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Südlich von Tristan da Cunha

1. PROLOG

Die kleine Gastwirtschaft von Hein Steffens stand dicht am Kai des stillen, verträumten Hafens von Apenrade, dessen beschauliche Ruhe ein halbes Dutzend Fischerewer mehr betonten als unterbrachen und in die nur die Ankunft und Abfahrt des täglichen kleinen Dampfers von und nach Sonderburg eine geringe Abwechslung brachte. Wenn einmal ein Segelschiff von großer Fahrt in diesem Hafen erschien, so war das ein ganz außergewöhnliches Ereignis, und man konnte dann auch immer sicher sein, dass es im Orte selbst beheimatet war.

Einmal auf einer Reise, die mich nach Apenrade geführt, hatte ich das Glück, ein solches, am Kai vertaut, dort zu sehen. Ich konnte es in diesem Falle wirklich als ein Glück bezeichnen, denn die ‚Karla‘ war kein Schiff, wie man sie heute ausschließlich zu sehen bekommt, gebaut nach den scharfen, schmissigen Linien nüchterner, hetzender Geschäftigkeit; sondern eines, das den Beschauer wie ein Modell aus einem Schifffahrtsmuseum anmutete, mit seinem schweren, behäbigen Rumpf und vor allem dem wunderlichen Deckaufbau.

Solch ein Deck mit dem erstaunlich vielen Gangraum und den bequemen Bänken auf dem Dach der Achterkajüte, die förmlich zu beschaulichem, lungerndem Niedersitzen einluden und auf einem modernen Segelschiff einfach unmöglich wären, erinnerte an ein Zeitalter vergangener Romantik und erweckte Vorstellungen von einem blauen Himmel über einer weiten, wogenden Wasserfläche; einer heißen Sonne, die in dem weißen Gischt der Wellenkämme blinkt und glitzert, und fruchtbaren, grünen Inseln mit hohen, schlanken Palmen am Ufer, an denen das Schiff, seine weißen Segel von einer frischen Brise geschwellt, wie im Traum vorüberglitt.

Und diese Bilder konnten um so leichter und ungestörter vor dem Auge aufsteigen, als das Schiff träge und wie ausgestorben, mit keiner Menschenseele, nicht einmal einem Wächter an Bord, hier am Kai lag.

So stand ich lange und ließ meine Gedanken schweifen. Zuletzt wandte ich meine Schritte der kleinen Gastwirtschaft von Hein Steffens zu, da sie kaum einen Steinwurf weit entfernt lag und ihre Fenster einen vollen Ausblick über den Hafen und dieses seltsame, aber anscheinend noch immer seetüchtige Schiff gewährten. Es verlangte mich, etwas Näheres darüber zu hören.

Hein Steffens war auch ganz der Mann, mir jede gewünschte Auskunft in seemännischen Dingen, soweit sie mich interessieren konnten, zu geben; denn nicht nur war er selbst bis noch vor Kurzem Seemann gewesen, sondern ich überzeugte mich auch bald, dass er gern alte Erinnerungen aus seinem Seeleben auskramte, wenn er einen willigen Zuhörer fand.

Und was konnte er alles erzählen! Denn er war Matrose gewesen zu einer Zeit, wo die eilfertigen geschäftstüchtigen Dampfer noch nicht die Segelschiffe von allen sieben Weltmeeren verdrängt hatten; wo die Kapitäne und Offiziere noch Seeleute und nicht Techniker, wie heute, waren; wo aber der Mann vor dem Mast auch der rücksichtslosen Willkür der Kapitäne preisgegeben war und deren Geldgier und Habsucht ihm selten etwas anderes als billig erhandelte schlechte Erbsen und Bohnen, verdorbenes Salzfleisch und ‚lebendigen‘ Schiffszwieback als Nahrung gewährte.

Davon erzählte er, und ich blieb länger im Orte, als ich beabsichtigt hatte, und ließ mir erzählen, ohne dass wir auch nur ein einziges Mal durch einen anderen Gast gestört worden wären.

Mit der ‚Karla‘ hatte es keine besondere Bewandtnis. Sie war etwas altmodisch, gewiss, aber so bequem, wie man die Schiffe heute gar nicht mehr baut, und Hein Steffens würde sie noch jedes Mal einem dieser neumodischen Kästen vorziehen. Sie würde auch wieder in See gehen, wenn sich die Eigentümer über verschiedene Dinge verständigt hätten.

Er selbst hatte in seiner langen Dienstzeit vor dem Mast allmählich seine Knochen steif werden gefühlt und schließlich den Wunsch gehabt, sich irgendwo vor Anker zu legen und den Rest seines Lebens in geruhsamer Beschaulichkeit zu verbringen. Zu diesem Zweck hatte er die kleine Wirtschaft gegründet, die freilich nur aus seiner Wohnstube bestand und in der bedauerlicherweise die Gäste fehlten. Es mochten wohl Tage vergehen, ohne dass sich ein Gast sehen ließ, sodass ihm zuletzt Zweifel an der Durchführbarkeit seines Entschlusses gekommen zu sein schienen.

Als ich ein paar Monate später Apenrade wieder besuchte, fand ich ihn denn auch nicht mehr vor. Er hatte sich, wie die Frau mir erzählte, die die Wirtschaft ohne Gäste weiterführte, genötigt gesehen, wieder als Matrose anzumustern, und fuhr zurzeit auf einem dänischen Segelschiff.

Seitdem waren über zwei Jahre vergangen.

Wieder saß ich in der kleinen Wirtschaft am Fenster und sah hinaus auf den Hafen. Hein Steffens freilich würde niemals wieder zu ihm zurückkehren.

Sein Schiff war untergegangen und er mit ihm. Die Sache hatte viel Aufsehen erregt und war in der dänischen Presse ausführlich besprochen und nach allen Seiten hin erörtert worden, denn es war festgestellt, dass der Eigentümer den Untergang durch einen Helfershelfer absichtlich zum Zwecke eines Versicherungsbetruges hatte herbeiführen lassen.

Und noch ein anderer Umstand war dabei, wie die Witwe erzählte, der die Sache noch auffallender machte. Irgendwo in der Südsee hatte das Schiff nämlich in der von Bergen eingeschlossenen Bucht eines Koralleneilandes ein uraltes Schiff entdeckt, das jetzt natürlich nur mehr ein Hulk, ein abgewracktes Schiff war, in früheren Zeiten aber aller Wahrscheinlichkeit nach als Piratenschiff gedient hatte.

Der Offizier, der mit einigen Matrosen in einem Boot nach der Insel abgesandt worden war, um frisches Wasser einzunehmen, während das Schiff draußen vor dem Atoll langsam hin und her kreuzte, hatte dabei den alten Hulk in einer stillen Bucht liegen sehen. Er war an Bord gegangen, um ihn zu besichtigen. Von dieser Besichtigung hatte er ein Stück vergilbtes Papier mitgebracht, auf dem einige Worte geschrieben standen. Der größte Teil der Schrift war aber verblichen und nicht mehr lesbar. Die Zeitungen hatten diese Aufzeichnungen veröffentlicht, denn man glaubte allgemein, dass sie eine wichtige Mitteilung enthielten. Viele meinten sogar, es seinen vielleicht Angaben über einen verborgenen Schatz, da die Seeräuber früher, wenn sie sich von einem Kriegsschiff bedrängt und in ihrem Schlupfwinkel entdeckt sahen, ihre geraubten Schätze oft an Land schafften und in ein sicheres Versteck brachten. Das machte natürlich die Leute noch viel begieriger, die Schrift zu entziffern, und es hatte wohl kaum einen im Lande gegeben, der sich nicht damit abgequält hätte. Soviel sie wusste, war es aber keinem gelungen.

„Ich muss übrigens die Zeitung, in der ich es las, noch hier haben“, endete sie, indem sie nach einem Seitentisch ging und längere Zeit in einem Stapel dort liegender alter Zeitungen herumsuchte.

„Es ist nur noch diese eine Nummer da“, sagte sie endlich. „Die ‚Haderslebener Zeitung‘. Ich hatte sie alle aufgehoben, aber sie sind doch weggekommen. Es ist ja nun auch schon über zwei Jahre her.“

Sie reichte mir das Blatt, und ich nahm es mit großem Interesse.

Auf einer der Innenseiten, die aber nach außen gefaltet war, fiel mein Blick auf eine zweispaltige Überschrift mit einem langen Bericht darunter, und ich begann zu lesen:

Das Geheimnis des alten Schiffshulks"

3. Fortsetzung Nachdruck verboten.

Und zuletzt betrat Sigurd Jensen einen Raum in dem alten Schiffshulk, der, nach seiner Ausstattung zu urteilen, die Kabine des Kapitäns gewesen sein musste. Wenigstens zeigte er all die verschwenderische Kostbarkeit der Einrichtung einer solchen, wie sie in jener Zeit üblich war, wie man sie auf unseren modernen Handelsschiffen mit ihrer nüchternen Zweckmäßigkeit aber schon längst nicht mehr findet.

Und auch hier, wie überall im Schiff, war alles noch so, als ob der Bewohner dieses Raumes ihn eben erst für einen kurzen Augenblick verlassen hätte, obwohl nach Jensens Schätzung nahezu zweihundert Jahre vergangen sein mussten, seitdem das geschehen war. So lange hatte dieser alte Hulk von Freibeuterschiff sicher in der stillen Bucht der unbekannten Südseeinsel gelegen. Das hatte ihm nicht nur die ganze Bauart, mit dem hohen Vorder- und Hinterkastell und dem tiefen Mitteldeck, die diesem Zeitabschnitt eigen war, sondern auch die Vermorschung des gesamten äußeren Balkenwerks gleich beim ersten Betreten des seltsamen, so unverhofft hier entdeckten Fahrzeugs – oder eigentlich Hulks, denn als Fahrzeug konnte es längst nicht mehr gelten – bewiesen.

Wäre übrigens das Balkenwerk nicht von dem seltenen, eisenfesten Teakholz gewesen, wie es heute für den Schiffbau kaum noch zu erlangen ist, die Verwitterung hätte es längst zu Pulver zermürbt. Und der über die Korallenbänke des Atolls streichende Wind hätte dieses Pulver, Stäubchen um Stäubchen, über das Wasser der Lagune verstreut, bis zuletzt keines Menschen Auge mehr etwas von diesem Rätsel aus alter Zeit geschaut.

Hier in der Kabine war die Verwitterung indessen viel weniger deutlich. Nur eine dumpfe, tote und merkwürdig atembeklemmende Luft, die aber bald dem durch die Tür eindringenden Luftstrom wich, verriet, dass eine lange, lange Zeit vergangen sein musste, seitdem dieser Raum zum letzten Male betreten worden war. Die getäfelten Wände, vom Alter dunkel gebräunt, zeigten weder Risse noch Sprünge, und selbst die Politur, wie sie in diesem wunderbaren Glanz nur eben auf dem härtesten Holz erzeugt werden kann, hatte den Jahrhunderten getrotzt.

Auch die Ratten hatten diesen Raum wie auch einige Nebenräume, in die der junge Steuermann geblickt, aus irgendeinem Grund verschont. Oben auf dem Deck hatte er ganze Scharen von ihnen aufgestört. Der ungewohnte Anblick von Menschen hatte sie vor blindem Entsetzen zum größten Teil über das morsche Balkenwerk der Bordwand in das Wasser springen lassen, wozu das Jagen und laute Geschrei der vier Matrosen, die Jensens Bootsmannschaft bildeten, nicht wenig beigetragen.

An den Wänden der Kabine hingen eine Anzahl Waffen von altertümlicher Art und feinster Arbeit, die Griffe zum Teil aus Silber oder indischer Bronze, und zum Teil aus eingelegtem Ebenholz. Da war der malaiische Kris, jener lange, gewundene Dolch, der so furchtbare Wunden schafft; das schwere chinesische Mandarinenschwert mit dem Kreuzgriff; das breite, herzförmige, mit ziselierten Vedasprüchen versehene indische Opfermesser; der kleine burmesische, mit Mosaikverzierung in wunderbaren Farben ausgestattete Handschild; der krumme, in eine breite, schrägwinkelige Spitze auslaufende türkische Yatagan; verschiedene Pistolen von mächtigem Kaliber und mit ganz altertümlichen Schlössern, und vieles andere mehr.

Dazwischen hingen einige Ölgemälde. Prächtige Stücke der alten niederländischen Schule, die dunkle, gedämpfte Farben liebte und sie wundervoll abzutönen verstand.

Aber kostbar, wie diese Stücke auch waren, eines passte nicht recht zum anderen. Sie waren offenbar in dieser Kajüte zusammengetragen, wie ihr einstiger Eigentümer sie von überfallenen Schiffen geraubt.

In die Architektur des Raumes an passenden Stellen eingefügt, befanden sich mehrere Schränke und kommodenartige Schubladen. An zwei der Ersteren standen die Türen Spaltbreit offen, was erkennen ließ, dass der eine Kleidungsstücke verschiedener Art, der andere dagegen Bücher und Pergamentrollen sowie eine Anzahl nautischer Instrumente von veralteter Art, aber kunstvoller Arbeit, Fernrohre, seltsame Muscheln und verschiedene andere Gegenstände enthielt.

An der einen Wand des fast quadratförmigen Raumes stand ein Sofa und davor ein Tisch, beide am Fußboden befestigt, als nötige Vorsichtsmaßregel für schweren Seegang. Auch auf dem Tisch lag eine Anzahl völlig vergilbter Papierblätter sowie eine Gänsekielfeder. Nicht weit von Letzterer stand ein Tintenfass von schwerer schwarzgrüner Bronze, dessen Inhalt längst zu einer Kruste eingetrocknet war.

Es erweckte ganz den Eindruck, als ob der Bewohner der Kabine gerade mit Schreiben beschäftigt gewesen wäre, als er sie verlassen hatte, um nicht mehr zurückzukehren. Denn soweit Sigurd Jensen auf den ersten flüchtigen Blick zu erkennen vermochte, waren die Papierblätter noch unbeschrieben. Er war also offenbar über die Vorbereitungen zu der ihm wohl auch nicht recht geläufigen Arbeit noch nicht hinausgekommen. Dass er nicht versäumt hatte, sich zu dem schwierigen Werk die nötige Aufmunterung zu schaffen, bewiesen eine Portweinflasche und ein danebenstehendes Glas. Beide mussten noch Reste des schweren Getränkes enthalten haben, denn sowohl in der Flasche als auch im Glas bedeckte ein schwarzbraunes Pulver den Boden.

Über dem Tisch hing an kunstvoll geformten Ketten eine Ampel von unverkennbar indischer Arbeit, die, ihrer Herkunft entsprechend, mehr zur Verbrennung wohlriechender Öle als zu scharfer Beleuchtung bestimmt gewesen sein mochte.

Über allem aber lag wie ein dünner Schleier eine feine Staubschicht von irgendwoher aus dem grauen Reiche jahrhundertelangen Verödens.

Ihr Licht empfing die Kabine durch ein viereckiges Fenster, in dem hell und blank die Sonne lag. Ein Schaft glitzerndes Lichtes, auf dessen einzelnen Strahlenfäden Myriaden winziger Staubteilchen ihren frohen Sonnenreigen tanzten, ohne sich auch nur im Geringsten durch den Eindringling stören zu lassen, brach durch eine trübe Glasscheibe in sie hinein und versank erst in der Nähe der Tür in den dunklen Fußboden.

In der durch die dicke Balkenlage der Bordwand gebildeten tiefen Fensternische stand eine runde Bronzebüchse.

Der junge Seemann hätte kaum sagen, warum er unter all den Dingen, die sein Interesse hier fesseln mussten, gerade nach dieser Büchse griff. Vielleicht war es der Platz, auf dem sie stand. Denn der war doch sicher nicht ihr gewöhnlicher Aufbewahrungsort. Der nun selbst längst zu Staub und Moder gewordene einstige Bewohner dieses Raumes mochte sie nur für einen Augenblick dort abgestellt haben. Dann hatte er die Kajüte verlassen – und weder er noch sonst jemand hatte sie seit vielleicht Jahrhunderten wieder betreten. Das war es wohl, dieser sonderbar widerspruchsvolle Eindruck des Vorübergehenden, Zeitweiligen inmitten eines Bildes der Unverändertheit von zwei Jahrhunderten. Jedenfalls griff er danach und nahm sie von der Fensterbank herab.

Sie fühlte sich ganz heiß an von der durch die Fensterscheibe brechenden Sonne, besonders an der Stelle, wo die Sonnenstrahlen sie unmittelbar getroffen hatten.

Den Staub von dem Deckel blasend, betrachtete Sigurd Jensen sie mit Neugier. Es war anscheinend eine jener sonderbar geformten und bemalten indischen Teebüchsen, und das so sorgsam gehütete Farbengeheimnis dieses merkwürdigen Volkes zeigte sich auch hier wieder in seiner vollen Wirkung, denn die rote und blaue, gelbe und schwarze Farbe, mit den feinen goldenen Arabeskenrändern leuchtete noch so frisch, als ob sie erst gestern aufgelegt worden wäre.

Er versuchte, den Deckel abzuheben, der ursprünglich lose auf dem Rand aufgesessen haben mochte, jetzt aber doch etwas feststeckte. Trotzdem kostete es ihn aber nur eine etwas kräftige Drehung, um ihn von dem Falz abzuheben.

Das leichte Gewicht der Büchse hatte ihn vermuten lassen, dass sie leer sein würde, und er war daher auch kaum überrascht, in ihr nichts weiter als ein Stück Papier zu entdecken, das er herausnahm, weil er einige Schriftzeichen darauf zu sehen glaubte.

Als er es auseinandergerollt, erkannte er, dass er sich in der Tat nicht getäuscht hatte. Es war ungefähr wie zwei Hände groß und mochte früher wohl mehr Schrift enthalten haben. Denn das, was er jetzt las, hatte in dieser Form keinen Sinn und war offenbar nur der Rest einer ursprünglich längeren Niederschrift, deren übriger Teil im Laufe der langen Zeit so vollständig verblichen war, dass er keine Spur mehr davon zu entdecken vermochte.

Die Worte waren englisch und lauteten in deutscher Übersetzung:

. 27. 12 SB. 35. 2

schen hohen Punkt

nung nach Pilz 520

raffen in Nord. St

0/3 Fuß fünf hinei

Fortsetzung folgt.“

Ich behielt das Blatt in der Hand, und ohne mir dessen recht bewusst zu sein, las und überdachte ich die Aufzeichnungen wieder und wieder.

Ihr Sinn war ziemlich klar. Es war eine Angabe über eine bestimmte Örtlichkeit, die sich der Schreiber für späteren Gebrauch und zur Sicherung gegen etwaige Gedächtnisfehler aufgezeichnet hatte. Die Ziffern in der ersten Zeile bezogen sich unbedingt auf die geografische Länge der Stelle. Das SB. bedeutete ohne allen Zweifel ‚südliche Breite‘. Die folgenden Ziffern konnten daher nichts anderes als der Längengrad östlich oder westlich von Greenwich bezeichnen. Das Letztere ließ sich leicht bestimmen, wenn man wusste oder feststellte, in welcher Meeresgegend das Schiff sich damals ungefähr befunden hatte. Leider fehlte aber die Angabe des Breitengrades, von dem nur die Minuten und Sekunden angegeben waren.

Immerhin musste es sich um eine wichtige Örtlichkeit handeln.

Von diesem Gesichtspunkt aus erschien mir die Meinung der Leute, die geglaubt hatten, die Aufzeichnungen bezögen sich auf einen verborgenen Schatz, gar nicht so ungereimt.

Warum sollte diese Annahme nicht richtig sein?

Etwa weil sie zu romantisch erschien?

Die Romantik ist allerdings ausgestorben in unserem Zeitalter der nüchternen Sachlichkeit. Aber sie war vorhanden, und man trifft noch überall auf ihre Spuren. Die sind dann in der Regel auch sachlich genug, ob man sie in Ägypten in der Form von Schätzen aus Königsgräbern holt oder sie auf einer Südseeinsel als verborgenen Seeräuberschatz entdeckt.

Auf jeden Fall war ich hier unversehens auf ein Seedrama gestoßen, von dem ich mehr erfahren musste.

Der nächste Tag sah mich denn auch in Hadersleben, wo ich mir in der Geschäftsstelle der deutschen Zeitung den betreffenden Jahrgang vorlegen ließ. Nach kurzem Suchen fand ich die Nummern, um die es sich handelte. Sie enthielten eine ausführliche Schilderung des auf Veranlassung des Eigentümers verbrecherisch herbeigeführten Untergangs der ‚Nautik‘ sowie der vorausgegangenen Auffindung des seltsamen Schiffshulks in der Bucht einer einsamen Südseeinsel durch ihren Steuermann Sigurd Jensen.

Damit brach aber die Sensation ab. Das schien mir unlogisch, denn auch Ereignisse pflegen eine gewisse Logik zu besitzen.

Es war natürlich durchaus denkbar, dass niemand den Versuch unternommen hatte, auf die ganz ungewissen Angaben der aufgefundenen Schrift hin, von denen es noch nicht einmal sicher war, dass ihnen irgendwelche Bedeutung zukam, nach einer entlegenen Südseeinsel zu suchen, um dort – nach was? – zu suchen. Trotzdem hatte ich das zwar unbestimmte, jedoch hartnäckige Gefühl, dass die Sache eine Fortsetzung und vielleicht sogar einen Schluss erhalten hatte. Nicht von Seiten unbeteiligter Personen, deren Kenntnis der Dinge sich nur auf das beschränkte, was die Presseberichte enthielten, wohl aber von Seiten der Nächstbeteiligten. Von Sigurd Jensen, dem Steuermann, zum Beispiel.

Er war damals, wie die Berichte besagten, an einer gründlichen Besichtigung des Hulks verhindert gewesen. Ein Signalschuss seines Schiffes hatte ihn genötigt, sie vorzeitig abzubrechen. Der Kapitän hatte Anzeichen von schlechtem Wetter bemerkt und es eilig gehabt, aus der Nähe der gefährlichen Korallenriffe fortzukommen, und ihn mit seiner Mannschaft daher zurückgerufen.

Sollte der junge Seemann nicht aber doch den Wunsch gehabt haben, das Eiland noch einmal zu besuchen, um mit größerer Muse eine Prüfung des alten Schiffshulks vorzunehmen? Gewiss, es lag außerhalb der gewöhnlichen Schiffskurse und es mochte nicht leicht für ihn sein, dahin zu gelangen, besonders, wenn ihm die nötigen Geldmittel dazu fehlten. Trotzdem musste die gemachte Entdeckung doch ein großer Anreiz dazu für ihn sein.

Ich hatte das deutliche Gefühl, dass das auch der Fall war, denn es war mir aufgefallen, dass er den Zeitungsreportern gegenüber mit allen Angaben zurückgehalten hatte, die andere hätten in den Stand setzen können, es an seiner Stelle zu tun. So fehlten zum Beispiel die Längen- und Breitengrade, unter denen das Eiland gesichtet worden war. Zudem besaß er das Original der Schrift, und es war nicht gut denkbar, dass er nicht versucht haben sollte, mit einem der heute bekannten Verfahren, etwa durch die fotografische Platte oder unter der Quarzlampe, die verschwundene Schrift doch zu entziffern.

Angenommen, dass das geschehen war, ergaben sich zwei Möglichkeiten: Entweder handelte es sich nur um eine bedeutungslose Aufzeichnung, und dann hatte die Sache in aller Stille den Abschluss gefunden, der ihr der Öffentlichkeit gegenüber noch immer fehlte, oder die Schrift hatte sich vervollständigen lassen und mit ihrem Gesamttext die Annahme bestärkt, dass die Aufzeichnungen sich auf ein Versteck geraubter Wertsachen bezogen, und dann war mit Sicherheit damit zu rechnen, dass der junge Mann der Sache weiter nachgegangen war.

Darüber musste ich Näheres erfahren.

Die ‚Nautik‘ war in Sydholm beheimatet gewesen. Der Kapitän und der größte Teil der Mannschaft, also auch vermutlich der Steuermann, stammten aus dem Orte. Dort musste ich also mit meinen Nachforschungen einsetzen.

Das tat ich denn auch und erfuhr eine Geschichte, so seltsam, dass sie einige Zeilen aus einer alten Ballade in meiner Erinnerung aufsteigen ließen:

„Einen Felsen, wild umzogen

Von des Meeres blauen Wogen,

Sieht der Schiffer ragen.

Und es steht im Buch der Sagen

Seltsam eine Mär,

Wundersam und inhaltsschwer

Sorglich eingetragen.“

Und so will ich sie hier im Zusammenhang wiedererzählen, eine Ballade aus unserer Zeit, der Zeit nüchterner Wirklichkeit. Sie wird auch denen willkommen sein, die damals die Presseberichte gelesen haben und wie ich empfanden, dass ihnen eigentlich die Fortsetzung und der Schluss fehlten. Hier werden Sie beides finden …

2. Heimkehr von ‚großer Fahrt‘

 

Sydholm ist eine kleine Hafenstadt an der Westküste von Jütland, die aber nur selten von einem fremden Schiff angelaufen wird. In der Hauptsache verkehren in ihm nur die im Orte selbst beheimateten Fischkutter, ein halbes Dutzend Robben- und Walfischfänger und einige Südseefahrer, deren Anteile sich ebenfalls in den Händen der Bewohner Sydholms befinden.

Der kleine Dampfer, der den Verkehr mit der nächsten größeren Hafenstadt vermittelte, hatte eben an der Landungsbrücke angelegt und seine wenigen Fahrgäste gelandet. Immerhin hatte einer der zwei oder drei Gasthöfe des Ortes die Gelegenheit für ausreichend wichtig gehalten, seinen Hausdiener nach der Landungsstelle zu senden, da manchmal ein Geschäftsreisender mit diesem Dampfer anlangte, den er dann nebst Gepäck in Beschlag zu nehmen hatte.

Ein Geschäftsreisender befand sich heute nun allerdings nicht unter den eintreffenden Fahrgästen, trotzdem aber war er nicht vergeblich gekommen. Ein junger Mann in Seemannskleidung trat auf ihn zu, und es folgte eine ziemlich vertraute Begrüßung, die damit endete, dass der Neuangekommene ihm einen Handkoffer übergab.

Nachdem sie in lebhafter Unterhaltung, die aber zumeist nur in kurzen Fragen und Antworten bestand, eine Strecke weit auf dem Wege zur Stadt fortgeschritten waren, trennte sich der junge Seemann von ihm und schlug eine Richtung ein, die ihn nach dem Außenteil der Stadt führte, wo die Häuser mehr vereinzelt standen.

„Wird alles schönstens besorgt, Herr Jensen!“, rief ihm der Hausdiener noch nach.

Nach kurzer Zeit blieb Jensen, wie der Hausdiener ihn genannt hatte, vor einem bescheidenen, aber blitzsauberen Häuschen stehen, das, wie die meiste anderen hier, durch einen Vorgarten von der Straße abgegrenzt wurde.

Er legte die Hand auf den Drücker der Gartenpforte. Bevor er sie indessen öffnete, ließ er seinen Blick einen Augenblick lang mit einem Lächeln froher Erwartung über den Garten schweifen.

Man musste es dem Fischer Johannsen lassen, dass er sein kleines Anwesen in Ordnung zu halten verstand. Freilich wären einem etwas geschulteren Geschmack die Beete im Garten etwas zu gezirkelt und in viel zu steifen Linien angelegt erschienen. Das störte aber die Blumen und Zierpflanzen nicht, die in üppigster Fülle darauf blühten und dufteten und im Sonnengold des Augustnachmittags bunt aufleuchteten.

Da drängte sich aus dem dunklen Blattgrün der Rhododendrenbüsche die Menge der prächtigen blauroten Blüten hervor; glänzten in allen Abstufungen von Rosa, Blau und Gelb und Orange die Kelche der Tulpen; prahlte knallrot der Mohn und leuchtete kaum weniger aufdringlich das satte Samtrot der Brennenden Liebe. Und mit dem schweren, süßlichen Duft der wilden Erbsen, die ihre so wunderbar zartfarbigen Blüten nur schüchtern aus dem hellgrünen Blättergewirr hervorstreckten, mischte sich der betäubende der Levkojen und der feinere der Reseden.

Das heißt, das Verdienst des alten Johannsen war es eigentlich nicht, dass alles hier so schmuck aussah, sondern mehr dass seiner wackeren Ehehälfte und der Tochter, der bildhübschen Margareta, kurzweg Marga genannt. Und auch bei der Mutter war es wohl nicht so sehr Schönheitssinn, der sie keine Mühe und Arbeit scheuen ließ, um ihr kleines Anwesen stets in einem für die ganze Nachbarschaft mustergültigen Zustand zu erhalten, sondern es war mehr Ehrgeiz, etwas Besseres zu sein und zu haben als die anderen.

Ihr ständiges nagendes Bedauern galt dem Umstand, dass sie nur die Frau eines armen Fischers war. Trotzdem sie selbst auch nur aus der Familie eines biederen, wenn auch in recht guten Verhältnissen lebenden Handwerkers stammte, fühlte sich doch über ihren Mann weit erhaben und zu viel Höherem berufen. Diese Erkenntnis war ihr zudem unglücklicherweise auch erst im Laufe ihrer Ehe gekommen, als es schon zu spät war, irgendetwas daran zu ändern. Sie konnte deshalb nur tun, was innerhalb ihrer beschränkten Verhältnisse möglich war, nämlich durch strengste Sauberkeit das Armselige ihres kleinen Hauswesens möglichst zu verdecken und mit ihrem Garten den Neid der Nachbarn möglichst herauszufordern, was ihr auch vollkommen gelang.

Dass diese Gewohnheit sie selbst unter einen fortwährenden Zwang stellte und keine wirkliche Behaglichkeit aufkommen ließ, da, um die Ordnung nicht zu stören, gerade die besten und bequemsten Stücke immer vom Gebrauch ausgeschlossen blieben, musste um des erhabenen Zweckes willen eben ertragen werden. Noblesse oblige – Vornehmheit verpflichtet!

Die Tochter hatte sie in gleichem Sinn erzogen, wenigstens, was die Hoffart anbelangt. Nur verstand es die Tochter besser als die Mutter, ihren Dünkel zu verbergen, wenn sie auch in ihren Gewohnheiten und Äußerungen immer noch viel mehr davon durchblicken ließ, als ihr in der Beurteilung der Leute, mit denen sie verkehrte, gut war.

Und ihr Mann? Du lieber Gott, was soll wohl eine Frau, die zum Mindesten einen Herrn Aktuar oder etwas Ähnliches hätte heiraten sollen, mit einem Mann anfangen, der so gar kein Verständnis für das ‚Höhere‘ hatte und sich, wenn er vom Fischfang müde nach Hause kam, am liebsten in einen Winkel setzte, um in Ruhe seine alte, stinkige Tonpfeife zu rauchen?

Ja, Frau Johannsen hatte es nicht leicht mit einem solchen Mann.

Der junge Seemann hatte jetzt die Tür geöffnet – vorsichtig, um Geräusch zu vermeiden – und sie ebenso wieder hinter sich geschlossen.

Er schritt über den kurzen, mit gelbem Sand bestreuten Weg, wandte sich aber am Ende desselben, anstatt die beiden weiß getonten, nach der Haustür führenden Stufen hinaufzusteigen, nach der linken Giebelseite, in der sich nur ein einziges Fenster befand. Hier nahm er vom Weg eine Handvoll Sand auf und warf ihn gegen die Scheiben.

Er brauchte nicht lange auf die Wirkung dieser etwas sonderbaren Ankündigung seines Hierseins zu warten, denn kaum war er wieder bis zur Ecke vorgeschritten, wo er stehen blieb und sich vorneigte, als auch schon ein junges Mädchen aus dem Hause trat und, auf der obersten Stufe ihren Schritt zögernd anhaltend, sich mit einem Ausdruck einer nicht sehr angenehmen Überraschung umschaute.

Das war zweifellos Marga Johannsen, des Fischers Tochter.

Ohne übergroß zu sein, war sie doch von augenfälliger Gestalt, deren schwellende Formen die Nähte des eng anliegenden Kleides aus blau geblümtem Kattun zu sprengen drohten. Trotz der etwas derben Züge war ihr Gesicht hübsch. Das dunkle, glatte, aber kokett aufgesteckte Haar, die kühn geschwungenen, wie schwarze Seide glänzenden Brauen und darunter die dunklen Augen stellten einen Schönheitstyp von nicht geringem sinnlichem Reiz dar.

Wie sie so dastand in dem viel zu engen Rahmen der offenen Tür, mit der schmalen Traufe des niedrigen Daches dicht über ihr, machte sie ganz den Eindruck, als ob sie körperlich über die Maße und Verhältnisse dieses kleinen Hauses hinausgewachsen sei, wie ihre ehrgeizigen Wünsche die Enge hier längst von sich gestreift hatten.

Der junge Mann schien den Zug von Ärger und Verdruss, der in diesem Augenblick unschön um ihre frischen roten Lippen lag, nicht zu bemerken oder doch nicht auf seine unverhoffte Anwesenheit zu beziehen; denn kaum hatte das Mädchen ihren Blick nach der Giebelseite gewandt, um dort Umschau zu halten, als er auch schon auf sie zusprang. „Da bin ich wieder, Marga! Das ist eine Überraschung! Nicht!“

„Sigurd!“

Die zärtliche Begrüßung, die er beabsichtigt hatte, kam nicht zur Ausführung, denn das Mädchen drängte ihn ziemlich unwirsch zurück.

„Was fällt dir ein? Wenn das jemand sieht!“

Der Ton war schärfer, als eine freundliche Abweisung, gemischt vielleicht mit eigenem Bedauern über die augenblickliche Unausführbarkeit der Absicht, erfordert hätte. Sigurd Jensen in seiner Stimmung ausgelassener Freude sah es aber nur als eine Laune an, wie sie junge Mädchen nun einmal haben.

„Lass sie!“, rief er unbekümmert. „Wenn ein Seemann nach einer Reise von sechzehn Monaten wieder heimkommt, so wird er seiner Braut wohl einen Kuss geben dürfen.“

„Braut?“, widersprach Marga mit einem Aufwerfen der Lippen. „So weit sind wir noch nicht.“

„Aber gewiss doch!“, rief er. „Wenn ich meine nächste Reise antrete, so lasse ich eine junge Frau zurück, die sich die Augen wund weint nach dem fernen Herrn Gemahl und täglich die Schiffsnachrichten liest, um zu sehen, ob er nicht bald zurückkommt.“

„Wer das wohl sein wird?“, entgegnete sie trocken. „Wann bist du gekommen?“

„Soeben erst natürlich. Denkst du, ich würde lange warten, bevor ich herkomme? Wir haben gestern in Söndervig abgemustert, und ich bin dann heute gleich losgefahren.“

Die Stimmen beider mussten in der Stube drinnen gehört worden sein, denn plötzlich erschien eine vierschrötige Frauengestalt im Hauseingang. Ihr Gesicht war gewöhnlich in feinen Zügen, auffallend rot, und das stark ergraute Haar verriet, dass sie die Fünfzig wohl schon überschritten hatte. Sie war, wie man leicht erkennen konnte, sonntäglich gekleidet, wie zu einer besonderen Gelegenheit.

„Wo steckst du, Marga?“, rief sie ärgerlich. „Und –“

Da fiel ihr Blick auf den jungen Seemann, und ihr breites Gesicht zog sich merklich in die Länge.

„Sigurd! Soll mich doch – wenn das nicht Sigurd Jensen ist! Aber die Marga hat jetzt nicht Zeit. Kannst du nicht wiederkommen?“

Das war eine Begrüßung, die Jensen augenscheinlich nicht erwartet hatte. Er blickte verwundert auf das Mädchen.

„Herr Kelgreen ist nämlich da“, sagte dieses erklärend. „Aber das tut ja nichts. Du kannst ja doch mal mit hereinkommen.“

Jensen hätte nicht sagen können, warum der Name ‚Kelgreen‘ in diesem Augenblick eine so unangenehme Wirkung auf ihn ausübte. Er kannte den Mann, und früher war dieser Widerwille nie da gewesen. Der Name ‚Kelgreen‘ wurde in der Stadt stets mit großer Achtung genannt, denn sein Träger war einer ihrer angesehensten Bürger, Schiffsmakler, Schiffsbedarfshändler, Seeversicherungsagent und noch verschiedenes andere, worüber Aufschriften an den Fenstern und Tafeln an der Vorderseite seines Geschäftslokals ausführlich berichteten. Dabei galt er allgemein als ein reicher Mann, der selbst zwei Schiffe für den Robben- und Walfischfang besaß, welche den hauptsächlichsten Erwerbszweig der Ortes ausmachte.

„Herr Kelgreen?“, fragte er erstaunt. „Was will der denn bei euch?“

„Warum soll er uns nicht besuchen, wenn es ihm gefällt?“, fragte Marga mit schnippischer Herausforderung zurück. „Denkst du, wir sind nicht gut genug für ihn? Aber komm herein, ich kann nicht länger hier draußen stehen.“

Bevor Jensen Zeit hatte zu entscheiden, ob er die wenig freundliche Einladung annehmen oder ablehnen solle, war sie der Mutter bereits in die Diele und von da an in die Wohnstube gefolgt, es ihm überlassend, sich ihnen anzuschließen, was er, noch immer nicht ganz über sein Verhalten mit sich im Reinen, schließlich auch tat.

Als er hinter den anderen die Wohnstube betrat, sah er den Gast an dem die Mitte des Raumes einnehmenden Tisch sitzen, in einem altväterlichen Lehnstuhl, der aber nichtsdestoweniger eines der Prunkstücke des Hauses darstellte. Ihm selbst war die Ehre eines Sitzes darin noch nie zuteil geworden.

Herr Kelgreen, in Firma Olaf C. Kelgreen, war ein etwas hagerer, großer Mann, offenbar über die Vierzig hinaus, wie sein stark gelichtetes, reichlich pomadisiertes Haar und seine schon schlaffen und welk werdenden Züge seines im Übrigen ziemlich scharf geschnittenen bartlosen Gesichts deutlich erkennen ließen. In seinen Augen war ein unstetes nervöses Flackern, das manchmal, wenn er sprach, zu einem Blick stählerner Schärfe zusammenfloss, in dem sich Zielbewusstheit wie Bereitschaft, den eigenen Vorteil unter allen Umständen wahrzunehmen, ausdrückten.

Der alte Johannsen saß auf einem Stuhle in der Nähe des tief in die Mauer hineingebauten Fensters. Er rauchte eine Zigarre, die, wie Jensen vermutete, der Ledertasche des Herrn Kelgreen entstammte, die dickbauchig vor diesem auf dem Tisch lag, neben der großen Kaffeetasse aus bunt bemaltem Porzellan, deren Ingebrauchnahme sich ebenfalls nur auf besonders zu ehrende Besucher beschränkte.

Die ungewohnte Zigarre gefiel dem Vater Johannsen offenbar mehr durch ihre Vornehmheit als durch den Genuss, den sie ihm verschaffte. Der misstrauische Blick, mit dem er sie manchmal betrachtete, verriet jedenfalls, dass er seiner alten Tonpfeife entschieden den Vorzug gab. Augenscheinlich fand er sich in der Lage, wie sie sich mit dem Eintritt des neuen Ankömmlings ergeben hatte, noch nicht ganz zurecht. Denn er erhob sich nur zögernd und mit einer fast entschuldigenden, linkischen Geste gegen Herrn Kelgreen, um den jungen Mann zu begrüßen.

„Sigurd“, sagte er unsicher, als sei er sich über die Zulässigkeit der Begrüßung noch nicht ganz klar, „Na, guten Tag, ok, Sigurd! Bist wedder do?“

Und indem er ihn von oben bis unten musterte, fügte er hinzu: „Wat for’n schmucken Jung du geworden bist!“

Ein Blick auf seine Ehehälfte ließ ihn verstummen und veranlasste ihn zu einem vorsichtigen Rückzug nach seinem Sitz. Der Rückzug vor der größeren Macht war nicht zu verkennen, wenn er sich auch schmeicheln mochte, ihn durch ein diplomatisch-unverbindliches „Jo, jo, so wat wächst heraus“ verschleiert zu haben.

Während sich Mutter Johannsen in steifer Haltung am Tisch niedergelassen hatte und durch ihr ganzes Benehmen dem neuen Ankömmling klar zu machen bestrebt war, dass sie keineswegs von seinem Besuch sehr erbaut sei, hatte Marga ihm einen Stuhl in die Nähe der Tür gerückt, sich dann aber mit anscheinender Absichtslosigkeit, in der die Absichtlichkeit aber deutlich zum Ausdruck kam, auf die andere Seite des Tisches zurückgezogen, wo sie in der Nähe Kelgreens an einem Glasschrank lehnte.

Der junge Seemann wurde bleich, und ein herber Zug legte sich um seine Mundwinkel. Die offenbare Missachtung der Mutter hatte nur geringen Eindruck auf ihn gemacht; dass sich aber auch die Tochter, der er auf seiner ganzen letzten Reise und auch schon Jahre vorher als Braut gedacht, jetzt räumlich von ihm trennte, schien ihm bezeichnend zu sein für die innere Trennung von ihm, die sich während seiner Abwesenheit hier unverkennbar vollzogen hatte.

War dieser Herr Kelgreen als ein bevorzugter Freier hier? Es gab kaum etwas anderes, das seinen Besuch hier und das Verhalten der Fischerfamilie hätte erklären können. Er war unverheiratet, das wusste Jensen, es war ihm aber nicht bekannt, ob er Junggeselle oder Witwer war. Einige Leute wollten wissen, dass er früher, noch bevor er nach Sydholm gekommen war, schon einmal irgendwo verheiratet gewesen war. Das war ja aber auch gleichgültig. Wenn er als Freier hier war, und das unterlag kaum noch einem Zweifel, so war es klar, dass er, Jensen, ein armer Steuermann mit der einzigen Aussicht, einmal Kapitän irgendeines Ozeanbummlers zu werden, ihm gegenüber nichts zu hoffen hatte.

Kapitäne – und ein solcher war er ja noch nicht einmal – gab’s genug hier im Ort, und wenn die Leute sie grüßten, so nahmen sie nicht einmal die Mütze ab. Das taten sie aber, wenn sie Herrn Kelgreen begegneten.

Was wollte er also? Konnte er, wenn er gerecht sein wollte, dem Mädchen Vorwürfe machen? Es wäre nutzlos gewesen. Denn schließlich heiratet ein Mädchen mit dem Mann zugleich auch ihre ganze zukünftige Lebensform. Freilich, für ihn war das sehr schmerzlich, und das Leben, das noch wenige Augenblicke vorher mit so vielen schillernden Hoffnungen und Versprechungen vor ihm gelegen hatte, erschien ihm auf einmal so leer, so ohne jeden Reiz und in völliger Nüchternheit auf die praktischen Erfordernisse des täglichen Lebens eingestellt. Was für ein Tor war er gewesen, etwas anderes von ihm zu erwarten!

Die Unterhaltung wollte nicht so recht in Fluss kommen. Alle außer Herrn Kelgreen standen sichtlich unter einem Zwang.

„Werden Sie lange hier bleiben, Herr Jensen?“, fragte dieser, anscheinend nur, um den anderen über den toten Punkt in der Unterhaltung hinwegzuhelfen, während Jensen den versteckten Hohn dieser Frage recht wohl heraushörte.

Er war im Begriff, eine gereizte Antwort zu geben, hielt aber noch rechtzeitig damit zurück. Sie hätte nur die Wirkung haben können, dem Manne, der ihn vermöge seiner Stellung, wenn auch vielleicht nicht seiner Person, hoffnungslos aus der Gunst von Mutter und Tochter verdrängt hatte, zu verraten, wie tief ihn der Empfang, den er hier gefunden, schmerzte. Der Fischer Johannsen konnte hierbei ganz außer Betracht bleiben, denn er hatte keinen eigenen Willen im Hause.

Das also war seine Heimkehr! Sie war anders, als er sie sich in den endlos langen Monaten ausgemalt hatte, wenn er in klarer, sternendurchleuchteter Nacht während der Stunden seiner Wache auf der Kommandobrücke hin und her geschritten war. Hin und her – immer hin und her, hineinspähend in die erhabene Einsamkeit des nächtlichen Meeres, in der wie eine Fata Morgana glückliche Bilder auftauchten. Bilder eines stillen, friedlichen Hafens, eines schmucken Häuschens und eines schönen jungen ...

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