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Teuflische Zeiten

Das Spiel


Deutsches Reich, 1897

In der Gaststube war nicht viel Betrieb. An einem Tisch saßen vier junge Soldaten und tranken ihr Bier. In einer Seitennische hatte sich ein älterer Herr bequem gemacht, der seit einer Stunde an einem Glas Wein nippte. Als ein weiterer Gast den Schankraum betrat, hob der alte Mann eine Braue. Der Fremde war ein hochgewachsener Geck mit affektiertem Gebaren. Er winkte grüßend in die Runde, als erwarte er Applaus, und ließ sich breit grinsend neben dem Weintrinker nieder.

„Wo kommst du her?“ Die Stimme des Alten klang vorwurfsvoll. Der Geck breitete theatralisch die Arme aus.

„Ich habe das Land durchzogen.“

Der Herr lächelte. „Hast du bemerkt, wie glücklich sie sind? Es ist ein gutes Volk, fleißig, gottesfürchtig und es meidet das Böse.“

Der Geck lachte. „Das ist kein Kunststück. Schau, es geht hier voran. Der Wohlstand wächst, da wachsen auch die Wohltaten.“ Er deutete mit dem Kinn auf die jungen Soldaten. „Jetzt haben sie große Pläne, wollen das Beste für sich und ihre Kinder. Sie glauben, mit Fleiß, Pünktlichkeit und diesen ganzen deutschen Tugenden könnten sie die Welt zum Paradies umwandeln.“

Das Lächeln des Alten verschwand. „Du glaubst es nicht?“

Der Geck wurde unvermittelt ernst. „Ganz und gar nicht. Diese sogenannten Tugenden sind äußerst zweischneidig. Das Gute und das Böse liegen Seite an Seite. Gib ihnen Not und Elend und sie werden die Welt zur Hölle machen.“

Der Alte rieb sich das Kinn. „Das werden wir sehen.“

Der Geck sprang auf, nickte dem Alten zu und verschwand.

Der Gefreite Senkler musterte über den Rand seines Bierkruges hinweg den alten Mann, der in Selbstgesprächen vertieft schien. „Armer Kerl“, murmelte Senkler. „Muss schrecklich sein, den Verstand zu verlieren. Dass man da nicht helfen kann.“
Der Soldat zu seiner Linken, ein kleiner, kräftiger Bursche aus dem Wedding wischte sich Bierschaum von der Oberlippe. „Wat willste machen. Det läuft wie ein Fahrplan. Kind, Malocher und wieder retour.“
Der schmalschultrige Gefreite Felsenberg ihm gegenüber zuckte zusammen. „Mensch, Plenske, apropos Fahrplan. Wir müssen zusehen, dass wir pünktlich auf der Stube sind, sonst gibt’s Ärger mit …“
Der Vierte im Bunde, ein blonder Hüne namens Battenfall, klopfte Felsenberg auf die Schulter, dass dieser beinahe vom Stuhl rutschte. „Mach dir nicht in die Hose, wegen Unpünktlichkeit wird keiner erschossen. Jetzt leben wir, Kameraden. Darauf kommt’s an! Noch eine Runde!“

Der Mann hinter dem Tresen nickte grinsend. Er zwinkerte dem alten Mann zu, der die Stirn kraus zog. Das Spiel begann.

Der Auftrag


Frankreich und anderswo 1916

Als der Befehl kam, stürzte Senkler sich über die Sandsäcke und landete im Inferno. Über einer endlosen Schlammwüste, aus der Stacheldrahtverhaue und Leichen ragten, wurde ein bleigrauer Himmel von den feurigen Bahnen des Geschützfeuers durchzogen. Senkler rollte sich ab und taumelte auf die Beine. Das Brüllen und Pfeifen um ihn herum ließ ihn schwanken.

Er umfasste den Karabiner und stolperte vorwärts, in die Richtung in der seine Kameraden, einem Heer feldgrauer Ameisen gleich drängten. Er wurde angerempelt. Felsenberg lief neben ihm. Der Kerl fummelte doch tatsächlich im Laufen an seiner Taschenuhr. Jetzt hatte er sie befreit und aufgeklappt. Er rief Senkler etwas zu, was vom Geschützdonner verschluckt wurde. In Felsenbergs Stirn wurde plötzlich ein Loch gestanzt. Der dünne Kerl flog nach hinten, aus Senklers Blickfeld. Kopfschuss.

Von der anderen Seite des Schlammfeldes rückte eine Linie dunkler Schemen den stürmenden Landsern entgegen. Senkler hob den Lauf des Karabiners und richtete das Bajonett auf den herantrampelnden Gegenangriff. Für einen Moment blieb er stehen, spürte die Kameraden an seiner Schulter, dann wurde aus der Linie des Feindes Männer, dreckig und halb verhungert wie er selbst. Für Sekunden standen sich die feindlichen Soldaten erstarrt gegenüber. Ein Schrei erklang weit entfernt und pflanzte sich in den Reihen der Soldaten fort, bis er Senkler erreichte und seine Kehle füllte. „Vorwärts!“

Die Welt verwandelte sich in ein chaotisches Kaleidoskop aus Hauen und Stechen, Schreien und Sterben.
Senkler kam wieder zur Besinnung, als er breitbeinig zum Stoß mit dem Bajonett ausholte. Zwischen seinen Beinen lag ein verwunderter Franzose, ein magerer Bursche, der kaum den ersten Bartflaum auf den Wangen hatte. Große dunkle Augen waren angsterfüllt nach oben gerichtet.

„Bon dieu“, weinte der Junge. „Non!“

Senkler hielt inne und ließ die Waffe sinken. Eine kräftige Faust riss ihn beiseite. Es war Battenfall, der sich dazwischen drängte und dem Franzosen den Gewehrkolben in das Gesicht rammte.

„Verdammt“, brüllte Senkler. „Das war ein halbes Kind!“

„Scheiß drauf.“ Battenfall spuckte auf den Toten. „Die oder wir, Senkler. Ich will leben!“

Ein tödliches Knattern unterbrach den Gefreiten, dessen Bauch sich in eine blutige Masse verwandelt hatte. Battenfall stürzte tot auf den französischen Jungen. Senklers Karabiner glitt aus seinen Händen. Der Soldat wandte sich um und prallte gegen einen Kameraden, der ruhig und unbeirrbar vorangeschritten war.

„Plenske?“ Senkler fasste den anderen bei den Schultern. „Plenske! Vorbei! Es ist vorbei! Es hat keinen Sinn.“ Etwas drang Senkler zwischen die Schulterblätter tief in den Körper und nahm ihm die Luft zum Atmen. Blutiger Schaum quoll in seinen Rachen. Senkler rutschte röchelnd zu Boden.

Plenske schüttelte sich. „Tut mir leid, Kamerad. Aber ich muss voran. Auftrag bleibt Auftrag.“ Er schulterte sein Gewehr und marschierte in Richtung der feindlichen Gräben. Seine Gestalt verschmolz mit dem Braun des Schlammes und verschwand ins Ungewisse.

Hinter den Sandsäcken der deutschen Unterstände saß ein weißbärtiger alter Offizier und blickte Plenske nach. „So, das war es doch noch nicht, oder?“
Ein schneidiger junger Leutnant stand neben ihm, die Hände auf den schmalen Hüften gestemmt und lachte. „Aber nein, es ist gerade einmal der Grundstein gelegt. Richtig interessant wird es jetzt in der Heimat.“

Der Alte runzelte die Stirn. „Du bist umständlich wie gewohnt. Aber ich weiß, was du vor hast. Lasset die Kinder zu mir kommen.“ Der Leutnant zwinkerte grinsend. „Oder zu mir.“

Kinderliebe


Deutsches Reich 1939

Kommissar Senkler knallte den Hörer auf die Gabel. Er fixierte das Bild des Führers, der grimmig von der Wand auf den Schreibtisch blickte. „Verdammte Parteibonzen“, murmelte Senkler.

„Da wäre ich aber vorsichtig.“

Der Kommissar zuckte zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass Inspektor Widerstritt in der Tür stand. „Wissen Sie überhaupt, welche Order gerade kam?“ Senkler fuhr sich über den kahlen Schädel. „Wir haben eh alle Hände voll zu tun und sollen auch noch Judenkinder einfangen. Das ist ja wohl …“

Der junge Inspektor zupfte an seinem Parteiabzeichen. „Die Gefährlichkeit dieser Rasse ist wissenschaftlich bewiesen.“

Der Kommissar kniff die Lippen zusammen. „Das kann ich nicht beurteilen. Aber es gibt Prioritäten…“

„… die von Partei fest gelegt werden“, ergänzte Widerstritt.

„Der Spielzeugmacher Blumenthal, Herr Inspektor. Und die anderen zwei jüdischen Familien hier in Treufels. Die sind ganz sicher eine enorme Gefahr.“

„Machen Sie Witze?“ Widerstritt lehnte sich auf den Schreibtisch seines Vorgesetzten.

Senkler verzog keine Mine. „Wie käme ich denn dazu?“

Der Inspektor nahm einen der Bilderrahmen vom Tisch. „Hübsche Kinder haben Sie, Volksgenosse.“ Der Inspektor ließ das Bild fallen. Es gab einen lauten Knacks, als das Glas sprang. „Sie sollten gut auf sie achten. Ein nicht aus Deutschland stammender Großvater kann heutzutage gefährlich sein. Woher kam er noch mal?“

Senkler wurde aschfahl. „Kalifornien. Danke für den Hinweis.“ Seine Stimme zitterte.

 

Senkler stand auf der steilen Treppe, die zur Haustür des kleinen Fachwerkhauses führte und blätterte in ...

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