Logo weiterlesen.de
Teuermanns Schweigen

Inhaltsübersicht

Die Fichte hat den ...

Ich hatte mich beim ...

Espresso, murmelte ich, Angelo ...

Ich hatte gerade begonnen ...

Ich habe zu tun ...

Er kam zwei Tage ...

Am nächsten Tag fuhr ...

Wenn Julia noch lebt ...

Teuermann blieb noch drei ...

Er kam nicht. Fast ...

Ich wollte ihn reden ...

Wir fingen mit all ...

Das ist jetzt vierzehn ...

 

Die Fichte hat den Blitz nicht überlebt. Sie war morsch, und ihre Nadeln hatten schon lange eine brandige Farbe. Geröstetes Rot. So sah es aus. Trotzdem verdeckte der Baum einen Teil der hässlichen Wand, die zu einem Stallgebäude gehört. Er war krank, aber nützlich. In der vergangenen Nacht ist der Blitz in ihn gefahren. Der Regen hat das Feuer sofort gelöscht.

Ich glaube nicht, dass Teuermann noch lebt. Und ich bin sicher, dass er mir fehlen wird. Er fehlt mir schon jetzt.

Dem Hausbesitzer habe ich gesagt, dass ich über sein Angebot nachdenken werde. Ein Haus zu kaufen, das hundert Jahre alt ist und fremde Geschichten beherbergt, scheint mir plötzlich die passende Form, einen Schlussstrich zu ziehen. Ich hätte ausreichend Platz, meine ganzen Hoffnungen zu begraben und ein neues Leben zu beginnen.

Bis vor kurzem hat es mir gefallen, in einem geborgten Haus zu leben. Das lässt die Wahl. Glaube ich zumindest. Aber als ich vor zwei Wochen hierher zurückkam, wollte ich auf einmal bleiben. Mit Teuermann. Es schien mir möglich, mit ihm zusammen in diesem aussterbenden Dorf zu leben, zwischen Scheune, Garten und Haus, mit wöchentlichen Fahrten in den zehn Kilometer entfernten Supermarkt. Eine Symbiose, die zum Sterben des Dorfes gepasst hätte. Teuermann und ich, vielleicht noch eine Katze. Das Haus in zwei Hälften geteilt, Küche und Bad gemeinsam.

In den vergangenen zwei Jahren sind im Dorf fünf Menschen gestorben. Fünf leere Häuser mehr. Alles in allem leben hier noch neunundsiebzig Menschen. Sagt die Postbotin. Vergangene Woche habe ich es zum ersten Mal geschafft, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sie ist aus ihrem gelben Renault gestiegen, um mir einen Umschlag zu geben, der nicht in den Briefkasten passte.

Wir haben über das Haus nebenan geredet. Eine Schule früher, heute einfach ein Haus, das zerfällt. Irgendwann einmal hatte ich durch die Fenster geschaut und gesehen, dass drinnen hohe Palettenstapel stehen, auf denen sich Hunderte Büchsen Kondensmilch befinden. Warum Kondensmilch, habe ich die Postbotin gefragt. Das sei noch DDR-Ware, hat sie geantwortet, als wäre das eine Erklärung. Niemand wolle sie haben, die Kondensmilch aus der DDR. Restbestände aus dem kleinen Konsum, den es hier früher gegeben habe. Ich weiß nicht, was aus Büchsenkondensmilch wird, wenn sie vierzehn Jahre lang in einem zerfallenden Haus steht. Nach dem Gespräch mit der Postbotin bin ich durch ein kaputtes Fenster in das Haus gestiegen. In einem hinteren Raum standen auch noch Kisten mit Suppenbüchsen. Möhreneintopf und Erbseneintopf. Mir schien, als seien die Büchsen inzwischen größer als handelsüblich. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, dass Büchsen sich ausdehnen, wenn in ihrem Inneren irgendeine chemische Reaktion stattfindet. Wahrscheinlich schon. Ich habe eine Büchse mitgenommen und im hinteren Teil des Gartens vergraben. Jetzt liegt auf der Stelle ein großer runder Feldstein, den ich von einer Wanderung mitgebracht hatte.

Ich warte auf Teuermann. Ich weiß nicht, was mit ihm ist, wo er sich gerade befindet. Aber ich warte auf ihn. In der Zwischenzeit besucht mich der Hausbesitzer jeden Tag. Ich glaube, er hat verstanden, dass ich jemanden brauche, der mir Geschichten erzählt. Jeden Tag eine. Außerdem will er, dass ich das Haus kaufe und nicht mehr nur von ihm borge. Er ist in dem Haus aufgewachsen, und fast alle Geschichten, die er mir erzählt, haben etwas damit zu tun. Ich bin voller Hausgeschichten.

Gestern habe ich versucht, die Tamariske rechts neben der Scheune zu beschneiden. Ihre Zweige verdecken inzwischen das halbe Scheunentor. Es ist die falsche Zeit, um Sträucher oder Bäume zu beschneiden. Der Hausbesitzer hat es mir gesagt und mich vorwurfsvoll dabei angeschaut. Sie könnten Holz hacken oder den Vorgarten umgraben, wenn Sie etwas tun möchten, hat er gesagt. Und dann hat er mir die Geschichte von der Voliere erzählt und von seinem Hühnerhabicht.

Bevor die Tamariske gepflanzt wurde, stand eine große Voliere an der Scheune. Da war mein Hausbesitzer noch ein Kind und sammelte kranke und verletzte Greifvögel, um sie zu pflegen. Jeder gerettete Vogel ein Beweis der Unsterblichkeit. Nie flog ihm ein Hühnerhabicht zu, deshalb nahm er sich irgendwann ein Ei aus einem Habichtnest und legte es den Hühnern im Stall unter. Die brüteten brav den Todfeind aus.

Mein Hausbesitzer hat eine schöne Art, Geschichten zu erzählen. Meist geht er nach dem Prolog ins Du über, weil ich zuhöre und über die Dinge, die er erzählt, sehr erstaunt bin.

Kannst du dir vorstellen, dass die Hühner den Habicht großgezogen haben, als sei er ihresgleichen? Nie ist etwas passiert. Jeden Abend ging er mit ihnen schlafen, kein anderer Raubvogel traute sich an das Hühnervolk ran. Nur einmal brachte mein Vater spätabends einen neuen Hahn mit und sperrte ihn, ohne mir Bescheid zu sagen, in den Stall. In der Nacht gab es Krieg. Ich habe den Habicht am nächsten Morgen völlig zerrupft gefunden und für einige Zeit in die Voliere gesperrt. So lange, bis die Federn nachgewachsen waren. Danach kam er wieder in den Stall und gewöhnte sich an den neuen Hahn. Alle im Dorf wussten davon.

Eines Tages kam ein Nachbar, um mir zu sagen, dass in seinem Stall jede Nacht ein Huhn getötet werde. Er war sicher, dass mein Habicht sich bei ihm holte, was er im eigenen Stall gar nicht begehrte. Ich stritt das natürlich ab.

Der Nachbar stellte eine Falle auf. Es dauerte nur eine Nacht, dann brachte er mir meinen Habicht. Ein Bein war ab. Die Wunde verheilte zwar, doch der Habicht konnte nicht mehr landen. Fiel einfach um, wenn er es versuchte.

Ich habe ihm aus Blech eine Prothese gebaut. Behindert blieb er trotzdem, aber er konnte wenigstens landen.

Die Geschichten meines Hausbesitzers haben fast immer mindestens zwei Pointen. Es scheint ihm Spaß zu machen, das vermeintliche Ende einer Geschichte zu erzählen, um zu schauen, ob sie gefällt. Dann setzt er noch mal an und erzählt weiter, arbeitet sich langsam zur nächsten Pointe vor. Wenn er etwas getrunken hat, schafft er drei oder vier davon, wobei ich oft denke, dass einige erfunden sind. Ich kann das nicht überprüfen, denn von Tieren und Natur verstehe ich absolut nichts. Ich muss mich auf den Hausbesitzer verlassen, der seine Tage damit verbringt, den Wald zu pflegen und alle möglichen Tiere zu hüten.

Die Geschichte mit dem Habicht schien in meinen Augen einen würdigen Abschluss damit gefunden zu haben, dass der Raubvogel mit seiner Blechprothese jeden Abend auf der Hühnerstange landen konnte, ohne umzukippen.

Das eigentliche Ende aber war, dass mein Hausbesitzer, ein schmaler und etwas kränklicher Junge damals, zur Kur musste. Der kriegsversehrte Habicht folgte ihm hüpfend und fliegend die drei Kilometer bis zum Bahnhof. Mein Hausbesitzer hat ein Faible dafür, Filmszenen zu erfinden. Dies war eine von den ganz schönen. Ein kleiner Junge mit einem Koffer in der Hand auf der Landstraße, und hinter ihm ein behinderter Greifvogel, dem daran gelegen ist, den Jungen nicht aus den Augen zu verlieren.

Sie immer mit Ihren Bambigeschichten, habe ich einmal gesagt. Und der Hausbesitzer hat gegrinst und einmal mehr offengelassen, ob er mich einfach nur mit Erfundenem unterhalten will. Weil ich ihm leidtue oder sympathisch bin.

Nach der Kur jedenfalls war der Habicht verschwunden. Hatte sich selbständig gemacht oder zumindest versucht, allein klarzukommen. Wahrscheinlich ist er schnell gestorben, meint der Hausbesitzer. Mit einer Prothese überlebt man nicht in der Natur.

Wenn ich das Haus kaufe, werde ich bald selbst solche Geschichten erzählen. Ich habe dem Hausbesitzer gesagt, dass ich auf Teuermann warte. Dass wir hier verabredet sind. Dass er wiederkommen wird deshalb. Aber ich habe das Gefühl, er wird nicht kommen.

Das letzte Mal als Teuermann sich töten wollte schlug ich den Kontrakt vor. Wenn Sie sich umbringen wollen, habe ich gesagt, will ich es verhindern dürfen. Mehr brauchen Sie nicht zu unterschreiben. Nur dass ich dann versuchen darf, Sie zu überreden. Wenn Ihnen meine Argumente nicht gefallen, können Sie sich verabschieden, und ich halte Ihre Hand, bis Sie tot sind.

Teuermann unterschrieb und sagte, es sei eine liebevolle und zugleich zynische Vereinbarung. Mir macht das nichts aus. Zynismus ist auch nur ein Versuch, nicht zu heulen. Und Teuermann hatte mir in letzter Zeit zu oft geheult. Nicht dass es ihm an Gründen mangelte, das Zeitliche zu verfluchen, er war eine geschlagene Kreatur. Kam nicht von dieser Welt, wenn man so will. Aber man will es ja nicht so.

Ich jedenfalls habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass Teuermann ein absonderliches Wesen ist. Obwohl mich unsere erste Begegnung hätte warnen sollen. Das ist jetzt fast ein Jahr her. Manchmal träume ich noch heute davon.

 

Ich hatte mich beim Pilzesuchen verirrt. Mein Gefühl sagte mir zwar, dass es nicht allzu schlimm sein konnte, aber trotzdem geriet ich in Panik. Ich suche nicht gerne Pilze, weiß der Teufel, warum ich an jenem Tag loszog. Vielleicht glaubte ich, plötzlich ein tröstliches Ritual darin zu erkennen, einen Korb voller Pilze zu haben, die ich erst putzen, dann braten und zum Schluss wegwerfen würde.

An diesem Tag schienen im Dorf alle das Gleiche tun zu wollen, selbst die wenigen Touristen, die im Landgasthof Quartier bezogen hatten. Eigentlich war es noch viel zu früh für Pilze, aber es hatte ein paar Tage geregnet, und der Sommer war bisher kühl und feucht. Die Einheimischen behaupten sowieso, man könne das ganze Jahr über Pilze finden. Man müsse sich nur auskennen und wissen, wo zu suchen ist.

Sie zogen in Gruppen an meinem für vorerst drei Monate geborgten Haus vorbei, mit Körben und Plastikeimern beladen. Manche trugen Gummistiefel und braune Trainingsjacken. Es sah aus wie eine kleine Völkerwanderung, und ich hatte beim Zuschauen das Gefühl, einer von ihnen könnte das Wasser dazu bringen, sich zu teilen, und sie alle kämen nie wieder. Obwohl ich niemanden von ihnen kannte, machte mich diese Vorstellung ängstlich. Ich beschloss, ihnen hinterherzulaufen.

Im Grunde genommen kannte ich sie nicht nur überhaupt nicht, ich verstand sie auch nicht. Fast ausnahmslos alle. Sie waren stur und sesshaft, fegten sich ständig gegenseitig den Dreck vor die Türen, redeten laut mit ihren Hühnern, Hunden und Pferden und hängten Geweihe über ihre Hauseingänge. Ich wusste nie, worüber ich mit ihnen sprechen sollte, aber nicht zu sprechen, wenn man sich auf der Dorfstraße begegnete, galt als unhöflich. Also hatte ich mir einen Abend lang die Mühe gemacht, alle Gesprächsthemen aufzuschreiben, die mir einfielen für die Dorfstraße. Wetter war einfach, aber ich notierte mir zur Sicherheit ein paar dieser sinnlosen Bauernregeln. Steigende Wasserkosten und die Krise der Landwirtschaft kamen als Nächstes auf meinen Zettel, die Jugend und die Bushaltestelle, wo die Jungen und Mädchen immer rauchten und über die Qualität ihrer Mobiltelefone diskutierten. Oft standen sie auch nur einfach da und redeten überhaupt nicht. Bis dann irgendwann jemand einen Abschiedsgruß murmelte und alle auseinandergingen, als seien sie nur zum Schweigen verabredet gewesen.

Hochzeiten und Todesfälle. Doch das musste ich wieder streichen, da mir nie jemand etwas erzählte. Ich bin fremd, komme aus einer Stadt, die hier mit Mord und Unzucht eins gesetzt wird. Trotzdem hatte ich eine ausreichende Liste zusammenbekommen. Genug für fünf Minuten Plauderei mit jedem Dorfbewohner.

Ich weiß nicht, was mich bewog, an diesem Sommertag all den Pilze suchenden Menschen zu folgen. Vielleicht war es der Gestank von Hühnerscheiße, der aus einer kleinen Legefabrik am Rande des Dorfes rüberwehte. Dieser Gestank nach Verwesung und lange nicht geleerten Biomülltonnen. Der Geruch ist wie ein tropfender Wasserhahn. Irgendwann will man schreien und sich mit einer Rasierklinge Muster in die Haut ritzen.

Zwei, drei Kilometer lang schaffte ich es, den Pilzsuchern aus dem Dorf zu folgen, dann verlor ich einen nach dem anderen aus den Augen. Ich konnte mich nicht gleichzeitig auf den Waldboden und die vor mir hersuchenden Menschen konzentrieren. Zumal ich an einer Stelle wirklich ein paar Pilze fand. Pfifferlinge, wie ich meinte. Das Pilzbuch hatte ich vergessen, aber ich war mir zumindest so sicher, dass ich die gelben kleinen Dinger in meinen Korb packte. Als ich damit fertig war, konnte ich keinen Dorfbewohner mehr sehen. Es beunruhigte mich nicht sehr, ein wenig kann ich mich schon orientieren. In der Stadt zumindest. Aber Wald, selbst einer mit ausgetretenen Pfaden, ist ein mir unbekanntes Terrain. Ich schusterte mir einen vermeintlichen Rundweg zurecht, der mich nach meinem Dafürhalten zurück ins Dorf bringen musste. Aber wie im Märchen tauchte ich nur immer tiefer in den Wald ein. Anderthalb Stunden später kam ich auf eine Wiese. Eher eine Lichtung, aber groß genug, um ausreichend von der Sonne beschienen zu werden. Und da saß Teuermann. Genau in der Mitte.

Er trug für diese Gegend unpassende Kleidung. Einen dunkelblauen und teuer aussehenden Anzug recht klassischen Schnitts, ein blassrosafarbenes Hemd, hellbraune Schuhe mit dünnen Ledersohlen und einen gelbbraunen breitkrempigen Hut. Die Füße hatte er auf einen schmalen Metallkoffer gelegt, der in der Sonne glänzte wie ein Schatz und mit einem braunen Lederriemen umgurtet war. In den Händen hielt er eine Karte, die er hin und her drehte. Nach jeder Drehung schaute er angestrengt in die Runde, als suche er nach Wegmarken. Dann schüttelte er den Kopf, und jedes Mal schien die Bewegung mehr Verzweiflung auszudrücken als zuvor. Er sah mich nicht, und ich gab mich nicht zu erkennen. Nach fünf Minuten schmiss er die Karte neben sich und legte sich hin, in fötaler Haltung geradezu, zusammengekrümmt, die Arme um die angewinkelten Knie geschlungen. Den Hut hatte er sich tief ins Gesicht gezogen.

In gewisser Weise fand ich ihn zum Fürchten, obwohl er hilflos aussah und wirkte, als sei er am Ende seiner Weisheit. Wahrscheinlich fürchtete ich auch eher das Sonderbare der Situation. Wie er da so lag, ein Fremder, als hätte ihn jemand abgeliefert oder ausgeliefert, machte er auf mich einen ganz und gar bedrohlichen, einen nicht zurechnungsfähigen Eindruck. Ich verspürte den Drang, im Wald zu verschwinden und ihn da liegenzulassen. Irgendwie würde er mit seiner Karte schon klarkommen und einen Weg finden, wo immer er auch hin wollte. Helfen konnte ich sowieso nicht, obwohl ich vielleicht die Karte besser lesen könnte als dieser Fremde. Ich war entschlossen und machte die ersten Schritte rückwärts in Richtung Wald, als ein Reh über die Lichtung schoss. Es war ein kleines Tier, aber der Mann sprang auf, wie von Furien gejagt, und taumelte ein paar Schritte in meine Richtung. Dann sah er mich, und ich hatte das Gefühl, gefangen zu sein. Das klingt dramatisch. Mir liegt Dramatik nicht. Aber in diesem Moment schien mir mein Schicksal besiegelt. Ich trat einen Schritt zurück und hob die Hände, als kapitulierte ich vor dem Mann.

Wenn ich heute daran denke, wünschte ich, ein Foto von dieser Situation zu haben. Zwei Fremde auf einer Lichtung, die aussehen, als wären sie zum Duell verabredet, ein Metallkoffer mit Lederriemen, ein Pilzkorb, ein Reh im Hintergrund und die Sonne. Ich denke, man hätte mit einem solchen Foto einen Preis gewinnen können.

Auf meinem Schreibtisch steht ein Bild, das ich im Dorf gemacht habe, in den Monaten, die ich dort zubrachte, um meine Dissertation zu schreiben. Ich hatte das Foto in der Dämmerung aufgenommen, vom Garten des Hauses aus, in dem ich wohnte. Ein Stück der Dorfstraße ist zu sehen und ein Teil des großen Gehöfts, das dem Haus direkt gegenüberliegt. Zwei der vier Dobermänner, die auf diesem Gehöft ihr Unwesen treiben, stehen am Zaun. Sie sind wütend und sehen aus, als hielte nur der Zaun sie noch von Mord und Totschlag ab. Auf der Straße stehen zwei Männer und reden miteinander. Sie halten Abstand. Einer trägt einen großen blauen Müllsack auf der Schulter, ist barfuß und sieht verwahrlost aus. Der andere hat Jeans an, einen Rollkragenpullover und ein etwas zerknittertes Jackett. Der Mann mit dem Müllsack reißt den Mund weit auf, so dass man seine dunklen Zähne erkennen kann. Man kann sehen, wie er schreit. Auch wenn man nicht – wie ich – weiß, dass er wirklich geschrien hat in diesem Moment.

Der Mann mit dem Rollkragenpullover hält beide Hände ausgestreckt, die Handflächen nach oben. Sie zeigen auf den Brüllenden. Ich bin unbewaffnet, will der Rollkragenpullover vielleicht sagen. Ich tu dir nichts. Der andere aber ist in diesem Moment schon längst über die Schwelle des Verständnisses oder Verstehens getreten. Er brüllt vor Angst. So sieht es aus auf dem Bild. Als brüllte er vor Angst. Einige Wochen nachdem ich das Foto aufgenommen hatte, erfuhr ich, dass der brüllende Mann ohne Schuhe in eine nahe gelegene Anstalt eingeliefert worden war. Seine Angst, die auf meinem Foto verewigt ist, war also berechtigt. Wer der Mann im Rollkragenpullover war, habe ich nie erfahren. Ein Sozialarbeiter, ein Psychologe, ein Drogenberater? Auf jeden Fall jemand mit einer Drohung im Gepäck und sicher auch mit einem Versprechen. In diesem Bereich ist jede Drohung mit einem Versprechen verbunden, und sei es nur das, die Drohung nicht wahr zu machen.

Nun stand ich auf einer Waldlichtung einem Fremden gegenüber. Offensichtlich mit einer Drohung im Gepäck. Oder ich war die Bedrohung. So schien es. Der Mann schaute mit aufgerissenen Augen auf meine erhobenen Hände und steckte sich den linken Zeigefinger in den Mund. Er sah aus, als wollte er den Finger abbeißen. Ich nahm die Hände wieder runter, verschränkte sie hinter dem Rücken und lächelte. Ich sagte hallo und dass ich mich verirrt hätte. Ein wenig.

Das kann aber kein Zufall sein, sprach der Mann. Es klang genuschelt, denn er nahm den Zeigefinger nicht aus dem Mund.

Wie sind Sie hierher gekommen, fragte ich. Es schien mir in diesem Augenblick am dringlichsten, das zu erfahren. Meine Anwesenheit barg Logik in sich, ich trug einen Pilzkorb, eine Latzhose und ein altes T-Shirt, festes Schuhwerk und eine Jacke, die ich mir um die Hüfte gebunden hatte. Ich sah absolut platziert aus, zumindest im Vergleich mit meinem deplatzierten Gegenüber. Offensichtlich war es aber auch die Frage, die den Mann völlig überforderte. Ich bin Teuermann, sagte er, als sei dies Erklärung genug. Die Karte scheint nicht zu stimmen, ich finde den Weg zur Landstraße nicht.

Er will nicht sagen, wo er herkommt, dachte ich und war enttäuscht.

Zeigen Sie mal her, forderte ich ihn auf. Teuermann faltete das Stück auseinander, legte es auf den Boden und trat zwei Schritte zurück. Ich kniete mich vor die Karte. Sie war alt, mir schien, sogar sehr alt. Die Dörfer waren als Ansammlung kleiner Hütten, die keinem rechten Prinzip folgen mochten, gezeichnet. Straßen gab es so gut wie keine, einige Wälder waren mit fürstlichen Wappen versehen, zumindest war dies mein Eindruck. Das ist eine alte Karte, murmelte ich, wo haben Sie die her, Teuermann? Sein Name fühlte sich in meinem Mund komisch an. Ich brachte es nicht fertig, Herr Teuermann zu sagen, und ich konnte mir in diesem Augenblick auch nicht vorstellen, dass dieser Mensch einen Vornamen hatte.

Fängt Ihr Name vielleicht mit M an, fragte Teuermann, statt irgendetwas dazu zu sagen.

Ja, sagte ich erschrocken. Ich heiße Markov.

Er musste mir angesehen haben, dass ich erschrocken war, denn er sagte: Ich habe nur geraten, Sie sehen wie ein M-Mensch aus. Das ist ein Hobby von mir, schickte er mit einem schüchternen Lächeln hinterher. Ich rate gern, mit welchem Buchstaben die Nachnamen anfangen.

Teuermann, dachte ich, wir beide werden wenig Spaß miteinander haben. Ich bin zu normal und du zu sonderbar.

Wo wollen Sie denn hin, schickte ich noch einen Versuch hinterher, vielleicht mochte er mir nur seine Herkunft nicht verraten, aber das Wohin käme ihm unverfänglich vor.

Ich müsste etwas essen, sagte er, und ich brauche wieder einen vernünftigen Bezug zur Welt. Es hat sich ja einiges verändert. Mir ist ein Stück Zeit verlorengegangen. Weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Vor ein paar Tagen noch war ich ein sehr geschäftiger Geschäftsmann. Glauben Sie nicht, was Sie sehen. Ich bin einfach nur aus der Bahn geworfen, das ist ganz normal. Nach dem, was ich getan habe. Was mir passiert ist, meine ich. Das sind ja wohl große Unterschiede. Ob man etwas getan hat oder ob einem etwas passiert ist.

Er sah mich an, zwei, drei Sekunden lang, und ließ dann ganz langsam seinen Blick an mir vorbeischwimmen. Dann schienen sich seine Augen festzulegen. Auf irgendeinen Baum hinter mir, der ihm vielleicht vertrauenerweckender schien als ich.

Ich wollte einfach mal ausspannen, mir die Beine vertreten. Es wird Ihnen komisch vorkommen, Markov, wenn ich Ihnen sage, dass ich Vertreter bin. Ich kann an keinem Wort vorbei, ohne nach dem Witz zu suchen. Ein Vertreter vertritt sich die Beine. Jedenfalls habe ich mich gründlich verlaufen. Mein Auto. Hier machte er eine längere Pause. Der Mann sah aus, als müsste er rauskriegen, wie das Wort Auto schmeckt. Sein Zeigefinger rückte wieder Richtung Mund vor, machte dann aber eine kleine Ausweichbewegung und landete am Ohrläppchen. Mein Auto, wiederholte er, steht am Anfang irgendeines Waldweges, ich glaube, in diese Richtung da. Der Zeigefinger maß die Verlängerung vom Ohrläppchen in den Wald ab. Aber ich bin mir nicht sicher.

Heute denke ich, dass er mich in diesem Moment manipuliert hat. Ich weiß nicht wie, aber meine Hilfsbereitschaft, gemeinsam mit ihm nach seinem Auto zu suchen, kommt mir heute unerklärlich vor. Der Mann war mir fremd und befremdlich, ich hatte ein wenig Angst vor ihm, und zugleich war ich neugierig, was es wirklich mit ihm auf sich haben mochte.

Ein Vertreter vertritt sich die Beine. Der Satz hatte ein winziges Echo in meinem Kopf ausgelöst. Was auch immer es war, es genügte, mich auf Teuermann einzulassen.

Dann gehen wir jetzt in diese Richtung, schlug ich vor und sah zu, wie ihm der Satz ein Lächeln entlockte. Er nahm seinen silbernen Koffer, hob den Hut auf, setzte ihn sich auf den Kopf. Dann schaute er mich an, in etwa so, wie ich einige Zeit vorher die Pilze auf dem Waldboden betrachtet hatte. War ich genießbar oder nicht? Würde ich seine Wünsche erfüllen oder sein Unglück mehren? Die Prüfung meiner Person schien gut auszufallen, denn Teuermann lächelte wieder, zog sein Jackett aus und band es sich um die Hüfte. Das ist eine gute Idee, sagte er und zeigte auf meine Wetterjacke.

Mit Armani können Sie das aber nicht machen, murmelte ich.

Ach der, grinste Teuermann. Mit dem will doch keiner was zu tun haben.

Jetzt war ich mir sicher, einen Verrückten im Schlepptau zu haben, und zweifelte an meiner Entscheidung, ihm zu einem Auto zu verhelfen, von dem ich mehr und mehr glaubte, dass es nur in seiner Phantasie existierte. Nicht, dass ich Angst vor Verrückten habe. Meine halbe Familie ist wahnsinnig. Nur machte Teuermann den Eindruck, als sei er gerade eben erst verrückt geworden und habe sich für diesen neuen Zustand extra verkleidet. Er hatte etwas Weltmännisches an sich, trotz des albernen Aufzugs, der nicht in die Landschaft passte. Tarnung vielleicht, die Karte, der Anzug, der komische Koffer.

Im Wald fühlt man sich sonderbar schutzlos. Jede Bahnunterführung hätte mir in diesem Moment mehr Sicherheit gegeben als diese Ansammlung von Natur, deren Regeln ich nicht kannte und deren Wege für mich alle gleich aussahen. Trotzdem schaffte ich es, mich umzudrehen, Teuermann den Rücken zu offerieren, und loszulaufen. Ich hörte, dass er mir folgte, und verlangsamte meine Schritte, bis er aufgeschlossen hatte. Als er neben mir war, verschwand das Gefühl von Bedrohung. Teuermann war ein Vertreter, der sich die Beine vertreten und dabei verlaufen hatte. Das schien zwar sonderbar, aber nicht mehr unmöglich. Auch nicht im Angesicht seiner Gestalt, die eher zu einem Wissenschaftler gepasst hätte.

Er war etwas hohlbrüstig, wie es häufig Menschen sind, die in jungen Jahren an chronischer Bronchitis erkrankt waren. Meine Mutter hatte früher immer gesagt, der oder die sähe tuberkulös aus, wenn so jemand in unsere Nähe kam. Ich weiß, dass ich diesen Begriff irgendwann mal in den Schatz meiner Schimpfwörter aufnahm und zu einem Mitschüler, der mich getreten hatte, du tuberkulöses Arschloch sagte. Teuermanns Hohlbrüstigkeit fiel deshalb so sehr auf, weil er groß war. Mindestens eins neunzig, schätzte ich. Er hatte ein schönes Gesicht. Asketisch, sagt man wohl. Allerdings fehlten für die wahre Askese die tiefliegenden Augen. Seine Augen waren groß, blau, die Wimpern lang und geschwungen. Die hohen Wangenknochen betonten die etwas eingefallen wirkenden Wangen. Teuermann hätte in einem Film über das Leben Jesu Christi mitspielen können. Als Pontius Pilatus vielleicht oder als Johannes. Er gäbe aber auch einen guten Dr. Semmelweis oder Otto Lilienthal.

Sie sind ein besserer Mensch, Markov, sagte er nach gut zehn Minuten schweigendem Fußmarsch. Die Wortwahl gefiel mir nicht. Besser als was, fragte ich.

Besser als andere Menschen, murmelte Teuermann und riss einen tiefhängenden Zweig von einer Eiche.

Kennen Sie denn so viele?

Als Vertreter kommt man rum. Ich klingle an den Türen, und wenn sie aufgehen, versuche ich, den Leuten was zu verkaufen. Das ist eine ganz alte Vorgehensweise, aber sie passt zu mir. Besser als alles andere, was ich gemacht habe. Die meisten Menschen sind nicht sonderlich freundlich. Sie machen die Tür auf, und ihre Köpfe sind voller Ausreden. Sie ahnen gar nicht, wie viele Ausreden es gibt. Ich habe schon alles, ich brauche nichts mehr, ich ziehe bald um, meine Frau hat mich verlassen, ich kaufe nie etwas von Vertretern, ich bin arbeitslos, ich bin krank, ich lasse grundsätzlich keine Fremden in meine Wohnung, ich kaufe nur bei Otto-Versand, ich muss gleich weg, ich bekomme in ein paar Minuten Besuch, ich habe keine Zeit, gestern war schon jemand mit dem gleichen Angebot da.

Aber das klingt doch alles sehr plausibel, antwortete ich. Fast jeden dieser Sätze hatte ich auch schon einmal benutzt, um jemanden loszuwerden, der vor meiner Tür stand.

Darum geht es doch gar nicht, rief Teuermann und fuchtelte mit dem Zweig rum. Sie wollen alle nicht mit mir reden. Sie sind völlig auf sich gestellt. Ich meine, ihre Gedanken sind nur in ihren Köpfen, und sie wollen sie nicht rauslassen. Ich verkaufe doch nur, weil ich reden will. Sonst hätte das ja alles keinen Sinn. Ich lebe davon, dass mir jemand was erzählt.

Ich dachte, Sie leben von der Provision.

Teuermann blieb stehen und sah mich an. Markov, das können Sie nicht so sagen. Ich lebe von dem, was die Leute mir erzählen. Die Provision brauche ich, um das Auto zu bezahlen und das Essen und die Wohnung, all die Sachen, die man eben nicht kostenlos bekommt. Es wäre einfacher, ich müsste das nicht immer bedenken. Dass man für die meisten Dinge bezahlen muss. Aber ich komme schon klar. Sehen Sie mich an, ich habe ja ein Auto und einen Anzug, und eine Wohnung habe ich auch. Sogar ein ganzes Haus. Das reicht für ein halbes Leben. Aber wenn die Leute nicht mehr mit einem reden, wird es schlimm.

Worüber wollen Sie denn mit ihnen reden?

Über Politik.

Ich muss wohl eine hastige Bewegung gemacht haben bei dieser Antwort, denn Teuermann sprang erschrocken zur Seite und blieb stehen. Haben Sie Angst vor Politik?

Nicht, dass ich wüsste, murmelte ich und lief wieder los. Ich finde es nur sehr sonderbar, wenn ein Vertreter mit seinen Kunden über Politik sprechen möchte. Das muss die ja verwirren. Es wäre einfacher, Sie würden ihnen nur Geld abknöpfen wollen. Das erwartet man schließlich von Ihnen.

Man erwartet von mir, dass ich tot umfalle, sagte Teuermann und stolperte über eine Wurzel. Sein Jackett löste sich von der schmalen Hüfte und fiel auf den Boden. Aus der rechten Jacketttasche kullerte ein kleines goldenes Vorhängeschloss. Ich hob es auf und gab es ihm zurück. Teuermann warf es achtlos in den Wald. Schlüssel verloren, sagte er und band sich das Jackett wieder um. Das haben sie mir geschenkt, als ich anfing zu vertreten. Hier sind die Schlüssel zum Erfolg, haben sie gesagt. Je mehr Sie verkaufen, desto besser wird es Ihnen gehen.

Was verkaufen Sie denn, Teuermann?

Na Schlösser, ich dachte, das wüssten Sie. Ich verkaufe Schlösser. Und Sicherheitsanlagen. Drei Prozent vom Verkaufserlös gehören mir. Wenn ich an einem Tag eine Sicherheitsanlage für dreitausend Euro verkaufe, reicht das zum Leben. Es gibt Leute, die geben sogar fünftausend Euro dafür aus, ihr ganzes Hab und Gut einschließen und hinter Alarmanlagen verstecken zu können. Vor kurzem hatte ich so einen. Der bildete sich ein, sein Bruder wolle ihn bestehlen. Hatte eine Münzsammlung im Wert von fünfzigtausend Euro. Aber die hat ihn nicht so interessiert. Er wollte seinen Bruder bei einem Einbruch erwischen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Teuermanns Schweigen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen