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Swanwit

Swanwit

 

Fünfhundert Jahre waren vergangen, seit unser Heiland auf Erden wandelte. Seine Boten waren in alle Welt ausgegangen, um den Völkern das seligmachende Evangelium zu bringen, aber noch immer gab es im deutschen Lande viele Gegenden, wohin noch nie die Kunde von dem freundlichen Gottessohn gedrungen war.

 

In einem fruchtbaren Tale des Thüringer Landes lagen zerstreut einige Höfe, zusammen eine Gemeinde bildend, deren Oberhaupt der tapfere Hugbald war.

Sein Hof war der größte von allen. Stattlich ragte das hohe Dach des Hauses zwischen mächtigen, schattengebenden Linden empor, umgeben von den niederen Wohnungen der Knechte, die samt ihren Frauen und Kindern dem Hofherrn eigen waren.

Wohlbestellt waren die Felder und zahlreich das Herdenvieh, das auf den frischen Wiesen am Bache weidete. Kräftige Knaben übten sich im Ringkampf und Speerwerfen, und fleißige Mägde liefen umher, des Viehes wartend und den Haushalt besorgend.

Jetzt aber war Nacht. Auf weichem Bärenfell ruhte Hugbald, doch schlief er nicht, denn drinnen im Frauengemach lag sein Weib Liebtrut schwer krank danieder, und die Ahne war ängstlich um sie beschäftigt.

Unverwandt war des Helden Auge auf den Vorhang gerichtet, der die Halle von der Kammer trennte.

Da bewegte sich dieser leise, die Alte trat auf ihn zu und legte ein neugeborenes Mägdlein zu seinen Füßen nieder, das alsbald kläglich zu schreien begann.

Schon beugte sich der Vater herab, um es zu betrachten, da tönte aus dem Nebenraum banger Angstruf der Mägde.

Des Kindleins nicht achtend, eilte Hugbald hinaus, gefolgt von der Ahne.

Einen Blick voll Liebe und Abschiedsschmerz warf die treue Liebtrut noch ihrem Manne zu, dann schloss sie die Augen und ging ins finstere Reich der Toten.

Bald erfüllten die vier Söhne der Hingeschiedenen die weite Halle mit Klagegeschrei, in das die Mägde einstimmten, denen Liebtrut eine freundliche Herrin gewesen war.

Als nun alle weinend das Lager umstanden, fehlte Hilde, das zwölfjährige Töchterlein.

Der Vater meinte, es liege wohl in seinem Winkel in allzu festem Schlaf, und ging es zu holen. Da fand er es am Boden sitzend, das neugeborne Schwesterlein auf dem Schoße, zärtlich bemüht, ihm aus einer kleinen Schale etwas Milch einzuflößen.

„Wie wagst du es“, rief Hugbald, „das Kind zu tränken, das ich noch nicht angenommen habe?“

„Vergib mir, Vater“, erwiderte das Mädchen; „ich wusste es nicht, denn ich erwachte erst von seinem Weinen.“

„Lege es auf die Bank, damit ich es ansehe; du aber geh hin und traure, denn du hast keine Mutter mehr.“

Mit lautem Aufschrei eilte das Kind in die Kammer, kehrte aber bald, wenn auch mit tränenvollem Antlitz, zurück, um nach dem Schwesterlein zu sehen.

„Sehr töricht hast du gehandelt“, rief ihm der Vater entgegen, „dass du dem Kinde Milch reichtest. Merktest du nicht, wie jämmerlich es ist? Wahrlich, doppelt so groß warst du, als du zuerst das Licht sahst; kräftig war deine Stimme und rund deine Gliederchen.

Dieses aber piept wie ein krankes Vöglein, dürr sind seine Ärmchen, und ein Beinchen ist kürzer als das andere.

Lahm und elend wird sich’s über die Erde schleppen, und daran bist du schuld! Hätte es noch nicht getrunken, ließe ich’s in den Wald legen. Da wäre es bald tot, und die freundliche Hertha nähme es in ihre Arme.“ (Sobald zu damaliger Zeit ein Kind getrunken hatte, durfte es nicht mehr ausgesetzt werden.)

„O Vater, nimmermehr gönne ich der bleichen Göttin das Schwesterlein! Schon lange wünsch’ ich mir eins, denn ich bin allein unter den wilden Brüdern. Ich will es pflegen und warten; es soll mein Trost sein im bittren Schmerz um die Mutter. Vielleicht wird es doch noch schön und stark; auch das Beinchen kann noch wachsen.“

„So nimm es hin“, sagte Hugbald finster, „aber klage nicht, wenn sein Gewimmer dich aus dem Schlafe weckt und wenn du es herumschleppen musst, während andere Mägdlein den Reigen tanzen.“ Damit wandte er sich ab, um zu der geliebten Leiche zurückzukehren.

Hilde aber wickelte das Schwesterlein warm ein, wiegte es in den Armen und lächelte unter Tränen, als es bald ruhig ward und einschlief.

Swanwit (Schwanweiß) ward das Kindlein genannt, denn seine Haut war zart und weiß und seine feinen Härchen beinahe so hell glänzend wie das Gefieder des schönen Wasservogels.

Wohl war die Last, die Hilde auf sich genommen, im Anfang schwer, denn das schwache Kindlein schrie oft Tag und Nacht. Aber die Liebe ist stark, und so ward die Schwester nicht müde, es zu tragen und zu wiegen, zu tränken und in das stärkende Bad zu bringen, im Sommer draußen am Quell, im Winter drinnen am warmen Herd.

Und siehe, der Lohn blieb nicht aus. Als Swanwit die ersten Schritte tat und lächelnd den Namen der treuen Schwester stammelte, war das Schwerste überstanden. Von nun an entwickelte es sich lieblich. Sein Haar fiel in seidenweichen, flachshellen Locken bis auf die Schultern, die Äuglein strahlten lichtblau und die Wangen überzog ein ...

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