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Tanz der Engel

Impressum

ISBN 978-3-8412-0573-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung eines Motivs von © Hans Doddema/

iStockphoto und Trevillion Images/Susan Fox

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH,

www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Kapitel 1: Raffael

Kapitel 2: Umschwärmt

Kapitel 3: Höhenflüge

Kapitel 4: Verfluchte Engel

Kapitel 5: Verbotene Pfade

Kapitel 6: Dämonenstaub

Kapitel 7: Von Engeln und Dämonen

Kapitel 8: Meisterhafte Lügnerin

Kapitel 9: Schutzmauern

Kapitel 10: Gefährliche Träume

Kapitel 11: Festgeklettet

Kapitel 12: Hände-Ringen

Kapitel 13: Beherrschung

Kapitel 14: Meinungsverschiedenheiten

Kapitel 15: Schattenseiten

Kapitel 16: Drill Instructor

Kapitel 17: Geprüft

Kapitel 18: Dämonenduft

Kapitel 19: Verplant

Kapitel 20: Ausgetrickst

Kapitel 21: Freund oder Feind

Kapitel 22: Weihnachtsflucht

Kapitel 23: Tanz mit dem Feuer

Kapitel 24: Gefallen

Kapitel 25: Engelsleuchten

Kapitel 26: Beobachtet

Kapitel 27: Der Rat der Engel

Kapitel 28: Maskiert

Kapitel 29: Verschlungen

Kapitel 30: Untergetaucht

Kapitel 31: Versteckspiel

Kapitel 32: Engel in Gold

Kapitel 33: Geschöpfe der Dunkelheit

Kapitel 34: Im Kreis der Engel

Leseprobe: Fluch der Engel

Danksagung

Engel & Dämonen: Stammbaum

Wenn du wissen willst,

wer du bist,

dann schau nicht in den Spiegel ,

sondern sieh in dein Herz –

oder in die Augen desjenigen ,

der dich liebt.

Für unsere Jungs

Kapitel 1
Raffael

Marisa stupste mich mit dem Ellbogen in die Seite, als wir gemeinsam zum Schultrakt liefen. »Schau mal«, kicherte sie. »Sie frisst ihn noch auf, wenn er nicht aufpasst.«

Ich strich eine verirrte Strähne meiner langen, dunklen Haare aus dem Gesicht und spähte zu dem verwitterten Holzsteg hinüber, der in den von blaugrauen Wolken überschatteten See ragte. Eng umschlungen standen dort die kurvenreiche Hannah und der adonisgleiche Raffael und knutschten, als gäbe es kein Morgen mehr.

»Das wäre wahrscheinlich die beste Lösung«, erwiderte ich trocken.

»Aber hallo! Ist da etwa jemand eifersüchtig?«

»Quatsch! Hast du vergessen, dass ich Juliane und Raffael zusammengebracht hab?«

»Nein, das habe ich nicht.« Marisas wasserblaue Augen gefroren zu Eis, während sie das turtelnde Paar beobachtete. »Aber seitdem er Juliane durch Hannah ersetzt hat, überfällt mich jedes Mal ein mieses Gefühl, wenn ich sehe, wie er eines von uns Mädchen anschaut – selbst wenn es nur Hannah ist. Als würde er einen Verführungszauber anwenden.«

»Das wäre ja ein toller Trick.« Ich bemühte mich, ein glaubwürdiges Lachen zustande zu bringen und zwang meine Mundwinkel, oben zu bleiben – schließlich war ich diejenige, die auf seine Spielchen hereingefallen war. »Mich kann er mit seinen schwarzen Glutaugen jedenfalls nicht mehr becircen. Und Hannah ist alles andere als ein hilfloses Häschen.«

»Da hast du recht. Trotzdem fände ich es völlig okay, wenn sie ihm bald den Laufpass geben würde.«

Ich warf Marisa einen verstohlenen Blick zu. Der berechnende Unterton in ihrer Stimme gefiel mir nicht. Andererseits konnte ich mit ihr, als meiner Verbündeten, einfacher herausfinden, warum Raffael noch immer den smarten Schüler spielte. Er hatte mich an Sanctifer verraten und damit nicht nur mein, sondern auch Christophers Leben aufs Spiel gesetzt. Und freiwillig besuchte er das äußerst romantisch an einem einsamen See gelegene Märchenschlossinternat, auf dem ich seit vier Monaten zur Schule ging, bestimmt nicht.

Als ich erfuhr, dass Raffael ein von Sanctifer geschickter Flüsterer war, hatte ich behauptet, dass ich meinen Einfluss bei den Engeln geltend machen würde, falls er sich noch einmal an Juliane vergreifen sollte. Und obwohl es im Grunde nur eine leere Drohung war, ließ er sich davon einschüchtern. Aber anstatt von der Bildfläche zu verschwinden, hatte er Hannah aufgerissen – was nicht sonderlich schwer war, da sie schon lange auf ihn stand. Mich jedoch brachte das in eine Zwickmühle: Niemand verdiente so jemanden wie Raffael – auch wenn er mit seiner pechschwarz gewellten Mähne und seinem athletischen Körper zum Anbeißen aussah. Nicht einmal Hannah, die Internatsoberzicke! Sie zu überzeugen, Raffael lieber zur Hölle zu schicken, als sich von ihm anhimmeln zu lassen, würde alles andere als einfach werden.

»Und wenn wir der Grund wären, warum Hannah mit ihm Schluss macht, und Raffael dabei einen Denkzettel verpassen, würde ihm das wohl kaum schaden«, erklärte Marisa mit einem zufriedenen Grinsen. »Sicher wäre er dann nicht mehr so überzeugt davon, die Unwiderstehlichkeit in Person zu sein.«

»Schon möglich«, erwiderte ich halbherzig. Marisa in meine Pläne einzuweihen, das war etwas anderes, als sie mit hineinzuziehen.

»Ich hatte gehofft, dass du das auch so siehst!« Marisa lächelte hinterhältig, doch ich bemerkte es erst jetzt: Sie manipulierte mich! »Max und Florian haben sich was ausgedacht«, bestätigte sie meine Vermutung. »Ich erzähl’s dir später.«

Mein Magen verknotete sich. Seit wann agierte Marisa so intrigant? War sie auf diese Idee gekommen, oder hatte jemand sie dazu überredet? Ein zweiter, von einem Engel geschickter Flüsterer, der wie Raffael – dank ein wenig Engelsmagie – andere überzeugen konnte, etwas zu tun, das sie im Grunde gar nicht wollten?! Oder war es Raffael selbst, der meine Freunde beeinflusste? Nur mit welchem Ziel?

Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken. Sanctifers Plan, durch mich an Christopher heranzukommen, war beinahe aufgegangen. Und möglicherweise wusste er, dass sein einstiger Schüler schon bald in meiner Nähe auftauchen würde. Christopher hatte mir versprochen, eine Möglichkeit zu finden, wie wir beisammen sein konnten. Und obwohl mein Geduldsfaden fast aufgebraucht war, vertraute ich ihm. Christophers Zeitgefühl tickte langsamer als meines.

Es war sonderbar, Florian auf Hannah zugehen zu sehen, als sie – allein – die Aula betrat. Aber dass er sich auch noch mit ihr unterhielt und ab und zu in schallendes Gelächter ausbrach, war wirklich unglaublich. Bislang hatte er immer behauptet, Hannah Platinblond läge weit unter seinem Niveau. Anscheinend war seines rapide gesunken oder ihres sprunghaft angestiegen. Wie Raffael wohl reagieren würde, wenn er die beiden entdeckte? Ich behielt sowohl die Eingangstür als auch Florian im Auge.

Wie jeden Vormittag hatten wir Schulversammlung, und Frau Germann, unsere immer korrekt in Kostüm und Bluse gekleidete Rektorin, versuchte gerade unsere Lernmotivation für die letzte Etappe vor den Sommerferien anzukurbeln. Wie meistens standen die älteren Schüler weiter hinten und unterhielten sich, während die Jüngeren, die diese Anfeuerungsparolen noch nicht so oft gehört hatten, halbwegs aufpassten.

»Was hat Florian denn vor?«, flüsterte ich Marisa zu. »Gräbt er Hannah etwa freiwillig an, oder gehört das zum Plan? Und wie habt ihr Raffael aufgehalten? Hat Max ihn k. o. geschlagen?«

»Sei leise! Juliane weiß nichts davon.« Marisa hielt sich die Hand vor den Mund, um ihr Kichern zu verbergen. Sicher konnte auch sie sich nur schwer vorstellen, wie der kleine, gutmütige Max den großen Raffael niederschlug.

»Wovon weiß ich nichts?«, mischte sich Juliane ein, die ihren Namen aufgeschnappt hatte.

»Dass Florian seit neuestem auf Hannah steht«, erklärte ich sarkastisch.

»Was?! Das ist nicht dein Ernst!«

»Na, dann schau mal nach rechts, wenn du mir nicht glaubst.«

Julianes hellgraue Augen begannen zu strahlen, als sie Hannah entdeckte, die tatsächlich mit Florian flirtete – sie schöpfte wohl Hoffnung, Raffael könnte bald zu Hannahs Vergangenheit gehören.

»Aber ich glaube, seine Chancen, bei ihr zu landen, sind gleich null. Raffael sieht einfach zu gut aus«, bremste ich ihren Enthusiasmus.

Julianes Gesicht versteinerte. »Florian ist gar nicht so übel. Er hat zwar nur braune Haare und keine so außergewöhnlich schwarzen Locken wie Raffael, dafür sind seine Augen blau.«

»Und er ist schmächtiger.«

»Breit genug!«, zischte Juliane zurück, während sich auf ihrem blassen, von aschblonden Haaren umrahmten Gesicht rote Flecken bildeten.

»Na, das hätte dir auch früher auffallen können. Wie’s aussieht, wechselt Florian gerade ins feindliche Lager. Und er wäre nicht der Erste, der …« Marisas Stoß in meinen Rücken brachte mich zur Besinnung, bevor ich dir abhandenkommt hinzufügen konnte und stattdessen ein »sicher äußerst überrascht von deiner Meinung wäre« hervorbrachte.

Die Wolkendecke riss auf. Mein Herz begann zu rasen, als ein Lichtstrahl durch die Glaskuppel der Aula fiel und genau die Stelle erhellte, an der ich stand. Ich schloss die Augen und spürte, wie sich Wärme in mir ausbreitete. War es möglich, im Schatten zu bleiben, wenn sich das Licht so unglaublich gut anfühlte? Die Wolken siegten, ehe ich mich in der Erinnerung an Christopher verlor – und das belebende Gefühl in meinem Körper verschwand.

»Hast du das gesehen? Sie hat ihm ihre Hand auf die Schulter gelegt und ihm etwas ins Ohr geflüstert!«

Es dauerte einen Moment, bis ich zu Marisa zurückfand und antworten konnte. »Vielleicht hat sie Raffael doch aufgefressen, und Florian ist ihr nächstes Opfer«, spöttelte ich. Allerdings war mir nicht ganz wohl bei der Sache. Schließlich hatte ich bei meinem Ausflug in Christophers Welt nicht nur Engel, sondern auch andere dämonische Kreaturen kennengelernt. Warum sollte es nicht ein Wesen geben, das seine Liebhaber verschlang? Und Hannah, mit ihrem platinblonden Schopf und ihren üppigen Kurven, war wie dafür geschaffen, Jungs ins Verderben zu locken.

»Übrigens, als Nächstes sind wir dran«, flüsterte Marisa mir zu. »Und wag ja nicht, zu kneifen! Auch Florian musste in den sauren Apfel beißen.«

Ich platzte fast vor Ungeduld, mehr von Marisa zu erfahren – um es ihr auszureden. Meine Freunde wussten schließlich nicht, wen sie sich da zum Feind machten. Doch Marisa ließ mich zappeln, was ihre Pläne betraf. Und Raffael blieb auch den Rest des Tages verschwunden, so dass ich mir – trotz allem, was er getan hatte – tatsächlich Sorgen um ihn machte. Vielleicht war ihm wirklich etwas zugestoßen, oder – noch schlimmer – Sanctifer hatte ihn zu sich befohlen.

Erst nach dem Abendessen gab Marisa meinen bohrenden Fragen nach und schleppte mich auf mein Zimmer. Dank Hannah durfte ich in einem Einzelzimmer wohnen, in dem weißen, mit Stuck und Marmor verzierten Schloss am See. Das war mit Abstand das Beste, was Hannah – natürlich unbeabsichtigt – je vollbracht hatte.

»Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach werden würde, aber anscheinend steht Hannah auf alles, was zwei Beine hat und sich täglich den Bart abrasiert«, begann Marisa und räkelte sich genüsslich in den zahlreichen Kissen auf meinem Fast-Himmelbett, auf das die letzten Sonnenstrahlen durch das darüberliegende Dachfenster fielen.

»Was genau meinst du?! Komm endlich zur Sache!«

»He, beruhig dich, und setz dich erst mal hin.«

Marisa klopfte auffordernd neben sich auf die meerblaue Tagesdecke, doch ich beschloss, lieber ein wenig Abstand von ihr zu halten, und ließ mich auf dem flauschigen blauen Teppich nieder, mit dem mein Zimmer ausgelegt war.

Während Marisa von Florians geglücktem Annäherungsversuch berichtete, malte ich mit meinen Fingern Linien und Kreise in den Flor, um mich zu beruhigen. Das Ganze gefiel mir immer weniger.

»Und nun zu deiner Rolle.« Marisa sah mich verschwörerisch an. »Du hilfst mir, Raffael zu betören.«

»Auf keinen Fall!« Ohne dass ich es wollte, ballten sich meine Hände zu Fäusten und rupften dabei ein paar Fäden aus dem Teppich – irgendwie war ich heute schnell aus der Fassung zu bringen.

»Und warum nicht? Findest du es okay, dass er Juliane so plötzlich abgelegt hat?«

»Nein, aber …«

»Nichts Aber. Er soll ruhig spüren, wie sich das anfühlt, wenn man abserviert wird. Am besten gleich zweimal: zuerst von Hannah und dann von mir. Er hat Juliane nicht mal gesagt, warum er mit ihr Schluss gemacht hat. Und das, nachdem die beiden ein paar äußerst innige Stunden zusammen verbracht haben!«

Ich seufzte – denn sie wusste nicht, was sie tat!

»Eigentlich wollten Max und Florian dich für die Rolle der Circe – schließlich stand er ja mal auf dich. Doch da du vielleicht schon anderweitig gebunden bist …« Marisa ließ ihre Anspielung kommentarlos im Raum stehen, um mir etwas über meinen geheimnisvollen Freund zu entlocken.

Als Christopher versuchte, mich abzuschütteln, hatte sie mir geraten, um ihn zu kämpfen. Ich hatte ihren Rat befolgt – und gewonnen. Trotzdem konnte sie nicht wissen, wie zutreffend ihre Worte waren. Christopher hatte sich an mich gebunden, damit er bei mir bleiben konnte.

Mein Herz zog sich bei der Erinnerung daran zusammen. Christopher, wo steckte er nur? Wie lange ließ er mich noch warten?! Anders als er hatte ich nicht die Ewigkeit vor mir.

Mein aufkommender Frust half mir, eine Entscheidung zu treffen. Geduldig sein und abwarten, bis Christopher endlich auftauchte, sollte nicht zu meiner Berufung werden.

»Na gut, ich bin dabei. Unter einer Bedingung: Ich übernehme Raffael und kümmere mich um ihn, bis Hannah mit ihm Schluss macht – mehr nicht.«

»Super!«, war alles, was Marisa dazu sagte.

Schon wieder fühlte ich mich manipuliert. Dennoch war es besser, wenn ich die Rolle des Vamps übernahm. Im Gegensatz zu ihr wusste ich ganz genau, mit wem ich es zu tun hatte.

Raffael erschien erst am übernächsten Tag wieder in der Schule. Florian sorgte dafür, dass Hannah beschäftigt war, und Marisa, dass Raffael mir zufällig in die Arme lief.

»Und?«, fragte ich. »Geschwänzt?«

»Arzttermin«, antwortete Raffael kurz angebunden.

»Zwei Tage lang?«

»Scheint so.«

Wir liefen schweigend den kiesigen Weg vom Gelben Haus, in dem die Mensa und – bis auf mich – die Schüler meiner Klassenstufe untergebracht waren, zum Schloss hinüber. Ich spürte Raffaels forschenden Blick, doch ich wagte nicht, ihn anzusehen. Schließlich brach er das Schweigen.

»Und? Sprichst du wieder mit mir?«

»Scheint so.«

Raffael zuckte die Schultern. »Freiwillig oder gezwungenermaßen?«

»Gezwungenermaßen«, gab ich zu. Es erschien mir kindisch, ihn anzulügen.

»Dacht ich’s mir. Und? Wer zwingt dich dazu? Deine Freunde oder dein Engel?«

Wie angewurzelt blieb ich stehen. »Er würde mich niemals zu etwas zwingen!«

»Bist du dir da so sicher?«

»Völlig!«

»Du hast ihm dein Blut also freiwillig gegeben?«

Betroffen schnappte ich nach Luft. Woher wusste Raffael davon? »Was … was meinst du damit?«

»Stell dich nicht dümmer, als du bist. Ich weiß, wozu er dich gezwungen hat – jeder weiß das.«

Ich schwieg. Offenbar kannte er Christopher – und unser Geheimnis!

»Oder hat er dich auf eine andere Art überredet

Raffael kam mir bedrohlich nahe, dennoch hielt ich ihm stand. Erst als er mit einem Finger sanft über meine Lippen fuhr, wich ich zurück.

»Wusste ich’s doch! Er hat dich geküsst.«

»Du weißt gar nichts!«

»Wahrscheinlich mehr als du.«

In Raffaels Stimme lag ein Bedauern, das mich frösteln ließ. Doch noch bevor mir eine passende Antwort einfiel, kehrte er mir den Rücken zu und ging davon.

Ich biss mir auf die Zunge, um ihm nicht hinterherzuschreien, wie sehr er sich irrte. Christopher liebte mich – nur deshalb hatte er sich an mich gebunden.

»Scheißkerl!«, grummelte ich. Raffaels Finger hatten auf meinen Lippen eine brennende Spur hinterlassen. Wehe, wenn er es wagen sollte, mich noch einmal anzufassen! Wütend stapfte ich zum Schloss hinüber. Ich würde ihm den Hals umdrehen!

»Na? Wie lief’s?«

Ich schreckte zusammen, als Marisa aus dem Schatten einer der weißen Säulen oberhalb der steinernen Außentreppe hervortrat, die rechts und links den Aufgang zum Schloss markierten – sie hatte mich und Raffael beobachtet!

»Verdammt, Marisa! Was soll das?! Mich so zu erschrecken!«

»Von weitem sah’s gar nicht mal so übel aus«, sinnierte sie. »Ich glaub, er hat angebissen. Als er so zärtlich über deine Lippen fuhr, dachte ich, er würde dich gleich küssen.«

»Vergiss es!« Zärtlich! Dass ich nicht lache. Raffael wusste genau, was er mit seiner Berührung in mir auslösen würde. Offenbar war er nicht nur über die Engelswelt bestens informiert. Wütend öffnete ich die schwere Eichenholztür und eilte an Marisa vorbei in die prunkvolle, mit Marmorkamin und Mosaikfußboden verzierte Eingangshalle des Schlosses. Sie kam hinterher und verstellte mir den Weg.

»Doch, bestimmt. Seine Augen funkelten, während er dich dabei beobachtete.« Marisa seufzte. »Jungs und ihr Jagdinstinkt. Du hast ihn geweckt, als du ihm einen Korb gegeben hast. Jetzt wittert er eine zweite Chance.«

»Ich hab ihm niemals einen Korb gegeben!«

»Ach nein?! Glaubst du, Raffael ist so beschränkt und hat nicht bemerkt, wie du ihm Juliane untergejubelt hast?«

»Warst du nicht diejenige, die mich dazu ermutigt hat?«

Touché – Marisa schwieg. Ich drängte mich an ihr vorbei und stürmte die Treppe nach oben in mein Zimmer. Meine Lippen brannten – was ich hasste, weil es mir Christophers Abschiedskuss in Erinnerung rief.

Wo, verdammt, steckte er bloß? Hatte er es sich anders überlegt?

Verärgert kickte ich meine Schuhe unters Bett. Engel! Anscheinend wirklich unfassbar: Unfassbar schön, unfassbar anziehend – unfassbar vage!

Ich angelte mir mein Französischbuch und setzte mich an meinen Schreibtisch. Lernen würde mich ablenken. Weit kam ich nicht. Auf meinem Mund brannte noch immer die Spur, die Raffaels Finger hinterlassen hatte. Ich wischte mir – bestimmt zum hundertsten Mal – über die Lippen, um seinen Abdruck loszuwerden. Was wollte er mit seiner Berührung bezwecken? Und was glaubte er zu wissen, wovon ich angeblich keine Ahnung hatte?

Genervt starrte ich in den wolkenverhangenen Junihimmel, als ob ich dort Antworten auf meine Fragen fände. Ich wusste so wenig von Christopher und seiner Welt. Nur über eines war ich mir sicher: total verliebt in diesen überirdischen Engel zu sein.

Nach der durchgrübelten Pause kehrte ich zu meinem Kursraum zurück – und traute beinahe meinen Augen nicht: Marisa baggerte Raffael an! Wollte sie die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen – was ich unmöglich zulassen konnte –, oder spekulierte sie darauf, dass ich auf ihre Anmache reagieren und ihn wieder übernehmen würde? Doch im Grunde war es egal, ob Marisa mich mit ihrer Flirteinlage bloß anstacheln wollte. Nur ich wusste über Raffael Bescheid, weshalb es meine Aufgabe war, ihn von meinen Mitschülern fernzuhalten. Und da weder Hannah noch meine Freunde das kommende Wochenende im Internat verbringen würden, hatte ich genügend Zeit, ihn mir vorzuknöpfen.

Um Marisa von weiteren Flirtanfällen abzuhalten, weihte ich sie in mein Vorhaben ein.

»Damit ich nicht noch mal mit ansehen muss, wie du dich an Raffaels Hals schmeißt, werde ich mich die nächsten zwei Tage besonders intensiv um ihn kümmern. Spätestens am Sonntagabend wird er mir aus der Hand fressen.«

»Überschätzt du dich da nicht ein bisschen?«

»Wart’s ab. Er wird so folgsam wie ein Schoßhündchen sein.«

Wie ich das machen wollte, wusste ich schon ziemlich genau. Gut, dass meine Freunde mir nicht dazwischenfunken konnten, wenn ich Raffael überredete, für immer zu verschwinden.

Da Raffael unter der Woche schon zwei Tage freigenommen hatte, war ich nicht darauf vorbereitet, dass auch er die Schule verlassen würde. Doch letztendlich war es gut so. Mein Plan, ihm Christopher vorzustellen, wäre eh nicht aufgegangen. Allein – mit viel zu viel Zeit zum Grübeln – verbrachte ich ein trostloses Wochenende.

Als Raffael unerwartet früh am Sonntagmittag die Kantine betrat, nutzte ich die wenige Zeit, die mir noch blieb, bis meine Freunde wieder eintrudelten. Mit einem versöhnlichen Lächeln – das mir ziemlich schwerfiel – setzte ich mich zu ihm. Ich wollte keine weitere Minute damit verbringen, mir auszumalen, was er wusste und ich nicht.

»Du bist mir noch eine Erklärung schuldig«, begann ich.

Raffael zog fragend eine Augenbraue nach oben. »Tatsächlich? Worüber denn?«

»Wenn du schon behauptest, besser informiert zu sein als ich, wüsste ich gern, was du damit meinst.«

Raffael blickte sich in der Kantine um. »Nicht hier«, raunte er.

Sein argwöhnisches Verhalten verunsicherte mich. Außer uns war nur eine Handvoll Schüler anwesend, und die saßen weit genug entfernt, um uns nicht belauschen zu können. Trotzdem schlang ich mein Essen mit atemberaubender Geschwindigkeit hinunter. Mein Wissensdurst war größer als meine Bedenken.

»Dann leg mal los«, forderte ich ihn auf, als wir die Mensa verließen.

Raffael schwieg. Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, schlug er den Weg zu der alten Steinmauer ein, die das erhöht gelegene Schlossgelände vom Seeufer trennte. Ich folgte ihm nur widerwillig – seine Geheimniskrämerei jagte mir allmählich Angst ein. Und auch die Rastlosigkeit, mit der er den See betrachtete, während wir das Gemäuer umrundeten. Erst als er sicher war, unbeobachtet zu sein, wandte er sich an mich.

»Und? Was willst du wissen?«

»Alles!«, platzte ich heraus.

»Das übersteigt meine Kenntnisse. Da musst du schon deinen Engelsfreund fragen«, antwortete er zynisch.

Ich presste meine Lippen zusammen und starrte über die spiegelnde Oberfläche des harmlos scheinenden Sees.

Raffael deutete meine Reaktion richtig. »Du weißt wohl nicht, wo er steckt?! Das geht den meisten so.«

»Was … wen meinst du?« Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich war nicht die Einzige?

Raffael lehnte sich mit dem Rücken gegen die Steinwand. »Er hat dir also nicht verraten, welchen Vorteil Engel daraus ziehen, wenn sie sich an einen Menschen binden. Hat er dir deinen Lebenssaft entlockt, indem er behauptet hat, nur für dich da zu sein?«

Meine Beine drohten wegzuknicken. War Christophers Versprechen bloß ein Mittel zum Zweck? Hatte er mir seine Liebe nur vorgegaukelt? Dann wäre er keinen Deut besser als Sanctifer. Ich kämpfte gegen den Abgrund an, der mich verschlingen wollte. Christopher hatte mich belogen?!

Zwei Hände umfassten meine Arme und schüttelten mich.

»Lynn! Lass nicht zu, dass er dir weh tut!«

Raffaels Berührung holte mich aus meiner Verzweiflung. Ich durfte ihm nicht glauben. Er war ein Flüsterer: fähig, Menschen zu beeinflussen. Verbissen versuchte ich, mich aus seiner Umklammerung zu befreien, doch Raffael hielt mich umso fester.

»Bitte, Lynn, vertrau mir.«

»Dir? Wie könnte ich?!«

»Nur dieses eine Mal – ich … konnte nicht anders.«

Es war das Flehen in seiner Stimme, das mich innehalten ließ.

»Aber bloß, wenn du deine Finger von mir nimmst!«, antwortete ich eisig – nicht dass er dachte, er könne mich mit seiner Mitleidstour weichklopfen.

Raffael zog seine Hände weg, als hätte er sich an mir verbrannt. In seinen Augen lag eine Dankbarkeit, die mich bestürzte. Schnell trat ich einen Schritt zurück, um mich vor einem weiteren Übergriff in Sicherheit zu bringen. Der Funke von Dankbarkeit erlosch und hinterließ einen unguten Nachgeschmack.

Raffael warf einen weiteren gehetzten Blick über den See. Mehrfach strich er seine perfekt gewellten, schulterlangen Haare in den Nacken, bevor er sich zur Ruhe zwang und auf den mit Gras bewachsenen Streifen vor der Mauer niederließ.

»Nimm Platz, es wird eine Weile dauern.«

Ich folgte Raffaels Aufforderung und setzte mich – mit genügend Abstand – neben ihm ins Gras. Auch ich starrte auf das im Wind wogende Schilf am Ufer des Sees, damit er in meinem Gesicht nicht lesen konnte, wie verunsichert ich mich fühlte. Es war Zeit, mehr über Engel und ihre Eigenarten zu erfahren. Wie weit ich Raffael trauen konnte und wie viel ich von seiner Geschichte glauben wollte, würde ich später entscheiden.

»Obwohl es mir eigentlich nicht erlaubt ist, über Engel zu reden, und du mir eh nur die Hälfte glauben wirst – wenn überhaupt –, denke ich, dass ich bei dir eine Ausnahme machen kann. Schließlich warst du schon drüben. Und was den Wahrheitsgehalt angeht, kannst du ja bei deinem Engelsfreund nachfragen – falls er irgendwann wieder auftauchen sollte.« So, wie Raffael das sagte, bezweifelte er das.

Ich schluckte meinen Kommentar hinunter. Christopher war nicht Sanctifer. Er opferte keine unschuldigen Menschenseelen, um seine Ziele zu erreichen.

»Ich war sieben und …«

»Bestimmt ein herzallerliebster, von allen verwöhnter Wonneproppen«, unterbrach ich Raffael. »Wolltest du mir nicht etwas über Engel erzählen?«

»Das werde ich. Aber damit dein Bild von mir nicht einseitig bleibt, muss ich ein wenig ausholen. Vielleicht verstehst du dann, warum ich nicht anders handeln konnte.«

»Jeder hat eine Wahl«, zischte ich.

»Manche mehr, andere weniger.« Raffael starrte gedankenverloren über den See, während er weitersprach. »Ich war sieben, als Sanctifer mich bei sich aufnahm. Er hat mich in dem Schrank gefunden, in dem ich mich verkrochen hatte. In seinen Mantel gehüllt, trug er mich durchs Feuer. Es verschlang alles, was ich liebte – auch meine Mutter.« Er schwieg für einen kurzen Moment, um seine Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen. Auf seinem Gesicht jedoch blieb der Schmerz, den er noch immer empfand.

»Auch ich wäre gestorben, wenn Sanctifer sich nicht um mich gekümmert hätte. Er versorgte meine Wunden und linderte die Schmerzen. Es blieben Narben, da er mir die Wahl lassen wollte, bis ich alt genug war, eine eigene Entscheidung zu treffen. Ich zögerte keine Sekunde, als er mir von seinen Möglichkeiten erzählte.«

Ich zog hörbar die Luft ein. Sanctifers Vorgehensweise konnte ich mir lebhaft vorstellen, zumal ich seiner einschmeichelnden Art beinahe selbst erlegen war.

Raffael sah mich böse an. Meine Missbilligung war ihm nicht entgangen.

»Glaub mir, nach zehn Jahren mit einem Frankensteingesicht hättest auch du alles getan, um wieder ein normaler Mensch zu werden.«

»Ich hätte niemals meine Seele verkauft.«

»Das habe ich nicht!« Raffaels Fingerknöchel traten weiß hervor. Eilig verschränkte er seine Arme, um seine Fäuste zu verstecken. Es schien ihn Kraft zu kosten, mir nicht an die Gurgel zu springen und stattdessen ruhig zu bleiben.

»Sanctifer hat mir Zeit gelassen, ehe ich eine Entscheidung treffen musste. Geduldig hat er meine Fragen beantwortet und mir den Weg zu seiner Welt geöffnet, damit ich alles anschauen konnte. An meinem siebzehnten Geburtstag hat er mir angeboten, sein Flüsterer zu werden. Ein geringer Preis, verglichen mit dem, was er mir dafür gegeben hat.«

»Und du bist nie auf die Idee gekommen, dass Sanctifer dich manipuliert? Dass er dich zehn Jahre lang leiden ließ, damit du alles für ein atemberaubendes Aussehen tun würdest?«

»Du findest mich atemberaubend?!« Raffael überging meinen Einwand, aber sein Miene sprach Bände: Auch er wusste, dass Sanctifer mit ihm spielte.

»Es gibt schönere«, antwortete ich.

»So wie deinen Engelsfreund

»Zum Beispiel.« Ich war mir sicher, zu explodieren, falls Raffael das Wort Engelsfreund noch einmal derart spöttisch betonen würde.

»Wenn ich gewusst hätte, dass du auf blond und grimmig stehst, hätte ich Sanctifer um ein anderes Gesicht gebeten.«

Grimmig?! Christopher war nicht grimmig zu mir – zumindest nicht mehr. Ich behielt meine Gedanken für mich. Mein Scher dich zum Teufel, Flüsterer wäre hier wahrscheinlich allzu wörtlich rübergekommen. Außerdem beschlichen mich erste Zweifel an Raffaels Geschichte.

»So viel wie du hab ich bei meinem Aufenthalt vielleicht nicht mitbekommen, aber eins ist mir trotzdem klargeworden: Lange kann man dort nicht bleiben!«

Raffael sah mich fragend an.

»Du weißt schon, die Totenwächterin und so.«

»Ja, ich hab von ihr gehört.«

»Gehört?!«, fauchte ich. »Du hast mitgeholfen, dass ich sie besser kennenlernen durfte, als mir lieb war.«

Die Wut in meinen Augen beeindruckte Raffael wenig. »Und? Ist es bei ihr wirklich so unglaublich?«

»Ja«, flüsterte ich plötzlich heiser, als ein eisiger Hauch vom See heraufkroch, über meine Beine strich, meinen Rücken entlangglitt und sich in meiner Kehle festsetzte. Verwirrt knetete ich meine tauben Fingerspitzen in der Hoffnung, das Gefühl zu vertreiben, das die Erinnerung an das Reich der Totenwächterin heraufbeschworen hatte.

Schärfer als beabsichtigt fuhr ich fort.

»Sieh’s dir doch selbst mal an! Du brauchst nur in den See zu laufen. Wenn du Glück hast, findet sie dich.«

Wir schwiegen beide. Offenbar kannte auch Raffael einige der weniger schönen Seiten der Engelswelt.

»Ich wusste nicht, was Sanctifer vorhatte. Er weiht mich nur selten in seine Pläne ein.« Raffael wirkte bedrückt. Entweder weil er wusste, dass er über die Rolle des Handlangers niemals hinauskommen würde, oder weil er bedauerte, dass Sanctifer ihm nicht vertraute – hoffentlich Ersteres. Dann bestand wenigstens die Chance, dass er irgendwann erkannte, bei Sanctifer auf der falschen Seite zu stehen.

Als sich vor mir das Bild von einem vor Ehrfurcht buckelnden Raffael abzeichnete, bemerkte ich erst, wie geschickt er mich von meinem eigentlichen Thema abgelenkt hatte – klar, er war ein Flüsterer.

»Gut für dich, nicht alles zu wissen, was Sanctifer so treibt. Trotzdem ist mir schleierhaft, wie du es angestellt hast, in der Engelswelt zu bleiben.«

»Dein Engel hat dir wirklich nicht viel verraten.«

»Wir hatten Wichtigeres zu besprechen«, konterte ich.

Raffael lachte über meine zweideutige Bemerkung. »Das kann ich mir vorstellen. Der Kuss eines Engels ist außerordentlich wirkungsvoll, wenn es darum geht, einen Menschen zu betören. Ich wette, du würdest alles für ihn tun.«

Ein viel zu schnelles »Ja« rutschte mir über die Lippen. Ich milderte es mit dem Zusatz, dass Christopher nie etwas von mir verlangen würde, wozu ich nicht bereit war. Christopher war nicht Sanctifer. Er würde mich niemals hintergehen. Wenn Christopher mir nicht alles erzählte, dann nur, weil er mich schützen wollte.

»So wie dein Blut. Nicht wahr? Du hast es ihm freiwillig gegeben.«

Da Raffael eh schon alles wusste, leugnete ich es nicht. »Das habe ich. Im Gegensatz zu deinem Engelsfreund, der es von mir erpressen wollte, wusste ich, worauf ich mich bei Christopher einlasse.«

Raffael erblasste – anscheinend war ihm die Sache mit Sanctifers zweischneidigem Angebot nicht bekannt –, doch er fing sich schnell wieder.

»Menschenblut ist viel wirksamer, wenn es freiwillig gegeben wird. Nur ein Bündnis aus freien Stücken ermöglicht, die Welten dauerhaft zu wechseln. Und da es bloß wenigen Auserwählten erlaubt ist, über die Engelswelt Bescheid zu wissen, warst du die perfekte Gelegenheit, die Gesetze zu umgehen. Der Rat hätte einem Engel wie Christopher ein solches Blutbündnis niemals erlaubt.«

»Aber so einem wie deinem?!«

»Sanctifer ist kein Racheengel.«

Das war mir neu. Aufgrund seiner Fähigkeiten und der Stärke, die er im Kampf gegen Christopher bewiesen hatte, hatte ich angenommen, dass auch Sanctifer ein Racheengel war.

»Und du denkst, Christopher wäre deshalb weniger vertrauenswürdig als Sanctifer?«

»Nicht ich meine das – der Rat beschließt die Gesetze.«

»Dann sollten die noch mal darüber nachdenken, welchen Wert ihre Gesetze haben.«

Mir war nicht ganz wohl bei der Vorstellung, Christopher könnte meinetwegen ein Engelsgesetz umgangen haben. Nicht, dass ich das besonders verwerflich fand, sondern weil ich fürchtete, es könne für ihn Konsequenzen nach sich ziehen. War er deshalb noch nicht aufgetaucht? Ich zog meine Beine dichter heran. Bei dem Gedanken wurde mir eisig kalt.

»Es gibt ein eigenes Gremium dafür, welcher Engel sich wem offenbaren darf. Sanctifer hat jahrelang darum gekämpft, sich mir als Engel zeigen zu dürfen.«

Ich schluckte. Christopher hatte mir seine Engelsgestalt enthüllt – ohne Genehmigung! Allerdings wusste er damals noch nicht, dass ich ein Mensch bin. Sicher milderte diese Tatsache das Vergehen – falls Raffaels Geschichte überhaupt stimmte.

»Erst vor ein paar Monaten durften wir einander unser Blut anvertrauen.«

Raffaels Zusatz riss mich aus meinen Überlegungen, welche Schwierigkeiten Christopher im Augenblick beiseiteräumen musste.

»Sanctifer hat dir sein Blut gegeben?!«

»Natürlich. Wie könnte ich sonst unbeschadet in beiden Welten leben?«

Blöde Frage. Klar. Darauf hätte ich selbst kommen können. Und auch auf die Schlussfolgerung: Christopher hatte unser Bündnis nur einseitig geschlossen! Er behielt sämtliche Karten in der Hand, und ich erhielt nichts als vage Versprechungen. Doch eine Beziehung, in der nur einer bestimmte, war nicht mein Ding und auch nicht, dass Christopher mir wesentliche Aspekte unserer Bindung verschwiegen hatte. Je mehr ich über diese kleine Informationslücke nachdachte, umso riesiger wurde sie – und mit ihr mein Ärger –, aber es kam noch härter.

»Dein Freund ist sicher unterwegs, um eine Zweite zu überzeugen, sich auf ihn einzulassen. Nur an einen Menschen gebunden zu sein, ist ihm bestimmt zu wenig.«

»Sanctifer vielleicht. Christopher niemals!« Wütend sprang ich auf. Ich hätte wissen müssen, dass ich aus einem Flüsterer nicht die Wahrheit herauskitzeln konnte.

Raffael schnitt mir den Weg ab, bevor ich flüchten konnte – und durch den See davonzukraulen, wagte ich nicht.

»Ich weiß: Die Wahrheit kann weh tun. Das Blut eines Menschen, der die Engelswelt kennt, ist sehr wertvoll. Doch das Blut eines Menschen, der unbeschadet dem Reich der Totenwächter entkommen konnte, ist unbezahlbar. Die Wächter haben ihr Recht auf deine Seele verwirkt.«

»Na und?«

Jetzt war es Raffael, der verärgert die Luft zwischen den Zähnen hindurchzog. »Wenigstens das hätte er dir sagen müssen.«

Mein Geduldsfaden riss. »Spuck’s aus, Flüsterer«, sagte ich samtweich. »Oder geh mir aus dem Weg! Bisher warst du nicht übermäßig informativ«, log ich.

»Du würdest mir sowieso nicht glauben.«

Ich bemerkte den traurigen Unterton in Raffaels Stimme, den er mit Sarkasmus zu überspielen versuchte – er wusste, warum ich ihm nicht traute. Ein unerwünschtes Gefühl stieg wieder in mir auf: Mitleid.

»Dir etwas zu glauben, ist ziemlich schwierig, bei so vielen Andeutungen und so wenig Inhalt.«

Raffael nickte und setzte sich wieder ins Gras – ich blieb stehen.

»Verrate niemandem, von wem du es weißt. Besonders nicht deinem Engelsfreund.«

»Komm zur Sache, wenn du was zu sagen hast.« Demonstrativ tippte ich mit dem Fuß auf die Erde.

»Wie du vielleicht weißt, wird jede Menschenseele geprüft. Wenn sie im Totenreich besteht, darf sie als Engel weiterleben. Versagt sie, verliert sie ihr bewusstes Sein und erhält – je nach Ausmaß ihres Versagens – früher oder später eine neue Chance.«

Während Raffael mir die Engelswelt erklärte, stiegen Bilder aus der Totengruft in meinem Gedächtnis auf: die Wartenden, deren Schicksal noch nicht entschieden war. Mit ihren fahlgelben Händen griffen sie nach mir, um mich bei sich zu behalten, während der Schmerz ihres Daseins in meinen Ohren widerhallte.

»Da du – wie auch immer – das Totenreich passieren konntest, ist deine Seele jetzt frei.«

»Aber wie du siehst, bin ich weder tot, ohne Bewusstsein, noch ein Engel!«

Raffael erkannte, dass ich ihm diesen Punkt der Geschichte nicht abnahm. »Und gerade darin liegt das Problem. Eigentlich darf kein noch lebender Mensch das Reich der Totenwächter betreten.«

»An mir lag’s sicher nicht.«

»Deshalb wird dir auch kein Vorwurf gemacht.«

Ich wurde hellhörig. »Und wem dann?«

»Darüber wird sicher verhandelt werden. Ebenso über die unerlaubte Hilfe, die du erhalten hast.«

»Was? Es kann ja wohl kaum verboten sein, eine unschuldige Menschenseele aus den Klauen der Totenwächterin zu befreien?!«

»O doch, da jetzt nicht mehr beurteilt werden kann, ob deine Seele wirklich unschuldig ist oder nicht – und genau das macht dich so wertvoll!«

Ein ungutes Gefühl breitete sich in mir aus wie feuchter Nebel. Nicht, weil meine Seele aus Versehen ungeprüft der Wächterin entkommen konnte, sondern weil Christopher dafür verantwortlich war. Er hatte mich gerettet, wofür er sicher die Konsequenzen tragen musste.

In was hatte ich ihn da bloß reingeritten?

Die einzige Möglichkeit, wie ich ihm beistehen und die Wahrheit ans Licht bringen konnte, war auszusagen. Vielleicht würde Raffael mir verraten, was ich tun musste, um zu dieser Verhandlung eingeladen zu werden.

»Man hätte mich bestimmt einbestellt, um zu klären, wer mir geholfen und wer mich in diese Situation gebracht hat.«

Raffaels Miene versteinerte. »Menschen sind bei Engelsprozessen nicht zugelassen. Ihre Vertrauenswürdigkeit gilt als zweifelhaft.«

Arons Erklärung, in seiner Engelsgestalt nicht lügen zu können, fiel mir wieder ein. Und plötzlich verstand ich den Zusammenhang.

»Dann bin ich in ihren Augen wohl so etwas wie eine wertvolle Lügnerin?!«

»Im Moment bist du nur ein Mensch, mit dessen Blut ein Engel sich in der Menschenwelt verankern kann. Aber wenn du tot bist …« Raffael wirkte unsicher. Entweder er wusste es nicht, oder es steckte mehr dahinter. »Und da sicher niemand einem Racheengel traut, der die Gesetze überschreitet, prüfen sie anscheinend nicht nur, wer an deinem Seelenzustand die Schuld trägt, sondern auch, wer sich jetzt um dich kümmern soll.«

»Sie verschachern meine Seele?!«

»Wenn du es so nennen willst.«

»Kann ich nicht selbst entscheiden, wem ich mein Vertrauen schenke?«

»Dazu müsstest du Zugang zur Engelswelt haben und einen Engel finden, der dir sein Blut gibt, damit deine Seele in ihrer Welt bestehen kann.«

»Und sicher wäre Sanctifer bereit dazu.« Für wie blöd hielt mich Raffael eigentlich?

»Das weiß ich nicht – aber ich kann es mir vorstellen.«

Die Grenze meiner Gutgläubigkeit war überschritten, der Flüsterer eindeutig zu weit gegangen. Mir Sanctifer als Blutspender unterzujubeln, überstieg seine Überredungskünste.

»Ich glaube dir kein Wort! Und das mit deiner rührenden Verbrennungsgeschichte hast du sicher auch nur erfunden, um mich weichzukochen.«

»Wie du meinst.« Langsam erhob sich Raffael und baute sich mit seiner eindrucksvollen Größe vor mir auf. Ebenso langsam zog er sich sein T-Shirt über den Kopf.

Mir stockte beunruhigend schnell der Atem – nicht wegen der perfekt geformten Muskelmasse seines Oberkörpers oder der bronzefarbenen Haut, die sich darüber spannte, sondern wegen der, die fehlte.

Um die Stelle, wo Raffaels Bauchnabel sein sollte, wucherte rohes Fleisch. Dank der Jeans konnte ich nicht das volle Ausmaß erkennen, doch was ich sah, genügte, um spontane Übelkeit mit Würgereiz bei mir hervorzurufen. Ungläubig starrte ich ihn an: sein perfekt modelliertes Gesicht und dann wieder den entstellten Körper, der gerade sein Geheimnis preisgab.

Vor meinen Augen begann das Narbengeflecht sich zu verändern. Wie eine schlafende Schlange wickelte sich ein hautloses Tier auseinander und begann, sich zu winden: überzog Raffaels Brust, seine Schultern und schlängelte sich weiter nach oben, über seinen Hals, den Nacken entlang, bevor es sich von hinten auf sein Gesicht legte.

Ich unterdrückte einen Aufschrei und zwang mich, nicht zurückzuweichen.

»So sehe ich aus, wenn ich Sanctifers Zauber nicht trage. Ich verdanke ihm nicht nur mein Leben.«

Trotz der abstoßenden Hässlichkeit erkannte ich Raffael in der Kreatur wieder, die mir gegenüberstand. Auch wenn sein Äußeres jeden Reiz verloren hatte, seine Stimme war dieselbe geblieben, nur dass jetzt ein tiefer Schmerz in ihr mitschwang. Wie viel Willenskraft musste in ihm stecken, um eine Kindheit als Monster ertragen zu können?

Ich fand die Antwort in Raffaels Augen. Sie glommen nachtschwarz von seinen Erinnerungen und schimmerten doch voller Stärke. Er wusste, wer und was er war. Aber die anderen hatten immer nur das Ungeheuer in ihm gesehen.

Mir schauderte bei dem Gedanken an Raffaels Vergangenheit. Dagegen waren meine Eingewöhnungsschwierigkeiten in Italien das Paradies auf Erden gewesen.

Die fleischige Narbengeschwulst, die Raffaels Körper verunstaltete, war zur Ruhe gekommen. Das Heben und Senken seines Brustkorbs beim Atmen hinterließ jedoch den Eindruck, als lebe sie. Wie ein eigenständiges Wesen, in dem er gefangen war.

Ich blinzelte, um das Trugbild loszuwerden. Es half – ein wenig. Immer wenn Raffaels Atmung pausierte, sah ich anstatt des Geschwürs seinen glatten, von Muskeln durchzogenen Oberkörper. Vorsichtig streckte ich meine Hand nach ihm aus. Die sich aufrichtenden Härchen auf meinem Arm verrieten meine Gefühle: Furcht und gleichzeitig den Wunsch, ihn zu berühren. Es war wie ein Zwang, ihn anfassen zu müssen, um sicher zu sein, dass das, was ihn umgab, nicht wirklich lebte.

Kurz bevor ich es berührte, schien die Luft um uns herum dicker zu werden, als materialisiere sich die Anspannung zwischen uns. Sie entlud sich in dem Augenblick, in dem meine Hand auf Raffaels Fleisch traf. Tausend haarfeine Blitze zuckten durch meine Fingerspitzen, meinen Arm entlang, verteilten sich über meinen Körper und verwurzelten sich tief unter meiner Haut.

Ich wusste, dass ich meine Hand zurückziehen sollte; sah Raffaels narbenübersäte Gestalt, die vor ein paar Minuten noch Übelkeit in mir ausgelöst hatte. Dennoch konnte ich nicht anders: Ich schloss die Augen – und fühlte. Genoss das Prickeln in meinem Inneren und die vibrierende Luft, die mich umhüllte. Erst als sich Raffaels Finger um mein Handgelenk schlossen, fand ich zu mir. Erschrocken taumelte ich einen Schritt zurück.

Über Raffaels nun wieder makelloses Gesicht huschte ein Schatten, der sich schnell in ein spöttisches Grinsen verwandelte.

»Ich glaube, du hast genug gesehen – sonst bekomme ich noch Ärger mit deinem Engelsfreund

Raffaels Engelszusatz erstickte die Reste meines Emotionsflashs. Ihn anzufassen hatte in mir ähnliche Empfindungen ausgelöst, wie wenn ich Christopher berührte – um genau zu sein, viel zu ähnliche! Eine Wirkung, die Raffael unbewusst hervorgerufen hatte? Damit konnte ich umgehen. Und falls nicht? Wenn er mir damit zeigen wollte, wie einfach es selbst ihm fiel, diese Art von Engels-Charme einzusetzen?!

Meine Unsicherheit vermischte sich mit Ärger – eine explosive Mischung, die ich nur schwer kontrollieren konnte. Doch da ich mehr über Christopher erfahren wollte, wäre es zu früh, meinen einzigen Informanten im See zu ertränken. Also schluckte ich die Worte, die mir auf der Zunge lagen, hielt mich an der rauen Steinwand fest und zählte bis zehn, bevor ich antwortete.

»Ich denke nicht, dass Christopher sich mit jemandem wie dir einlässt, nur weil du mit entblößtem Oberkörper vor mir stehst: Euch trennen Welten!«

Mein Wortspiel amüsierte Raffael. »Der Punkt geht an dich. Bleibt nur die Frage, ob er sich auch noch mit dir einlässt, nachdem du ihm das gegeben hast, wofür der ein oder andere Engel töten würde.«

Meine mühsam erkämpfte Ruhe zerplatzte. Ohne ein weiteres Wort ließ ich Raffael stehen. Was auch immer er zu wissen glaubte, war das Gefühl, das sein bissiger Kommentar in mir auslöste, nicht wert.

Kapitel 2
Umschwärmt

Kaum war Marisa aus dem Taxi gestiegen, galt ihre erste Frage meinen Fortschritten bei Raffael.

»Und, wie weit bist du mit deiner Schoßhündchen-Dressurnummer gekommen?«

Ich warf ihr einen warnenden Blick zu, da Juliane in Hörweite ihre Tasche aus dem Kofferraum wuchtete.

»Ich weiß Bescheid«, informierte Juliane mich. »Und ich bin nicht Marisas Meinung!«

»Dann sind wir ja schon zwei«, antwortete ich.

Juliane überging meinen Einwurf, schlug den Kofferraumdeckel zu und funkelte mich böse an. »Ich finde, dass Raffael Hannah verdient hat. Sie wird ihn verzaubern – und dann sein Herz verschlingen«, krächzte Juliane, bleckte ihre Zähne und krönte die Darstellung – in bester Hexenmanier – mit einer angsteinflößenden Grimasse.

Marisas wasserblaue Augen funkelten vergnügt. »Ich wusste gar nicht, dass du derart grausam sein kannst! Aber nachdem er sich so viel Mühe gegeben hat, sich bei uns einzuschleimen, wäre das wohl angemessen.«

»Niemand verdient es, dass mit seinen Gefühlen gespielt wird«, widersprach ich ein wenig zu schnell.

Marisa und Juliane warfen mir einen ungläubigen Blick zu. Juliane öffnete den Mund, um mir zu widersprechen, doch Marisa brachte sie mit einem kurzen Seitenblick zum Schweigen. Schließlich entdeckte auch ich den schwarzen Mercedes, der die Auffahrt zum Schloss entlangfuhr: Hannah war im Anmarsch.

»Dein Wochenende muss sehr interessant gewesen sein«, war alles, was Marisa zu meinem überraschenden Sinneswandel sagte. Sie würde nicht lockerlassen und so lange nachbohren, bis sie wusste, warum ich plötzlich Raffael verteidigte, anstatt ihn bloßzustellen.

Ich seufzte leise. Hoffentlich fiel mir bis dahin etwas Passendes ein, da ich es ja selbst nicht so genau wusste.

Als Marisa und Juliane mich am Abend in ihr Zimmer nötigten und auf das Raffael-Thema zurückkamen, klärte ich meine Freudinnen als Erstes darüber auf, dass Raffael und ich nur einen Nachmittag am See zusammen verbracht hatten. Natürlich beteuerte ich, nicht besonders weit gekommen zu sein, was den Plan betraf, ihn anzumachen. Um sie davon abzubringen, mich zu einem zweiten Versuch zu überreden, setzte ich auf die Mitleidsschiene. Ich verriet ihnen, warum Raffael ohne Eltern aufwachsen musste. Als Krönung fügte ich einen herzlosen Onkel hinzu und schmückte das Ganze mit ein paar Lügengeschichten. Am Ende empfand ich beinahe selbst Mitleid mit Raffael.

»Vielleicht hat er deshalb Schwierigkeiten, sein Herz zu verschenken. Weil er sich fürchtet, es zu verlieren«, überlegte Juliane laut. In ihren hellgrauen Augen schimmerten Tränen, seit ich von Raffaels Beinahetod im Feuer erzählt hatte. Besser, ich brachte ihre romantische Seifenblase gleich zum Platzen – bevor sie Raffael vergab.

»Das glaube ich kaum. Sonst würde er auf ein Jungeninternat gehen anstatt mit Hannah aufs Zimmer.« Mein Tiefschlag zeigte Wirkung – in Julianes Pupillen blitze wieder Rachsucht auf.

»Wenigstens war Florians Flirttechnik erfolgreich. Auch wenn er noch nicht in ihrem Zimmer war, konnte er ihr zumindest einen heißen Begrüßungskuss entlocken.«

»Was?!«, fragten Marisa und ich gleichzeitig.

»Hinterm Bootsschuppen. Ich hab’s selbst gesehen.«

»Obwohl sie beim Abendessen auf Raffaels Schoß saß?! Entweder kann Hannah sich nicht entscheiden, oder sie liebt es abwechslungsreich«, sprach Marisa meine Gedanken laut aus. Hoffentlich behielt wenigstens Florian seine Gefühle unter Kontrolle und verliebte sich nicht in das unersättliche Biest.

Nach einer halbdurchwachten Nacht – viel zu oft hatte ich von Engelsflügeln geträumt – brauchte es zwei Tassen Kaffee und ebenso viele Schulstunden, bis ich einigermaßen klar denken konnte. Doch schon bei der Schulversammlung fühlte ich mich wieder wie ausgelaugt und konnte mein Gähnen kaum unterdrücken.

»Schlaf lieber während des Unterrichts«, flüsterte Marisa. »Und nicht, wenn du etwas über die scharfen Typen erfahren kannst, die seit kurzem unser Internat stürmen.«

»Schon wieder ein Neuer?«, fragte ich gelangweilt.

»Ja. Und laut Juliane ’ne richtig scharfe Schnitte.«

Ich zuckte zusammen. Mein Verdacht, dass Raffael Verstärkung bekommen hatte, gefiel mir nicht.

»Raffaels Zwillingsbruder?«

»Eher nicht. Zumindest soll er keinen Akzent haben. Außerdem ist er blond.«

Mir drehte sich der Magen um bei dem Bild, das sich vor meinem inneren Auge abzeichnete. War Sanctifer so einfältig und versuchte jetzt, mir eine Christopherkopie unterzujubeln, nachdem sich sein Flüsterer als unbrauchbar erwiesen hatte?

Ich suchte nach dem großgewachsenen Raffael. An seiner Seite stand Hannah. Neben ihr Florian und nicht weit davon entfernt der kleine, kompakte Max, unser gemeinsamer Freund. Zu meiner Verwunderung schenkte Raffael Florians hautnaher Kontaktaufnahme mit Hannah keine große Beachtung. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er in den Flur, durch den Frau Germann gerade Richtung Aula schritt. Doch seine Aufmerksamkeit galt nicht unserer Rektorin, sondern dem Schüler hinter ihr.

Mein Herz setzte aus, schlug schneller und setzte noch einmal für einen endlos langen Moment aus, als Christophers smaragdgrüne Augen mich fanden.

»Oh, ja! Juliane hat definitiv recht! Ich frag mich, warum die geilen Jungs erst jetzt auftauchen?« Auch Marisa war Raffaels Blick gefolgt.

Ich vergaß zu antworten. Meine ganze Aufmerksamkeit galt Christopher, was selbst Marisa auffiel, die ihn für meinen Geschmack ein wenig zu intensiv begutachtete.

»Sieh einer an. Wir sind uns einig. Du stehst also auf groß, blondgelockt und unglaublich attraktiv.«

»Ja«, gab ich zu. »Das kannst du mir wohl kaum verübeln.«

»Nein, aber dieses Mal ist die Konkurrenz riesig.«

Das dieses Mal, das sich auf Raffael bezog, überhörte ich. Die Reaktionen meiner Mitschüler auf Christopher überforderten mich. Alle Mädchen – und nicht nur die – hingen mit ihren Blicken an ihm. Einige grinsten dämlich – als wären sie hypnotisiert –, andere hielten sich die Hand vor den Mund – wahrscheinlich um nicht in euphorisches Boygroup-Gekreische auszubrechen –, der Rest starrte nur. Das Ganze dauerte kaum eine Sekunde. Danach zerfiel der Zauber der ersten Begegnung und dämpfte die Begeisterung auf ein für mich noch immer unerträgliches Maß. Eifersucht war kein unbekanntes Gefühl für mich, Christophers Wirkung auf die anderen dagegen schon: Sie verursachte mir körperlichen Schmerz.

Ich widerstand dem Drang, die Augen zu schließen, um die Anwesenheit meiner Mitschüler auszublenden, und konzentrierte mich stattdessen auf meinen Engel. Auch er fokussierte mich – und erkannte mein Gefühlschaos. In seine Augen trat kaltes Jadegrün. Sein stummer Vorwurf drückte mich tiefer in diese unbekannte Emotion. Fluchthormone überschwemmten meinen Körper, doch dieses Mal gewann mein Verstand.

Als Frau Germann die Schulversammlung beendete, stand ich noch immer an derselben Stelle wie zu Beginn. Normalerweise löste sich die Schülerschar schnell auf – heute allerdings nicht. Gebannt beobachteten alle, wie Christopher auf mich zuging und vor mir stehen blieb.

»Hi … Christopher«, brachte ich mit einem Lächeln, das über meine Gefühlskrise hinwegtäuschen sollte, gerade so heraus.

Er fiel nicht darauf rein, zog mich einfach in seine Arme und verscheuchte meine Unsicherheit mit einem stürmischen Kuss, der klarstellte, wie er zu mir stand. Meine Ohren glühten, als anerkennende Pfiffe und das Gejohle meiner Mitschüler – hauptsächlich der männlichen – die Aula erfüllte.

»Hallo Lynn«, flüsterte Christopher während einer Kusspause. »Es ging leider nicht schneller.«

Ich nickte nur, schmiegte mich wieder an ihn und hoffte, dass er mir später mehr erzählen würde.

Ich wartete geduldig, bemaß sein Schweigen in Engelszeit. Gönnte ihm, sich im Internat einzuleben. Dank seiner übernatürlichen Ausstrahlung brauchte Christopher nicht lange dafür.

Die meisten Internatsschüler waren neugierig, verwickelten ihn in ein Gespräch oder halfen ihm, sich zurechtzufinden – was mich jedes Mal amüsierte. Das Schloss und die Gegend kannte Christopher länger als jeder andere hier. Nach meiner Schätzung besaß er einen Vorsprung von ungefähr dreihundert Jahren. Aber es gab auch ein paar, die ihr Interesse wesentlich eindeutiger zeigten: Hannah zum Beispiel.

Der Einzige, der einen weiten Bogen um Christopher machte, war Raffael. Es war ihm nicht nur unangenehm, in Christophers Nähe zu sein – was er bei Geo und Französisch zwangsläufig musste –, er hatte regelrecht Angst vor ihm. Das sonderbare Zucken an seinem rechten Augenlid, das immer dann auftauchte, wenn er Christopher ansah, verriet ihn.

Dass Christopher ein furchteinflößender Engel sein konnte, wusste anscheinend nicht nur ich. Hier, in meiner Welt, wirkte er jedoch völlig harmlos. Niemand würde hinter seiner charmanten Art einen kampferprobten Racheengel vermuten – selbst dann nicht, wenn er an Engel glaubte. Und gerade das bereitete mir zunehmend Kopfzerbrechen. Auf meine Engelsmitschüler wirkte Christopher respekteinflößend, für die Internatsschülerinnen wie eine verheißungsvolle Versuchung, die vernascht werden wollte.

Wenigstens Marisa bekam sich schnell in den Griff. Nachdem sie mir entlockt hatte, dass Christopher der geheimnisvolle Freund war, dessen Existenz ich versucht hatte zu verschweigen, reduzierte sie ihr Strahlen auf ein erträgliches Freundschaftslächeln.

Juliane kam mit Christophers Anziehungskraft weniger gut zurecht. Ich duldete ihre Flirteinlagen mit gemischten Gefühlen. Dass ihre Laune sich in seiner Gegenwart besserte, kam schließlich auch mir zugute.

Hannah mit ihrer ausgefeilten Körpersprache brachte mich jedoch an die Grenzen meiner Toleranzfähigkeit. Ihre hautengen Tanktops und die Miniröcke – kaum breiter als ein Gürtel – waren für jedes Mädchen ohnehin Grund genug, ihren Freund aus Hannahs Reichweite zu zerren. Die lasziven Bewegungen, die sie einsetzte, um Christophers Interesse zu erregen, dagegen der reinste Horror. Und das Schlimmste: Es funktionierte! Christophers Aufmerksamkeit wurde geweckt. Auch wenn er ihre Anmache nur mit einem höflichen Lächeln quittierte und mich jedes Mal, wenn ich ihre Aktion bemerkte, in die Arme nahm oder mir einen Kuss auf die Stirn drückte.

Ich. War. Eifersüchtig! Jeden Tag ein wenig mehr.

Anfangs verdrängte ich das Gefühl. Mit der Zeit reagierte ich bissig. Als Hannah Florian dazu benutzte, um sich an unseren Tisch in der Mensa einzuladen, rastete ich aus.

»Sie oder ich! Du solltest eine Entscheidung treffen, mit wem du befreundet sein willst«, keifte ich Florian an, räumte mein unberührtes Essen weg und stürmte aus dem Speisesaal Richtung Schloss.

Christopher zögerte keine Sekunde und folgte mir. Behutsam legte er eine Hand auf meine Schulter. Ich schüttelte sie ab – ich wollte nicht beruhigt werden, sondern endlich wissen, woran ich war. Warum er mich warten ließ und wieweit Raffaels Geschichte der Wahrheit entsprach. Allerdings wollte ich nicht wie eine eifersüchtige Zicke rüberkommen, die Rechenschaft über jede Minute forderte, die er nicht bei mir war.

Ein überraschtes Funkeln zog über Christophers Smaragdaugen, als sich unsere Blicke trafen.

»Lynn, du kannst nicht jedem, der nicht zusammenzuckt, wenn er mir in die Augen sieht, den Krieg erklären.«

»Hannah wird sich nicht aufs Anschauen beschränken.«

»Mehr werde ich nicht zulassen. Du weißt, warum ich hier bin.«

Der Kies unter meinen Schuhsohlen knirschte, als ich stehen blieb und mich zu Christopher umdrehte.

»Um ehrlich zu sein: nicht unbedingt.«

Christopher seufzte. »Was muss ich tun, um dich davon zu überzeugen, dass ich nur deinetwegen wieder zur Schule gehe?«

Ich zögerte mit einer Antwort, da ich ihm nichts vorwerfen wollte, das ich lediglich von Raffael gehört hatte.

»Schenke ich dir zu wenig Aufmerksamkeit?«, beendete Christopher meine Denkphase.

»Nein, das nicht.« Wie schon im Schloss der Engel war Christopher stets an meiner Seite, sobald es mein Stundenplan erlaubte. Er lernte sogar mit mir, da er nicht wollte, dass ich seinetwegen meine Kurse vernachlässigte. Selbst in mein Kunstprojekt hatte er sich eingeschrieben, wobei ihm der Engel, den ich nach seinem Vorbild modellierte, ein ziemlich ungläubiges Grinsen entlockte. Und natürlich wartete er auch hier jeden Morgen vor meiner Zimmertür und brachte mich abends wieder zurück.

Auf Christophers makellosem Gesicht erschien eine Stirnfalte. »Soll ich …« – er stockte – »Bin ich zu … zu … ungestüm?«

Christophers antiquierte Wortwahl entlockte mir – angesichts seiner Unsicherheit – ein ziemlich unpassendes Grinsen. »Ich kann mir nicht vorstellen, jemals zärtlicher behandelt zu werden«, antwortete ich betont sachlich – zerfloss ich doch geradezu, wenn er mich küsste. Auch Racheengel konnten lieben, selbst wenn Christopher das anders gelernt hatte.

»Dann …« Christopher brach ab, konzentrierte sich und schaute mir in die Augen. Ein Blick, den auch Aron, mein ehemaliger Engeltutor, aufsetzte, wenn er wissen wollte, ob ich versuchte, die Wahrheit zu beugen. »Ist dir meine ständige Anwesenheit zu viel?«

Ich schlang meine Arme um seinen Hals. Christopher hielt mich auf Abstand. Scheinbar musste er es hören, um es zu glauben. Meine Antwort sollte nachdrücklich sein, damit er sie nicht vergaß. Also löste ich mich von ihm und erwiderte seinen Blick, der jetzt ein wenig alarmiert wirkte.

»Christopher Basthausen!« Mit diesem Namen hatte er sich in der Schulversammlung vorgestellt. »Jede Minute, die ich ohne dich verbringen muss, ist qualvoller als ein ganzer Tag bei der Totenwächterin. Und ich schwöre dir: Solltest du jemals länger weg sein, als ich ertragen kann, werde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um dich zu finden!«

»Dein Schutzengel würde das verhindern.« Trotz dieser Warnung zauberte er ein verführerisches Lächeln auf sein Gesicht, das mich zu ihm locken sollte.

Ich blieb standhaft und wies ihn auf die Schwächen seines Planes hin. »Du schienst dir ja ziemlich sicher zu sein, dass ich ihn nicht noch einmal austrickse.«

Christophers selbstgefälliges Grinsen verschwand. »Keinem Schutzengel würde dieser Fehler ein zweites Mal unterlaufen. Außerdem habe ich nicht vor zu verschwinden, ehe du meiner überdrüssig wirst.«

»Ich Eurer Gnaden überdrüssig?! Wie könnte ich mich zu etwas so Unglaublichem erdreisten?«

»Lynn, ich meine es ernst.«

»Ich auch! Aber im Gegensatz zu dir kann ich mich nicht einfach in Luft auflösen. Du weißt immer, wo ich bin.«

Erst jetzt schien Christopher zu begreifen, wovor ich mich fürchtete. Behutsam zog er mich in seine Arme und erinnerte mich an seinen Schwur in der Einsiedelei. Er hatte seine Welt verlassen, um bei mir zu bleiben. Gab es einen eindeutigeren Beweis für seine Liebe?

Während er mit seinen Fingern über meine zusammengepressten Lippen strich, vertagte ich meinen Einwand auf später – als er mich mit einer unwiderstehlichen Mischung aus Zärtlichkeit und Bestimmtheit küsste, vergaß ich ihn ganz.

Ich vertraute ihm: Ignorierte die Blicke meiner Konkurrentinnen, die mich förmlich auffraßen, und hoffte, dass sie irgendwann aufgaben. Christopher unterstützte meinen vorgeschobenen Optimismus, indem er sich intensiv um mich kümmerte.

Schließlich legte ich meine Zweifel ab und verdrängte die Worte des Flüsterers. Mein Vertrauen reichte, um Marisa und Juliane beim Shopping-Ausflug am Samstagnachmittag zu begleiten. Christopher bei seinem Schwimmtraining zuzuschauen war zwar reizvoll, Einkaufen mit meinen Freundinnen aber auch – zumal ich nur selten Gelegenheit dazu hatte, Christopher dagegen täglich trainierte.

Bepackt mit Tüten voll Klamotten und Süßigkeiten, stieg ich am späten Nachmittag aus dem Bus. Natürlich ging mein erster Blick zum See. Ich fand Christopher – und eine platinblonde Badenixe, die auf ihn zusteuerte.

»Ich kann ihn verstehen«, raunte Raffael, der plötzlich hinter mir aufgetaucht war. »Nach so vielen Jahren, in denen er mehr gefürchtet als geliebt wurde, genießt er jetzt die Aufmerksamkeit, die er sich immer gewünscht hat.«

»Du sprichst wohl von dir«, zischte ich, packte meine Tüten und verschwand auf mein Zimmer, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Was auch immer Raffael plante, würde erfolglos sein. Christopher liebte mich. Es gab keinen Grund, eifersüchtig zu sein.

Irgendwann stand ich trotzdem am Fenster. Es war heiß in meinem Zimmer, wir hatten Juni, und der Sommer zeigte sich von seiner besten Seite. Schon während ich die Dachluke öffnete, fand ich auf dem azurblauen See zwei hell schimmernde Punkte: einen platinblonden und einen goldfarbenen. Sie schwammen dicht nebeneinander.

Meine Eifersucht war mit einem Schlag wieder da. Ich kämpfte sie zurück. Ein irrationaler Gefühlsausbruch, bei dem ich Christopher zur Rede stellte, würde Raffael sicher gefallen – und einen Keil zwischen Christopher und mich treiben. Vielleicht war das der Grund, warum Raffael noch immer auf dem Internat war.

Sosehr ich mich auch bemühte, mein aufgewühlter Gemütszustand entging Christopher natürlich nicht. Erst als er mich am Abend nicht zurück auf mein Zimmer brachte, sondern zu der halbrunden, von alten Bäumen gesäumten Wiese am See entführte, wurde ich ein wenig ruhiger.

»Im Schloss der Engel wird heute Mittsommernacht gefeiert.« Die Sehnsucht in Christophers Stimme schmerzte. Er überspielte es, indem er die zu einem mannshohen Haufen gestapelten Holzscheite zum Brennen brachte.

»Du würdest jetzt lieber bei ihnen sein, nicht wahr?«

Christopher drehte sich zu mir um. »Nicht ohne dich!« Er hatte darauf geachtet, dass ich im Feuerschein sein Gesicht sehen konnte. »In der Mittsommernacht verzeihen wir – auch uns selbst –, deshalb ist sie etwas ganz Besonderes. Aber in diesem Jahr habe ich nichts zu verzeihen, das nicht schon vergeben wäre.«

Ich hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, dankbar, weil er meinetwegen verzichtete, und erkannte, dass ich mir seiner sicher sein konnte. Er würde zurückkommen. Er war ein Engel und stand jenseits menschlichen Misstrauens.

»Dann gehe ich heute doch früher schlafen und hoffe, dass du morgen wieder hier bist.«

Anstatt mich ziehen zu lassen, hielt Christopher mich fest. »Sie feiern die ganze Nacht. Mir bleibt noch genügend Zeit.« Vorsichtig küsste er meine Stirn, meine Augenlider und, als ein ergebener Seufzer meine Kapitulation verriet, ausgiebig meine Lippen – und wie jedes Mal versank die Welt um mich herum.

In der Nacht verwandelten sich die Bilder in meinem Kopf zu einem Albtraum. Engelsflügel, die seit meinem Bündnis mit Christopher regelmäßig in meinen Träumen auftauchten, versperrten mir die Sicht auf die dahinter verborgene Gestalt. Ich erkannte die Flügel. Es waren Christophers gigantische, von irisierendem Licht durchzogene Schwingen. In einer einzigen Bewegung blitzten sie auf und umschlossen den menschlichen Körper, bevor sie sich blutrot verfärbten und in Flammen aufgingen. Gequälte Schreie durchschnitten die darauffolgende Dunkelheit und brannten sich in mein Gedächtnis. Wie einen grausamen Ohrwurm hörte ich sie noch, als ich erwachte.

Sie verfolgten mich beim Aufstehen und verstärkten meine Angst, dass Christopher etwas passiert war. In Rekordzeit zog ich Shorts und T-Shirt an und stürmte auf den Flur – direkt in Christophers Arme.

»Hast du gehofft oder befürchtet, dass ich mein Versprechen nicht halte?«

Ich warf ihm einen Du-blöder-Engel-Blick an den Kopf und verbarg mein Gesicht an seiner breiten Schulter, damit er nicht sehen konnte, wie panisch ich war. Christopher bemerkte es natürlich trotzdem.

»Lynn. Was ist los? Deine Gefühlskurve verläuft wie eine Achterbahn. Hast du wirklich geglaubt, ich würde nicht hier sein?«

»Es wäre nicht das erste Mal, dass du mich warten lässt«, hielt ich ihm entgegen.

»Ich werde daran arbeiten«, grummelte Christopher, während er mich fester an sich drückte. »Um deine Unsicherheit zu vertreiben.«

Offensichtlich fiel es ihm leicht, meine Schwachpunkte zu erkennen: die Angst, ihn zu verlieren, und meine Eifersucht. Mir drehte sich schon bei der Vorstellung, mit wie vielen hübschen Engelmädchen er die Mittsommernacht verbracht hatte, der Magen um. Dass er und einige blendend aussehende Mädchen – einschließlich Hannah – beim traditionellen Schloss-Torgelow-Drachenbootrennen im gleichen Team paddelten, daran mochte ich gar nicht erst denken.

Für das Abschlussrennen stellte jede Klassenstufe eine Mannschaft. Marisa, die als Teamkapitänin für die Einteilung zuständig war, wollte auch mich dabeihaben. Ich hatte abgelehnt – bei meinem letzten Bootsausflug war ich bei der Totenwächterin gelandet –, Hannah nicht.

Trotz des herrlichen Wetters verkrümelte ich mich an den Nachmittagen, an denen die Drachenboot-Teams trainierten, in mein überhitztes Zimmer. Schon während der ersten Trainingsrunde hatte sich meine heraufbeschworene Gelassenheit verabschiedet. Hannahs Kontaktfreudigkeit, besonders der ihrer Hände, hatte ich nichts entgegenzusetzen. Und Christopher zu bitten, Hannah aus dem Weg zu gehen, kam nicht in Frage. Er würde mich zu Recht für überspannt halten.

Außerdem würde ich Hannah sowieso bald los sein – zumindest für sieben lange Wochen. Christopher wollte mit mir die Ferien in Italien verbringen, und ich freute mich schon riesig auf einen Sommer mit ihm: gemeinsame Tauchgänge im Meer – und nicht in einem gruseligen See –, und danach laue Abende am Strand oder in den Bergen.

Mir wurde warm ums Herz, als ich an unseren letzten Flug über die Gipfel der Abruzzen dachte. Ob ihm das Fliegen fehlte? Träumte ich deshalb von brennenden Flügeln und gequälten Schreien? Waren es Christophers Flügel, die er hergeben musste, um bei mir sein zu können? Oder war das die Strafe, weil er ein Engelsgesetz übertreten hatte, als er mich aus den Klauen der Totenwächterin befreite? Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, und ich verschob es ein weiteres Mal, Christopher danach zu fragen.

Die halbe Schule spielte verrückt. Schon beim Frühstück war die Anspannung der Drachenboot-Teams greifbar.

Hannah ließ sich von den Mitgliedern ihres Hofstaats aufmuntern. Vorzugsweise von Raffael und Florian. Trotz der Rivalität schienen die beiden Jungs sich von Tag zu Tag besser zu verstehen. Ich sollte eingreifen, bevor Florian Raffael als seinen Freund betrachtete.

Marisa stocherte nervös in ihrem Essen herum. Selbst Christopher wirkte heute Morgen ein wenig unkonzentriert. Statt Salz streute er Zucker auf sein Frühstücksei.

»Noch ein paar Kohlenhydrate extra, damit dir beim Rudern nicht die Puste ausgeht?«, fragte ich amüsiert, als ich seine Unachtsamkeit bemerkte.

»Paddeln!«, korrigierte Marisa, während Christopher den ersten Bissen seines Eies kostete. Angewidert verzog er das Gesicht, worauf ich in schallendes Gelächter ausbrach. Meine gute Stimmung wirkte entspannend.

»Lach du nur. Wenn ich den Pokal in der Hand halte, wirst du vor Neid platzen«, spöttelte Marisa.

»Falls ihr ihn gewinnt«, erwiderte ich.

»Mit Raffael und Chris? Wer sollte uns da besiegen?«

Ich schwieg. Ja, wer konnte einem Flüsterer und einem Engel die Stirn bieten?

Während Marisa und Christopher sich mit einem Morgentraining auf den Wettkampf vorbereiteten, verlängerte ich mit Juliane die Frühstückspause auf der Terrasse, die einen grandiosen Blick über den tiefblauen, in der Morgensonne funkelnden See bot. Nachdem Florian, der auch mitpaddelte, aufgebrochen war, gesellte sich Max zu uns. Es fiel ihm schwer, sich zwischen seinem besten Freund und uns Mädchen zu entscheiden.

»Langsam hab ich’s satt«, begann er. »Dieses ständige Gejammer von wegen Ich mach nur meinen Job geht mir langsam auf den Keks. Irgendwie hat Florian sich da in was verrannt, das er im Grunde gar nicht will. Und jedes Mal, wenn ich denke, er lässt die Finger von ihr, weil Raffael am Zug ist, räumt der dunkelhaarige Schönling das Feld.«

Schon bevor Max auf Raffael zu sprechen kam, schrillten bei mir die Alarmglocken. Raffaels Interesse an Florian hatte ich mir nicht nur eingebildet. Offenbar wollte er, dass Florian an Hannah dranblieb, was die Idee, Raffael eins auszuwischen, ad absurdum führte. Hatte Raffael unseren ohnehin dämlichen Plan von Anfang an durchschaut und steuerte dagegen? Um unsere Freundschaft zu zerstören?

Max schien dasselbe zu denken. »Vielleicht sollten wir die ganze Sache abblasen. Hannah ist eh mehr an Angelo interessiert – und der kommt als Köder ja wohl kaum in Frage.«

»Angelo?«, würgte ich trotz Hustenattacke nach einem in den falschen Hals geratenen Schluck Kaffee hervor. Der verlegene Blick meiner Freunde klärte mich auf: Wenn Christopher nicht dabei war, nannten sie ihn Angelo.

»Angelo? Wie kommt ihr denn darauf?«

»Eigentlich dachte ich, du hättest ihn dir angesehen. Offenbar ist dir entgangen, dass Christopher wie ein Engel aussieht«, kicherte Juliane, bevor sie in schallendes Gelächter ausbrach.

»Ach ja? Danke, Juliane, dass du ihn dir so genau betrachtet hast.« Ich war aufgesprungen, während ich meine Freundin angiftete.

Die trotz Sommersonne bleiche Juliane erblasste noch ein wenig mehr. Die Wahrheit vertrug sie anscheinend nicht.

»Mach dich nur weiter an meinen Freund ran, aber erwarte bloß nicht, wieder getröstet zu werden, wenn du erkennst, dass er jenseits deiner Möglichkeiten liegt«, sprudelte es aus mir heraus. Ich ließ meine Freunde sitzen – nach diesem Auftritt vielleicht auch Exfreunde. Es war mir egal. Ich brauchte sie nicht – ich hatte Christopher.

Kurz vor Beginn der Wettkämpfe suchte ich mir einen Sitzplatz auf der grasbewachsenen Böschung vor dem Gelben Haus. Wenn ich Christopher nicht versprochen hätte zuzusehen, wäre ich nicht gekommen.

Die ganze Schule war hier versammelt. Wer nicht am Drachenbootrennen teilnahm, schaute zu und genoss den strahlenden Sommertag, sonnte sich oder erfrischte sich in dem klaren, inzwischen Badetemperatur warmen See.

Ich schwitzte lieber – nicht nur wegen der Sonne. Hannah im knappen Einteiler – sie war die Einzige in Badekleidung – zwischen den Drachenboot-Teams neben Christopher zu sehen, katapultierte meinen Blutdruck in die Höhe. Model-like lief sie an seiner Seite über den Steg, ließ sich von ihm ins Boot helfen und das Paddel reichen.

Ich biss die Zähne zusammen. Er war nur hilfsbereit. Mehr würde sie nicht bekommen. Christophers Blick fand mich. Das Lächeln, das er nur mir schenkte, beruhigte mich. Er war so viele Jahre allein gewesen. Warum sollte er ausgerechnet jetzt zum Bigamisten werden?

Raffaels Erklärung, dass Engel sich nicht nur an einen Menschen banden, fiel mir wieder ein. Mit hundert Flüchen verwünschte ich den Flüsterer, der mir diese Lüge ins Ohr gesetzt hatte, und hoffte, dass er aus dem Boot fallen, ertrinken und in die Hände der Totenwächterin geraten würde.

»Na, wieder ein bisschen runtergekommen?«

Ich schrak zusammen, als Max neben mir Platz nahm.

»Juliane hat nicht vor, dir Chris auszuspannen. Sie würde es eh nicht schaffen – so besitzergreifend, wie er dich festhält.«

Ich nahm Max die Bemerkung nicht übel – ich kannte Christopher. Er war nicht besitzergreifend. Er wusste, wie sehr ich seine Umarmung brauchte.

»Das tut er nur, um jeden abzuschrecken, der es wagen sollte, mich blöd anzumachen. Also pass bloß auf, sonst beißt er dir nach dem Rennen den Kopf ab.«

Max, der immer für einen Spaß zu haben war, lachte herzlich. »Ich bin froh, dass du nicht sauer bist, weil wir ihn Angelo nennen.«

»Nein. Wenn, dann müsste ja wohl Christopher sauer sein.« Und Juliane, weil ich sie aus einem Impuls heraus wegen einer Nichtigkeit angegiftet hatte – was mir inzwischen unheimlich leidtat und ich schnellstens wieder einrenken wollte. Wahrscheinlich hatte sie sich deshalb einen Platz auf der anderen Seite der Wiese gesucht.

Gemeinsam mit Max beobachtete ich, wie der Wettkampf begann. Jeweils zwei Mannschaften paddelten in den langen, mit bunten Drachenköpfen verzierten Holzbooten gegeneinander. Vorne, mit dem Rücken zum Bug, saß der Antreiber. Für gewöhnlich der Leichteste des Teams. Bei uns war das Marisa. Mit ihrer Trommel gab sie vor, mit welcher Schlagzahl gerudert wurde. Hinten stand der Steuermann, der ein wenig an einen Gondoliere erinnerte, und hielt das Drachenboot auf Kurs. Dazwischen quetschte sich der Rest des Teams auf schmale Holzplanken. Alle waren mit kurzen Paddeln ausgestattet, die möglichst schnell und gleichzeitig durchs Wasser gleiten sollten.

Marisas Team trat zuerst gegen die Siebtklässler an: ein leichtes Spiel. Mit einer Bootslänge Vorsprung erreichten sie das Ziel. Gegen die Lehrer war der Sieg härter erkämpft und der Jubel ein wenig größer.

Ich starrte zur Seite, als Hannah Christopher umarmte. Max war mit seinen Anfeuerungsrufen so beschäftigt, dass er es zum Glück nicht bemerkte – er hätte sich schlappgelacht. Dennoch sah ich erst auf, als Marisas Trommel wieder über den See schallte, um das Boot zurück zum Start zu lotsen.

Die Anspannung der Finalteilnehmer wuchs. Die Elfte ruderte gegen die Zwölfte, die nach bestandenem Abitur zum Wettkampf noch einmal ins Internat zurückgekehrt war. Ein Prestigeduell, das keine der beiden Mannschaften verlieren wollte.

Der Startschuss ertönte. Marisa trieb ihre Mannschaft zur Höchstleistung. Mit schnellen Schlägen forderte sie ihr Team.

Mein Blick wanderte über Raffael, der wie ein Uhrwerk Marisas Rhythmus folgte, zu Hannah, die ein wenig mogelte, indem sie ihr Paddel nicht so tief eintauchte, aber dennoch mehr gab, als ich ihr zugetraut hätte. Schließlich blieben meine Augen an Christopher hängen. Kraftvoll und anmutig zugleich stieß er das Paddel in den See. Die Muskeln, die sich unter seinem T-Shirt abzeichneten, waren in harmonischer Aktion.

Ich seufzte leise. So ein Prachtexemplar hatte ich wirklich nicht verdient. Kein Wunder, warum einige glaubten, die bessere Wahl zu sein.

Verzückt hing ich noch immer an Christophers Traumkörper, als ein dumpfer Fehlschlag die Harmonie der Trommeln durchbrach. Splitterndes Holz, ein überraschter Schrei, dann ein auf Wasser aufschlagender Körper. Mit atemberaubender Geschwindigkeit versank Hannah in dem dunklen Blau.

Gänsehaut überzog meinen Nacken, als die Bilder vom Grund des Sees vor meinen Augen auftauchten.

Das Drachenboot schoss weiter. In voller Fahrt war es unmöglich, sofort zu stoppen. Christopher zögerte nicht, warf das Paddel beiseite und sprang Hannah hinterher.

Fantasiegespinste entstanden vor meinen Augen: Hannah, die hilflos im See taumelte, und Christopher, der sie rettete. Der seinen Mund auf ihren presste, um ihr Luft zum Atmen einzuflößen – wie er es bei mir getan hatte, als ich beinahe ertrunken wäre. Mein Körper schrie vor Eifersucht, doch ich hielt mich zurück. Hannah im See sterben zu lassen, nur weil ich es nicht ertragen konnte, Christopher mit einem anderen Mädchen zu sehen, so weit durfte ich nicht gehen.

Erst als er mit Hannah im Schlepptau das Ufer erreichte, drehte ich durch. Viel zu behutsam hielt er sie in seinen Armen. Allzu fürsorglich bettete er sie auf eine weiche, grasbewachsene Stelle, bevor er Puls und Atmung prüfte. Anscheinend gefiel ihm das Ergebnis nicht. Ich hätte schwören können, dass Hannah ihre Ohnmacht nur vortäuschte, um ihr Ziel zu erreichen: Christophers Mund auf ihren Lippen!

Mein Magen begehrte auf – wie immer, wenn ich wütend wurde – und trieb mir Säure ins Blut. In diesem Augenblick wäre ich zu einem Mord fähig gewesen. Dass Christopher sich dann bestimmt vor Hannah und damit gegen mich gestellt hätte, hielt mich davon ab. Dennoch, bleiben und zuschauen konnte ich nicht. Flucht erschien mir das Einfachste. Ein Ausweg, der mir vertraut war.

Es trieb mich zu der Lichtung im Wald, auf der die Maiglöckchen geblüht hatten. Zu der Stelle, wo in Christophers Welt die Kapelle stand, in der er mich zum ersten Mal geküsst hatte. Verzweifelt ließ ich mich in die dunkelgrüne Fülle sinken, verbarg meinen Kopf zwischen den Knien und erlaubte mir zu weinen. Trotz brennender Augen blieben die Tränen aus, als ob mein Körper damit nicht einverstanden wäre. Der zusätzliche Schmerz verstärkte meine Wut und überschwemmte meinen Körper mit Hassgefühlen. Ich brannte innerlich. Voller Zorn schlug ich meine Finger in die weiche Erde, bis ich keine Kraft mehr dazu hatte.

Ich erwachte in der Morgendämmerung. Ein stechender Geruch stieg mir in die Nase. Als ich mich aufsetzte, erkannte ich den Grund: Die ganze Wiese glich einem Schlachtfeld. Abgerissene Blätter, zerfledderte Stängel, entwurzelte Blümchen. Ein wahrer Pflanzenfriedhof. Hier würde so schnell kein Maiglöckchen mehr blühen. Ich hatte alle vernichtet, auch wenn ich mich nicht mehr daran erinnern konnte – was mich beinahe noch mehr entsetzte. Ich war schuld an dem Blumenmassaker. Meine Hände lieferten den Beweis. Sie waren erdverkrustet, und unter den Fingernägeln befanden sich grünbraune Ränder, zudem schmerzten sie.

Verwirrt zog ich die Beine an. Trotz des lauen Sommermorgens begann ich zu frieren. Was war nur los mit mir? Eifersuchtsattacken, unkontrollierte Wutausbrüche und dennoch keine Tränen? War ich doch zu schwach, um einen Engel zu lieben? Meine Augen begannen wieder zu brennen. Sie blieben tränenlos. Ich würde das hinbekommen – ich wollte es!

Als die Sonne sich in dem orangegelb gefärbten See widerspiegelte, hatte ich mich so weit gefangen, dass ich zur Schule zurückkehren konnte. Noch vor der ersten Wegbiegung entdeckte ich Christopher, lässig gegen einen Baum gelehnt. Seiner Haltung nach beobachtete er mich schon eine ganze Weile.

»Seit … seit wann bist du hier?«, fragte ich unsicher.

»Beinahe so lange wie du. Abgesehen von den paar Minuten, die ich gebraucht habe, um ein Leben zu retten.« Christophers Stimme klang nicht vorwurfsvoll, aber seine Worte waren es. In einer anderen Situation hätte ich ihm seine Fehler vorgeworfen: seine Nachsicht für Hannahs Anmache. Heute fühlte ich mich nur ausgebrannt.

»Danke – für Hannah. Und … es tut mir leid«, flüsterte ich mit von Tränen, die nicht fließen wollten, erstickter Stimme.

Christopher war keine Sekunde später bei mir, sah mir forschend in die Augen, zögerte und zog mich dann doch in seine Arme. Sein Duft nach Sommergewitter vertrieb den Gestank der verwesenden Blumen, den ich noch immer in der Nase hatte, sein Engelswesen nahm mir die Angst, ihn zu verlieren.

Kapitel 3
Höhenflüge

Mein Zeugnis war besser ausgefallen als erwartet, die Ferien und mein geliebtes Meer rückten in greifbare Nähe. Was konnte schöner sein als die Vorfreude auf einen Sommer mit Christopher?

Schon am Abend vor unserem Flug nach Rom – natürlich mit dem Flugzeug – konnte ich vor Aufregung kaum stillsitzen. Mehrfach kontrollierte ich mein Gepäck, überprüfte meinen Boardingpass und den Wecker.

»Lynn, die Uhr geht noch immer richtig, und falls du verschlafen solltest, werde ich dich wecken.«

»Ist das eine Drohung oder ein Versprechen?«

»Beides«, antwortete Christopher. »Aber wenn du geküsst werden möchtest, brauchst du es nur zu sagen.«

»Nein danke. In meiner Welt sind solche Foltermethoden schon lange verboten.«

»In meiner nicht.« Mit einem Sprung war Christopher bei mir, schnappte mich an der Taille und warf mich auf mein blaues Himmelbett. In gespieltem Entsetzen kreischte ich auf und versuchte, mich unter ihm hervorzuwinden. Christopher verstärkte seinen Griff und erstickte meinen Protest mit einem innigen Kuss.

»Und falls du es noch nicht weißt«, raunte er während einer Atempause, »bei uns sind die Frauen ihren Männern untertan.«

Für den Bruchteil einer Sekunde versteifte sich mein Körper, doch das genügte, um Christopher in schallendes Gelächter ausbrechen zu lassen. Ich kämpfte mich frei und kletterte aus dem Bett. Seine Reaktion ärgerte mich. Noch bevor ich Zeit zum Nachdenken hatte, schlug ich zurück.

»Dann such dir besser jemanden, der auf so was steht.« Ich war schneller bei der Tür als Christopher. »Meine Freunde warten. Wenn du dich wieder beruhigt hast, kannst du ja nachkommen – falls du es erträgst, wenn ich nicht allem zustimme, was du von dir gibst.«

Schon während ich die Treppen zur Eingangshalle hinunterlief, verrauchte meine Wut. Offenbar hatte ich nach dem ganzen Stress in letzter Zeit Ferien dringend nötig.

Christopher kam eine halbe Stunde nach mir in die Schuldisco, wo heute die Sommerferienparty stattfand. Er schien mir verziehen zu haben, dass ich so zickig auf seinen Scherz reagiert hatte.

Erst am nächsten Morgen rächte er sich – zumindest fühlte es sich so an. Nachdem er sich beim Frühstück nur kurz in der Mensa hatte blicken lassen, beschloss ich, eine Stunde bevor der Bus uns zum Flughafen nach Berlin bringen sollte, bei ihm vorbeizuschauen.

Christopher manövrierte mich aus seinem Zimmer, das er mit Frederik teilte, einem ebenso dicklichen wie dümmlichen Ex-Zwölftklässler. Natürlich hatte ich nichts dagegen, mit ihm allein zu sein, weshalb wir im Schloss – in meiner Kammer unterm Dach – landeten. Doch anstatt die Gelegenheit zu nutzen, starrte Christopher gedankenverloren zu einer der Dachluken hinaus.

Mir wurde ein wenig mulmig, da ich befürchtete, dass sein Schweigen etwas mit unserer Auseinandersetzung am Tag zuvor zu tun hatte. Ein kleiner Satz genügte, um Panik in mir auszulösen – und Hilflosigkeit.

»Ich werde heute nicht mit dir nach Rom fliegen.«

Ich zwang mich zur Ruhe und dazu, nicht nach dem Grund dafür zu fragen, um nicht hysterisch rüberzukommen. So ganz gelang mir das nicht. »Und wann kommst du nach?«

Christopher drehte sich zu mir um. Er schien von meiner Gelassenheit überrascht zu sein und machte einen Schritt auf mich zu. Vorsichtig, als befürchte er, ich könne zubeißen, berührte er meine Wange. Da ich stillhielt, begann er, meinen Nacken zu streicheln, was mir – trotz meiner üblen Vorahnung – ein angenehmes Prickeln den Rücken hinunterjagte.

»Das kann ich nicht sagen«, antwortete er.

Meine Vorfreude auf gemeinsame Ferien mit Christopher bekam Risse. Trotzdem versuchte ich, gelassen zu bleiben. Doch Christopher spürte meinen Kummer und zog mich zu sich.

»Aber ich werde bei dir sein.«

Ich klammerte mich an ihn und an seine Worte. Sie gaben mir Halt. In den letzten Wochen war ich oft genug ausgeflippt. Eine Szene als Abschiedsgeschenk wollte ich nicht hinterlassen. Also kämpfte ich gegen meine Gefühle – und meine Tränen. Erst als ich in den Bus stieg, entfloh eine meiner Kontrolle.

Christopher lächelte, als er sie entdeckte. Vielleicht war er froh zu sehen, dass ich weinte.

Philippe fuhr sich durch seine schwarzen Wuschelhaare. Er wirkte ein wenig verwirrt, als ich allein den Terminal in Rom verließ.

»Sollte ich nicht zwei von euch Musterschülern abholen?«

»Wie’s aussieht, musst du dich mit mir begnügen«, antwortete ich, während ich ihm um den Hals fiel.

»Kommt Chris nach, oder …« Philippe schob mich von sich. Als er meine rotgeäderten Augen bemerkte, wurde er unsicher. »Hattet ihr Streit?«

»Nein – nicht unbedingt.«

»Nicht unbedingt?! Das ist so typisch für euch Mädels. Immer redet ihr um den heißen Brei herum. Erzählst du mir jetzt, ob du noch mit Chris zusammen bist, oder muss ich im Internet nachschauen?«

»Da wirst du wohl nichts finden. Aber zu deiner Beruhigung: Er kommt nach.«

»Gut – für dich«, antwortete Philippe, schnappte sich mein Gepäck und machte sich auf den Weg zu seinem Fiat Punto. Ich musste rennen, um mit ihm Schritt zu halten.

»Woher willst du das wissen?! Du kennst ihn doch kaum. Außerdem ist es dein Job, mich zu verteidigen und nicht ihn

»Das tue ich doch. Und da ich weiß, was gut für dich ist …« Mit zwei hochgezogenen Augenbrauen, die signalisierten: Frag nicht nach, ich weiß, wovon ich spreche, beendete Philippe unsere Unterhaltung und verstaute mein Gepäck im Kofferraum seines Wagens.

Natürlich akzeptierte ich es nicht, dass er dachte, mir meine Entscheidungen abnehmen zu können. »Und wenn er nicht so gut für mich ist, wie es scheint?«

»Das ist er. Glaub mir, ich kenn mich mit Jungs aus. Nach mir ist er das Beste, was dir je passieren konnte.«

Ich brach in gellendes Gelächter aus, während Philippe aus dem Parkplatz rangierte. »Sag mir Bescheid, wenn du wieder frei bist – oder bist du das schon?« Philippes Beziehungen dauerten selten länger als ein paar Wochen.

Er schaute kurz zu mir herüber. »Lucia ist anders als die Mädchen vor ihr. Manchmal glaube ich, sie kann meine Gedanken lesen.« Seine schwarzbraunen Augen leuchteten warm, als er an seine Freundin dachte – mir hingegen kräuselten sich die Haarspitzen angesichts Philippes unerwartet romantischen Ergusses.

Meine Eltern hielten sich mit Fragen zu Christopher zurück. Trotzdem erzählte ich ihnen gleich nach den Begrüßungsumarmungen, dass er nachkommen wollte, um jegliche Spekulationen über den Stand unserer Beziehung rechtzeitig zu ersticken. Notfalltipps und Erfahrungsberichte meiner Eltern waren das Letzte, was ich hören wollte.

Einzig Emilia, meine allerbeste Freundin, die dem Aussehen nach als meine Schwester durchgehen könnte, erzählte ich von Hannahs Bootsunfall und meinem Streit mit Christopher.

»Wenn Stefanos Lippen auf dem Mund einer anderen gelandet wären, hätte ich auch nachgehakt.«

»Ich hätte einen von beiden erwürgt, wenn ich geblieben wäre, um nachzuhaken!«, gab ich zu. »Stattdessen hab ich mich lieber verdrückt.«

»Und deshalb ist Chris sauer auf dich und hat dich allein fliegen lassen? Er soll froh sein, dass du so was wie Eifersucht kennst. Dann weiß er wenigstens, dass du ihn liebst!«, erklärte Emilia verärgert. »Wart’s ab. In ein paar Tagen wird er hier sein und reumütig vor deiner Tür stehen.«

Ich verschwieg meine Befürchtung, inzwischen bei krankhaft eifersüchtig angekommen zu sein, und vertraute ihrer Vorhersage, Christopher bald an meiner Türschwelle scharren zu hören.

Doch aus dem Scharren wurde nichts. Nicht mal ein leises Klopfen – auch nicht in meinen Träumen, obwohl ich wusste, dass Christopher die Fähigkeit besaß, mir darin zu erscheinen. Leise Sorge beschlich mich. Raffael hatte mir zu viele Gerüchte ins Ohr geflüstert, um sie verdrängen zu können. Eifersucht mischte sich hinzu.

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