auf dem Weg über das steile Vorgebirge dahinschleppten. Es war ein milder Herbstmorgen, die Sonne stieg am Osthimmel empor. Das blaue Gewölbe mit nur wenigen weißen Wölkchen darin spiegelte sich in der ruhigen See. Eine schwache Brise kam aus Nordwest und verstärkte die morgendliche Flut. Von seinem hohen Blickpunkt aus erschien Colla die weite, verschwimmende Fläche des Meeres glatt und still. Er hatte aber lange genug an der Küste gelebt, um zu wissen, daß dies nur eine Illusion war. Aus dieser Entfernung konnte das menschliche Auge die Dünung und die Strömungen der unheimlichen, tückischen Gewässer nicht erkennen.

Über ihm kreisten See- und Ufervögel und ließen ihr mißtönendes Morgenkonzert erklingen. Lummen sammelten sich an der Küste zum Abflug für die harten Wintermonate. Hier und da sah man noch ein paar Tordalke, aber sie hatten ihre Nester auf den Klippen bereits verlassen und würden in den nächsten Wochen verschwinden. Die Nachzügler der robusteren Sommervögel, wie die Kormorane, brachen jetzt auf. Nun beherrschten die Möwen das Bild. Besonders zahlreich waren die Sturmmöwen, kleiner und weniger aggressiv als die großen Eismöwen mit dem schwarzen Rücken.

Colla war lange vor Sonnenaufgang aufgestanden und mit seinem Karren zur Abtei des heiligen Declan gefahren, die oben auf dem steilen Vorgebirge von Ardmore stand und auf die kleine Siedlung am Hafen hinunterschaute. Colla betrieb dort nicht nur ein Gasthaus, sondern handelte auch mit den Kaufleuten, deren Schiffe den geschützten Hafen anliefen und von Irlands Küsten aus bis nach Britannien, Gallien und in noch fernere Länder segelten.

An diesem Vormittag hatte er vier große Fässer Wein und Olivenöl geliefert, die am Abend zuvor mit einem Schiff aus Gallien eingetroffen waren. Als Gegenleistung hatten die fleißigen Brüder der Abtei Lederwaren zu bieten, Schuhe, Geldtaschen und Beutel, wie auch Erzeugnisse aus den Fellen von Otter, Eichhörnchen und Hase. Jetzt fuhr Colla zum Hafen zurück, aus dem der Kaufmann aus Gallien am Abend auslaufen wollte. Der Abt war mit dem Handel sehr zufrieden, und Colla war es auch, denn seine Provision war so hoch, daß sie ein Lächeln der Befriedigung auf sein zerfurchtes Gesicht zauberte, als er das Vorgebirge überquerte.

Einen Moment ließ er jedoch seine Esel halten, um die Aussicht von oben zu genießen. Der Blick gab ihm ein Gefühl des Besitzes und sogar der Macht. Er sah auf den winzigen Hafen in der Bucht hinunter und auf die Schiffe, die dort vor Anker lagen. Colla fühlte sich dabei wie ein König, der sein Reich überschaut.

Ein Erschauern riß ihn aus seinen Gedanken, als ein frischer Wind von Nordwesten heranfuhr. Er spürte die Veränderung der Morgenbrise, sie war stärker und kälter geworden. Die Sonne stand nun seit einer Stunde am Himmel, und die Gezeiten waren am Wechseln. Gleich würde die Bucht in Bewegung geraten. Colla ruckte mit den Zügeln und steuerte den Karren mit seiner Last vorsichtig den steilen Pfad hinunter zu der kleinen sandigen Bucht vor ihm.

Unter den Schiffen dort unten erkannte er die Umrisse zweier großer seegehender Fahrzeuge, die im Schutz der Bucht ankerten. Von hier oben sahen sie klein und zerbrechlich aus, aber er wußte, daß sie in Wirklichkeit groß und fest gebaut waren, fünfundzwanzig Meter lang und in der Lage, sich auf die hohe See hinauszuwagen.

Er fuhr zusammen, als er einen scharfen Knall hörte, der das Geschrei der Vögel und das ferne Rauschen des Meeres übertönte. Dem folgte ein wütendes Kreischen der auffliegenden Seevögel, das ihm nicht unerwartet kam. Sein scharfer Blick hatte bemerkt, daß eins der Seeschiffe sich langsam von seinem Ankerplatz entfernte. Der Knall war durch das Schlagen des großen ledernen Segels hervorgerufen worden, als es angeholt wurde und noch nicht fest war. Colla lächelte wissend. Der Kapitän hatte es sichtlich eilig, den morgendlichen Nordwestwind und den Gezeitenwechsel zu nutzen. Wie nannten es die Seeleute? Eine Ebbe in Windrichtung. Richtig gesegelt wäre das Schiff bald aus der Bucht heraus und um das Vorgebirge von Ardmore herum auf offener See.

Colla strengte seine Augen an, um zu erkennen, welches Schiff das war, aber nur ein Schiff wollte mit der frühen Ebbe auslaufen. Es war Murchads Gé Ghúirainn, die »Ringelgans«. Murchad hatte ihm erklärt, daß er eine Ladung Pilger zu einem heiligen Schrein jenseits des Meeres bringen sollte. Als Colla zur Abtei hinauffuhr, war ihm ein Trupp von Mönchen und Nonnen begegnet, die zum Hafen hinunter wanderten und das Schiff besteigen wollten. Das war nichts Ungewöhnliches. Die Abtei des heiligen Declan wurde häufig von solchen Pilgerscharen aus allen fünf Königreichen von Èireann aufgesucht. Dort übernachteten sie meist, bevor sie sich an Bord der Schiffe begaben, die sie zu ihren verschiedenen Bestimmungshäfen bringen sollten. Manche Pilger zogen es auch vor, entsprechend ihrem Wesen lieber in Collas Gasthaus einzukehren. Ein paar davon hatten die letzte Nacht dort verbracht und mußten jetzt bereits an Bord der »Ringelgans« sein. Eine junge Nonne war erst spät angekommen und wollte schon beim Morgengrauen aufs Schiff. Collas Neffe Menma, der ihm im Gasthaus half, hatte ihm berichtet, daß zuvor noch ein Mann und eine Frau eingetroffen waren, die auch mit dem Pilgerschiff fahren wollten.

Die »Ringelgans« machte offensichtlich gute Fahrt bei dem günstigen Wind und der Ebbe. Einerseits beneidete Colla Murchad und sein schönes Schiff, die Abenteuern und unbekannten Ländern entgegensteuerten. Andererseits wußte der Gastwirt, daß solch ein Leben nichts für ihn war. Er war kein Seemann, und es war ihm lieber, wenn seine Tage in voraussehbaren Bahnen verliefen. Dennoch hätte er den ganzen Tag auf dem Vorgebirge bleiben und dem Meer und den Schiffen zuschauen können, aber schließlich hatte er seine Arbeit zu tun und das Gasthaus zu führen. Also schnippte er mit den Zügeln und schnalzte mit der Zunge, um die Esel wieder in Gang zu bringen. Sie spitzten die Ohren und legten sich gehorsam ins Geschirr.

Er mußte sich voll auf den Weg konzentrieren, denn es war immer schwieriger, einen Karren den steilen Berg hinunter zu kutschieren als hinauf. In seinem Hof hielt er an. Als er früh, noch in der Dunkelheit, aufgebrochen war, hatte sich niemand geregt. Jetzt war das ganze Dorf auf den Beinen: Fischer gingen zu ihren Booten, Matrosen erholten sich vom Besäufnis der Nacht und machten sich auf zu ihren Schiffen, und Landarbeiter strebten hinaus auf die Felder.

Collas Gehilfe Menma, ein junger Mann mit mürrischem Gesicht, fegte gerade den Hauptraum des Gasthauses aus, als der stämmige Wirt eintrat. Colla blickte sich anerkennend um, als er sah, daß Menma bereits die Tische abgeräumt hatte, an denen die Gäste vor ihrem Aufbruch gefrühstückt hatten.

»Hast du schon die Gästezimmer saubergemacht?« fragte Colla, ging hinüber und schenkte sich einen Krug süßen Met ein, um sich nach der Fahrt zu erfrischen.

Der Gehilfe schüttelte ärgerlich den Kopf.

»Ich habe gerade erst die Frühstückstische abgeräumt. Ach, und der Kaufmann aus Gallien hat nach dir gefragt. Er hat gesagt, er kommt bald mit ein paar Männern wieder und will mittags sein Schiff beladen.«

Colla nickte zerstreut und schlürfte seinen Met. Dann setzte er den Krug ab und seufzte resigniert.

»Dann fange ich lieber gleich mit den Zimmern an, sonst kriegen wir neue Gäste, bevor wir sie fertig haben. Sind die Pilger alle gut weggekommen?«

Menma überlegte, bevor er antwortete.

»Die Pilger? Ich glaube schon.«

»Du glaubst es nur?« neckte ihn Colla. »Du bist mir ein schöner Wirt, wenn du nicht aufpaßt, daß deine Gäste auch abreisen.«

Der junge Mann ging auf den Spott seines Herrn nicht ein.

»Na, da waren noch ein Dutzend andere Gäste, die ihr Frühstück verlangten, und ich mußte sie alle allein bedienen«, entgegnete er knurrend. Er dachte wieder nach. »Der Mönch und die Nonne, die gestern nach dem Essen ankamen – die waren schon vor Sonnenaufgang weg. Da war ich noch gar nicht auf. Sie hatten Geld hier auf dem Tisch gelassen. Du warst doch schon früh im Gange. Hast du sie fortgehen sehen?«

Colla schüttelte den Kopf.

»Mir ist nur eine Gruppe von Mönchen und Nonnen auf der Straße begegnet, und die kamen aus der Abtei und wollten zum Hafen. Ach, und kurz danach kam noch eine Nonne hinterher. Vielleicht wollten sie früh am Kai sein?« Er zuckte gleichgültig die Schultern. »Na, Hauptsache, sie bezahlen, was sie schuldig sind. Von den anderen Gästen, die wir hatten, wollte außer den beiden nur noch die junge Nonne, die so spät ankam, heute morgen zur ›Ringelgans‹. Du weißt doch sicher, ob sie rechtzeitig auf war und das Schiff erreicht hat?«

Menma wies das von sich.

»An die kann ich mich nicht erinnern. Aber da sie nicht hier ist, nehme ich an, daß sie entweder mitgefahren oder woanders hingegangen ist.« Er zuckte die Achseln. »Ich hab schließlich auch bloß zwei Augen und zwei Hände.«

Colla preßte verärgert die Lippen zusammen. Wäre Menma nicht der Sohn seiner Schwester, dann kriegte er jetzt tüchtig eins hinter die Ohren. Er stellte sich immer mehr als ein fauler Bursche heraus, der sich dauernd beklagte. Colla hatte den Eindruck, als hielte Menma die Arbeit im Gasthaus für unter seiner Würde.

»Na schön«, antwortete Colla und unterdrückte seinen Zorn. »Ich mache die Gästezimmer sauber. Du sagst mir Bescheid, wenn der Kaufmann aus Gallien wiederkommt.«

Er stieg die Holztreppe zu den Gästezimmern empor. Diese Räume waren gut eingerichtet, ein langer Raum, in den sich ein Dutzend Leute zu ermäßigten Preisen hineinquetschen ließen, und ein halbes Dutzend Zimmer für die, die sich einen höheren Preis leisten konnten. Der Gemeinschaftsraum war diese Nacht voll belegt gewesen, meist mit gallischen Matrosen, die zuviel gegessen und getrunken hatten und nicht mehr zu ihrem Schiff zurückrudern konnten. Von den übrigen Zimmern waren fünf vermietet, drei davon an reisende Kaufleute und eins an die Nonne, die aus irgendeinem Grunde auf die Gastfreundschaft der Abtei verzichtet hatte. Das war nicht ungewöhnlich.

Den jungen Mönch und die junge Nonne hatte Colla nicht gesehen, nur von Menma gehört, daß sie nach dem Abendessen ohne Gepäck angekommen waren. Sie hatten kein Essen mehr verlangt und eins der Einzelzimmer genommen. An den dritten Spätankömmling konnte er sich aber erinnern, die junge Nonne, die so nervös und unsicher wirkte. Sie hatte eine Weile vor dem Gasthaus herumgestanden, als warte sie noch auf jemanden, und Colla schließlich gefragt, ob sich jemand nach ihr erkundigt hätte. Den Namen, den sie ihm genannt hatte, hatte er aber vergessen. Er hatte gemeint, sie sei wohl in der Abtei besser aufgehoben, aber sie hatte darauf bestanden, ein Zimmer zu nehmen, und ihm erklärt, es sei schon zu dunkel für den steilen Weg hinauf zur Abtei und sie müsse früh auf sein und mit anderen Nonnen ein Pilgerschiff besteigen. Da nur Murchads »Ringelgans« mit der Ebbe am Morgen auslaufen wollte, hatte er angenommen, dieses Schiff sei gemeint. Er hätte Menma anweisen sollen, dafür zu sorgen, daß das Mädchen rechtzeitig geweckt würde. Der Gastwirt nahm die Sorge um das Wohl seiner Gäste sehr ernst.

Oben an der Treppe blieb Colla einen Moment stehen, als müsse er für diese Aufgabe erst Mut fassen. Er haßte das Saubermachen. Es war die schlimmste Art von Arbeit in einem Gasthaus. Colla hatte gehofft, sein Schwestersohn würde ihm einen Teil davon abnehmen, denn er selbst hatte nie geheiratet, aber der Bursche war eher eine Belastung.

Er ergriff den Besen, stieß die Tür zum Gemeinschaftsraum auf und verzog sofort das Gesicht bei dem Gestank aus schalen Weinresten, altem Schweiß und anderen Gerüchen, der sich aus dem Gewirr und Chaos der verlassenen Matratzen erhob. Er beschloß, mit der leichteren Arbeit anzufangen, und wandte sich den Einzelzimmern zu. Die machten weniger Mühe, den wüsten Gemeinschaftsraum würde er sich danach vornehmen.

Die Türen der Zimmer standen alle offen, mit Ausnahme des letzten. In diesem Zimmer hatte er die spät angekommene junge Frau untergebracht. Colla traute sich eine gute Menschenkenntnis zu. Er vermutete, die junge Frau sei sehr eigen und habe ihr Zimmer aufgeräumt und die Tür geschlossen, bevor sie wegging. Er lächelte zufrieden über seinen Scharfblick und versprach sich im stillen einen Schluck Met, wenn er recht behielte. Dieses Spiel trieb er oft mit sich, als ob er eine Entschuldigung dafür brauchte, daß er sich einen Becher aus seinen eigenen Vorräten genehmigte. Nun fand er aber keinen weiteren Grund, sich abzulenken, und zwang sich dazu, mit dem Putzen anzufangen.

Er war selbst überrascht, mit welcher Schnelligkeit er jedes Zimmer säuberte, dabei aber doch so gründlich, wie man es bei dem Tempo nicht erwartet hätte. Er war mit seiner Leistung zufrieden, als er bei dem fünften Zimmer anlangte, das die beiden jungen Leute, der Mönch und die Nonne, genommen hatten. Er trat ein. Es wirkte beinahe unbenutzt, das Bett war gemacht. Wenn nur alle seine Gäste so sauber und ordentlich wären! Er freute sich schon, daß er hier nicht viel zu tun hätte, als ihm etwas auf dem Fußboden auffiel. Es war ein dunkler Fleck. Er sah aus, als wäre jemand in etwas hineingetreten, aber es roch nicht nach Exkrementen. Vorsichtig beugte sich Colla nieder und berührte den Fleck mit dem Finger. Er war noch feucht, doch blieb nichts an seiner Hand haften.

Er sah sich noch einmal im Zimmer um. Sein erster Eindruck bestätigte sich: Es war sehr ordentlich. Verwundert starrte er wieder auf den Fleck.

Später wußte er nicht mehr, warum er das Zimmer verließ, ohne dort sauberzumachen. Draußen im Flur vor der Tür zum sechsten Zimmer fand er einen weiteren Fleck. Er zögerte einen Augenblick, dann klopfte er an die Tür, hob den Riegel und öffnete sie.

Das Zimmer lag im Dunkeln, denn der Vorhang vor dem Fenster war nicht aufgezogen worden. Das Licht genügte gerade, damit man die Gestalt auf dem Bett erkennen konnte.

Colla räusperte sich. »Schwester, du hast verschlafen«, rief er beunruhigt. »Dein Schiff ist fort – ausgelaufen. Schwester, du mußt jetzt aufwachen!«

Die Gestalt unter der Decke regte sich nicht.

Colla ging vorsichtig weiter. Er fürchtete sich vor dem, was er finden würde, er wußte instinktiv, daß etwas sehr Schlimmes passiert war. Er zog den Vorhang vorm Fenster weg, so daß Licht ins Zimmer strömte. Sogleich bemerkte er, daß die Decke auch den Kopf der Gestalt bedeckte, die auf dem Bett ruhte. Auf dem Boden lag ein Schlächtermesser. Er sah, daß es aus seiner eigenen Küche stammte.

»Schwester?« In seiner Stimme schwang jetzt Verzweiflung mit. Er wollte nicht glauben, was er bereits ahnte.

Mit zitternder Hand erfaßte er einen Zipfel der Decke. Sie fühlte sich naß an. Ohne hinzusehen wußte er, daß es kein Wasser war. Sanft zog er die Decke vom Gesicht weg.

Die junge Frau lag da, die Augen weit offen und starr, der Mund vom Schmerz verzogen. Ihre Haut war wachsbleich. Sie mußte schon einige Zeit tot sein. Zutiefst erschrocken zwang sich Colla dazu, den Blick von ihrem blassen, erstarrten Gesicht auf ihren Körper zu wenden. Ihr Hemd aus weißem Leinen war zerrissen und zerfetzt und mit Blut durchtränkt. Solche wütenden Messerstiche hatte er noch nie gesehen. Der Körper war zerstochen und zerhackt, als habe ein Fleischer den weichen Leib der jungen Frau für ein Schlachtlamm gehalten.

Mit einem Stöhnen ließ Colla die blutgetränkte Decke wieder über die Gestalt sinken. Er wandte sich rasch ab und erbrach sich.

KAPITEL 2

Fidelma von Cashel lehnte sich gegen die Heckreling des Schiffes und sah zu, wie die auf und ab wippende Küstenlinie mit überraschender Schnelligkeit hinter ihr verschwand. Sie war an diesem Morgen als letzte an Bord gekommen, und im nächsten Moment hatte der Kapitän schon den Befehl gegeben, das mächtige viereckige Segel an seiner Rahe am Großmast hochzuziehen. Gleichzeitig holten andere Matrosen den schweren Anker ein. Sie hatte nicht einmal Zeit gehabt, unter Deck zu gehen und ihre Kajüte zu besichtigen, bevor das Schiff in Fahrt kam. Sein Segel aus dünnem Leder knallte und bauschte sich im Wind wie eine Lunge, die sich mit Luft füllt.

»Steuersegel setzen!« schrie der Kapitän mit Stentorstimme. Die Mannschaft rannte zu einem Mast, der schräg nach vorn wies. Ein kleines Segel wurde an einer Rahe gesetzt. Auf dem erhöhten Achterdeck standen neben dem Kapitän zwei kräftige, untersetzte Männer. Hier war an der Backbordseite des Schiffes das lange Steuerruder angebracht. Es war so groß, daß nur beide Matrosen gemeinsam es handhaben konnten. Der Kapitän rief einen Befehl, und die Matrosen drehten das Ruder. Das Schiff wurde von der Ebbe erfaßt und glitt durch die Wogen wie eine Sense durchs Korn.

So schnell lief die »Ringelgans« aus der Bucht von Ardmore aus, daß Fidelma beschloß, zunächst nicht unter Deck zu gehen, sondern oben zu bleiben und sich das Manöver anzusehen. Von ihren Mitreisenden war niemand zu erblicken außer zwei jungen Mönchen, die Arm in Arm mittschiffs an der Backbordreling standen, ins Gespräch vertieft. Fidelma nahm an, alle anderen Pilger hielten sich unter Deck auf. Ein halbes Dutzend Matrosen, die das Schiff über das stürmische Meer nach Iberia zu segeln hatten, gingen unter den wachsamen Augen des Kapitäns ihren verschiedenen Tätigkeiten nach. Fidelma fragte sich, warum wohl die anderen Passagiere einen der aufregendsten Augenblicke zu Beginn einer Seereise versäumten, das Auslaufen aus dem Hafen. Sie selbst hatte schon mehrere Reisen zu Schiff unternommen, aber was man beim Inseegehen sah und hörte, fesselte sie jedesmal, von dem ersten Wellenschlag gegen den Rumpf bis zum Auf und Ab der zurückweichenden Küstenlinie. Sie konnte stundenlang beobachten, wie das Land allmählich am Horizont verschwand.

Fidelma war eine geborene Seefahrerin. Oft war sie mit einem kleinen Boot an der wilden, sturmumtosten Westküste zu abgelegenen Inseln unterwegs gewesen und hatte nie Furcht empfunden. Vor einigen Jahren hatte sie Iona besucht, die Insel der Heiligen vor der Küste des gebirgigen Alba, auf ihrem Weg zur Synode von Whitby in Northumbria, und von dort war sie den ganzen Weg über Gallien bis nach Rom und zurück gereist, und selbst bei den heftigsten Schiffsbewegungen war sie niemals seekrank geworden.

Bewegung. An dem Begriff blieben ihre Gedanken hängen. War das vielleicht die Lösung? Von Kind auf war sie geritten. Sie hatte sich wohl an die Bewegungen der Pferde gewöhnt und reagierte deshalb auf die Bewegungen eines Schiffes nicht so wie jemand, der stets auf festem Boden gestanden hatte. Sie nahm sich vor, auf dieser Reise etwas über Seefahrt, Navigation und Entfernungen über See dazuzulernen. Was nutzte es, wenn man eine Seereise genoß, aber ihre praktische Seite nicht verstand?

Sie lächelte über das ziellose Wandern ihrer Gedanken und richtete sich an der hölzernen Reling auf, um noch einmal nach der verschwindenden Anhöhe von Ardmore mit den großen grauen Steingebäuden der Abtei zu spähen. Dort hatte sie als Gast des Abts die vorige Nacht verbracht.

Als sie an die Abtei des heiligen Declan dachte, fühlte sie sich plötzlich einsam.

Eadulf! Die Ursache war ihr sofort klar.

Bruder Eadulf, der angelsächsische Mönch, war als Abgesandter des Erzbischofs Theodor von Canterbury an den Hof ihres Bruders, des Königs Colgú von Muman, nach Cashel gekommen. Bis vor ungefähr einer Woche war Eadulf fast ein Jahr lang ihr ständiger Begleiter gewesen, ihr hilfreicher Gefährte in vielen gefährlichen Situationen, während sie ihr Geschick als dálaigh, als Anwältin bei den Gerichten der fünf Königreiche von Éireann, zu beweisen hatte. Warum überkam sie plötzlich diese Erinnerung?

Es war schließlich ihre eigene Entscheidung gewesen. Vor ein paar Wochen hatte Fidelma beschlossen, sich von Eadulf zu trennen und diese Pilgerfahrt anzutreten. Sie hatte gemeint, sie brauche einen Ortswechsel und Zeit zum Nachdenken, denn sie war mit ihrem Leben unzufrieden. Fidelma fürchtete sich davor, sich an bestimmte Gefühle zu gewöhnen, und sie fand, daß sie das gerade tat; sie traute ihren eigenen Vorstellungen von ihrem Lebensziel nicht mehr.

Doch Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham war der einzige Mann ihres Alters, in dessen Gesellschaft sie sich wirklich ungezwungen bewegen und sich frei ausdrücken konnte. Eadulf hatte lange gebraucht, bis er ihren Entschluß, Cashel zu verlassen und auf diese Pilgerfahrt zu gehen, akzeptiert hatte. Eine Zeitlang hatte er versucht, sie davon abzubringen. Schließlich hatte er sich entschieden, nach Canterbury zu Erzbischof Theodor zurückzukehren, dem neuernannten griechischen Bischof, den er von Rom hierher begleitet hatte und dem er als Sondergesandter diente. Fidelma ärgerte sich darüber, daß sie Eadulf schon vermißte, während die Küste noch in Sicht war. Die kommenden Monate drohten einsam zu werden. Die Gespräche mit Eadulf würden ihr fehlen, ihre gegenseitigen Neckereien über ihre unterschiedlichen Meinungen und Lebensauffassungen und seine Art, immer gutmütig darauf einzugehen. Sie stritten sich oft heftig, aber niemals entstand Feindschaft zwischen ihnen. Sie lernten voneinander, indem sie ihre Sichtweisen prüften und ihre Vorstellungen besprachen.

Eadulf war wie ein Bruder für sie gewesen. Vielleicht war das das Problem. Er hatte sich ihr gegenüber immer untadelig verhalten. Sie fragte sich nicht zum erstenmal, ob es ihr anders lieber gewesen wäre. Mönche und Nonnen lebten schließlich zusammen, heirateten, und die meisten wohnten in conhospitae oder gemischten Häusern und erzogen ihre Kinder in christlichem Sinne. Wünschte sie sich das auch? Sie war eine junge Frau mit den Sehnsüchten einer jungen Frau. Eadulf hatte nie zu erkennen gegeben, daß er sich so zu ihr hingezogen fühlte, wie es einen Mann zu einer Frau hinzog. Einmal auf einer Reise hatten sie eine kalte Nacht auf einem Berg verbracht, und sie hatte Eadulf gefragt, ob er das alte Sprichwort kenne, eine Decke sei wärmer, wenn man sie doppelt benutze. Das hatte er nicht verstanden. Näher waren sie diesem Thema nie gekommen.

Auch darin, überlegte sie, war Eadulf ein getreuer Anhänger der römischen Kirche, die zwar den Klerikern noch gestattete, zu heiraten und mit einer Frau zusammenzuleben, aber schon deutlich auf das Zölibat zusteuerte. Fidelma wiederum gehörte der irischen Kirche an, die in vielen Gebräuchen und Riten von der römischen abwich, selbst in der Datierung des Osterfests. Sie war ohne jede Einschränkung ihrer natürlichen Gefühle aufgewachsen. Die Unterschiede zwischen ihrer Kultur und der jetzt von Rom propagierten waren der Hauptgrund für die Debatten zwischen ihr und Eadulf. Bei diesem Gedanken fiel ihr sofort der Prophet Amos ein: »Mögen auch zwei miteinander wandeln, sie seien denn eins untereinander.« Vielleicht stimmte diese Weisheit, und sie sollte das Thema Eadulf ganz vergessen.

Sie wünschte, ihr alter Lehrer, der Brehon Morann, wäre hier und könnte ihr raten. Oder auch ihr Vetter, der pausbäckige, unbekümmerte Abt Laisran von Durrow, der sie als junges Mädchen erst dazu überredet hatte, Nonne zu werden. Was hatte sie hier überhaupt zu suchen? Lief sie davon, weil sie keine Lösung für ihre Probleme finden konnte? Falls es so war, würde sie diese Probleme in jeden Winkel der Erde mitnehmen. Am Ziel ihrer Reise würde keine Lösung auf sie warten.

Sie hatte sich diese Pilgerfahrt eingeredet zu dem Zweck, ihr Leben neu zu ordnen, ohne von Eadulf, von ihrem Bruder Colgú oder ihren Freunden in seiner Hauptstadt Cashel beeinflußt zu werden. Sie suchte einen Ort, der in keinerlei Beziehung zu ihrem bisherigen Leben stand, an dem sie nachdenken und sich über vieles klarwerden konnte. Doch sie befand sich an einem Scheideweg. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie weiter eine Nonne bleiben wollte! Sie erschrak darüber, daß sie so etwas auch nur dachte, und begriff, daß sie damit die Frage gestellt hatte, die sie seit mindestens einem Jahr verdrängte.

Sie hatte sich zum Leben in einer religiösen Gemeinschaft entschlossen, weil die meisten aus der geistigen Führungsschicht ihres Volkes das taten, alle, die einen geistigen Beruf ergreifen wollten, so wie ihre Vorfahren alle Druiden gewesen waren. Ihr Interesse und ihre Leidenschaft hatten der Rechtskunde gegolten, nicht der Religion in dem Sinne, daß sie sich einem Leben der Hingabe an Gott in einer Abtei geweiht hätte, abgesondert vom Rest ihrer Zeitgenossen. Sie erinnerte sich jetzt daran, daß die Oberin ihrer Abtei sie gescholten hatte, weil sie zuviel Zeit auf ihre Gesetzesbücher verwandte und nicht genug auf die religiöse Andacht. Möglicherweise sagte ihr das religiöse Leben nun nicht mehr zu.

Vielleicht war das der wirkliche Grund für ihre Pilgerfahrt – sie wollte sich über ihr Verhältnis zu Gott klarwerden und nicht über ihre Beziehung zu Bruder Eadulf nachdenken? Fidelma wurde plötzlich wütend auf sich selbst und wandte sich abrupt von der Reling fort.

Das große lederne Segel ragte hoch über ihr in den blauen Himmel. Die Mannschaft war weiterhin mit ihren verschiedenen Verrichtungen beschäftigt, doch arbeitete sie nicht mehr so hektisch wie unmittelbar beim Verlassen der geschützten Bucht. Von den anderen Pilgern war immer noch nichts zu sehen. Die beiden jungen Mönche unterhielten sich weiter angeregt. Sie fragte sich, wer sie wohl waren und weshalb sie diese Reise unternahmen. Plagte sie ein ähnlicher Konflikt? Sie lächelte trübselig.

»Ein schöner Tag, Schwester«, rief ihr der Kapitän des Schiffes zu. Er verließ seinen Platz neben den Steuerleuten und kam auf sie zu, um sie zu begrüßen. Als sie an Bord ging, hatte er sie kaum beachtet und sich voll darauf konzentriert, das Schiff in Fahrt zu bringen.

Sie lehnte sich wieder an die Reling und nickte freundlich.

»Wirklich ein schöner Tag.«

»Ich heiße Murchad, Schwester«, stellte er sich vor. »Es tut mir leid, daß ich dich nicht richtig begrüßen konnte, als du an Bord kamst.«

Dem Kapitän der »Ringelgans« sah man an, daß er nichts anderes als ein Seemann sein konnte. Murchad war stämmig und untersetzt, hatte ergrauendes Haar und ein wettergegerbtes Gesicht. Fidelma schätzte ihn auf Ende Vierzig. Seine vorspringende Nase hob den engen Stand seiner meergrauen Augen noch hervor. Sein Mund bildete eine feste Linie. Er hatte den wiegenden Gang aller Seeleute.

»Sind dir schon Seebeine gewachsen?« fragte er mit seiner trockenen, rauhen Stimme, die mehr für Kommandorufe als für höfliche Konversation geeignet war.

Fidelma lächelte.

»Ich glaube, du wirst feststellen, daß ich ganz gut zurechtkomme, Kapitän.«

Murchad lachte skeptisch.

»Ich sag dir meine Meinung, wenn wir das Land außer Sicht haben und auf dem offenen Meer sind«, antwortete er.

»Das ist nicht meine erste Schiffsreise«, versicherte ihm Fidelma.

»Tatsächlich?« Er klang belustigt.

»Ja«, entgegnete sie ernst. »Ich bin nach Alba hinübergefahren und von der Küste Northumbrias nach Gallien.«

»Pah!« Murchad verzog verächtlich das Gesicht, doch in seinen Augen blitzte der Schalk. »Das ist nichts weiter als über einen Teich paddeln. Wir gehen jetzt auf eine richtige Seefahrt.«

»Ist sie länger als die von Northumbria nach Gallien?« Fidelma wußte viel, aber die Entfernungen über See kannte sie noch nicht.

»Wenn wir Glück haben … wenn«, betonte Murchad, »dann sind wir in einer Woche am Ziel. Das hängt vom Wetter und den Gezeiten ab.«

Fidelma war überrascht.

»Ist das nicht eine lange Zeit ohne Sicht auf Land?« fragte sie vorsichtig.

Murchad schüttelte lächelnd den Kopf.

»Um Himmels willen, nein. Ein paarmal werden wir unterwegs Land sichten. Wir halten uns dicht an der Küste, damit wir uns orientieren können. Zum erstenmal sollten wir morgen früh wieder Land sichten, allerdings nur, wenn wir auf dem ganzen Weg nach Südosten günstigen Wind finden.«

»Und wo wäre das dann? Im Reich der Briten in Cornwall?«

Murchad sah sie anerkennend an.

»In der Geographie weißt du Bescheid, Schwester. Wir berühren aber die Küste von Cornwall nicht. Wir segeln westlich an einer Gruppe von Inseln vorbei, die mehrere Meilen vor der Küste liegen – sie heißen Sylinancim. Wir legen dort nicht an, sondern segeln weiter, wie ich hoffe, mit günstigem Wind und ruhiger See. Dann wäre das nächste Land, das wir sichten, eine andere Insel namens Ushant, die vor der Küste Galliens liegt. Die sollten wir am nächsten Morgen oder bald danach erreichen. Damit sehen wir zum letztenmal Land für mehrere Tage. Wir nehmen anschließend Kurs genau nach Süden, und so Gott will, erreichen wir die Küste von Iberia, noch bevor die Woche um ist.«

»Nach Iberia innerhalb einer Woche?«

Murchad bestätigte das mit einem Nicken.

»So Gott will«, wiederholte er. »Und wir haben ein gutes Schiff, das uns fährt.« Dabei schlug er mit der Hand auf das Holz der Reling.

Fidelma schaute sich um. Sie hatte sich das Schiff mit besonderem Interesse angesehen, als sie an Bord kam.

»Es ist ein gallisches Schiff, nicht wahr?«

Murchad war etwas überrascht von ihrer Kenntnis.

»Du hast einen scharfen Blick, Schwester.«

»Ich habe ein solches Schiff schon früher einmal gesehen. Ich weiß, daß die starken Planken und die Art der Takelung typisch sind für die Werften von Morbihan.«

Murchad sah noch überraschter aus.

»Dann erklärst du mir wohl gleich noch, wer das Schiff gebaut hat«, meinte er trocken.

»Nein, das weiß ich nicht«, antwortete sie. »Aber wie gesagt, gesehen habe ich solche Schiffe schon.«

»Nun, du hast recht«, gestand Murchad. »Ich habe es vor zwei Jahren in Kerhostin gekauft. Mein Steuermann …« Er wies auf einen der beiden Männer am Steuerruder, den mit dem finsteren Gesicht: »Das ist Gurvan, mein Steuermann und Stellvertreter hier an Bord. Er ist Bretone und hat die ›Ringelgans‹ mitgebaut. Wir haben auch Leute aus Cornwall und Galicia in der Mannschaft. Die kennen die ganze See von hier bis Iberia.«

»Es ist gut, daß du eine so kundige Mannschaft dabei hast«, bemerkte Fidelma mit trockenem Humor.

»Nun, wie gesagt, wenn wir günstigen Wind haben und den Segen unseres Schutzpatrons, des heiligen Brendan des Seefahrers, dann kann es eine schöne Reise werden.«

Bei der Erwähnung des heiligen Brendan erinnerte sich Fidelma an die anderen Pilger.

»Ich wundere mich, weshalb die meisten anderen Passagiere den besten Teil der Reise versäumen«, meinte sie. »Ich finde, das Auslaufen aus dem Hafen auf die offene See ist immer das Spannendste daran.«

»Vom Standpunkt des Reisenden, hätte ich gedacht, wäre es aufregender, in einen fremden Hafen einzulaufen, als einen bekannten zu verlassen«, erwiderte Murchad. Dann zuckte er die Achseln. »Vielleicht haben deine Mitreisenden nicht so gute Seebeine wie du und die beiden jungen Brüder da drüben.« Er nickte hinüber zu den beiden Mönchen, die immer noch in ihr Gespräch vertieft waren. »Mir scheint allerdings, die beiden jungen Männer merken kaum, daß sie auf einem Schiff sind – anders als manche ihrer Mitbrüder.«

Es dauerte einen Moment, bis Fidelma begriff, worauf er anspielte.

»Sind einige bereits seekrank?«

»Mein Kajütenjunge meint, mindestens zwei. Ich habe schon Pilger gehabt, die selbst bei ruhiger See darum beteten, daß der Tod sie erlösen möge, weil sie so seekrank waren, daß sie es nicht mehr aushalten konnten.« Er grinste bei der Erinnerung. »Ich kannte einen Pilger, der wurde seekrank, sobald er einen Fuß auf das Schiff setzte, und blieb es, auch wenn wir im geschützten Hafen vor Anker lagen. Manchen Menschen gefällt es auf See, und andere sollten lieber an Land bleiben.«

»Was habe ich denn für Mitreisende?« fragte Fidelma.

Murchad sah sie einigermaßen erstaunt an.

»Du kennst sie nicht?«

»Nein. Ich gehöre nicht zu ihrer Gruppe. Ich reise allein.«

»Ich dachte, du kämst aus der Abtei.« Murchad wies mit der Hand auf die weit entfernte Küste hinter ihnen.

»Ich komme aus Cashel – ich bin Fidelma von Cashel. Ich bin gestern am späten Abend in der Abtei angekommen.«

»Na.« Murchad erwog ihre Frage einen Augenblick. »Deine Mitreisenden lassen sich wahrscheinlich als die übliche Schar von Mönchen und Nonnen beschreiben. Tut mir leid, Schwester, aber durch die Kutte kann man den einzelnen Menschen schlecht erkennen.«

Diesen Standpunkt konnte Fidelma durchaus teilen.

»Sind sie eine gemischte Gruppe, Mönche und Nonnen?«

»Also das kann ich dir genau sagen. Außer dir sind es vier Nonnen und sechs Mönche.«

»Zehn im ganzen?« fragte Fidelma erstaunt. »Das ist eine merkwürdige Zahl. Gewöhnlich reisen doch Pilger in Trupps von zwölf oder dreizehn?«

»So kenne ich das auch. Auf dieser Reise sollten es wohl sechs Nonnen und sechs Mönche sein. Doch man hat mir gesagt, eine Nonne hätte die Reise nach Ardmore nicht geschafft und eine andere sei heute morgen einfach nicht am Kai erschienen. Wir warteten bis zum letzten Moment, aber ein Schiff kann dem Wind und den Gezeiten keine Vorschriften machen. Wir mußten absegeln. Vielleicht hatte die fehlende Nonne es sich anders überlegt. Es ist allerdings merkwürdig, wenn eine Frau diese Pilgerfahrt allein unternimmt«, setzte er forschend hinzu.

Fidelma zuckte fast unmerklich die Schultern.

»Ich kam erst gestern abend in der Abtei des heiligen Declan an und erkundigte mich nach einem Schiff nach Iberia. Der Abt erklärte mir, dein Schiff wolle heute morgen auslaufen, und er glaube, du hättest noch Platz für einen Passagier. Er nahm mich auf und schickte einen Boten aus, der die Überfahrt für mich bestellte. Meine Mitreisenden sind mir in der Abtei nicht begegnet, und ich kenne keinen von ihnen.«

Murchad schaute sie nachdenklich an und rieb sich seine große Nase.

»Es stimmt, daß der Bote des Abts mich gestern abend in Collas Gasthaus aufsuchte und die Überfahrt für dich bestellte.« Er runzelte die Stirn. »Mir fällt auf, daß du eine seltsame Nonne bist, Schwester. Der Abt beherbergt dich und schickt einen Boten für dich aus? Aber wie eine Oberin eures Ordens siehst du auch nicht aus.«

In dieser Feststellung lag zugleich eine Frage.

»Die bin ich auch nicht«, antwortete sie und wünschte, das Thema wäre nicht aufgekommen.

Er betrachtete sie forschend.

»So einen Vorzug zu genießen ist ungewöhnlich.« Er hielt inne, und dann blitzte in seinen scharfen, hellen Augen die Erkenntnis auf. »Fidelma von Cashel? Natürlich!«

Fidelma seufzte resigniert, als sie merkte, daß er von ihr gehört hatte. Doch in der Enge seines Schiffes wäre wohl früher oder später ohnehin bekannt geworden, wer sie war.

»Ich verlasse mich darauf, Murchad, daß du geheimhältst, wer ich bin«, verlangte sie. »Das geht schließlich meine Mitreisenden nichts an.«

Murchad atmete tief durch.

»Daß die Schwester des Königs von Cashel auf meinem Schiff reist? Das ist eine Ehre, Lady, und meine Neugier ist befriedigt.«

Fidelma schüttelte tadelnd den Kopf.

»Schwester«, verbesserte sie ihn scharf. »Ich bin nichts weiter als eine gewöhnliche Nonne auf einer Pilgerfahrt.«

»Nun gut, ich werde dein Geheimnis bewahren. Aber eine Prinzessin und zugleich eine Anwältin in Gestalt einer Nonne, diese Zusammenstellung trifft man selten an. Ich habe die Geschichte gehört, wie du das Königreich gerettet hast …«

Fidelma hob das Kinn leicht an. Ihre Augen funkelten bedrohlich, als sie erwiderte: »War nicht Brendan auch ein Prinz, und stammte nicht Colmcille aus dem Königshaus der Uí Néill? So ungewöhnlich ist es doch wohl nicht, daß Personen von königlichem Rang dem Glauben dienen? Jedenfalls bleibt dieses Thema unter uns und wird nicht vor den anderen Pilgern besprochen.«

»Ich muß es aber dem Jungen sagen, der dich während der Reise bedient.«

»Es wäre mir lieber, wenn du das nicht tust. Und nun, Kapitän, wolltest du mir etwas über meine Mitreisenden erzählen«, lenkte sie von dem Thema ab, das ihr peinlich war.

»Viel weiß ich nicht über sie«, gestand Murchad. »Sie übernachteten zwar gestern in der Abtei, aber ich glaube nicht, daß sie zu ihr gehören. Ihrem Dialekt nach zu urteilen, kommen die meisten von ihnen – jedenfalls die, die ich gehört habe – aus dem Norden, aus dem Königreich Ulaidh.«

Fidelma wunderte sich.

»Das ist doch ein langer Weg für Pilger aus Ulaidh, wenn sie bis Ardmore wandern und dann erst aufs Schiff gehen, statt direkt von einem Hafen im Norden abzufahren?«

»Vielleicht.« Murchad schien das nicht zu interessieren. »Als Schiffseigner bin ich froh, wenn ich Passagiere bekomme, ganz gleich aus welchen Gründen. Du hast noch Zeit genug, Lady, sie kennenzulernen und ihre Motive für die Reise zu erfahren.«

Plötzlich blickte er zu den Wimpeln auf, die am Großmast wehten, und beschattete seine Augen.

»Entschuldige, Lady. Ich muß halsen – ich meine, den Kurs des Schiffes ändern –, denn der Wind dreht.« Sie wollte ihn schon rügen, weil er sie mit »Lady« statt mit »Schwester« angeredet hatte, als er fortfuhr: »Wenn du an Deck bleiben willst, geh lieber hinüber zur Leeseite, aus dem Wind raus.« Er bemerkte ihre Ratlosigkeit und zeigte auf die Seite, die dem Wind gegenüberlag, wenn er den Kurs geändert hatte. Der Wind hatte sich überraschend gedreht, seit sie an dem Vorgebirge vorbei auf die offene See herausgekommen waren.

»Wenn es dir recht ist, Kapitän, gehe ich jetzt nach unten und suche meine Kajüte«, antwortete sie.

Er wandte sich um und brüllte so unerwartet los, daß sie zusammenfuhr.

»Wenbrit! Durchsagen, Wenbrit zum Kapitän!« Er schaute sie wieder an. »Ich muß dich für den Augenblick verlassen. Der Junge bringt deine Plünnen nach unten und zeigt dir deine Kajüte, Lady …«

Er drehte sich um, ehe sie ihn fragen konnte, was »Plünnen« bedeutete, und eilte zu den Männern am Steuerruder. Dann brüllte er: »Leinen klar zum Halsen.«

Das Schiff stampfte und rollte so heftig, daß Fidelma ständig ihre Haltung ändern mußte, um senkrecht zu bleiben.

»Bißchen rauh für dich, was, Schwester?«

Sie schaute in das Koboldsgesicht eines dreizehn- oder vierzehnjährigen Jungen, der breitbeinig, die Hände in den Hüften, vor ihr stand und sich mühelos im Gleichgewicht hielt, während das Schiff schlingerte und rollte, als die Mannschaft es auf den neuen Kurs manövrierte. Er hatte kupferrotes Haar, eine Menge Sommersprossen auf seiner hellen Haut und meergrüne Schalksaugen. Sein breites Grinsen verriet selbstbewußten Stolz. Er sprach zwar mühelos irisch, doch mit einem Akzent, der seine Herkunft verriet: Er war Brite.

»So rauh nun auch nicht«, versicherte sie ihm, obgleich sie sich an der Reling abstützen mußte.

Bei ihrer Antwort verzog er ungläubig das Gesicht.

»Na«, meinte er, »wenigstens hältst du dich besser als ein paar von deinen Freunden unter Deck. Die kotzen wie die Reiher.« Angeekelt rümpfte er die Nase. »Und wer hat das alles sauberzumachen?«

»Ich nehme an, du bist Wenbrit?« fragte Fidelma lächelnd. Trotz des Schlingerns des Schiffes spürte sie keine Übelkeit. Es kam nur darauf an, das Gleichgewicht zu halten.

»Ja«, antwortete der Junge. »Du willst jetzt wohl nach unten gehen?«

»Ja, ich möchte mir meine Kajüte ansehen.«

»Dann folge mir, Schwester, und halte dich gut fest«, sagte er und nahm ihre Tasche. »Bei kräftigem Seegang ist es unter Deck manchmal gefährlicher als auf Deck. Wenn ich Kapitän wäre, würde ich meine Passagiere erst nach unten lassen, wenn sie wüßten, wie das ist. Wenn sie erst Seebeine gekriegt haben, dann können sie sich auch in der Dunkelheit unter Deck verkriechen.«

Mit diesen spöttischen Reden ging er ihr stolz und sicher voran, die hölzernen Stufen vom Achterdeck hinunter auf das Hauptdeck. Als er sich umwandte, bemerkte Fidelma einen weißen Streifen an seinem Hals, die Narbe einer Abschürfung. Das reizte ihre Neugier, doch es war nicht der Ort und nicht die Zeit, danach zu fragen. Am Fuß der Treppe beobachtete er kritisch, wie sie herabstieg. Rasch war sie unten, und er nickte in widerwilliger Anerkennung.

»Einer deiner Freunde fiel die Treppe runter, als wir noch vor Anker lagen«, erklärte er fröhlich. »Landratten!«

»Hat er oder sie sich verletzt?« fragte Fidelma, von der Gefühllosigkeit des Jungen entsetzt.

»Nur in ihrer Würde, wenn du verstehst, was ich meine«, erwiderte er lässig. »Hier lang, Schwester.«

Er ging durch eine Tür – die korrekte seemännische Bezeichnung dafür hatte Fidelma nicht behalten – und eine enge schmutzige Treppe hinunter in den Kajütenraum unter Deck. Später lernte sie, daß das Niedergang hieß. Eine einzige Sturmlaterne schwang an einer Kette in dem Korridor und verbreitete ein nur schwaches Licht.

»Du hast eine Kajüte mit einer anderen Schwester zusammen dort am hinteren Ende.« Der Junge wies mit der Hand dorthin. »Die anderen Reisenden haben die Kajüten hier entlang. Wenn ich nicht an Deck bin, schlafe ich in der großen Kajüte hier drüben.« Er zeigte nach vorn. »Dort bereiten wir die Mahlzeiten zu und essen. Es heißt das Messedeck. Ich bin immer zu erreichen, wenn was gebraucht wird.« Stolz wölbte er die Brust. »Der Kapitän – also der möchte, daß sich die Passagiere erst an mich wenden, und wenn es was Wichtiges ist, dann gebe ich es an ihn weiter. Er möchte nicht soviel mit den Reisenden auf seinem Schiff zu tun haben.« Er hielt inne, als erwarte er eine Reaktion.

»Sehr wohl, Wenbrit«, bestätigte Fidelma feierlich, »wenn es Probleme gibt, frage ich zuerst dich.«

»Es gibt eine Mahlzeit am Mittag, und an der wird der Kapitän teilnehmen und euch allen erklären, wie man sich an Bord zu verhalten hat. Aber im allgemeinen speist er nicht mit den Passagieren. Am ersten Tag macht er eine Ausnahme, um sicherzugehen, daß alle Bescheid wissen. Mit warmen Mahlzeiten dürft ihr natürlich nicht rechnen. Dabei fällt mir ein, w

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tod auf dem Pilgerschiff" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen