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Operation Heartbreaker 10: Taylor – Ein Mann, ein Wort

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Suzanne Brockmann

Operation Heartbreaker 10:
Taylor – Ein Mann, ein Wort

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Anita Sprungk

PROLOG

Es war irre!“ Rio Rosetti schüttelte den Kopf. Die explosiven Ereignisse der vergangenen Nacht ließen ihn immer noch nicht los. „Einfach irre!“

Mike und Thomas saßen ihm in der Kantine gegenüber. Ihre Spiegeleier mit Speck waren vergessen und wurden langsam kalt, während die beiden gespannt darauf warteten, dass Rio fortfuhr.

Sie ließen es sich nicht anmerken, aber Rio wusste genau, dass sie vor Neid fast platzten, weil er dabei gewesen war – hautnah und mitten im Geschehen an der Seite zweier legendärer Chiefs der Alpha Squad: Bobby Taylor und Wes Skelly.

„Hey, Little E., schnapp dir deine Ausrüstung!“, hatte Chief Skelly ihn vor gerade mal sechs Stunden aufgefordert. War das wirklich erst sechs Stunden her? „Onkel Bobby und ich wollen dir zeigen, wie man es richtig macht.“

Zwillingsbrüder mit verschiedenen Müttern, so wurden Bobby und Wes oft genannt. Mit äußerst verschiedenen Müttern. Denn die beiden Männer waren zwar unzertrennlich, sahen sich aber kein bisschen ähnlich.

Chief Taylor war hochgewachsen und muskulös wie eine Raubkatze. Ganz sicher war Rio sich nicht – dort, wo Bobbys Kopf saß, wurde die Luft bestimmt schon recht dünn –, aber er vermutete, dass der Chief an die zwei Meter groß war. Seine Schultern waren so breit wie die eines Footballspielers, aber er bewegte sich bemerkenswert schnell und elegant. Im Grunde war es fast schon unheimlich, dass solch ein Schrank von einem Mann so geschmeidig war.

Nicht nur hinsichtlich der Körpergröße unterschied er sich von Wes Skelly. Der war eher durchschnittlich groß, etwa so wie Rio, ungefähr 1,78 Meter, und er war ähnlich drahtig gebaut.

In Bobbys Adern floss indianisches Blut, Navajo-Blut. Dieses Erbe zeigte sich in seinem eleganten, scharf geschnittenen Gesicht und seinem dunklen Teint, der in der Sonne einen warmen Ton annahm – nicht vergleichbar mit Rios leicht oliv getönter Sonnenbräune. Außerdem hatte der Chief lange, glatte schwarze Haare, die er zu einem langen Zopf geflochten trug, was ihm eine sehr mystische, sehr geheimnisvolle Aura verlieh.

Wes dagegen hatte irische Vorfahren und rotblonde Haare. Seine blauen Augen funkelten vor koboldhaftem Übermut. Kein Zweifel: Wenn Wes Skelly einen Raum betrat, kam Leben in die Bude. Er war ständig in Bewegung, wie eine Flipperkugel, und wenn er sich nicht bewegte, dann redete er. Er war witzig, rüde und laut, und seine Ungeduld grenzte schon an Taktlosigkeit.

Bobby dagegen war der König der Coolness, die Ruhe in Person. Er konnte vollkommen still dasitzen, ohne sich zu bewegen, und einfach nur zuschauen und zuhören. Das hielt er stundenlang durch, bevor er sich zu irgendetwas äußerte.

Aber so unterschiedlich die beiden auch aussahen und sich benahmen: Sie waren eins im Denken. Sie beendeten sogar die Sätze des anderen und kannten einander so gut, dass der eine immer genau wusste, was dem anderen gerade durch den Kopf ging.

Das war vermutlich auch der Grund, warum Bobby so wenig sagte: Er brauchte es nicht. Wes las seine Gedanken und redete für ihn – und das ohne Unterlass.

Wenn der große Chief allerdings doch mal etwas sagte, dann hörten die Männer zu. Sogar die Offiziere hörten auf ihn.

Rio natürlich erst recht: Er hatte schon früh während seiner SEAL-Ausbildung und lange, bevor er der legendären Alpha Squad von SEAL Team Ten zugeteilt wurde, gelernt, ganz besonders auf das zu achten, was Chief Bobby Taylor so von sich gab.

Bobby hatte zeitweilig als BUD/S-Ausbilder in Coronado gearbeitet und dabei Rio Rosetti, Mike Lee und Thomas King unter seine gewaltigen Fittiche genommen. Das hieß nicht, dass er sie verwöhnt hätte – ganz im Gegenteil. Dadurch, dass er sie zu den Besten einer Klasse hochintelligenter, selbstsicherer und entschlossener Männer erklärte, verlangte er ihnen sehr viel mehr ab als den anderen. Er hatte sie härter angetrieben, keine Entschuldigungen gelten lassen und nie weniger von ihnen erwartet, als dass sie ihr Bestes gaben. Immer und jedes Mal.

Und sie hatten alles getan, um seinen Ansprüchen gerecht zu werden, und sich damit die heiß begehrten Plätze im besten SEAL-Team der Navy erkämpft. Zweifellos unter anderem deshalb, weil auch Captain Joe Catalanotto wusste, dass es sich lohnte, auf Bobby zu hören.

Aber zurück zum Einsatz, der gerade mal sechs Stunden her war: Die Alpha Squad war angefordert worden, um ein Einsatzkommando der FInCOM zu unterstützen. Ein besonders unangenehmer südamerikanischer Drogenboss war mit seiner Luxusyacht so gerade eben außerhalb der US-amerikanischen Hoheitsgewässer vor Anker gegangen. Eine klare Provokation. Die FInCOM konnte – oder wollte – den Bösewicht nicht einfach einkassieren, solange er die unsichtbare Grenze zum amerikanischen Territorium nicht überschritten hatte. Rio wusste nicht, ob es in diesem Fall am Können oder am Wollen haperte, aber das interessierte ihn auch nicht.

Jedenfalls kamen deshalb die SEALs ins Spiel.

Geleitet wurde der Einsatz von Lieutenant Lucky O’Donlon. In erster Linie, weil er einen besonders hinterhältigen Plan ausgebrütet hatte, der Captain Joe Cats Sinn für schwarzen Humor sehr entgegenkam. Der Lieutenant hatte entschieden, dass ein kleiner Trupp SEALs zur Yacht hinausschwimmen sollte – sie hieß übrigens Swiss Chocolate, ein bescheuerter Name für ein Schiff. Die SEALs sollten heimlich an Bord gehen, sich Zutritt zur Brücke verschaffen und sich kreativ mit dem computergesteuerten Navigationssystem auseinandersetzen.

Mit dem Ergebnis, dass der Kapitän der Yacht glauben würde, er steuere nach Süden, während ihr Kurs sie in Wirklichkeit nordwestwärts führte.

Der Bösewicht würde Befehl geben, zurück nach Südamerika zu schippern, und die Yacht würde geradewegs Kurs auf Miami nehmen – hinein in die offenen Arme des US-amerikanischen Einsatzkommandos.

Der Plan war einfach zu schön!

Bobby und Wes waren von Lieutenant O’Donlon damit beauftragt worden, sich heimlich auf die Brücke der Yacht zu schleichen. Und Rio hatte dabei sein sollen.

„Ich wusste verdammt gut, dass sie mich dabei nicht brauchten“, erzählte er Thomas und Mike. „Im Gegenteil. Mir war klar, dass ich sie nur behindern würde.“ Bobby und Wes brauchten keine Worte zu wechseln, ja nicht einmal Handzeichen auszutauschen. Sie schauten einander kaum an, sondern wussten einfach, was der andere dachte. Das Ganze war total unheimlich. Rio hatte Derartiges schon bei Trainingseinsätzen erlebt, aber bei einem echten Einsatz wirkte es noch verrückter.

„Was ist denn nun passiert, Rosetti?“, fragte Thomas King. Der hochgewachsene Afroamerikaner platzte fast vor Ungeduld, ließ sich aber nichts anmerken. Er war ein ausgezeichneter Pokerspieler. Das wusste Rio aus eigener Erfahrung; er hatte den Pokertisch schon mehr als einmal mit leeren Taschen verlassen.

Meistens trug Thomas eine völlig undurchdringliche Miene zur Schau, die Lider halb geschlossen und ohne erkennbare Gefühlsregung. Zusammen mit den Narben in seinem Gesicht – eine zog sich durch die rechte Augenbraue, eine zweite über einen Wangenknochen – verlieh ihm das eine gefährliche Ausstrahlung, um die Rio mit seinem seines Erachtens viel zu durchschnittlichen Gesicht ihn beneidete.

Dass viele die Straßenseite wechselten, wenn sie Thomas auf sich zukommen sahen, hatte jedoch noch einen anderen Grund: seine Augen. Sie waren so tief dunkelbraun, dass sie beinah schwarz wirkten, und sie funkelten vor Scharfsinn und Intelligenz. Thomas war sowohl Mitglied bei Phi-Beta-Kappa, der ältesten und angesehensten studentischen Vereinigung der USA, als auch bei Mensa International, der weltweit größten, ältesten und bekanntesten Gesellschaft für Menschen mit hohem Intelligenzquotienten. Seine Augen verrieten auch, was seine ausdruckslose Miene zu verbergen suchte: Nämlich, dass er immer in höchster Alarmbereitschaft war – bereit, in Sekundenbruchteilen und ohne zu zögern einen tödlichen Angriff zu starten, wenn sich das als nötig erweisen sollte.

Thomas wurde von allen auch Thomas genannt. Nicht Tommy, auch nicht Tom. Kein Mitglied von SEAL Team Ten nannte ihn je anders als Thomas, und alle behandelten ihn mit Respekt. Rio hingegen, der auf einen Spitznamen wie „Panther“ oder „Habicht“ gehofft hatte, wurde „Elvis“ gerufen. Oder noch schlimmer: „Little Elvis“ oder gar „Little E.“.

Dabei war „Elvis“ schon peinlich genug.

„Wir fuhren mit einem Schlauchboot zur Swiss Chocolate raus“, fuhr Rio in seiner Erzählung fort. „Das letzte Stück schwammen wir.“ Die schnelle Fahrt in dem kleinen Schlauchboot durch die nächtliche Dunkelheit auf dem offenen Meer hatte seinen Herzschlag beschleunigt. Das hing natürlich auch damit zusammen, dass er wusste, dass sie an Bord einer bewachten Yacht gehen und auf die Brücke gelangen sollten, ohne dass man sie bemerkte. Ihn beunruhigte aber noch etwas anderes.

Was, wenn er versagte?

Bobby konnte Rios Gedanken offensichtlich genauso gut lesen wie die seines Kumpels Wes Skelly, denn er legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter. Eine beruhigende Geste, bevor sie aus dem Wasser stiegen und sich an Bord der Yacht schlichen.

„Das verdammte Ding war beleuchtet wie ein Weihnachtsbaum, und es wimmelte nur so von Wachen“, fuhr Rio fort. „Sie waren alle gleich gekleidet und trugen diese niedlichen kleinen Uzis. Wahrscheinlich fand ihr Boss es einfach geil, so zu tun, als hätte er eine eigene kleine Armee. Aber das waren keine Soldaten, nicht einmal ansatzweise. Das waren einfach Straßenjungs in teuren Uniformen. Die hatten keinen blassen Schimmer davon, wie man Wache steht oder wonach man Ausschau halten muss. Ich schwöre euch, Jungs, wir sind einfach an denen vorbeimarschiert, und die hatten nicht die leiseste Ahnung, dass wir da waren! Dafür machten sie viel zu viel Lärm und wurden obendrein von der Festbeleuchtung der Yacht geblendet. Das Ganze war lächerlich einfach.“

„Wenn es so lächerlich einfach war“, fragte Mike Lee, „warum liegt Chief Taylor dann im Krankenhaus?“

Rio schüttelte den Kopf. „Dieser Teil der Geschichte war natürlich nicht witzig.“ Irgendwer an Bord der Yacht hatte beschlossen, die Party aufs Deck zu verlagern und ein mitternächtliches Bad im Meer zu nehmen. Also wurden Flutlichter eingeschaltet, um das Wasser zu beleuchten, und dann brach die Hölle los. „Aber bis zu dem Moment, in dem wir das Schiff wieder verlassen wollten, war das Ganze ein Kinderspiel. Ihr wisst doch, was Bobby und Wes können? Ihre telepathische Kommunikation?“

Thomas lächelte. „Oh ja, ich habe schon oft gesehen, wie sie einander anschauen und …“

„Diesmal nicht“, unterbrach Rio seinen Freund. „Ich meine, diesmal schauten sie einander nicht an. Jungs, ich sage euch, das war mehr als nur cool! Da war ein Wachtposten auf der Brücke, klar? Nur einer, sonst niemand. Bis auf ihn war die Brücke leer und dunkel. Kapitän und Mannschaft waren alle unter Deck. Wahrscheinlich dröhnten sie sich die Birne zu, so wie die Partygirls und die Gäste. Jedenfalls entdecken die beiden Chiefs diesen Wachtposten – und setzen ihn einfach so außer Gefecht, ohne dass er uns auch nur bemerkt, geschweige denn einen Laut von sich gibt. Gemeinsam. Das sah aus wie ein jahrelang eingeübter Tanz, aufgeführt in absoluter Perfektion. Ich sage euch, das war allerhöchster Kunstgenuss.“

„Die beiden arbeiten schon sehr lange zusammen“, warf Mike ein.

„Sie haben gemeinsam das BUD/S-Training durchlaufen“, ergänzte Thomas. „Sie waren von Anfang an Schwimmkumpel.“

„Diese Perfektion!“, schwärmte Rio und schüttelte bewundernd den Kopf. „Vollendete Perfektion! Ich nahm den Platz des Wachtpostens ein, für den Fall, dass jemand zur Brücke hochsah. In der Zwischenzeit machte Skelly den mechanischen Kompass unbrauchbar. Und Bobby knackte in etwa vier Sekunden den Navigationscomputer.“

Das war ebenfalls eine der unbegreiflichen Seiten an Bobby Taylor: Trotz seiner gewaltigen Pranken konnte er jede Computertastatur schneller bedienen, als Rio auch nur ansatzweise für möglich gehalten hätte. Außerdem brauchte er die Monitoranzeige nur durchzuscrollen und erfasste dabei blitzschnell alle relevanten Informationen.

„Er brauchte keine drei Minuten, um zu erledigen, was zu erledigen war“, fuhr Rio fort, „und dann waren wir auch schon wieder draußen. Hatten die Brücke verlassen. Lucky und Spaceman waren im Wasser und gaben uns Zeichen, dass die Luft rein war.“ Er schüttelte den Kopf bei dem Gedanken daran, wie nahe sie dran gewesen waren, lautlos und unbemerkt in die Nacht zu entschwinden. „Und dann strömten plötzlich all die süßen Bikinipuppen an Deck und liefen direkt auf uns zu. Wir hatten einfach unglaubliches Pech. Wären wir irgendwo anders auf dem Boot gewesen, hätten die Mädels uns das perfekte Ablenkungsmanöver geliefert. Wir wären völlig unsichtbar geblieben. Ich meine, welcher unerfahrene Wachtposten hält schon Ausschau nach unerwünschten Subjekten, die an Bord herumschleichen, wenn so viele Strandhäschen in String-Bikinis übers Deck hoppeln? Aber irgendwer beschloss, ausgerechnet auf der Steuerbordseite schwimmen zu gehen – genau dort, wo wir uns versteckt hielten. Das Flutlicht ging an, vermutlich nur, damit die Jungs an Bord mehr von den Mädchen im Wasser sehen konnten, aber peng – da waren wir. Im Scheinwerferlicht wie Stars auf dem roten Teppich. Wir konnten uns nirgendwo verstecken und hatten nur eine Möglichkeit, abzuhauen: den Sprung über Bord.“ Rio seufzte.

„Bobby packte mich kurzerhand und warf mich über die Reling“, gab er zu. Er hatte wahrscheinlich zu langsam reagiert und hätte sich jetzt noch am liebsten dafür in den Hintern gebissen. „Was dann passiert ist, habe ich nicht gesehen. Wes erzählte, Bobby hätte sich vor ihn gestellt und ihn vor den Kugeln abgeschirmt, die durch die Luft schwirrten, als sie beide ins Wasser sprangen. Dabei hat Bobby was abbekommen – eine Kugel in die Schulter, eine zweite in die Hüfte. Obwohl er verletzt war, zog er Wes und mich unter Wasser – und damit außer Sicht- und Schussweite.“

Sirenen waren losgegangen. Rio hatte sie auch unter Wasser noch hören können, genauso wie das Geratter der automatischen Waffen der Wachtposten und die entsetzten Schreie der Frauen.

„Und dann setzte sich die Swiss Chocolate in Bewegung“, fuhr er lächelnd fort, „geradewegs Richtung Miami.“

Sie waren aufgetaucht und sahen dem Boot nach. Bobby lachte mit ihnen. Rio und Wes Skelly hatten nicht einmal bemerkt, dass er verwundet war. Nicht bevor Bobby den Mund aufmachte und sie ruhig und trocken wie immer informierte: „Wir sollten uns beeilen, zum Boot zurückzukommen. Ich locke die Haie an.“

„Der Chief blutete stark“, erzählte Rio seinen Freunden. „Es hatte ihn schlimmer erwischt, als ihm selbst klar war.“ Und das Wasser war nicht kalt genug, um die Blutung zu stoppen. „Noch im Wasser banden wir sein Bein ab, so gut es ging. Lucky und Spaceman schwammen voraus, so schnell sie konnten, um das Schlauchboot zu erreichen und zu uns zu bringen.“

Bobby Taylor litt heftige Schmerzen, aber er schwamm langsam und stetig weiter durch die Dunkelheit. Offenbar befürchtete er, das Bewusstsein zu verlieren, wenn er aufhörte, sich zu bewegen, und sich von Wes zurück zum Schlauchboot ziehen ließ. Das wollte er unter keinen Umständen. Die Haie in diesem Seegebiet waren gefährlich, und wenn er bewusstlos geworden wäre, hätte er Rio und Wes möglicherweise noch mehr in Gefahr gebracht.

„Wes und ich schwammen links und rechts neben Bobby her. Wes redete die ganze Zeit – keine Ahnung, wie er das anstellte, ohne literweise Wasser zu schlucken. Er zog Bobby damit auf, dass er den Helden gespielt hatte, machte Witze darüber, dass er sich eine Kugel im Hintern eingefangen hatte, und tat einfach alles, damit Bobby wach blieb.

Erst als Bobby immer langsamer wurde und uns schließlich eingestand, dass er nicht mehr konnte und Hilfe brauchte, hörte Wes auf zu reden. Er nahm Bobby in den Rettungsgriff und zog ab, als sei der Teufel hinter ihm her. Er konzentrierte all seine Energie darauf, uns in Rekordzeit zurück zum Boot zu bringen.“

Rio lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Als wir das Boot schließlich erreichten, hatte Lucky schon per Funk Hilfe angefordert. Kurz darauf kam ein Helikopter, nahm Bobby an Bord und flog ihn ins Krankenhaus.“

Erleichtert wiederholte er, was er Thomas und Mike gleich als Allererstes erzählt hatte, noch bevor sie sich an den Frühstückstisch gesetzt hatten: „Das wird wieder. Bobby hat an der Hüfte zwar geblutet wie ein Schwein, sonst ist es aber halb so wild, und die Kugel in der Schulter ist in der Muskulatur stecken geblieben, ohne einen Knochen anzukratzen. Er wird ein paar Wochen dienstunfähig sein, vielleicht auch einen Monat, aber danach …“ Rio grinste. „Chief Bobby Taylor kommt wieder. Darauf könnt ihr euch verlassen!“

1. KAPITEL

Navy SEAL Chief Bobby Taylor saß in der Tinte. Ganz gewaltig sogar.

„Du musst mir einfach helfen, Mann!“, sagte Wes zu ihm. „Sie ist wild entschlossen, das durchzuziehen. Hat einfach aufgelegt und das Telefon nicht abgenommen, als ich wieder angerufen habe. Ich bin in weniger als zwanzig Minuten unterwegs zu einem Einsatz und könnte ihr nur eine E-Mail schicken. Nur – das kann ich mir auch sparen. Sie liest sie ja doch nicht.“

Sie – das war Colleen Mary Skelly, die kleine Schwester seines besten Freundes. Halt, nein, nicht seine kleine Schwester. Seine jüngere Schwester. Klein war Colleen nicht, schon sehr lange nicht mehr.

Das allerdings schien Wes einfach nicht zu begreifen.

Bobby versuchte es mit vernünftigen Argumenten: „Wenn ich sie anrufe, wird sie ganz bestimmt sofort wieder auflegen.“

„Ich will ja gar nicht, dass du sie anrufst.“ Wes warf seinen Seesack über die Schulter und ließ die Bombe platzen: „Ich will, dass du hinfährst.“

Bobby lachte. Nicht laut. Niemals würde er seinem besten Freund ins Gesicht lachen, wenn der zum überfürsorglichen Bruder mutierte. Aber innerlich lachte er nicht nur. Er krümmte sich auf dem Boden vor Lachen.

Äußerlich zog er nur eine Augenbraue fragend in die Höhe. „Nach Boston?“ Es war nicht wirklich eine Frage.

Wesley Skelly wusste, dass er diesmal sehr viel verlangte, aber er straffte die Schultern und schaute Bobby fest in die Augen. „Ja.“

Dummerweise wusste Wes nicht, wie viel er tatsächlich verlangte.

„Du erwartest von mir, dass ich mir freinehme und nach Boston fliege.“ Es machte Bobby keinen Spaß, seinen Freund so vorzuführen, aber er musste Wes einfach klarmachen, wie absurd sein Wunsch war. „Nur, weil Colleen und du euch wieder mal gestritten habt.“ Das war immer noch keine Frage, sondern eine gelassene Feststellung. Er ließ die Worte einfach nur in der Luft hängen.

„Nein, Bobby!“ Allmählich schlich sich Verzweiflung in Wes’ Stimme. „Du verstehst einfach nicht! Sie hat sich einer ehrenamtlichen Hilfsorganisation angeschlossen, lauter mitleidigen Seelen, die darauf brennen, Gutes zu tun. Und jetzt haben sie und ihre weichherzigen Freunde es sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet nach Tulgeria zu fliegen. Tulgeria, verdammt noch mal!“ Dem folgte ein impulsiver Strom absolut nicht druckreifer Flüche.

Und Bobby begriff endlich, warum Wes mehr als aufgebracht war. Es ging nicht um den hundertneunundneunzigsten lächerlichen Streit. Diesmal war die Sache ernst.

„Sie wollen Hilfe für Erdbebenopfer leisten“, fuhr Wes fort. „Ist das nicht allerliebst? Das ist wirklich großartig, habe ich ihr gesagt. Spiel ruhig Mutter Teresa, spiel Florence Nightingale, sei lieb und nett und hilfsbereit und sozial. Aber halt dich um Himmels willen fern von Tulgeria! Ausgerechnet Tulgeria – das schlimmste Terroristennest überhaupt!“

„Wes …“

„Ich habe versucht freizubekommen“, fuhr der fort. „Ich war gerade beim Captain. Aber da du noch nicht einsatzfähig bist und Harvard mit einer Lebensmittelvergiftung flachliegt, kann er nicht auf mich verzichten.“

„Okay, okay“, nickte Bobby. „Ich nehme den nächsten Flieger nach Boston.“

Wes war bereit, auf den aktuellen Einsatz der Alpha Squad zu verzichten. Dabei war das einer der Einsätze, denen er am meisten entgegenfieberte – bei dem eine Menge Sprengstoff explodieren würde. Und darauf wollte er verzichten, nur um nach Boston zu fliegen. Das bedeutete: Colleen hatte ihn nicht wie schon so oft einfach aufgezogen. Sie meinte es ernst. Sie wollte tatsächlich in einen Teil der Welt reisen, in dem selbst Bobby sich nicht sicher gefühlt hätte. Und er war keine hübsche, vollbusige, langbeinige – sehr langbeinige –, rothaarige und äußerst weibliche Jurastudentin im vierten Semester.

Eine Studentin mit großer Klappe, aufbrausendem Temperament und ausgeprägter Sturheit. Nein – Colleens Nachname war nicht umsonst Skelly.

Bobby fluchte leise. Wenn sie sich die Sache wirklich in den Kopf gesetzt hatte, dann würde es nicht leicht werden, ihr das Vorhaben auszureden.

„Danke, dass du das für mich tust“, sagte Wes. Gerade so, als hätte Bobby Colleen schon erfolgreich aus dem Flieger nach Tulgeria gelotst. „Also dann, ich muss los. Bin schon spät dran.“

Dafür schuldete Wes ihm einen Gefallen, aber das wusste er natürlich. Bobby musste ihm das nicht sagen.

Wes war schon fast aus der Tür, da drehte er sich noch mal um. „Hör mal, wenn du schon nach Boston fliegst …“

Aha, jetzt kam es. Colleen hatte vermutlich einen neuen Freund und … Bobby schüttelte schon den Kopf.

„… überprüf doch gleich mal diesen Rechtsanwalt, mit dem Colleen meiner Meinung nach ausgeht. Machst du das?“

„Nein“, antwortete Bobby.

Aber Wes war schon draußen.

Colleen Skelly saß in der Tinte.

Ganz gewaltig sogar.

Das war einfach nicht fair. Der Himmel war viel zu blau für solche Art von Ärger. Es war Juni, und in der Luft lag ein frischer süßer Duft, wie ihn nur ein Sommertag in Neuengland mit sich brachte.

Aber die Männer, die vor ihr standen, hatten ganz und gar nichts Süßes an sich. Und leider auch nichts, was es nur in Neuengland gab.

Ihr Hass war leider weltweit verbreitet.

Sie lächelte sie nicht an. Sie hatte es schon ein paar Mal mit Lächeln versucht, aber das hatte absolut nichts gebracht.

„Schauen Sie“, sagte sie bemüht vernünftig und gelassen. Gar nicht so einfach, ruhig zu bleiben, wenn man sechs großen kräftigen Männern gegenüberstand. Zehn Paar jugendliche Augen beobachteten die Szene, also riss sie sich zusammen, zügelte ihr Temperament. „Mir ist schon klar, dass Sie es nicht mögen …“

„Von nicht mögen kann überhaupt keine Rede sein“, unterbrach der Wortführer der Männer sie. John Morrison. „Wir wollen und dulden die Aids-Hilfe hier nicht. Wir wollen Sie hier nicht.“ Er schaute zu den Jugendlichen hinüber, die eigentlich dabei waren, Mrs O’Briens Wagen zu waschen, diese Tätigkeit aber unterbrochen hatten, um die Auseinandersetzung mit großen Augen zu verfolgen. „Hey, du da, Sean Sullivan! Weiß dein Vater, dass du dich hier rumtreibst? Mit diesem Hippiemädchen?“

„Macht weiter, Jungs!“, forderte Colleen die Jugendlichen auf und lächelte ihnen aufmunternd zu. Hippiemädchen. Du lieber Himmel! „Mrs O’Brien hat nicht den ganzen Tag Zeit. Und denkt daran, es warten noch ein paar andere. Unser Autowaschteam steht in dem Ruf, gute Arbeit zu leisten – schnell und effektiv. Wir wollen doch nicht wegen so einer kleinen Ablenkung Kunden verlieren.“

Sie wandte sich wieder an John Morrison und seine Gang. Ja, genau das waren sie: eine Gang. Auch wenn sie alle schon Ende dreißig bis Mitte vierzig waren und von einem ehrbaren Geschäftsmann aus der Gegend angeführt wurden. Nun ja – bei genauerer Überlegung war dieses Attribut wahrscheinlich doch nicht ganz zutreffend.

„Ja, Mr Sullivan weiß, wo sein Sohn ist“, erklärte sie ruhig. „Die Jugendgruppe der St. Margaret’s Junior High School hilft dabei, Geld für den Erdbeben-Hilfsfonds für Tulgeria zu beschaffen. Alles, was sie mit der Wagenwäsche verdienen, wird dazu verwendet, Menschen zu helfen, die ihr Zuhause und beinah all ihr Hab und Gut verloren haben. Selbst Sie dürften damit doch kein Problem haben.“

Morrison reagierte gereizt.

Und Colleen ärgerte sich über sich selbst. Allen Bemühungen zum Trotz war es ihr nicht gelungen, ihre Abneigung und ihre Wut auf diese Neandertaler zu verbergen.

„Warum verschwinden Sie nicht einfach wieder dorthin, woher Sie gekommen sind?“, forderte Morrison sie grob auf. „Verpissen Sie sich aus unserer Nachbarschaft! Und stecken Sie sich all Ihre großherzigen liberalen Vorstellungen in den …“

Niemand durfte so vor ihrer Jugendgruppe reden! Nicht, solange sie die Verantwortung trug. „Weg hier!“, fuhr sie Morrison über den Mund. „Machen Sie, dass Sie fortkommen! Sie sollten sich schämen! Verschwinden Sie von diesem Grundstück, oder ich wasche Ihnen Ihren Mund mit Seife aus und stelle Ihnen die Seife in Rechnung!“

Mist! Jetzt hatte sie einen großen Fehler gemacht. Sie hatte mit Gewalt gedroht – obwohl sie das gegenüber dieser Gruppe unbedingt vermeiden musste.

Es stimmte zwar: Sie war eins achtzig groß und einigermaßen solide gebaut, aber sie war kein Navy SEAL wie ihr Bruder und sein bester Freund Bobby Taylor. Im Gegensatz zu ihnen konnte sie es nicht mit allen sechs Männern zugleich aufnehmen, wenn die Typen Ernst machen sollten.

Erschreckenderweise hatten in dieser Gegend eine ganze Reihe von Männern überhaupt keine Hemmungen, eine Frau zu schlagen – egal, wie groß oder klein sie war. Und sie hegte den Verdacht, dass John Morrison zu exakt dieser Sorte von Männern gehörte.

Sie sah es in seinen Augen: Am liebsten hätte er ihr hart ins Gesicht geschlagen.

Normalerweise mochte sie es nicht, wenn ihr Bruder sich in ihre Angelegenheiten einmischte. Aber in diesem Moment wünschte sie sich ehrlich, Bobby und er wären hier und an ihrer Seite.

Seit Jahren kämpfte sie um ihre Unabhängigkeit, aber darum ging es in dieser Situation nun wirklich nicht. Jetzt aber musste sie sich allein behaupten. Sie wünschte nur, sie hätte etwas Besseres zur Hand als einen großen Schwamm … Gleichzeitig war sie froh darüber; sie war so wütend, dass sie am liebsten den Wasserschlauch genommen und die Männer damit nass gespritzt hätte, als wären sie eine Meute tollwütiger Hunde. Aber damit hätte sie alles nur noch schlimmer gemacht.

Es waren Kinder zugegen, und sie durfte nicht riskieren, dass Sean, Harry oder Melissa versuchten, ihr zu Hilfe zu kommen. Denn genau das würden sie tun, und diese Kinder konnten richtig wild werden.

Aber das konnte sie auch. Und sie würde nicht zulassen, dass den Kindern etwas geschah. Sie würde tun, was immer zu tun war, selbst wenn das bedeutete, erneut zu versuchen, sich mit diesen Dreckskerlen zu arrangieren.

„Tut mir leid, dass ich die Beherrschung verloren habe. Shantel“, rief sie einem der Mädchen zu, ohne den Blick von Morrison und seinen Schlägern zu wenden, „geh in die Küche und frag, wo Pater Timothy mit der Limonade bleibt. Er möchte bitte sechs weitere Pappbecher für Mr Morrison und seine Freunde mitbringen. Ich glaube, wir können alle ein wenig Abkühlung vertragen.“

Vielleicht wirkte das ja. Bring sie mit Freundlichkeit um, und ertränke sie mit Limonade …

Die Zwölfjährige lief rasch hinüber zur Kirchentür.

„Wie wäre das, Jungs?“ Colleen zwang sich zu einem Lächeln und betete still, dass ihre Strategie wenigstens diesmal wirkte. „Limonade?“

Morrison verzog keine Miene. Sicher würde er gleich noch näher kommen und ihr sagen, sie solle sich ihre Limonade sonst wohin stecken und es nur versuchen, ihm den Mund mit Seife auszuwaschen. Dann würde er sie als Lesbe bezeichnen – lächerlicherweise und nur, weil sie ohne Honorar für die Aids-Hilfe arbeitete, die verzweifelt versuchte, sich in diesem engstirnigen und doch so bedürftigen Viertel zu etablieren. Und dann würde er ihr „großzügig“ anbieten, sie mit einer unvergesslichen Viertelstunde in der nächsten dunklen Seitenstraße von dieser Verirrung zu kurieren.

Beinahe wäre es witzig gewesen. Beinahe. Denn leider meinte Morrison es absolut ernst. Er hatte ihr gegenüber schon mehrfach ähnliche Drohungen ausgestoßen.

Aber jetzt sagte er überraschenderweise kein einziges Wort. Er musterte die hinter ihr stehenden Zwölf- bis Vierzehnjährigen lange und finster, wandte sich dann abrupt ab und murmelte irgendetwas Unaussprechliches in seinen Bart.

Verblüffend. Seine Schläger und er zogen ab. Einfach so.

Colleen starrte ihnen nach und lachte leise und ungläubig in sich hinein.

Sie hatte es geschafft. Sie hatte sich nicht unterkriegen lassen, und Morrison hatte einen Rückzieher gemacht, ohne dass die Polizei oder der Gemeindepfarrer eingriffen. Wobei Pater Timothy mit seinen hundertzwanzig Kilo Lebendgewicht keine echte Hilfe gewesen wäre, sondern ein potenzielles Herzinfarkt-Opfer. Sein Nutzen in einem Faustkampf wäre jedenfalls äußerst beschränkt.

Hinter ihr war es seltsam still. Kein Wasserplätschern, nichts. Sie drehte sich um: „Okay, Leute, das war’s. An die …“

Colleen ließ den Schwamm fallen.

Bobby Taylor. Da stand Bobby Taylor. Genau hinter ihr auf dem Parkplatz von St. Margaret. Irgendwie war der beste Freund ihres Bruders wie aus dem Nichts hier aufgetaucht, als hätte eine gute Fee Colleens dringlichsten Wunsch erfüllt.

Er trug ein Hawaiihemd und Cargo-Shorts und hatte die Haltung eines Superhelden eingenommen: die Beine leicht gespreizt, die muskulösen Arme vor dem mächtigen Brustkorb verschränkt. Seine Augen blickten hart und kalt aus einem versteinerten Gesicht. Mit sichtbarem Zorn schaute er John Morrison und seiner Gang nach. Sein Gesichtsausdruck war einstudiert, eine leichte Abwandlung seines „Kriegs-Gesichts“.

Colleen hatte sich mehr als einmal fast totgelacht, wenn er und Wes bei ihren nur allzu seltenen Besuchen zu Hause vor dem Badezimmerspiegel ihre „Kriegs-Gesichter“ übten. Sie hatte das immer für albern gehalten. Welche Rolle spielte schon ihr Gesichtsausdruck, wenn sie sich für einen Kampf wappneten? Bis jetzt. Jetzt sah sie, dass der finstere Ausdruck auf Bobbys sonst so freundlichem und attraktiven Gesicht überraschend wirkungsvoll war. Er ließ ihn unnachgiebig, zäh und sogar fies erscheinen – gerade so, als könnte er seinen Spaß daran haben, John Morrison und seine Freunde in Stücke zu reißen.

Aber dann schaute er sie an und lächelte – und Wärme erstrahlte in seinen dunkelbraunen Augen.

Er hatte die schönsten Augen der Welt.

„Hey, Colleen!“, begrüßte er sie typisch gelassen und unbekümmert. „Wie geht’s?“

Er streckte ihr seine Arme entgegen, und wie der Blitz rannte sie zu ihm und fiel ihm in die Arme. Er roch schwach nach Zigarettenrauch – das hatte er zweifellos ihrem Bruder zu verdanken, Mr Ich-rauche-nur-noch-eine-bevor-ich-aufhöre – und nach Kaffee. Er war warm, riesig, beruhigend stabil und außerdem einer der ganz wenigen Männer der Welt, neben denen sie sich zwar nicht winzig fühlte, aber doch ziemlich klein.

Sie hätte sich nicht nur wünschen sollen, dass er hier auftauchte, sondern deutlich mehr. Zum Beispiel, dass er mit einem Millionen-Dollar-Lotteriegewinn in der Tasche auftauchte. Oder – noch besser – mit einem Diamantring und dem Versprechen ewiger Liebe und Treue.

Oh ja, seit nahezu zehn Jahren war sie unsterblich in diesen Mann verliebt. Und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er sie einmal ganz fest in die Arme nahm und küsste, bis ihr die Sinne schwanden, statt ihr brüderlich die Haare zu zerzausen und sie wieder loszulassen.

Seit ein paar Jahren malte sie sich aus, dass sie ihm gefiel. Und ein oder zwei Mal hätte sie sogar schwören können, heißes Begehren in seinen Augen aufblitzen zu sehen – aber nur dann, wenn er sich von ihr und Wes unbeobachtet glaubte.

Bobby fühlte sich von ihr angezogen. Nun ja, zumindest wünschte sie sich das. Aber selbst wenn es stimmen sollte, würde er seinem Verlangen niemals nachgeben. Nicht, solange Wes jeden seiner Schritte beobachtete.

Colleen drückte ihn fest an sich. Sie hatte bei jedem seiner Besuche nur zwei Chancen, ihm so nahe zu kommen: bei der Begrüßung und beim Abschied. Und sie ließ sich diese Gelegenheiten nie entgehen.

Aber diesmal zuckte er leicht zusammen. „Vorsicht.“

Oh Gott, er war verletzt! Sie ließ ihn los, um ihm ins Gesicht zu schauen. Er war so groß, dass sie den Kopf dafür tatsächlich in den Nacken legen musste.

„Ich habe ein bisschen was abbekommen“, erklärte er, ließ sie los und rückte ein Stück von ihr ab. „Schulter und Hüfte. Nichts Ernstes – du hast nur einfach die wunden Punkte erwischt.“

„Tut mir leid.“

Er zuckte die Achseln. „Macht doch nichts. Ich brauche nur etwas Ruhe, um wieder fit zu werden.“

„Was ist passiert? Oder darfst du mir das nicht sagen?“

Er schüttelte den Kopf und lächelte entschuldigend. Verdammt, er sah so unglaublich gut aus! Und dieses Lächeln! Wie er wohl aussah, wenn er seine Haare offen trug statt einen Zopf? Obwohl … Heute, stellte sie überrascht fest, hatte er sein Haar gar nicht geflochten, sondern trug einen schlichten Pferdeschwanz.

Immer, wenn sie ihn sah, rechnete sie damit, dass er sich die Haare hatte kurz schneiden lassen. Tatsächlich aber waren sie jedes Mal noch ein bisschen länger als beim letzten Treffen.

Bei ihrer ersten Begegnung, als er und Wes zu SEALs ausgebildet wurden, hatte er die Haare militärisch kurz getragen.

Colleen wandte sich an die Kinder, die immer noch schweigend dastanden und schauten. „Los, los, Kids, alle wieder an die Arbeit!“

„Alles in Ordnung?“ Bobby trat wieder näher an sie heran, um nicht nass gespritzt zu werden. „Was wollten die Kerle von dir?“

„Deshalb sind sie abgehauen! Deinetwegen!“ Schlagartig wurde Colleen klar, was wirklich geschehen war – und obwohl sie sich noch vor wenigen Minuten nichts sehnlicher gewünscht hätte, als dass Wes und Bobby auftauchten, machten sich jetzt Wut und Frustration in ihr breit. Verdammt noch mal! Sie hätte sich gewünscht, Morrison hätte ihretwegen einen Rückzieher gemacht. Sie konnte schließlich nicht ständig einen Navy SEAL als Aufpasser an ihrer Seite haben.

„Was war los, Colleen?“, hakte Bobby nach.

„Nichts“, gab sie kurz zurück.

Er nickte und musterte sie eindringlich. „Das sah mir nicht nach nichts aus.“

„Nichts, das dich etwas anginge“, entgegnete sie. „Ich arbeite hier pro bono für die Aids-Hilfe, und das gefällt nicht jedem. So ist das nun mal. Wo steckt Wes? Sucht er noch nach einem Parkplatz?“

„Eigentlich ist er …“

„Ich weiß, warum ihr hier seid! Ihr wollt mir die Reise nach Tulgeria ausreden. Wes will es mir vermutlich sogar verbieten. Ha! Als ob er das könnte.“ Sie hob ihren Schwamm auf und spülte ihn in einem Wassereimer aus. „Ich werde nicht auf euch hören, nicht auf ihn und nicht auf dich. Spart euch also euren Atem, kehrt um und fahrt zurück nach Kalifornien. Ich bin keine fünfzehn mehr, falls euch das noch nicht aufgefallen sein sollte.“

„Hey! Mir ist das durchaus aufgefallen“, sagte Bobby. Er lächelte. „Aber Wes muss noch daran arbeiten.“

„Mein Wohnzimmer steht voller Pakete“, fuhr Colleen fort. „Spendenpakete mit Nahrungsmitteln und Kleidung. Ich habe keinen Platz für euch, Jungs. Ich meine, ihr könnt natürlich eure Schlafsäcke in meinem Schlafzimmer auf dem Fußboden ausbreiten, aber ich schwöre bei Gott: Wenn Wes schnarcht, werf ich ihn auf die Straße!“

„Nein, nein“, sagte Bobby. „Das geht schon in Ordnung. Ich habe ein Hotelzimmer. Diese Woche habe ich sozusagen Urlaub und …“

„Wo bleibt Wes denn?“, fiel sie ihm ins Wort, schirmte mit der Hand ihre Augen gegen die Sonne ab und schaute die belebte Straße hinunter. „Parkt er den Wagen in Kuwait?“

„Ähm …“, Bobby räusperte sich. „Ja.“

Sie sah ihn verdutzt an.

„Wes ist bei einem Einsatz“, erläuterte er. „Zwar nicht gerade in Kuwait, aber …“

„Er hat dich gebeten, nach Boston zu fliegen!“ Endlich hatte sie verstanden. „An seiner Stelle. Er hat dich gebeten, den großen Bruder zu spielen und mir Tulgeria auszureden, richtig? Ich glaub das einfach nicht. Und du spielst da mit? Du … du Mistkerl!“

„Colleen, beruhig dich! Er ist mein bester Freund. Und er macht sich Sorgen um dich.“

„Ach ja? Glaubst du, ich mache mir keine Sorgen um ihn? Oder um dich?“, fauchte sie zurück. „Komme ich deswegen etwa extra nach Kalifornien, um euch davon zu überzeugen, nicht länger euer Leben zu riskieren? Habe ich jemals gesagt, dass ihr euch eine andere Arbeit suchen sollt? Nein! Willst du wissen, warum? Weil ich euch respektiere. Weil ich eure Entscheidungen und eure Lebensweise respektiere.“

Pater Timothy und Shantel kamen aus der Kirchenküche. Sie trugen einen Riesenkrug mit Limonade und einen Stapel Pappbecher.

„Alles in Ordnung?“, fragte der Pater und musterte Bobby argwöhnisch.

Bobby streckte ihm seine Hand entgegen. „Ich bin Bobby Taylor, ein Freund von Colleen“, stellte er sich vor.

„Ein Freund meines Bruders“, korrigierte sie, während die beiden Männer sich die Hände schüttelten. „Er ist als Ersatzbruder hier. Pater, halten Sie sich die Ohren zu! Ich bin gerade dabei, ihm gegenüber extrem unhöflich zu werden.“

Timothy lachte. „Verstehe. Ich schau dann mal, ob die Kinder Limonade wollen.“

„Geh weg!“, wandte Colleen sich wieder an Bobby. „Flieg zurück nach Hause! Ich will keinen zweiten großen Bruder. Ich brauche keinen. Ich habe schon einen, und das ist mehr als ausreichend.“

Bobby schüttelte den Kopf. „Wes hat mich gebeten …“

Zum Teufel mit Wes! „Er hat dich bestimmt auch gebeten, meine Unterwäscheschublade zu durchwühlen“, fiel sie ihm ins Wort und senkte die Stimme. „Ich bin mir allerdings nicht sicher, was du ihm erzählen willst, wenn du meine Sammlung Peitschen und Ketten findest.“

Bobby sah sie mit undeutbarer Miene an.

Und während Colleen seinen Blick erwiderte, verlor sie für einen Moment den Boden unter den Füßen, versank in der unendlichen Dunkelheit seiner Augen.

Er schaute weg, ganz offensichtlich peinlich berührt. Und plötzlich wurde ihr schlagartig klar, dass ihr Bruder nicht da war.

Wes ist nicht da.

Bobby war ohne Wes in der Stadt. Und wenn sie ihre Schachzüge gut plante, konnten sich ohne Wes die Regeln des Spiels ändern, das sie seit einem Jahrzehnt spielten. Dramatisch ändern.

Großer Gott!

Sie räusperte sich. „Nun bist du schon mal hier, also … lass uns das Beste daraus machen. Wann geht dein Rückflug?“

Er lächelte kläglich. „Ich dachte, ich würde die ganze Woche brauchen, um dir die Sache auszureden.“

Die ganze Woche! Er blieb eine ganze Woche! Danke, lieber Gott, danke! „Du wirst mir nichts ausreden, aber bewahre ruhig die Hoffnung, wenn dir das hilft“, antwortete sie.

„Werde ich.“ Er lachte. „Es ist so schön, dich zu sehen, Colleen.“

„Es ist auch schön, dich zu sehen. Hmm, da du allein bist, reicht der Platz in meiner Wohnung vermutlich …“

Er lachte noch einmal. „Danke, aber ich halte das für keine gute Idee.“

„Warum willst du dein Geld für ein Hotelzimmer rausschmeißen?“, fragte sie. „Schließlich bist du praktisch mein Bruder.“

„Nein“, widersprach Bobby mit Nachdruck. „Das bin ich nicht.“

Irgendetwas an seinem Ton machte sie mutig und kühn. Colleen schaute ihn auf eine Weise an, wie sie es nie zuvor gewagt hatte. Sie ließ ihren Blick an seiner breiten Brust hinabwandern, bewunderte die straffen Muskeln, die schlanke Taille und die schmalen Hüften. Ihr Blick wanderte weiter abwärts an seinen Beinen entlang und dann langsam wieder nach oben. Einen Moment lang ließ sie ihn auf seinem Mund ruhen, auf seinen vollen, sanft geschwungenen Lippen, bevor sie ihm wieder in die Augen schaute.

Mit dieser unverfrorenen Musterung hatte sie ihm einen Schock versetzt. Gut so. Ganz gemäß dem Familienmotto der Skellys: Jeder braucht ab und zu einen anständigen Schock.

Sie schenkte ihm ein entschieden ganz und gar nicht schwesterliches Lächeln. „Freut mich, dass wir das klargestellt haben. Wurde aber auch Zeit, nicht wahr?“

Er lachte, ganz offensichtlich nervös. „Ähm …“

„Schnapp dir einen Schwamm!“, forderte sie ihn auf. „Wir müssen noch ein paar Autos waschen.“

2. KAPITEL

Wes würde ihn umbringen, wenn er jemals dahinterkam!

Kein Zweifel.

Wenn Wes auch nur die Hälfte der Gedanken erriet, die Bobby bezüglich seiner Schwester Colleen durch den Kopf gingen, dann war er ein toter Mann.

Gott sei seiner Seele gnädig, war diese Frau heiß! Außerdem war sie witzig und klug. Klug genug, um zu erkennen, wie sie es ihm am besten heimzahlen konnte, dass er als Sprachrohr ihres Bruders hier aufgekreuzt war.

Wenn ihr Reiseziel ein anderes gewesen wäre als ausgerechnet Tulgeria, hätte Bobby auf der Stelle kehrtgemacht. Er wäre zum Flughafen gefahren und hätte den nächsten Flieger genommen, der ihn aus Boston fortbrachte.

Denn es stimmte natürlich: Er und Wes hatten nicht das Recht, Colleen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen hatte. Sie war dreiundzwanzig und damit alt genug, ihre Entscheidungen selbst zu treffen.

Dagegen stand, dass sowohl Bobby als auch Wes bereits in Tulgeria gewesen waren, Colleen hingegen nicht. Sicher hatte sie Geschichten über die vielen verschiedenen Terrororganisationen gehört, die das bettelarme Land mit Kriegen überzogen. Aber sie kannte nicht die Geschichten, die Bobby und Wes ihr hätten erzählen können. Sie wusste nicht, was sie mit eigenen Augen gesehen hatten.

Zumindest noch nicht.

Aber sie würde es wissen, bevor die Woche um war.

Außerdem würde er die Gelegenheit nutzen, um herauszufinden, worum es bei ihrer Auseinandersetzung mit dem örtlichen Ku-Klux-Klan wirklich ging.

Offenbar war Colleen in dieser Hinsicht genau wie ihr Bruder: Sie zog Ärger förmlich an. Und wenn das ausnahmsweise mal nicht von allein geschah, dann half sie eben nach.

Für den Moment allerdings musste Bobby sich dringend erst einmal neu formieren. Das hieß, zurück ins Hotel fahren und eiskalt duschen. Dann musste er sich in seinem Zimmer einschließen, weit weg von Colleen.

Irgendwie hatte er sich verraten. Irgendwie hatte sie durchschaut, dass brüderliche Zuneigung das Letzte war, was ihm in den Sinn kam, wenn er sie anschaute.

Er hörte sie lachen.

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