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Ohne Titel

SUSAN MALLERY

USA Today Bestsellerautorin Susan Mallery hat bisher über vierzig Bücher veröffentlicht. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie im sonnigen Süden Kaliforniens, wo es ganz normal ist, dass Leute ein bisschen verrückt sind, um eine exzentrische Autorin nicht weiter auffällt. Sie hat zwei wunderhübsche, aber nicht sehr kluge Katzen, einen Hund und den nettesten Stiefsohn der Welt.

1. KAPITEL

Vermutlich gehörte es sich nicht, dass Penny Jackson derartig beschwingt war, weil ihr Exmann zu ihr zurückgekrochen kam. Doch mit diesem Makel konnte sie gut leben.

„Du weißt, dass er dich anfüttern will“, sagte ihre Freundin Naomi.

„Oh ja. Rache ist süß.“ Penny lehnte sich in ihren Sessel zurück und malte sich alle möglichen Szenarien aus. „Ich will, dass er bettelt. Nicht, weil ich böse oder hasserfüllt bin, sondern weil …“

„Du tust es für alle geschiedenen Frauen dieser Welt? Als stellvertretenden Vergeltungsschlag?“, fragte Naomi.

Penny lachte. „Genau. Was bin ich doch fies und gemein!“

„Möglich. Aber du siehst heute besonders umwerfend aus, falls dir das hilft.“

„Ein bisschen.“ Penny strich ihren Pulli glatt und sah auf die Uhr. „Wir treffen uns zum Mittagessen in der Innenstadt. An einem neutralen Ort ohne Erinnerungen – weder gute noch schlechte.“

„Hüte dich vor den guten“, warnte Naomi sie. „Du bist schon immer leicht auf Cal reingefallen.“

„Das war doch vor über drei Jahren, das habe ich längst hinter mir gelassen. Jetzt bin ich wirklich über ihn hinweg.“

„Richtig.“ Naomi wirkte nicht besonders zuversichtlich. „Solange du nicht daran denkst, wie gut er in seinen Kleidern aussieht – oder ohne sie. Denk besser daran, wie er dir dein Herz gebrochen hat. Wie er dich belogen hat, als er sagte, er würde sich Kinder wünschen. Oder wie er über deine Träume hinweggetrampelt ist.“

Das ist leicht, dachte Penny, und ihre gute Laune verdüsterte sich.

Vor vier Jahren hatte sie sich als Köchin im „Buchanan’s“ beworben, einem der Restaurants, die Cals Familie gehörten. Es wäre ein Anfängerjob und sie verantwortlich für die Salate gewesen, und neben ihr gab es zehn weitere Kandidaten. Deshalb hatte Penny Cal gebeten, ein gutes Wort für sie bei seiner Großmutter einzulegen. Er hatte sich geweigert. Sie hatte den Job nicht bekommen.

„Diesmal kommt der Job zu mir“, sagte Penny. „Ich habe vor, das auszunutzen. Und ihn auch. Rein beruflich, versteht sich.“

„Richtig so!“, stimmte Naomi zu, doch sie klang kein bisschen überzeugt. „Er wird dir Probleme machen. Hat er immer schon. Sei vorsichtig.“

Penny stand auf und nahm ihre Handtasche. „Wann bin ich das nicht?“

„Fordere viel Geld.“

„Versprochen.“

„Und lass dir ja nicht einfallen, Sex mit ihm zu haben.“

Penny lachte. „Also bitte. Das ist überhaupt kein Thema. Du wirst schon sehen.“

Penny war früh dran. Sie blieb in ihrem Auto sitzen, bis es fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit war. Ein kleines, vielleicht unwichtiges Machtspiel ihrerseits, aber sie fand, sie hatte es sich verdient.

Sie betrat das ruhige, gediegen ausgestattete Bistro.

Noch bevor sie die Kellnerin ansprechen konnte, sah sie Cal im hinteren Teil des Lokals stehen. Sie mochten gemeinsame Freunde haben und in derselben Stadt leben, aber da sie ihr Bestes getan hatte, nicht in seine Nähe zu kommen, waren sie einander nie über den Weg gelaufen. Dieses Mittagessen würde das ändern.

„Hi“, sagt sie mit einem forschen Lächeln.

„Hallo, Penny.“ Er musterte sie. Dann bot er ihr einen Platz ihm gegenüber an. „Danke, dass du dir Zeit genommen hast.“

„Wie könnte ich anders? Du wolltest am Telefon nicht viel verraten, und das hat mich neugierig gemacht.“ Sie setzte sich.

Cal sah gut aus. Groß, muskulös, dieselben gefühlvollen Augen wie damals. Schon ihm nur gegenüberzusitzen, weckte Erinnerungen an früher, als es noch gut zwischen ihnen gelaufen war. Sie hatten die Finger nicht voneinander lassen können. Nicht, dass er sie jetzt auf diese Art interessierte. Sie hatte ihre Lektion gelernt.

Was sie ihm nun zusätzlich übel nahm, war, dass er in den drei Jahren seit ihrer Trennung nicht an Gewicht zugelegt oder Falten bekommen hatte. Nicht einmal diesen Gefallen hatte er ihr getan. Im Gegenteil: Er sah hinreißend aus. Typisch Mann.

Und doch brauchte er ihre Hilfe. Oh ja, dieser Teil der Angelegenheit war ziemlich erfreulich. In ihrer Ehe hatte sie seinen Ansprüchen nie genügt. Nun sollte sie die Lage retten … oder, in diesem Fall, das Restaurant. Sie hatte zwar vor zuzusagen, aber sie würde ihn betteln lassen – und jede Sekunde davon genießen.

„Das ‚Waterfront‘ ist in Schwierigkeiten“, sagte er. Er brach ab, als die Kellnerin kam, um die Bestellung aufzunehmen.

Als die Bedienung gegangen war, lehnte Penny sich in ihren gepolsterten Sessel zurück und lächelte.

„Es soll mehr als nur in Schwierigkeiten sein. Ich habe gehört, es sei abgewirtschaftet. Kunden und Geld – beides weg.“

Sie zwinkerte und versuchte, unschuldig dreinzuschauen. Cal würde sie zweifellos durchschauen und erwürgen wollen, aber er konnte nicht. Weil er sie brauchte. Weil er tatsächlich dringend Hilfe nötig hatte. Wie sie das an Männern liebte. Besonders an Cal.

„Die Dinge standen schon besser“, gab er zu. Er schien jede Sekunde des Gesprächs zu hassen.

„Das ‚Waterfront‘ ist das älteste Restaurant der berüchtigten Buchanan-Dynastie“, sagte sie vergnügt. „Das Flaggschiff. Zumindest war es das. Heutzutage hat es den Ruf, schlechtes Essen und noch schlechteren Service zu haben.“ Sie nippte an ihrem Wasser. „Zumindest hört man das.“

„Danke für die Information“, sagte er gepresst.

Penny merkte, dass das Gespräch ihn verärgerte. Sie ahnte, was er dachte – warum musste es von all den Köchen in ganz Seattle ausgerechnet sie sein? Sie wusste es auch nicht, doch manchmal musste man einfach die Gelegenheit beim Schopf packen.

„Dein Vertrag ist ausgelaufen“, sagte er.

Sie lächelte. „Ja, ist er.“

„Du suchst eine neue Stelle.“

„Ja, tue ich.“

„Ich möchte dich einstellen.“

Vier kleine Wörter. Einzeln waren sie sicher nicht sehr bedeutungsvoll, aber in dieser Kombination konnten sie alles für jemanden bedeuten. In diesem Fall für sie.

„Ich habe andere Angebote“, sagte Penny ruhig.

„Hast du eines angenommen?“

„Noch nicht.“

Cal war groß, ungefähr 1,90, und dunkelhaarig. Er hatte starke Wangenknochen, eine markante Kinnpartie, und sein Mund verriet oft, in welcher Stimmung er gerade war. Im Moment hatte er die Lippen zusammengekniffen. Er war wütend und stinksauer. Sie hatte sich niemals besser gefühlt.

„Ich bin hier, um dir einen Vierjahres-Vertrag anzubieten. Du übernimmst die Leitung der Küche zu üblichen Bedingungen.“ Das Gehalt, das er nannte, ließ sie aufhorchen.

Penny nahm noch einen Schluck Wasser. In Wahrheit wollte sie nicht nur einen neuen Job. Sie wollte ihr eigenes Lokal. Für die Eröffnung eines eigenen Restaurants war jedoch eine hübsche Stange Geld nötig, aber die hatte sie nicht. Es gab die Möglichkeit, sich mehr Partner zu nehmen, als ihr lieb war – oder zu warten. Sie hatte sich fürs Warten entschieden.

Ihr Plan war, in den nächsten drei Jahren Geld zu sparen und dann das Restaurant ihrer Träume zu eröffnen. Ein gutes Einkommen war dafür zwar hilfreich, aber nicht genug.

„Kein Interesse“, sagte sie mit einem leichten Lächeln.

Cals Blick verdüsterte sich. „Was willst du? Abgesehen von meinem Kopf auf einem Pfahl …“

„Das wollte ich nie“, erklärte sie. Ihr Lächeln war nun echt. „Nun ja, zumindest nicht, nachdem wir geschieden waren. Es ist drei Jahre her, Cal. Diese Zeiten liegen hinter mir. Für dich nicht?“

„Natürlich. Warum bist du dann nicht interessiert? Es ist ein guter Job.“

„Ich bin nicht auf der Suche nach einem Job. Ich möchte eine Chance.“

„Das bedeutet?“

„Mehr als einen Standard-Vertrag. Ich will am Lokal beteiligt sein und völlige Gestaltungsfreiheit in der Küche haben.“ Sie griff in ihre Jackentasche und zog ein gefaltetes Stück Papier heraus. „Ich habe eine Liste.“

Manchmal war es schwer, das Richtige zu tun, dachte Cal, als er den Zettel nahm und auseinanderfaltete. Diesmal war es nicht anders.

Er überflog die Liste, dann warf er sie ihr zurück. Penny wollte keine Chance, sie wollte seine Eier – geröstet mit Zwiebeln und dazu eine feine Sahnesauce.

„Nein“, sagte er entschieden und bemühte sich, nicht darauf zu achten, wie die Nachmittagssonne die rötlichen Schattierungen ihres kastanienbraunen Haares reflektierte.

„Ist in Ordnung.“ Sie nahm den Zettel wieder an sich und machte Anstalten, aufzustehen. „Es war nett, dich wiederzusehen, Cal. Viel Glück mit dem Restaurant.“

Er griff über den Tisch nach ihrem Handgelenk. „Warte.“

„Aber wenn es nichts gibt, worüber wir reden müssen …“

Ihre großen, blauen Augen sahen reichlich unschuldig drein, aber er traute ihrem offenen Blick nicht über den Weg.

Die Chance, Penny doch noch von dem Job zu überzeugen, war vorhanden; sonst hätte sie sich nicht die Mühe gemacht, herzukommen. Es war nicht ihr Stil, ihn für dumm zu verkaufen. Aber das bedeutete nicht, dass es ihr kein Vergnügen bereitete, ihn betteln zu lassen.

In Anbetracht ihrer gemeinsamen Vergangenheit hatte sie es sich vermutlich verdient. Trotzdem würde er um jeden Punkt feilschen und nur dort nachgeben, wo es sein musste. Mit ihr zu verhandeln, hätte sogar Spaß machen können – wäre sie doch nur nicht so schrecklich selbstgefällig.

Er streichelte mit dem Daumen über ihr Handgelenk. Er wusste, dass sie es hassen würde. Sie hatte immer über ihre langen Unterarme, die kräftigen Gelenke und Hände geklagt und behauptet, sie wären zu groß im Vergleich zum Rest ihres Körpers. Es war ihm immer verrückt erschienen, wie sehr sie auf diese nicht vorhandenen Makel fixiert war. Außerdem hatte sie die Hände einer Köchin – vernarbt, geschickt und stark. Er hatte ihre Hände immer gemocht, ob sie nun Essen in der Küche oder ihn im Schlafzimmer bearbeitet hatten.

„Das ist nicht machbar“, sagte er und deutete mit dem Kopf auf das Papier. Er ließ ihre Hand los. „Und du weißt es auch. Also, wo ist die echte Liste?“

Sie grinste und setzte sich wieder. „Ich habe gehört, du wärst verzweifelt. Ich musste es versuchen.“

„Nicht so verzweifelt. Was willst du?“

„Gestaltungsfreiheit beim Zusammenstellen der Menüs, die alleinige Leitung der Küche, mein Name auf der Speisekarte, das Eigentum über die von mir komponierten Spezialitäten, das Recht, jeden Geschäftsführer abzulehnen, den du mir vor die Nase zu setzen willst, vier Wochen Urlaub im Jahr und zehn Prozent vom Gewinn.“

Die Kellnerin brachte das Essen. Er hatte einen Burger bestellt, Penny einen Salat. Aber nicht irgendeinen Salat. Die Bedienung stellte acht Teller mit verschiedenen Zutaten vor Pennys Schüssel, in der vier Salatsorten angerichtet waren.

Er sah zu, wie sie Olivenöl, Balsamico und gemahlenen Pfeffer in ein Schälchen gab und den Saft einer halben Zitrone dazupresste. Sie verrührte alles mit einer Gabel und gab das gewürfelte, geräucherte Hühnerfleisch und Schafskäse auf ihren Salat. Sie schnupperte an den Pecannüssen, bevor sie sie dazugab. Sie nahm sich nichts von den Walnüssen, nur eine halbe Tomate und rote Zwiebeln statt der weißen und gab ihr Dressing bei. Dann durchmischte sie alles und nahm den ersten Bissen ihres Mittagessens.

„Wie schmeckt es?“, fragte er.

„Gut.“

„Warum isst du überhaupt auswärts?“

„Tue ich für gewöhnlich nicht.“

Früher hatte sie es tatsächlich nicht getan. Es hatte ihr vollkommen genügt, unglaublich leckere Gerichte in ihrer gemeinsamen Küche zu zaubern. Ihn wiederum hatte es glücklich gemacht, das Kochen ihr zu überlassen.

Er kam wieder auf ihre Forderungen zurück. Schon aus Prinzip würde er ihr nicht alles geben, was sie verlangte. Außerdem war das keine gute Art, Geschäfte zu machen.

„Du kannst die Gestaltungsfreiheit bei den Gerichten und in der Küche haben“, sagte er. „Spezialitäten bleiben im Besitz des Hauses.“

Alles, was ein Koch während seines Dienstverhältnisses in einem Restaurant an Gerichten komponierte, gehörte diesem Restaurant.

„Ich möchte die Rezepte mitnehmen, wenn ich gehe.“ Sie spießte ein Salatblatt mit der Gabel auf. „Das ist Teil des Deals, Cal.“

„Das wäre mir neu.“

„Die Sache ist die, dass ich nicht herrliche Gerichte erfinden und sie dann deiner Familie überlassen will, die alles andere als ein geschicktes Händchen hat.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Bevor du dich jetzt verteidigst, erlaube mir zu erwähnen, dass das ‚Waterfront‘ vor fünf Jahren jedes Wochenende eine Warteliste hatte.“

„Du sollst deinen Namen auf der Speisekarte haben“, sagte er. „Als leitende Küchenchefin.“

Er merkte, dass sie beeindruckt war. Diesen Titel hatte sie zuvor noch nie gehabt. Er bedeutete ihr etwas.

„Und drei Prozent vom Gewinn“, fügte er hinzu.

„Acht.“

„Vier.“

„Sechs.“

„Fünf“, sagte er. „Aber du hast kein Mitspracherecht bei der Auswahl des Geschäftsführers.“

„Ich muss mit ihm oder ihr arbeiten.“

„Und er oder sie muss auch mit dir arbeiten.“

Sie grinste. „Aber ich habe doch den Ruf, bei der Arbeit nichts anderes als ein wahrer Sonnenschein zu sein. Du weißt das.“

Er hatte gehört, dass sie eine Perfektionistin war und keine Kompromisse in Sachen Qualität einging. Aber man hatte sie auch als schwierig und anstrengend bezeichnet. Und als schlichtweg brillant.

„Du kannst den Geschäftsführer nicht bestimmen. Er ist schon eingestellt. Zumindest für die nächste Zeit.“

Sie rümpfte die Nase. „Wer ist es?“

„Das wirst du schon noch herausfinden. Außerdem ist die erste Besetzung für diesen Job nur dafür da, einmal aufzuräumen. In ein paar Monaten wird jemand anderes eingestellt. Du kannst bei ihm oder ihr ein Mitspracherecht haben.

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Interessant. Ein Mann fürs Grobe für eine Aufräumaktion im großen Stil. Ich glaube, das gefällt mir.“

Sie holte tief Luft. „Wie wäre es mit fünf Prozent vom Gewinn, einem Dreijahres-Vertrag, ich bekomme ein Mitspracherecht beim nächsten Geschäftsführer und nehme meine Spezialitäten mit.“ Sie hob die Hand, als schwöre sie einen Eid. „Aber nur in mein eigenes Lokal. Du kannst sie weiter im Angebot des ‚Waterfront‘ führen.“

Ihr Plan, sich selbstständig zu machen, überraschte ihn nicht. Die meisten guten Köche taten es. Nur wenige hatten das Kapital und das Know-how dafür.

„Oh, und das Gehalt, das du mir vorhin angeboten hast, war in Ordnung“, sagte sie.

„Natürlich war es das“, sagte er, „Ich bin davon ausgegangen, dass du all die anderen Sachen nicht bekommst.

Wen bringst du mit?“

„Meinen Souschef und meine Assistentin.“

Es war üblich, dass Köche einige wenige Leute als Personal mitbrachten. Solange sie gut mit den anderen in der Küche zusammenarbeiteten, hatte Cal nichts dagegen.

„Du wirst deinen Urlaub nie nehmen“, sagte er. Zumindest hatte sie es früher nie getan.

„Das werde ich sehr wohl“, sagt sie. „Nur damit es keine Missverständnisse gibt, ich nehme meinen Urlaub ganz sicher.“

Er zuckte die Achseln. „Nicht, bevor wir eröffnet haben und der Laden läuft.“

„Ich dachte an Spätsommer. Bis dahin habe ich alles organisiert.“

Vielleicht. Sie hatte das Chaos noch nicht gesehen.

„War das alles?“, fragte er.

Sie überlegte kurz. Dann zuckte sie die Achseln.

„Schick mir dein Angebot. Ich sehe es mir an und lasse dich dann wissen, ob wir im Geschäft sind.“

„So viel bekommst du nirgendwo sonst. Tu nicht so, als würdest du abspringen.“

Sie hatte wieder Oberwasser. „Man weiß nie, Cal. Ich möchte mir anhören, was mir deine Konkurrenz zu bieten hat.“

„Ich weiß, wer interessiert ist. Die nehmen dich nie mit einer so hohen Gewinnbeteiligung.“

„Stimmt natürlich. Aber ihre Restaurants sind erfolgreich. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“

„Das ‚Waterfront‘ könnte dich berühmt machen“, sagte er. „Die Leute würden auf dich aufmerksam.“

Er hätte ihr gern gesagt, dass sie nichts derartig Besonderes war, dass er fünf Köche aufzählen konnte, die den Job genauso gut machen würden. Das Problem war: Er konnte es nicht. In den letzten drei Jahren hatte Penny sich einen Namen gemacht, und genau den brauchte er, um das „Waterfront“ aus dem Dreck zu ziehen.

„Ich lasse dir den Vertrag morgen Nachmittag nach Hause zustellen“, sagte er.

Sie schnurrte beinahe vor Zufriedenheit. „Gut.“

„Du genießt es, nicht wahr?“

„Oh ja. Es macht mir nicht einmal etwas aus, für dich zu arbeiten. Denn jedes Mal, wenn du mich ärgern willst, werde ich dich daran erinnern, dass du es warst, der mich geholt hat. Dass du mich gebraucht hast.“

Rache. Er respektierte es. Es ärgerte ihn, aber er respektierte es.

„Warum tust du das?“, fragte sie, während sie eine Pecannuss vom Tischtuch auflas. „Du bist doch vor Jahren aus den Familiengeschäften ausgestiegen.“

Damals, als wir noch verheiratet waren, dachte er. Er war entkommen, nur um erneut hineingezogen zu werden.

„Jemand muss das sinkende Schiff retten“, sagte er.

„Ja, aber warum du? Dir ist das Familien-Imperium doch egal.“

Er legte zwanzig Dollar auf den Tisch und erhob sich. „Ich brauche deine Antwort innerhalb von zwanzig Stunden nach Zustellung des Vertrags.“

„Du hast sie am nächsten Morgen.“

„In Ordnung.“ Er legte seine Visitenkarte neben das Geld. „Für den Fall, dass du dich mit mir in Verbindung setzen möchtest.“

Er verließ das Restaurant und ging zu seinem Auto. Penny würde zusagen. Sie würde ihn ein bisschen zappeln lassen, aber der Deal war so gut, dass sie ihn sich nicht entgehen lassen würde. Wenn sie es schaffte, das „Waterfront“ wieder zu dem zu machen, was es früher gewesen war, hatte sie in drei Jahren mehr als genug Kapital für ihr eigenes Lokal.

Er würde sich längst zurückgezogen haben, wenn es so weit war. Er hatte zugestimmt, eine Zeit lang nach dem Rechten zu sehen, um die Sache zum Laufen zu bringen, aber er hatte keine Lust, bis zum bitteren Ende zu bleiben. Sein Anteil war ausschließlich die Rettung des sinkenden Schiffs. Jemand anderer sollte es flott machen und dafür den Ruhm kassieren. Ihn interessierte nur, wegzukommen.

Penny betrat die „Downtown Sports Bar“ kurz nach zwei am Nachmittag. Die Mittagsgäste waren zum größten Teil schon gegangen. Nur ein paar Stammgäste verfolgten die verschiedenen Sportprogramme auf den zahlreichen Fernsehschirmen des Lokals. Sie ging direkt zur Bar und lehnte sich an das polierte Holz. „Hi, Mandy. Ist er da?“, fragte sie die vollbusige Blondine, die gerade Gläser polierte.

Mandy lächelte. „Hi, Penny. Ja, er ist in seinem Büro. Kann ich dir etwas bringen?“

Koffein, dachte Penny. Doch dann schüttelte sie den Kopf. „Lieber nicht, danke.“

Sie ging in den rechten Teil der Bar, wo ein Münztelefon stand und man zu den Toiletten gelangte. Auf einer der Türen war ein Schild mit der Aufschrift „Personal“. Von hier war es nicht weit in Reid Buchanans unordentliches Büro.

Er saß hinter einem Schreibtisch von der Größe einer Doppelbettmatratze. Die Beine auf dem Tisch, lehnte er lässig in seinem Bürostuhl und telefonierte. Als er sie sah, deutete er mit rollenden Augen auf den Hörer und winkte sie herein.

„Ich weiß“, sagte er ins Telefon, während sie sich zwischen ein paar Kartons, die er erst auspacken musste, zu seinem Schreibtisch durchschlängelte. „Es ist eine wichtige Sache, und ich wäre gern dabei, aber ich habe einen anderen Termin, den ich unbedingt wahrnehmen muss. Vielleicht nächstes Mal. Mhm. Sicher. Ihnen auch.“

Er legte auf und stöhnte. „Eine dieser bescheuerten Veranstaltungen einer ausländischen Regierung.“

„Was hättest du für sie tun sollen?“, fragte sie, nahm ein paar Ordner vom einzigen übrigen Sessel im Büro und setzte sich. Sie legte die Ordner zu den anderen Stapeln auf seinem Schreibtisch.

„Keine Ahnung. Dabei sein. Für die Fotografen lächeln. Vielleicht eine Rede halten.“ Er zuckte die Achseln.

„Wie viel hätten sie dir gezahlt?“

Er nahm seine Beine vom Tisch und sah sie an. „Zehn Riesen. Aber ich brauche das Geld nicht. Ich hasse das alles. Es passt nicht mehr zu mir. Baseball habe ich früher gespielt, und jetzt bin ich hier. Aus dem Sport habe ich mich zurückgezogen.“

Aber erst letztes Jahr, dachte Jenny. Jetzt, nur wenige Wochen vor dem Start der Saison, musste Reid doch Sehnsucht nach seinem alten Leben haben.

Sie schob einen der Stapel auf seinem Tisch aus dem Weg und sah ihn an. „Ich erinnere mich genau, du wolltest immer einen Schreibtisch, der groß genug ist, um darauf Sex zu haben. Es war ausdrücklich eine Bedingung, als wir einen kauften. Aber wenn er dermaßen in Unordnung ist, wird sich niemand auf deiner äußerst beeindruckenden Tischplatte ausziehen wollen.“

Er lehnte sich zurück und grinste sie an. „Ich brauche keinen Schreibtisch, damit sie sich ausziehen.“

„Davon habe ich gehört.“

Reid Buchanan war eine lebende Legende. Nicht nur wegen seiner unglaublichen Karriere als Pitcher in der Baseball-Profiliga, sondern auch dafür, wie sehr er von Frauen bewundert wurde. Teils lag es an seinem guten Aussehen und dem Charme, den alle Buchanan-Brüder besaßen, teils daran, dass Reid die Frauen einfach liebte. Unter seinen früheren Freundinnen waren klassische Model-Typen und Schauspielerinnen ebenso vertreten wie weibliche Öko-Freaks, die fast zehn Jahre älter als er waren. Klug, dumm, groß, klein, dünn, mit oder ohne Kurven, er mochte sie alle. Und sie mochten ihn.

Penny kannte Reid seit Jahren. Sie hatte ihn zwei Tagen nach ihrem ersten Treffen mit Cal kennengelernt. Sie machte gern Witze darüber, dass es Liebe auf den ersten Blick mit dem ersten und Freundschaft auf den ersten Blick mit dem zweiten Spross der Buchanans gewesen war.

„Du errätst nie, was ich heute getan habe“, sagte sie.

Reid zog die dunklen Augenbrauen hoch. „Schatz, da du mich in letzter Zeit schon so überrascht hast, versuche ich es erst gar nicht.“

„Ich habe mich zum Essen mit deinem Bruder getroffen.“

Reid lehnte sich zurück. „Ich weiß, dass du nur Cal meinen kannst, da Walker immer noch im Ausland stationiert ist. Also gut, ich habe angebissen. Warum also dieses Treffen?“

„Er hat mir einen Job angeboten. Er will mich als Küchenchefin im ‚Waterfront‘.“

„Was?“

Reid gehörte zwar zur Familie, doch bevor er sich letzten Juni die Schulter ruiniert hatte, war er nie in die Familiengeschäfte einbezogen gewesen.

„Das ist das Fischlokal, stimmt’s?“

Sie lachte. „Genau. Und das ‚Buchanan’s‘ ist das Steakhaus, du hast die Sport-Bar, und Dani kümmert sich um den ‚Burger Heaven‘. Himmel, Reid, das ist dein Erbe. Mit der Bar führst du einen Teil des Familien-Imperiums.“

„Nein. Was ich habe, sind zwei Aperitifs zum Preis von einem während der Happy Hour. Nimmst du den Job an?“

„Ich denke schon.“ Sie beugte sich vor. „Er zahlt mir ein unglaubliches Gehalt, und ich bin am Gewinn beteiligt. Es ist genau das, worauf ich gewartet habe. In drei Jahren habe ich genug Geld für mein eigenes Lokal.“

Er sah sie an. „Ich habe dir doch gesagt, ich gebe dir das Geld. Sag mir nur wie viel, und ich stelle dir einen Scheck aus.“

Sie wusste, dass er das konnte. Reid hatte Millionen in alle möglichen Geschäfte investiert. Aber sie würde sich von einem Freund nichts leihen. Das war ungefähr so, als ließe man sich von den Eltern aus der Patsche helfen.

„Ich muss das alleine machen“, sagte sie. „Das weißt du.“

„Klar. Aber vielleicht solltest du darüber nachdenken, warum du in dieser Sache so eigensinnig bist. Du machst es dir nur selbst schwer.“

Sie überhörte es. „Mir gefällt die Idee, das ‚Waterfront‘ wiederauferstehen zu lassen. Es wird mich noch berühmter und mein eigenes Restaurant noch erfolgreicher machen.“

„Lass dir diese Sache nicht zu Kopf steigen.“

Sie lachte. „Hört, hört. Das sagst ausgerechnet du, dessen Ego kaum in einen Flugzeug-Hangar passt.“

Reid stand auf und hockte sich neben sie. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste ihre Wangen. „Wenn es das ist, was du willst, werde ich für dich da sein. Das weißt du.“

„Danke.“ Sie strich ihm sein dunkles Haar aus der Stirn. Ihr Leben wäre in vielerlei Hinsicht viel einfacher gewesen, wenn sie sich in Reid verliebt hätte statt in Cal.

Er stand auf und lehnte sich an den Schreibtisch.

„Wann fängst du an?“

„Sobald die Verträge unterzeichnet sind. Das alte Lokal hätte eine Totalrenovierung nötig, aber dafür haben wir keine Zeit. Es muss auch so gehen. Ich muss das Speiseangebot zusammenstellen und mich um Küchenpersonal kümmern.“

Reid verschränkte die Arme über der Brust. „Du hast es ihm nicht gesagt, nicht wahr?“

Sie rutschte auf ihrem Sessel hin und her. „Es ist keine wichtige Information.“

„Natürlich ist es das. Lass mich raten. Du dachtest, er würde dich nicht einstellen, wenn er es weiß – aber sobald du den Job hast, kann er dich deshalb nicht mehr feuern.“

„So ungefähr.“

„Schlau gemacht, Penny. Aber du spielst doch sonst nicht solche Spielchen.“

„Ich wollte den Job. Es war die einzige Möglichkeit, ihn zu kriegen.“

„Es wird ihm nicht gefallen.“

Sie erhob sich. „Ich sehe nicht ein, welche Rolle es überhaupt spielt. Cal und ich sind seit fast drei Jahren geschieden. Jetzt werden wir zusammenarbeiten. Es ist sozusagen die Beziehung im neuen Jahrtausend.

Reid sah sie an. „Glaub mir, wenn mein Bruder herausfindet, dass du schwanger bist, wird dich das teuer zu stehen kommen. Und zwar aus mehr Gründen, als du ahnst.“

2. KAPITEL

Vier Tage später fuhr Penny zum „Waterfront“. Sie stellte ihren Wagen auf dem leeren Parkplatz ab. Es war ein typischer Maitag, kühl und bewölkt, und es sah nach Regen aus. Sie stieg aus. Es roch nach nassem Holz, Salz und Fisch. Möwen kreischten. Das alte Gebäude war ein trostloser Anblick. Trotz zahlreicher Renovierungsarbeiten war dem alten Haus deutlich anzusehen, dass es harte Zeiten hinter sich hatte.

Nichts war trauriger als ein leer stehendes Restaurant, dachte sie. Es war früher Vormittag. Um diese Zeit sollte hier geschäftiges Treiben herrschen, Vorköche sollten sich an die Arbeit machen und der Koch bereits die Spezialitäten des Tages geplant und die Lieferungen geprüft haben. Der Duft von feinen Gewürzen müsste in der Luft liegen und der Rauch vom Holzgrill zu riechen sein. Stattdessen blies der Wind eine Seite der „Seattle Times“ über ihren Wagen hinweg.

Das war nun ihr Restaurant. Sie hatte die Papiere unterschrieben und sie in Cals Büro zurückgeschickt. Die nächsten drei Jahre war das Lokal ihre Welt und sie die Herrscherin über sein Schicksal.

Sie spürte, wie sich ihr Magen vor Aufregung und Vorfreude zusammenzog. Unter normalen Umständen würde sie mit Freunden, einem gutem Essen und Wein feiern. Doch vorläufig musste der Wein warten.

„Aus gutem Grund“, flüsterte sie und legte eine Hand auf ihren Bauch.

Ein Auto bog zum Parkplatz ein. Sie drehte sich um und sah einen dunkelblauen BMW Z4 neben ihrem Wagen halten. Beim Anblick des teuren Sportwagens fielen ihr mindestens ein halbes Dutzend Kommentare ein, die sie anbringen könnte, sobald Cal ausstieg. Hatte ihn das Wetter in den letzten 31 Jahren je interessiert? War ein Cabriolet im Winter eine kluge Idee?

Doch als sich die Wagentür öffnete und er herauskletterte, konnte sie nicht anders, als ihm zuzulächeln und zu winken. Während er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und seine Lederjacke zurechtrückte, fühlte sie sich wie die Statistin in einem Werbespot für Herrenparfum. Ihr Job war, das männliche Modell mit offenem Mund anzuhimmeln. Eine eventuelle Sprechrolle müsste allerdings von jemandem übernommen werden, der noch normal denken konnte.

Sie spürte, wie sich ihre Kehle zusammenschnürte. Ihre Knie zitterten, und ihre ohnehin empfindlichen Brüste schienen sich nach seiner Berührung zu sehnen. Gar nicht gut, dachte sie. Unter diesen Umständen waren sexuelle Gefühle für ihren Exmann eine äußerst schlechte Idee.

Sorgen, dass das etwas zu bedeuteten hatte, machte sie sich nicht. Sie war schwanger, und das hieß, von Hormonen überschwemmt zu werden. Sie brach bei kitschiger Werbung in Tränen aus, schluchzte beim Anblick von Kindern, die Tiere umarmten, und hätte überhaupt die ganze Welt am liebsten in rosa Zuckerwatte gepackt.

Nein, was auch immer sie in diesem Moment für Cal empfand hatte nichts mit ihm zu tun, sondern nur mit dem kleinen Wesen in ihrem Bauch. Doch das hieß nicht, dass sie sich nicht immer noch lächerlich machen konnte.

Sie musste sich ins Bewusstsein rufen, eine große, böse Köchin zu sein, die als hartnäckig, schwierig und manchmal perfektionistisch galt. Ihr ganzes Leben hatte sie mit scharfen Messern gearbeitet. Sie konnte Hühnerknochen mit ihren bloßen Händen brechen.

„Bereit, es mit der Welt aufzunehmen?“, fragte Cal, als er auf sie zukam.

„Natürlich. Zumindest, was meinen kleinen Teil von ihr betrifft.“ Sie folgte ihm zur Eingangstür. „Ich werde einen Schlüssel brauchen.“

Er zog einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche. „Sie sind gekennzeichnet. Vorder- und Hintereingänge. Alle Lagerräume. Der Weinkeller und das Getränkelager.“

Er sperrte den rechten Teil einer Flügeltür aus Holz und Glas auf und ließ ihr den Vortritt. Sie betrat den halbdunklen, großen Raum und bereute es sofort.

„Was ist das denn?“, fragte sie und fächelte mit der Hand vor ihrer Nase. Es roch nach einer Mischung aus versengtem Fell, faulem Fisch und Fleisch und modrigem Holz.

„Es riecht etwas streng“, gab Cal zu. „Die Lagerräume sind nicht gereinigt worden, als der Laden dicht gemacht wurde. Als ich vorige Woche hier war, war der Gestank schlimmer.“

Schlimmer konnte sie es sich nicht vorstellen. Sie hatte schon so Mühe, sich nicht zu übergeben. In den fast vier Monaten ihrer Schwangerschaft war ihr noch nie übel gewesen. Bis jetzt.

Cal stieß die Vordertüren auf und schaltete die Lüftung ein. „Es wird gleich besser.“

Sie rieb ihren Schuh am Teppich. „Der Gestank wird vom Saubermachen allein nicht vergehen.“

„Ich weiß. Wir haben überall Holzboden, nur nicht hier. Wir werden die Böden neu streichen und dann diesen Belag auswechseln.“

Sie hoffte, dass das reichen würde.

Wenigstens war der Raum an sich in Ordnung. Hohe Wände und große Fenster. Wenn die Leute sich für ein Essen am Wasser entschieden, wollten sie im Allgemeinen auch die Aussicht darauf genießen. Sie entdeckte Flipcharts mit Plänen des Speisesaals.

„Wie du siehst, machen wir kosmetische Veränderungen“, erklärte Cal die Skizzen. „Wir haben keine Zeit für eine komplette Neugestaltung.“

„Oh.“

Penny ging weiter. Der Essbereich des Lokals lag weder in ihrer Verantwortung noch interessierte sie sich dafür. Lieber wollte sie sich etwas anderes ansehen – nämlich die Küche.

Sie ging durch eine große Schwingtür im hinteren Teil des Restaurants. Der Geruch war dort noch schlimmer, aber sie ignorierte ihn angesichts ihres neuen Einsatzbereiches.

Wenigstens ist es sauber, dachte sie, als sie den großen Holzgrill, die Dampfgarer, die acht Herde und Backrohre inspizierte. Es gab einen Bereich für die Vorköche mit einer langen Arbeitsplatte aus rostfreiem Edelstahl und mit Becken für die Salate, es gab stapelweise Töpfe, Bratpfannen und Schüsseln. Sie brauchte nicht einmal die Augen zu schließen, um sich vorzustellen, wie es sein würde. Die beinahe blendende Hitze vom Grill und von den Öfen, zischender Dampf und geschäftige Rufe wie „Bestellung fertig“ oder „servierbereit“.

Das Restaurant war im alten Stil gebaut und deshalb groß und gut belüftet. Der Bodenbelag sah neu aus, und als sie einen der Töpfe hochhob, merkte sie, dass er schwer war und gute Qualität hatte. Jetzt in den Lagerraum.

„Du könntest wenigstens so tun, als wärst du interessiert“, hörte sie Cal aus der Küche sagen.

Sie drehte sich zu ihm um. „Woran?“

„Am Essbereich. Welche Farben geplant sind, und wie die Tische aufgestellt werden.“

„Oh, natürlich.“ Sie überlegte einen Moment, was sie sagen sollte. „Es war großartig. Beeindruckend.“

„Glaubst du, du kannst mich täuschen?“

„Nein, aber du solltest auch nicht überrascht sein. Das Einzige, was mich interessiert, ist die Größe des Restaurants, und wie die Tische angeordnet werden.“

Bescheid zu wissen, wie viele Tische es für sechs und wie viele es für acht Personen geben würde und wie man größere Bestellungen bewerkstelligen konnte, war wichtig. Es gab wenig, was eine Küchen-Crew mehr hasste, als von einer Bestellung für zwölf Personen überrascht zu werden.

„Du bekommst diese Informationen“, sagte er. „Also, was denkst du?“

Sie grinste. „Nicht schlecht. Ich muss eine komplette Bestandsaufnahme machen. Wie viel Budget gibt es für Neuanschaffungen?“

„Gib mir eine Liste mit den Dingen, die du brauchst, und ich sage dir Bescheid.“

Sie rümpfte die Nase. „Ich leite die Küche. Also sollte ich auch entscheiden können, was gekauft wird.“

„Du vergisst, dass ich dich kenne. Ehe man sich versieht, hast du schon in Deutschland oder Frankreich wer weiß was für zwanzig Riesen bestellt.“

Sie wandte sich ab, damit er ihr Lächeln nicht bemerkte. „Das würde ich nie tun.“

„Oh, natürlich nicht. Und das sagt eine Frau, die sich ein Messer-Set als Hochzeitsgeschenk gewünscht hat.“

Sie wirbelte herum, damit sie ihm ins Gesicht schauen konnte. Sie war nur allzu bereit, es mit ihm aufzunehmen. „Cal …“

Schnell schüttelte er den Kopf und unterbrach sie.

„Tut mir leid. Ich werde unsere Ehe nicht mehr erwähnen.“

„Gut.“

Die Tatsache, dass sie mit Cal Buchanan eine Beziehung hatte – oder früher gehabt hatte – würde sich wie ein Lauffeuer unter dem Küchenpersonal verbreiten, sobald das Restaurant auch nur eine Viertelstunde seinen Betrieb aufgenommen hatte. Aber man musste es den Leuten zumindest nicht unter die Nase reiben. Und ihr selbst auch nicht.

Es war merkwürdig, Cal zu sehen, mit ihm zu reden. Was genau sie fühlte, wusste sie nicht. Sie war nicht wütend. Möglicherweise verunsichert. Traurig. Zwischen ihnen beiden war es früher einmal schön gewesen. Aber ihm war es egal gewesen. Er hatte …

Okay, vielleicht war sie doch ein bisschen wütend. Wer hätte geahnt, dass nach drei Jahren noch so viele Gefühle da waren? Wenigstens würde sie nicht regelmäßig mit ihm zu tun haben.

„Ich werde dir eine Liste zusammenstellen“, sagte sie. „Sobald wir hier fertig sind, verschaffe ich mir einen Überblick.“

„Okay.“ Er sah ihr in die Augen. „Bitte versuch jetzt nicht zu schreien.“

„Warum sollte ich?“

„Es gibt vertragliche Verpflichtungen.“

Sie wusste, dass nicht von den Verträgen der Angestellten die Rede war. Blieben also nur die Lebensmittel und die Zustellfirmen.

„Nicht mein Problem“, erklärte sie.

„Doch, ist es. Denn du musst dich darum kümmern.“

Das war typisch, dachte sie. Cal war ein Manager. Er mochte vom Kopf her verstehen, was ein Essen für zwei- oder dreihundert Gäste an Aufwand bedeutete, aber er fühlte es nicht mit dem Herzen.

„Ich arbeite nicht mit zweitklassigen Leuten“, sagte sie.

„Bekommen sie eine Chance, es eventuell zu vermasseln, bevor du sie als zweitklassig bezeichnest?“

„Hätte das Essen gute Qualität gehabt, wäre das Restaurant nicht geschlossen worden“, erklärte sie ihm. „Etwas ist also falsch gelaufen, und ich tippe dabei auf das Essen. Ich habe meine eigenen Leute, mit denen ich arbeiten will.“

„Wir haben Verträge.“

„Nein, du hast Verträge.“

„Du bist am Gewinn beteiligt, Penny. Du bist ein Teil von uns.“

Da es noch keinen Gewinn gab, war der Gedanke daran nicht sonderlich erfreulich. „Ich möchte meine eigenen Zusteller.“

„Wir nehme die, die wir bereits unter Vertrag haben.“

Sie kannte diesen störrischen Zug um seinen Mund. Ob sie nun kämpfte, schrie oder mit körperlicher Gewalt drohte, er würde nicht nachgeben. Ihre einzige Chance war Logik.

„Gut. Ich nehme sie für den Anfang, aber wenn sie es vermasseln, ist es aus. Dann nehme ich jemand anderen.“

„Meinetwegen.“

„Du redest besser ein ernstes Wort mit ihnen. Ich wette, dass sie nicht ihre besten Waren hierher geliefert haben. Das sollten sie lieber ändern.“

„Ich kümmere mich darum.“ Er zog seinen Palm aus der Jackentasche und machte sich eine Notiz. Cal war einer dieser Männer, die immer ein Lieblingsspielzeug hatten.

„Sollte das nicht der neue Geschäftsführer machen?“, fragte sie. „Solltest du nicht Kaffee verkaufen?“

„Merkwürdig, dass du das erwähnst“, sagte er.

Sie lehnte an der Theke und sah ihn an. Alle Warnsignale waren da – das Glänzen in den Augen, das leichte Lächeln und sein Gefühl, Herr der Lage zu sein. Nicht, dass er es gewesen wäre. Es war ihr Traum, von dem die Rede war, und sie würde ihn sich von niemandem zerstören lassen.

„Lass mich raten“, sagte sie trocken. „Mir wird nicht gefallen, wen du eingestellt hast.“

„Ich weiß nicht“, sagte er achselzuckend. Dann lächelte er. „Ich bin derjenige.“

Sie war auf einen Namen gefasst gewesen, der ihr nichts sagte oder auf jemanden, mit dem sie früher zusammengearbeitet und den sie nicht gemocht hatte. Aber Cal? Ihr Magen hob sich kurz, als eine Flut von Gefühlen sie überschwemmte.

Nein. Nicht Cal. Das war keine so gute Idee.

„Du wirst keine Zeit haben“, sagte sie schnell. Oh, er war natürlich gut – so viel wusste sie noch. Er war vom Steak House der Familie weggegangen, um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Dass es nicht geklappt hatte, war nicht seine Schuld. Im Gegenteil, der Gewinn hatte sich beträchtlich gesteigert. Aber hier? Jetzt?

„Ich nehme mir eine Auszeit von vier Monaten“, sagte er. „Ich werde zwar noch ins Büro im ‚Daily Grind‘ gehen, aber nur für ein paar Stunden pro Woche. Mein Haupteinsatzbereich ist das ‚Waterfront‘.“

„Warum bist du damit nicht herausgerückt, als ich dich das erste Mal gefragt habe?“

„Ich dachte, du würdest den Job dann ablehnen.“

Hätte sie? Sie war sich nicht sicher. Aber das würde sie ihn nicht merken lassen.

Sie lachte. „Meine Güte, Cal, ich dachte, dein Bruder wäre derjenige mit dem großen Ego. Jetzt sehe ich, dass es in der Familie liegt.“

Er wirkte kein bisschen verunsichert. Das sah ihm ähnlich. Stattdessen starrte er sie an. „Angesichts unserer Vergangenheit war es vernünftig, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass du ablehnst. Eine Zusammenarbeit kann unter vielen Bedingung eine Herausforderung sein, aber in einem Restaurant …“ Er verstummte.

Genau ihr Argument. Sie wandte sich ab. „Mir ist egal, mit wem ich arbeite, solange derjenige seinen Job gut macht. Also komm, gib hundertfünfzig Prozent, und wir werden miteinander auskommen.“

„Penny?“

Sie atmete tief durch, um ihren Ärger nicht hochkommen zu lassen. Einen großen, tief sitzenden Ärger, der sie aggressiv machte. Das ist Vergangenheit, sagte sie sich. Es ist seit Langem vorbei. Das musste sie sich ins Bewusstsein rufen.

Aber der Kummer, der auf sein Konto ging, wollte einfach nicht vergehen. Sie wollte ihn hinausschreien und eine Erklärung fordern. Aber es war sinnlos, darüber zu reden.

Eine Sache allerdings musste einfach heraus. Nichts Schwerwiegendes, und es war eigentlich auch nicht mehr von Bedeutung.

Sie wandte sich ihm wieder zu. „Was zum Teufel war los mit dir?“, fragte sie. Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Ich war deine Frau. Es war ein simpler Anfängerjob. Salate, Cal. Nur Salate. Warum konntest du nicht einfach zum Telefon greifen und ein gutes Wort für mich einlegen? Dachtest du, ich wäre der Aufgabe nicht gewachsen?“

Das war es, worüber sie immer gegrübelt hatte. Die Gelegenheit, ihn zu fragen, ob er nicht an sie glaubte, hatte sich nie ergeben. Aber was sonst hätte der Grund sein können? Sicher war sie sich dessen jedoch nie gewesen, und jetzt wollte sie es wissen.

Er trat einen Schritt auf sie zu. Dann hielt er inne und schüttelte den Kopf. „Du machst mich verrückt. Die Sache mit dem Job ist wie lange her – vier Jahre? Spielt das wirklich noch eine Rolle?“

„Ja, das tut es.“

„Du wirst es mir nicht glauben.“

„Versuch es.“

„Es war nicht so, dass ich nicht an dich geglaubt hätte. Nie. Du warst großartig. Die Beste. Es war wegen meiner Familie.“

Sie runzelte die Stirn. „Was? Hattest du Angst, deine Großmutter könnte merken, dass deine Ehefrau arbeitet? Sie wusste doch schon, dass ich einen Job habe, Cal. Es wäre keine Überraschung gewesen.“

„Nein. Ich wollte nicht, dass du mit ihr zu tun hast. Dass du ihr ausgesetzt bist.“

Penny wusste, dass er und Gloria einander nie nahegestanden hatten. Doch dass das der Grund gewesen war, fiel ihr schwer zu glauben.

„Ich bin mit zwei Schwestern aufgewachsen, und wir mussten uns zu dritt das Badezimmer teilen“, sagte sie. „Ich weiß, wie man mit anderen Menschen auskommt.“

„Ich wollte nichts riskieren. Ich wollte dich keinem Risiko aussetzen. Es ging nie um dich und den Job.“

Sie glaubte ihm nicht ganz. Aber wie hatte er vorhin gesagt – was für einen Sinn ergab es, jetzt darüber zu streiten? Er war zurückgekommen, hatte sie gebeten, für ihn zu arbeiten, und sie war einverstanden gewesen.

„Egal“, sagte sie achselzuckend. „Ich akzeptiere dich als Geschäftsführer auf Zeit. Komm mir nur einfach nicht in die Quere.“

„Nicht meine Art.“

„Es ist interessant“, fuhr sie fort, „Ich erinnere mich genau, dass du mir versichert hast, es würde eher ein Kamel durchs Nadelöhr gehen, als dass wir beide wieder zusammenarbeiten.“

„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen. Wir waren damals verheiratet. In einem Restaurant ist nicht genug Platz für ein Ehepaar.“

„Du hast damals jedenfalls viel angekündigt. Was davon ist eingetreten?“

Sie rechnete damit, dass ihn diese direkte Frage verärgerte. Stattdessen grinste er. „Ich glaube, es waren ungefähr sechzig Prozent.“

„Du bist aber großzügig.“

„Bei diesem Thema schon.“

„Das Thema bist du?“

„Sein Lächeln wurde breiter. „Wer sonst?“

„Männer“, knurrte sie. Sie schlüpfte aus ihrem Mantel und legte ihn auf der Theke ab. Dabei kehrte sie ihm bewusst den Rücken zu, damit er ihr Lächeln nicht bemerkte.

Cal, merkte sie, konnte immer noch in ihr das Bedürfnis wecken, ihn in kleine Teile zu zerstückeln. Aber langweilig war er wahrlich nie gewesen.

„Jetzt sind wir nicht verheiratet“, sagte sie. „Ich bin sicher, wir werden gut auskommen, solange du deine Grenzen kennst.“

Sie wandte sich ihm zu und deutete auf den Eingang zur Küche. „Das ist mein Reich. Komm ja nicht auf die Idee, es zu betreten und das Kommando zu übernehmen.“

„In Ordnung. Und Gloria hat versprochen, dem Restaurant fernzubleiben, es sei denn, sie kommt als Gast. Das war Teil des Deals, um mich zurückzubekommen. Sie wird auch dich nicht belästigen.“

„Gut zu wissen.“ Obwohl sie seine Großmutter nicht für so dämonisch hielt wie er, hatten die ältere Frau und sie einander nie richtig nahegestanden. Immer, wenn Penny in der Nähe war, hatte Gloria die Nase gerümpft, als rieche es schlecht.

Sie zog einen Notizblock aus ihrer Tasche. „Gut, kommen wir zur Sache. Ich brauche ungefähr eine Woche, um die Küche auf Vordermann zu bringen. Für das Personal habe ich bereits jede Menge Pläne. Also bleibt nur mehr das Saubermachen, ein paar Neuanschaffungen und der Einkauf von Lebensmitteln. Bevor ich alles besorge, müssen wir unser Essensangebot besprechen.

„Wann wirst du mit dem Menüplan fertig sein? Ich muss ihn absegnen.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Willst du mir sagen, was ich kochen soll?“

„In diesem Fall schon, ja.“

Da war sie allerdings anderer Meinung. Doch diesen Kampf würde sie mit ihm austragen, wenn der Menüplan fertig war. „Ich lasse dich in ein paar Tagen wissen, wie es läuft. Wie lange brauchst du für den Essbereich?“

„Zwei Wochen.“

Mit einem kleinen Stift machte er sich Notizen auf seinem Palm. Sie rückte näher und schaute ihm über die Schulter.

Großer Fehler. Plötzlich spürte sie ihn ganz nah. Die Hitze seines Körpers schien sie von innen her zu wärmen. Sie atmete seinen Geruch ein. Unglücklicherweise roch er wie früher. Nur nach sauberer Männerhaut und nach etwas, das einzig und allein Cal war.

Erinnerungen an Gerüche waren etwas Gewaltiges. Sie hatte das auf der Kochschule gelernt und setzte dieses Wissen beim Kochen ein. Nun war sie in einen Wirbel von Erinnerungen geraten. Sie dachte daran, wie sie bebend und erschöpft vor sexueller Befriedigung nackt neben ihm gelegen und seinen Atemzügen gelauscht hatte.

Sie trat einen großen Schritt weg von ihm.

„Ich nehme an, es gibt Pläne für die Eröffnung“, sagte sie. Sie war froh über den normalen Klang ihrer Stimme. Gedanken an Sex waren in Cals Fall völlig unpassend. Nicht nur, dass sie geschieden waren – sie war auch schwanger. Sie bezweifelte, dass ihn das antörnen würde.

„Ich will eine große, spritzige Party für den Eröffnungsabend. Keine Bedienung, nur Appetithäppchen. Es werden viele Leute kommen, und du hast die Chance, groß anzukündigen, was es in Zukunft alles geben wird. Wir laden die lokale Presse und die Reichen und Schönen ein.“

Sie lächelte. „Die Reichen und Schönen?“

Er schüttelte den Kopf. „Wirtschaftsbosse, Prominente und dergleichen.“

„Die werden sich unheimlich freuen, wenn sie merken, wie begeistert du bist.“

„Ich will, dass das Restaurant anläuft. Die Party ist ein notwendiges Übel.“

„Schreib das besser nicht in die Einladung“, schlug sie vor.

„Ich werde mir für die Eröffnung ein Bufett ausdenken, sobald ich die Menüs für das Restaurant zusammengestellt habe. Und – nur, damit du Bescheid weißt – den Leuten, mit denen du fixe Lieferverträge hast, werde ich so lange Aufträge geben, bis sie es vermasseln. Aber für die Party hole ich meine eigenen Leute. Ich habe da ein paar Fisch-Spezialisten.“

„Richtige Spezialfische?“, fragte er. „Mit Kiemen? Und Finne?“

Sie verdrehte die Augen. „Du weißt, was ich meine. Ich werde bei ausgefallenen Bestellungen mit ihnen zusammenarbeiten.“

„In Ordnung.“

Ein letzter Blick auf ihre Notizen. Was musste noch besprochen werden? Sie sah ihn an. „Hast du …“ Sie runzelte die Stirn, als sie seinen staunenden Blick bemerkte. „Was ist los?“

Er trat einen Schritt zurück. „Nichts.“

„Du schaust so merkwürdig. Woran denkst du?“

„Ich sagte doch, es ist nichts.“

„Aber irgendetwas ist doch!“

„Nein, es ist nichts.“ Innerlich fluchte Cal. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal dabei ertappt worden war, die Brüste eine Frau anzustarren. Warum sollten ihn die von Penny jetzt interessieren?

Sie taten es nicht. Er hatte sich seit Jahren nicht mehr für sie interessiert. Es war nur … sie sah anders aus. Sie strahlte ein Selbstbewusstsein aus, das er früher nie an ihr bemerkt hatte. Es konnte von dem Erfolg rühren, den sie kürzlich gehabt hatte. Aber da war auch noch die Sache mit ihren Brüsten.

Sie waren größer. Dessen war er sich sicher.

Wieder wanderte sein Blick hinunter auf ihre Brüste. Klar, größer. Ihr Pullover verbarg ihre Kurven bis über die Taille. Er war mit ihr verheiratet gewesen, hatte sie unzählige Male nackt gesehen. Er hatte ihren Körper immer gemocht, obwohl sie ständig darüber geklagt hatte, zu jungenhaft auszusehen. Alles eckig und gerade. Ihre Brüste waren klein gewesen. Aber jetzt …

Sie waren größer. Wie konnte das sein? Oh, natürlich, er wusste, dass es Implantate gab. Aber Penny war nicht der Typ dafür, oder? Und selbst wenn sie sich für eine Brustvergrößerung entschieden hätte – wäre es dann nicht mehr als nur eine Körbchengröße geworden?

Er schüttelte den Kopf und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Er war Mitbegründer und Leiter eines Multimillionen-Unternehmens und verantwortlich für ein großes Restaurant. Und er war über dreißig. Selbstverständlich war er in der Lage, den Rest des Treffens ohne ständige Gedanken an die Brüste seiner Exfrau zu überstehen.

„Wen bringst du mit?“, lenkte er ab. „Du sagtest etwas von zwei Leuten.“

„Edouard, meinen Souschef, und Naomi.“

Er fluchte. „Nein.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Entschuldige, aber da hast du nicht mitzureden. Sie ist mir eine Hilfe. Naomi arbeitet für mich, und sie ist die Beste in der Branche, wenn es ums Organisieren geht. Wir werden einen Chef de Service brauchen, wenn es hier überfüllt ist.“

Er wusste, dass die perfekte Organisation des Service in einem überfüllten Restaurant jeden Preis wert war. Jemand musste die Gerichte zu den Tischen dirigieren und dafür sorgen, dass die verschiedenen Gänge zur rechten Zeit an den rechten Ort kamen. Der Chef de Service, der diese Abläufe koordinierte, war gewöhnlich der Küche zugeordnet, arbeitete aber auch unterstützend im Restaurant. Er bewahrte den Überblick über beide Bereiche und konnte so den Koch auf dem Laufenden halten.

„Woher willst du wissen, dass wir so gut mit Gästen ausgelastet sein werden?“, fragte er. „Einen Kundenstamm aufzubauen braucht Zeit.“

Sie lächelte. „Aber hallo, da bin ja auch noch ich. Sie werden kommen.“

„Sag einmal noch etwas über mein Ego“, grummelte er.

„Nein, danke.“

Sie ging weiter ihre Liste durch und brachte noch ein paar Einzelheiten zur Sprache. „Ich bezahle meine Köche richtig gut, also sei darauf gefasst.“

„Ich habe ein Budget.“

„Und ein Restaurant mit dem Ruf, schreckliches Essen zu haben. Du bist nur vier Monate hier, Cal. Ich weiß, was das bedeutet. Du willst einen guten Eindruck machen und dann aussteigen. Damit bin ich einverstanden, aber es wird nicht billig.“

„Halt es in Grenzen.“

„Ich tue, was nötig ist.“

Es gefiel ihm, dass sie Widerstand leistete. Sie war wieder ganz wie früher.

„Wir treffen uns am Montag und sehen dann weiter“, sagte er. „So gegen Mittag?“

„Ich werde ohnehin wegen der Vorstellungsgespräche hier sein. Komm einfach vorbei, wann es dir passt.“ Sie legte ihren Notizblock weg. „Ich bleibe noch und schaue mir die Küche an.“

„Die Schlüssel hast du. Sperr ab, wenn du gehst.“

„Natürlich.“ Sie lächelte und wandte sich ab. Er konnte sie nun von der Seite sehen, und sein Blick fiel auf ihre Brüste. Was zum Teufel war da los?

Nach dem Treffen mit Penny machte sich Cal auf den Weg zurück in sein Büro in der Daily-Grind-Firmenzentrale. Bis auf ein paar letzte Details hatte er alles für die vier Monate seiner Abwesenheit geregelt. Im Büro hörte er den Anrufbeantworter ab. Seine Assistentin würde ihn im „Waterfront“ über alles informieren, während er weg war. Außerdem würde er sich in dieser Zeit zweimal pro Woche mit seinen Geschäftspartnern treffen.

Die Firmenzentrale war im obersten Stockwerk eines ehemaligen Fabrikgebäudes am Highway 5 untergebracht Von dort hatte er freien Blick auf einen Großteil der Innenstadt in Richtung Lake Union und auf den Aussichtsturm Space Needle. Bei klarem Wetter konnte er noch weiter sehen, aber dies war Seattle, und hier gab es nicht so viele schöne Tage. Sogar jetzt prasselte leichter Regen auf sein Panoramafenster und die Dachbeleuchtung.

Keine zwanzig Minuten, nachdem er sich an seine Arbeit gesetzt hatte, rief seine Assistentin an. „Ihre Großmutter ist hier“, sagte sie leise.

Cal wünschte, er hätte eine Entschuldigung, um sie nicht treffen zu müssen. Leider bedeutete die Rettung des „Waterfront“ auch, vermehrt mit der alten Dame zu tun zu haben.

„Schicken Sie sie herein.“

Er erhob sich, um sie zu begrüßen. Gloria Buchanan schwebte mit einer Eleganz und Grazie in sein Büro, die verrieten, dass sie in einer weit stilvolleren Zeit geboren worden war.

Sie war schlank, mittelgroß und trug einen maßgeschneiderten Hosenanzug sowie gefährlich hochhackige Schuhe. Trotz ihrer mehr als 70 Jahre hielt sie sich sehr gerade. Ihr Haar war weiß und wie immer perfekt frisiert. Das Alter hatte kaum Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Dani, seine Schwester, behauptete steif und fest, Gloria hätte Schönheitsoperationen machen lassen. Entweder das – oder sie war tatsächlich eine Hexe und bewahrte sich ihr gutes Aussehen mit übernatürlichen Kräften.

„Hallo, Gloria“, sagte er und bot ihr einen Sessel an.

Sie nickte ihm zu und nahm Platz. Als er ihr gegenüber saß, fragte er sich, warum er sie nie Großmutter genannt hatte. Nicht einmal, als er jung gewesen war. Sie hatte es von Anfang an zu verhindern gewusst.

Sie legte ihren Pelzmantel ab und stellte ihre hellblaue Handtasche neben ihren Füßen am Boden ab. „Ich nehme an, du bist bereit für den Wechsel.“

Er nickte. „Ab morgen ist mein Arbeitsplatz im ‚Waterfront‘.“

Sie sah sich in seinem geräumigen Büro um und rümpfte die Nase. „Du klingst nicht, als würdest du das hier vermissen.“

„Natürlich werde ich das.

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