Logo weiterlesen.de
Tal der Hoffnung

Tom Gamble

TAL DER HOFFNUNG

Eine Marokko-Saga

Aus dem Englischen
von Yasemin Dincer

Inhaltsübersicht

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

Dank

Für die Kinder des Atlas

Si riches avec si peu

1

Im Rückblick scheint es, als hätte es das Jahr 1938 gar nicht geben sollen. Es war wie ein Moment des Innehaltens in einer lauten Runde, eine irritierende Pause, bevor alle wieder zum Leben erwachten. Die Welt wartete.

Im Mai jenes Jahres lernte Jim Wilding in einer Bar in Gibraltar Harry Summerfield kennen. Wildings Job hatte ihn damals für einen kurzen Zwischenstopp nach Europa geführt, bevor er sich in Französisch- und Spanisch-Mauretanien auf die Suche nach Öl begeben sollte.

Dem Amerikaner Wilding erschien die Situation in Europa als einziges Theater. Der drohende Krieg wirkte so unwahrscheinlich und weit entfernt wie ein schlechter Scherz, und Wilding vermutete, dass es den meisten Menschen in dieser Hinsicht ganz ähnlich ging: Sie hatten einfach dringlichere Sorgen.

Auf der Reise von Southampton nach Gibraltar las Wilding sich durch einen ganzen Stapel Zeitungen. Die ausgelesenen Blätter reichte er an eine mitreisende britische Familie weiter, und es amüsierte ihn zu beobachten, wie der Junge und das Mädchen verschiedene Photographien daraus ausschnitten. Sie klebten sie in ein Heft und erschufen ihren eigenen Comicstrip, indem sie Sprechblasen an die Münder, manchmal auch, unter boshaftem, unkontrollierbarem Gekicher, an die Nasen und Hinterteile der Politiker malten. Die Kinder zeigten Wilding ihre Kunstwerke, und bei genauerem Hinsehen bemerkte er, dass sie die Blasen zwar hauptsächlich mit kindischen Äußerungen gefüllt, dabei jedoch mit ihren Kommentaren den Nagel mehrfach so genau auf den Kopf getroffen hatten, wie es manchmal eben nur Kinder können.

Wilding lachte leise vor sich hin – jetzt wirkten die politischen Verwerfungen endgültig wie ein Theaterstück. Je länger er die Bilder betrachtete, desto stärker wurde sein Eindruck, dass es sich bei alldem lediglich um ein Kriegsspiel mit grellen Verkleidungen handelte, und er musste lachen. »Wer wohl die Schlacht gewinnt?«, scherzte er mit der Familie.

Der Frachter legte in Gibraltar an, einem schäbigen, hektischen kleinen Ort, der von einem einzelnen Felsen und der britischen Küstenbatterie dominiert wurde. Seit Wilding vor zwei Wochen aus New York abgereist war, hatte er den größten Teil der Zeit eingepfercht in einer Schiffskabine verbracht, und nun konnte er es kaum erwarten, wieder festen Boden unter seinen Füßen zu spüren. Auf der Suche nach einem Bier spazierte er am Hafen entlang in Richtung Stadt.

Die erste Bar, die er entdeckte, war ihm zu laut, vollgestopft mit Matrosen. Eine zweite, nur ein kleines Stück weiter die Hauptstraße entlang, wirkte ruhiger. Wilding betrat den kühlen Innenraum, verlor im düsteren Licht kurz die Orientierung und setzte sich dann an den ersten freien Tisch, um zu bestellen.

Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er, dass die Wände vom Tabakrauch bräunlich verfärbt waren. Der Raum war nahezu leer, und Wilding betrachtete die schweigsame Kundschaft: ein schlafender britischer Matrose am Nachbartisch, den Kopf auf die Arme und eine Ausgabe der Movie Times über die Mütze gelegt, zwei träge ältere Einheimische in billigen Baumwollanzügen und schließlich ein vierter Mann, seiner Kleidung nach zu urteilen Engländer und schätzungsweise in Wildings Alter, also neunundzwanzig.

Er saß etwa zehn Meter von ihm entfernt, schwitzte und wartete. Dabei sah er aus, als hätte er sein ganzes bisheriges Leben lang nur gewartet. Wilding beobachtete ihn, wie er sein Glas anhob, feststellte, dass es fast leer war, und einen genau dosierten Schluck nahm, damit noch ein letzter Rest darin verblieb. In diesem Augenblick schaute der Engländer mit seinen klaren, stechend blauen Augen auf. Wilding wurde neugierig auf diesen Mann. Offensichtlich irritiert, wandte sich dieser sogleich wieder der Zeitung zu, die vor ihm ausgebreitet lag. Lange Sekunden verstrichen. Er schien nicht zu lesen, sondern nachzudenken. Wilding entschloss sich, zu ihm hinüberzugehen.

»James – Jim – Wilding«, sagte der Amerikaner mit ausgestreckter Hand.

Der Engländer sah zu ihm hoch. »Du bist ein Yankee

Ein trockener britischer Tonfall. Der Mann starrte auf Wildings ausgestreckte Hand, runzelte die Stirn und ergriff sie zögerlich. Wilding fragte sich, ob Händeschütteln unter Briten vielleicht nicht üblich war.

»Harry Summerfield.«

Der Engländer blickte zur Tür, dann auf Wilding, der in vergeblicher Erwartung einer Einladung, Platz zu nehmen, vor dem Tisch stehengeblieben war. Schließlich zog er einfach einen Stuhl zurück und setzte sich.

»Verdammt heiß«, bemerkte Wilding und deutete mit einer Geste an, dass die Hitze ihm zu schaffen machte, obwohl er bei seinem Job in den Südstaaten schon Temperaturen erlebt hatte, die den hiesigen glichen, wenn nicht gar höher waren. Summerfield grinste verlegen, wandte den Blick wieder zur Tür, schaute zwischendurch auf seine Armbanduhr und schien dann endlich mit einem Seufzer zu beschließen, sein Glas zu leeren und aufzubrechen. Instinktiv und ohne zu wissen, weshalb, drehte Wilding sich zur Bar um und rief nach einem weiteren Bier. »Das geht auf mich«, erklärte er und prostete dem fremden Engländer zu. Summerfield wirkte erst überrascht, dann beschämt und beunruhigt, doch nach einem letzten Blick in Richtung Eingang trank er den Rest seines Biers aus und nickte.

»Danke, Yankee.«

Wilding fielen Summerfields markante Augenbrauen auf – oder vielmehr seine Augenbraue. Es war eine einzige markante Linie, die den Blick auf die darunterliegenden, strahlend blauen Augen lenkte, die ihn so entschlossen wie undurchdringlich anblickten.

»Was führt dich nach Gibraltar?«, fragte Summerfield.

»Ich komme gerade aus Southampton und nehme von hier aus die Fähre nach Marokko. Von dort aus geht es weiter südlich nach Mauretanien.«

»Du willst also nicht nach Spanien?« Der Engländer wirkte erstaunt. »Ich dachte, du wärst ...«

»Ich bin weder Schriftsteller noch Journalist«, warf Wilding grinsend ein. »Was ja anscheinend all die anderen Amerikaner hier sind. Ich arbeite für Southern Star Petroleum, und die glauben, dass es da unten Öl gibt.«

»Wo es Geld gibt ...«, murmelte Summerfield mit ironischem Unterton.

»Da ist das Leben«, beendete Wilding den Satz, bereit, das Spiel mitzuspielen. »Manchmal bringen Geschäfte die Menschen zusammen.«

»Und manchmal entzweien sie sie«, fügte der Engländer hinzu.

Summerfield tat, als widmete er sich wieder seiner Zeitung, und Wilding begann zu bereuen, dem miesepetrigen Tommy ein Bier spendiert zu haben. Er wollte die Begegnung so schnell wie möglich beenden. »Na gut, Harry, sag mir noch, was du so vorhast, und dann lasse ich dich in Frieden«, verkündete er geradeheraus.

»Warten«, antwortete Summerfield mit einem seltsamen Gesichtsausdruck.

»Ach ja?«, erwiderte Wilding ironisch.

»Auf einen Kontaktmann«, erklärte Summerfield, der die Gereiztheit des Amerikaners spürte und sich endlich bemühte, sein Verhalten wiedergutzumachen. »Um dort rüberzukommen«, fügte er noch mit einem Kopfnicken in Richtung der spanischen Grenze hinzu. »Die verdammten Spanier – so was von unzuverlässig. Und es scheint ihnen völlig gleichgültig zu sein.«

Wilding war überrascht. »Du bist also Journalist?«

»Um Gottes willen«, erwiderte Summerfield. »Obwohl ich tatsächlich schreibe. Ich habe als Werbetexter gearbeitet, als einer dieser Wortalchemisten, die mit Lügen Träume verkaufen. Seife, Corned-Beef-Dosen, Zigaretten, Klopapier, was immer du willst, ich habe darüber geschrieben. Nein«, kam er wieder auf Wildings Frage zurück. »Ich hatte gehofft, ich könnte mich an dem Chaos dort drüben beteiligen. Seit drei Tagen warte ich nun schon in diesem Loch darauf, dass mein Kontaktmann auftaucht.«

»Du meinst, du willst kämpfen?«, hakte Wilding nach, der sofort merkte, wie dumm seine Frage klang, und daraufhin die Stimme senkte. »Du wartest darauf, an die Front gelassen zu werden? Du weißt aber schon, dass der Krieg längst verloren ist?«

»Ich wüsste nicht, was ich hier sonst suchen sollte«, gab Summerfield zurück und ignorierte Wildings letzte Bemerkung. »Alles in allem bin ich nun seit einem Monat auf dem Kontinent. Ich habe versucht, von Norden aus nach Spanien zu kommen, aber die Grenze ist in beide Richtungen abgeriegelt, damit niemand rauskommt. Irgendein Kerl hat mir einen Namen genannt und behauptet, ich könne mich von einem Boot an der Küste absetzen lassen.«

»Es muss doch tausend Möglichkeiten geben«, gab Wilding zu bedenken. »Zum Beispiel über Portugal. Sie können unmöglich die komplette Grenze absichern. Dafür ist sie viel zu lang.«

Summerfields Tonfall wurde wieder distanziert. »Stellst du meine Entschlossenheit in Frage, Wilding?«

Wilding starrte den Engländer an, verblüfft über dessen Empfindlichkeit. »Herrje, nein – ich wollte doch nur behilflich sein«, verteidigte er sich. Sein Gegenüber schien darüber nachzudenken, und langsam entspannten sich seine Gesichtszüge wieder. Der arme Kerl sah völlig erschöpft aus. »Du musst müde sein«, tastete Wilding sich vor.

»Das ist das Klima hier«, erwiderte Summerfield entschuldigend. »Mit dem Reisen und all seinen Unannehmlichkeiten werde ich schon fertig, daran bin ich gewöhnt, aber mit dieser gottverdammten Hitze hatte ich wirklich nicht gerechnet. Ich schätze, ich bin wohl einfach nicht so tatkräftig wie manch anderer.«

»Was meinst du damit?«

»Ich habe nicht die richtigen Schulen besucht«, erklärte Summerfield säuerlich. »Ich bin nicht von der richtigen Sorte.« Und als er sah, dass Wilding ihn immer noch nicht verstand, fügte er hinzu: »Ich habe nie gelernt, mit all dem fertig zu werden, was von einem echten Gentleman erwartet wird.«

Wilding lachte auf: »Also wirklich, Harry! Dieser ganze Kram ist doch völlig veraltet!«

»Nicht da, wo ich herkomme«, widersprach Summerfield und wurde rot, als bemerkte er, dass er auf den Amerikaner seltsam wirken musste.

»Wen interessiert das schon?«, tat Wilding ab. »Das hier ist nicht England – da kann der Union Jack noch so sehr auf dem Gipfel des Felsens flattern. Trink dein Bier aus, Harry. Ich muss mir ein wenig die Beine vertreten, und du hörst dich an, als bräuchtest du dringend eine Luftveränderung.« In den darauffolgenden Tagen erkundeten Wilding und Summerfield die Kolonie, wobei sie immer wieder in verschiedenen Bars Halt machten, um ihren Durst zu stillen und sich amüsiert über dieses seltsame kleine Stück Großbritannien auszutauschen. Wilding erfuhr, wie Summerfield zu der Überzeugung gelangt war, am Spanischen Bürgerkrieg teilnehmen zu müssen. Angefeuert von einer Rede Orwells ein Jahr zuvor in London, war er hergekommen. Der große Schriftsteller hatte formuliert, was Summerfield immer schon gefühlt, aber selbst nie in Worte hatte fassen können, nämlich die Notwendigkeit, für eine gerechte Sache zu kämpfen.

Summerfield machte auf Wilding bisweilen den Eindruck eines Jungen, der noch nicht wusste, was für ein Mann er werden wollte. Es schien, als glaubte der Engländer an Märchen, an den Kampf zwischen Gut und Böse, an einen weißen Ritter, der die Prinzessin namens Demokratie retten musste. Wilding war mehrmals kurz davor, ihm ins Gesicht zu sagen, dass er wohl vor allen Dingen auf der Suche nach sich selbst ins Feld zog und es andere Wege gäbe, zu sich zu finden, als auf Menschen mit anderen Ansichten zu schießen. Dann wieder meldete sich der letzte Rest Idealismus in Wilding zu Wort, und er dachte sich, dass am Ende sowohl die größten als auch die irrwitzigsten menschlichen Leistungen eher von dem Kind als von dem Erwachsenen in uns vollbracht werden. Vielleicht fühlte sich hier sogar eine unentdeckte künstlerische Seite in ihm angesprochen, die von einer Familie, die sich seit mehreren Generationen der Wissenschaft verschrieben hatte, sowie von fünf Jahren Geologiestudium in Princeton nicht gerade befördert worden war. Der naive Glaube, dass Träume und Heldenmut den Lauf der Welt verändern konnten, die kindliche Missachtung aller Vernunft schien jedenfalls charakteristisch für Harry Summerfield zu sein.

Und aus genau diesem Grund wurde er Wilding immer sympathischer. Summerfield war eben kein gewöhnlicher Engländer, er war ein Zweifler und Rebell. An seinem zweiten und letzten Abend in Gibraltar nahm Wilding Summerfield mit zu den Pubs am Hafen. Als sie um zwei Uhr morgens im The HMS Vengeance über einem doppelten Whisky das Schicksal der Welt erörterten, platzte Wilding plötzlich mit einer Einladung an Summerfield heraus, ihn nach Afrika zu begleiten. Er behauptete, der Krieg könne warten und die Kultur dieses unbekannten Kontinents würde ihn auf seinem künstlerischen Weg sicher weiter bringen als Spanien. Und zu Wildings großer Freude erhob Summerfield, nachdem er etwas mühsam von seinem Stuhl aufgestanden war, sein Glas und verkündete, dass es noch andere, größere Schlachten zu schlagen gäbe. Wie richtig er damit liegen sollte.

Am nächsten Morgen nahmen die beiden die Fähre und tuckerten hinüber nach Tanger. Es folgte eine strapaziöse Zugreise durch die spanische Enklave bis nach Casablanca, bei der sie an zweiundvierzig Bahnhöfen hielten, Zeugen einer öffentlichen Auspeitschung wurden und mehrmals wegen Ziegenherden warten mussten, die die Gleise besetzt hatten. Währenddessen zeigte Summerfield Wilding einige seiner Notizbücher, in denen er seine Beobachtungen festhielt. Wilding pfiff durch die Zähne. Summerfields Stilsicherheit war beeindruckend – zumindest für ihn, der von Haus aus Wissenschaftler war. Summerfield schrieb in trockener Prosa ebenso wie in elaborierten Versen, er verfasste witzige Satiren und treffsichere Parodien. Der Inhalt des Geschriebenen war dagegen weniger eindrucksvoll. »Du wirst schon etwas finden, das es wert ist, darüber zu schreiben«, erklärte Wilding. »Und wo, wenn nicht auf dieser Reise?«

In Casablanca, einer geschäftigen, beinahe europäisch anmutenden Stadt, in der es von Militär nur so wimmelte, legten sie eine Zwischenstation im Büro von Southern Star Petroleum ein, bevor sie am Tag darauf einen weiteren Zug in Richtung Süden bestiegen.

In Marrakesch schließlich trennten sich ihre Wege, da Summerfield aus einer Laune heraus entschied, dort zu bleiben. Sie saßen bei einem Tee in der Hotellobby. Ein großer, surrender Ventilator spendete ihnen dankenswerterweise einen kühlen Luftzug, bevor er mit einem Knall ausfiel.

»Ich bin in sechs Monaten wieder da«, erklärte Wilding. »Zehn Tage Urlaub, dann die nächste Erkundung mit weiteren geologischen Untersuchungen und Prospektionen.« Er wischte sich über die Stirn. »Sollten wir auf Öl stoßen, werde ich mein Lager wohl dauerhaft im Süden aufschlagen. Was ist mit dir, Harry?«

Wildings Bewegung nachahmend, wischte sich auch Summerfield über die Stirn und pustete dann Luft in sein Gesicht. »Ich denke, ich bleibe in Marrakesch, Jim – auch wenn es hier tatsächlich noch heißer ist als in Gibraltar. Aber es ist wohl einfach eine Frage der Zeit, bis ich mich daran gewöhne«, fügte er hinzu. »Ich habe ein wenig gespart. Und wenn mir das Geld ausgeht, setze ich darauf, dass mir meine Französisch- und Spanischkenntnisse hier irgendeinen Job einbringen.«

»Wie wäre es mit einem Job bei Southern Star?«, schlug Wilding vor.

Summerfield schüttelte entschlossen den Kopf. »Nein, danke.« Nach kurzem Zögern schränkte er seine Ablehnung jedoch ein: »Aber wer weiß, Jim. Vielleicht komme ich irgendwann einmal darauf zurück. Danke für das Angebot.«

Wilding schrieb eine Adresse auf und reichte sie ihm über den Tisch, eine Geste, die Summerfield nicht erwidern konnte.

»Ich schicke dir ein Telegramm, sobald ich eine Bleibe gefunden habe«, sagte er. Als Wildings Zug mit einstündiger Verspätung endlich eintraf, verabschiedeten sie sich auf dem Bahnsteig. Er betrat sein Abteil, als die Lokomotive einen Ruck machte und ihr Pfeifsignal ertönen ließ.

»Hey, Harry!«, rief er aus seinem Fenster. »Ich hoffe, du bereust es nicht, dass ich dich hierhergeführt habe.«

»Womöglich hast du mir damit das Leben gerettet, Jim«, rief Summerfield zurück. »Aber auf jeden Fall hast du mich davor gerettet, mein Leben lang zu warten.«

»Hättest du es denn wirklich durchgezogen?«, wollte Wilding noch wissen.

Der Engländer grinste und schien abzuwägen, ob er sein Geheimnis für sich behalten oder es aufdecken sollte. Er zuckte die Achseln. »An irgendetwas muss man doch glauben, Jim – was soll man denn sonst tun?«

Das war das Letzte, was Wilding Summerfield für die nächsten acht Monate sagen hörte.

2

Summerfield stand auf dem Bahnsteig und sah zu, wie der Zug langsam aus seinem Blickfeld verschwand. Die Luft war noch kühl und der Himmel über ihm von einem strahlenden Blau. Summerfield erkannte darin die Farbe wieder, mit der die Einheimischen nicht nur ihre Kleider färbten, sondern auch dekorative Elemente an Gebäuden und Gegenständen hervorhoben. Dieses Blau fiel sofort ins Auge in einer Stadt, die ansonsten in Rottönen gefärbt war, angefangen bei der Erde der Dattelhaine jenseits der Stadttore, die den Karawanen aus dem Süden Schutz boten, über die hohen, blassrosa Erdwälle, die die Stadt umschlossen, bis zur Farbe der Paläste ebenso wie der sich in der Medina ausbreitenden klapprigen Hütten. Die Farbschattierungen im Straßenbild reichten von Rosa über Rot, Rostfarben und Braun bis zu den schwarzen Umrissen der verhüllten Frauen und eben jenem beinahe phosphoreszierenden Blau. Es war ein Fest, ein Zauber, der Summerfield in seinen Bann zog.

Plötzlich wurde er sich bewusst, dass er nicht allein war, dass andere ihn vielleicht dabei beobachtet hatten, wie er den Himmel betrachtet und aus einem Glücksgefühl heraus unverhofft zu lächeln begonnen hatte. Also drehte er sich um, steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte zurück ins Hotel.

An der Rezeption verlängerte er seinen Aufenthalt um zwei Tage, da er davon ausging, dass er so lange brauchen würde, um eine Unterkunft zu finden. Er ließ seine Koffer zurück und trat hinaus in die Sonne, um die Altstadt zu erkunden. Sogleich lastete die Hitze auf ihm, sie schien ihn zu Boden drücken zu wollen. Er wühlte in seinem Rucksack nach dem Hut, den er vor wenigen Wochen im Army-&-Navy-Store in der Oxford Street erstanden hatte. Es war ein breitkrempiger Schlapphut aus hellgrüner Baumwolle, der für den Einsatz in den heißeren Teilen des Empires vorgesehen war. Aus der Glastür des Hotels blickte ihm sein Spiegelbild entgegen, ein junger Mann, der frisch aus Oxford zu kommen schien. Es war ihm unangenehm.

Er schritt über den breiten, der gleißenden Sonne ausgesetzten Marktplatz Djemaa el Fna, der bis auf die Überreste des vorigen Abends und ein paar Obstverkäufer unter den gespannten Segeltüchern ihrer behelfsmäßigen Stände noch leer war. Er ging an einem Blinden in einer zerlumpten Djellaba vorbei, der ihm etwas auf Arabisch zumurmelte. Die Hitze setzte Summerfield zu, und da er längst ins Schwitzen geraten war, flüchtete er sich in den Schatten, den ein paar Dattelpalmen und Magnolien über eine Gruppe von etwa dreißig Menschen warfen. Es war, als wäre er in ein kühles Schwimmbecken gesprungen. Obwohl er nur ein paar hundert Meter gegangen war, klebten ihm die Kleider vor Schweiß am Körper. Er setzte sich auf eine Bank und wurde prompt von einem jungen Teeverkäufer angesprochen. Summerfield wollte keinen Tee, doch der Junge mit dem rasierten Schädel blieb hartnäckig und drückte ihm schließlich eine Tonschale in die Hand, womit sein Schicksal besiegelt war. Er zahlte also, und der Junge verschwand ebenso schnell wieder, wie er aufgetaucht war, ohne ihm Wechselgeld herauszugeben. Summerfield schüttelte den Kopf, nahm eine Zigarette aus seinem Etui, zündete sie an und blies den Rauch aus.

Zu seiner Linken ragte das imposante Minarett der Koutoubia-Moschee mit seinem Schachbrettmuster aus Kacheln in die Höhe. Es brachte ihm den klagenden Ruf des Morgengebets in Erinnerung, der ihn und Wilding um fünf Uhr früh aus dem Schlaf gerissen hatte. Zuerst hatten sie geflucht, doch mit der Zeit hatten die langen, nasal vorgetragenen Gesänge, die in der kühlen Dämmerung widerhallten und dieselben hypnotischen Verse endlos wiederholten, wohltuend und beruhigend auf sie gewirkt. Sogar die verzerrt und gequält klingenden Töne – wie die Mitternachtsserenade einer Katze, hatte er zu Wilding gesagt – offenbarten schließlich ihre melodische Qualität, während er zurück in den Schlaf sank. Er hatte nicht geglaubt, dass er sich so schnell daran gewöhnen würde. Er zog an seiner Zigarette, nippte an dem heißen Minztee und fühlte sich gleich besser.

Plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Er drehte sich zur Seite und fuhr zusammen. Zwei Kreaturen mit schaurigen Gesichtern blickten ihm entgegen und brachen nun in Gelächter aus. Summerfield hatte noch nie solche großen, gelben Zähne gesehen – sie erinnerten ihn fast an Dromedare.

»Verschwindet«, brummte er unangenehm berührt, aber sie kamen näher und deuteten auf seine Zigarette. »Geht weg«, sagte er noch einmal, während ihm ihr Geruch nach Schweiß und Heu in die Nase stieg. Er wiederholte seine Worte auf Französisch und Spanisch, doch ohne Erfolg. Vielleicht waren sie taub, dachte Summerfield und fuhr einfach fort, zu rauchen und seinen Tee zu trinken. Doch die Männer blieben beharrlich mit bettelnd ausgestreckten Händen vor ihm knien. Summerfield seufzte gereizt, öffnete sein Zigarettenetui und gab ihnen, wonach sie verlangten. Als sie ihn daraufhin noch mit Gesten um Feuer baten, entzündete er ein Streichholz und zischte: »Nun verschwindet aber!« Sie grinsten, erhoben sich und trotteten lässig rauchend davon.

»Sie hätten sie einfach weiter ignorieren sollen«, hörte er plötzlich eine Stimme auf Französisch. »Dann hätten sie Sie irgendwann in Ruhe gelassen. Alles nur eine Frage der Zeit.«

Summerfield drehte sich um und erblickte einen großen, kräftig gebauten Marokkaner in gut geschnittener königsblauer Landestracht. Ein dünner Schnurrbart à la Clark Gable schmückte seine Oberlippe, und seine großen, glatten Hände umschlossen einen zusammengefalteten Schirm. Er lächelte. Was soll nur dieses Lächeln?, fragte sich Summerfield.

»Oder Sie müssen ihnen direkt in die Augen blicken«, fuhr der Mann fort. »Etwa so –« Der Gesichtsausdruck des Arabers wurde so grimmig, dass es Summerfield kalt den Rücken hinunterlief. »Nur ein guter Rat«, erklärte der Mann. »Versuchen Sie es beim nächsten Mal.«

Summerfield nickte argwöhnisch. Er fühlte sich auf einmal sehr allein und angreifbar.

»Merci.«

»Mit Gottes Gnade«, erwiderte der Mann und verbeugte sich leicht.

Summerfield war verwirrt und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er presste die Lippen aufeinander, zögerte und beschloss dann mit einem leichten Hüsteln, weiterzugehen. Er stand auf und spürte den Blick des Arabers auf seinem Rücken brennen wie die verdammte Sonne. Eine Sekunde lang fühlte er sich wie gelähmt – als steckte er im heißen Straßenpflaster fest. Schließlich löste er sich mit einem Ruck und eilte auf eine enge Gasse zu, die vom hintersten Winkel des Platzes abging.

»Ihr Tee«, rief der Mann ihm hinterher, doch da war Summerfield bereits verschwunden.

Ihm war, als wäre er mit einem Schritt ins Mittelalter zurückversetzt worden. So etwas hätte er in Spanien nicht zu Gesicht bekommen, fuhr ihm durch den Sinn. Im Stillen dankte er Wilding, dass dieser ihm das sichere Elend an der spanischen Front erspart hatte.

Im Gewirr der unzähligen Straßen und Gässchen hatte er sich rasch verloren. An manchen Stellen waren die Wege so eng, dass Karren und andere Fortbewegungsmittel seitlich angehoben werden mussten und mit einem Rad durch die verdreckte Rinne in der Straßenmitte ratterten, während das andere Rad an den Häuserwänden entlangschabte. Summerfield bemerkte die Rillen, die sich an diesen Nadelöhren im Laufe der Zeit auf Schulterhöhe in die steinernen Wände geprägt hatten.

Aus allen Richtungen drangen Geräusche auf ihn ein; verglichen mit der Leere des kaum zweihundert Meter entfernten Platzes herrschte der reinste Tumult – ein Gemisch aus Lachen, dem Betrieb von Nähmaschinen und Drechselbänken, vorbeiratternden Karren, dauerklingelnden Fahrradfahrern, die ohne Rücksicht auf Verluste durch die engen Gassen preschten, Tierlauten, Musik und dem schrillen Trällern der hinter kunstvoll geschnitzten Holzgittern in ihren Häusern verborgenen Frauen. Die Menschenmenge bewegte sich in zwei verschiedenen Geschwindigkeiten: Die einen standen paarweise oder in kleinen Gruppen ruhig beieinander, während die Mehrheit in großer Eile war, geschickt an allen Entgegenkommenden vorbeihuschte und dabei den Fahrrädern und dem Müll und den Fäkalien auswich. Summerfield stach aus der Masse heraus, denn er blieb weder stehen, noch bewegte er sich schnell genug. Vielleicht fiel er durch seinen Gang sogar noch mehr auf als durch seine Kleidung und wurde beständig von Blicken verfolgt. Die Kinder waren weniger zurückhaltend und drehten die Köpfe nach ihm um oder liefen ihm eine Weile hinterher, äfften seinen Gang nach und schnatterten dabei fröhlich vor sich hin. Ein paarmal spuckten ihm düster dreinblickende Männer vor die Füße, und er konnte nicht ausmachen, ob sie ihn damit herausfordern wollten oder nicht.

Zuerst nervös und unsicher, fand sich Summerfield langsam in seine Rolle und übernahm den gleichgültigen Gestus eines Mannes, der sich in dieser fremden Umgebung ganz selbstverständlich bewegt. Vielleicht half ihm der Rat des Marokkaners unter den Magnolien, vielleicht auch (und hier musste er über sich selbst lächeln) seine britische Herkunft. Er spürte, wie sein Blick sich verhärtete, und erinnerte sich an ein Sprichwort, das er einst in einem Sammelband persischer Gedichte gelesen hatte: »Der Blick eines Mannes bestimmt, was er in seiner Seele trägt.« Sowohl den Bettelnden als auch den Angriffslustigen begegnete er mit dem Ausdruck eiserner Ruhe, und sie schienen ihn tatsächlich in Frieden zu lassen.

Nach einer Weile blieb er durstig stehen. Er schaute sich um, machte ein Gesicht in der Menge aus, das ihm vertrauenswürdig erschien, und fragte zuerst auf Französisch, dann auf Spanisch, wo er sich ausruhen und etwas trinken könne. Der junge Mann lächelte und forderte ihn auf, ihm zu folgen. Summerfield wog das Risiko ab und ließ sich schließlich von ihm durch ein Labyrinth von Gängen führen, die auf einmal geradezu ohrenbetäubend ruhig, erstaunlich sauber und geruchlos waren. Vor einer kleinen, mit Ornamenten verzierten Tür blieben sie stehen. Der junge Mann nickte, lächelte erneut und öffnete die Tür. Vorsichtig wagte Summerfield einen Blick hinein, drehte sich dann zu dem Jungen um und lächelte zurück.

»Hier«, sagte er und kramte in seiner Hosentasche. »Merci.« Er legte ihm eine Münze in die Hand.

Ein dämmriger, bogenförmiger Eingang führte in das himmlischste, atemberaubendste und schönste Gebäude, das Summerfield je gesehen hatte. Er betrat zum ersten Mal in seinem Leben einen Riad und war schier überwältigt. Um den Innenhof des kleinen Palastes, der als Gästehaus genutzt wurde, zählte er zwölf offene Räume, jeder von ihnen geschmückt mit bunten Wandteppichen und Fliesen, Läufern und aufwendig geschnitztem Holz, jeder in einer eigenen Farbe: Hellgrün, Blau, Weiß, Orange, Dunkelrot, Pastellgelb, Rosa. In jedem Raum wurden niedrige Tische von großen, einladenden Kissen umringt. Stühle gab es nirgends. Im Zentrum des Ganzen befanden sich unter freiem Himmel ein Teich, eine Dattelpalme, Lilien und Magnolien, deren Zitrusduft der Luft eine ätherische, himmlische Note verlieh. In der Mitte des Teiches, zugänglich über eine kleine Holzbrücke, stand ein gläserner Pavillon mit einem Tisch und ein paar luxuriösen Kissen aus goldener Seide. Man hörte Wasser plätschern, Vögel zwitschern und tirilieren und nur hin und wieder mit einem Flügelschlagen die Ruhe durchbrechen. Ich habe das Paradies gefunden, dachte Summerfield und schloss die Augen.

Es erschien ein junger Mann in einem weißen Umhang und vollführte die übliche Grußgeste: Er legte die rechte Hand aufs Herz und breitete den Arm dann mit einer schnellen Bewegung weit aus. Ohne ein Wort zu wechseln, ließ Summerfield sich in einen der Räume – es war der hellgelbe – und an einen Tisch führen. Man brachte ihm einen großen Messingkessel mit Tee und ein Tablett voller Küchlein, die in Zucker und Honig schwammen. Der junge Kellner füllte ein Kelchglas mit Minztee. Als er fertig war, öffnete sich die Eingangstür mit einem lauten Knarren. Summerfield drehte sich um und erkannte ausgerechnet seinen merkwürdigen Ratgeber vom Marktplatz. Der kräftige Marokkaner entdeckte Summerfield, schenkte ihm erneut sein übertriebenes Lächeln und kam dann auf ihn zu.

»Hier sind Sie also – ohne Zweifel hat das Schicksal beschlossen, dass wir uns heute begegnen.« Es folgte die Begrüßungsgeste, eine Hand auf dem Herzen.

»Möglich«, antwortete Summerfield misstrauisch. Er erhob sich und streckte aus irgendeinem Grund seine Hand aus, wie der Amerikaner Jim Wilding es wohl getan hätte.

Der Mann nickte in Richtung des großen Kessels. »Ich bin dazu verpflichtet, Ihnen diesen Tee zu spendieren, da Sie vorhin nicht ohne meine Schuld um Ihr Getränk gekommen sind. Ich fürchte, ich habe Sie ein wenig überrumpelt. Verzeihen Sie mir.«

»Das wäre dann hiermit schon das zweite Mal«, erwiderte Summerfield kurz angebunden. Doch dann besann er sich: »Bitte setzen Sie sich – ich nehme Ihr Angebot an. Und vielleicht können Sie mir noch einen weiteren Rat geben«, bat er.

Der Mann zog eine Braue hoch. »Ach?«

»Ja«, bestätigte Summerfield. »Aber zunächst –«

»Zunächst einmal sollten wir uns einander vorstellen«, unterbrach ihn der Marokkaner. »Ich bin Abrach.«

»Harry Summerfield. Aber ich habe Ihren Nachnamen nicht mitbekommen.«

»Mein Vorname, Abrach, soll genügen«, sagte der Mann mit einem Grinsen. »Mein Familienname ist lang und allem Anschein nach recht kompliziert auszusprechen für fremde Zungen.« Summerfield zögerte und überlegte, ob er darauf bestehen sollte, den Namen seines Gegenübers zu erfahren, doch da sprach der Marokkaner schon weiter. »Ich bin Kaufmann. Un commerçant, wie wir im Französischen sagen. Doch ich habe nicht nur ein Geschäft, sondern mehrere.«

»Und ich muss Ihnen sagen, dass ich kein Franzose bin.«

»In der Tat. Ihrem Akzent nach würde ich Sie für einen Engländer halten, vielleicht auch für einen Amerikaner«, erwiderte Abrach in seinem fortwährend ruhigen, allzu höflichen Tonfall. »Doch ich tippe eher auf einen Engländer – Sie sehen einfach nicht aus wie ein Amerikaner. Und Sie verhalten sich auch nicht wie einer, zumindest nicht wie jene, die ich auf meinen Reisen kennengelernt habe.«

»Ihre Einschätzung ist korrekt, Abrach«, erklärte Summerfield, wobei er den aalglatten Tonfall übernahm, und nippte an seinem Tee. »Ich habe auf dem Platz den Eindruck gewonnen, Sie seien ein Mann von Bedeutung. Ihre Kleidung«, fügte er höflich hinzu. Abrach nahm das Kompliment mit einem Nicken und Lächeln an. Summerfield fiel plötzlich etwas ein: »Sagen Sie, woher stammt diese unglaubliche blaue Farbe?«

»Ah, ja«, sagte Abrach. »Sie meinen das besondere Blau dieser Region.« Er bedeutete dem jungen Kellner, ihm auch einen Tee zu servieren. »Ob Sie es glauben oder nicht, diese Farbe hat ein Franzose entdeckt. Ein Maler namens Majorelle. Er lebt in der Stadt und malt oft im Atlasgebirge, östlich von hier. Die Berberstämme tragen ein Blau, das Majorelle mit anderen Pigmenten vermischt hat, um diese einzigartige Farbe zu erschaffen. Sie wird daher auch Bleu Majorelle genannt.«

»Ich sollte mir ein Tuch für den Kopf in dieser Farbe kaufen, falls ich mich dazu entschließe, in die Berge zu reisen«, überlegte Summerfield.

»Wir nennen es Chech«, erklärte Abrach. Dann fügte er nahtlos hinzu: »Darf ich Sie denn fragen, was Sie nach Marrakesch geführt hat?«

Summerfield lachte. »Ein Amerikaner!« Zum ersten Mal wechselte Abrachs freundlich interessierter Gesichtsausdruck zu einem Stirnrunzeln. Summerfield erklärte: »Ich wollte eigentlich nach Spanien, um dort am Bürgerkrieg teilzunehmen. Er hat es mir ausgeredet.«

»Ein weiser Mann«, bemerkte Abrach. »Womöglich gar ein Geschenk des Himmels. Ich habe den Tod gesehen, als die Spanier und Franzosen hier vor ein paar Jahren die Dissidenten bekämpft haben. Ein entsetzlicher, hässlicher Anblick.«

Sie schwiegen einen Augenblick, und Summerfield richtete seine Aufmerksamkeit erneut auf den Innenhof. Eine Woge der Gelassenheit durchströmte ihn. Die Farben, das Plätschern des Wassers, der Vogelgesang und der süße Minztee in seinem Mund fügten sich zu einem perfekten, beglückenden Gesamteindruck zusammen.

Als er sich wieder Abrach zuwandte, merkte er, dass dieser ihn beobachtete. Der Händler schien sich nicht ertappt zu fühlen. Stattdessen lächelte er, und Summerfield meinte, eine Spur Traurigkeit in seinem Gesicht zu erkennen.

»Mr. Summerfield, Sie erwähnten, dass ich Ihnen vielleicht behilflich sein könnte«, sagte Abrach gehabt freundlich. »Darf ich fragen, wie?«

»Sie sind ein aufmerksamer Zuhörer«, nickte Summerfield. »Ich hatte gedacht, dass Sie mir eventuell eine Adresse für eine Unterkunft nennen könnten.«

»Sie wohnen doch sicher in einem Hotel?«

»Ich würde gern irgendwo unter Menschen leben – den Menschen von hier.«

»Tatsächlich?«, entfuhr es Abrach erstaunt.

»Es ist auch eine Frage des Geldes«, fügte Summerfield hinzu und hielt dabei dem Blick des anderen stand. »Zuerst dachte ich, mir würde eine Woche hier in Nordafrika genügen. Nun aber ...«, er bedachte ihre Umgebung mit einem anerkennenden Kopfnicken, »nun denke ich, dass ich doch gern ein wenig länger bleiben würde.«

»Ein weiser Mann plant mit dem Kopf und dem Herzen«, erklärte Abrach. »Gut, dass Sie sich Gedanken machen.« Er hielt inne und wählte seine Worte sorgsam. »Mr. Summerfield, Sie sind also ... kein reicher Mann?«

Summerfield schnaubte. »Nein. Und im Augenblick habe ich auch kein Interesse daran, einer zu werden.« Er grinste ironisch. »Abrach, Sie halten mich sicher für einen Dummkopf.«

»Ich halte Sie für außergewöhnlich.«

»Die Welt verändert sich. Viele Menschen beginnen zu glauben, dass sie allen gehört und nicht nur einigen wenigen.«

Abrach dachte darüber nach und seufzte. »Ich schätze, das gilt für Ihre Welt, Sidi Summerfield. Hier ist es anders – die Menschen, die Wohlstand anstreben, denken, es sei ihnen vorherbestimmt, diesen zu erlangen, und wahrscheinlich haben sie auch allen Grund zu dieser Annahme.«

»So anders ist das gar nicht«, erwiderte Summerfield kopfschüttelnd.

»Lassen Sie uns diesen herrlichen Ort nicht durch Politik und Ideologie verderben«, verkündete Abrach. »Wir werden sicher noch weitere Gelegenheiten haben, über diese Themen zu diskutieren. Sehen Sie, ich bin kein ungebildeter Mann. Ich habe eine Zeit lang bei unseren europäischen Machthabern Medizin studiert, und aufgrund meiner arabischen Schulbildung genieße ich solche Rededuelle bisweilen.« Das Lächeln des Kaufmanns blieb ein paar Sekunden lang ungebrochen und löste wiederum Unbehagen in Summerfield aus. Endlich fuhr Abrach fort: »Doch nun möchte ich Ihre Frage beantworten. Ich kann drei Möglichkeiten vorschlagen: Sie können Ihr Hotel verlassen und ein willkommener Gast in einem meiner Häuser sein – ich habe mehrere leerstehende Räume, die nur darauf warten, bewohnt zu werden. Zweitens bin ich mit dem Besitzer eines der besseren Hotels der Stadt gut befreundet. Er ist mir noch etwas schuldig und würde Ihnen sicher ein Zimmer zu einem sehr großzügigen Preis überlassen. Und schließlich kann ich für Sie auch eine Unterkunft im beliebteren Teil der Altstadt arrangieren, nicht weit von hier – die Wohnung eines anderen Bekannten, der zurzeit abwesend ist, möchte ich hinzufügen. Dort werden Sie Armut sehen, Mr. Summerfield. Sie werden mitbekommen, wie die meisten Stadtbewohner leben, und Sie werden auf sich und Ihre Wertsachen achtgeben müssen. Ein Europäer an einem solchen Ort ist etwas völlig Neues. Ihre Anwesenheit könnte als störend empfunden werden. Das sind also meine Angebote an Sie.«

Summerfield sah den Kaufmann aufmerksam an. »Ihre Großzügigkeit ist ...«

»... eines guten Marokkaners würdig«, vollendete Abrach den Satz. »Doch ich muss hinzufügen, dass ich vielleicht einen kleinen Auftrag für Sie habe, der Ihnen ermöglichen würde, länger zu bleiben, als Sie geplant hatten. Natürlich nur, wenn Sie das möchten.« Wieder schüttelte Summerfield den Kopf. »Es ist keine Arbeit, an die Sie jetzt vielleicht denken.« Summerfield blickte auf und bedeutete dem Kaufmann fortzufahren. »Sehen Sie, auch ich bin auf Ihre Hilfe angewiesen. Und vor allen Dingen, Harry Summerfield, auf Ihre Diskretion.«

»Ich verstehe nicht ...«

»Mr. Summerfield, auf dem Platz habe ich Sie drei verschiedene Sprachen sprechen hören.«

»Englisch, Spanisch und Französisch«, gab Summerfield zu und wandte den Blick ab. »Ich habe in England an der Universität studiert – das scheint allerdings eine Ewigkeit her zu sein.«

»Sie können diese Sprachen sprechen – aber können Sie sie auch schreiben

Mit dieser Frage hatte Summerfield nicht gerechnet. »Ja, das kann ich. Um genau zu sein, habe ich sogar meinen Lebensunterhalt mit Schreiben verdient. Weshalb?«

»Mr. Summerfield, waren Sie jemals verliebt?«

»Wer war das nicht?«

»Wovon ich rede, ist die Liebe zu einer Frau, die so stark ist, dass sie der einzige Sinn Ihres Daseins zu sein scheint.«

»Das kommt mir ein wenig dramatisch vor, Abrach.«

»Sagten Sie nicht, Sie würden schreiben?«

»Aber nicht über Dinge dieser Art und nur im Verborgenen. Eigentlich war ich bloß Werbetexter für nutzlose Produkte.«

»Wer schreibt, ist immer ein Schriftsteller vor Gott, ganz gleich, ob er anderen bekannt ist oder nicht. Denken Sie nicht? Fühlen Sie denn nicht, dass Sie ein Schriftsteller sind?«

»Sie reden, als wäre ich beim zweiten Teil einer Prüfung durchgefallen«, kommentierte Summerfield mit wachsender Verärgerung.

»Ich bringe lediglich meinen Glauben an Ihre Fähigkeiten zum Ausdruck, Harry. Darüber hinaus glaube ich an Zeichen. Sie sind auf dem Platz zu mir gekommen – ein Mann, der mir behilflich sein kann, wenn er es denn wünscht.«

»Und war ich es etwa auch, der hier zu Ihnen gekommen ist?«, fragte Summerfield.

Abrach lachte. »Manchmal muss man einem Zeichen nachhelfen, um die Dinge ins Rollen zu bringen.«

»Also sind Sie mir gefolgt.«

»Ich habe den Mann gefragt, der Ihnen den Weg gezeigt hat. Sehen Sie, die Idee kam mir in dem Augenblick, in dem Sie fort waren. Und man sollte seinen Ideen auf der Spur bleiben.«

»Ich bin nicht zum Kämpfen nach Spanien gegangen.«

»Aber Sie haben sich nun dafür entschieden, länger in Marrakesch zu bleiben. Manchmal geht es eben darum, sich für die richtige Idee zu entscheiden.« Summerfield presste die Lippen aufeinander. Er hasste es, etwas aufgezwungen zu bekommen. Als er Summerfields Widerstand spürte, fügte Abrach hinzu: »Ich fürchte, ich war zu aufdringlich. Vergeben Sie mir – mein Beruf des Kaufmanns hat auf meine Manieren abgefärbt. Ich möchte Sie nicht drängen, Sidi Summerfield. Ich möchte, dass wir eine Vereinbarung treffen, die uns beiden zum Vorteil gereicht.«

Summerfield schwieg noch immer. Ein Fink flog kaum einen halben Meter über ihren Köpfen hinweg und landete auf einem Zweig. Er war so nah, dass Summerfield den Herzschlag auf seinem Brustkorb sehen konnte. Er seufzte. Das Angebot war interessant, sonderbar, aber nicht ohne Komplikationen. Er hatte sich vorgenommen, niemandem gegenüber verantwortlich zu sein als sich selbst. Doch dann dachte er, dass er in der Vergangenheit schon zu viele Gelegenheiten verpasst hatte – und weshalb? Wegen seiner Angst, sagte er sich. Angst vor dem Unbekannten, Angst vor seinen eigenen Fähigkeiten.

»Abrach, Sie möchten, dass ich Liebesbriefe für Sie schreibe, geht es darum? Sie wollen die Dame täuschen? Ist das nicht ein wenig zu ... dramatisch?«

»Nur ein Brief – ein Test sozusagen. Und dann ...«

»Darf ich fragen, weshalb Sie ihr nicht selbst schreiben?«

»Mein lieber Freund, ich kann nicht so Französisch schreiben, wie ich es spreche. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mein Studium bei den Europäern nicht fortsetzen konnte. Und, um es freundlich auszudrücken, ich bin kein Dichter. Ich bin dazu geboren worden, mein Geld durch Handel zu verdienen.«

»Warum sagen Sie es ihr dann nicht einfach?«

Für einen Augenblick blitzte eine merkwürdige Schärfe in Abrachs Blick auf, und er lachte bitter. »Weil die betreffende Frau eine Europäerin ist.«

»Ich verstehe.«

»Tatsächlich, Mr. Summerfield?«

»Ich schätze, Sie spielen auf die Vorschrift an, dass sich Blut nicht vermischen soll?« Abrach nickte. »In einigen unserer britischen Herrschaftsgebiete gilt dieses Gesetz auch«, fügte Summerfield hinzu. »Und Sie sind sich wohl der Tatsache bewusst, dass ich damit einen Verhaltenskodex meiner eigenen Leute brechen würde?«

»Sie sehen sich doch nicht wirklich als einer von denen an, Harry? Das sind Franzosen, Spanier. Sie sind Brite. Und soweit ich weiß, haben die Briten eine bestimmte Meinung über ihre frères ennemis auf der anderen Seite des Ärmelkanals? Habe ich nicht recht? Sidi Harry, ich hielt Sie für einen Mann, der für Gleichheit eintritt. Und ich hatte den Eindruck, dass Sie sich uns, den Marokkanern, näher fühlen als den Franzosen oder Spaniern, ungeachtet Ihrer Hautfarbe. Alle Fremden halten zusammen – das ist das Bizarre an der ganzen Geschichte. Wir Marokkaner sind ja Fremde im eigenen Land.«

Sie saßen ein paar Minuten schweigend da. Zwei weitere Gäste betraten das Gebäude, grüßten sie und suchten sich einen Raum auf der anderen Seite des Seerosenteiches aus. Obwohl sie leise sprachen, drangen ihre Worte zu Summerfield herüber und waren so geheimnisvoll und verzaubernd wie das frühe Morgengebet. Er wurde auf einmal sehr müde, die Hitze, dieser Mann und das Gespräch, das zu einer Feilscherei geworden war, hatten ihn ganz durcheinandergebracht. Er hatte kein Zeitgefühl mehr, konnte sich jedoch nicht entschließen, auf seine Armbanduhr zu sehen. Es war unwichtig.

»Abrach«, begann er zögerlich, »glauben Sie an das Schicksal?«

Der Kaufmann lachte leise. »Diese Frage stellt sich jeder Mann einmal. Ich denke, Sie kennen meine Antwort bereits. Obwohl es sich manchmal versteckt hält – düster und gefährlich, wie es scheint. Zu anderen Zeiten ist es dagegen so klar wie das Wasser einer Bergquelle.«

»Vor einer Weile habe ich die Worte eines großen Mannes gehört, eines der größten Schriftsteller unserer Zeit, und er gab mir damit die Kraft, endlich dem zu folgen, was ich schon immer tun und sein wollte. Dann erlitt ich auf dem Weg nach Spanien einen Fehlschlag nach dem anderen und habe meinen Plan schließlich fallenlassen.«

»Manche sehen Rückschläge als Prüfung unseres Willens. Wenn Sie von Ihrem Weg abgekommen sind, ist dies ein Zeichen dafür, dass Sie dem Ruf nach Spanien niemals wirklich folgen wollten.«

»Ich bin tatsächlich froh, hier zu sein«, sagte Summerfield halb zu sich selbst. »Ich hatte nicht damit gerechnet, mich hier dem, was ich wirklich will, so nahe zu fühlen. Ich hatte so viele falsche Vorstellungen.«

»Diese mögen auf die Probe gestellt werden«, erwiderte Abrach. »Und vielleicht stellen sie sich auch als wahr heraus. Sie werden es sehen.«

»Es ist so schwierig. Der Amerikaner, den ich in Gibraltar kennengelernt habe, Jim Wilding, würde es wohl verstehen«, sagte Summerfield mehr zu sich selbst.

»Wofür Sie sich auch entscheiden, Harry Summerfield, achten Sie darauf, dass es für Sie der rechte Weg ist. Sonst wird Ihr Leben voller Kummer und Reue sein.«

»Ist das so?«, fragte Summerfield.

»Sie kennen den Weg«, antwortete Abrach selbstzufrieden.

Summerfield blickte dem Kaufmann fest in die Augen und atmete tief durch. »Ich nehme Ihr drittes Angebot an.«

»Und meinen Auftrag, Sidi Summerfield?«

»Den nehme ich ebenfalls an«, willigte Summerfield ein. »Meine Hand wird Schöneres schreiben als je eine andere zuvor.«

»Maktub, so steht es geschrieben«, sagte Abrach und schüttelte Summerfield die Hand.

3

Zwei Tage darauf kam einer von Abrachs Angestellten beim Hotel vorgefahren, ein kleiner, stiller Mann in den Vierzigern, mit einer von einem kummervoll dreinblickenden Esel gezogenen Kalesche. Abrach war nirgends zu sehen, und als Summerfield den Angestellten nach ihm fragte, blieb dieser stumm. Summerfields Koffer wurden auf die Kalesche gehievt, und er selbst setzte sich hinter den Angestellten, der dem Hinterteil des Esels einen kräftigen Stockhieb verpasste. Das Tier gehorchte und schritt los, nicht ohne jedoch dem Fahrer einen reichlich herablassenden Blick zuzuwerfen. Vielleicht bekommt er im nächsten Leben seine Chance auf Rache, dachte Summerfield, während sie den Weg entlangzottelten, der parallel zur Stadtmauer verlief.

Sie überquerten den Djemaa el Fna, der erneut mit den Resten des abendlichen Marktes übersät war, und Summerfield erkannte die Stelle wieder, an der er Abrach zum ersten Mal getroffen hatte. Er glaubte, auch den Jungen wiederzuerkennen, der ihm den Tee verkauft hatte. Er winkte ihm zu, und der Junge winkte zwar zurück, konnte sich aber offensichtlich nicht an ihn erinnern. Weit hinten auf der rechten Seite des Platzes entdeckte er die Straße, die ihn zum Riad geführt hatte, und hoffte (die Geborgenheit des Bekannten, wie er sich dabei dachte), die Kalesche würde ihn in diese Richtung bringen. Doch das tat sie nicht. Stattdessen riss der Fahrer die Zügel nach links, woraufhin der Esel widerwillig die Richtung änderte, und sie bewegten sich auf einen Teil der Stadt zu, den Summerfield bislang noch nicht betreten hatte.

Sie fuhren etwa fünfzig Meter durch den westlichen Zipfel der Medina mit ihren alten, einstöckigen Gebäuden auf einer engen Kopfsteinpflasterstraße, die unter einem Sonnendach verlief, das aus allen möglichen Materialien zusammengestückelt war: Brettern, Ästen und Blättern von Dattelpalmen, Kaninchendraht, Glas, Stoff und Pappe. An manchen Stellen waren Löcher entstanden, durch die das Sonnenlicht trichterförmig einströmte und die Millionen Staubpartikel in der Luft sowie die überall herumsummenden Fliegen anstrahlte. Zahllose Händler hatten hier ihre kleinen Läden, deren Waren sich bis auf das Kopfsteinpflaster hinaus ausbreiteten. Die Fülle an Farben, Formen und Gerüchen ließ Summerfield schwindeln, und noch bevor er beginnen konnte, die einzelnen Mosaiksteinchen zu einem vollständigen Bild zusammenzusetzen, waren sie schon wieder draußen im gleißenden Sonnenlicht und befanden sich auf einmal in einem Bezirk, der ganz der Fahrradreparatur bestimmt zu sein schien.

Eine Mischung aus Maschinenöl, Gummi und dem beißenden Geruch von rostendem Metall strömte ihm in die Nase. Um ihn herum sah es aus wie in einem offenen Grab. Haufen aus Einzelteilen, die skelettartigen Überreste von Rahmen, verbogene Reifen, bergeweise Zahnräder, Speichen sowie traurige, wie zum Betteln erhobene Lenkstangen übersäten beide Seiten der Straßen. Manche Haufen lagen mitten auf dem Weg, so dass Abrachs Angestellter die Kutsche vorsichtig um sie herum manövrieren musste und einmal, als ein Reifen feststeckte, wütend eine Gruppe Herumstehender herbeirief, um die Blockade beiseitezuräumen.

Summerfield spürte die Aufregung in sich wachsen. Aufregung, die sich mit ein wenig Angst vermischte. Ihm wurde auf einmal bewusst, dass dies der Ort war, an dem er von nun an leben würde – zumindest für eine Weile. Ein völlig fremder Ort, mehr als zweitausend Kilometer von zu Hause und ganze Welten von seiner eigenen Kultur entfernt. Ein Teil von ihm wollte widerstehen. Eine Stimme in ihm behauptete, dass es eine dreckige, faule Welt sei. Eine Welt, die, weil sie anders war, einfach falsch sein müsse. Sie ist nicht zivilisiert, sagte die Stimme über diese Welt. Sie ist gefährlich, meldete sich eine zweite zu Wort. Doch diese inneren Dämonen wurden von einer dritten Stimme übertönt: Ich möchte sie sehen und erleben und verstehen.

Sonderbarerweise schien sein Instinkt etwas zu ahnen, das untrennbar mit seiner Zukunft verwoben war. Dasselbe Gefühl hatte er im Jahr zuvor verspürt, als er inmitten der Menge, die in die Lesesäle der Londoner Bibliothek geströmt war, Orwells Worte zum Konflikt in Spanien vernommen hatte. Als hätte sich in seinem Inneren eine Flamme entzündet, die ihm das Blut in den Kopf steigen ließ. Alles schien in diesem einen Moment zusammenzufließen. Und nun stellte er fest, dass es wieder so war, nur war das Gefühl beinahe noch stärker.

Die zahlreichen kleinen Werkstätten mit ihren ungezählten Fahrradteilen verschwanden so schnell aus seinem Blickfeld, wie sie aufgetaucht waren, und ein neuer Bezirk öffnete sich vor ihnen. Zu ihrer Rechten war die Rückwand der Altstadt mit ihrer zusammengezimmerten Überdachung. Zu ihrer Linken befand sich eine weitere Reihe Gebäude, die in Summerfields Augen den anderen Hütten ähnelten, jedoch unregelmäßig in mehreren Stockwerken übereinandergestapelt waren. Manche von ihnen hatten Glasfenster, andere hölzerne Fensterläden oder rostige Eisenstangen vor den Öffnungen, wieder andere Fenster blieben völlig frei. Hier und da tauchten altmodische kleine Ladenfronten auf, über deren Türen die seltsamen arabischen Schriftzeichen und darunter, etwas kleiner, französische Buchstaben die Art des Geschäfts anzeigten: Pharmacie, Dentiste, Épicerie, Coiffeur ... Nach einer breiten Kurve kamen sie in ein Raster aus schmalen Pfaden, die der Gegend eine Zukunft als Erweiterung der Medina verhießen, bevor der Wagen schließlich in eine der Straßen einbog und zum Stehen kam.

Summerfield machte sich zum Aussteigen bereit, doch der Angestellte, der sich ihm nun als Nassir vorstellte, schüttelte den Kopf und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, im Wagen zu bleiben. Summerfield fügte sich. Der kleine Mann stieg ab und lief suchend durch die Menge, wobei er sich hin und wieder auf die Zehenspitzen stellte.

Während Nassir sich umschaute, näherte sich eine kleine Gruppe Jungen, alle barfuß, schmutzig und in abgetragene Kleidung gehüllt. Ein paar von ihnen strahlten ihn aus dreckigen Gesichtern an. Andere starrten ihn einfach nur an. Summerfield erkannte hinter ihrer scheinbaren Feindseligkeit eine tiefe Skepsis und eine Mischung aus Misstrauen, Angst und Neugierde. Sie beäugten sich noch eine Weile gegenseitig, bis Summerfield, der sie ein wenig ärgern wollte, eine Hand nach oben schnellen ließ, worauf einige der Jungen zusammenzuckten – einer drehte sich sogar um und wollte fortrennen –, um sie dann an den Nacken zu führen und sich dort seelenruhig zu kratzen. Er wiederholte das Ganze mit etwas weniger dramatischem Effekt. Dieses Mal grinste er dabei, und die Jungen brachen in Gelächter aus. Einer streckte die Hand nach Geld aus, und die anderen folgten nach und nach seinem Beispiel. Summerfield zog nur die Schultern hoch, doch die Jungen drängten näher heran und drückten sich lautstark gegen den phlegmatischen Esel. Da tauchte zum Glück Nassir wieder auf und schimpfte sie stockschwingend auf Arabisch aus. Die Jungen machten auf dem Absatz kehrt und rannten davon, blieben aber schon nach wenigen Metern wieder stehen. Summerfield kam sich ein bisschen dumm vor, da er das Gefühl hatte, dass Nassirs Worte auch an ihn selbst gerichtet gewesen waren. Er hat ja recht, dachte er. Er war nun kein Tourist mehr, sondern einer von ihnen, und er musste die Regeln seiner neuen Heimat respektieren.

Endlich gab Nassir ihm ein Zeichen, vom Wagen zu steigen. Auf Bodenhöhe erschienen ihm die Dinge plötzlich ganz anders, und Summerfield musste gegen das Gefühl der Verlorenheit ankämpfen. Überall um ihn herum waren Menschen, die für ihn alle gleich aussahen. Der Fahrer zog ihn am Arm, und Summerfield folgte ihm mit dem Rucksack in der Hand. Sie passierten einen übelriechenden Baum, dessen Wurzeln anscheinend großzügig mit Urin gewässert wurden, hinter dem Nassir nach links in einen schattigen, etwa fünf Meter breiten Pfad einbog und vor einer Tür stehenblieb. Summerfield zog fragend die Augenbrauen hoch, woraufhin Nassir mit ausdrucksloser Miene nach oben deutete. Summerfield nickte. Dankbar registrierte er, dass er zumindest nicht im Erdgeschoss wohnen würde.

Der Fahrer verschwand, nachdem er dem unwilligen Engländer ein Trinkgeld entlockt hatte. Dann stand Summerfield plötzlich allein hinter einer geschlossenen Tür, von der die grüne Farbe abblätterte. Die Stille war bemerkenswert. Es war ein weiteres Puzzleteil im großen Gesamtbild der Stadt, in der größter Lärm und völlige Ruhe nur ein paar Meter voneinander entfernt existieren konnten. Summerfield drehte sich um und betrachtete sein neues Zuhause.

Im Halbdunkel entdeckte er in einer Ecke einen einfachen Ofen aus Ziegeln und Ton, der von einem Metallgitter bedeckt wurde. Über ihm verschwand das Ofenrohr in der Decke, wo es einen großen schwarzen Fleck hinterlassen hatte. Die Mitte des Raumes bedeckten zwei abgewetzte Teppiche, deren ursprüngliche Farbe kaum noch zu erkennen war. Die Möblierung bestand aus einem Holzbett, einer Kommode und einem niedrigen Tisch mit zwei Sitzkissen. Ein offener Türrahmen führte in einen zweiten Raum, den Summerfield nun erkunden ging, nicht ohne zuvor nachzusehen, ob die Wohnungstür auch richtig verschlossen war.

In den hinteren Raum fiel von der Straße aus etwas Sonnenlicht ein. Dort befanden sich lediglich ein Wassereimer, ein kleiner Schreibtisch und, Gott sei Dank, ein Stuhl, der aussah, als hätte er bereits ein früheres Leben in einem der französisch-spanischen Verwaltungsbüros der Stadt hinter sich. Das Fenster war lediglich ein großes, gähnendes Loch in der Wand, was die Fliegen freute, die fröhlich ein- und ausflogen. Die Wände waren rosa verputzt, rau und uneben, und der Geruch war kaum näher bestimmbar und erinnerte vielleicht am ehesten an den von Moos.

Doch was Summerfields Aufmerksamkeit vor allen anderen Dingen auf sich zog, war eine schmale Leiter, die hinauf zu einer hölzernen Falltür in der Decke führte. Er kletterte hoch, drückte dagegen und bekam eine Dusche aus Staub und Sand ab. Er drückte fester, und diesmal gab die Tür mit einem lauten Knall nach. Summerfield quetschte sich vorsichtig durch die Öffnung und fand sich auf dem Dach wieder. Er blieb ein paar Sekunden in der Hocke und gab seinen Augen Zeit, sich an das Licht zu gewöhnen, das ihm Schmerzen verursachte. Sofort spürte er die Sonne auf seiner Haut; sie brannte auf seinem Gesicht, seinem Nacken, seinen Unterarmen und Händen. Nach einer Weile stand er auf, obwohl ihm von der Höhe ein wenig schwindelig war, und machte ein paar Schritte über das brennend heiße Dach bis an den Rand, wo er sich vorbeugte und hinunterblickte. Zu seiner Überraschung befand sich nur etwa zwei Meter unter ihm ein weiteres Dach – eigentlich eine Terrasse, wie er nun erkannte – und darunter noch eines. Die Terrasse im ersten Stock war halb von einer schattenspendenden Leinwand abgeschirmt, über der zweiten war ein großes Zelt gespannt, wie Summerfield es aus Gemälden von Beduinen in der Wüste kannte. Er sah außerdem Pflanzen und dürre Bäumchen in Töpfen sowie einen großen Wassertank, um Regenwasser einzufangen (sollte es denn jemals regnen, dachte er). Er trat einen Schritt zurück und reckte sich, da er sich nun etwas sicherer fühlte, um über die Dächer in seinem Umkreis hinwegzublicken. Straßenlärm drang zu ihm herauf, und die Gerüche der Stadt wechselten sich in der leichten Brise ab. Nicht allzu weit entfernt ragten die hohen, eckigen Minarette der Koutoubia und anderer Moscheen aus der Medina in den Himmel. Er merkte, dass sein Unterarm schon begann, sich zu röten, und entschied, in seine Räumlichkeiten zurückzukehren.

Auf dem kleinen Schreibtisch vor dem großen Fenster lag ein Brief. Abrachs Angestellter musste ihn dort hinterlegt haben. Summerfield setzte sich auf den Stuhl, zündete sich eine Zigarette an und öffnete den Umschlag.

Ich grüße Sie fürwahr erneut, Sidi Summerfield, begann er, und Summerfield entfuhr ein schnaubendes Lachen ob dieser verstaubten Etikette. Dann fiel ihm ein, dass Abrach nicht gern schrieb – wahrscheinlich hatte er den Brief diktiert. Er las weiter: Ich habe für die Einrichtung Ihrer Unterkunft gesorgt, fühlen Sie sich jedoch frei, nach Belieben weitere Möbelstücke hinzuzufügen. Ich werde einmal pro Woche einen Mann namens Badr zu Ihnen schicken, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Dieser Mann wird außerdem die Miete für die Wohnung kassieren, und er wird Ihnen die Bezahlung für den Brief, den Sie schreiben werden, in einem versiegelten Umschlag übergeben. Und drittens wird er Ihnen, falls unsere Geschäftsvereinbarung fortgesetzt wird, Anweisungen für mögliche weitere Briefe aushändigen und einsammeln bereits geschriebene Briefe einsammeln (Summerfield bemerkte den Fehler). Ich würde Sie außerdem gern einmal pro Woche zu einer Besprechung treffen. Ich ende mit einer Erinnerung an die Bedingungen unserer Abmachung, insbesondere an das Vertrauen, das ich in Ihre Diskretion sowie in Ihre Fähigkeiten setze. Ich füge weiter hinzu, dass ich unsere Vereinbarung jederzeit beenden kann, wenn ich es für geboten erachte. Selbstverständlich soll jeder Beleg unserer Korrespondenz zerstört werden. Badr ist angewiesen, dies in Ihrem Beisein zu beaufsichtigen.

Hochachtungsvoll und bis bald ...

Keine Unterschrift. Summerfield lehnte sich zurück und drückte die Zigarette im Eimer aus, bemerkte jedoch sogleich, dass dieser wahrscheinlich für andere Zwecke vorgesehen war. Er sann über Abrachs Worte nach. Diese ganze Heimlichtuerei. Vielleicht lag darin ein Hinweis auf eine drohende Gefahr. Doch sie hatten eine Vereinbarung getroffen, und Summerfield fühlte sich dem Kaufmann gegenüber verpflichtet, nicht zuletzt, weil er ihn schätzte. Plötzlich fiel ihm auf, dass sie noch gar keinen Preis verhandelt hatten. Was für ein ausgefuchster hob Summerfield in Gedanken an und musste lächeln. Inschallah, sagte er leise und wandte sich zum Fenster: Gottes Wille geschehe.

Zwei Tage später machte sich Summerfield auf den Weg zum Hauptpostamt, um Jim Wilding seine neue Adresse zu telegraphieren. Bei seiner Rückkehr wartete ein großer, kräftiger junger Marokkaner in der schmalen Gasse vor seinem Haus auf ihn.

»Badr«, sagte der Heranwachsende und kratzte sich am Kinn. Summerfield bemerkte sofort seine auffallend blauen Augen – Berberaugen. »J’ai une lettre pour vous.«

»Komm mit rein«, erwiderte Summerfield und ging voraus, die Treppen hinauf bis in den dritten Stock, während Badr ihm folgte. Obwohl er stets zwei Stufen unter ihm war, befand sich der Kopf des jungen Mannes auf gleicher Höhe mit Summerfields. Als sie in der Wohnung angelangt waren und die Tür hinter sich geschlossen hatten, wandte Summerfield sich an den Boten und machte die übliche Willkommensgeste. »Abrach hat dich also zu mir geschickt«, sagte er auf Französisch. »Darf ich den Brief haben?« In diesem Moment erst fiel ihm der vergebliche Versuch des Jugendlichen auf, sich einen Bart wachsen zu lassen, was seinen Tick erklärte, sich unablässig am Kinn zu kratzen. Der junge Mann zögerte, ließ sich Zeit zum Verstehen und steckte dann eine Hand in sein Hemd, um den Brief darunter hervorzuziehen und ihm zu reichen. Das Papier war ganz feucht von seinem Schweiß. »Erwartet Abrach die Miete für diese Räume?«

Der Bote schüttelte den Kopf. »Nach der Arbeit. Abrach wird zu Ihnen kommen. Sie werden reden und verstehen.«

»Danke, Badr.«

Wieder allein, blickte Summerfield aus dem Fenster und beobachtete, wie der Junge auf die Straße trat und hinter dem Baum um die Ecke verschwand, der tatsächlich als eine Art öffentliche Toilette diente. Ein Wunder, dass der Baum überhaupt noch stand.

Er setzte Wasser auf, platzierte den Brief auf dem Schreibtisch und spitzte ein paar Bleistifte an, während der Tee zog. Dann holte er Papier hervor, legte drei Bogen auf den Schreibtisch und beschwerte sie mit seiner Armbanduhr, wobei ihm der erschreckend weiße Streifen an seinem Handgelenk ins Auge fiel, ein Erbe Englands. Als der Tee genügend abgekühlt hatte, nahm er einen Schluck und öffnete den Brief, der wieder mit der merkwürdigen, schwerfälligen Formulierung begann:

Ich grüße Sie fürwahr erneut, Harry Summerfield,

ich hoffe, es geht Ihnen gut. Nun ist die Zeit zum Schreiben gekommen, Sidi Summerfield. Sie müssen behutsam und überzeugend zugleich vorgehen. Ich fürchte nämlich, dass die Dame schüchtern ist und eine offene Liebeserklärung ablehnen würde. Ich möchte also mit einer förmlichen Erklärung meiner Bewunderung beginnen. Ich habe sie beobachtet und ihre Schönheit und ihre einer Frau geziemende Sanftheit erkannt. Ich möchte ihr so taktvoll und höflich wie möglich mitteilen, dass sie mein Herz vom ersten Augenblick an erobert hat. Zu Ihrer Information: Sie hat dunkles Haar, ist weder groß noch klein, hat braune Augen und eine sehr weibliche Silhouette. Außerdem ist sie jung, zwanzig Jahre, um genau zu sein, und äußerst intelligent. Und sie hat die Anmut einer Gazelle.

Viel Glück, Sidi Summerfield. Summerfield schüttelte den Kopf. Er verstand nicht, weshalb Abrach seiner Angebeteten nicht genau diese Worte einfach selbst schrieb. Doch nun konnte er damit Geld verdienen, außerdem hatte er verstanden, dass Abrach etwas Besonderes, etwas Poetischeres vorschwebte. Zu dumm nur, dass es nichts gab, das als Ausgangspunkt taugte – die Beschreibung der jungen Frau passte wahrscheinlich auf zwanzigtausend weitere Damen in Marrakesch.

Er las den Brief ein zweites Mal, nahm einen Bleistift zur Hand und wartete auf eine Inspiration, die jedoch nicht kam. Stattdessen füllten bald kleine Schnörkel das Blatt, die einer zusammengerollten Schlange glichen. Er schnaufte hörbar und trank seinen Tee aus. Nachdem er eine gefühlte Stunde auf dem Stuhl gesessen hatte, stand er schließlich ungeduldig auf und umrundete einmal den Raum. »Nein, nein, nein! Ich werd’s nicht machen – ich kann’s nicht.« Er nahm erneut Platz, sprang jedoch gleich wieder auf, und sein Blick wurde einmal mehr von der Falltür in der Decke angezogen.

Es war früher Abend, und die Sonne versank langsam im Westen. Die rosafarbene Stadt hatte sich rötlich gefärbt, und die entfernten Geräusche des Platzes mit den Vorbereitungen der Händler auf die nächtliche Betriebsamkeit drangen zu ihm herauf. Er hatte begonnen, den Reiz dieser Tageszeit zu schätzen. Die Stadt würde bald in eine kurze Totenstarre verfallen, die kaum eine Stunde währte, zwischen dem Ende der Vorbereitungen auf den Abend und dem Eintreffen der wogenden Menschenmasse, die den riesigen Platz füllte. Summerfield schloss die Augen, spürte die warme und zugleich kühlende Brise auf seiner Haut und sog den Duft nach Rauch und Gewürzen tief ein. »Komm schon, komm zu mir«, flüsterte er. Er richtete seine Aufmerksamkeit ganz auf das Bild, das er sich von ihr machte, und begann langsam zu schreiben.

4

Sie trat gerade aus dem Eingangstor der Académie des Jeunes Demoiselles de Sainte Suzanne de Marrakesh. Die Uhr schlug fünf, und der Unterricht war für diesen Tag beendet. Die reich verzierten Tore, eine reduzierte Nachahmung derer, die sie auf Bildern des Palastes von Versailles gesehen hatte, hatten sich in der Hitze vieler marokkanischer Sommer verzogen und schlossen nun nicht mehr richtig. In Ermangelung einer besseren Lösung hatte man ein Seil um sie geknotet, das ein Aufschwingen verhinderte und von einem Einheimischen bewacht wurde, der vor einigen Jahren die Geschäftsidee hatte, es zu lösen und wieder zusammenzubinden, wann immer Besucher eintreten oder herauskommen wollten. Der Mann war alt und faltig und trug Umhang und Kapuze als Schutz vor der Sonne. Seine krummen, arthritischen Hände ähnelten immer mehr den Knoten, die er hundertmal täglich band und wieder aufknüpfte. Keine der jungen Schülerinnen des Instituts kannte seinen Namen, stattdessen nannten sie ihn Monsieur Quasimodo, machten ihre Bosheit jedoch durch Trinkgeld und Essensgeschenke wieder wett.

Vor der französischen Schule befand sich ein Platz, an dem sich drei Straßen sowie ein Schotterweg, der in die Dattel- und Orangenhaine führte, trafen.

Der Springbrunnen in der Mitte des Platzes funktionierte nur in den Wintermonaten, um ihn herum war ein dichter Rasen aus robustem Gras, auf dem etwa ein Dutzend Orangenbäume standen. Hufgeklapper vermischte sich mit den Geräuschen mehrerer Autos, die die Eltern der reicheren Schülerinnen gesandt hatten und die nun um die place herum parkten, um auf die jungen Damen zu warten.

Jeanne verabschiedete sich von ihren drei Freundinnen mit je einer bise und noch einem Winken, während sie sich unter dem Schutz ihrer Strohhüte und Sonnenschirme in Richtung ihrer jeweiligen Transportmittel entfernten. Jeannes Begleiterin Soumia, die schon seit beinahe fünfzehn Jahren in den Diensten der Familie stand, tauchte in ihrem hellblauen Arbeitskleid auf und begann ihr übliches Ritual, Jeanne zum Trinken zu drängen.

»Aber Soumia, ich habe doch schon ein Glas Wasser getrunken«, protestierte Jeanne wie immer und gab sich schließlich wie immer geschlagen. Soumia war für ihre Sturheit bekannt, und ihre Ansichten über bestimmte Dinge mussten als unverrückbare Wahrheiten akzeptiert werden: wie viel Salz ins Zucchinigemüse gehörte, zu welcher Tageszeit man Tee aufbrühte, wo im Haus Jasmin aufgestellt werden sollte, um unangenehme Gerüche und böse Geister zu vertreiben, und natürlich, wie viele Gläser Wasser man am Tag zu trinken hatte. Nicht einmal ihre Eltern trauten sich, ihr in diesen Dingen zu widersprechen. Vor vielen Jahren hatte ihre Mutter es einmal gewagt, Soumias Vorgaben zu missachten, und die alte Dame (die tatsächlich kaum älter als Jeannes Mutter war, also etwa fünfundvierzig) hatte einen ganzen Monat lang geschmollt, bevor sie eine Entschuldigung annahm und ihre Arbeiten wieder mit vollem Eifer anpackte.

Auf dem Weg zum wartenden Zweisitzer blieb Soumia stehen. Jeanne wusste, was als Nächstes kam, noch bevor ihre ehemalige Kinderfrau den Mund aufmachte.

»Ja, schon gut, Soumia«, sagte sie und rollte die Ärmel ihrer Bluse herunter. »Aber all meine Freundinnen tragen kurze Ärmel. Ich komme mir so altmodisch vor!«

»Wollen Sie etwa verbrennen, Jeanne?«, fragte Soumia und fügte ihren typischen Laut der Missbilligung hinzu, der wie ein verschlucktes h klang. »Wollen Sie, dass Ihre Haut so braun und schrumplig wird wie meine, wie eine Dörrpflaume?«

»Du hast wunderschöne Haut«, erwiderte Jeanne. »Eigentlich –«

»Nichts eigentlich, ’moiselle«, fuhr Soumia ihr über den Mund. »Sie müssen auf Ihre Blässe achtgeben. Sie macht euch europäische Damen so anders, so kostbar.«

»Dieses ganze Getue um die Hautfarbe«, grummelte Jeanne. »Und im Übrigen brauchst du nicht denken, mir wäre nicht aufgefallen, dass die anderen Mädchen trotzdem heller bleiben als ich, auch wenn sie ärmellose Kleider tragen.«

»Seien Sie still, Jeanne, oder ich sage Ihren Eltern, wie Sie sich benommen haben. Sie hören sich an, als würden Sie sich für sie schämen.«

»Ganz im Gegenteil, Soumia – ich wünschte nur, sie würden mit mir reden.«

»Mit Ihnen reden? Das tun sie doch jeden Tag.« Aber Soumia sprach nicht weiter. Stattdessen blickte sie auf die andere Seite des Platzes hinüber. Drei zerlumpte Kinder aus der Medina waren dort unter lautem Gebrüll aufgetaucht. »Hmm – die führen nichts Gutes im Schilde«, murmelte sie. »Kommen Sie, Jeanne. Bleiben Sie da nicht stehen. Setzen Sie sich, und dann fährt Mohammed uns nach Hause.« Aber die drei Kinder schienen direkt auf sie zuzulaufen. »Bettler!«, rief Soumia. »Die sollte man gar nicht in dieses Viertel hineinlassen.« Der Fahrer Mohammed reichte Jeanne gerade die Hand zum Einsteigen, als die Kinder bei ihnen angelangt waren. Er drehte sich zu ihnen um und sprach sie mit leiser Stimme an, in dem vergeblichen Versuch, ihnen damit Angst einzujagen.

»Wir schulden euch nichts, ihr kleinen Plagen – haut ab!«

»Gott möge Ihnen gnädig sein! Der böse Blick soll Sie nicht treffen – geben Sie uns etwas, o gütige Dame! Nur eine kleine Münze!«

Soumia seufzte vor Ärger, der mehr von Verlegenheit als Wut herrührte, und stieg noch einmal aus. »Ihr müsst uns mit jemandem verwechseln«, verkündete sie laut auf Französisch und fügte eine Schelte auf Arabisch hinzu.

Von ihrem Sitz aus bemerkte Jeanne, dass einem der Kinder ein Arm fehlte. Sein glatter, runder Stumpf war deutlich sichtbar, während er gestikulierte. Sie schüttelte den Kopf. Warum konnte Mohammed ihnen nicht einfach ein paar Münzen zuwerfen? Im selben Moment huschte plötzlich eine Gestalt – ein Mann – auf der anderen Seite des Wagens vorbei und ließ etwas Weißes, Flatterndes durchs Fenster fallen. Jeanne wich instinktiv zurück und schnappte nach Luft. In der nächsten Sekunde war der Mann schon verschwunden. Sie identifizierte das weiße Etwas vor ihr auf dem Boden als einen Brief, den sie aufhob. Sie schaute sich noch einmal nach dem Mann um, da vernahm sie Soumias Stimme.

»Was ist los? Was ist passiert?«

Sie würde nie genau wissen, weshalb sie so handelte. Jeanne Lefèvre steckte den Brief rasch in ihre Schultasche und runzelte die Stirn. »Ich dachte, ich hätte noch etwas vergessen, Soumia – und um Himmels willen, gib diesen Kindern doch eine Münze, um sie ruhigzustellen. Siehst du nicht, dass der arme Junge da nur noch einen Arm hat?«

Soumia verdrehte die Augen und brummelte dem Fahrer etwas zu. »Wenn wir für jedes fehlende Körperteil in dieser Stadt bezahlen würden, wären wir bald arm. Ach, nun machen Sie schon, Mohammed! Geben Sie ihnen ein paar sous

Sie hätte Soumia den Brief zeigen können. Sie hätte ihn vor ihr öffnen können. Sie hätte ihn sogar ungelesen ihrem Vater übergeben können. Stattdessen behielt sie ihn in ihrer Tasche auf dem Schoß, die sie wie einen kostbaren Schatz umklammerte. Auf der Heimfahrt bemerkte Soumia, sie wirke ein wenig angespannt. Jeanne erwiderte, der Tag sei ziemlich anstrengend gewesen – sie hatten tektonische Platten durchgenommen –, worauf Soumia ein bedrücktes Seufzen entfuhr: »Schon wieder eine neue Krankheit!«

Weder ihr Vater noch ihre Mutter waren zu Hause. Wahrscheinlich waren sie zu einer Soirée ihres Bridge-Clubs eingeladen und würden erst spät zurückkehren. Während Soumia Tee zubereitete, zog Jeanne sich auf ihr Schlafzimmer zurück.

Das Haus ihrer Familie war von mittlerer Größe, im Kolonialstil erbaut und gehörte zu etwa zwanzig weiß getünchten Gebäuden gleicher Bauweise in ihrer Straße, die eigens für die Staatsdiener aus dem französischen Mutterland errichtet worden waren. Vier Schlafzimmer befanden sich im oberen Stockwerk, in zwei weiteren in einem Nebengebäude waren Soumia und Mohammed untergebracht. Zum Glück hatte man bei der Planung an eine Veranda gedacht, außerdem waren auf beiden Straßenseiten und in den Gärten Bäume gepflanzt worden, die wohltuenden Schatten spendeten. Vom Wind aus den Höhen des Atlasgebirges hergeweht, wuchsen hier auch Sandthymian und Bohnenkraut in Hülle und Fülle. Die Sträucher rochen so stark, dass Jeanne auch mit geschlossenen Augen wusste, wann sie sich ihrem Zuhause näherten. Sie hatte es einmal ausprobiert, und tatsächlich: Ihre Straße roch unverwechselbar nach Pfeffer und Zitronen.

Sie schloss die Schlafzimmertür hinter sich, öffnete ihre Schultasche, wühlte zwischen Büchern und Heften, konnte den Brief jedoch nicht finden. Da leerte sie die Tasche über ihrem Bett aus – und dort lag er. Sie drehte sich zur Tür, lauschte ein letztes Mal, ob sich Schritte näherten, und hielt sich den Brief dann ganz nah vors Gesicht, um daran zu riechen. Fleur d’oranger. Diesen Duft kannte sie aus der Stadt. Die Frauen verwendeten ihn zum Kochen, die Männer benutzten ihn als Eau de Cologne, um ihren Schweißgeruch zu überdecken, und in den Riads und Restaurants wurde er mit Wasser vermischt vor und nach dem Mahl zur Erfrischung der Hände angeboten. Sie sog noch einmal tief die Luft ein und brach dann vor Aufregung lächelnd das Siegel auf. Sie zögerte. Konnte es ein Irrtum sein? Einem plötzlichen Gedanken folgend, sah sie noch einmal auf der Vorderseite des Umschlags nach: keine Unterschrift, keine Adresse, noch nicht einmal ihr Name. Also war dem Mann ein Irrtum unterlaufen. Es musste ein Versehen sein. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Brief selbst, zog ihn aus dem Umschlag, faltete ihn auseinander und begann zu lesen.

Zärtlich nimmt mein Blick das Ende des Tages wahr, die Anmut des herabsinkenden Schattens entlockt mir ein tiefes, glückliches Seufzen, denn schon bald folgt der Augenblick des Erwachens, wenn Sie sich vor meinem inneren Auge erheben und sich einmal mehr in meinen Tag verwandeln.

Eine Schönheit wie die Ihre, die bei Sonnenuntergang erblüht, muss von jedem Mann bewundert werden, und zweifellos, liebreizende junge Dame, bin ich nur einer von vielen, deren Worte Ihnen zufliegen.

Jeanne wurde rot, fühlte sich verwirrt und beunruhigt. Bei den letzten Worten schien sich ihr Blick nach innen zu richten und sehnsüchtig die Tiefe ihres Körpers zu erfassen. Sie sah sich wie auf der Suche nach Unterstützung im Zimmer um, trat dann vor die Waschschüssel auf ihrem Nachttisch und tauchte ihre Finger ins Wasser. Sie tupfte etwas davon auf Nacken und Stirn, doch die kühlen Tropfen schienen auf ihrer Haut sofort zu verdunsten. Sie spürte Wut in sich wach werden. Es war einfach unsittlich – wie konnte er es wagen (es war doch sicher ein Er, oder?), solche Dinge zu schreiben? Und ausgerechnet an sie? Doch dann überwog wieder die Neugierde. Ihr Blick fiel erneut auf das Geschriebene, trotz ihrer Empörung konnte sie nicht widerstehen und las die Zeilen ein zweites Mal. Und sie kam zu dem Schluss, dass sie durchaus gut geschrieben waren. Wenn sie es einmal ganz objektiv betrachtete, musste sie sogar zugeben, dass sie wunderschön waren. Sie las den Brief ein drittes Mal. Doch diesmal wurde sie von Soumia unterbrochen, die sie zum Tee nach unten rief. Jeanne stand auf, steckte den Brief erst unter ihr Kopfkissen, nach kurzem Zögern doch lieber unter die Matratze, und trat in den Flur hinaus.

»Immer noch nicht umgezogen!«, rief Soumia, als bedeutete es das Ende der Welt. »Sie hatten wohl wirklich einen harten Tag, junge Dame!«

»Den hatte ich tatsächlich, Soumia«, erwiderte Jeanne verlegen.

Wie so oft und ungeachtet ihrer zahlreichen Versuche, zu entkommen, fand Jeanne sich nun am Tisch mit Soumia wieder, wo sie sich alles anhören musste, was diese zu erzählen hatte. Je mehr Zeit verstrich, desto unruhiger wand sie sich auf ihrem Stuhl. Am schlimmsten wurde es, als Soumia zu einer Zusammenfassung ihres Tages ansetzte. Unter normalen Umständen folgte Jeanne ihrem Monolog mit einigen Lauten der Bestätigung und Kommentaren, bis sie geendet hatte. Diesmal konnte sie jedoch Soumias Vorliebe für das Auflisten der kleinsten und nebensächlichsten Einzelheiten kaum ertragen – von der Qualität des Leitungswassers um sechs Uhr morgens bis zu dem Insekt, das Mohammed in der Gießkanne entdeckt hatte, und dem Zustand der Rinnsteine auf dem Weg zur Académie. Jeanne erwähnte, dass sie noch Hausaufgaben erledigen musste, worauf Soumia erwiderte, dass sie sich damit Zeit lassen könne, da ihre Eltern noch nicht zurück waren. Als Soumia anfing, über das Auftauchen der Bettlerkinder vor der Académie zu reden, konnte Jeanne kaum mehr an sich halten. Doch vergebens, wie sehr sie auch versuchte, Soumia durch Andeutungen auf den geheimnisvollen Mann hinzuweisen, selbstverständlich ohne ihn direkt zu erwähnen, ließ diese sich nie auf das Thema ein, sondern schimpfte lieber ausgiebig über die Polizei der Stadt, die Bettler, die örtlichen Steuern, die Bedrohung durch Raubüberfälle und schließlich über Mohammed, den sie als viel zu sanftmütig und nachgiebig empfand, um der Familie wirklich von Nutzen zu sein. Irgendwann hörte Jeanne auf zuzuhören und schweifte in Gedanken ab zu dem Thema, das sie seit eineinhalb Stunden wirklich beschäftigte.

In der abgeschirmten Welt ihrer Gedanken kehrten die Worte des Briefes zu ihr zurück, der Duft der Orangenessenz, Erinnerungsbruchstücke, die sich nicht in einen logischen Zusammenhang bringen lassen wollten. Hatte sie das Gesicht des Mannes gesehen? Sie versuchte angestrengt, sich daran zu erinnern und das Bild vor ihrem geistigen Auge heraufzubeschwören. Nein, nein – streng dich an, forderte sie sich auf.

»Was haben Sie gesagt?«, drang plötzlich Soumias Stimme zu ihr hindurch und ließ Jeanne zusammenzucken.

»Was?«

»Stimmen Sie mir etwa nicht zu, Mademoiselle?«

»Ich habe mich nur gerade gefragt, ob es vielleicht ein Trick war«, stammelte Jeanne.

»Ein Trick? Vom Gouverneur?«

»Von den Jungen vor der Académie. Vielleicht war ihre Bettelei nur ein Ablenkungsmanöver. Vielleicht hat ihr Vater den Augenblick genutzt, um diejenigen auszurauben, deren Aufmerksamkeit gefesselt war –«

»Grundgütiger«, entfuhr es Soumia, und sie schlug die Hände mit einer theatralischen Geste vors Gesicht. »Darauf wäre ich niemals gekommen! Wir müssen schnell nach unseren Sachen sehen!«

»Hast du denn jemanden bemerkt?«, fragte Jeanne. »Einen Mann vielleicht?« Soumia hielt inne, wandte sich ab und versuchte mit zusammengekniffenen Augen, sich zu erinnern. »Denk nach, Soumia.«

Soumia überlegte. »Nein.«

»Bist du dir ganz sicher?«

»Ich war ganz damit beschäftigt, die kleinen Bettler zu vertreiben«, gab Soumia enttäuscht zur Antwort. »Ich hätte besser achtgeben müssen!«

»Ich sage ja nicht, dass ein Mann dagewesen ist«, fügte Jeanne rasch hinzu, damit Soumia die Szene nicht noch einmal in allen Einzelheiten durchging. Soumia brummte vor sich hin und schwieg. Jeanne steckte sich den letzten Kuchenkrümel auf ihrem Teller in den Mund und stellte ihre Tasse ab.

»Mademoiselle, fühlen Sie sich nicht wohl?«, fragte Soumia misstrauisch. Jeanne schüttelte den Kopf. »Sie haben doch nicht –«

»Bitte was, Soumia?«, unterbrach sie Jeanne, die genau wusste, worauf sie abzielte.

»Sie fühlen sich doch nicht etwa unpässlich?«, korrigierte Soumia sich, da sie die Warnung in Jeannes Stimme vernommen hatte. »Nein?«

»Nein, Soumia«, sagte Jeanne entschieden. »Ich bin sicherlich nicht unpässlich in dem Sinne, wie du es meinst. Nur ein bisschen müde. Ich unterhalte mich sehr gern mit dir, aber ich muss wirklich noch etwas für die Académie erledigen.«

»Aber doch hoffentlich nichts über die tiktonischen Blattern?«, forschte Soumia nach. »Es ist wirklich unglaublich, dass ihr Mädchen so etwas im Unterricht untersucht. Man stelle sich nur vor – die ganze Stadt könnte sich anstecken!«

»Na ja, manchmal versuchen sie tatsächlich, aus dem Glas zu springen, aber unsere Lehrerin erinnert uns immer daran, die Deckel gut zu schließen«, erklärte Jeanne mit Unschuldsmiene.

»Das will ich auch hoffen«, erwiderte Soumia ein wenig enttäuscht. »Gut, Jeanne – vielleicht sollte ich Sie wirklich an Ihre Arbeit lassen. Aber überanstrengen Sie sich nicht. Und ich werde noch einmal den Inhalt meiner Tasche überprüfen, nur um sicherzugehen. Und gehen Sie bloß nicht raus in die Hitze!«, fügte sie noch hinzu.

»Ich verspreche es«, versicherte Jeanne mit einem Lächeln. »Übrigens glaube ich, dass ich heute Abend früh zu Bett gehen werde. Könntest du mir etwas zu essen hochbringen? Ich lasse das Tablett dann einfach auf dem Treppenabsatz stehen.« Mit diesen Worten erhob sich Jeanne und stieg endlich die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer.

Der Abend dämmerte. Sie erlaubte sich noch nicht, den Brief ein weiteres Mal zu lesen, sondern konzentrierte sich auf ihre Hausaufgaben. Voller Vorfreude saß sie an ihrem Schreibtisch und verfasste ihren Geographie-Aufsatz. Sie musste jedes Mal kichern, wenn der Begriff tektonische Platten darin auftauchte, und es fiel ihr schwer, ihn nicht durch Soumias tiktonische Blattern zu ersetzen. Das musste sie unbedingt ihren Freundinnen erzählen! Da fiel ihr ein – sollte sie ihnen auch von dem Brief berichten? Es würde ihr Ansehen bei den anderen Mädchen sicher steigen lassen – sie würden sie für erfahrener halten, als sie war, für eine Frau. Andererseits könnte es böse Zungen zum Tratschen verleiten. Und sie könnten sich über sie lustig machen. Sie beschloss, darüber zu entscheiden, wenn sie den Brief noch einmal gelesen hatte, und wandte sich erneut ihrem Aufsatz zu.

Langsam wurde es Nacht. Soumia hatte ihr ein Tablett mit einem leichten Abendessen sowie einem Krug mit frischem Wasser gebracht, das sie wie vereinbart nach dem Essen vor ihrer Tür auf dem Treppenabsatz hinterließ. Sie rief Bonne nuit nach unten und hörte aus der Ferne Soumias Stimme antworten und ihr einen geruhsamen Schlaf wünschen.

Leise schloss Jeanne die Tür hinter sich und ging zu ihrem Bett. Sie bemerkte, dass sie immer noch ihre Schuluniform trug, verschob das Umziehen jedoch auf später und tastete mit den Fingern unter der Matratze nach dem Umschlag. Als sie den Brief hervorzog, kam ihr kurz der Gedanke, dass ihre Hände nun den Geruch und den Schweiß des Mannes an sich trugen, der ihn geschrieben hatte. Sie erschrak darüber und wollte sich schon die Hände waschen gehen, da hielt sie in der Bewegung inne. Es war töricht. Sie würde den Brief doch nicht mit Handschuhen halten wollen, wenn sie ihn las! Und als sie sich zurück in den Schein ihrer Nachttischlampe begab, sandte ihr die Vorstellung, dass sie mit einem Teil der Person, die den Brief geschrieben hatte, in Berührung gekommen war, einen Schauder über ihren Körper.

Sie las den Brief gleich zweimal hintereinander, beim ersten Mal schnell, beim zweiten Mal auf jedes einzelne Wort achtend. Ihr war, als könnte sie die Stimme des Mannes in ihrem Kopf vernehmen, und seltsamerweise kam ihr dabei das Bild des jungen Schauspielers vor Augen, den sie einige Monate zuvor als Molières »Le Bourgeois gentilhomme« auf der Bühne gesehen hatte. Er hatte mit seinen feinen Gesichtszügen fast wie ein neugieriges Vögelchen ausgesehen, und seine klaren braunen Augen waren ungemein ausdrucksstark gewesen. Ein paar ihrer Freundinnen hatten ihm geschrieben, und zwei von ihnen, von denen eine ihre beste Freundin Cécile war, hatten zur Bestürzung aller anderen tatsächlich eine sehr freundliche Antwort erhalten.

Jeanne knipste das Licht aus und grübelte über den kurzen Text in ihren Händen nach, versuchte seine Bedeutung zu entschlüsseln und forschte auch nach darin verborgenen Bedeutungen. Es ging um Bewunderung, um die Bewunderung ihrer Schönheit. Schönheit! Sie gluckste. Das Wort war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Zumindest nicht, wenn sie an sich selbst dachte. Ihr Körper war etwas, das eben einfach da war – die meiste Zeit über spürte sie ihn überhaupt nicht, er war einfach Teil eines Ganzen, das von ihrem Kopf beherrscht wurde. Natürlich masturbierte sie, wie ihre Freundinnen auch – obwohl die Schwestern auf der Académie es verteufelten. Was machten sie eigentlich stattdessen?, fragte sie sich auf einmal, schlug sich diesen Gedanken jedoch gleich wieder aus dem Kopf. Sie, Jeanne, hatte auch schon geküsst. Mehrmals sogar. Es waren süße, so zärtliche wie flüchtige Küsse gewesen, die sie mit Edouard, dem Sohn eines Arbeitskollegen ihres Vaters, getauscht hatte. Er schien sie gernzuhaben. Vielleicht war der Brief ja von ihm? Nein, dafür klang er zu erwachsen. Edouard war erst neunzehn und besaß leider keinerlei literarisches Talent, dachte Jeanne. Er war für eine Laufbahn als Buchhalter im Staatsdienst wie geschaffen.

Der Brief. So hatte sich noch nie zuvor jemand an sie gewandt, und seine Worte wühlten sie auf. Sie sog tief Luft ein und spürte ihr Herz schlagen. Sie lauschte, und das Pochen wurde schneller, tiefer, als wollte es ihren Gedanken vorauseilen. Und dann verspürte sie ein Prickeln, weiter unten, im intimen, unsagbaren Bereich ihrer Weiblichkeit. Sie atmete noch einmal tief ein, konzentrierte ihre Gedanken auf den Brief, zügelte ihr rasendes Herz und brachte es in einen langsameren Rhythmus.

Mit einem Ruck stand sie auf, schloss die Fensterläden und zog die Vorhänge zu, um die Welt draußen auszuschließen. Das Wort Schönheit kam ihr wieder in den Sinn und erfüllte sie erneut mit Staunen und einem Anflug von Schuld und Scham. Auf einmal fühlte sie sich schrecklich allein und verwundbar. Sie knipste ihre Nachttischlampe wieder an, und sofort fiel ein sanfter Schein über ihr Bett. Er beleuchtete Baudelaire, ihren treuen, abgenutzten Teddy mit seinem warmen Licht. Sie hob das Kuscheltier auf, drückte es an ihre Wange, und der leicht süß-saure Geruch seiner Wolle erfüllte sie mit einem Gefühl des Trostes. Es war alles in Ordnung.

Sie begann sich zum Schlafen umzuziehen. Es war kurz vor zehn, und durch die Fensterläden drang kühle Luft in ihr Zimmer. Vor dem Spiegel zog sie ihr Kleid und ihre Bluse aus, faltete sie ordentlich und legte sie auf ihren Frisiertisch. Dann schlüpfte sie aus ihrer Unterwäsche, griff nach ihrem Nachthemd und zögerte. Ihr Blick wanderte zurück zum Spiegel. Zuerst schamhaft, dann neugierig betrachtete sie ihren zur Seite gedrehten Körper. Ihr Spiegelbild erschien ihr heute anders als sonst. Es war, als wäre sie aus sich selbst herausgetreten und sähe sich dabei zu, wie sie sich im Spiegel betrachtete. Sonderbar. Sie trat dichter heran.

Das Bild, das ihr entgegenblickte, war sowohl vertraut als auch fremd, und ihr wurde auf einmal bewusst, dass sie eine Frau sah. Eine mittelgroße, schlanke Frau mit gewelltem Haar, das in der Dunkelheit fast schwarz wirkte und auf ihr Schlüsselbein hinunterfiel. Ihre Augen waren ebenfalls dunkel, haselnussbraun. Zwei ausgeprägte schwarze Halbmonde bildeten ihre Augenbrauen, dazwischen war ihre recht markante Nase zu sehen. Schmale, noch kindliche, zerbrechlich wirkende Schultern, die in schlanken, aber starken Armen mündeten. Die sanfte Rundung ihrer festen Brüste, die in der Mitte spitz zuliefen und deren harte, dunkle Warzen leicht nach außen zeigten. Ihr Bauch war noch so flach wie die Oberfläche eines ruhigen Sees, doch ihre Hüften wölbten sich bereits fraulich nach außen. Ihre Schenkel waren rund und kantig zugleich und umschlossen die Hülle ihres Geschlechts, ein pechschwarzes Dreieck. Ein seitlicher Blick offenbarte einen frühreifen, frech hervorspringenden Hintern, der der Schwerkraft zu trotzen schien. Dort im Spiegel blickte ihr tatsächlich eine Frau entgegen, womöglich sogar eine, auf die die Worte des Briefes zutrafen.

Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete ihren Umriss und ihre Hautfarbe, wobei ihr wieder einmal auffiel, dass ihre Figur nicht unbedingt der der anderen Europäerinnen ähnelte und dass ihre Haut zwar hell war, aber auch einen tieferen, reichhaltigeren Ton besaß, der an die Haut einer jungen grünen Olive erinnerte. Eigenartig, dachte sie. Wer ist diese Frau, die zu keinem klar definierbaren geographischen Ort zu gehören scheint? Wie kann jemand denn nirgends hingehören? Schließlich zog Jeanne müde und ratlos ihr Nachthemd an und legte sich ins Bett. Sie schlief ein mit dem Brief unter dem Kopfkissen und dem Bewusstsein ihres Körpers auf dem Laken, dieser Fremden, die sie selbst war.

5

Abrach war bester Laune. Sie saßen im Café Kasbah vor dem zerfallenden Königspalast, und er hatte Summerfield gerade einen caoua – Kaffee – bestellt. Der Kaufmann trug sein typisches Lächeln im Gesicht, doch diesmal wirkte es gewichtiger, ehrlicher auf Summerfield.

»Harry Summerfield, ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit«, verkündete Abrach grinsend. Und dann, wie nebenbei: »Verzeihen Sie mir bitte, dass ich Sie nicht zu Hause besucht habe. Ich möchte so diskret wie möglich vorgehen.«

»Sie würden dort sicher heftig bedrängt werden«, mutmaßte Summerfield und nahm den Kaffee mit einem Kopfnicken entgegen.

»Ich helfe immer denen, die mir geholfen haben«, erklärte Abrach. »Doch manche Menschen wollen einem einreden, sie hätten geholfen, obwohl sie überhaupt nichts für einen getan haben. Und gerade diese Menschen fordern oft am meisten!«

»Wie sonderbar«, entfuhr es Summerfield. Er lächelte, da ihm Abrach und seine schlichten Weisheiten langsam ans Herz wuchsen.

Der Kaufmann bedeutete dem Kellner, ihre Gläser neu zu füllen, und wandte sich dann wieder Summerfield zu. »Also, erzählen Sie mir – wie geht es Ihnen, Harry? Sind Sie immer noch entschlossen, ein wenig länger hierzubleiben?«

»Jeder Tag birgt eine neue Entdeckung«, gab Summerfield zur Antwort. »Ich will bleiben, nicht bis mir das Geld ausgeht, sondern bis sich die Neuheit dieses Ortes für mich verbraucht hat.«

»Gut«, sagte Abrach lächelnd. »Und das darf ruhig eine Weile dauern. Denn, wie Sie sich vielleicht denken können, ich möchte Ihre Dienste gern weiterhin in Anspruch nehmen.«

»Ehrlich gesagt hatte ich fast erwartet, dass ich Sie heute zum letzten Mal sehen würde, Abrach. Dann habe ich also Ihren Test bestanden?«

»Sie haben ihn mit Bravour bestanden – und ich danke Ihnen.«

»Ich war ein wenig besorgt«, meinte Summerfield. »Man fragt sich immer, wie der Leser das Geschriebene wohl auffassen mag.«

»Das ist ein gutes Zeichen, Harry. Es zeigt, dass Sie Ihr Handwerk professionell ausüben.«

Summerfield beugte sich vor. »Wissen Sie, am schwersten war es für mich, die nötige Inspiration zu finden. Ich wusste einfach nicht, wie ich den Ball ins Tor bringen sollte.«

Abrachs Mundwinkel senkten sich. »Ich möchte doch bitten! Sie sprechen über das bezauberndste Wesen der Welt wie über ein Fußballspiel!«

Summerfield lachte. »Ich habe mich schließlich an die Stadt Marrakesch selbst gewandt.« Abrach blickte ihn stirnrunzelnd an. »Ja«, fuhr Summerfield fort, der sich eine Zigarette anzündete und das Gespräch sichtlich genoss. »Als mir einfach nichts einfallen wollte, bin ich aufs Dach gestiegen, und als ich von dort aus die Stadt, ihre Lichter und den Sonnenuntergang sah, wusste ich, dass ich mein Thema gefunden hatte.«

»Ich verstehe«, erwiderte Abrach, der plötzlich betrübt wirkte. »Wenn ich mich bei Sonnenuntergang also einfach auf meine Terrasse gestellt hätte, hätte ich das Ganze auch selbst schreiben können – und dabei Geld gespart!«

Beide lachten. »Sie können es ja versuchen«, meinte Summerfield, worüber Abrach kurz nachdachte, dann jedoch den Kopf schüttelte.

»Ein weiser Mann lässt den Meister sein Handwerk verrichten. Meine Geschäfte würde ich Ihnen nicht anvertrauen. Die Poesie dagegen würde ich nicht in meine eigenen Hände legen wollen.«

Sie saßen eine Weile schweigsam an ihrem Tisch und beobachteten das lebhafte Kommen und Gehen in der engen Gasse vor dem Fenster. Abrach beugte sich vor und wies Summerfield auf den Himmel hin, dessen trübes Blau auf unmittelbar bevorstehenden Regen hinwies. Tatsächlich kam Wind auf, der Staub und Sand aufwirbelte, durch die Straßen und Gassen trug und bis auf die Tische des Cafés wehte. Summerfield tauchte eine Fingerspitze in die Staubschicht und betrachtete sie eingehend.

»Er kommt aus der Wüste«, erklärte Abrach und zog die Augenbrauen hoch. »Von Ouarzazate und von noch weiter her.« Seine Stimme drang wie aus der Ferne zu Summerfield, als spräche die Weite der Wüste selbst aus ihr. Er nickte.

»Eines Tages werde ich dorthin reisen.«

Der Regen wurde stärker. Summerfield versuchte, ihn mit dem englischen Regen zu vergleichen – etwa mit dem Regen vor einem Auguststurm. Aber das traf es nicht ganz. Hier fiel der Regen in sichtbaren Tropfen, die wie die milchigen Halbedelsteine aussahen, aus denen die örtlichen Kunsthandwerker ihre Schmuckstücke fertigten. Große, rosafarbene Staubexplosionen auf den Pflastersteinen. Die Menschen draußen suchten jedoch keinen Schutz vor dem Regen. Stattdessen schienen immer mehr von ihnen auf die Straße zu strömen und sich aneinander vorbei über das Kopfsteinpflaster zu drängen. Etwa zehn Meter zu ihrer Linken befand sich ein Loch in der Straße, wo Arbeiten am Abwasserkanal vorgenommen wurden, daneben lag ein Haufen ausgegrabene Erde, der sich unter dem anhaltenden Regen rasch verteilte. Ein Mann verlor im Vorbeigehen auf dem rutschigen Untergrund das Gleichgewicht und fiel hin. Ein zweiter half ihm auf die Beine und lief danach gleich weiter. Der erste rief ihm noch einen Dank hinterher und setzte dann, seine Djellaba mit dunkelrotem Schlamm verschmiert, ebenfalls seinen Weg fort. Summerfield sah seinen Begleiter lachend an – nicht aus Schadenfreude, sondern aus verzückter Überraschung über die Gelassenheit, die sie zur Schau trugen. In einen Erdhaufen zu fallen, der einfach mitten auf der Straße liegen gelassen worden war, schien für die Leute so normal zu sein wie der Sonnenaufgang.

Nach etwa zehn Minuten war der Schauer jäh vorüber, und die kühle Luft heizte sich sogleich wieder auf, wobei ein schwerer Geruch aufstieg, den Summerfield als Mischung aus Schweiß, Exkrementen und Leder identifizierte. Er rümpfte die Nase, versuchte aber, sein Missfallen zu verbergen. Abrach musste es dennoch bemerkt haben, denn er rief etwas auf die Straße hinaus. Sogleich erschien ein alter Mann mit einem Korb unter dem Arm. Abrach drückte ihm eine Münze in die Hand und griff in den Korb, aus dem er zwei Zweige frischer Minze herausholte.

»Choukran, danke«, sagte er zu dem Straßenhändler und drehte sich dann zu Summerfield um: »Hier, nehmen Sie die. Ich bin daran gewöhnt.« Summerfield nahm die Minze entgegen und fragte sich, ob er die Blätter abzupfen und kauen sollte. »So«, erklärte Abrach, nahm die Zweige noch einmal an sich und hielt sie sich unter die Nase. »Das tötet die üblen Gerüche ab. Sie sind wohl noch nicht im Gerberviertel gewesen.« Er reichte sie ihm zurück. »Mein Freund, Sie haben noch viel zu entdecken – aber denken Sie immer an die Minze. Sie werden Ihre Bedeutsamkeit noch erkennen.«

Nach dem Kaffee lud Abrach Summerfield auf einen Spaziergang in den königlichen Gärten außerhalb der Stadtmauern ein. Schon bald steuerten sie in einer herbeigerufenen Kalesche ihrem Ziel zu. Summerfield versuchte während der Fahrt ein Gespräch zu beginnen, doch der Kaufmann schwieg beharrlich, was Summerfield als Vorsichtsmaßnahme verstand für den Fall, dass der Fahrer ihnen lauschte.

Gerade als sie aus der Kalesche stiegen, um die kunstvoll angelegten Gärten zu betreten, klarte der Himmel auf. Sie begannen ihren Rundgang, und Abrach führte Summerfield zu einem Zierteich. Summerfield wartete einen passenden Augenblick ab, um die Frage zu stellen, die ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte.

»Sie sagten, der Brief habe ein positives Ergebnis erzielt«, fing er an. »Sie hat also darauf geantwortet?«

Sein Begleiter nahm seinen Hut ab, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und danach die Hand an einem Taschentuch ab. Er schnaubte kurz. »Oh, nein. Wenn es doch nur so schnell und einfach ginge, mein Freund. Es wird Zeit brauchen. Man findet einen Schatz selten schon nach dem ersten Spatenstich.«

Summerfield nickte zustimmend. »Doch was ist dann das positive Ergebnis, mit dem Sie so zufrieden sind?«

»Harry, Sie sind sehr direkt. In der Tat gibt es gleich zwei Erfolge zu vermelden, beide kaum sichtbar, aber dennoch bedeutend.«

»Erzählen Sie«, forderte Summerfield ihn auf und konzentrierte sich dabei im Geiste bereits auf das Verfassen des nächsten Briefes.

»Zum einen hat die betreffende junge Schönheit den Brief nicht abgelehnt. Sie hätte den Umschlag einfach in den Rinnstein werfen können, aber sie tat es nicht. Zum anderen hat sie ihn gelesen

»Woher wissen Sie das?«, fragte Summerfield.

»Weil sie am nächsten Tag aufmerksam die Gesichter in der Menge abgesucht hat. Sie war offensichtlich fasziniert und schien weder besorgt noch verärgert zu sein. Meinem Beobachter zufolge wirkte sie eher neugierig und bereit für eine weitere Kontaktaufnahme.«

Summerfield kicherte. »Ich kann mir ihr Gesicht vorstellen, als sie las –«

»Ich möchte nicht, dass Sie darüber lachen«, unterbrach ihn Abrach mit versteinerter Miene. Summerfield schwieg überrascht von dem plötzlichen Stimmungsumschwung. »Ihr Schreiben muss immer von Respekt zeugen, Harry. Und das fällt Ihnen leichter, wenn Sie sie als Person respektieren.« Abrachs Tonfall wurde sanfter: »Sehen Sie, für mich ist sie eine Schönheit, ein einzigartiges Wesen, und ich liebe sie mehr, als Sie es sich vorstellen können. Oh, wenn Allah es will – Harry, ich schwöre Ihnen, ich würde mein Leben und meinen Wohlstand an die Bedürftigen verschenken, wenn ich sie damit nur für mich gewinnen könnte.«

6

Nichts geschah. Weder am zweiten noch am dritten Tag. Jeden Tag verließ Jeanne die Académie und wartete vor den Toren, bis Soumia sie abholen kam. Sie hatte sich die Gesichter auf dem Platz so oft angesehen, bis sie jedes einzelne auf Anhieb wiedererkannte. Und sie schaute weiter, fragte sich, welcher der Herumstehenden eine unerwartete Bewegung machen und auf sie zukommen würde. Doch niemand kam. Sie trödelte länger als sonst vor der Kalesche herum, bis sie merkte, dass Soumia argwöhnisch wurde, und kletterte dann enttäuscht mit einem kurz angebundenen Oui, Soumia hinein.

Am vierten Tag kam Jeanne der Gedanke, dass sie sich vielleicht zu sehr auf eine bestimmte Sache konzentriert und darüber den weiß gekleideten Mann übersehen hatte. Sie hatte nämlich die ganze Zeit erwartet, dass der Bote nachmittags, nach dem Unterricht erscheinen würde. Morgens jedoch war sie, ohne auf Details zu achten, ins Gebäude geeilt, nur in Sorge, ihren Platz nicht rechtzeitig vor dem Glockenläuten zu erreichen. Warum hatte sie nicht daran gedacht, dass er zu jeder Tageszeit erscheinen könnte? Sie schalt sich für ihre Dummheit und war umso aufgeregter, als sie an diesem Morgen mit Mohammed zusammen das Haus verließ.

Als der Wagen zum Stehen kam und Mohammed ihr die Tür öffnete, stieg sie voller Anspannung aus. Sie glaubte zu spüren, dass etwas geschehen würde. Dieses Mal wartete sie, bis Mohammed davongefahren war, und ging erst danach auf das Tor mit dem alten Seilbinder zu. Sie versuchte sich umzusehen, ohne dabei verdächtig zu wirken, erwiderte den Gruß von ein paar Mädchen, konnte den Mann jedoch nirgends entdecken, genauso wenig etwas in der Hand von irgendjemandem, das einem Brief ähnelte. Sie senkte den Blick und begann an ihrer Hypothese zu zweifeln. Sie war schon bereit, sie ganz aufzugeben, als es so weit war. Es ging rasend schnell. Plötzlich stand ein junger Araber vor ihr. Sie blickte auf, und in ihrem Gesicht blitzte die Frage auf: Bist du es? Bist du der Briefeschreiber? Sie brachte allerdings kein Wort heraus. Doch der Mann schien die Frage zu spüren und schüttelte den Kopf. Er war groß, dünn, kaum älter als sie selbst, glatt rasiert und westlich gekleidet, schon beinahe zu sauber und adrett. Er wirkte, als fühlte er sich in seiner Aufmachung ein wenig unbehaglich.

»Un deuxième message«, sagte er sanft auf Französisch. »Ich warte, falls Sie antworten möchten.« Er streckte die Hand aus, als wollte er ihre schütteln, doch sie verbarg einen kleinen weißen Umschlag, den er in ihre Handfläche presste.

Jeanne stand wie angewurzelt, merkte, wie die Zeit verstrich, und wusste, dass sie sich beeilen musste, damit niemand auf sie aufmerksam würde. »Wo?«, platzte es aus ihr heraus. »Wann?«

»Machen Sie so«, antwortete er rasch mit einer fächelnden Handbewegung. »Ich werde warten, keine Sorge.« Und er lächelte. »Au revoir.«

»Wie heißt du?«, flüsterte Jeanne, doch der junge Araber schüttelte den Kopf.

»Ich bin es nicht.«

Die folgenden Stunden waren eine Qual. Sobald Jeanne durch die Tore der Académie trat, legte ihr das Schicksal tausend verschiedene Hindernisse in den Weg. Aus irgendeinem Grund wollte an diesem Tag anscheinend jeder mit ihr sprechen, sie um Rat fragen und sie mit allem nur Erdenklichen belästigen. Ihre beste Freundin Cécile heftete sich an ihre Fersen, sobald sie das Gebäude betrat, und fragte erst nach einem Aufsatz für den Englisch-Test, dann nach diesem und jenem. Sarah Bassouin, das hübsche jüdische Mädchen, das bereits verlobt war und Ende des Jahres einen mit der Familie befreundeten Botschaftsmitarbeiter heiraten sollte, behelligte sie mit der Einladung zu einer Party, gerade als Jeanne die Damentoilette betreten wollte.

»Vielen Dank«, erwiderte Jeanne. »Lass uns in der Pause darüber reden.« Doch Sarah Bassouin folgte ihr zu ihrem Entsetzen durch die Tür und plapperte einfach weiter, während Jeanne die Kabine betrat. »Sarah, es tut mir leid, aber –«, entfuhr es ihr schließlich, als die Schulglocke erklang.

»Keine Zeit!«, rief Sarah fröhlich. »Komm schon, du weißt, was die alte Marthe sagt, wenn wir zu spät sind!«

»Aber ich muss mal!«, erwiderte Jeanne.

»Hättest vorher gehen sollen. Pisseuse

»Sarah«, keuchte Jeanne entsetzt. »Wie drückst du dich aus!«

Und so begann der Unterricht. Sœur Marthe, deren Alter unbekannt und kaum auszumachen war und die selbst zu dieser Uhrzeit von der Hitze schnaufte, schien sie auf dem Kieker zu haben. Jeanne konnte ihren Blick nicht von ihrer Schultasche abwenden, in der sie den Brief inzwischen versteckt hatte. Schwester Marthe war knallrot im Gesicht und besprühte sich immer wieder mit Wasser aus einem bauchigen Parfümflakon mit einer daran befestigten Gummipumpe, den sie stets bei sich trug. Dennoch wurde sie von ihrem Leiden nicht so sehr abgelenkt, dass sie Jeanne nicht bemerkt hätte.

»Mademoiselle Lefèvre«, ertönte ihre Stimme. »Gehe ich etwa recht in der Annahme, dass Sie zu den Aufzeichnungen Ihrer Nachbarin hinüberschielen?«

Jeanne erstarrte. »Nein, Schwester.«

»Was treiben Sie dann, Mademoiselle?«

»Nichts Gutes«, kam es irgendwo aus den hinteren Reihen, woraufhin ein kollektives, wenn auch unterdrücktes Kichern durch die gesamte Klasse ging, das durch Schwester Marthes wütend verzerrte Gesichtszüge jedoch abrupt zum Schweigen gebracht wurde.

»Nun?«

»Es tut mir leid, Schwester Marthe«, antwortete Jeanne, die rot anlief und all ihre Energie aufbringen musste, um gerade und aufmerksam dazusitzen.

»Sie wirken nervös«, bohrte die Lehrerin weiter.

»Sie ist verliebt!«, flüsterte es, und diesmal störte sich das aufkommende Gelächter und Gejohle nicht an Schwester Marthes finsteren Blicken.

»Das stimmt nicht!«, rief Jeanne, bemerkte jedoch sofort, dass es ein Fehler war. Von nun an würde ihr niemand mehr glauben. Die anderen Schülerinnen juchzten noch einmal auf.

»Seid still!«, rief Schwester Marthe keuchend vor Anstrengung. Die Klasse verstummte. Schwester Marthes Parfümzerstäuber quietschte unter ihrem hastigen Pumpen. »Lefèvre, Sie fahren mit dem nächsten Absatz fort. Lesen Sie.« So begann Jeanne also stockend und holprig mit Shakespeares »Sturm«, bis Schwester Marthe, offensichtlich gepeinigt von ihrem Vortrag, sie beinahe anflehte aufzuhören. »Was ist nur los mit Ihnen, Mademoiselle? Sind Sie krank?«

Jeanne lief krebsrot an, zögerte und sagte dann: »Ich würde gern auf die Toilette gehen, bitte.«

»Sie lügt nicht, Schwester«, rief Sarah. »Sie musste schon vor der Stunde gehen. Ihre Blase muss gleich platzen!« Erneutes Gelächter.

»Sarah Bassouin!«, kreischte Schwester Marthe. »Nur weil Sie uns dank Ihrer Heirat verlassen, heißt das nicht, dass Sie das Recht haben, allen Anstand zu verlieren!« Und an Jeanne gewandt, während sie sich die Stirn abwischte: »Also, mein Mädchen, warum haben Sie nicht einfach die Hand gehoben?«

»Ich dachte, es wäre –«

»Was?«

»Ich dachte, es wäre nur ... Aber das ist es nicht.«

»Lieber Gott«, seufzte Schwester Marthe stoisch. »Sie sind diesen Monat ein wenig früh dran – nun gehen Sie schon. Rasch!«

Jeanne stand auf, ergriff ihre Tasche und schlich aus dem Klassenraum, wobei sie jedoch noch den Schirmständer umwarf. Auf das laute Klappern folgte erneutes Gekichere. Sie bückte sich und sammelte die Schirme gemeinsam mit Cécile auf, die ihr zu Hilfe geeilt war. Dann verschwand sie hinter der Tür, durch die sie beim Schließen einen letzten Blick auf Schwester Marthe erhaschte, die ihre Augen verzweifelt gen Himmel rollte.

Einmal auf der Toilette angelangt, schloss Jeanne sich in eine Kabine ein und setzte sich. Sie war völlig außer Atem. Die Aufregung war kaum zu ertragen und kurz davor, in Angst umzuschlagen. Ihre Hände zitterten, als sie nach unten griff und ihre Tasche auf den Schoß zog. Der Brief erschien ihr so kostbar, so schutzbedürftig. Sie roch wieder einen Hauch von fleur d’oranger, der trotz seiner Zartheit den Bleichmittelgeruch in der kleinen Zelle übertönte. Sie fürchtete, sie könnte den Brief versehentlich zerreißen, und lehnte sich noch einmal zurück, um tief Luft zu holen. Schwester Marthe würde sich bald wundern. Die anderen auch. Ich darf nicht zu lange fortbleiben, jagte es ihr durchs Hirn. Mit größter Anstrengung wandte sie sich dem gefalteten Papier zu, löste umständlich das Siegel, fuhr zusammen, als sie das Papier dabei leicht einriss, brachte ihre Finger wieder unter Kontrolle und fuhr fort, bis das Siegel komplett aufgebrochen war. Sie zog den Brief aus dem Umschlag, wobei er ihren Fingern entglitt und zu Boden rutschte. Sie hob ihn auf, faltete ihn auseinander und keuchte – es war ein Gedicht.

Die nächtlichen Augen

der alten, immerwährenden Sterne leuchten

über unzähligen Herzen

und unzähligen Worten.

Unendlich sind sie,

diese silbernen Punkte

im Nadelkissen der Nacht,

wie auch die Gleichnisse für Augen,

für schlagende Herzen, Schicksal und Torheit:

Immerwährende Geschichten,

bestimmt, sie zu leben,

und sie leben – wie die Sterne.

Jeanne fühlte, wie sie die Kontrolle über ihren Körper verlor. Sie öffnete die Augen. Irgendwie war sie auf dem Boden der Toilettenkabine gelandet. Sie konnte unmöglich abschätzen, wie viel Zeit vergangen war, doch es kam ihr vor wie die Sterne in dem Gedicht – unendlich. Sie war ohnmächtig geworden. Liebe Güte, sie war ohnmächtig geworden, wiederholte sie in Gedanken, als müsste sie diesen Umstand bestätigt bekommen. Sie versuchte aufzustehen, rutschte zurück und atmete tief durch, bevor sie sich in eine sitzende Position hievte. Voller Sorge, ihn verlieren zu können, faltete sie den Brief rasch zusammen. Sie steckte ihn nicht wieder zurück in ihre Tasche, sondern schob ihn instinktiv unter den Rock zwischen den elastischen Bund ihrer Unterhose und ihre nackte Haut und bedeckte ihn mit den Falten ihrer Bluse.

Als sie die Tür zum Klassenzimmer öffnete, war alles still. Die Mädchen saßen über einen Test gebeugt, und Schwester Marthe nickte Jeanne zu, sie solle sich setzen, nachdem sie sie einen Augenblick lang zuerst misstrauisch, dann besorgt beäugt hatte. Arme Jeanne. Sie konnte sich nicht eine Sekunde konzentrieren. Der Text schien sie anzuspringen, die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Sie spürte, wie sie erneut rot anlief. Sie musste die ganze Zeit auf das Aufgabenblatt gestarrt haben, da plötzlich wie aus dem Nichts eine Hand auf ihrem Schreibtisch auftauchte. Es war keine andere als die faltige, fleckige Hand von Schwester Marthe. Jeanne schloss die Augen und rechnete mit dem Schlimmsten – dass sie sie auffordern würde, sich zu erheben. Sie sah es genau vor sich: Der Brief würde hinunterrutschen und auf den Boden fallen. Schwester Marthe würde von ihr verlangen, ihn vor der ganzen Klasse laut zu lesen. Diese Schmach. Doch stattdessen legte sich die Hand überraschend leicht auf ihre Schulter. Sie blickte auf. Schwester Marthes Gesichtsausdruck sah verändert aus. Es lag Sanftheit darin. Die alte Lehrerin bedeutete Jeanne mit einem Hochziehen der Augenbrauen aufzustehen. Leise, ohne Aufsehen zu erregen, folgte Jeanne ihr hinaus auf den Korridor.

»Jeanne, stecken Sie in Schwierigkeiten?« Die Stimme der Schwester war freundlich.

Jeanne schüttelte den Kopf. »Nein, Schwester. Ich bin nur sehr müde, das ist alles. Eine leichte Erschöpfung.«

Nun schüttelte Schwester Marthe den Kopf. »Ganz offensichtlich bedrückt Sie etwas, Jeanne. Es wäre klug, darüber zu sprechen.«

Jeanne zögerte, und ein leises Seufzen entwich ihren Lippen. »Es tut mir leid, Schwester Marthe – ich kann nicht. Es tut mir leid.«

Die alte Dame schürzte die Lippen, und für einen kurzen Augenblick verhärteten sich ihre Gesichtszüge wieder. »In diesem Fall verschreibe ich Ihnen ein paar Tage Ruhe übers Wochenende. Kein Ausgang, vor allem nicht zu den Partys Ihrer Mitschülerinnen. Ich werde Ihren Eltern eine Nachricht zukommen lassen. Gehen Sie. Nach Hause – der Freitag ist für Sie beendet.«

Schlimmer hätte es nicht kommen können. Bevor sie sich versah, hatte Schwester Marthe sie schon ins Krankenzimmer geführt und darüber gewacht, dass die Krankenschwester, eine kleine, drahtige Frau namens Madame Hubert, ihr zwei Dosen Chinin verabreichte. Die Flüssigkeit war so entsetzlich bitter, dass es ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie saß reglos auf einer der zwei Liegen in dem trostlosen, erbsengrün gestrichenen Raum, während Schwester Hubert ihren Blutdruck maß.

Ihr Herz pochte rasend – nicht nur, weil sie den Brief auf ihrer Haut spürte, sondern aus Angst, Schwester Hubert würde sie jeden Augenblick auffordern, sich zu einer weiteren Untersuchung auszuziehen, und ihn dort finden. Der Umschlag war durchweicht von ihrem Schweiß und klebte an ihrer Hüfte, was schrecklich juckte. Sie zwang sich stillzuhalten.

Zwanzig Minuten darauf erschien Soumia in der Tür. »Ich wusste doch, dass etwas nicht stimmt«, rief sie und blickte die Krankenschwester wissend an.

»Es ist nichts Ernstes«, erwiderte Schwester Hubert. »Wahrscheinlich bloß Bauchkrämpfe. Sorgen Sie dafür, dass sie viel trinkt.«

»Ich wusste es!«, kreischte Soumia auf – die Krankenschwester hatte bei ihr einen Nerv getroffen. Jeanne verzog beschämt das Gesicht.

»Rufen Sie einen Arzt, wenn es bis morgen früh nicht besser ist. Nur um sicherzugehen«, fügte Schwester Hubert stirnrunzelnd hinzu. Sie zog ein Formular aus einem Ablagekasten. »Ich benötige nun von Ihnen beiden eine Unterschrift – oder Ihr Zeichen. Hier unten bitte.«

Soumia nahm den Stift an sich. »Ich kann schreiben«, sagte sie trotzig und unterschrieb, wobei sie die größte Sorgfalt auf jeden einzelnen Kringel verwendete und sich vor Konzentration auf die Zunge biss. Dann reichte sie den Stift an Jeanne weiter. Einmal zu Hause angekommen, hatte Jeanne gehofft, sie könne gleich in ihr Schlafzimmer verschwinden, um den Brief zu verstecken. Doch ihre Mutter erwartete sie bereits. Also führte Soumia die junge Frau auf die Veranda und setzte sie auf den Rohrsessel, der sonst ihrem Vater vorbehalten war. Dann ging sie Tee holen und tauchte sogleich im Gefolge von Jeannes Mutter wieder auf.

Madame Lefèvre war groß, blass und strahlte eine Gelassenheit aus, wie es nur Menschen mit einer guten Kinderstube vermögen, aufgewachsen im Glauben an bestimmte Grenzen, die nicht zu übertreten sind. Der Blick aus ihren grauen Augen war fest, ihre Lippen waren schmal und zart, wobei Jeanne wusste, dass diese Lippen sowohl die sanftesten Schmeicheleien als auch die bittersten Vorwürfe aussprechen konnten. Sie hatte es nie geschafft, die Aufmerksamkeit ihrer Mutter gänzlich auf sich zu ziehen. In all den Jahren hatte sie in Anwesenheit ihrer Mutter immer das Gefühl gehabt, dass irgendetwas fehlte.

Jeannes Mutter, die wieder einmal eins ihrer zitronengelben Kleider trug, setzte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.

»Schwester Marthe hat mich angerufen. Wie geht es dir, mein Liebes?«

»Sie hat gesagt, sie würde eine Nachricht schreiben«, sagte Jeanne stirnrunzelnd. Es kam ihr beinahe wie ein Verrat vor. »Sie hätte nicht anzurufen brauchen. Es gibt wirklich keinen Grund zur Besorgnis, Mutter. Ich bin nur in letzter Zeit ein wenig müde.«

Ihre Mutter nickte leicht. Und war das etwa der Anflug eines Lächelns? »Deine Müdigkeit scheint nun schon eine Weile anzudauern«, stellte Madame Lefèvre fest und bedeutete Soumia mit einem Blick, sich zurückzuziehen. »Soumia hat mir davon erzählt – vor beinahe einer Woche. Sag mir«, fuhr sie mit ruhiger Stimme fort, schenkte Tee aus und reichte Jeanne eine Tasse, »was für eine Art von Müdigkeit ist das? Vielleicht eine Edouard-Müdigkeit?« Sie betonte die Worte, als hielte sie sie mit einer Pinzette vor sich hoch.

»Mutter!«

»Es mag albern klingen«, erwiderte ihre Mutter mit einem leicht belustigten Zug um die Lippen. »Aber ganz im Ernst – dein Vater und ich haben bemerkt, dass er sich bei jeder Begegnung Mühe gibt, sie in die Länge zu ziehen.«

»Er ist ein ziemlich ernsthafter Mensch«, erklärte Jeanne, deren Interesse geweckt war.

Ihre Mutter zog eine Augenbraue hoch. »Wie ich höre, sammelt er Insekten.«

»Briefmarken, Mutter.«

»Kein großer Unterschied«, fuhr ihre Mutter fort. »Ein netter Junge. Sein Vater ist ein guter Freund deines Vaters – und er hat keine schlechte Position.«

»Sind das die Kriterien für eine Ehestiftung, Maman? Ich dachte, das hätte es nur bis zum letzten Jahrhundert gegeben.«

»Meine liebe Jeanne, werde nicht unverschämt. Ich habe lediglich angedeutet, dass ein junger Mann vorzuziehen ist, dessen Eltern – nun ja, zu unseresgleichen zählen, das ist alles.« Sie blickte auf, sah das Entsetzen im Gesicht ihrer Tochter und lächelte erneut. »Edouard ist wirklich ein netter Junge.«

»Und er scheint mich tatsächlich zu mögen«, fügte Jeanne hinzu.

»Tatsächlich«, erwiderte ihre Mutter und nahm einen Schluck Tee. »Nett und ... furchtbar langweilig. Wirklich genau wie sein Vater – aber sag das um Himmels willen niemandem. Oh Jeanne, kannst du dir vorstellen, ihn wöchentlich in den Souk begleiten zu müssen, damit er sich neue Exemplare kaufen kann – Käfer, Kakerlaken, Spinnen – brr!«

»Ich habe gesagt, er sammelt Briefmarken, Mutter!«, rief Jeanne und fiel in das Gelächter ihrer Mutter ein.

»Das hast du, mein Schatz, das hast du.«

Ihre Mutter nippte noch einmal an ihrem Tee und stellte die zarte Porzellantasse dann zurück aufs Tablett. Sie blickte Jeanne darüber hinweg an. »Jeanne, ich wünsche mir natürlich, dass du dich verliebst. Das würde eine Beziehung wertvoller machen. Vielleicht auch ... dauerhafter

»Das wünschst du dir?«

»Ja. Aber noch nicht jetzt – und nicht in irgendjemanden.«

»Du meinst, dass man einander vorgestellt werden und dann umeinander werben sollte, so wie Papa und du damals?«

Die Lippen ihrer Mutter schienen noch schmaler zu werden, fast zu verschwinden. »Ja, Liebes – so wie dein Vater und ich. Also gut«, fügte sie hinzu und holte tief Luft. »Dir scheint es ja schon besser zu gehen. Ich dachte mir, dass dir ein wenig plaudern guttun würde. Aber du hast mir immer noch nicht gesagt, was der Grund deines Unwohlseins ist. Wenn es nicht Edouard ist ...«

»Die Abschlussprüfungen«, sagte Jeanne versuchsweise, obwohl ihre Mutter natürlich wusste, dass sie erst in ein paar Monaten stattfinden würden. »Das Wetter –« Ihre Mutter räusperte sich nur leicht, doch Jeanne verstand den Hinweis. Sie seufzte. Der Brief kam ihr in den Sinn. Wie würde ihre Mutter darauf reagieren? Was würde ihr Vater sagen? Er würde sie wahrscheinlich sofort Tag und Nacht bewachen lassen. Sie seufzte noch einmal. »Ich selbst bin der Grund«, erklärte sie schließlich zur Überraschung ihrer Mutter.

»Du selbst?«

»Mutter, ich – ich beginne zu spüren, dass ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tal der Hoffnung" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen