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Terror auf Stiles Island

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die »Schwarze Serie« in der amerikanischen Kriminalliteratur.

Seit seinem Debüt »Spenser und das gestohlene Manuskript« im Jahr 1973 hat er über 50 Bücher veröffentlicht. 1976 erhielt er für den Titel »Auf eigene Rechnung« den Edgar-Allan-Poe-Award für den besten Kriminalroman des Jahres. Neben den überaus erfolgreichen »Spenser«- und »Jesse-Stone«-Reihen veröffentlichte Parker auch einzelne Krimis, darunter »Wildnis«. Am 18. Januar 2010 verstarb Robert B. Parker in Massachusetts. www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Terror auf Stiles Island

Ein Fall für Jesse Stone

Übersetzt von Bernd Gockel

PENDRAGON

1

Wenn er nicht schlafen konnte – was zum Glück immer seltener der Fall war –, setzte sich Jesse Stone hinters Steuer seines schwarzen Ford Explorers und kurvte durch das nächtliche Paradise, Massachusetts. Als er sich aus L.A. verabschiedet hatte, um hier seinen Job als Polizeichef anzutreten, hatte er in diesem Wagen die gesamten USA durchquert. Er liebte die Nächte, in denen der Regen wie ein Messer durch die Dunkelheit schnitt und die Straßen im Scheinwerferlicht glänzten. In einer Nacht wie dieser, ging es ihm durch den Kopf, wäre er auch gerne Marshall im Wilden Westen gewesen. Er hätte sich die Öljacke übergezogen, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, hätte sich in den Sattel geschwungen und das Pferd einfach ziellos laufen lassen.

Er rollte langsam am Rathausplatz vorbei, am weißen Gemeindehaus im Kolonialstil, auf dessen Dach der Regen nun schon seit 200 Jahren trommelte. Das blaue Schimmern der altmodischen Straßenlampen, deren Lichtkegel im Regen zu verschwimmen schienen, hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn. Es gab – die Scheinwerfer seines Explorers ausgenommen – keine andere Lichtquelle in diesem Teil der Stadt. In den gepflegten Häusern mit ihren großzügigen Rasenflächen, geschmackvoll um das Gemeindehaus gruppiert, war es dunkel und still. Nirgendwo eine Bewegung. Die Stadtbücherei schien ausgestorben, ebenso die High School mit ihren roten, im Regen glänzenden Backsteinen. Als er auf den Parkplatz bog, wirkten die pechschwarzen Fenster selbst im Licht seiner Scheinwerfer abweisend und undurchdringlich. Er hielt für einen Augenblick an und schaltete das Fernlicht ein. Im Scheinwerferlicht war die Raute des Baseballplatzes zu erkennen, das verrostete Abfanggitter hinter dem Catcher, der Gummibelag auf dem Hügel des Pitchers, selbst die Kuhle vor dem Gummi: Anscheinend gab es hier genügend ambitionierte High-School-Kids, die sich mit ihrer Wurftechnik an großen Pitcher-Idolen wie Nolan Ryan orientierten. Als er selbst in der Zweiten Profi-Liga gespielt hatte, war er auf der Position des Shortstop die ideale Besetzung: Er hatte einen mordsmäßigen Arm, kräftiger sogar als der von Rick Burleson, und konnte den Ball selbst aus weitester Entfernung punktgenau werfen. Er war auch als Läufer nicht übel, war fangsicher und hatte für einen Feldspieler einen passablen Schlag. Aber es war sein Wurfarm, der Großes zu versprechen schien. Seine Eintrittskarte zur großen Karriere. Jesse rieb sich seine rechte Schulter und starrte aufs Baseballfeld hinaus. Er erinnerte sich noch genau an den Augenblick, als ihn der Schmerz traf wie ein Blitz. Es war zu Beginn eines Double Play und er schaffte es locker, die beiden gegnerischen Spieler auszuschalten. Aber es sollte das Ende seiner Karriere bedeuten …

Jesse ließ den Wagen wieder rollen, wendete und fuhr auf die Main Street zurück, diesmal Richtung Meer. An einem leeren Parkplatz beim Paradise Beach hielt er erneut an, ließ den Motor aber auch diesmal laufen. Der Regen schien den Geruch des Wassers noch zu verstärken. Im Licht der Scheinwerfer donnerten die Wellen heran, schwollen an, bildeten Schaumkronen, um dann krachend in sich zusammenzubrechen. Im Vergleich zum schwarzen Ozean war selbst der prasselnde Regen nur eine Bagatelle. Eine Thermosflasche mit Piña Colada wäre jetzt keine schlechte Idee, dachte er, dazu vielleicht noch etwas Musik.

Unweigerlich wanderten seine Gedanken zu Jenn. Sie war ein Naturtalent, was die romantischen Momente betraf. Wenn sie jetzt neben ihm säße, würde sie sich mit geschlossenen Augen zurücklehnen, würde mit ihm sprechen und ihm zuhören, würde die nächtliche Stunde und den Regen und das Rauschen des Meeres in vollen Zügen genießen. Und sie würde dieses Gefühl auch bereitwillig mit ihm teilen. Manchmal dachte er, dass es diese Momente waren, die er am meisten vermisste. Selbst zehn Jahre in der L.A.-Mordkommission hatten seiner romantischen Ader letztlich nichts anhaben können. Sicher, all seine bisherigen Erfahrungen führten zu der Schlussfolgerung, dass die große Liebe wohl eher Seltenheitswert hatte. Aber gerade ihre Unbegreiflichkeit hatte Jesse davon überzeugt, dass die Hoffnung auf Liebe das letzte Bollwerk gegen Selbstzweifel und Verzweiflung war.

Gut möglich, dass es Jenn ähnlich erging. Obwohl ihre Scheidung nun schon länger zurücklag, waren sie in Kontakt geblieben. Als sie im letzten Jahr gehört hatte, dass es ihm schlecht ging, war sie umgehend an die Ostküste geflogen. Dabei war es kein Problem, bei dem sie ihm wirklich helfen konnte – und das wusste sie auch. Aber offensichtlich hatte sie das nicht davon abgehalten, trotzdem zu kommen. Sie war sogar geblieben und hatte sich hier niedergelassen. Aber nun? Was zum Teufel sollte aus ihnen beiden werden? Er legte den Gang ein, manövrierte aus der Parklücke und fuhr langsam auf der Strandpromenade Richtung Downtown. Er war sich bewusst, dass weder Alkohol noch seine Ex gut für ihn waren. Er sollte besser nicht so oft an sie denken.

Die Anzeigetafeln am Kino waren dunkel, ebenso die Geschäfte in der Innenstadt. Die Ampeln sprangen von Rot auf Gelb auf Grün, ohne dass jemand Notiz davon nahm. Er fuhr zum Indian Hill hinauf, parkte am höchsten Punkt des Hawthorne Park, schaltete die Scheinwerfer ab und ließ seinen Blick über den Hafen gleiten. Zur Linken ging der Hafen ins offene Meer über, nach rechts bildete der Damm zwischen Paradise und Paradise Neck eine natürliche Begrenzung. Die Mole lag auf der anderen Seite des Hafens, eine dunkle Landzunge mit dem Leuchtturm an ihrem nördlichen Ende. Nicht einmal 100 Meter hinter dem Leuchtturm lag Stiles Island. Der vordere Teil bildete einen Schutzwall zum Hafeneingang, während das hintere Ende ins offene Meer ragte. Jesse wusste, dass der Kanal zwischen Insel und Mole – dort, wo das Wasser von beiden Seiten in die Zange genommen wurde – für seine Strudel berüchtigt war. Doch hier oben war von den tückischen Strömungen nichts zu sehen. Bedächtig glitt das Leuchtfeuer über die Dächer der Häuser, dann hinüber zu der Bogenbrücke, die vom Leuchtturm zur Insel führte. Alles andere versank im Dunkel der Nacht.

Jesse saß still in der Dunkelheit und blickte auf das Meer und den Regen. Auf der Digitaluhr am Armaturenbrett sah er, dass es 4 Uhr 23 war. Bei wolkenlosem Himmel würde im Osten nun die erste Morgenröte zu sehen sein – in einer halben Stunde wäre es bereits hell. Jesse schaltete die Scheinwerfer an, wendete den Wagen und fuhr den Hügel hinunter. Er musste duschen und sich umziehen. Und sich seine Polizeimarke an die Jacke klemmen.

2

Macklin war gerade mal eine Woche aus dem Knast, hatte aber bereits einen Mercedes klargemacht, den er in der Parkgarage der Alewife Station geknackt hatte, und eine 9 mm Halbautomatik, die er von einem Typen namens Desmond bekommen hatte, mit dem er zusammen im Bau war. Macklin hatte die Neuner gleich sinnvoll eingesetzt, um einen Schnapsladen in der Nähe des Wellington Circle auszunehmen. Mit dem Geld aus dem Überfall war er zu Desmonds Neffen Chick gegangen, der bei der Kfz-Zulassung arbeitete, ihm einen Fahrzeugbrief auf den Namen Harry Smith ausstellte und gleich auch ein legales Nummernschild in die Hand drückte. Als er den Wagen umspritzen ließ, hatte er sich für »British-Racing-Grün« entschieden. Dann hatte er je eine Flasche Belvedere Wodka und Stock Wermut gekauft und sich auf den Weg zu Faye gemacht.

Er hatte kaum ihr Apartment betreten, als sie sich auch schon aus ihrem Bademantel schälte. Fünf Minuten später lagen sie im Bett und waren voll dabei. Als es vorbei war, stand Faye auf, schüttete ihnen einen Martini ein und brachte die Gläser zum Bett.

»Hab’s mir eineinhalb Jahre für diesen Augenblick aufgespart«, sagte Macklin.

»Hab ich gemerkt«, sagte Faye.

Sie hatten es sich auf den pink- und fliederfarbenen Kissen in Fayes Doppelbett bequem gemacht. Die Martinis standen auf dem Nachttisch, gleich neben Macklins Revolver. Die Wände waren ebenfalls in einem hellen Lila gestrichen, während die Decke verspiegelt war. Ihre Wohnung befand sich im alten Charlestown Navy Yard und aus dem Fenster des ersten Stocks konnte man auf der anderen Seite des Hafens die Skyline von Boston sehen.

»Du dir auch?«, fragte Macklin.

»Ich mir was?«, sagte Faye.

Sie hatte sich über ihrer rechten Hüfte zwischenzeitlich eine Rose tätowieren lassen.

»Hast du’s dir auch eineinhalb Jahre aufgespart?«

»Klar doch«, sagte sie.

Macklin nippte an seinem Martini. Die Überzüge auf Fayes Bett waren fliederfarben.

»Gab’s keinen anderen?«

»Absolut niemanden«, sagte Faye.

Sie sah zur verspiegelten Decke hoch und mochte, was sie sah. Er war schlank und geschmeidig. Und so blond, dass seine Haare fast schon weiß wirkten. Er sah insgesamt vielleicht ein bisschen blass aus, aber sie wusste, dass er an seinem Teint arbeiten würde. Sie liebte den Kontrast von seinen blonden Haaren und dem gebräunten Körper. Sie überprüfte ihr eigenes Aussehen: Die Titten waren noch gut in Schuss, die Beine auch. Konnte man schließlich auch erwarten. Täglich 45 Minuten auf dem verdammten StairMaster! Sie drehte sich auf die Seite und checkte ihren Hintern. Proper. StairMaster sei Dank.

»Kontrollierst du das Equipment?«, fragte Macklin.

»Hm.«

»Scheint noch alles zu funktionieren«, sagte Macklin.

Sie kicherte.

»Und wie sieht’s mit deinem aus?«, fragte sie.

»Sollte bald wieder einsatzbereit sein.«

Sie tranken ihre Martinis aus und schwiegen.

»Und was machen wir nun?«, fragte Faye schließlich.

»Noch mal das Gleiche, dachte ich«, sagte Macklin.

»Aber vielleicht könnten wir es diesmal auf dem Stuhl versuchen.«

Faye kicherte wieder. »Das mein ich nicht«, sagte sie. »Ich meine, was wir jetzt mit unserem Leben anfangen werden.«

»Vom Vögeln abgesehen?«

»Vom Vögeln abgesehen.«

Macklin grinste. Er richtete sich im Bett auf und schüttete ihnen einen weiteren Martini ein.

»Nun«, sagte Macklin. »Morgen werden wir mal nach Paradise fahren und uns über die Immobilien auf Stiles Island informieren.«

»Was ist denn Stiles Island?«

»Eine kleine Insel vor Paradise Harbor. Sie ist mit dem Rest von Paradise nur durch eine schmale Brücke verbunden. Die Brücke wird von privatem Sicherheitspersonal überwacht. Wer dort lebt, hat seine Schäfchen im Trockenen. Sie haben sogar eine Bank nur für die Anwohner dort.«

»Und wie kommst du gerade auf diese Insel?«

»Lester Lang, ein Typ aus dem Knast, hat mir die ganze Zeit davon vorgeschwärmt. Sagte, es sei die reinste Goldgrube.«

»Warst du schon mal da?«

»Nee.«

»Und wir wollen dort ein Haus kaufen?«, fragte Faye.

»Nee.«

»Warum schauen wir uns denn dann Immobilien an?«

»Um den Ort mal unter die Lupe zu nehmen.«

»Wofür?«

»Für den größten Beutezug aller Zeiten«, sagte Macklin.

Faye legte ihren Kopf an seine Schulter und lachte. »Darauf trink ich gern«, sagte sie und prostete ihm zu.

3

Der Mann, der auf dem Revier nur als »Suitcase Simpson« bekannt war, trat durch Jesses offene Bürotür, ohne sich mit Klopfen aufzuhalten. »Jesse«, sagte er, »war das etwa deine Ex, die ich gestern im Fernsehen gesehen habe?«

»Keine Ahnung, Suit«, sagte Jesse. »Was hast du denn gesehen?«

»Die Nachrichten auf Channel 3. Sie haben eine neue Wetterfee – Jenn Stone.«

Sie benutzte also nicht ihren Mädchennamen.

»Wetterfee?«, sagte Jesse.

»Ja, sie sprachen darüber, dass sie aus Los Angeles komme und sich bestimmt erstmal akklimatisieren müsse, um über das Schmuddelwetter an der Ostküste berichten zu können.«

»Und sie sah wie Jenn aus?«

»Absolut. Ich hab sie ja nur einmal gesehen, aber du weißt am besten, dass sie eine Frau ist, die man so leicht nicht vergisst.«

»Nein«, sagte Jesse. »Mit Sicherheit nicht.«

»Arbeitete sie in L.A. auch als Wetterfee?«, fragte Simpson.

»Nein, sie war Schauspielerin.«

»Vielleicht spielt sie ja nur die Wetterfee.«

»Kann gut sein«, sagte Jesse. »Hast du sie in den Nachrichten um sechs oder um elf gesehen?«

»Um sechs«, sagte Simpson.

»Ich werd heut Abend mal die Augen offenhalten«, sagte Jesse.

»Möchte wetten, dass sie nicht wieder nach L.A. zurückkehrt«, sagte Simpson.

»Sieht ganz danach aus«, entgegnete Jesse.

Simpson stand für einen Moment unschlüssig rum, als wolle er noch etwas sagen, fand aber nicht die richtigen Worte. »Nun ja«, sagte er schließlich. »Ich dachte mir, es würde dich interessieren.«

»Tut es. Danke, Suit.«

Simpson konnte sich noch immer nicht aufraffen zu gehen, nickte dann aber, als wolle er damit eine ungestellte Frage beantworten, drehte sich um und verließ das Büro.

Sie benutzt also noch immer unseren gemeinsamen Namen. Jesse wirbelte auf seinem Drehstuhl herum, legte die Füße auf die Fensterbank und starrte hinaus. Es muss Jenn sein, dachte er. Eine andere Erklärung gab es nicht. Im sicheren Abstand von 5 000 Kilometern hatte er seine Gefühle unter Kontrolle gebracht. Keine Frage: Er liebte sie noch immer – was aber nicht bedeutete, dass er mit ihr zusammenleben musste. Und auch nicht, dass er keine andere Frau lieben konnte. Jedenfalls war er davon überzeugt, als sie noch 5 000 Kilometer von ihm entfernt lebte und mit einem Filmproduzenten ins Bett stieg. Aber hier …?

Molly Crane trat in sein Büro.

»Jesse«, sagte sie. »Das Feuer heute Morgen in 59 Geary Street? Anthony glaubt, dass es Brandstiftung war und du mal vorbeischauen solltest.«

Jesse drehte sich auf seinem Stuhl langsam um.

»Geary Street«, sagte er.

»Sie haben das Feuer soweit unter Kontrolle«, sagte Molly, »aber Anthony ist noch dort, zusammen mit dem Chef der Feuerwehr.«

Jesse nickte.

»Sie warten auf dich, Jesse.«

Jesse musste grinsen. Molly war die geborene Gouvernante.

»Bin schon unterwegs«, sagte er.

Er schaltete die Sirene nicht ein. Eine seiner kategorischen Verhaltensregeln für das Polizeirevier besagte: keine Sirene, kein Blaulicht, wenn es nicht wirklich ein Notfall war.

Die Geary Street stieß an ihrem Ende auf die Preston Road und bildete dort – zwei Straßen vom Strand entfernt – ein Dreieck; 59 Geary befand sich genau an der Spitze des Dreiecks und grenzte an ein unbebautes Grundstück. Als Jesse dort eintraf, waren Geary und Preston bereits abgeriegelt. Pat Sears war damit beschäftigt, den Verkehr umzuleiten.

Jesse hielt neben ihm an. »Soll ich noch ein paar Leute schicken, damit du den Verkehr geregelt kriegst?«, fragte er.

Pat blies auf seiner Trillerpfeife und gestikulierte wild zu dem Fahrer eines Buick Station Wagon, der hinter Jesses Wagen angehalten hatte.

»Wär keine schlechte Idee«, sagte er zu Jesse. »Wir brauchen jemanden am anderen Ende der Straße – und hier oben auch noch einen Mann.« Er nickte zu der Autokolonne hinüber, die sich hinter dem Wagen des Einsatzleiters gebildet hatte und sich schon bis in die LaSalle Street staute.

»Ich ruf Molly an«, sagte Jesse und fuhr zum Brandort weiter.

Ein halbes Dutzend Löschfahrzeuge war im Einsatz, die beiden aus Paradise sowie vier weitere aus benachbarten Dienststellen.

Jesse parkte seinen Wagen und stieg aus. Arleigh Baker, der Chef der Feuerwehr, stand auf dem Rasen. Als Chef der »Öffentlichen Sicherheit« war Jesse theoretisch auch für die Feuerwehr zuständig, aber da er von Brandbekämpfung wenig verstand, fungierte Arleigh als Einsatzleiter. Er war klein, rundlich und sah mit seinen Stiefeln, Helm und Regenmantel wie ein kleiner Napoleon aus.

»Gut schaust du aus, Arleigh«, sagte Jesse.

»Ich seh in diesem Aufzug wie ein gottverdammtes Arschloch aus«, sagte Arleigh.

Jesse grinste und schaute auf die Ruinen des qualmenden Hauses. Die tragenden Wände standen noch, doch im Dach klaffte ein riesiges Loch. Alle Fensterscheiben waren geborsten und ein Teil der Hausfront war von den Flammen völlig zerstört worden. Im Innern sah man Asche und verkohlte Balken.

»Ein verdächtiger Brandherd?«, fragte Jesse.

»Schau’s dir selbst an«, sagte Arleigh und marschierte zum Hauseingang.

Das Feuer hatte vor allem im Wohnzimmer gewütet, das sich im rechten Teil des Hauses befand. Der Fußboden war fast vollständig verschwunden, ebenso die hintere Wand, hinter der sich die Küche befand. Auf der Wand zur Linken, die vergleichsweise unbeschädigt war, hatte jemand in großen Lettern das Wort SCHWUCHTELN gesprayt.

»Pass auf, wo du hintrittst«, sagte Arleigh.

Jesse trug nur Turnschuhe und der Boden war an einigen Stellen tatsächlich noch warm. Überall lagen Holzplanken herum, aus denen zum Teil spitze Nägel ragten. Während Arleigh in seinen Stiefeln ungerührt durch die Trümmer stampfte, setzte Jesse vorsichtig einen Fuß vor den anderen.

Ein weiteres SCHWUCHTELN zierte den Treppenaufgang und auch im ersten Stock, wo das Feuer vorwiegend Rauchspuren hinterlassen hatte, war das Wort mehrfach in schnörkeliger Schrift auf die Wände gesprayt worden.

»Nicht gerade einfallsreich, der Bastard«, sagte Jesse.

»Der Feuer-Inspektor für Massachusetts will sich den Brandort noch anschauen«, sagte Arleigh. »Vielleicht kann der uns Genaueres sagen. Ich würde mal behaupten, das Feuer wurde mitten auf dem Fußboden des Wohnzimmers gelegt. Was eher ungewöhnlich ist. Jemand muss das Benzin auf den Teppich geschüttet und dann den Kanister angezündet haben.«

Er war hochrot im Gesicht und schwitzte unter seinem schweren Mantel.

»Und wenn der Brand gelegt wurde, kann man wohl mit einigem Recht vermuten, dass es die gleichen Leute waren, die auch SCHWUCHTELN auf die Wand geschrieben haben.«

»Leute? Plural?«

»Ja«, sagte Jesse. »Mindestens zwei Leute haben gesprayt.«

»Wie zum Teufel willst du das wissen?«, sagte Arleigh.

»Wenn du für eine Weile in South Central L.A. gearbeitet hast, lernst du die Handschrift dieser Graffiti-Jungs kennen«, sagte Jesse. »Wissen wir schon, wer hier wohnt?«

»Nein.«

»Dann sollten wir das rauskriegen.«

4

»Das sieht nicht gut aus«, sagte Macklin, als er auf die Bremse des Mercedes trat. Der Verkehr vor ihm auf der LaSalle Street war zum Erliegen gekommen. »Wir müssten da vorne rechts.«

»Da steht ein Verkehrspolizist«, sagte Faye, »und er lässt niemanden nach rechts abbiegen.«

»Muss ein Brand sein«, sagte Macklin. »Siehst du den Feuerwehrwagen, der dort raussteht? Der verursacht den ganzen Stau.« Er schüttelte den Kopf. »Feuerwehrleute und Cops«, sagte er. »Parken ihren Arsch immer dort, wo es ihnen gerade Spaß macht. Denen ist es doch völlig schnurz, ob sie den ganzen Verkehr lahmlegen.«

Macklin hatte das Solarium in Fayes Appartmentkomplex besucht und hatte inzwischen eine gesunde Hautfarbe. Er trug einen grauen Anzug im Palm-Beach-Stil, ein blaues Hemd mit gelber Seidenkrawatte und gelbem Brusttuch. Sein 9 mm Revolver lag im Handschuhfach.

»Wie viel Schweiß hätte es ihn wohl gekostet«, sagte er, »wenn das Arschloch auf dem Seitenstreifen geparkt hätte?«

Faye lächelte. Sie trug ein unauffälliges hellbraunes Ensemble mit einem langen Jackett und kurzen Rock und hatte ihre Haare hochgesteckt. Der Wagen rollte ein Stückchen weiter.

»Sieht aus, als würde ein Haus brennen«, sagte Faye. »Ich sehe Feuerwehrwagen am Ende der Straße.«

»Und sie können das Feuer nicht löschen, ohne einen Stau bis nach Lynn auszulösen?«, knurrte Macklin.

»Ich glaube, das Feuer ist schon unter Kontrolle«, sagte Faye.

»Sie tun einfach so, als stünden sie über dem Gesetz – als gäbe es ein Gesetz für sie und ein Gesetz für den Rest von uns«, sagte Macklin.

Faye drehte sich zu ihm um und sah ihn mit einem breiten Lächeln an.

»Es gibt ein Gesetz für uns?«, sagte sie. »Jimmy, du bist ein Gangster. Dir geht das Gesetz doch am Arsch vorbei.«

Macklin passierte den Polizisten, der den Verkehr regelte, rollte langsam am Wagen des Einsatzleiters vorbei und drückte wieder aufs Gas. Lautlos lachte er vor sich hin.

»Da ist was dran«, sagte er.

Am Kino bogen sie nach rechts ab, fuhren über die Ocean Avenue an der noch immer gesperrten Geary Street vorbei und bogen dann auf den Damm nach Paradise Neck ein. Die großen alten Schindelhäuser, von Bäumen und großzügigen Grünflächen umgeben, waren von der Straße aus kaum zu erkennen. Sie passierten den Jachtclub, ein protziges weißes Gebäude mit Blick auf den Hafen, fuhren um den Leuchtturm herum und kamen schließlich zu der eleganten Bogenbrücke, die über das aufgewühlte Wasser nach Stiles Island führte. Am Ende der Brücke befand sich das Häuschen mit dem Wachpersonal. Macklin hielt an und ließ das Fenster herunter. Ein großer, grauhaariger Mann mit Brille trat heraus und kam näher. Er trug einen blauen Blazer und hatte ein Klemmbrett in der Hand. Auf der Jacke befand sich ein blaues Personalschild mit den Worten STILES ISLAND SECURITY, darunter sein Name J.T. McGonigle.

»Hi«, sagte Macklin. »Wir haben einen Termin bei Mrs. Campbell.«

»Ihr Name, Sir?«

»Ich weiß, es klingt etwas abgedroschen«, sagte Macklin, »aber ich heiße tatsächlich Smith.«

Der Wachmann schaute auf sein Klemmbrett. »Mr. und Mrs.?«

»Genau.«

»Gleich da drüben, Sir. Bitte parken Sie auf dem dafür vorgesehenen Parkplatz.«

»Ich danke Ihnen.«

Als sie die Schranke passierten, notierte der Wachmann ihr Nummernschild. Gleich zur Rechten befand sich ein flaches Gebäude mit verwitterten Schindeln und blauen Fensterläden. Neben der Tür hing ein unauffälliges blaues Schild mit goldenen Lettern: STILES ISLAND IMMOBILIEN. Ein Lexus stand vor der Tür, daneben ein freier Parkplatz für BESUCHER.

»Stiles Island ist zu edel, um Kunden zu haben«, sagte Macklin.

»Wie heißen wir denn mit Vornamen«, fragte Faye.

»Ich bin Harry«, sagte Macklin. »Wer möchtest du gerne sein?«

»Wie wär’s mit einem dieser vorsintflutlichen Namen, die von den stinkreichen Säcken hier in Neuengland noch immer benutzt werden – wie Muffy oder Choo Choo?«

»Herr im Himmel«, sagte Macklin. »Du kannst doch nicht erwarten, dass ich hier rumlaufe und dich Muffy nenne.«

»Rocky vielleicht?«

»Rocky?«, sagte Macklin.

Faye nickte. Macklin streckte seine geballte Faust aus und Faye schlug mit der ihren vorsichtig dagegen.

»Volltreffer, Rocky«, sagte er.

Sie stiegen aus dem Wagen.

»Und aus welcher Stadt kommen wir?«, fragte Faye.

»Wird mir noch rechtzeitig einfallen«, sagte Macklin. »Du weißt, wie sehr ich es hasse, jedes Detail zu planen.«

Das Immobilienbüro war mit Möbeln im Kolonialstil dekoriert; an den Wänden hingen Kunstdrucke mit maritimen Motiven. Mrs. Campbell war eine hochgewachsene Frau mit platinblonden Haaren, reichlich Make-up und einer attraktiven Figur. Sie war vielleicht schon etwas vollreif, dachte Macklin, aber im Bett sicher noch eine gute Partie.

»Ich bin Harry Smith«, sagte Macklin. »Meine Frau Rocky.«

»Darf ich fragen, aus welcher Gegend Sie kommen?«, sagte Mrs. Campbell.

Sie trug einen blauen Hosenanzug und ein weißes Herrenhemd, das am Kragen geöffnet war.

»Concord«, antwortete Macklin.

»Und Sie interessieren sich also für eine Immobilie auf Stiles Island?«

»Ja, Ma’am.«

»Nun, wir haben einige Häuser, die zum Verkauf stehen, aber natürlich könnten wir Ihnen auch Grundstücke anbieten, auf denen Sie selbst bauen können.«

»Was meinst du, Schatz?«, sagte Macklin.

»Ich denke, wir sollten uns zunächst einmal die Insel in Ruhe ansehen«, sagte Faye. »Wissen Sie, wir wollen ja hier nicht nur ein Stück Land erwerben, sondern uns auch in diese Gemeinschaft einbringen.«

»Ein wichtiger Punkt«, sagte Mrs. Campbell. »Warum machen wir uns nicht einfach auf den Weg? Ich fahre Sie etwas herum und wir können alles Weitere unterwegs besprechen. Darf ich fragen, ob Sie den Kaufpreis selbst finanzieren werden?«

»Ja, in bar«, sagte Macklin.

»Und sind Sie mehr an einem Grundstück oder an einem fertigen Haus interessiert?«

»Wir sind für beides offen«, sagte Faye. »Oder nicht, Harry?«

»So sieht’s aus, Rocky.«

Mrs. Campbell ging um den Schreibtisch, um ihre Handtasche zu holen. Macklin konnte nicht umhin zu bemerken, dass ihr Hosenanzug straff über dem Hintern saß. Und da war auch dieses gewisse Etwas in der Art, wie sie ging. Fickt garantiert wie ein Kaninchen, dachte Macklin. Er war sich nicht sicher, warum er das wusste. Aber die Art, wie sie stand, wie sie ging, wie sie sich ihres Körpers sehr wohl bewusst war, ließ keinen Zweifel zu. Vielleicht war es ja Zauberei, aber er lag in diesen Dingen mit seiner Einschätzung selten daneben. Er speicherte die Information in seinem Hinterkopf ab.

5

Die beiden Männer, denen das Haus in der Geary Street gehörte, saßen zusammen in Jesses Büro. Einer war groß und dünn, hatte einen kahl geschorenen Schädel und trug eine Fliegerbrille mit goldenem Gestell. Sein Begleiter war gedrungener, hatte seine blonden Haare getrimmt und trug einen Schnurrbart. Beide Männer waren älter als Jesse – 42 oder 43, schätzte er. Der größere Mann hieß Alex Canton.

»Wir waren für ein paar Tage in Provincetown, als es passierte«, sagte Canton. »Einer unserer Nachbarn rief uns an. Wir sind sofort zurückgekommen.«

»Es war Brandstiftung«, sagte Jesse. »Die Graffiti an der Wand waren ein erstes Indiz, aber auch die Art und Weise, wie der Fußboden durchgebrannt ist. Das Büro der überregionalen Brandinspektion hat unsere Vermutung inzwischen bestätigt: Eine brennbare Flüssigkeit, vermutlich Benzin, wurde auf den Teppich gekippt und dann angezündet.«

»Wir wissen, wer es war«, sagte Canton. »Howard und ich sind uns absolut sicher.«

Jesse schaute auf seinen Notizblock. Howards Nachname war Brown.

»Wer?«, sagte Jesse.

»Alex, uns fehlen die Beweise«, sagte Brown.

»Wir wissen, dass sie es waren«, sagte Canton.

»Wer?«, fragte Jesse noch einmal.

»Die verdammten Hopkins-Kinder«, sagte Canton.

»Vollständige Namen?«

»Earl«, sagte Canton. »Ich glaube, er ist der Ältere. Und Robbie.«

»Alter?«

»Vielleicht 15 oder 14, schätze ich. Sie fahren jedenfalls noch kein Auto.«

»Gab’s früher schon Ärger mit ihnen?«, fragte Jesse.

Er kannte die Antwort schon, bevor er die Frage stellte. Natürlich hatte es früher schon Ärger gegeben. Zwei offenkundig schwule Männer in einer hundertprozentig heterosexuellen Nachbarschaft, dazu eine Menge verwöhnter Kids, die sich tagsüber zu Tode langweilten. Warum machen wir uns nicht mal den Spaß und schikanieren die schwulen Säcke?

»Nichts Weltbewegendes«, sagte Brown. »Wenn sie am Haus vorbeikamen, machten sie halt entsprechende Bemerkungen.«

»Wie etwa?«

»Irgendwelche dummen Reime wie ›Mister Brown mag’s lieber braun‹. Ich bin schon lange schwul und habe Schlimmeres gehört.«

»Sonst noch was?«

Brown und Canton schauten sich an, während sie nachdachten.

»Nein«, sagte Canton.

»Mr. Brown?«

»Nein, nichts.«

»Und woher wissen Sie, dass die Jungs das Feuer gelegt haben?«

Canton blickte zu Brown. »Erzähl du’s ihm bitte, Howard.«

»Ich stand in der Toreinfahrt und schaute mir an, was vom Haus übrig geblieben war, als sie mit dem Fahrrad vorbeikamen – die beiden Hopkins-Jungs und ihr Freund. Seinen richtigen Namen kenne ich nicht, aber die Jungs nennen ihn Snapper. Sie grinsten übers ganze Gesicht und fuhren vor unserem Haus im Kreis. Dann fährt Earl, der Ältere, freihändig an mir vorbei und sagt: ›Hey, Mister Brown‹, und als ich zu ihm hinsehe, macht er eine Bewegung, als würde er ein Streichholz anzünden und Richtung Haus werfen. Und alle grinsen und feixen dazu.«

Brown schüttelte seinen Kopf. »Ich hätte die kleinen Wichser am liebsten umgebracht.«

Er schüttelte erneut den Kopf. Trauer und Wut halten sich so ziemlich die Waage, dachte Jesse.

»Aber natürlich macht jemand wie ich keinen Mucks, sondern setzt sich schweigend ins Auto und fährt los«, sagte Brown.

»Sind Sie je bedroht worden?«, fragte Jesse.

»Nicht bis zu diesem Vorfall«, antwortete Canton.

Brown schüttelte wieder seinen Kopf.

»Nun, wir werden uns mit ihnen mal unterhalten«, sagte Jesse.

»Unterhalten? Die kleinen Bastarde fackeln unser Haus ab – und Sie wollen sich mit ihnen unterhalten

»Polizisten drücken sich manchmal etwas merkwürdig aus«, sagte Jesse. »Wir werden sie aufs Revier holen und verhören.«

»Können Sie sie nicht gleich festnehmen?«, fragte Brown.

»Nicht auf Basis der Informationen, die wir bisher haben«, antwortete Jesse.

»Sie haben doch praktisch zugegeben, dass sie’s getan haben«, sagte Brown.

»Vielleicht hatten sie auch nur ihren Spaß daran, es ihnen unter die Nase zu reiben, während die Tat von einem anderen begangen wurde«, sagte Jesse.

»Wenn Sie da gewesen wären und gesehen hätten, wie dreist die drei gegrinst haben …«, sagte Brown.

»Ich war aber nicht da«, sagte Jesse. »Und der Staatsanwalt auch nicht. Mit dem, was Sie mir liefern, kann ich niemanden verhaften.«

»Dann werden sie also ungeschoren davonkommen«, sagte Canton im Tonfall eines Mannes, der seine Vorurteile wieder einmal bestätigt sah.

»Vielleicht auch nicht«, sagte Jesse. »Wir haben durchaus ein paar Pfeile im Köcher.«

»Nun«, sagte Canton, »eines kann ich Ihnen jetzt schon versprechen: Ich werd mir eine Knarre zulegen. Ich warte nicht, bis die Flegel komplett Oberwasser bekommen.«

»Sprechen Sie mit Molly hier im Revier«, sagte Jesse. »Sie kümmert sich um die Registrierung.«

»Das heißt, Sie haben nichts dagegen?«

»Sie haben das von der Verfassung garantierte Recht, Waffen zu besitzen und auch zu tragen«, sagte Jesse.

»Jesus«, sagte Canton. »Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich darauf einmal zurückgreifen muss.«

»Ist die Hopkins-Familie reich?«, fragte Jesse.

»Ich denke schon«, sagte Brown. »Warum?«

»Falls die Jungs es getan haben, könnten Sie eine Zivilklage gegen die Familie einreichen. Oder Ihre Versicherung tut es.«

»Mein Gott, daran hab ich noch gar nicht gedacht«, sagte Canton. »Sollten wir mal mit unserem Versicherungsagenten reden?«

»Wäre vielleicht sinnvoller, zunächst einmal mit einem Anwalt zu sprechen«, sagte Jesse.

»Können Sie einen empfehlen?«

»Es gibt hier in der Stadt eine Frau«, sagte Jesse. »Abby Taylor. Sie war früher mal im Gemeinderat. Sie könnte den Fall selbst übernehmen oder einen Kollegen vorschlagen.«

»Aber was passiert, wenn Sie denen nichts nachweisen können?«, sagte Canton.

»Sie können noch immer eine Klage anstrengen«, sagte Jesse. »Im Zivilrecht ticken die Uhren anders.«

»Würden Sie uns den Namen der Anwältin aufschreiben?«, fragte Brown.

Jesse schrieb Abbys Namen auf seinen Notizblock, dazu ihre Telefonnummer, die er nur allzu gut kannte. Brown nahm das Papier, faltete es und steckte es in seine Hemdtasche.

»Darauf läuft es also hinaus?«, sagte Canton.

»Darauf läuft was hinaus?«, fragte Jesse.

»Ist das die Empfehlung der Obrigkeit: sich einen Anwalt zu nehmen und zu klagen?«

Jesse lehnte sich im Stuhl zurück und schaute Canton für einen Augenblick an.

»Sie sind schwul«, sagte er dann. »Und schäumen vor Wut. Für Sie ist es unvorstellbar, dass sich heterosexuelle Cops wirklich anstrengen, Ihre Probleme zu lösen. Aber vielleicht sollten Sie mich nicht voreilig einen intoleranten Schwätzer nennen, bevor ich nicht die Gelegenheit habe, mich mit dem Fall zu beschäftigen.«

»Ich finde, das ist nur fair, Alex«, sagte Brown. »Wir haben keinen Anlass zu der Vermutung, dass er Vorurteile gegen Schwule hat.«

»Vielleicht«, sagte Canton. »Aber dann ist er einer der wenigen, die ich kenne.«

Er starrte Jesse noch immer mit hochrotem Kopf an.

»Da bin ich mir nicht mal so sicher«, sagte Jesse.

»Es gibt vermutlich eine Menge Cops, denen es völlig schnurz ist, was zwei Erwachsene in ihren vier Wänden treiben, solange beide Parteien aus freien Stücken handeln.«

»Sie sind aber auch nie schwul gewesen«, sagte Canton.

»Da liegen Sie völlig richtig«, antwortete Jesse. »Aber Sie sind ja nicht hierhergekommen, um mit mir über die Toleranz oder Intoleranz der Polizei zu sprechen. Ich kann Ihnen nur versichern, dass jeder in dieser Stadt ein Recht auf den Schutz der Polizei hat. Und solange ich hier Polizeichef bin, wird er ihn bekommen. Auch Sie.«

»Alex, er müsste seine Homophobie uns gegenüber erst einmal unter Beweis stellen, bevor wir ihn vorschnell verurteilen.«

»Und das wird er aller Wahrscheinlichkeit nach früher oder später auch tun«, sagte Canton. »Ich werde den Waffenschein jedenfalls beantragen. Kann mir nicht vorstellen, dass ich’s mir noch mal anders überlege.«

Jesse lächelte still vor sich hin.

»Ich glaube auch nicht, dass Sie’s nicht tun«, sagte er.

6

Macklin und Faye saßen auf dem Holzdeck des »Gray Gull«-Restaurants mit Blick über den Hafen. Sie hatten Cosmopolitans bestellt – Faye trank ihn pur aus einem großen Martini-Glas, während Macklin ihn on the rocks bevorzugte. Es war später Nachmittag und die Sonne war schon so weit hinter den Häusern verschwunden, dass die Hafenmeisterei und die Segelwerkstatt lange Schatten aufs Wasser warfen.

»Faye«, sagte Macklin, »du spielst die Frau eines steinreichen Knackers überzeugender als all die wirklichen Millionärsgattinnen, die ich kenne.«

»Was wohl nicht viel zu bedeuten hat«, antwortete Faye. »Wie viel Millionärsgattinnen willst du denn gekannt haben?«

»Und wenn ich nur eine gekannt hätte – sie hätte so ausgesehen wie du«, sagte Macklin.

Er hatte seine Krawatte geöffnet und das Jackett abgelegt. Er saß breitbeinig auf dem Stuhl und lehnte sich zurück. Vom Meer kam eine leichte Brise.

»Du hast der Frau erzählt, dass wir aus Concord kämen«, sagte Faye.

»Richtig«, sagte Macklin. »Ich hab dort ein paar Jahre gelebt.«

»In Concord?«

Macklin grinste. »In der JVA Concord. Das Gefängnis.«

Faye lachte. »Jimmy, du hast wirklich ein Rad ab.«

»Man sollte die Scheiße einfach nicht zu ernst nehmen«, sagte Macklin.

Eine Bedienung ging vorbei und Macklin bestellte einen weiteren Drink.

»Und vielleicht … Was haben Sie denn heute? Frittierte Muscheln? Dann bringen Sie uns einmal frittierte Muscheln. Aber die Drinks vorab. Warten Sie nicht auf die Muscheln.«

»Ja, Sir.«

Macklin beobachtete sie, als sie sich vom Tisch entfernte. Hübscher Hintern. Noch jung. Wahrscheinlich eine Studentin, die hier im Sommer jobbte.

»Was haben wir also heute über Stiles Island gelernt?«, fragte Faye.

»Gut einen Kilometer lang«, sagte Macklin und schaute über den Hafen zum vorderen Teil der Insel. »Etwa 400 Meter breit. 50 Anwesen bisher, mit Platz für weitere 50. Das billigste kostet 875 000 Dollar. Nur Erwachsene. Keine Kinder. Keine Hunde.«

»Die meisten Leute, die sich Häuser für 875 000 Dollar leisten können, sind ohnehin zu alt zum Kinderkriegen«, sagte Faye.

Macklin nickte.

»Der einzige Zugang führt über die Brücke«, sagte er. »Alle Stromleitungen liegen unter der Brücke, ebenso die Telefonleitungen und die Wasserrohre.«

Die Kellnerin brachte ihnen zwei Cosmopolitans. Die pinkfarbenen Getränke passten perfekt zum Ambiente, dachte Macklin und ließ seinen Blick über das Deck des verwitterten Schindelhauses bis hinunter zum Hafen schweifen. Macklin mochte es, wenn die Dinge zusammenpassten.

»Es gibt eine Niederlassung der Paradise Bank«, sagte er. »Mit Schließfächern. Zur Hafenseite hin gibt es einen privaten Jachtclub – der einzige Platz, wo man mit einem Boot anlegen kann. Es gibt einen Fitnessclub mit angeschlossenem Drugstore und Kosmetiksalon sowie ein Restaurant mit einem großen Panoramafenster zur Meerseite. Dann haben wir den privaten Sicherheitsdienst: einen Mann rund um die Uhr am Wachhäuschen sowie eine zweiköpfige Patrouille, die ebenfalls 24 Stunden am Tag im Dienst ist. Alle Anwohner haben CB-Funk, durch den sie mit der Security-Zentrale hinter dem Immobilienbüro und auch mit der Polizei in Paradise verbunden sind.«

Faye hielt ihr Glas mit den Fingerspitzen beider Hände. Sie schaute ihn über den Rand hinweg an, während er sprach. Als er seine Ausführungen abgeschlossen hatte, flötete sie ihm liebevoll zu: »Und ich dachte schon, dass sich deine Beobachtungen allein auf den Arsch von Mrs. Campbell konzentriert hätten.«

Macklin grinste. »Man muss eben auch die Details im Auge behalten.«

Eine Möwe flog vorbei, landete direkt neben ihnen auf der Balustrade und wartete. Die Kellnerin brachte das Besteck, Servietten und ein Körbchen mit den frittierten Muscheln. Sie stellte die Muscheln in die Mitte und zwei Schalen mit Remoulade daneben.

»Ketchup?«, fragte sie.

»Nein, vielen Dank«, sagte Macklin.

Die Möwe richtete ihren undurchdringlichen Blick auf die Muscheln. Macklin entrollte das Besteck und steckte sich die Serviette ins Hemd. Er griff zum Messer und machte in Richtung der Möwe eine Bewegung, als wolle er sie zum Fechten herausfordern. »Solltest du dich den Muscheln auch nur nähern wollen, bist du tot, Vogel«, sagte er.

Faye griff sich mit den Fingern eine Muschel, tauchte sie in die Soße und steckte sie sich in den Mund. Während sie kaute, wischte sie sich die Finger sorgsam mit der Serviette ab.

Als sie den Bissen runtergeschluckt hatte, sagte sie: »Und wie sieht dein Plan denn nun aus?«

»Nun«, sagte Macklin, »ich dachte mir, dass ich zunächst einmal Mrs. Campbell etwas Süßes ins Ohr flüstern könnte …«

»Untersteh dich«, sagte Faye. »Gaffen ist eine Sache. Du bist nun mal ein Mann und kannst nicht anders. Aber wenn du meinst, du könntest sie anbaggern, dann schneid ich dir die Eier ab.«

»Faye, könnte ich dich je betrügen?«

»Wie gesagt: Du bist ein Mann.«

»Das ist zynisch«, sagte Macklin.

»Nur realistisch«, antwortete Faye. »Abgesehen davon weißt du sehr wohl, wovon ich spreche: Wie willst du vorgehen, um das Ding hier auf der Insel ins Rollen zu bringen?«

»Zunächst einmal werde ich mir eine gute Landkarte besorgen«, sagte Macklin.

»Und dann fang ich damit an, eine Crew zusammenzustellen.«

»Wie willst du in der Zwischenzeit Geld ranschaffen?«

»Ich hab noch was«, sagte Macklin.

»Das hoffe ich. Hast du schon Leute im Auge, die du für die Crew verpflichten willst?«

»Ja. Das ist einer der Vorteile, schon mehrfach im Knast gewesen zu sein – man hat reichlich Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen.«

»Hast du es auf die Bank abgesehen?«

»Honigpferdchen«, sagte Macklin. »Ich nehm die ganze Insel aus.«

7

Jesse hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nach Arbeitsende um fünf kurz in der Bar des »Gray Gull« reinzuschauen. Auch diesmal würde er sich zwei Drinks genehmigen, mit dem Barmann oder ein paar Stammgästen plaudern und dann zum Abendessen nach Hause fahren. Es war sicherer als daheim mit dem Trinken anzufangen. Er kam ein wenig unter Leute – und hatte außerdem hier weniger Probleme, nach zwei Drinks Schluss zu machen. Als Polizeichef hatte er nun mal gewisse Pflichten – und Jesse glaubte zu wissen, dass Trunkenheit in der Öffentlichkeit nicht dazu zählte.

»Black Label und Soda, Doc«, sagte er zum Barmann. Er machte mit seinen Händen eine eindeutige Bewegung. »Großes Glas.«

Der Barmann machte den Drink fertig, stellte ihn vor Jesse auf den Tresen und ging dann zum Ende der Bar, wo eine Kellnerin mit einer Bestellung auf ihn wartete. Er mixte zwei pinkfarbene Drinks – einen straight, den anderen on the rocks – und stellte sie mit dem Kassenbon auf den Tresen. Dann kam er zurück, um sich mit Jesse zu unterhalten.

»Den ganzen Tag für die Gerechtigkeit gekämpft?«, fragte Doc.

»Und die Bürger vor dem Bösen beschützt«, sagte Jesse. »Was sind das denn für pinkfarbene Dinger?«

»Cosmopolitans«, sagte Doc. »So was wie Martini für den Sommer.«

»Sehen lecker aus«, sagte Jesse.

»Sind sie auch«, sagte Doc. »Willst du einen probieren? Geht aufs Haus.«

»Danke, Doc. Scotch reicht mir zu meinem Glück.«

Jesse nippte an seinem Drink. Die Bar war nur halb voll. Es war mitten in der Woche und die arbeitende Bevölkerung war bislang noch nicht aufgekreuzt. Jesse mochte Bars, wenn sie noch leer und ruhig waren.

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