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Tiere sind Arschlöcher

© 2017 Felix Contente

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:   978-3-7439-4545-6
Hardcover    978-3-7439-4546-3
e-Book         978-3-7439-4547-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

I

Ich saß im Garten und ließ mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Er war friedlich, dieser Tag. Die Kinder waren in der Schule, die Frau bei der Arbeit und ich gerade gekündigt und pleite.

Das Abendlied einer Amsel tröstete mich.

Ich war dankbar, sehr dankbar für den friedlichen Ausklang des Tages und suchte neugierig nach dem Abendsänger. Hoch oben im Apfelbaum fand ich ihn, aufgeplustert saß er auf einem Brutkasten und trällerte sein Lied.

Die Idylle wurde zerstört, als eine Meise zu ihrem Brutkasten wollte. Als sie die Amsel sah, schimpfte sie ganz fürchterlich und sprang aufgeregt von Ast zu Ast. In ihrem Schnabel drehte und wand sich ein Regenwurm und hoffte auf ein Wunder. Ich sympathisierte mit dem kleinen Kerl und drückte ihm die Daumen. Doch die Meisin hatte anderes mit ihm vor, auch der Nachwuchs zwitscherte schon aufgeregt im Brutkasten. Sie waren hungrig und ich sah wenig Chancen für den Regenwurm.

Doch dann fing der Streit an.

Fett und dreist saß der Amsel Sänger auf dem Brutkasten und versperrte der Meise den Weg. Bei seinen musikalischen Darbietungen ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Künstler sind da sehr eigen und verstehen in diesem Punkt keinen Spaß. Vor Aufregung fiel der Meisen Mama der Wurm aus dem Schnabel, er klatschte dumpf auf den Rasen, dankte seinen Wurmgöttern und flüchtete hastig über den Rasen.

Dieser Regenwurm war etwas Besonderes. Aufgrund seiner ausgewählt stattlicher Größe und vorzüglicher Lebenskraft versprach er, wie kein anderer, ein hohes Maß an Schmackhaftigkeit. In diesem Punkt waren sich Meise und Amsel einig. Der Amsel Sänger unterbrach sein Lied und liebäugelte, aus der Ferne und nur für einen klitzekleinen Moment der Schwäche, mit dem Regenwurm. Es fiel ihm nicht leicht, aber Künstler sind unbestechlich und so führte er alsbald seine musikalischen Darbietungen mit ungestörter Hingabe fort.

Für das nervöse Herumgehüpfe der Meisen Mama hatte er weder Zeit noch Verständnis. Es war die Kunst und nichts als die reine Kunst, die er der Welt offenbarte. Auf die banalen Bedürfnisse einer hysterischen Meise konnte er wirklich keine Rücksicht nehmen.

So blieb der Meisen Mama der Weg zum Brutkasten definitiv versperrt und der hungrig zwitschernde Nachwuchs blieb unerreichbar. Sie wurde sichtbar nervös. Auch ich litt mit ihr und gab unbewusst aufgeregte Pieps Geräusche von mir.

Das passiert mir manchmal.

Zu sehr hatte ich mich in die aussichtslose Situation der Meisen Mama hinein versetzt. Ich hielt den Atem an und versuchte mich zu beherrschen. Unbeeindruckt von unser beider Anliegen setzte der Künstler zu einer neuen Strophe an.

Zu unserer Rettung kam der Meisen Papa angeflogen. In seinem Schnabel befand sich ein weiteres Opfer, diesmal ein zappelndes Insekt. Blitzschnell hatte er die Notsituation überschaut und spuckte demonstrativ seine Beute aus.

Die Sache für den Amsel Sänger wurde ernst, aber durchaus ein guter Tag für Regenwürmer und zappelnde Insekten.

Die Meisen Eltern hüpften, nun vereint und laut schimpfend von Ast zu Ast, abwechselnd und von allen Seiten wurde der Brutkasten im Sturzflug angeflogen. Das Gezwitscher im Inneren des Brutkastens wurde zunehmend lauter. Der mutige Meiserich versuchte eine waghalsige Attacke von oben, wurde von einer meiner mir entgleitenden Pieps Geräuschen abgelenkt und stürzte jämmerlich auf den Boden.

Während er noch benommen auf dem Rasen lag, versuchte es die Meisen Mutter mit einem Anflug von der anderen Seite, ich hielt mir meinen Mund zu, sie wurde jedoch noch in der Luft von der Amsel abgefangen und stürzte ebenfalls zu Boden.

Künstler sind unberechenbar.

Nach einer kurzen Pause versammelte sich das Meisenpaar zur alles entscheidenden Schlacht. Der Amsel Sänger schien tief versunken in seinem Lied und es schien der richtige Moment für einen gezielten und vernichtenden Anschlag. Die Meisen Mama flog ein Ablenkungsmanöver von links, währenddessen der Meisen Papa von vorne angriff. Der Plan wies jedoch einige kleinere Mängel auf, keiner hatte dem dicken Sänger solch schnelle Reflexe zugetraut. Die Meisen Mama wurde mit einem Flügelschlag am Kopf getroffen und dem Meisen Papa eine unmissverständliche Botschaft in den Hinterkopf gehackt.

Ernüchternd mussten die Eltern vor der Kunst kapitulieren.

Die Katastrophe war vollkommen und ein weiterer Verlegenheitspiepser verließ ungewollt meinen Lippen. Der Urheber der Katastrophe saß äußerst zufrieden mit sich und der Welt auf dem besetzten Brutkasten. Ein neues Lied füllte die Abendluft. Die Kunst war verteidigt und er gab alles, was er hatte.

Was kam, war nicht mehr normal. Die Erde erbebte und das Stück, gesungen mit derart eindringlicher Hingabe, profunder Tiefe und nie da gewesener Dringlichkeit, zerriss mir das Herz. Der Lebensschmerz füllte den Garten, flutete durch die Nachbargärten und sammelte sich im Tal.

Ich wollte applaudieren und mich tief vor der Kunst verneigen, doch der Anblick der kinderlosen Meisen Eltern verhinderte dies und ich verkniff mir schweren Herzens den Beifall.

Ich bin Biologe und ernst zu nehmende Wissenschaftler meines Kalibers mischen sich grundsätzlich nicht in die Natur ein.

Und schon gar nicht in die Kunst.

Als sich jedoch die Kunst von ihrem Sitz auf dem Brutkasten auf die armen Meisen Eltern stürzte und der Meisen Mama sogar am Federkleid zupfte, sprang der Wissenschaftler entschlossen auf und verscheuchte die Amsel mit lautem Gebrüll. Unter Protest führte der verscheuchte Amsel Sänger sein Lied auf dem benachbarten Kirschbaum fort.

Die Meisen Eltern bedankten sich erleichtert bei mir und flogen hintereinander in den Brutkasten. Dort zwitscherte es schon wieder aufgeregt. Schuldbewusst schaute sich der Wissenschaftler um, er war sich seiner Tat bewusst, aber es gab keine Zeugen.

Beruhigt ließ ich mich wieder in meinen bequemen Gartenstuhl gleiten, die Abendsonne brutzelte angenehm auf meinen Bauch und es wurde Zeit für ein Nickerchen.

Aus dem Nachbargarten erklang ein neues Lied der Amsel. Die Vollkommenheit des Universums überwältigte mich und ich fing an zu gähnen. Vereint mit der Natur schlief ich ein.

II

Ich träumte von unserem schönen Gartenteich, einer Goldfischzucht, die ich mir schon immer gewünscht hatte und wie ich meine Kinder, weg von ihren Handys, in die freie Natur locken könnte. In letzter Zeit starrten sie nur noch auf die Dinger. Selbst auf der Achterbahn, auf dem Höhepunkt der Angst vor dem ewigen Abgrund, glotzten sie nur noch verstört auf ihre Handys. Das Leben sauste mit Hochgeschwindigkeit an ihnen vorbei. Die einst so fröhlichen Kinderaugen hatten sich in ausdruckslose schwarz umrandete Löcher in ihren Schädeln verwandelt.

Und es war alles meine Schuld.

Siri hatte es mir damals angetan. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie das kleine Siri Mädchen in das Telefon reinpasste. Um den Mythos endgültig zu lüften, hatten mein Sohn und ich sein erstes Handy in dessen Einzelteile zerlegt. Leider mussten wir feststellen, dass Siri nicht zu Hause war.

Das lustlose Dasein der Kinder belastete uns sehr und meine Liebste und ich entschieden uns für eine nachhaltig kurative Lösung.

Der abrupte Handy Entzug hatte jedoch einige unerwünschte Nebenwirkungen. Die Kinder stellten jede Art der Kommunikation, verbal sowie visuell, komplett ein. Das Haus wurde gespenstisch still und unheimlich. Es tut nicht gut, beim Abendessen seine eigene Stimme hören zu können. Ernsthafte Sorgen machte ich mir allerdings erst, als meine Liebste ihre eigenen Atemzüge zu hören begann. Auch ich fing an meine Atemzüge zu zählen. Unsere Atemgeräusche hallten gespenstisch durch alle Zimmer des Hauses.

So schnell, wie die Handys verschwunden waren, lagen sie auch wieder in den Händen zweier vergnügter Kinder. Die Kinder plapperten wieder vergnügt, wenn auch nicht mit uns, dann wenigstens mit ihren Handys. Wir wurden bescheiden, unser Elternglück reduzierte sich darauf den Kindern zuzuschauen, wie sie wiederum auf ihre Handys schauten.

Dann bot sich unverhofft eine Lösung an, sie war so genial wie einfach. Bereits seit meiner frühsten Kindheit träumte ich von einer Goldfischzucht im eigenen Gartenteich. Mit den ersten grauen Haaren auf meiner verwüsteten Kopfhaut wurde es Zeit mir diesen Traum endlich zu verwirklichen. Die Rettung meiner beider Kinderseelen war natürlich mein vorrangiges Motiv.

Das kleine Goldfisch Weibchen mit passendem Männchen war bald gefunden. Das warmherzige Verkaufstalent hatte uns ein ganz bestimmtes Paar empfohlen, schüchtern schauten sie uns vom Beckenrand aus entgegen. Sie waren zwar nicht unsere erste Wahl, ehrlich gesagt auch nicht unsere zweite, aber nach der herzzerreißenden Geschichte von der ewigen Liebe, dem heimlichen Liebesschwur im Aquarium und die Unzertrennlichkeit des Liebespaares, waren meine Frau und ich zu Tränen gerührt und restlos überzeugt.

Mit ermutigendem Nicken packte die eben noch so gesprächige Verkäuferin unsere Geldscheine in die Kasse, drückte mir eine ...

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