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Sunshine

Die Zeit

Nie still steht die Zeit,

der Augenblick entschwebt,

und den Du nicht genutzt,

den hast Du nicht bewusst gelebt!

Nie still steht die Zeit,

der Augenblick entschwebt,

und nur die Momente, an die Du dich erinnerst,

die hast Du auch bewusst gelebt!

Susanne Wolf-Johnen

Hachenburg

Für meine Eltern

Werner und Ursula

~ 1 ~

Für Benjamin stand fest, dass jetzt etwas passieren musste.

Am fünften Februar würde sich ihr Kennenlerntag, der Tag, an dem sie sich erstmalig geküsst hatten, im Bus auf der Rückfahrt von der Tagestour zur Uni in Mainz, zum zehnten Mal jähren. Er konnte es kaum glauben, dass tatsächlich schon fast zehn Jahre vergangen sein sollten. Aber wenn er im Nachhinein betrachtete, was in dieser langen Zeit alles passiert war, was sie in diesen Jahren alles miteinander erlebt hatten, dann konnte er wirklich erst begreifen, welch ein Glück ihm doch beschieden war, eine Frau wie Johanna kennengelernt zu haben.

‚Mensch‘, dachte er bei sich, als er wieder einmal am Schreibtisch im Arbeitszimmer saß und gerade die Unterlagen für seine Steuererklärung zusammensuchte, ‚was haben wir schon alles miteinander unternommen, so etwas erleben viele ihr ganzes Leben nicht!‘ Und damit übertrieb er keinesfalls!

Seit fast einem Jahrzehnt waren sie nun zusammen und bemühten sich ihr gemeinsames Leben so interessant und abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Dieser aktive Gestaltungsdrang bezog sich zum einen auf die gemeinsamen Urlaube, von denen sie meist mehrere in einem Jahr planten. Denn mittlerweile war auch Benjamin längst von der Reiselust infiziert. Zum anderen blieb aber auch der ganz normale Wahnsinn beziehungsweise das Alltagsleben stets interessant. Wenngleich beide irgendwie das Gefühl überkam, dass der ganz normale Alltag, von dem die anderen alle redeten und der anscheinend für viele Paare ein Problem war, sich bei beiden nicht wirklich einstellen wollte. Stets schafften sie es ihr Zusammensein mit lieb gemeinten Gesten aufzupeppen. Mal in Form einer spontanen Essenseinladung oder eines Blumengrußes, den sie sich gegenseitig an den Arbeitsplatz schickten. Aber auch schöne Ausflüge, wie zum Beispiel ein Theater- oder Musicalbesuch am Wochenende, standen regelmäßig auf ihrem Programm.

Selbst auf der Gefühlsebene oder gar im körperlichen Miteinander spürten beide – und Benjamin überlegte an dieser Stelle noch einmal ganz genau – keinen Alltag oder gar so etwas wie Routine. Nein, selbst auf diesem Gebiet verstanden sie sich wie am Anfang. Wobei dies wiederum eine Untertreibung war, da sie sich auch durchaus in dieser Beziehung weiterentwickelt hatten und sich nie besser verstanden als jetzt. Benjamin kam es fast unheimlich vor, dass er auf Anhieb nichts fand, was er an Hanna selbst aussetzen konnte. Gleichwohl hielt ihn letztendlich etwas davon ab, endlich – nach fast zehn Jahren – die berühmten Nägel mit Köpfen zu machen.

Johanna hingegen wäre schon vor ein paar Jahren dazu bereit gewesen, mit Ben den Bund der Ehe einzugehen. In ihren Augen würden sie somit die höchsten Weihen ihrer Liebe erhalten. Im Gegensatz zu ihrem Benjamin war sie sich längst sicher, den richtigen Mann fürs Leben gefunden zu haben. Doch Bens Unsicherheit in Bezug auf das Thema Eheschließung blieb ihr nicht verborgen.

Einmal hatte sie sich ein Herz gefasst und ihn spontan bei einem romantischen Abendessen mit Kerzenlicht gefragt, was er davon halten würde zu heiraten. Seine Reaktion erschreckte sie im ersten Moment, da er sie mit seinen blaugrauen Augen groß anschaute und nur das Wort ‚heiraten‘ gefolgt von einem Duzend Fragezeichen herausbrachte. In dem sich anschließenden Gespräch spürte sie, dass er noch nicht so weit war. Aber zum Glück spürte sie gleichzeitig, dass mangelnde Liebe nicht der Grund dafür war. Vielmehr erkannte sie, dass er sich noch nicht reif genug fand.

Damals war er gerade 24 Jahre alt und stand davor – nachdem er seine Ausbildung zum Bankkaufmann erfolgreich bei einer Westerwälder Bank mit Sitz in Hachenburg abgeschlossen hatte – ein Studium der Betriebswirtschaftslehre draufzusatteln. Und so fand er, es sei irgendwie noch nicht der richtige Zeitpunkt um zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Den Traum, Pilot bei der Lufthansa zu werden, hatte er schon längst ausgeträumt. Nach dem Abitur hatte er sich nach den Voraussetzungen für die Pilotenausbildung erkundigt und erfuhr, dass es zu der Zeit, also Mitte der 80er, mehr als genügend Flugzeugführer gab. So stellte die deutsche Kranich-Airline nur Anwärter ein, die ihre Ausbildung mit sage und schreibe 150.000 Mark vorfinanzieren konnten. Sein Traum war endgültig geplatzt.

„Selbst wenn ich das Geld hätte, Hanna, aber ich müsste es aufnehmen, dann könnte ich uns dafür ja auch ein schönes Haus kaufen!“

Also beschloss er, statt des abgehobenen Berufs einen bodenständigen zu erlernen. Nun, weitere vier Jahre später, das Diplom in der Tasche, stand die Frage der Ehelichung erneut im Raum. Diesmal lautete die Frage aber nicht, ob er reif genug war Johanna zu ehelichen, sondern vielmehr ging es ganz konkret um einen einzigen Punkt, der ihn bisher von einer Heirat abgehalten hatte: Die Nachwuchsfrage!

Das Thema beschäftigte beide zwar immer wieder, allerdings spielte es – aufgrund beruflicher Pläne und der damit fehlenden zeitlichen Relevanz – eine untergeordnete Rolle. Jetzt aber, wo Benjamin sich die Frage zum zehnten Jahrestag erneut stellte, ob er mit dieser Frau das Versprechen vor Gott abgeben wollte, in guten und in schlechten Zeiten zusammenzuhalten, bis der Tod sie scheiden würde, jetzt wurde diese Situation brisanter.

Auf der einen Seite liebte Benjamin Kids und träumte schon davon, irgendwann einmal eine eigene Familie zu gründen. Schon immer besaß er ein glückliches Händchen für Kinder, insbesondere im phantasievollen Umgang. Stundenlang konnte er mit den Sprösslingen seiner Schwester Klara – Julia und Jens – auf dem Fußboden liegen und gemeinsam Dinge basteln. So kam es nicht von ungefähr, dass er auch als Patenonkel im Verwandten- und Freundeskreis ein gefragter Kandidat war. Aber so sehr Ben diese Seite auch genoss, so sehr liebte er auf der anderen Seite auch sein bisheriges und in dieser Beziehung völlig unabhängiges Leben mit Hanna. Und sie liebte es auch; weshalb sie auch keine Notwendigkeit sah, diesen Lebenszustand in irgendeiner Weise zu ändern!

Somit stand für Johanna fest, dass sie keine Kinder bekommen wollte. Zwar konnte auch sie prima mit ihnen umgehen und selbst Spaß dabei haben, doch eigene kamen für sie nicht in Frage. Allerdings gab es da einen ganz tief in ihr manifestierten Grund für diese Einstellung: Sie hatte Angst!

Ja, sie überkam allein bei dem Gedanken daran, ein Kind zu gebären, eine panische Angst. Sie fürchtete sich dermaßen vor der Geburt, dass sie es sich in manchen Augenblicken selbst nicht begreiflich machen konnte, woher diese Panik kam. Ob es vielleicht an den Horrorgeschichten lag, die sich die jungen Mütter in ihrem Bekannten- und Freundeskreis einander von den Geburtsvorgängen zu berichteten hatten? Die Themen drehten sich dort stets um kaum auszuhaltende Schmerzen, unsagbar quälende Wehen, die sogar zur Ohnmacht führen konnten, bis hin zu superschmerzhaften Darmrissen oder -schnitten.

„Da kann einem doch wahrlich die Lust vergehen, oder?“, sagte sie stets, wenn sie und Ben sich wieder einmal über das Thema Kinderkriegen unterhielten. „Und die Vorstellung, dass so ein dicker runder Kopf sich seinen Weg durch meinen Unterleib bahnen muss, setzt allem die Krone auf!“

Johanna kam aus diesem Dilemma nicht mehr raus. Deshalb stand für sie fest, dass sie nie ein Kind gebären würde.

Nun stand Benjamin also vor der Entscheidung, was ihm wichtiger war: Wollte er irgendwann einmal eine eigene kleine Familie haben – in letzter Konsequenz also mit einer anderen Frau? Oder konnte er sich auch eine kinderlose Ehe mit der Frau vorstellen, die für ihn das verkörperte, was er im Hinblick auf eine Partnerin erwartete oder sich gar erträumte. Immer wieder wog er die Pros und Kontras gedanklich gegeneinander ab. Letztendlich kam er jedoch stets zu dem eindeutigen, mittlerweile für ihn fast erschreckenden, wenngleich durchaus erwünschten Ergebnis: Johanna!

Und wenn dies für ihn fest stand, was sollte ihn nun daran hindern, sich endlich um die bereits zitierten Nägel mit Köpfen zu kümmern? Also beschloss er Johanna alsbald die alles entscheidende Frage zu stellen. Der Termin hierfür bot sich förmlich an: Das zehnjährige Jubiläum!

Da es sich bei dem fünften Februar um einen Sonntag handelte, drängte es sich auf, das Vorhaben in ein kleines Wochenend-Event einzubinden. Aber wo sollte es hingehen?

‚Optimal wäre, wenn der Ort eine gewisse Romantik in sich verkörpern und dabei nicht allzu weit entfernt liegen würde‘, überlegte Benjamin, schließlich konnte man in dieser Jahreszeit nicht absehen, wie sich die Verhältnisse auf den Autobahnen darstellten! ‚Vielleicht sollten wir mit der Bahn irgendwohin fahren?‘

„Nein!“, entglitt es ihm leise, als hätte ihm jemand diesen Gedanke verschwörerisch ins Ohr geflüstert. Nein?

Der Grund für dieses „Nein!“ lag in einer Aktion, die sie vor ein paar Wochen hinter sich gebracht hatten. Deshalb wollte er Johanna und sich etwas Vergleichbares ersparen. Obwohl, wenn er nun die Geschichte mit ein wenig Abstand betrachtete, dann musste er durchaus schmunzeln. Eigentlich war sie ziemlich typisch für sie beide. Benjamin stützte sein Kinn auf die Hände, überlegte was passiert war und grinste vor sich hin.

* * *

Es war Anfang November.

„Du Schatz, was hältst du davon, wenn wir in der Vorweihnachtszeit einfach einmal nach Paris fahren, um dort die Weihnachtsstimmung im Disneyland zu erleben?“

Benjamin stutzte im ersten Moment ob der spontan geäußerten Idee, ließ sich aber sofort von Johannas Tatendrang anstecken; schließlich hatten sie schon des Öfteren daran gedacht. Und jetzt, beide standen in den letzten Wochen beruflich ziemlich unter Stress, da kam die Ausflugsidee in die bunte Disneywelt gar nicht schlecht. Außerdem würde Paris auch zu dieser winterlichen Jahreszeit seinen Reiz haben.

„Super Idee, Hanna! Da hätte ich auch Lust drauf. Und wieso überkommt mich da ein Gefühl, dass du schon ganz konkrete Vorstellungen über das Wann und Wie hast?“

Sie waren bereits vor Jahren einmal in der Stadt der Liebe gewesen und hatten dort ein paar schöne Tage genossen. Als nun aber vor geraumer Zeit der Disneykonzern vor den Toren der französischen Hauptstadt ihr europäisches Pendant zu den amerikanischen Parks eröffnet hatte, war Johanna schon ganz heiß darauf gewesen, endlich einmal dorthin zu fahren.

Auf ihren zahlreichen Reisen hatten sie bereits die Disney Themenparks in Kalifornien und Florida besucht, somit reizte sie natürlich auch die europäische Variante.

„Hmm, zufälligerweise hat mir Frau Berger einen Prospekt in die Hand gedrückt, den ich natürlich nicht ablehnen konnte.“

Johanna grinste. Beide zählten schon längst zu den Stammkunden im Reisebüro Berger, das sich in einem gläsernen Pavillon am Hachenburger Busbahnhof befand. Allerdings besuchten sie Frau Berger nicht nur zur Reisevorbereitung. Manchmal standen sie – beziehungsweise Johanna saß in der kalten Jahreszeit stets auf dem breiten Elektroheizkörper in der Ecke – noch ein, zwei Stunden nach dem eigentlichen Geschäftsschluss bei ihr und redeten und redeten. Benjamin wusste, wenn Johanna bereits bei Frau Berger war, dann war die Reise so gut wie geplant.

„Und was meinst du, Hanna, wie sollen wir nach Paris fahren? Es ist November und da weiß ich nicht, ob es klug wäre mit dem Auto dorthin zu fahren?“

„Kein Problem! Ich habe mich schon kundig gemacht. Also, es gibt da ein Ticket, das nennt sich ‚Paris Spezial‘. Es ist für rund 120 Mark zu haben. Mit diesem Ticket können wir von Köln, ohne umsteigen zu müssen, also toute suite, nach Paris fahren. Unsere Tour de France dauert somit nur zirka viereinhalb Stunden. Das Gute ist, wir kämen am Garre-du-Nord an und könnten von dort mit einer Art Stadtexpress in nur 40 Minuten direkt zum Eurodisney fahren.“

„Na, dann ist ja bereits alles geklärt. Ich nehme an, du hast dich bereits darüber informiert, wo wir übernachten können?“ Johanna nickte etwas verstohlen und schlug sofort den Prospekt auf.

„Santa Fe! So heißt das Hotel. Ist zwar ganz einfach, aber nicht weit vom Park entfernt. Selbst ein kleines Frühstück ist im Preis inklusive.“ Benjamin schaute sich die Beschreibung des Hotels an, womit eigentlich bereits alles geklärt war. Schon wenige Tage später konnte es losgehen.

Der Zug sollte um 7:22 Uhr vom Regionalbahnhof Au an der Sieg abfahren. Wenngleich dieser Bahnhof nicht größer ist, als der in Hachenburg, so besitzt dieser jedoch den großen Vorteil, dass er an den Rhein-Sieg-Verkehrsverbund und somit per Interregio und S-Bahn bestens an Köln angeschlossen ist. Der Ort Au selbst liegt ungefähr 15 Kilometer von Hachenburg entfernt, weshalb er eigentlich in kürzester Zeit zu erreichen ist. Eigentlich!

Was aber wenn zwei vermeintliche Weltenbummler – wie Johanna und Benjamin mittlerweile durchaus beschrieben werden konnten – sich auf den Weg in die unendlichen Weiten des Westerwaldes machten? Zwar fanden sie sich im entferntesten Winkel des australischen Outbacks zurecht, doch einige Täler in der näheren Umgebung zu ihrem Heimatstädtchen bedeuteten tatsächlich noch Neuland. So kam es, wie es kommen musste, und sie stellten sich am Abend vor der Abreise die Frage: „Wo liegt eigentlich Au? Wie kommen wir überhaupt dorthin?“

Nachdem sie sich eine Zeit lang achselzuckend und ahnungslos Grimassen schneidend angeschaut hatten, wagte Johanna einen zaghaften Vorstoß: „Du, ich glaube, ich weiß, wie wir in etwa zu fahren haben.“ Benjamin sah sie stumm an. „Überlege mal, wenn wir nach Bonn oder Oberhausen zu meiner Oma Minna fahren, dann nehmen wir doch immer die Bundesstraße von Hachenburg über Altenkirchen in Richtung Hennef.“ Ben nickte wortlos. „Und steht da nicht hinter dem kleinen Ort Birnbach ein Schild, das in Richtung Au/Sieg zeigt?“ Ihr Gegenüber hob fragend die Schultern. „Ich denke schon! Also, dann müssen wir dort wohl abfahren.“ Johanna war sich ziemlich sicher, was das Schild betraf, aber ob es sich dabei auch um Idealstrecke zum Bahnhof handelte, wusste sie nicht.

‚Nun gut‘, dachten beide unabhängig voneinander, ‚auf jeden Fall können wir da nicht so ganz falsch liegen. Wenn der Wecker morgen anderthalb Stunden vor Abfahrt klingelt, dann wird uns schon genügend Zeit bleiben.‘ Allerdings wussten sie nicht, dass es sich bei der Fahrstrecke, die sie über Birnbach führen sollte, um einen riesigen Umweg handelte. Allein von Hachenburg nach Birnbach betrug die Entfernung bereits zirka 20 Kilometer. Von dort würde das Schild, an das sich Johanna erinnerte, weitere 14 Kilometer durch die Westerwälder Walachei, einem Waldgebiet mit unzähligen Kurven und so weiter, anzeigen. Die kalkulierte Fahrzeit von einer Stunde war somit nicht allzu großzügig bemessen. Hätten sie sich zuvor richtig informiert oder eine Karte zur Hand genommen, dann wäre ihnen eine aufreibende Tort(o)ur erspart geblieben, und sie wären auf einer sehr gut ausgebauten Straße, in wohlgemerkt weniger als 30 Minuten, in Au angekommen. Aber es sollte alles ganz anders kommen:

Der Wecker klingelte. Einen schnellen Kaffee und ein Nutellabrot später, saßen sie bereits im Auto und fuhren ihrem großen Abenteuer entgegen. Abenteuerlich gestaltete sich auch sogleich das Wetter. Es bescherte ihnen eine ‚dicke Suppe‘ aus Nebel und verhinderte von vornherein eine zügige Fahrt. Der November blieb sich und seinen Vorurteilen treu. Endlich, wohlgemerkt nach einer guten halben Stunde, erreichten sie den kleinen Durchgangsort Birnbach. Johanna behielt Recht: Es existierte tatsächlich ein Straßenschild, das auf den Ort Au verwies.

„Gut gemacht, Hanna“, lobte Benjamin.

Doch als sie näher kamen und in die Abfahrt eingebogen, stutzten sie ob der angegebenen Kilometerzahl: 14 Kilometer! Upps, damit hatten sie nun überhaupt nicht gerechnet.

„Hm, mich wundert es, dass die Leute immer so schwärmen, wie schnell man in Au ist“, stellte Johanna etwas mürrisch fest. „Ich finde es ziemlich weit und umständlich dorthin zu fahren! Meinst du, wir schaffen es überhaupt noch rechtzeitig?“

Benjamin, der sich ob der relativ bescheidenen Sichtverhältnisse sehr stark auf die Straße konzentrieren musste, bezweifelte im Stillen, dass es ihnen gelingen würde, doch blieb er Johanna gegenüber optimistisch: „Denke schon, es darf halt nichts mehr dazwischen kommen!“

Doch es kam etwas dazwischen.

Der Weg schlängelte sich durch Ortschaften, von denen beide noch nie gehört hatten, und deren plötzliche Existenz ihnen ziemlich unheimlich vorkam. Kaum ließen sie ein Dorf hinter sich, hofften sie, dass das nächste Ortsschild, das im dichten Nebel aus dem Nichts auftauchte, die beiden Buchstaben A und U tragen würde. Nervosität stieg in ihnen auf. Sie rechneten gerade nach, ob es eigentlich noch Sinn machte weiterzufahren oder ob sie gar überhaupt noch in die richtige Richtung fuhren, als unvermittelt ein Mann wie aus dem Nichts erschien und am Straßenrand stehen blieb. Johanna schrie erschrocken auf. „Ist ja fast wie in dem Horrorfilm The Fog – Der Nebel des Grauens!“

Nachdem ihr Schrecken sich wieder verflüchtigte, erkannten sie ihre Chance, eine Antwort auf alle Fragen zu bekommen. Benjamin stoppte und Johanna kurbelte das Seitenfenster ein Stück weit hinab. Der Mann, selbst wohl etwas erschrocken, gab ihnen die Hoffnung zurück und meinte, der nächste Ort sei Au an der Sieg. Mittlerweile war es bereits fünf Minuten nach sieben. Au – endlich!

Nun kam es auf jede Minute an. Sie wussten, dass sie den Bahnhof möglichst schnell finden mussten. Beide hielten die Augen ganz weit offen. Ihnen kam es vor, als suchten sie im langsam einsetzenden Morgenrot nach dem heiligen Gral. Recht zügig lenkte Benjamin den Wagen durch den kleinen, ziemlich verschlafen wirkenden Ort. Plötzlich, sie trauten ihren Augen kaum, sahen sie schon wieder das Wort Au.

Au Backe! Diesmal leuchtete jedoch das vom Scheinwerfer angestrahlte Wort hinter einem feuerroten Balken hervor, der dieses durchstrich. Das zweigeteilte gelbe Schild wies im oberen Teil darauf hin, dass der nächste Ort, den er auf dieser Strecke erreichen würde Hamm an der Sieg sei, während der untere Teil darüber informierte, dass man gerade dabei war, Au zu verlassen. ‚Auf wieder sehen in Au!‘

Au Backe noch einmal! Das konnte doch nicht wahr sein! Wo war denn jetzt dieser blöde Bahnhof?

Benjamin fuhr über eine Brücke und bog in die nächste sich bietende Straße ein. Er ließ ein Auto vorbei, drehte den Wagen und stoppte ratlos an der Kreuzung. Im Rückspiegel sah er einen VW Golf, der hinter ihnen hielt. Dessen Fahrer kurbelte das Fenster herunter und rief ihnen irgendetwas zu. Benjamin kurbelte ebenfalls die Scheibe runter und steckte seinen Kopf aus dem Fenster. Der Mann aus dem Golf erkundigte sich, was los sei, und so fragte Benjamin sogleich nach dem Bahnhof.

„Ich fahre auch zum Bahnhof, folgen Sie mir ganz einfach!“

Ja, endlich! Nun würde es zwar tierisch knapp, aber dennoch schien ein Erreichen des Zuges immer noch möglich. Während sie dem Golf folgten, gestanden sie sich ein, dass sie den Bahnhof an diesem Morgen nie auf eigene Faust gefunden hätten. Jetzt aber sah es so aus, als kämen sie noch rechtzeitig an. Doch die Welt schien gegen sie zu sein!

Der Parkplatz stand voller Pendlerfahrzeuge – mussten sie sich auch ausgerechnet einen Montag für ihren Trip aussuchen! So blieb ihnen nichts anderes übrig, als zwei- bis dreimal rund um den Bahnhofsvorplatz und die Parkplätze zu fahren. Endlich – sie hatten die Hoffnung bereits aufgegeben – fanden sie auf einem etwas entlegeneren Parkplatz eine freie Stellfläche. Jetzt galt es sich zu sputen! Die kleine Digitalanzeige im Auto zeigte 7:21 Uhr und um 7:22 Uhr sollte der Zug planmäßig abfahren.

Benjamin zog gerade die Reisetasche aus dem Kofferraum, als er eine heisere Lautsprecherdurchsage hörte. Kurz darauf sah er bereits den Zug in den Bahnhof einfahren. Johanna preschte vor, als schien sie sich vorgenommen zu haben, den Zug an seiner Weiterfahrt zu hindern – im Notfall mit vollem Körpereinsatz! Benjamin packte ebenfalls seine Beine in die Hand und spurtete ihr hinterher. Der Weg zog sich unnatürlich lange und Johanna spornte Benjamin an, er möge einen Zahn zulegen. Sie erreichten gerade den Anfang der Treppe, die zum Bahnsteig 3 hinaufführen sollte, als sie der Pfiff einer Trillerpfeife bis ins Mark traf und erschütterte.

‚Nein, darf doch jetzt nicht wahr sein!‘

Sie erreichten gerade die letzte Stufe der Treppe, als sich der Zug bereits in Bewegung setzte. Johanna schrie noch „Haaaaalt!“, doch es war zu spät, der Zug fuhr weiter! Was jetzt?

Schrecken und Enttäuschung standen beiden ins Gesicht geschrieben. Wie in Blei gegossen blieben sie regungslos stehen und schauten den sich immer weiter entfernenden Rücklichtern der S-Bahn nach. Stumm blickten sie einander an und konnten es kaum fassen, was ihnen gerade passiert war. Es dauerte einige Minuten bis sie überhaupt wieder in der Lage waren einen klaren Gedanken zu fassen.

„Was meinst du, Benjamin, sollen wir uns schnell ins Auto setzen und nach Köln fahren, damit wir wenigstens den Zug nach Paris erwischen?“

„Du, ich bin im Moment sprachlos“, erwiderte Benjamin voller Ratlosigkeit. „Vielleicht geht ja gleich noch ein Zug nach Köln. Wir sollten zunächst einmal am Schalter fragen, welche Möglichkeiten wir da noch haben.“

Beide gingen mit gesenktem Haupt die Strecke zurück, die sie zuvor hochgespurtet waren. Geblendet betraten sie die mit grellem Neonlicht unangenehm hell ausgeleuchtete Schalterhalle. Wenigstens war es hier trocken und warm, wenngleich der Charme dieser Bahnhofshalle voll dem Klischee dieser Räume entsprach.

„Also, Sie können in ein paar Minuten mit dem Regionalexpress nach Köln fahren. Ihr Anschlusszug steht dann genau auf dem Gleis gegenüber. Sie haben drei Minuten zum Umsteigen; das reicht völlig aus.“

Das war ja eine gute Nachricht, die die nette Dame hinter der Glasscheibe für sie parat hatte.

„Wow, Hanna, da siehst du, es wird doch noch alles funktionieren und in einer Stunde sitzen wir in unserem Zug nach Paris!“

Die Expressbahn lief pünktlich ein und fuhr ebenso fahrplanmäßig wieder ab. Die beiden Parisreisenden suchten sich zwei freie Plätze in einem Abteil.

„Hoffentlich haben wir nicht unterwegs noch irgendeine Verspätung. Drei Minuten Zeitpuffer sind nicht die Welt und können sehr schnell vergehen.“

„Jetzt seh’ mal nicht gleich schwarz, Schatz. Du wirst sehen, wir werden es schaffen!“

Eine Frau um die Fünfzig, die mit ihnen im Abteil saß und das Verhalten des doch ziemlich nervös wirkenden Pärchens beobachtet hatte, schaltete sich vorab entschuldigend in das Gespräch ein. Sie spürte die Anspannung der beiden und fühlte sich somit berufen, sie zu beruhigen:

„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich fahre jeden Tag mit diesem Regio-Express zur Arbeit und glauben Sie mir, der Zug auf dem anderen Gleis steht immer da. Also werden Sie diesen auch heute bekommen.“

Johanna sah die Dame dankbar an. Erleichtert spürten beide wie sich ihr Blutdruck wieder auf ein Normalmaß senkte. Locker und kurzweilig begannen sie sich mit der netten Frau zu unterhalten. Sie erzählten ihr von der Odyssee der Anfahrt und dem knappen Verpassen der ersten Bahn.

Als schließlich der Schaffner das Abteil betrat und noch einmal bestätigte, alles liefe nach Zeitplan und der Zug nach Paris würde jeden Morgen auf dem gegenüberliegenden Gleis stehen, verschwand bei den beiden Paristouristen die Nervosität fast vollends.

„So, das war Köln-Deutz und somit die letzte Haltestelle vor dem Hauptbahnhof. Sie haben noch gut und gerne acht Minuten und schaffen das spielend.“

Die Dame war sich ganz sicher und sprach den beiden noch einmal Mut zu. Johanna und Benjamin atmeten sichtbar erleichtert auf. Doch zu früh! Was passierte?

Die Bahn fuhr auf die Deutzer-Brücke – Benjamin zeigte gerade auf den Kölner Dom, der sich im ersten Morgenlicht majestätisch von der Silhouette der übrigen Häuser abhob – als der Zug plötzlich stehen blieb. Zunächst dachten die Drei an einen kurzen Stopp, als sich jedoch nach weiteren zwei Minuten noch nichts tat, kehrte in ihnen die bis dahin verschwundene oder zumindest unterdrückte Nervosität zurück. Drei Minuten! Jetzt würde es langsam Zeit, wollten beide wirklich ihren Anschlusszug erreichen. Aber es tat sich nichts. Vier Minuten! Mindestens drei würde der so genannte Express noch benötigen bis er im Bahnhof zum Stehen käme, meinte ihre Sitznachbarin. So langsam glaubte auch sie nicht mehr an das Erreichen des Zuges nach Paris. Fünf Minuten! Es schien aussichtslos.

Johanna sah Benjamin mit ihren rehbraunen Augen desillusioniert an und deutete ihm ohne ein Wort zu sagen an: ‚Es ist vorbei!‘. Doch da rüttelte plötzlich ein kräftiger Ruck die Abteile und der Zug fuhr langsam weiter. Ohne großartig Fahrt aufzunehmen, rollte er in die riesige Bahnhofshalle mit der überdimensionalen 4711-Kölnisch-Wasser-Werbung. Gemächlich ließ der Lokführer seinen Express auf Gleis 13 einlaufen, während die ständig lärmende Lautsprecherstimme irgendetwas mit dem Begriff ‚Paris‘ durchgab. Dann passierte das Unerwartete. Das gab es doch nicht!

Tatsächlich stand der Zug, der Johanna und Benjamin nach Paris bringen sollte, noch auf seinem Bahnsteig!

Die Minen aller Anwesenden erhellten sich, denn mittlerweile fieberten noch mehrere Mitreisende mit dem jungen Pärchen und machten von sich aus bereitwillig Platz, um ihm ein unverzügliches Aussteigen zu ermöglichen. Langsam kam der Zug zum Stehen. Benjamin riss die Tür auf und sprang auf den Bahnsteig. Ihre Hand suchend, schaute er sich nach Johanna um und reichte ihr seine eigene. Plötzlich, er traute seinen Ohren nicht, vernahm er einen kurzen, schrillen und in seinen Ohren wie eine Fabriksirene ertönenden Pfeifton, der einen kurzen Moment später wieder abrupt verstummte. Sein Kopf drehte sich zeitlupengleich um und er schaute über seine linke Schulter, während seine rechte Hand noch nach Johannas verlangte. „Neeeiiinnn!“ Das konnte doch jetzt nicht wahr sein! Nein, nicht schon wieder! Johanna sprang mit beiden Füßen auf den festen Boden des Bahnsteigs und erkannte sofort, was ihnen das Schicksal gerade auferlegte. Mit langsamer, wenn auch stetig zunehmender Bewegung nahm der französische Zug der SNCF, der Societé National de Chemin de Fèr, seine Fahrt in Richtung Paris auf. Au revoir Paris, tschüss Disneyland!

Hätte nicht die natürliche Beweglichkeit der Wirbelsäule eine Grenze gesetzt, die Köpfe der beiden wären bis auf den Erdboden gesunken – so groß war die Enttäuschung!

„Irgendwie kommt es mir so vor, als sollten wir daran gehindert werden nach Paris zu fahren. Mir ist die Lust schon fast vergangen!“

„Mir geht es genauso, Hanna. Aber vielleicht gehen wir einfach zur Information und fragen, was wir nun mit unserem Spezialticket anfangen können.“

Mit trauriger Mine betraten sie das Reisezentrum der Bahn und suchten sich einen freien Schalter. Dort erklärten sie dem Bediensteten, was passiert war und fragten nach irgendeiner Lösung. Der Bahnangestellte spürte die Enttäuschung der beiden jungen Leute und versuchte sie ein wenig aufzumuntern: „Sie können in einer Stunde mit einem anderen Zug nach Paris fahren. Sie haben da zwar keine reservierten Plätze und müssen einmal in Brüssel umsteigen, aber sie sind dann gegen zwei Uhr in Paris. Wäre doch was, oder!?“ Johannas und Benjamins Laune hob sich umgehend.

„Vielen Dank! Komm Ben, ich lade dich noch auf einen EggMcMuffin und einen Kaffee bei McDonald’s ein.“

„Hört sich gut an, Hanna. Auf ein Neues!“

Sichtlich besser gelaunt verließen sie das Bahnhofsgebäude und suchten das um die Ecke liegende Schnellrestaurant auf. Nach dem Kaffee und einer Kleinigkeit zu Essen konnten beide auch wieder lachen und machten sich sogar langsam lustig über ihre eigene Geschichte. Überaus pünktlich begaben sie sich dann zum Bahnsteig 9, von wo der Euro-Express in Richtung Brüssel abfahren sollte. Erleichtert nahmen sie in einem freien Abteil Platz, und die Erholungsphase konnte beginnen. Sie lachten viel und erzählten einander Kuriositäten, die sie bisher gemeinsam oder auch in der Zeit vor ihrem Kennenlernen erlebt hatten.

„Werden wir pünktlich in Brüssel ankommen?“, fragte Johanna sicherheitshalber den Schaffner, als dieser die Fahrscheine kontrollierte.

„Mais oui, Mademoiselle! Außerdem wird Ihr Schnellzug nach Paris genau auf dem gegenüberliegenden Gleis abfahren.“

Diese letzte Tatsache konnte allerdings weder Johanna noch Benjamin wirklich beruhigen. Und tatsächlich, auch der Euro-Express lief mit einer Verspätung, diesmal allerdings nur eine Minute, in den Bahnhof ein. Johanna und Benjamin standen wieder direkt vor der Tür und fieberten dem Moment entgegen, da ihr Wagen vollends zum Stehen kommen sollte. Endlich war es so weit und sie erkannten, dass sich da schon ein Zug auf dem Gleis gegenüber befand. Sie sprangen aus dem Wagon und überquerten wie ferngesteuert den Bahnsteig. Das konnte doch jetzt nur noch Ironie des Schicksals sein, oder? Der andere Zug befand sich doch tatsächlich schon in Bewegung. Sie setzten zu einem Spurt an und erreichten so im vermeintlich letzten Augenblick noch die Tür eines Wagens. Benjamin sprang als Erstes hinauf und öffnete sie. Johanna lief ihm hinterher. Benjamin war froh, dass sich die Tür öffnen ließ und anscheinend die Verriegelung noch nicht aktiviert war. ‚Mensch, warum stehen denn so viele Leute hier im Gang? Macht es uns doch nicht noch schwerer hineinzukommen.‘ Fast panisch nahm er Johannas Tasche entgegen, stellte sie ab und reichte ihr fordernd die rechte Hand. Johanna hatte alle Mühe sie zu erreichen, doch dann gelang es ihr und mit Benjamins Hilfe schaffte sie es auf das erste Trittbrett. Doch was passierte dann?

Wie durch ein Wunder schien der Zug immer langsamer und langsamer zu werden und kam schließlich ganz zum Stehen. Benjamin und Johanna schauten einander verunsichert an. Hoffentlich würden sie jetzt keinen Ärger bekommen! Doch während beide noch nach dem Grund des plötzlichen Fahrtabbruchs suchten, machten sie die Menschen im Gang darauf aufmerksam, sie würden jetzt gerne aussteigen. Was sollte das denn?

Auf einmal fiel es beiden wie Schuppen von den Augen: Sie waren nicht der Anlass für den plötzlichen Halt des Zuges gewesen! Nein, sie waren auf einen einfahrenden Zug gesprungen! Wie sich herausstellte, hatte dieser, also ihr Anschlusszug, ebenfalls eine Verspätung gehabt und war gerade erst in den Bahnhof eingefahren. Schamesröte stieg in ihnen auf und am liebsten wären sie im Erdboden versunken. Zum Glück stiegen alle Passagiere, die ihre Zug-Enteraktion mitbekommen hatten aus.

Seelenruhig und ob der Gewissheit, diesen Zug nicht mehr verpassen zu können, suchten sie sich einen netten Platz in einem leeren Abteil ohne Reservierungsmarkierungen aus. Dass sie alleine im Zugabteil waren, hatte den Vorteil, dass sie sich erst einmal über sich selbst lustig machen und so richtig ablachen konnten. Eine ganze Zeit lang waren sie nicht in der Lage sich anzuschauen ohne gleich loszuprusten.

Nach zirka einer Stunde beruhigten sie sich wieder und machten sich auf, um im Speisewagen einen kleinen Lunch zu sich zu nehmen. Anschließend genossen sie die gemütliche Zugfahrt und waren froh, als sie schlussendlich doch noch relativ früh am Tag in Paris ankamen.

Auf dem Garre du Nord herrschte reges Treiben, was ihnen die Orientierung erschwerte. An einem Infoschalter erkundigte sich Benjamin nach dem Fahrkartenverkauf für die Bahn nach Marne-La-Vallée. Sehr schnell musste er feststellen, dass die Früchte seines Französisch-Leistungskurs, der nun doch schon einige Jahre hinter ihm lag, längst vom Baum gefallen zu sein schienen. Darüber erschrocken, bereitete es ihm erhebliche Schwierigkeiten, seine Frage sauber zu formulieren, geschweige die Antwort zu verstehen. Doch irgendwie gelang es ihm, die wichtigsten Wegepunkte aufzuschnappen und den richtigen Bahnsteig zu finden.

Wie von der – nicht gerade allzu viel französischen Esprit versprühenden – Schalterangestellten in überschallmäßigem Französisch beschrieben, bekamen sie ihre Tickets am Automaten. Erleichtert stiegen sie in das Schienengefährt, das sie in ungefähr 40 Minuten vor den Toren des Disneylandes absetzen sollte. Dachten sie!

Die Bahn fuhr und fuhr. Die Wagons füllten sich. Die Wagons leerten sich. Schließlich blieben nur noch sie beide und ein weiteres Pärchen im ganzen Zug übrig.

„November ist halt keine Saison für das Eurodisney“, beruhigten sie sich. „Außerdem sind die ganzen Tagesbesucher des Parks schon längst durch!“ Doch dann passierte folgendes: Johanna und Benjamin unterhielten sich gerade angeregt und überlegten, wie sie jetzt den Rest des Tages nutzen wollten, als der Zug anhielt. ‚Wieder eine Haltestelle, also dann müssen wir nur noch zwei weitere fahren und dann aussteigen.‘ Dachten sie!

Plötzlich jedoch geschah das Unerwartete – das Licht ging aus! Sie erschraken und konnten sich nicht erklären, was gerade passierte. Auch das Pärchen hinter ihnen, das sich nun aufgeregt auf Englisch unterhielt, schien zu ahnen, dass da irgendetwas nicht stimmen konnte. Als sie draußen einen uniformierten Mann vorbeigehen sahen, der aussah wie ein Zugführer, kam ihnen die Erklärung: Man hatte sie, gemeinsam mit dem anderen Pärchen, das noch weniger Französischkenntnisse besaß als Benjamin und Johanna, im Zug eingeschlossen! Mit beiden Fäusten trommelte Benjamin gegen die Scheibe – und siehe da, er hatte Erfolg. Völlig erschrocken drehte sich der Mann in blau um, riss seine Augen auf Wagenradgröße auf und schien ihnen nicht zu trauen!

„Was machen Sie denn noch in meinem Zug?“, fragte er völlig aufgekratzt durch die geschlossene Scheibe. Benjamin zuckte mit den Achseln. Er verstand nicht alles da die Geschwindigkeit der Worte einer Concorde alle Ehre machte. Nur soviel konnte er heraushören, dass sie mit ins Depot gefahren seien und der Zug jetzt von außen gereinigt würde.

„In ungefähr zehn Minuten geht die Fahrt weiter!“ Der Fahrer marschierte zügigen Schrittes an das andere Ende des Zuges, schaltete das Licht wieder an und wartete darauf, dass das riesige Gestell mit den sich drehenden Bürsten von vorne nach hinten seinen Zug vom Schmutz der Großstadt reinigte. Und tatsächlich, nach nicht ganz zehn Minuten setzte sich die Bahn wieder in Bewegung.

Eine automatisierte Lautsprecherdurchsage forderte die Passagiere auf, die in Richtung Marne-La-Valée/Eurodisney reisen wollten, an der nächsten Station umzusteigen. Wahrscheinlich hatten sie genau diese Durchsage auf der Hinfahrt überhört und somit die Ehrenrunde ins Depot gewonnen.

Wie empfohlen, stiegen sie und das englische Pärchen an der nächsten Station aus, überquerten per Fußgängerüberweg die Gleise und warteten auf ihren Anschlusszug. Dieser ließ zum Glück nicht lange auf sich warten. Von nun an lief alles wie geschmiert und sie konnten nach dem Einchecken im Hotel den Rest des Abends in vollen Zügen – oder da genug der Züge, voller Spaß – genießen.

Das Eurodisney war in dieser Vorweihnachtszeit einfach fantastisch und wunderschön beleuchtet. Dadurch, dass der Park bis acht Uhr geöffnet hatte und sie Karten besaßen, die ihnen einen mehrmaligen Zutritt erlaubten, genossen sie noch die eine oder andere Attraktion. Der Besucherandrang hielt sich sehr in Grenzen, so konnten sie in der Regel sogar ohne Anzustehen sofort in einzelne Fahrgeschäfte einsteigen oder nach einer rasanten Fahrt einfach sitzen bleiben und noch einmal fahren. Sie hatten unheimlich viel Spaß und der pechbehaftete Tag klang erfreulich aus. Letztendlich waren sie dann doch noch zufrieden mit ihrem ersten Ausflugstag. Todmüde fielen sie gegen Mitternacht ins Bett und bevor sie die Augen schlossen, kamen sie nicht umher, sich noch einmal über diesen ereignisreichen Tag lustig zu machen.

„Das war mal wieder typisch Hanna und Ben! Oder?“ Johanna griff im Dunkeln nach Benjamins Hand und stimmte ihm durch einen zarten Druck zu. Anschließend schliefen beide sofort ein.

Den nächsten Morgen starteten sie mit einem Frühstück im Hotel. Der späte Herbst meinte es mit allen Besuchern sehr gut und schenkte ihnen einen tiefblauen Himmel bei trocken kalten Temperaturen. Johanna und Benjamin genossen die Zeit und erfreuten sich an der Weihnachtsdekoration. Ganz besonders gespannt waren sie auf die Illumination des riesigen Weihnachtsbaumes am Ende der Mainstreet, der mit putzigen Geschäften gesäumten amerikanisch aussehenden Hauptstraße des Parks, sowie auf die weihnachtliche Electric-Parade, bei der alle Disneyfiguren des Parks, auf mit Tausenden von Glühbirnen verzierten Motivwagen die Besucher ins Staunen versetzen würden. Gestern Abend waren sie ein wenig zu spät gewesen und so freuten sie sich schon auf heute Abend. Doch zunächst versuchten sie so viele Attraktionen wie möglich auszuprobieren. Die kleine Dampflok ‚Big Thunder Mountain‘, die ihre Wagons über eine Achterbahn durch einen spektakulären Canyon zog, tat es ihnen ganz besonders an. Sie genossen einen wunderschönen Tag und als die Lichterparade vorbei war, strömten sie gemeinsam mit breit grinsenden, locker scherzenden und vergnüglich lachenden Menschen aus dem Park. Eigentlich hätten sie noch anderthalb Stunden bleiben können, doch ihr Plan sah für diesen Abend einen Ausflug in die City von Paris vor.

Nach einer kurzen Bahnfahrt schlenderten sie durch die Straßen der Stadt der Liebe. Es war wunderschön diese prachtvolle Metropole im Glanz der untergehenden Sonne zu sehen. Julien Green, ein französischer Schriftsteller mit amerikanischer Herkunft, behielt vollkommen Recht, denn er schrieb:

‚Paris im leichten Dunst der Abenddämmerung, wenn sich die Lichter im Wasser spiegeln und Notre-Dame in ihrem weißen Schimmer hinter den Brücken erstrahlt; eine bezauberndere Landschaft kann man sich nicht erträumen!‘

In der Ferne strahlte der Eifelturm in seiner ganzen Pracht und die Weihnachtsbeleuchtung rechts und links der Avenues des Champs-Élyssée von den Tuileriengärten bis zum Triumphbogen war einfach spektakulär. Ja, Green hatte Recht!

Nachdem sie bereits eine gute Stunde auf der wohl bekanntesten und wahrscheinlich auch der prachtvollsten Einkaufsstraße von Paris – oder gar der Welt – flaniert waren, knurrte ihnen der Magen auf das heftigste und signalisierte, es würde Zeit – um bei Benjamins Worten zu bleiben – etwas zu mampfen. Also machten sie sich auf die Suche nach einem romantischen und doch noch erschwinglichen Lokal. Denn ‚Ohne Mampf, kein Kampf!‘

In einer kleinen Seitengasse erregte ein kleines, schönes und vor allem gemütliches Restaurant ihre Aufmerksamkeit. ‚L’Etoile d’Argent‘! Beide fanden ‚Silberner Stern‘ hörte sich romantisch an und so traten sie ein. Spontan fragten sie den Ober nach dem kleinen runden Tisch direkt am Fenster, den sie von draußen gesehen und gehofft hatten, er sei nicht reserviert.

„Mais oui! Pas de problème!“

Der Kellner geleitete sie zum Tisch ihres Begehrens. Während sie nun am Fenster saßen und es sich so richtig gut gehen ließen, konnten sie wunderbar das Geschehen auf der Straße verfolgen. Fast drei Stunden dauerte ihr Dinner, begleitet von einem leckeren, trockenen und noch bezahlbaren Vin Rouge. Der Schein einer kleinen Kerze auf dem Tisch rundete das Ambiente ab. Es war ein Abend, wie er nur für zwei Verliebte geschaffen sein konnte.

Die grausame Realität holte sie jedoch alsbald ein und riss sie zurück aus ihrem träumenden Zustand. Galant präsentierte ihnen der garçon die üppige Rechnung und sie erkannten, dass die Franzosen sich ihre romantische Stadt d’amour und der Gaumenfreuden extraordinaire bezahlen ließen. „Je ne regrette rien!“ Beim Rausgehen sangen sie gemeinsam den Refrain von Edith Piafs Chanson und ja, ihnen tat kein Franc Leid!

Wenngleich es bereits relativ spät war, so kam eines nicht in Frage: Ein Parisbesuch ohne Eiffelturm! Somit stand nach dem opulenten Mahl noch ein wenig Sightseeing auf dem Programm. Sie schlenderten über die Champs-Elysées zum Triumphbogen und nahmen dann die Metro Nummer 6 zum Eiffelturm. Auch wenn die Nacht recht kühl war, schien die Gänsehaut, die beide nun erfasste, von etwas ganz anderem zu kommen. Vor ihnen erhoben sich in voller Schönheit der romantischste und mit 300 Meter voller Beleuchtung wohl beeindruckendste Stahlturm der Welt. Sie konnten sich gar nicht satt sehen und standen mehre Minuten völlig stumm aneinander gekuschelt vor dem eisernen Kunstwerk. Sie küssten einander immer wieder und teilten die Auffassung, dass dies eine Nacht zu sein schien, wie für zwei Verliebte gemacht!

* * *

Benjamin musste jetzt, da er an die Geschichte dachte, wieder schmunzeln. Er kam zu dem Schluss, dass dies eine typische Hanna-und-Ben-Story war – eine von vielen, was ihm zeigte, welch interessantes Leben sie gemeinsam führten. Also, worauf sollte er warten? Doch wie und insbesondere wo, sollte er Hanna fragen, ob sie ihn heiraten möchte?

Benjamin arbeitete mittlerweile seit zwei Jahren in Frankfurt. Jeden Tag pendelte er 125 Kilometer zwischen Hachenburg und Mainhatten. Es war schon sehr anstrengend und kostete ihn zudem täglich neben dem Sprit – im Minimum – drei Stunden seiner kostbaren Lebenszeit; von der Gefahr auf den immer vollen Autobahnen A3 und A66 einmal ganz abgesehen. Aber in gewisser Weise mochte er seinen Arbeitsplatz im 48. Stockwerk des bleistiftförmigen Messeturms, einem der schönsten Wolkenkratzer der Stadt. Irgendwie fühlte er sich wie ein einsamer Glücksritter, der sich jeden Morgen um Viertel vor sechs auf den Weg machte, um in der großen weiten Welt sein Glück zu suchen – und natürlich sein Geld zu verdienen.

Nach dem Abschluss seines BWL-Studiums hatte er sich um einen Job in der Personalabteilung einer Bank beworben. Zwar hatte sein Studium nichts mit Informatik zu tun gehabt, dennoch erhielt er den Job und die Aufgabe, die Einführung eines Programms voranzutreiben, das eine computergestützte Personalverwaltung ermöglichen sollte. Ihm gefiel seine Arbeit sofort, auch wenn die unzähligen Überstunden ihn manchmal erst nach neun Uhr wieder in Hachenburg eintreffen ließen.

Ein Zufall und somit weiterer Pluspunkt seines neuen Jobs war, dass sein Studienkollege Niklas gemeinsam mit ihm eingestellt und tatsächlich ebenfalls ein Mitglied derselben Projektgruppe wurde. Schon während des Studiums hatten sie sich angefreundet und so manchen Klausurstress gemeinsam bewältigt. Sie fanden es klasse, dass sie nun auch Arbeitskollegen waren und sich obendrein sogar ein Büro teilen durften. Binnen kürzester Zeit verstanden sie sich richtig gut. So war es auch Niklas, der Benjamin eines Morgens davon überzeugte, mit Johanna nach Würzburg zu fahren: „Ist echt eine tolle Stadt, wirst sehen!“ Niklas hatte vor seinem Studium seine Bankkaufmannausbildung in der fränkischen Metropole absolviert – weshalb er seit dieser Zeit für diese Stadt schwärmte.

‚Ja, das ist sie!‘, dachte Benjamin. ‚In dieser Stadt werde ich Nägel mit Köpfen machen!‘

Er nahm sich vor, Niklas in den nächsten Tagen über Würzburg auszuquetschen. Er wollte alles ganz genau wissen: Was gibt es zu sehen? Wohin sollte er Johanna zum Essen ausführen? Würde er die Stadt als romantisch einstufen?

Als Niklas am folgenden Tag im Büro eintrudelte, bombardierte Benjamin ihn sogleich mit seinen Fragen. Überrascht ob dessen Aktivität so früh am Morgen, die er so nicht gewohnt war und eigentlich selbst noch nicht ertragen konnte, schlug er kurzerhand zum Selbstschutz vor, in den 60. Stock hinaufzufahren, um sich dort in der verglasten Panoramakantine der Bank mit einer Koffeinbombe zu versorgen.

Der Fahrstuhl überwand die zwölf Stockwerke in null Komma nix. Während sie ansonsten jeden Morgen im Vorbeigehen den tollen Blick auf die Skyline Frankfurts genossen, nahmen sie sich heute ausnahmsweise Zeit und setzten sich an einen der Tische direkt am Fenster. Die oberen Stockwerke der übrigen Wolkenkratzer schauten wie UFOs aus dem bodennahen Nebel hervor.

Der Kaffee tat gut und belebte den Geist. Schon nach wenigen Minuten geriet Niklas richtig ins Schwärmen und beglückwünschte Benjamin dazu, dass dieser seinem Vorschlag, nach Würzburg zu fahren, folgen wollte.

„Du, da könnt ihr euch so viel ansehen und wunderbar am Abend einkehren. Ich bringe dir morgen ein paar Stadtpläne und einen Reiseführer mit, dann kannst du dir vorab ein Bild davon machen, ob die Stadt was für euch ist oder nicht.“

Benjamin fiel ein Stein vom Herzen, endlich hatte er ein Ziel vor Augen. Endlich konnte er mit der Feinplanung beginnen.

Niklas hielt Wort und versorgte ihn gleich am nächsten Tag mit umfangreichem Informationsmaterial. Benjamin nutzte die Mittagspause, um sich einen ersten Eindruck von dem zu machen, was ihn und Johanna in Würzburg erwarten würde. Sein Freund schien nicht übertrieben zu haben. Für eine Studentenstadt typische und gemütliche Kneipen sowie rustikale Weinstuben und schicke Restaurants, alles schien es – sollte man dem Gastronomieführer Glauben schenken – dort zu geben. Somit war für Leib und Seele bestens gesorgt.

Jetzt musste er sich nur noch überlegen, wo sie übernachten und wie der Tag X aussehen sollte. Würde er es schaffen, Johanna mit dem Besuch der Stadt zu überraschen? Wie sollte er den Tagesablauf gestalten? Was könnte er planen, um Johanna einen außergewöhnlichen Heiratsantrag zu unterbreiten? Romantisch sollte es sein und vor allem etwas, das sie nie in ihrem Leben vergessen würde. Würde sie überhaupt ‚Ja!‘ sagen? Fragen über Fragen! Einige schlaflose Nächte folgten, doch nach und nach nahm sein Plan Formen an.

~ 2 ~

Es war Samstag, der vierte Februar.

Der Wecker klingelte gegen 7 Uhr 30. Johanna erschrak. Hatte sie vielleicht gestern Abend, so ganz aus Gewohnheit, den Alarmknopf des Funkweckers gedrückt?

‚Puh, noch einmal Glück gehabt!‘, dachte sie, Benjamin schien das Signal nicht gehört zu haben und tief und fest zu schlafen. Hm, doch sie irrte sich!

Benjamin war schon seit geraumer Zeit hellwach. Eigentlich hätte er gar keinen Wecker benötigt, viel zu aufgeregt war er. Doch zur Sicherheit und aus Angst, sie könnten beide heute Morgen verschlafen, war er es gewesen, der gestern Abend heimlich die Alarmzeit eingestellt und den Knopf am Wecker gedrückt hatte.

Vorsichtig wandte er sich Johanna zu. Sie hatte sich anscheinend noch einmal auf die andere Seite gedreht, um weiterzuschlafen. Sie atmete gleichmäßig und ruhig. Heimlich still und leise glitt er aus dem Bett und verschwand im Bad. Beim Zähneputzen grinste er sich schelmisch im Spiegel an und konnte es nicht glauben: Der Tag der Tage war gekommen. Morgen würden zehn Jahre vergangen sein, wo sie sich das erste Mal geküsst hatten. Ein wenig mulmig wurde ihm schon, beim Gedanken an sein Vorhaben. Hoffentlich funktionierte alles so, wie er es geplant und sich vorgestellt hatte.

Nach seiner Morgentoilette, schlüpfte er – wiederum möglichst lautlos – in seine vorher bereits parat gelegten Klamotten. Als er fertig war, kniete er sich auf Johannas Bettseite und drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange: „Guten Morgen, Schatz!“ Johanna öffnete ihre Augen und erschrak. Was um alles in der Welt war los? Benjamin kniete ausgehfertig vor ihr.

„Schatz, wir haben doch Samstag! Du musst heute nicht zur Arbeit. Tut mir Leid, ich habe wohl gestern versehentlich den Wecker gestellt. Komm lege dich ganz einfach wieder hier zu mir ins Bettilein!“

„Nix da, Mausezahn, ich fahre jetzt mal eben zur Tankstelle und hole dich in zirka 15 Minuten ab. Ich denke, in der Zeit könntest du es schaffen, dich fertig zu machen, oder?“

Johanna war nun hell wach und verstand nur ‚Tankstelle‘ Was war denn in ihren Schatz gefahren? Dafür, dass er sonst nur äußerst schwer aus dem Bett zu werfen war und er es gerade samstags vorzog, genüsslich bis halb zehn liegen zu bleiben, war er heute richtig putzmunter. Irgendetwas konnte da nicht stimmen!

Doch bevor sie erneut nachfragen konnte, war er auch schon nach unten verschwunden. Schließlich hörte sie, wie er die Haustür aufschloss.

‚Anscheinend war das wohl wirklich sein Ernst!‘, dachte sie bei sich, sprang auf und verschwand schnell unter der Dusche. ‚Sollte er ihren zehnten Jahrestag doch nicht vergessen haben?‘

Johanna hatte ihn vor ein paar Wochen gefragt, was sie wohl an diesem denkwürdigen Wochenende so anstellen sollten. Doch Benjamin schien dem Ganzen irgendwie nicht diese große Bedeutung zuzumessen, wie sie es tat.

„Lass’ uns doch an dem Samstagabend etwas Leckeres essen gehen“, war seine müde Reaktion. Gut, nicht dass sie etwas außergewöhnlich Großes, etwas ganz Besonderes erwartet hätte, aber irgendwie schon ein wenig mehr als nur ein gemeinsames Abendessen. Und nun stand sie da unter der Dusche und wusste eigentlich gar nicht, was ihr blühen würde. Was sollte sie bloß anziehen?

Die Zeit verstrich sehr schnell. Sie zog gerade ihre dicke Wollstrumpfhose an, da sie sich für den braunkarierten Rock aus etwas dickerem Stoff und einen passenden beigefarbenen Lambswool-Rolli entschieden hatte, als sie hörte, wie Benjamin die Haustür aufschloss.

„Wie sieht es aus, Hanna? Bist du fertig?“

„Ja, zumindest fast. Sag mir doch bitte schnell mal, wo wir hin wollen, damit ich weiß, ob ich richtig angezogen bin!“

„Das bist du doch immer, Schatz!“, rief Benjamin die Treppe hoch.

‚Hm, das hilft mir ja jetzt auch nicht weiter‘, dachte Johanna und beschloss es bei ihrer ersten Wahl zu lassen.

„Toll siehst du aus!“ Benjamin drückte sie, als sie die Treppe hinunter kam. Schnell hatte sie sich noch das Haar hochgesteckt und dezent etwas Kajal aufgetragen. Auch heute kam ihr der Vorteil zu Gute, dass sie über einen ganz natürlichen und leicht gebräunten Teint verfügte und auf zeitraubende Schminkaktionen verzichten konnte. Benjamin liebte es, wenn sie ihre rehbraunen Augen mit einem sanft gezogenen Strich mit dunklem Kajal betonte und sich ihre Haare hochsteckte.

„Dann kann es ja losgehen!“

„Aber was ist denn mit dem Frühstück?“

„Können wir doch unterwegs einnehmen, oder?“

„Ja und wo ist ‚unterwegs‘?“

„Sei doch nicht so neugierig!“ Johanna grinste, war sie sich doch sicher, es sowieso in null Komma nix herauszubekommen. Schließlich kannte sie ihren Ben. Wenn sie nur lange genug bohren würde, wäre es nur eine Frage der Zeit, wann er endlich ihr Ziel – wenn auch widerwillig – preisgeben würde.

Sie verließen Hachenburg in Richtung Süden. Johanna überlegte, welche möglichen Ziele sie in dieser Richtung erwarten konnte. Limburg könnte als Ziel in Frage kommen.

„Fahren wir nach Limburg, Schatz?“

Benjamin sah sie mit groß aufgerissenen Augen an und tat so, als hätte sie gerade ein ganz wichtiges Geheimnis gelüftet: „Woher weißt du das! Ich wollte dich doch überraschen!“

Johanna grinste und fühlte sich der Wahrheit schon ein großes Stück näher. Sicher plante Benjamin mit ihr in die Domstadt zu fahren und in diesem gemütlichen kleinen Café in der Altstadt lecker zu frühstücken. ‚Eine gute Idee!‘, dachte sie still und leise in sich hinein. Johanna blickte triumphierend aus dem Beifahrerfenster. Doch ihr Blick fror ein, als sie plötzlich das Geräusch des Blinkers hörte und Benjamin die Bundesstraße B54 verließ und auf die Autobahn A3 in Richtung Frankfurt abbog.

„Wo willst du denn jetzt hin?“, fragte sie ihn voller Erstaunen.

„Du, ich fahre ein kurzes Stück auf der A3 bis zur Ausfahrt Limburg-Süd.

Dann kommen wir von der anderen Seite in die Stadt und umgehen so den Stau am Ortseingang. Außerdem ist das auch der einfachste Weg, um das Parkhaus in der Altstadt zu erreichen.“

Johanna stellte Benjamins Antwort nicht in Frage. Sie lauschte der Musik aus dem Radio, schaute verträumt in die Landschaft und achtete nicht weiter auf die Straße. Nach einiger Zeit wunderte sie sich jedoch über das Autobahnschild, das auf die nächste Ausfahrt hinwies. Es stand allerdings alles andere darauf als Limburg-Süd.

„Hätten wir nicht längst abfahren müssen. Eben auf dem Schild stand doch schon irgendetwas von Bad Camberg!“

„Ach du Schande, jetzt war ich so in die Musik vertieft, da habe ich doch wohl glatt die Ausfahrt verpasst!“

Johanna konnte Benjamins Grinsen entnehmen, dass es sich keineswegs um ein Versehen gehandelt hatte. Nun also ging das heitere Ratespiel weiter. Wohin könnte sie Benjamin bringen wollen? Ah, vielleicht würden sie die ‚Hesselbachs‘ besuchen fahren!

* * *

Bei den ‚Hesselbachs‘ handelte es sich um zwei Jungs, die sie in einem Urlaub auf Ibiza kennengelernt hatten. Andreas und Markus hießen sie, wohnten in Wiesbaden und waren Studenten. Der Name ‚Hesselbach‘ war natürlich nicht ihr wahrer Nachname, und sie waren weder Brüder noch irgendwie miteinander verwandt. Nein, sie verband seit Jahren eine sehr intensive Freundschaft.

Ihren Spitznamen ‚Hesselbachs verliehen ihnen Benjamin und Johanna aufgrund des hessischen Akzents. Somit erinnerten sie das Westerwälder Pärchen an die ‚Familie Hesselbach‘, einer hessischen Fernsehfamilie aus den Siebzigern.

Während ihres Hotelaufenthaltes auf Ibiza hatte man die vier jungen Leute zu den Mahlzeiten an einen gemeinsamen Tisch gesetzt. So lernten sie sich in dieser Woche ganz gut kennen und hatten viel Spaß miteinander. Allerdings begaben sich Andy und Markus allabendlich auf die Piste und machten in Ibiza-Stadt die Nacht zum Tag, von daher beschränkte sich das Kennenlernen zunächst auf die Essenszeiten. Doch am vorletzten Abend vereinbarten die Vier, dass sie sich am letzten Abend ihres Urlaubs am Strand treffen wollten, um noch gemeinsam etwas zu trinken.

Gemeinsam kauften sie sich nach dem Abendessen drei Flaschen Rotwein an der Hotelbar und schlenderten durch den Hotelgarten hinab zum hoteleigenen Strand. Sie schnappten sich Sonnenliegen, trugen sie zum Meer und erzählten und erzählten. Der Wein ging dabei natürlich komplett drauf. Zu allem Überfluss steuerte Andy dann auch noch zum krönenden Abschluss ihres Urlaubs für jeden – gut Johanna verzichtete freiwillig – eine richtig dicke Zigarre bei.

Es wurde ein äußerst lustiger Abend, der sich auch am nächsten Morgen noch in Form eines dicken Brummschädels in Erinnerung rief – wie würde Benjamins Schwester Ann-Kathrin wieder sagen: „Ich honn jo ne Kopp, de es su dick, ich könnt en met der Mestgobel kratze!“

An diesem besagten letzten Abend gaben Johanna und Benjamin auch preis, dass sie die beiden Jungs schon die ganze Woche als die ‚Hesselbachs‘ bezeichneten. Natürlich konnten Andreas und Markus dies nicht so einfach auf sich beruhen lassen und nahmen sich vor bis zum nächsten Morgen ihrerseits einen Beinamen für das junge Pärchen zu finden. Und prompt präsentierten sie beiden zum Frühstück voller Stolz ihren Favoriten: ‚Die Applemuffins‘

Sie wählten diese Bezeichnung, da Johanna und Benjamin in ihren abendlichen Erzählungen des Öfteren erwähnt hatten, dass zu ihren kleinen kulinarischen Highlights auf den Reisen nach Amerika – und von denen hatten sie ja nun schon vier hinter sich – immer diese kleinen ‚süßen Schweinereien‘ gehörten.

Erwartungsvoll schauten die ‚Hesselbachs‘ die ‚Applemuffins‘ an diesem Morgen an und warteten auf eine Reaktion. Schließlich brachen alle vier ziemlich gleichzeitig in lautes Gelächter aus und taten sich schwer dieses wieder einzudämmen. Seit ihrem gemeinsamen Ibiza-Urlaub verstanden sich die vier richtig gut und somit blieb auch der Kontakt bis heute bestehen. Mittlerweile hatten Markus und Andy sogar bereits ein Wochenende in Hachenburg verbracht.

* * *

Natürlich bestärkte dies Johanna folgendes anzunehmen: ‚Ah, sicher haben die drei Jungs heimlich ein Treffen in Wiesbaden organisiert, um mich zu überraschen!‘ Aber nach der Pleite bezüglich Limburg wollte Johanna diesmal nichts sagen, schließlich war sie ja auch keine Spielverderberin. Sich in Sicherheit wiegend, wohin die Reise gehen würde, legte sie den Kopf zurück und genoss die Musik.

Mittlerweile hatte Benjamin eine Kassette eingelegt und Johanna wusste, dass auch er gedanklich in der Zeit vor zehn Jahren war.

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