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Tigers & Devils (02) – Gemeinsam atemlos

SEAN KENNEDY

Tigers & Devils

Gemeinsam atemlos

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Michaela Link

Zu diesem Buch

Als Simon Declan endlich seine Liebe gesteht, könnte für beide das Glück perfekt sein. Doch in einem Moment der Unachtsamkeit werden sie von einem Fotografen beobachtet, der Declans lang gehütetes Geheimnis sofort an die Presse weitergibt. Ganz Melbourne weiß am nächsten Tag, dass der gefeierte Starstürmer der Richmond Tigers Männer liebt, und die Hetzjagd der Medien nimmt seinen Lauf. Auch der Verein übt Druck auf Declan aus, und er wird vor eine harte Wahl gestellt: der Sport, der sein Leben ausmacht, oder der Mann, der alles für ihn bedeutet …

Halbzeit

Aus der Herald Sun, 01. Oktober

SCHOCK: AFL-STAR HEIMLICH SCHWUL!

Von Peter van Niuewen

Die exklusiven Fotos, die ein Augenzeuge der Herald Sun übermittelt hat, zeigen, dass einer der bekanntesten Stars der AFL offenbar heimlich in einer homosexuellen Beziehung lebt.

Für die Fans der Devils ist es zweifellos ein Schock, dass Mittelfeldspieler Declan Tyler, Träger der Brownlow-Medaille, schwul zu sein scheint. Unsere Fotos allerdings lassen daran keine Zweifel.

Sie wurden auf dem Gelände des St. Vincent’s Hospitals aufgenommen, wo Tylers Vater eingeliefert worden war, nachdem er am Sonntag einen Herzinfarkt erlitten hatte. Der Fotograf, der nicht genannt zu werden wünscht und überdies noch minderjährig ist, hat einen Patienten besucht und Tyler und seinen unbekannten Gefährten beobachtet. Es ist ihm gelungen, diese Fotos mit seiner Handykamera zu schießen.

Alle Versuche, Tyler für eine Stellungnahme zu erreichen, waren vergebens, da die Familie sich in ihrem Haus in Glenroy abschirmt.

Die Identität des rätselhaften zweiten Mannes auf den Fotos ist noch ungeklärt. Tyler steht in seiner schlimmsten Saison seit Beginn seiner Profilaufbahn.

Der Vorstand der AFL, Scott Frasier, der Trainer der Devils und Clubmanager Ed Wallace haben eine Stellungnahme zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls abgelehnt.

Ein verschwiegener Footballstar … mehr auf Seite 4

Aus der Kolumne »The Scene«, Reach Out, 03. Oktober

NICHT SO SCHOCKIEREND FÜR EINIGE

Ein Leitartikel von Jasper Brunswick

Es scheint, dass die heterosexuelle Welt sich gegenwärtig förmlich in die Hosen macht angesichts der Tatsache, dass Declan Tyler, einer der größten Stars der AFL, geoutet worden ist. Dies hat zu einem Aufruhr geführt nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Dass nämlich einer der besten Spieler in der jüngsten Geschichte unmöglich ein Homo sein kann, schließlich sind Homos eher dafür bekannt, eine Handtasche zu tragen als einen Ball, oder nicht?

Im Moment scheint es möglicherweise unvorstellbar für jene, die Tyler wie einen modernen Gladiator über das Spielfeld streifen sehen, dass ein Sportstar seines Kalibers schwul sein könnte. Und es mag viele geben, die versuchen, die jüngst publizierten Fotos als Fälschungen abzuschreiben, die von ähnlich aussehenden Männern inszeniert worden sind. Andere würden sie vermutlich am liebsten als exzellente Photoshop-Machwerke einstufen.

Aber was bedeutet das Outing für Tylers Zukunft in seinem erwählten Beruf? Ist die Welt der AFL bereit für einen unverhohlen schwulen Spieler? Ist Tyler selbst dafür bereit? Ich vermute, dass er es wahrscheinlich nicht ist, sonst hätte er sich aus eigenem Antrieb geoutet.

Es gibt seit einiger Zeit Getuschel über Tyler. Und nicht nur in der Schwulengemeinde. Tyler hat es immer widerstrebt, über sein Privatleben und seine Beziehung zu Jessica Wells zu sprechen, die ihn regelmäßig zur Brownlow-Verleihung begleitet. Auffällige Verschwiegenheit lädt die Öffentlichkeit automatisch dazu ein, jemanden unter Generalverdacht zu stellen.

Und wer ist der mysteriöse Mann auf den umstrittenen Fotos?

Er ist für Reach Out kein Fremder. Er ist der Redaktion bekannt und sollte in Kürze wieder interviewt werden.

Simon Murray, 27, ist der Direktor des Filmfestivals Triple F, das unabhängigen, echten Underground-Filmen ein Forum gibt und außerdem viele Filme präsentiert, die sich der Homosexualität gegenüber aufgeschlossen zeigen. Wir haben in dieser Ausgabe ein früheres Interview mit ihm noch einmal abgedruckt und den Absatz markiert, in dem er darüber berichtet, was es für ihn persönlich bedeutet, schwulenfreundliche Filme auszusuchen.

Es ist anzunehmen, dass wir in der Mainstream-Presse in den kommenden Wochen eine Menge über ihn lesen werden, sowohl im Zusammenhang mit Declan Tyler als auch losgelöst von ihrer Beziehung.

Eines ist gewiss – das Leben, wie sie es kennen, wird nie wieder dasselbe sein.

Interview mit Simon Murray auf Seite 6

Aus der Herald Sun vom 04. Oktober

TYLERS HEIMLICHER SCHWULER LOVER IDENTIFIZIERT!

Von Peter van Niuewen

Eine örtliche, wöchentlich erscheinende Schwulengazette hat die Identität des mysteriösen zweiten Mannes aufgedeckt, der auf den jüngsten Fotos von Declan Tyler zu sehen ist.

Simon Murray, 27, ist Direktor des Filmfestivals Triple F, das sich auf unabhängiges Kino spezialisiert hat und für gewöhnlich mit einer großen Zahl schwulenfreundlicher Beiträge aufwartet. Alle Versuche, Murray zu kontaktieren, waren fruchtlos, und Nyssa Prati, seine Assistentin, weigert sich, eine Stellungnahme abzugeben.

Schwulenkolumnist Jasper Brunswick, der in der Vergangenheit eng mit Murray zusammengearbeitet hat, lüftete die Identität von Tylers heimlichem Freund. »Wir haben eine ganze Weile auf dieser Story gesessen«, sagte Brunswick in einem Telefoninterview, »weil es nicht unser Stil ist, Leute zu outen. Doch da die Declan-Tyler-Story in anderen Medien Schlagzeilen gemacht hat, ist die Sache jetzt nachrichtenwürdig geworden, und wir konnten sie nicht länger verschweigen.«

Alle beteiligten Parteien bewahren Stillschweigen. Tyler hält sich weiter in der Abgeschiedenheit seines Elternhauses in Glenroy auf, während sein Vater im St. Vincent’s Hospital behandelt wird; Murray leitet seine Anrufe auf seinen Anrufbeantworter um. Miss Jessica Wells redet nicht, und ihre »Mitbewohnerin« bewahrt ebenfalls Stillschweigen. Die AFL und der Footballclub Tasmanian Devils haben noch keine Stellungnahmen veröffentlicht.

Bitten an andere Spieler um einen Kommentar sind abschlägig beschieden worden, was zu der Spekulation führt, dass der Club ihnen eine Schweigepflicht auferlegt hat.

»Dies ist sowohl für die Schwulen als auch für die Footballszene eine große Sache«, sagt Brunswick. »Die Menschen werden ihre Wahrnehmung von Grund auf korrigieren müssen. Wir haben es noch nie erlebt, dass ein so populärer Sportstar geoutet wurde, und schon gar nicht auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er könnte als Rollenvorbild für so viele Menschen dienen.«

Fürs Erste ist das neu erkorene Rollenvorbild allerdings abgetaucht.

Leserbriefe zu diesem Thema auf Seite 12

DRITTES VIERTEL

20

Die Welt war verrückt geworden. Das gesamte Kontingent australischer Medienvertreter schien auf meiner Türschwelle zu campieren. Ich konnte nur annehmen, dass sie Komplizen hatten, die das Gleiche beim Haus der Tylers in Glenroy taten, und mein Verdacht wurde bestätigt, als ich an diesem Abend die Nachrichten sah. Ich hatte mir angewöhnt, mit dem Wagen zur Arbeit zu fahren – wenn ich überhaupt hinfuhr – und mich beim morgendlichen Verlassen des Hauses grimmig durch die Journalisten zu kämpfen. Zum ersten Mal im Leben wünschte ich mir, ich hätte eins dieser hässlichen neuen Häuser mit einem Carport und einer Tür, die direkt zur Küche führt, sodass ich relativ unbehelligt hätte entkommen können. Ich beantwortete die vielen Fragen nicht, die mir entgegengeschleudert wurden, nicht einmal mit der üblichen Standardantwort »Kein Kommentar«. Es erzürnte das Rudel, und ihre Fragen wurden anzüglich und zunehmend beleidigend, um eine Reaktion von mir zu erwirken.

»Simon, haben Sie etwas zu verbergen?«

»Simon, schweigen Sie, weil Sie sich schämen?«

»Wo ist Declan? Haben Sie sich getrennt?«

Ich sang im Kopf Songs, um mich abzuschotten. Schließlich hörte ich die Journalisten kaum noch; ich war zu beschäftigt damit, mich auf irgendeine blödsinnige Melodie zu konzentrieren, die mich ablenkte.

Nyssa musste die Reporter bei der Arbeit zurückhalten und verschloss jetzt die Tür, damit niemand einfach von der Straße hereinspazieren und verlangen konnte, mich zu sprechen. Es war nicht gerade hilfreich, dass Nyssa ärgerlich auf mich war, weil ich sie im Dunkeln hatte tappen lassen.

»Ich dachte, wir wären Freunde«, sagte sie an dem Tag, als die Zeitung die Fotos brachte.

»Wir sind Freunde«, erklärte ich ihr ernsthaft.

»Im Moment fühlt es sich für mich nicht so an.«

»Es ist eine schwierige Situation, Nyss. Ich konnte es nicht allen erzählen. Nur Fran und Roger wussten Bescheid.«

»Natürlich, die wussten es.«

Ihre sonnige Veranlagung hatte sich praktisch in Luft aufgelöst.

Genau wie meine. Declan brauchte zwei Tage, um mich anzurufen.

»Alles okay bei dir?«, fragte er. Kein Hallo.

»Die Frage wollte ich dir auch stellen.«

»Es tut mir leid, dass ich dich nicht sofort angerufen habe … du hast ja keine Ahnung, wie verrückt es hier zugegangen ist.«

Ich wollte nicht darauf hinweisen, dass er wieder einmal abgetaucht war, und es war keine seiner Gewohnheiten, die ich auch nur im Mindesten liebenswert fand. »Ich kann es mir vorstellen. Bei mir hat ein Journalist von irgendeinem Schmierblatt versucht, durch die Katzenklappe hereinzukriechen.«

»Ich habe dich in den Nachrichten gesehen.«

»Ich denke, alle haben mich in den Nachrichten gesehen. Meine Mutter saugt sie auf wie eine Anleitung zum Hänseln, damit sie was hat, das sie in ein paar Jahren an meinem Dreißigsten ausgraben kann.«

»Wie nimmt deine Familie es sonst auf?«

»Ich sollte wohl eher dich fragen, wie es deine aufnimmt.«

Er holte tief Luft. »Verdammt, Simon, ich kann nicht so mit dir am Telefon reden. Ich will dich sehen.«

»Das wird wahrscheinlich wirklich schwierig werden.«

»Ich weiß. Selbst vor Jess’ Haus warten Leute.«

»Ich weiß, wo wir hingehen können.«

»Wohin?« In seiner Stimme schwang ein leiser Ton von Hoffnung mit.

»Zu Fran und Roger.«

»Aber ihr seid …«

»Zwischen Roger und mir ist wieder alles in Ordnung. Kannst du in einer Stunde dort sein?«

»Natürlich.« Er hielt inne. »Simon, nur für den Fall, dass du dir Sorgen gemacht hast … ich liebe dich.«

Ich lächelte zum ersten Mal seit Tagen. Eigentlich wollte ich ihn dafür schelten, dass er sich nicht gemeldet hatte, aber ich konnte es nicht. Zumindest jetzt noch nicht. »Es hat auch bei mir nichts verändert, Blödmann.«

Natürlich war ich vor zwei Tagen ins Zweifeln gekommen. Ich war davon ausgegangen, dass Declan mich hassen würde. Kaum war ich in sein Leben getreten, hatte ich es schon ruiniert. Nichts von ihm zu hören hatte diese Furcht noch weiter zementiert. War er zu Hause und wurde von seiner Familie beschimpft und unter Druck gesetzt zu sagen, dies sei alles eine vorübergehende Verirrung gewesen und ganz allein meine Schuld? Wurde ich als das böse, schwule Raubtier hingestellt, das ihren unschuldigen Sohn verdorben hatte?

Sobald ich Nyssa losgeworden war (was nicht allzu schwer gewesen war, da sie mir ohnehin aus dem Weg ging, um mir klarzumachen, wie sauer sie auf mich war), versuchte ich es auf Declans Handy. Ich musste allerdings feststellen, dass es ausgeschaltet war. Ich brach frühzeitig von der Arbeit auf und zog mir törichterweise den Schal über die untere Hälfte meines Gesichts, als sei mir kalt, aber ich tat es in Wirklichkeit, um nicht erkannt zu werden, da ich mein verschwommenes Profil in mindestens einem halben Dutzend Zeitungen sah, die in der Straßenbahn gelesen wurden.

Am diesem ersten Tag konnte ich mich noch relativ sicher fühlen, weil mein Name noch nicht durchgesickert war. Aber als ich nach Hause kam, begann mein Handy zu klingeln.

Überraschenderweise war es meine Mutter.

»Was liegt an, Mom?«

»Wo bist du?«

»Zu Hause.«

»Jetzt schon?«

»Ich … nun, ich fühle mich nicht besonders gut.«

»Ich hoffe, du brütest nicht dieses Virus aus, das die Runde macht. Deine Tante Mary ist drei Tage lang nicht von der Toilette gekommen!«

Das war ein lebhaftes Bild, das nicht dazu beitragen würde, mich besser zu fühlen. »Ich bin nur erkältet, glaube ich.«

»Also, ich habe gerade hier gesessen und musste so richtig herzhaft lachen. Willst du mal raten, warum?«

Ich ließ mich schwer auf die Couch fallen. »Warum?«

»Nein, rate!«

Maggie sprang auf meinen Schoß, und ich kraulte sie hinter den Ohren. »Hat Dad versehentlich wieder irgendeinen total verbrannten Kuchen gegessen, den Tim gebacken hat?«

»Nein!«

»Was dann?«, fragte ich ungeduldig.

»Ich habe gerade die Zeitung bekommen …«

Oh, Scheiße, nein …

»Und anscheinend ist Declan Tyler von den Devils ein Homosexueller! Genau wie du.«

»Wirklich?«, fragte ich, weil ein Wort so ziemlich alles war, was ich herausbrachte.

»Und du errätst nie, was die komische Sache dabei ist!«

»Das war nicht die komische Sache?«, fragte ich matt.

»Sein Freund, nun, ich nehme an, du würdest es Partner nennen, nicht wahr? Er sieht irgendwie so aus wie du.«

»Ähm …«

»Ich habe es deinem Vater gezeigt, und er sagte, das könntest unmöglich du sein.«

»Was, er kann sich nicht vorstellen, dass ich gut genug für Declan Tyler bin?«, fragte ich empört.

Meine Mutter lachte. »Nun, es ist einfach … er ist nicht direkt in deiner Liga, nicht wahr? Es wäre so, als wäre Tim, ich weiß nicht, mit einem Supermodel zusammen.«

Verletzt holte ich tief Luft und sagte mit so viel Würde, wie ich aufbringen konnte: »Mom, ich bin tatsächlich der Mann auf dem Bild.«

Meine Mutter brach in Gelächter aus. »Oh, Simon, hör auf damit!«

»Das war kein Witz!«

»Sieh nur zu, dass du die Zeitung kaufst und es dir anschaust, okay?«

»Mom …«

»Wir reden später weiter, Liebling.«

Als ich auflegte, schaute ich auf Maggie hinab. »Scheiße, die ganze Welt ist verrückt geworden.«

Ich blieb sitzen mit einer warmen Katze auf dem Schoß und starrte die Wand an. Es schien ein perfekter Augenblick, um die Zeit anzuhalten, um sich nicht mit irgendwelchen weiteren Konsequenzen herumzuschlagen. Archäologen würden mich in drei Jahrhunderten oder so finden und niemals meine Geschichte erraten oder die Kontroverse, die es um mich gab. Der Fund würde leidenschaftslos protokolliert und in ihre Archive gebracht werden. Und dort würden wir für immer verschwinden.

Das schien wie reine Glückseligkeit im Vergleich zu meiner gegenwärtigen Wirklichkeit.

Ein Klopfen an der Tür ließ sowohl Maggie als auch mich zusammenzucken.

Während sie in die Sicherheit des Schlafzimmers floh, ging ich vorsichtig zur Tür und rief: »Wer ist da?«

»Roger.«

Er war es tatsächlich. Kein Journalist konnte diese Stimme so gut nachmachen. Ich öffnete sofort die Tür, und da stand er. Er hatte die Hände in den Taschen und sah mich einfältig an.

»Hi.«

Weiter kamen wir nicht. Er wurde ganz steif, als ich ihn in die Arme riss. Allmählich erwiderte er die Umarmung.

»Dies … ist ein beachtliches Willkommen. Hey, weinst du?«

»Nein«, schniefte ich. »Niemals.«

»Darf ich reinkommen?«, fragte er. »Denn wenn die Presse auftaucht, werden wir morgen auf der ersten Seite stehen, und sie werden dich bezichtigen, Declan zu hintergehen.«

Ich lachte, und diesmal fühlte es sich nicht erzwungen an. »Komm rein.«

Es war, als hätte es den letzten Monat nie gegeben, obwohl Maggie so überrascht war, seine Stimme wieder zu hören, dass sie zurückkam, um der Sache auf den Grund zu gehen, und sie ließ sich glücklich von ihm unterm Bauch kraulen.

»Ich habe die Zeitung gesehen«, sagte er.

Ich holte uns Bierdosen aus dem Kühlschrank. »Ist das der Grund, warum du beschlossen hast, mir zu verzeihen?«

Er zuckte die Achseln. »Ich habe mir überlegt, dass du mich brauchst.«

»Du hast richtig überlegt«, gab ich zu. »Es tut mir leid, dass ich so ein Arschloch war, als es darum ging, dir zu verzeihen.«

»Mir tut es leid, dass ich überhaupt so ein Arschloch war. Und dann ein Arschloch dir gegenüber war, als du aufgehört hast, ein Arschloch zu sein.«

Die perfekte Entschuldigung.

Jetzt, da die Dinge zwischen uns in Ordnung waren, boxte ich ihn gegen die Schulter. Und es war keine spielerische Geste. »Du hast dir das Große Finale ohne mich angesehen!«

»Hey!« Er rieb sich die geschundene Stelle. »Falls es ein Trost ist, ich hatte eine wirklich miese Zeit.«

»Ich bin dabei eingeschlafen«, gestand ich.

»Was für ein Frevel!«

»Es stimmt aber.«

»Fran hat versucht, sich das Spiel mit mir anzusehen. Dann hat sie sich gelangweilt und ist im zweiten Viertel gegangen und nicht mehr zurückgekommen.«

»Du hättest mich anrufen sollen. Ich wäre in fünf Minuten drüben gewesen.«

»Ich weiß. Hätte ich.« Er hörte auf, Maggie zu kraulen, und erhob sich. Wir setzten uns auf die Couch. »Also, wie fühlst du dich?«

»Wegen des Artikels? Wenn ich das wüsste. Ich tue so, als gäbe es ihn nicht.«

»Was hat Declan gesagt?«

Ich zuckte die Achseln. »Das kannst du ebenso gut raten wie ich.«

»Du hast nicht mit ihm gesprochen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Sein Handy ist ausgeschaltet. Es hat wahrscheinlich nonstop geklingelt.«

»Ich bin mir sicher, dass er dich anrufen wird.«

»Ja«, antwortete ich, obwohl mein Ton etwas anderes sagte.

»Du trauriger, enttarnter Mistkerl.« Roger seufzte. »Ich rufe Fran an und hole sie her, und wir essen zu Abend und muntern dich auf.«

»Ich brauche keine Aufmunterung.«

Aber der Gedanke, dass wir alle drei wieder vereint waren, war so ziemlich das Einzige, was mich überhaupt aufheitern konnte, abgesehen von einem Anruf von Declan natürlich.

Ich würde nur noch einen einzigen Tag der Anonymität haben. Und diesen Tag verlebte ich in Angst vor Entdeckung, gepaart mit der sehr realen Furcht, dass Declan sich nicht mehr bei mir melden würde.

Nyssa taute an diesem Tag mir gegenüber wieder ein wenig auf. Ihr Ärger wich langsam einem gewissen Mitleid in Anbetracht des Dramas, das sich in meinem Leben abspielte.

Sie stahl sich kurz nach der Mittagspause in mein Büro und verkündete, dass Jasper Brunswick am Telefon sei. »Soll ich ihn abwimmeln?«, fragte sie. »Ich weiß, dass du selbst in den besten Zeiten nicht gern mit ihm gesprochen hast.«

Das war es. Ich wusste, was kam. »Nein, ich werde den Anruf entgegennehmen.«

Nyssa nickte. »Leitung zwei.«

Als sie ging, griff ich nach dem Telefon. »Simon Murray.«

»Simon, hier ist Jasper Brunswick.«

»Ich habe deinen Anruf erwartet. Du genießt es wahrscheinlich.«

»Wow, ich weiß, du hasst mich jetzt, aber du hast mich vollkommen falsch verstanden.«

»Wirklich?«, spottete ich.

»Ich habe dir bei unserem letzten Gespräch einen Gefallen getan. Und ob du es glaubst oder nicht, ich rufe an, um dir einen zweiten anzubieten.«

»Und der wäre?«

»Declans kleines Geheimnis ist rausgekommen. Also werden wir jetzt einige Artikel darüber veröffentlichen.«

»Schön für dich.«

»Ich werde dich als seinen Partner nennen.«

Wenn ich durch die Leitung hätte greifen und ihm die Kehle aufschlitzen können, hätte ich es getan. Es kostete mich alle Kraft, die ich hatte, um mir eine bissige Antwort zu verkneifen.

»Du bist bereits geoutet, Simon«, sagte er schnell, um sich zu rechtfertigen. »Es ist nicht so, als würde ich dich gegen deinen Willen outen. Du hast Interviews für das Triple F gemacht, in denen du deine Sexualität nicht verborgen hast. Und die anderen Zeitungen werden über kurz oder lang herausfinden, wer der zweite Mann auf den Fotos ist. Wir müssen die Neuigkeiten ebenfalls abdrucken.«

»Und sicherstellen, dass du den Knüller hast, oder etwa nicht?«, fragte ich, endlich in der Lage, wieder zu sprechen, statt nur ein entrüstetes Protestgeräusch von mir zu geben.

»Wenn wir ihn haben, wären wir dumm, es nicht auszunutzen. Ich rufe an, um dir die Gelegenheit zu geben, einen Kommentar dazu abzugeben.«

»Du willst einen Kommentar?«, fragte ich. »Fick dich. Das ist mein Kommentar.«

Ich legte auf. Es war kindisch und zwecklos, aber es fühlte sich gut an.

Ich saß an meinem Schreibtisch und versuchte herauszufinden, was ich tun sollte. Die Reach Out würde heute Abend gedruckt werden und morgen herauskommen, was bedeutete, dass die Nachricht sich schnell genug verbreiten würde, dass die anderen Zeitungen und Onlinejournale sie bis zum Nachmittag aufgegriffen haben würden. Es ging mir jetzt wie Declan, und ich konnte verstehen, warum er abgetaucht war.

Vielleicht konnte ich versuchen, Jasper in seinem eigenen Spiel zu schlagen und dem Knüller zuvorzukommen, indem ich mich der Presse stellte. Aber dann begriff ich, wie das aussehen würde, nämlich so als würde ich versuchen, Kapital aus der Story zu schlagen und sie der Öffentlichkeit zu verkaufen. Declan Tylers kleine Schwuchtel als Goldgräber. Und was würde Dec denken, vor allem da wir noch nicht einmal miteinander gesprochen hatten? Es sollte eigentlich eine gemeinsame Entscheidung sein, wie wir jetzt vorgingen, selbst wenn wir nicht mehr zusammen waren.

Was Declan offensichtlich stillschweigend voraussetzte.

Ich beschloss, dass es eleganter war, Stillschweigen zu bewahren. Sollte Jasper seinen Knüller haben. Ich hoffte, er würde daran ersticken.

Es bereitete mir Bauchschmerzen, aber ich griff nach dem Telefon und rief meine Eltern an. Ich hoffte inständig, dass niemand zu Hause war.

Die Götter lächelten auf mich herab, zumindest in diesem Fall. Der Anrufbeantworter sprang an.

»Hi, ich bin’s, Simon. Hört mal, ich muss euch etwas erzählen. Habt ihr es für einen Witz gehalten, die ganze Sache mit Declan Tyler? Es ist keiner. Und ein Journalist hat mich identifiziert. Also wollte ich euch nur warnen, falls irgendwelche Reporter anrufen oder bei euch zu Hause auftauchen. Bitte, sagt ihnen nichts. Danke.«

Ich war erstaunt, dass ich es geschafft hatte, so ruhig zu klingen.

Ich rief bei Nyssa durch und sagte ihr im Wesentlichen das Gleiche.

Der nächste Morgen dämmerte herauf wie jeder andere. Ich spähte aus meinem Fenster, aber auf meinem Rasen waren keinerlei Reporter oder andere Verrückte zu sehen. Ich hatte am Abend zuvor eine große Einkaufsexpedition unternommen, daher konnte ich mich hier für ein paar Tage verbarrikadieren, falls es nötig war. Die Straße sah geradezu unwirklich friedlich aus.

Aber um halb eins war auf einmal der Teufel los.

Ich ließ beim ersten Anruf den Anrufbeantworter anspringen. Es war dieser Typ von der Herald Sun, van Niuewen, der ein Interview erbat. Dann rief Today Tonight an, gefolgt von A Current Affair und Who Weekly. Mittlerweile konnte ich es nicht mehr ertragen, ihre höflichen und maßvollen Stimmen zu hören, und wie sie ihre Dienste anboten, indem sie meine Geschichte der Welt im Allgemeinen erzählen würden, also schaltete ich den Anrufbeantworter aus und stöpselte mein Telefon aus der Wand.

Kurz nach vier – sie hatten wahrscheinlich ein Weilchen gebraucht, um meine Privatadresse aufzuspüren – erschienen die Ersten auf meiner Türschwelle.

Ich lag auf der Couch und las ein Buch, als zuschlagende Autotüren mich jäh zusammenzucken ließen. In meinem Haus war es so still wie in einem Grab, da ich nicht wollte, dass irgendein Anzeichen verriet, dass ich daheim war. Ich stahl mich durch den Raum, um hinter dem Vorhang hervorzuspähen. Ich erkannte die Journalistin, eine dieser ultraernsten Typen, die immer noch der Fernsehjournalistin Jana Wendt nacheiferten. Sie signalisierte ihrem Kameramann, ihr zu folgen, und schritt forsch und wichtig zu meiner Vordertür. Sie war hier, um Nachrichtenstoff zu ergattern, verdammt!

Selbst ihr Klopfen war aufdringlich.

Mein Herz hämmerte. Ich zog mich zurück, als hätte sie Röntgenaugen oder terminatormäßige Wärmesensoren, um meine Anwesenheit festzustellen.

»Meinst du, er ist zu Hause?«, hörte ich sie den Kameramann fragen, der zur Antwort nur die Achseln zuckte. Sie klopfte abermals und stand da und schmollte still vor sich hin.

»Wir belagern ihn. Wir haben den längeren Atem«, sagte sie schließlich.

Klasse. Sie strahlte so viel echtes Mitgefühl aus, dass ich ihr meine Geschichte garantiert erzählen würde. Sie gingen zurück zu ihrem Van und zogen Klappstühle heraus, auf denen sie Platz nahmen.

Bald gesellten sich andere Journalisten vom Fernsehen zu ihnen, ebenso von den Printmedien und vom Radio.

Wann immer eine neue Crew auftauchte, beriet sie sich mit denen, die bereits auf meinem Rasen campierten, alle gleichermaßen erleichtert, dass noch niemand mit mir gesprochen hatte, und alle fragten sich, wo ich war. Sie schienen geübt darin, sich in der Reihenfolge ihres Eintreffens miteinander zu arrangieren. Ihre Stimmen drangen bis in mein Versteck im Haus; sie machten sich nicht die Mühe, leise zu sprechen.

»Denkt ihr, er ist zu Hause?«

»Er ist wahrscheinlich entweder hier oder im Haus von Tyler.«

»Meinst du, Tylers Familie weiß über ihn Bescheid?«

»Nun, inzwischen vermutlich schon.«

Gelächter.

»Er geht nicht an sein Telefon.«

»Man kann es nicht einmal läuten hören.«

»Wahrscheinlich hat der Mistkerl es aus der Wand gezogen.«

Um fünf Uhr stöpselte ich meine Kopfhörer in den Fernseher und schaltete die erste Nachrichtensendung ein. Ich war erschrocken, mein Haus in einer Live-Schaltung zu sehen. Ich begriff, dass ich Maggie im Fenster rechts neben der Journalistin sehen konnte. Meine Katze genoss die spektakuläre Aussicht. Ich drehte den Kopf und sah ihr Hinterteil und ihren Schwanz hinter dem Vorhang hervorlugen. Dann folgte eine zweite Live-Schaltung, diesmal zum Haus der Tylers, wo nicht einmal eine Katze auf dem Fenstersims auf Leben im Inneren deutete.

Sie konnten nicht die ganze Nacht hier draußen campieren, oder? Wenn das Einzige, das ihnen geboten wurde, die Aufmerksamkeit meiner Katze war – die jede Aufmerksamkeit genoss, egal von wem?

Ich stellte mir die Schlagzeile vor, die die nächste Ausgabe der Reach Out wahrscheinlich zieren würde:

TYLERS LOVER MAG DOCH PUSSYS

Ich schaltete die Nachrichtensendung aus und trommelte mit den Fingern, um zu versuchen, Maggies Aufmerksamkeit zu erregen. Sie war von dem Zirkus draußen immer noch zu abgelenkt, der, nach dem Geräusch zuschlagender Autotüren zu urteilen, gerade einen weiteren Neuankömmling willkommen geheißen hatte.

Ich blinzelte um Maggie herum und begriff, dass es schlimmer war als eine weitere Horde Journalisten, die auftauchten.

Es waren meine Eltern.

»Sind Sie Freunde von Simon Murray?«, fragte ein Journalist.

»Sind Sie seine Eltern?«, fragte ein anderer.

Mein Vater schwieg wie gewöhnlich und zwängte sich mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck durch die Menge. Meine Mutter war sanfter, und ich konnte sie sagen hören: »Entschuldigen Sie, Entschuldigen Sie!«

»Haben Sie gewusst, dass Ihr Sohn sich mit Declan Tyler trifft?«

»Haben Sie gewusst, dass Ihr Sohn schwul ist?«

»Haben Sie gewusst, dass Declan Tyler schwul ist?«

Ich verdrehte die Augen. Wer immer das gefragt hatte, man hätte ihm seinen Studienabschluss aberkennen sollen, weil er nicht in der Lage war, drei Fragen in der richtigen Reihenfolge zu stellen.

Ich lief zur Vordertür, sobald ich meine Eltern die Treppe hinaufkommen hörte. Ich riss die Tür auf, hielt mich aber hinter ihr versteckt. »Kommt schnell rein!«, zischte ich.

Ich konnte hören, wie das Rudel zu kläffen begann.

»Er ist zu Hause!«

»Mistkerl!«

Sobald meine Eltern im Haus waren, schlug ich die Tür zu. Ich erwartete, dass die Journalisten wie gierige Raubtiere über meine hölzerne Eingangstür herfallen würden wie in den Looney Tunes, aber sie rotteten sich nur auf meiner Veranda zusammen.

»Schön«, begann meine Mutter. »Kann ich eine Tasse Tee haben?«

»Ähm, klar. Dad?«

»Hast du Bier da?«

Ich nickte, und er wirkte leicht überrascht. Obwohl ich immer Bier im Kühlschrank hatte für den seltenen Fall, dass er herüberkam.

Sie folgten mir in die Küche, und ich kümmerte mich um die Getränke.

»Stille Wasser sind tief«, bemerkte meine Mutter beinahe bewundernd. »Ich dachte, du hättest wegen der ganzen Declan-Tyler-Sache gescherzt.«

»Wie kommt es, dass ihr mich gestern nicht angerufen habt, nachdem ich die Nachricht hinterlassen hatte?«, fragte ich.

»Oh, wir stehen auf Kriegsfuß mit diesem verdammten Apparat, das weißt du doch«, antwortete meine Mutter. »Wir wissen nie, wie wir ihn benutzen müssen.«

»Wie habt ihr es dann erfahren?«, fragte ich.

»Nun, Liebling, du bist auf den Titelseiten sämtlicher Zeitungen. Und natürlich haben uns alle möglichen Leute angerufen.«

Mein Vater sprach zum ersten Mal, seit er meine Wohnung betreten hatte. »Ist Declan Tyler wirklich … du weißt schon?«

»Ja, Dad, er ist wirklich du weißt schon.« Ich reichte ihm sein Bier.

»Er sieht nicht so aus.«

»Wir haben ein bestimmtes Aussehen?«, fragte ich, während ich den Wasserkocher füllte. »Habe ich dieses Aussehen?«

»Fang nicht so an«, warnte mich meine Mutter. »Wir sind hergekommen, um nach dir zu sehen.«

»Es geht mir gut.«

»Uns geht es aber nicht gut!« Mein Vater schäumte. »Das Telefon hat den ganzen verdammten Nachmittag geläutet.«

»Tut mir leid«, antwortete ich. »Es wird bald Gras über die Sache wachsen.«

»Wo ist er?«, fragte Mom.

»Wer?« Ich nahm den Wasserkocher von seinem Sockel.

»Declan Tyler natürlich.«

»Seid ihr hergekommen, um ihn zu sehen oder mich?«

»Sei nicht so griesgrämig«, warnte mich meine Mutter.

»Kannst du mir einen Vorwurf deswegen machen?«

»Du hättest wissen sollen, dass das passieren würde«, schnaubte Dad.

»Du gibst mir die Schuld daran?« Ich reichte meiner Mutter ihren Tee.

»Das tut er natürlich nicht«, antwortete sie entschuldigend für ihn.

»Ist es etwas Ernstes?«, fragte Dad.

»Was?«

»Deine … Beziehung.« Er sagte es, als sei es vollkommen abwegig.

»Du meinst, ob wir bloß ficken?« Ich sagte es, um grausam zu sein, um ihn auf die Palme zu bringen, und meine Rechnung ging auf.

Mein Vater wurde puterrot.

»Simon!«, rief meine Mutter.

»Genau das wollte er hören.«

»Wollte ich verdammt noch mal nicht«, widersprach mein Vater.

»Nun, dir ist nicht wohl bei dem Wort Beziehung, und dir ist nicht wohl bei dem Wort ficken, wie also wirst du dich fühlen, wenn ich dir sage, dass wir einander lieben

Anscheinend gefiel ihm das auch nicht gut. Mein Vater nahm einen großen Schluck Bier. »Wenn er in dich verliebt ist, warum ist er dann nicht hier?«

»Solche bescheuerten Reaktionen habe ich von der Allgemeinheit erwartet«, entgegnete ich so gelassen ich konnte. »Ich fürchte, es war dumm von mir, von meiner Familie Unterstützung zu erwarten.«

»Hört auf damit, alle beide!«, schaltete meine Mutter sich ein. »Was auch immer dein Dad sagt, Simon, er wollte herkommen und sich davon überzeugen, dass es dir gut geht. Er sorgt sich um dich.«

Mein Vater starrte in sein Bier.

Ich musste zugeben, es war ziemlich beeindruckend, dass er hergekommen war. Bevor ich das jedoch aussprechen konnte, hörten wir einen Aufruhr auf der Veranda. Ich wies meine Eltern an, in der Küche zu bleiben, und ging ins Wohnzimmer, um noch einmal aus dem Fenster zu spähen. Roger war umringt von Journalisten, die verlangten zu erfahren, wer er sei und woher er mich kennen würde, und sie spekulierten sogar darüber, ob er ein Exfreund von mir sei. Ich sah, dass er in der kleinen Menschenmenge hinter sich griff und Fran an seine Seite zog. Sie kramte in ihrer Handtasche und förderte meinen Zweitschlüssel zutage.

Sie schlossen auf und schlugen die Tür zu. Dann standen sie einen Moment bestürzt und keuchend da, bevor sie mich im Wohnzimmer entdeckten.

»Wir haben was Ordentliches zu trinken mitgebracht«, erklärte Fran und zog eine Flasche Gin aus ihrer Tasche.

»Ich weiß genau, warum ihr meine besten Freunde seid«, sagte ich.

Fran kam durch den Raum gelaufen, um mich zu umarmen. »Alles okay soweit?«

»Yep, es geht mir gut.« Dann flüsterte ich: »Meine Eltern sind hier.«

Sie trat einen Schritt zurück und lachte. »Mir war schon auf dem Weg hierher so, als ob ich einen blutroten Himmel sehe, aus dem es Fische regnet.«

»Hübsch.«

»Wer ist da?«, rief meine Mutter aus der Küche.

»George Negus. Er will dich interviewen.«

Meine Mutter kam ins Wohnzimmer gewuselt, zupfte sich das Haar zurecht und machte dann ein niedergeschlagenes Gesicht. Offensichtlich fand sie es schade, dass der berühmte Fernsehjournalist aus Brisbane nicht im Wohnzimmer stand. »Oh, hallo, Roger, Fran.«

»Mrs Murray«, murmelten sie höflich.

»Simon!«, protestierte Mutter. »Ich habe mich für nichts und wieder nichts aufgeregt.«

Roger und Fran kicherten.

»Ich weiß nicht, worüber Sie lachen«, sagte meine Mutter streng zu den beiden. »Ich bin mir sicher, Sie haben über all das Bescheid gewusst, während Simon seine eigene Familie im Dunkeln gelassen hat.«

»Entschuldigung, Mrs Murray«, antworteten sie einmütig.

Meine Mutter schürzte die Lippen. »Eine Tasse Tee?«

Ich wedelte mit Frans Ginflasche. »Ich würde sagen, wir trinken etwas Stärkeres.«

»Einen Gin Tonic, Mrs M?«, fragte Fran.

»Nein, ich bin glücklich mit meinem Tee, danke.«

»Roger.« Fran deutete auf den Gin. »Beeil dich.«

Als Roger an mir vorbeiging, reichte ich ihm die Flasche. Ich hörte, wie er meinen Vater begrüßte, und sie begannen, über das Große Finale zu reden. Sie sprachen über alles Mögliche, was mit Football zu tun hatte und sich nicht direkt auf Declan Tyler bezog.

Meine Mutter schlenderte zum Fenster hinüber und schaute hinaus. »Sie sind immer noch draußen«, stellte sie fest.

»Mom«, zischte ich. »Geh da weg! Sie werden dich sehen.«

»Na und?«, gab sie zurück. »Es ist dein Haus. Sie sollten dich nicht dazu bringen, dich darin zu verstecken.«

Fran schenkte mir ein mitfühlendes Lächeln.

»Du wirst dich ihnen früher oder später stellen müssen«, bemerkte meine Mutter.

»Ich weiß«, seufzte ich.

Glücklicherweise erschien Roger mit den Drinks, und ich leerte meinen in einem einzigen großen Zug. »Würde es dir etwas ausmachen, mir noch einen einzugießen?«, fragte ich.

Roger reichte mir wortlos sein eigenes Glas, gab das dritte Fran und verschwand mit dem leeren Glas wieder in die Küche.

»Er ist gut erzogen«, sagte meine Mutter anerkennend.

»Wie ein Hündchen«, antwortete Fran trocken.

»Also, wie kommt es, dass du keine Fotos von ihm hast?«, fragte meine Mutter und sah sich im Wohnzimmer um.

Ich nuckelte an meinem Glas und wünschte, ich würde ohnmächtig werden. »Es wäre wohl kaum ein Geheimnis geblieben, wenn ich solche Sachen in der Wohnung verteilen würde, oder?«

Ich wollte ihr nicht von dem einen Foto erzählen, das ich in meinem Zimmer versteckt hatte, dem einzigen, das es von uns beiden zusammen gab. Zumindest soweit ich gewusst hatte. Lisa hatte es gemacht, als ich in Hobart gewesen war, ein Bild von Declan und mir auf seinem Sofa. Es war ein schreckliches Foto von mir; ich hatte den Mund zu einem Lachen aufgerissen und wieherte wie ein Esel, während Dec mich erheitert betrachtete. Toller Schnappschuss, wenn auch nicht gerade schmeichelhaft. Natürlich mochte ich es.

Allerdings hatte ich nicht die Absicht, es meiner Mutter als Beweis unserer Beziehung unter die Nase zu halten.

»Hast du erwartet, dass die Klatschblätter euch links liegen lassen?«, fragte Mom.

»Die Reporter sind ja schon da, oder etwa nicht?«

Roger kam mit einem Krug wieder herein. »Das erspart mir, ständig die Gläser auffüllen zu müssen«, stellte er fest.

Ich schnappte mir den Krug und schenkte mir mein drittes Glas ein.

»Du wirst doch nicht zum Alkoholiker, oder?« Das war wieder meine Mutter.

Ich erwog, direkt aus dem Krug zu trinken.

Meine Eltern brachen nicht lange danach auf, enttäuscht darüber, dass sie nicht viel aus mir herausbekommen hatten, und noch aufgebrachter, dass sie Declan nicht zu sehen bekommen hatten. Ich hoffte, dass ein solches Treffen noch in ferner Zukunft lag, und da ich seit Tagen nichts von ihm gehört hatte, konnte es bis dahin sogar länger dauern, als mir recht war.

Fran und Roger erwiesen sich wieder einmal als echte Freunde. Als ich später sternhagelvoll war und am Ende schluchzend und mich erbrechend über der Toilette hing, erklärten sie mir, dass ich nur eine einzige Nacht hätte, in der ich mich so gehen lassen könne, und sie brachen erst auf, als ich wieder einigermaßen nüchtern war.

Gegen vier Uhr morgens wachte ich kurz auf und beugte mich vor, um das Foto von Declan und mir aus dem Buch zu ziehen, in dem ich es versteckt hatte. Ich sah keinen Grund mehr, es zu verstecken, und lehnte es an den Wecker. Wenn jetzt alles gut lief, würde ich es in einen Rahmen stecken.

Als ich zu Roger und Fran fuhr, um mich mit Declan zu treffen, kämpfte ich gegen die Kopfschmerzen an, die dem Absturz der vergangenen Nacht gefolgt waren.

Es war erst das zweite Mal, dass ich mich aus dem Haus getraut hatte. Die Medienmeute war etwas kleiner geworden, aber es waren noch genug Reporter da, dass es ein Kampf war, meinen Wagen zu erreichen. Gefühlte tausend Fragen wurden auf mich abgefeuert, von denen ich die meisten nicht einmal verstand, da alle Reporter wirr durcheinanderredeten. Kamerablitze blendeten mich, während ich versuchte, den Wagen aus der Einfahrt zurückzusetzen, und es hätte mich nicht gewundert, wenn ich zu allem Überfluss wie in einem schlechten Film bei meinem Fluchtversuch einen Journalisten überfahren hätte.

Ich hielt die ganze Zeit ein Auge auf meinen Rückspiegel und versuchte herauszufinden, ob irgendjemand mir folgte. Ich fühlte mich langsam, als sei ich in eine schlechte Fernsehserie über mein Leben geraten, und ich fragte mich, mit welchem grässlichen Soapstar sie meine Rolle besetzen würden.

Aber ich schaffte es unversehrt zu Fran und Roger. Keiner von beiden war zu Hause, also machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich, das dem Fenster am nächsten war, sodass ich nach Declan Ausschau halten konnte.

Er kam ungefähr zehn Minuten nach mir an. Ich öffnete ihm die Tür, bevor er sie auch nur erreicht hatte, und ich wusste nicht recht, ob ich ihn lieber küssen oder schlagen wollte.

Sobald er im Haus war und mich ansah, tat ich beides. Ich schubste ihn ein wenig, aber bevor er Zeit hatte zu reagieren, küsste ich ihn.

»Arschloch!«, murmelte ich, bevor ich zurücktrat. »Wie geht es deinem Dad?«

Er packte mich am Arm und zog mich wieder an sich. »Es tut mir leid. Ich habe alles falsch gemacht, okay? Ich hätte dich gleich als Erstes anrufen sollen. Aber …«

Jetzt, da er hier war, direkt vor mir, verflog mein Ärger. »Ich weiß. Glaub mir, ich weiß es. Aber ich hatte wirklich verdammte Angst, dass du mir die Schuld gibst.«

Declan nickte.

»Hast du es getan, irgendwann?«

Er holte tief Luft. »Ich habe nicht dir die Schuld gegeben, aber ich würde lügen, wenn ich nicht zugäbe, dass ich wünschte, ich hätte mich in dieser Nacht besser unter Kontrolle gehabt.«

Ich starrte auf den Teppich, zu ängstlich, um mir seinen Gesichtsausdruck anzusehen. »Also, was ist los gewesen? Was hat deine Familie gesagt? Dein Trainer?«

Er führte mich zum Sofa hinüber, und wir setzten uns. »Mom wollte zuerst versuchen, es vor Dad geheim zu halten, nur wegen seiner Gesundheit. Aber das ließ sich absolut nicht machen, ich meine, er hat einen Fernseher im Zimmer, und der Zeitungsbote macht jeden Tag die Runde auf den Stationen. Dad wusste Bescheid, als Mom ihn am Abend danach besucht hat.«

»Und?«

»Weißt du, was ätzend ist, Simon? Ich konnte ihn nicht einmal im Krankenhaus besuchen. Dort hatten sie ebenfalls Reporter campieren lassen. Ein Mann hat versucht, sich in sein Zimmer zu schleichen, um eine Stellungnahme von ihm zu bekommen, aber eine Krankenschwester hat ihn zum Glück gepackt, bevor es ihm gelang, irgendetwas zu fragen. Mom wird auf dem Parkplatz belästigt, wann immer sie ihn besuchen kommt. Dies ist das erste Mal, dass ich das Haus verlassen habe.«

»Hattest du Gelegenheit, mit ihm zu telefonieren?«

»Ja.« Declan stieß ein kurzes Lachen aus. »Er hat gesagt, ich stünde ständig im Rampenlicht, wo ich auch hinginge und was immer ich täte.«

»Das klingt eher nach einer schallenden Ohrfeige als nach einer Unterstützung.«

»So ist er nun mal«, erwiderte Declan schlicht. »Er liebt mich. Dass er Vater ist, ändert nichts daran, dass er so etwas niemals aussprechen würde. Man muss alles zwischen den Zeilen lesen.«

Ich dachte, dass das eine nette Art war, es auszudrücken, und erinnerte mich daran, wie meine Mutter behauptet hatte, mein Vater sorge sich um mich.

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