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Sturz der Titanen

ÜBER DEN AUTOR



KEN FOLLETT, geboren 1949 in Cardiff, Wales, war nach seinem Studium der Philosophie zunächst Reporter bei einer Londoner Abendzeitung. Mit dem Spionagethriller DIE NADEL (1979) schaffte er den Durchbruch als Schriftsteller. Seinen größten Erfolg feierte er mit DIE SÄULEN DER ERDE (1990), gefolgt von DIE TORE DER WELT (2008). Neben seinem Interesse für Geschichte engagiert sich Ken Follett auch politisch; seine Frau Barbara gehörte mehrere Jahre als Labour-Abgeordnete dem britischen Unterhaus an. Außerdem spielt er Bassgitarre in der Bluesband Damn right I’ve got the Blues und setzt sich mit einer Stiftung für Leseförderung ein.

Ken Follett twittert unter:
http://twitter.com/KMFollett

Ken Follett bei Facebook:
https://www.facebook.com/KenFollettAuthor?ref=ts&fref=ts

Website des Autors:
http://www.ken-follett.com

Ken Follett

STURZ DER TITANEN

Die Jahrhundert-Saga

Roman

Übersetzung aus dem Englischen
von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Dem Andenken meiner Eltern
Martin und Veenie Follett.

PERSONENVERZEICHNIS

AMERIKANER

Familie Dewar

Senator Cameron Dewar

Ursula Dewar, seine Frau

Gus Dewar, ihr Sohn

Familie Vyalov (vormals Wjalow)

Joseph Vyalov, Geschäftsmann

Lena Vyalov, seine Frau

Olga Vyalov, ihre Tochter

Andere

Rosa Hellman, Reporterin

Chuck Dixon, Schulfreund von Gus

Marga, eine Nachtclubsängerin

Nick Forman, ein Dieb

Ilya, Schläger

Theo, Schläger

Norman Niall, verschlagener Buchhalter

Brian Hall, Gewerkschaftsführer

Historische Persönlichkeiten

Woodrow Wilson, 28. Präsident der Vereinigten Staaten

William Jennings Bryan, Außenminister

Joseph Daniels, Marineminister

DEUTSCHE UND ÖSTERREICHER

Familie von Ulrich

Otto von Ulrich, Diplomat

Susanne von Ulrich, seine Frau

Walter von Ulrich, ihr Sohn, Militärattaché der deutschen Botschaft in London

Greta von Ulrich, ihre Tochter

Graf Robert von Ulrich, Walters Cousin zweiten Grades, Militärattaché der österreichischen Botschaft in London

Andere

Gottfried von Kessel, Kulturattaché der deutschen Botschaft in London

Monika von der Helbard, Gretas beste Freundin

Historische Persönlichkeiten

Fürst Karl Lichnowsky, deutscher Botschafter in London

General der Infanterie Paul von Hindenburg

Generalmajor Erich Ludendorff

Theobald von Bethmann Hollweg, Reichskanzler

Arthur Zimmermann, Außenminister

ENGLÄNDER UND SCHOTTEN

Familie Fitzherbert

Earl Edward Fitzherbert, genannt Fitz

Fürstin Elizabeta, genannt Bea, seine Frau

Lady Maud Fitzherbert, seine Schwester

Lady Hermia, genannt Tante Herm, ihre verarmte Tante

Die Herzogin von Sussex, ihre reiche Tante

Gelert, Pyrenäenberghund

Grout, Fitz’ Butler

Sanderson, Mauds Zofe

Andere

Mildred Perkins, Ethels Mieterin

Bernie Leckwith, Sekretär der Unabhängigen Arbeiterpartei in Aldgate

Bing Westhampton, Fitz’ Freund

Marquess von Lowther, »Lowthie«, zurückgewiesener Freier von Maud

Albert Solman, Fitz’ Bevollmächtigter

Dr. Greenward, ehrenamtlicher Arzt in der Armenklinik

Lord »Johnny« Remarc, Staatssekretär im Kriegsministerium

Colonel Hervey, Adjutant von Sir John French

Mannie Litov, Fabrikbesitzer

Jock Reid, Schatzmeister der Unabhängigen Arbeiterpartei in Aldgate

Jayne McCulley, Soldatenfrau

Historische Persönlichkeiten

König George V.

Queen Mary

Mansfield Smith-Cumming, genannt »C«, Direktor des britischen Auslandsgeheimdienstes (des späteren MI6)

Sir Edward Grey, Außenminister

Sir William Tyrrell, Privatsekretär von Sir Edward Grey

Frances Stevenson, Geliebte von Lloyd George

Winston Churchill, liberaler Abgeordneter

H. H. Asquith, Premierminister

Field Marshal Sir John French, Oberbefehlshaber des britischen Expeditionskorps

FRANZOSEN

Gini, ein Barmädchen

Colonel Dupuys, Adjutant von Général Galliéni

Général Lourceau, Adjutant von Général Joffre

Historische Persönlichkeiten

Général Joffre, Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte

Général Galliéni, Militärgouverneur der Garnison von Paris

RUSSEN

Familie Peschkow

Grigori Peschkow, Metallarbeiter

Lew Peschkow, Stallbursche

Putilow-Werke

Konstantin, Industriedreher, Vorsitzender der bolschewistischen Diskussionsgruppe

Isaak, Kapitän der Werksfußballmannschaft

Warja, Arbeiterin, Konstantins Mutter

Sergej Kanin, Fertigungsleiter der Gießerei

Graf Malakowski, Direktor

Andere

Michail Pinsky, Reviervorsteher

Ilja Koslow, sein Handlanger

Nina, Zofe von Fürstin Bea

Fürst Andrej, Beas Bruder

Katherina, ein Bauernmädchen, neu in der Stadt

Mischka, Wirt

Trofim, ein Gangster

Fjodor, korrupter Polizist

Spirja, Passagier auf der Erzengel Gabriel

Jakow, Passagier auf der Erzengel Gabriel

Anton, Beamter in der russischen Botschaft in London und deutscher Spion

Sergeant Iwanow

Leutnant Tupolew

Historische Persönlichkeiten

Wladimir Iljitsch Lenin, Führer der bolschewistischen Partei

Lew Davidowitsch Trotzki

WALISER

Familie Williams

David Williams, Gewerkschafter, genannt »Dah«

Cara Williams, seine Frau, genannt »Mam«

Ethel Williams, ihre Tochter

Billy Williams, ihr Sohn

Gramper, Mams Vater

Familie Griffiths

Len Griffiths, Atheist und Marxist

Mrs. Griffiths

Tommy Griffiths, Lens Sohn und Billy Williams’ bester Freund

Familie Ponti

Mrs. Minnie Ponti

Giuseppe »Joey« Ponti

Giovanni »Johnny« Ponti, sein jüngerer Bruder

Bergleute

David Crampton, »Dai Crybaby«

Harry »Suet« Hewitt

John Jones the Shop

Dai Chops, Metzgerssohn

Pat Pope, Anschläger

Micky Pope, Pats Sohn

Dai Ponies, Pferdetreiber

Bert Morgan

Bergwerksleitung

Perceval Jones, Generaldirektor von Celtic Minerals

Maldwyn Morgan, Grubendirektor

Rhys Price, Steiger

Arthur »Spotty« Llewellyn, Sekretär

Dienerschaft in Ty Gwyn

Peel, Butler

Mrs. Jevons, Haushälterin

Morrison, Diener

Andere

Dai Schiss

Mrs. Dai Ponies

Mrs. Roley Hughes

Mrs. Hywel Jones

Private George Barrow, B-Kompanie

Private Robin Mortimer, degradierter Offizier, B-Kompanie

Private Owen Bevin, B-Kompanie

Sergeant Elijah »Prophet« Jones, B-Kompanie

Second Lieutenant James Carlton-Smith, B-Kompanie

Captain Gwyn Evans, A-Kompanie

Second Lieutenant Roland Morgan, B-Kompanie

Historische Persönlichkeiten

David Lloyd George, liberaler Parlamentsabgeordneter

PROLOG

Initiation

 

 

1 KAPITEL

22. Juni 1911

An dem Tag, als George V. in der Westminster Abbey den Thron bestieg, fuhr Billy Williams zum ersten Mal in die Grube von Aberowen ein.

Es war Billys dreizehnter Geburtstag.

Sein Vater weckte ihn mit einer eher zweckmäßigen als sanften Methode: Rhythmisch klatschte er den Handrücken gegen Billys Wange. Billy, aus dem Schlaf geholt, versuchte anfangs, die unsanfte Behandlung nicht zu beachten, doch Dah hörte einfach nicht damit auf. Billy wollte schon wütend werden, als ihm einfiel, dass er aufstehen musste, sogar wollte. Er öffnete die Augen und setzte sich auf.

»Vier Uhr«, sagte Dah und verschwand wieder. Seine Stiefel bollerten auf den hölzernen Stufen, als er die Treppe hinunterstieg.

Billys großer Tag war gekommen. Heute würde er in der Zeche von Aberowen sein Arbeitsleben als Grubenjunge beginnen, so wie vor ihm die meisten Männer in dem südwalisischen Ort, als sie in Billys Alter gekommen waren. Nur hätte Billy sich jetzt gerne ein bisschen mehr wie ein Bergmann gefühlt … Er musste an David Crampton denken, der an seinem ersten Tag in der Zeche geflennt hatte und den man seitdem »Crybaby« nannte, Heulsuse, obwohl er schon fünfundzwanzig war und die große Hoffnung der örtlichen Rugbymannschaft. Billy war entschlossen, sich nicht zum Gespött zu machen.

Gestern war Sommersonnenwende gewesen, und das Licht des frühen Morgens fiel durch das winzige Fenster. Billy blickte auf seinen Großvater, der im gleichen Bett neben ihm lag. Gramper hatte die Augen offen. Er sagte immer, alte Leute bräuchten nicht viel Schlaf. Wahrscheinlich war er deshalb immer wach, egal, wann Billy aufstand.

Billy stieg aus dem Bett. Er trug nur seine Unterhose. Bei kaltem Wetter behielt er zum Schlafen auch das Hemd an, doch es war ein warmer Frühsommer in diesem Jahr, und die Nächte waren mild.

Billy zog den Nachttopf unter dem Bett hervor, nahm den Deckel ab und zog seinen »Peter« aus der Hose, wie er ihn bei sich nannte, um zu pinkeln. Traurig betrachtete Billy das noch immer kindlich kleine Ding. Seine stille Hoffnung, sein Peter würde in der Nacht vor seinem Geburtstag wachsen oder dass da unten wenigstens irgendwo ein schwarzes Haar sprießte, wurde bitter enttäuscht. Neidvoll dachte Billy an seinen besten Freund, Tommy Griffiths, der auf den Tag genauso alt war wie er selbst. Tommy hatte schon dunklen Flaum auf der Oberlippe, seine Stimme wurde tiefer, und sein Peter sah aus wie der eines Mannes. Es war niederschmetternd.

Während Billy so in den Topf pinkelte, schaute er aus dem Fenster auf die Halde, ein schmutzig graues Massiv, gewachsen aus dem Abraum aus der Zeche, hauptsächlich Schiefer und Sandstein. So muss die Erde am zweiten Tag der Schöpfung ausgesehen haben, überlegte Billy, bevor Gott die Pflanzen erschaffen hatte, indem er sprach: »Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut.« Ein leichter Wind trieb feinen schwarzen Staub von der Halde zu den Häuserreihen.

Im Zimmer war noch weniger zu sehen als draußen. Es lag im hinteren Teil des Hauses, ein winziger Verschlag, gerade groß genug für ein Bett, eine Kommode und Grampers alte Kiste. An der Wand hing ein gestickter Spruch:

GLAUBE AN JESUS CHRISTUS
UNSEREN HERRN
UND DU SOLLST
ERRETTET WERDEN

Einen Spiegel gab es nicht.

Eine Tür führte zum Fuß der Treppe, eine weitere zu dem zweiten Schlafzimmer, das nach vorn rausging und nur durch Billys Kammer betreten werden konnte. Das andere Zimmer war größer und hatte Platz für zwei Betten, in denen Dah und Mam schliefen. Auch Billys Schwestern hatten in dem Zimmer geschlafen, aber das war lange her. Ethel, die Älteste, hatte das Haus verlassen, und die anderen drei waren gestorben: eine an den Masern, eine am Keuchhusten, eine an Diphtherie. Billy hatte auch einen älteren Bruder gehabt, Wesley, mit dem er in einem Bett geschlafen hatte, ehe Gramper zu ihnen gezogen war. Wesley war unter Tage von einem Hunt überrollt worden, einem der Förderwagen, in denen man die Kohle transportierte.

Billy streifte sich sein Hemd über, das gleiche, das er gestern noch zur Schule angehabt hatte. Heute war Donnerstag, und er wechselte sein Hemd nur sonntags. Doch Billys Hose war neu – seine erste lange Hose. Sie war aus Englischleder, einem dicken, Wasser abweisenden Baumwollstoff. Stolz streifte Billy die Hose über, verkörperte sie doch so etwas wie den Eintritt in die Welt der Männer. Der schwere Stoff fühlte sich derb und irgendwie männlich an. Billy schnallte sich den dicken Ledergürtel um, stieg in die Stiefel, die er von Wesley geerbt hatte, und ging nach unten.

Den größten Teil des Erdgeschosses nahm die Wohnküche in Beschlag – ein bescheidenes Zimmer, fünfzehn Fuß im Geviert. In der Mitte stand ein Tisch, an einer Wand war ein Kamin, und auf dem Steinfußboden lag ein selbst geknüpfter Teppich. Dah saß am Tisch, die Brille auf der langen, spitzen Nase, und las in einer alten Ausgabe der Daily Mail. Mam goss Tee auf. Als sie Billy erblickte, setzte sie den dampfenden Wasserkessel ab und küsste ihren Sohn auf die Stirn. »Und wie geht’s meinem kleinen Mann an seinem Geburtstag?«

Billy, leicht verärgert, antwortete nicht. Das »klein« verletzte ihn, denn er war klein, und das »Mann« war nicht weniger schmerzlich, weil er eben noch kein Mann war. Er schlurfte in die Küche an der Hinterseite des Hauses, tauchte eine Blechschüssel ins Wasserfass und wusch sich Hände und Gesicht; dann goss er das Wasser in den flachen Spülstein. Der Waschkessel über dem Feuerrost wurde nur benutzt, wenn am Samstagabend das Badewasser erhitzt wurde.

Aber bald sollten sie fließendes Wasser bekommen. Mehrere Bergmannshäuser, darunter das von Tommy Griffiths’ Familie, waren schon an die Leitung angeschlossen. Billy hatte Bauklötze gestaunt, als Tommy ihm gezeigt hatte, wie man eine Tasse kaltes klares Wasser bekam, indem er einfach nur am Hahn drehte, ohne dass man einen Eimer zum Standrohr auf der Straße tragen musste. Doch bis zur Wellington Row, wo die Williams wohnten, war das fließende Wasser noch nicht vorgedrungen.

Billy kehrte in die Stube zurück und setzte sich an den Tisch. Mam stellte ihm eine große Tasse Tee mit Milch hin, in den sie bereits Zucker eingerührt hatte. Dann schnitt sie Billy zwei dicke Scheiben selbst gebackenes Brot ab und holte Schmalz aus der Speisekammer unter der Treppe. Billy faltete die Hände, schloss die Augen und sagte: »Danke-o-Herr-für-diese-Speise-Amen.« Dann trank er einen Schluck Tee und strich dick Schmalz auf sein Brot.

Dahs hellblaue Augen blickten über den Rand der Zeitung. »Tu dir Salz drauf«, sagte er. »Unter Tage schwitzt du.«

Billys Vater war Funktionär der südwalisischen Bergarbeitergewerkschaft, der stärksten Gewerkschaft in Großbritannien, wie er bei jeder Gelegenheit hervorhob. Das hatte ihm den Namen »Dai Union« eingetragen, wobei Dai die Kurzform für David war – oder »Dafydd« auf Walisisch, ein beliebter Name in Wales, war der heilige David doch der Schutzpatron des Landes. Die vielen »Dais« unterschied man nicht an ihren Nachnamen – in der Stadt hießen fast alle Jones, Williams, Evans oder Morgan –, sondern anhand eines Spitznamens, wobei eine humorvolle Variante bevorzugt wurde. Billy zum Beispiel hieß William Williams, also nannten ihn alle »Billy Twice«, den »doppelten Billy«. Und Mam wurde »Mrs. Dai Union« genannt, da Frauen oft den Spitznamen ihres Mannes bekamen.

Gramper kam herunter, als Billy seine zweite Schnitte Brot aß. Trotz des warmen Wetters trug er Jacke und Weste. Nachdem er sich die Hände gewaschen hatte, setzte er sich Billy gegenüber an den Tisch. »Nun guck nicht so bang«, sagte er. »Ich war zehn, wie ich das erste Mal eingefahren bin. Mein Vater war noch jünger, erst fünf, und er musste von sechs am Morgen bis sieben am Abend schuften. Von Oktober bis März hat er kein Mal das Tageslicht gesehn.«

»Ich bin nicht bang«, widersprach Billy, obwohl ihm die Angst im Magen wühlte.

Aber Gramper, freundlich wie immer, ging nicht weiter darauf ein. Billy mochte Gramper sehr, denn er behandelte ihn wie einen erwachsenen Mann. Dah hingegen war streng und konnte ziemlich scharfzüngig sein, und Mam behandelte ihn wie ein Baby.

»Hört euch das mal an«, sagte Dah und löste den Blick von der Zeitung. Er hätte sich niemals eine Mail gekauft – in seinen Augen war sie ein konservatives Käseblatt –, doch wenn jemand ein Exemplar liegen gelassen hatte, brachte er es mit nach Hause und las dann mit verächtlicher Stimme daraus vor, voller Spott für die Dummheit und Unehrlichkeit der herrschenden Klasse. »›Lady Diana Manners, jüngere Tochter des Herzogs von Rutland, zog Unwillen auf sich, als sie auf zwei verschiedenen Bällen das gleiche Kleid trug. Für ihr Ensemble aus schulterfreiem Fischbeinstäbchenoberteil und Reifrock hatte Lady Diana auf dem Savoy Ball zweihundertfünfzig Guineas Preisgeld erhalten …‹« Dah senkte die Zeitung und sagte: »Dafür musst du fünf Jahre schuften, Billy-Boy.« Dann fuhr er fort: »›… was sie jedoch nicht daran hinderte, in demselben Gewand zum Empfang Lord Wintertons und F. E. Smiths im Hotel Claride zu erscheinen, worauf sie sich das Naserümpfen der Kenner zuzog. Man kann des Guten auch zu viel tun, sagten die Leute.‹« Wieder hob Dah den Blick. »Schlüpf bloß in ’n anderes Ensemble, Mam«, sagte er. »Oder willste dir das Naserümpfen der Kenner zuziehen?«

Mam fand das gar nicht komisch. Sie trug ein altes braunes Wollkleid mit Flicken auf den Ellbogen und fleckigen Achseln. »Ich weiß zwar nicht, was ’n Ongsombel ist, aber wenn ich zweihundertfünfzig Guineas hätte, würde ich besser aussehen als Lady Diana Dingsbums«, erwiderte sie nicht ohne Bitterkeit.

»Da hat se recht«, sagte Gramper. »Cara war immer schon die Hübscheste, genau wie ihre Mutter.« Gramper schaute Billy an. »Deine Großmutter war ’ne Italienerin, weißte. Maria Ferrone hat sie geheißen.« Das wusste Billy längst, aber Gramper erzählte gerne die alten Familiengeschichten, immer und immer wieder. »Von der ha’m deine Mam und deine Schwester ihre schwarzen Haare und die schönen dunklen Augen. Und deine Oma war das schönste Mädchen in ganz Cardiff, und ich hab sie gekriegt.« Plötzlich blickte er traurig drein. »Ach, war’n das Nächte!«, fügte er wehmütig hinzu.

Dah runzelte missbilligend die Stirn, schwangen in solchen Worten doch fleischliche Gelüste mit, aber Mam freute sich über die Komplimente und lächelte, als sie Gramper das Frühstück vorsetzte. »Ja«, sagte sie. »Ich und meine Schwester, wir hätten den feinen Pinkeln schon gezeigt, was ein schönes Mädchen ist, wenn wir Geld für Seide und Spitze gehabt hätten.«

Billy staunte. Er hätte seine Mutter nie als schön angesehen, musste aber einräumen, dass sie ganz nett aussah, wenn sie sich für das Gemeindetreffen am Samstagabend herausputzte, besonders mit Hut. Vielleicht war sie wirklich mal hübsch gewesen, doch irgendwie konnte Billy es sich schwer vorstellen.

»Und die Familie von deiner Oma, Billy-Boy, das waren alles kluge Leute«, fuhr Gramper fort. »Mein Schwager war Bergmann, weißte, bis er in Tenby ein Café eröffnet hat. Das is’ mal ’n Leben – immer frische Seeluft und den ganzen Tag nix anderes tun als Kaffee kochen und Geld zählen!«

Dah sagte: »Hört mal, was hier steht. ›Im Rahmen der Krönungsvorbereitungen hat der Buckingham Palace ein Anleitungsbuch von zweihundertzwölf Seiten Umfang herausgegeben.‹« Er blickte über den Zeitungsrand. »Sag das den Jungs unter Tage, Billy-Boy. Die werden erleichtert sein, dass unser Königshaus nichts dem Zufall überlässt.«

Billy interessierte sich nicht besonders für das Königshaus, eher schon für die Abenteuergeschichten, die ab und zu in der Mail standen, Geschichten über tapfere, Rugby spielende Eliteschüler, die hinterhältigen deutschen Spionen das schmutzige Handwerk legten. Glaubte man der Mail, wimmelte es in jeder britischen Stadt von deutschen Agenten. Nur um Aberowen schienen sie zu Billys Enttäuschung einen weiten Bogen zu machen.

Billy stand auf. »Ich geh mal die Straße runter«, verkündete er und verschwand durch die Vordertür. »Die Straße runtergehen« bedeutete, dass man zum öffentlichen Abort ging. Auf halber Höhe der Wellington Row stand über einem tiefen Erdloch ein niedriger Ziegelbau mit Wellblechdach. Der Bau war in zwei Hälften geteilt, eine für Männer, die andere für Frauen. Jede Hälfte hatte zwei Sitze, sodass man jeweils zu zweit aufs Klo ging. Niemand wusste, weshalb die Erbauer diese Anordnung gewählt hatten, aber alle machten das Beste daraus: Die Männer blickten stier nach vorn und hüllten sich in Schweigen, während die Frauen munter drauflos schwatzten. Der Gestank war pestilenzialisch, selbst dann noch, wenn man ihn sein Leben lang kannte. Wenn Billy auf dem Donnerbalken saß, versuchte er jedes Mal, so lange wie möglich den Atem anzuhalten; wenn er dann ins Freie kam, schnappte er nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Regelmäßig wurde die Jauche von einem Mann aus dem Loch geschaufelt, den man folgerichtig »Dai Schiss« nannte.

Als Billy wieder ins Haus kam, sah er zu seiner Freude seine Schwester Ethel am Tisch sitzen. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Billy!«, rief sie. »Ich musste einfach kommen und dir ’nen Kuss geben, ehe du einfährst.«

Ethel war achtzehn, und anders als bei Mam fiel es Billy überhaupt nicht schwer, sie als hübsch einzustufen. Ihre mahagonibraunen Locken ließen sich kaum bändigen, und in ihren dunklen Augen funkelte der Schalk. Vielleicht hatte Mam früher auch so ausgesehen. Ethel trug das schlichte schwarze Kleid und das weiße Baumwollhäubchen eines Hausmädchens, und es stand ihr gut.

Billy vergötterte Ethel. Sie war nicht nur hübsch, sie war auch lustig, klug und tapfer, und manchmal bot sie sogar Dah die Stirn. Sie erzählte Billy von Dingen, die ihm sonst niemand erklären wollte, zum Beispiel, dass Frauen jeden Monat ein paar Tage lang den »Fluch« hatten, wie Ethel es nannte, oder was die »öffentliche Unzucht« gewesen war, die den anglikanischen Pfarrer gezwungen hatte, fluchtartig die Stadt zu verlassen. In der Schule war Ethel immer die Klassenbeste gewesen; mit ihrem Aufsatz »Mein Heimatort« hatte sie bei einem Wettbewerb des South Wales Echo sogar den ersten Preis gewonnen: ein Exemplar von Cassells Weltatlas.

Sie küsste Billy auf die Wange. »Ich hab unserer Haushälterin gesagt, dass uns die Stiefelwichse ausgegangen ist und dass ich welche aus der Stadt hole.« Ethel wohnte und arbeitete auf Ty Gwyn, dem Herrenhaus von Earl Fitzherbert eine Meile den Hügel hinauf. »Hier.« Sie reichte Billy ein sauberes Tuch, in das etwas eingeschlagen war. »Ich hab ein Stück Kuchen für dich geklaut.«

»Oh, danke, Eth!«, rief Billy. Kuchen aß er für sein Leben gern.

Mam fragte: »Soll ich den Kuchen in deine Brotdose tun, Billy?«

»Ja, bitte, danke.«

Mam holte eine Blechdose aus dem Schrank und legte den Kuchen hinein. Dann schnitt sie noch zwei Brotscheiben ab, bestrich sie mit Schmalz, streute Salz darauf und legte sie zu dem Kuchen. Alle Bergleute hatten Brotdosen aus Blech. Hätten sie ihr Essen in ein Tuch eingehüllt mit unter Tage genommen, hätten die Mäuse es ihnen noch vor dem ersten »Buttern« – der ersten Pause – weggefressen.

»Wenn du deinen ersten Lohn nach Hause bringst«, sagte Mam, »kriegst du eine Scheibe gebratenen Speck aufs Brot.«

Viel würde Billy anfangs nicht verdienen, doch seine Familie konnte das Geld gut gebrauchen. Er fragte sich, wie viel Mam ihm als Taschengeld lassen würde und ob er jemals genug sparen könnte, um sich das Fahrrad zu kaufen, das er sich mehr wünschte als alles andere auf der Welt.

Ethel setzte sich wieder an den Tisch.

»Wie geht’s denn so zu im großen Haus?«, fragte Dah.

»Oooch, ganz ruhig«, antwortete Ethel. »Der Earl und die Fürstin fahren zur Krönung nach London!« Sie schaute zu der Uhr auf dem Kaminsims. »Sie müssen gleich aufstehen, damit sie früh genug in der Abbey sind. Na, das wird ihr gar nicht gefallen, weil sie immer lange im Bett liegt, aber beim König darf nicht einmal sie zu spät kommen.« Die Frau des Earls, Bea, war eine russische Fürstin und überaus vornehm.

»Sie wollen bestimmt vorne sitzen, damit sie den ganzen Zirkus sehen können, was?«

»Nein, nein, man kann sich nicht einfach hinsetzen, wo man will«, sagte Ethel. »Jeder hat einen eigenen Mahagonistuhl mit seinem Namen in Goldschrift hintendrauf. Für die Feier sind eigens sechstausend Stühle gemacht worden.«

»Na, datt nenn ich Verschwendung!«, rief Gramper. »Watt machen se denn nachher damit?«

»Weiß nicht. Vielleicht tut jeder seinen Stuhl als Andenken mit nach Hause nehmen.«

Dah meinte trocken: »Sag ihnen, wenn einer übrig bleibt, sollen sie ihn uns schicken. Wir sind nur fünf, und deine arme alte Mam muss stehen.«

Wenn Dah sich flapsig gab, steckte manchmal eine Stinkwut dahinter. Ethel sprang auf. »Oh, tut mir leid, Mam, ich hab nicht nachgedacht.«

»Bleib nur sitzen.« Mam winkte ab. »Ich hab sowieso keine Zeit.«

Die Uhr schlug fünf. »Am besten, du bist ein bisschen früher da, Billy-Boy«, sagte Dah. »Damit von vornherein alle wissen, dass du dabeibleiben willst.«

Billy erhob sich widerstrebend und nahm seine Brotdose.

Ethel küsste ihn noch einmal, und Gramper schüttelte ihm die Hand. Dah reichte ihm zwei rostige, verbogene Sechszollnägel. »Steck sie dir in die Hosentasche.«

»Wozu?«, fragte Billy.

»Tust schon sehen«, entgegnete Dah lächelnd.

Mam reichte Billy eine Literflasche aus Blech mit Schraubverschluss, in der kalter Tee mit Milch und Zucker war. »Vergiss nicht, dass der Herr Jesus immer bei dir ist, auch unten in der Grube.«

»Ja, Mam.«

Billy sah Tränen in ihren Augen und wandte sich rasch ab, weil auch ihm plötzlich zum Heulen zumute war. Er nahm seine Mütze vom Haken. »Bis dann«, sagte er so leichthin, als wollte er zur Schule, und ging zur Vordertür hinaus.

Der Frühsommer war bisher sonnig gewesen, doch heute war es bedeckt, und es sah nach Regen aus. Tommy lehnte an der Hauswand und wartete. »Aye, aye, Billy«, sagte er.

»Aye, aye, Tommy.«

Seite an Seite gingen die Jungen die Straße hinunter.

Aberowen, hatte Billy in der Schule gelernt, war früher ein Marktflecken für die Bauern der Umgegend gewesen. Vom höchsten Punkt der Wellington Row blickte man auf den alten Markt mit den offenen Pferchen für das Vieh, die Wollbörse und die anglikanische Kirche, die alle auf der gleichen Seite des Flusses Owen lagen, der eigentlich kaum mehr war als ein Bach. Jetzt durchschnitt ein Eisenbahngleis die Stadt wie eine hässliche Wunde und endete an den Tagesanlagen der Zeche. Die Häuser der Bergleute standen auf den Talhängen. Hunderte grauer Steinhäuschen mit Dächern aus dunklem walisischem Schiefer reihten sich in langen Serpentinen an den terrassenartig ansteigenden Hügeln. Kürzere Straßen querten die Häuserreihen und führten hinunter zur Talsohle.

»Was glaubste, bei wem du arbeiten tust?«, fragte Tommy.

Billy zuckte mit den Schultern. Die Neuen wurden einem Steiger zugeteilt. »Kann man nich’ wissen.«

»Ich hoffe, mich tun se in die Ställe.« Tommy mochte Pferde, und im Bergwerk gab es mehr als fünfzig Ponys. Sie zogen die kohlegefüllten Hunte über die Gleise. »Und was für ’ne Arbeit willst du machen?«

Billy hoffte, dass er in keine der »Knochenmühlen« kam, wie Dah es nannte. »Ich würde gerne Hunte schmieren.«

»Warum?«

»Ist nich’ so schwer, glaub ich.«

Sie gingen an der Schule vorbei, die sie gestern noch besucht hatten – ein viktorianisches Gebäude mit spitzen Fenstern wie in einer Kirche. Die Schule war von der Familie Fitzherbert errichtet worden, wie der Rektor die Schüler immerzu erinnerte. Der Earl ernannte die Lehrer und gab auch den Lehrplan vor. An den Wänden hingen Gemälde, die Szenen aus Englands glorreicher Vergangenheit zeigten, und jeder Schultag begann mit einer Religionsstunde, in der den Schülern die strenge anglikanische Doktrin eingebläut wurde, obwohl fast alle aus Freikirchler-Familien kamen. Die Schule hatte einen Verwaltungsausschuss, der aber gar nichts verwalten durfte, sondern nur beratende Funktion hatte. Dah, der dem Ausschuss angehörte, sagte immer, der Earl behandle die Schule wie sein persönliches Eigentum.

In ihrem letzten Jahr waren Billy und Tommy in den Grundlagen des Bergbaus unterrichtet worden, während die Mädchen das Nähen und Kochen lernen mussten. Zu seinem Erstaunen hatte Billy erfahren, dass der Boden unter ihren Füßen aus unterschiedlichen Erdschichten bestand, wie ein Berg gigantischer Butterbrote. Auch ein Kohlenflöz – ein Begriff, den Billy sein Leben lang gehört hatte, ohne ihn richtig zu verstehen – war eine solche Erdschicht. Die Kohle selbst, hatte Billy gelernt, bestand aus totem Laub und anderen Pflanzenresten, die sich in Tausenden von Jahren angesammelt hatten und vom Gewicht der Erde zusammengepresst worden waren. Für Tommys Vater, einen Atheisten, war dies der Beweis, dass die Bibel unrecht hatte, während Billys Dah sich auf den Standpunkt stellte, dies sei nur eine von vielen möglichen Erklärungen.

Die Schule war um diese Zeit noch leer, der Hof verlassen. Billy war stolz, die Schule hinter sich zu haben, hegte jetzt aber den heimlichen Wunsch, dorthin zurückzukönnen, statt in die Grube einzufahren.

Je näher sie den Tagesanlagen kamen, desto mehr Bergleute waren auf der Straße. Jeder hatte seine Brotdose und seine Teeflasche dabei, und alle trugen die gleichen alten Anzüge, die ausgezogen wurden, sobald die Kumpel vor Ort waren. In manchen Bergwerken herrschte unter Tage bittere Kälte; Aberowen jedoch war eine warme Kohlenmine, und die Männer arbeiteten in Unterwäsche und Schuhen oder in den kurzen Hosen aus grobem Leinen, die sie »Bannickers« nannten. Jeder trug die ganze Zeit eine gepolsterte Kappe, weil die Decken niedrig waren und man sich am »Hangenden« leicht den Kopf stoßen konnte.

Über die Häuser hinweg sah Billy die Hängebank am oberen Schachtende und die beiden großen Räder am Förderturm, die sich in entgegengesetzte Richtungen drehten und die Seile bewegten, an denen der Korb in die Tiefe gesenkt oder heraufgezogen wurde. Was die Kirchtürme in den Bauerndörfern, waren die Fördertürme in den Bergbaugemeinden der südwalisischen Täler.

Andere Gebäude scharten sich um die Tagesöffnung, wie achtlos dorthin geworfen: die Schachtkaue mit Lampenraum und Grubendirektion, die Schmiede und die Magazine. Schienen schlängelten sich zwischen den Bauten. Auf dem Schrottplatz lagen zerbrochene Hölzer, aufgerissene Futtersäcke, ausrangierte Förderwagen und verrostete Maschinenteile, alles von einer Schicht aus Kohlenstaub bedeckt. Dah sagte immer, es würde weniger Unfälle geben, wenn die Bergleute mehr Ordnung hielten.

Billy und Tommy betraten die Grubendirektion. Im Vorzimmer saß Arthur Llewellyn, ein Schreiber, der kaum älter war als die beiden Jungen. Wegen seines Pickelgesichts wurde er »Spotty« genannt. Kragen und Manschetten seines weißen Hemds waren schmutzig. Billy und Tommy wurden bereits erwartet. Spotty trug ihre Namen in ein Buch ein, ehe er sie ins Büro des Direktors führte, wo er sie mit den Worten ankündigte: »Der junge Tommy Griffiths und der junge Billy Williams, Mr. Morgan.«

Maldwyn Morgan war ein großer Mann in einem schwarzen Anzug. Kein Kohlenstaub verunzierte seine Manschetten; keine Bartstoppeln störten die Glätte seiner rosigen Wangen. Sein Ingenieursdiplom hing gerahmt an der Wand, und seine schwarze Melone – ein weiteres Abzeichen seines Standes – lag auf dem Kleiderständer neben der Tür.

Zu Billys Überraschung war Morgan nicht allein. Neben ihm stand eine noch beeindruckendere Gestalt: Perceval Jones, Generaldirektor von Celtic Minerals, dem Bergbauunternehmen, dem die Zeche in Aberowen und andere Minen gehörten. Jones war ein kleiner, reizbarer Mann, den die Bergleute »Napoleon« nannten, wenn sie unter sich waren. Er trug Morgenkleidung, einen schwarzen Frack, einen hohen Zylinderhut von gleicher Farbe und gestreifte graue Hosen.

Generaldirektor Jones musterte die Jungen voller Abscheu. »Griffiths«, spie er hervor. »Dein Vater ist ein Sozialist und Revolutionär.«

»Jawohl, Mr. Jones«, sagte Tommy.

»Und Atheist noch dazu.«

»Jawohl, Mr. Jones.«

Jones wandte sich Billy zu. »Und dein Erzeuger ist Gewerkschaftsfunktionär bei der South Wales Miners’ Foundation.«

»Jawohl, Mr. Jones.«

»Sozialisten hasse ich. Atheisten droht die ewige Verdammnis. Und Gewerkschafter sind die Schlimmsten von allen!«

Er starrte die Jungen drohend an, hatte aber keine Frage gestellt, also sagte Billy nichts.

»Ich will hier keine Unruhestifter!«, polterte Jones. »Im Rhondda-Tal wurde dreiundvierzig Wochen gestreikt, weil Rabauken wie eure Väter die Arbeiter aufgewiegelt haben.«

Billy wusste, dass der Streik im Rhondda-Tal keineswegs von Unruhestiftern, sondern von den Besitzern der Grube Ely bei Penygraig verursacht worden war, die ihre Arbeiter ausgesperrt hatten. Doch er hielt den Mund.

»Seid ihr ebenfalls Unruhestifter?« Generaldirektor Jones zeigte mit einem knochigen Finger auf Billy, worauf dieser zu zittern begann. »Hat dein Vater dir gesagt, du sollst auf deine Rechte pochen, wenn du für mich arbeitest?«

Billy versuchte nachzudenken, auch wenn es ihm schwerfiel, weil Jones ihn so finster anstarrte. Dann fiel ihm ein Ratschlag ein, den Dah ihm gestern Abend erteilt hatte: »Bitte, Sir, er hat zu mir gesagt: ›Sei nicht frech zu den Bossen, das ist mein Job.‹«

In Billys Rücken kicherte Spotty Llewellyn.

Generaldirektor Jones fand die Bemerkung gar nicht komisch. »Unverschämter Bengel! Am liebsten würde ich dich davonjagen, aber dann streikt mir noch das ganze Tal.«

Auf den Gedanken wäre Billy nie gekommen. War er so wichtig? Nein, das wohl nicht. Aber vielleicht würden die Bergleute tatsächlich dafür streiken, dass die Kinder ihrer Vertreter keine Nachteile erlitten. Es war erstaunlich: Da währte sein Arbeitsleben noch keine fünf Minuten, und schon schützte ihn die Gewerkschaft.

»Raus mit den beiden«, sagte Jones.

Morgan nickte. »Schaffen Sie die Bengel raus, Llewellyn«, sagte er zu Spotty. »Rhys Price soll sich um sie kümmern.«

Billy stöhnte innerlich auf. Rhys Price war einer der unbeliebten Steiger. Vor einem Jahr hatte er ein Auge auf Ethel geworfen, doch sie hatte ihn genauso abblitzen lassen wie die Hälfte aller Junggesellen in Aberowen. Price allerdings hatte diese Abfuhr gar nicht gut aufgenommen.

Spotty machte eine Kopfbewegung. »Raus«, sagte er. »Wartet draußen auf Mr. Price.«

Billy und Tommy verließen das Gebäude und lehnten sich neben der Tür an die Wand. »Napoleon ist ein kapitalistischer Hundesohn«, schimpfte Tommy. »Ich würde ihn gern in den Arsch treten.«

»Ich auch«, sagte Billy, dem so etwas noch nie in den Sinn gekommen war.

Kurz darauf erschien Rhys Price. Wie alle Steiger trug er einen flachen runden Filzhut, den man »Billycock« nannte und der teurer war als eine Bergmannskappe, aber billiger als eine Melone. In den Taschen seiner Weste steckten ein Notizbuch und ein Bleistift; außerdem hatte er einen Messstab dabei. Auf seinen Wangen sprossen dunkle Bartstoppeln, und zwischen seinen Schneidezähnen klaffte eine Lücke. Billy wusste, dass dieser Mann hinterhältig und gerissen war.

»Guten Morgen, Mr. Price«, sagte er.

Price musterte ihn argwöhnisch. »Wie kommst du dazu, mir einen Guten Morgen zu wünschen, Billy Twice?«

»Mr. Morgan sagt, wir sollen mit Ihnen einfahren.«

»Ach ja? Sagt er das?« Price hatte die Gewohnheit, ständig Blicke nach links und rechts zu werfen, manchmal auch über die Schulter, als rechnete er ständig mit Ärger aus irgendeiner unerwarteten Richtung. »Na, das werden wir noch sehen.« Er blickte zum Seilscheibengerüst hinauf, als suchte er dort nach einer Erklärung. »Ich hab keine Zeit, Kindermädchen zu spielen.« Damit verschwand er im Direktionsgebäude.

»Hoffentlich nimmt uns jemand anders mit unter Tage«, sagte Billy. »Mr. Price hasst meine Familie, weil meine Schwester nicht mit ihm gehen wollte.«

»Deine Schwester glaubt, sie ist zu gut für die Männer von Aberowen«, erwiderte Tommy; offensichtlich wiederholte er etwas, das er anderswo gehört hatte.

»Ist sie ja auch«, entgegnete Billy unbeirrt.

Price kam aus dem Gebäude. »Los, hier lang«, sagte er und gab einen raschen Schritt vor.

Die Jungen folgten ihm in die Lampenstube. Der Lampenmann reichte Billy eine Sicherheitslampe aus funkelndem Messing, und Billy hakte sie sich an den Gürtel, so wie alle Bergleute. Er hatte in der Schule gelernt, wie wichtig die Grubenlampen waren: Zu den größten Gefahren unter Tage gehörte Methan, ein entzündliches Gas, das den Flözen entströmte. Die Kumpel nannten es »schlagendes Wetter«; es war die Ursache für die verheerenden Explosionen unter Tage. Besonders die walisischen Zechen waren wegen ihrer schlagenden Wetter gefürchtet. Die Sicherheitslampe war so konstruiert, dass das Grubengas sich nicht an der Flamme entzünden konnte. Stattdessen veränderte die Flamme ihre Gestalt, wenn sie mit Methan in Berührung kam: Sie wurde länger, sodass der Bergmann gewarnt war, denn schlagende Wetter waren geruchlos.

Wenn die Lampe erlosch, konnte der Kumpel sie nicht selbst wieder anzünden, zumal es streng verboten war, Streichhölzer mit unter Tage zu nehmen. Außerdem ließ die Lampe sich nur mit einem speziellen Werkzeug öffnen, sodass der Bergmann mit einer erloschenen Lampe zur Lampenkammer musste, die sich meist am Füllort beim Schacht befand. Das konnte einen Marsch von einer Meile und mehr bedeuten, aber das war es wert, wenn dadurch eine Schlagwetterexplosion verhindert werden konnte.

Nachdem die Kumpel sich ihre Lampen geholt hatten, standen sie zur Seilfahrt an. Neben der Warteschlange hing eine Anschlagtafel, an der Ankündigungen der Sportvereine, des Männerchors von Aberowen und der Freien Bibliothek hingen, in der ein Vortrag über Karl Marx’ Theorie des Historischen Materialismus gehalten werden sollte. Daneben hingen handgeschriebene Zettel der Hauer, auf denen es um verlorene persönliche Gegenstände und Ähnliches ging. Steiger brauchten nicht in der Schlange zu warten, und so drängte Price sich nach vorn, die beiden Jungen im Schlepptau.

Wie die meisten Zechen hatte Aberowen zwei Schächte. Ein Lüfter presste die Luft in den einen Schacht, während der zweite Schacht das »Wetter« – also die Luft und sämtliche Gase in der Grube – aus dem anderen heraussaugte. Oft trugen die Schächte eigenwillige Namen; in Aberowen hießen sie »Pyramus« und »Thisbe«. Als Price die Jungen zum Pyramus führte, wehte Billy die warme Luft entgegen, die aus der Grube hinaufgeblasen wurde.

Im Jahr zuvor war es Billy und Tommy gelungen, einen Blick in die unergründlichen Tiefen des Schachts zu werfen. Am Ostermontag, als niemand arbeitete, hatten sie sich am Wachmann vorbeigeschlichen, waren über die Brache zu den Tagesbauten geflitzt und über den Absperrzaun geklettert. Die Schachtöffnung war nicht vollständig von der Kaue abgedeckt, und so legten die Jungen sich auf den Bauch und spähten über den Rand der Grube in die Tiefe, starrten gebannt in das grauenhafte Loch. Billy drehte sich der Magen um. Die Schwärze erschien unendlich. Bei dem Gedanken, dass er irgendwann hier würde einfahren müssen, packte ihn eisiges Entsetzen. Er warf einen Stein in den Schacht; dann lauschte er den Geräuschen, als der Stein von der hölzernen Führung für den Korb und der Backsteinauskleidung des Schachts abprallte, während er in die Tiefe sauste. Es schien unendlich lange zu dauern, bis das leise, ferne Platschen zu vernehmen war, als der Stein in das Wasser des Grubensumpfs fiel.

Jetzt, mehr als ein Jahr später, sollte Billy den gleichen Weg nehmen wie der Stein. Bei diesem Gedanken wurde ihm mulmig, doch er durfte sich seine Angst nicht anmerken lassen. Sei ein Mann!, ermahnte er sich, auch wenn er sich ganz und gar nicht so fühlte. Doch sich zu blamieren wäre das Schlimmste gewesen. Das machte ihm noch mehr Angst als der Tod.

Nun konnte Billy das Schiebegatter sehen, das den Schacht verschloss. Darunter war gähnende Leere, denn der Korb war auf dem Weg nach oben. Auf der anderen Seite sah er die Fördermaschine, von der die großen Seilscheiben angetrieben wurden. Zischend schoss Dampf aus dem ratternden, schnaufenden Ungetüm; in den Laufrinnen ächzten die Stahlseile, und die Luft roch nach heißem Öl.

Begleitet von lautem Rasseln und Klirren erschien der leere Korb hinter dem Gatter. Der Einweiser, der den Korb beaufsichtigte, schob die Absperrung beiseite. Rhys Price stieg in den leeren Korb; die beiden Jungen folgten ihm. Dann stiegen noch dreizehn Bergleute zu, denn der Korb konnte sechzehn Mann befördern. Der Einweiser knallte das Gatter zu.

Nichts geschah. Billy fühlte sich mit einem Mal schrecklich verletzlich. Auch wenn der Korb an einem Stahlseil hing, war es nicht vollkommen sicher: Jeder wusste, dass 1902 das Förderseil von Tirpentwys gerissen war, worauf der Korb in den Grubensumpf stürzte. Acht Männer waren dabei unter dem Berg geblieben.

Billy nickte dem Schlepper neben sich zu, Harry »Suet« Hewitt, ein Junge mit einem Gesicht wie aus Pudding, nur drei Jahre älter als Billy, aber einen Fuß größer. Harry hatte es nie über die dritte Klasse – die Zehnjährigen – hinaus geschafft; er war so oft sitzen geblieben, bis er alt genug war, im Bergwerk anzufangen.

Eine Glocke klingelte zum Zeichen, dass der Anschläger am Schachtende sein Gatter geschlossen hatte. Der Einweiser zog einen Hebel, und eine andere Klingel war zu hören. Die Fördermaschine zischte laut; dann gab es einen heftigen Schlag.

Der Korb stürzte ins Leere.

Billy schrie entsetzt auf, als seine Füße sich vom Boden hoben.

Die Kumpel lachten grölend. Sie wussten, dass es Billys erste Grubenfahrt war, und hatten auf genau diese Reaktion gewartet. Zu spät bemerkte Billy, dass alle anderen sich an den Stangen des Korbs festhielten, doch es minderte seine Angst kein bisschen. Er biss die Zähne zusammen, um nicht weiterzuschreien, während es in rasender Fahrt in die Tiefe ging.

Endlich griff die Bremse, und die Geschwindigkeit des Falles verringerte sich. Billy kam sich mit einem Mal doppelt so schwer vor; seine Füße wurden auf den Boden des Korbs gepresst. Er klammerte sich an einer Stange fest und versuchte, sein Zittern zu unterdrücken, während Scham und Wut seine Furcht verdrängten. Er musste kräftig schlucken, um die Tränen zurückzuhalten, wobei er Suet ins grinsende Pfannkuchengesicht blickte. »Mach deine große Klappe zu, Hewitt, du Spatzenhirn!«, rief Billy, um den Höllenlärm zu übertönen.

Suets Miene schlug augenblicklich um. Er funkelte Billy wütend an, doch die anderen Männer lachten nur umso lauter. Billy bekam Gewissensbisse und beschloss, sich bei Jesus zu entschuldigen, weil er ein schlimmes Wort benutzt hatte. Aber wenigstens kam er sich nicht mehr ganz so erbärmlich vor.

Er schaute Tommy an, dessen Gesicht kreidebleich war. Hatte Tommy ebenfalls geschrien? Billy hatte Angst, ihn danach zu fragen; schließlich konnte die Antwort Nein lauten.

Dann endlich hielt der Korb, das Gatter wurde aufgerissen, und die beiden Jungen traten mit weichen Knien in den Füllort.

Es war düster. Die Grubenlampen spendeten noch weniger Licht als die Paraffinwandleuchten zu Hause. In der Grube war es finster wie in einer mondlosen Nacht. Vielleicht muss man nicht gut sehen können, um Kohle zu hauen, überlegte Billy und platschte durch eine Pfütze. Als er auf den Boden schaute, sah er überall Lachen aus Wasser und Schlamm, in denen sich schimmernd das schwache Lampenlicht spiegelte. Er hatte einen seltsamen Geschmack im Mund, denn in der Luft hing schwer der Kohlenstaub. Konnten Menschen den ganzen Tag so schlechte Luft atmen, ein so »mattes Wetter«? Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass Bergleute ständig husteten und ausspuckten.

Vier Männer warteten darauf, in den Korb steigen und ausfahren zu können. Jeder trug einen Lederkasten, und Billy begriff, dass es Wettermänner waren. Jeden Morgen, ehe die Bergleute mit der Arbeit anfingen, prüften die Wettermänner die Stollen auf Grubengas. War zu viel Methan in der Luft, befahlen sie den Hauern, mit dem Kohlemachen zu warten, bis die Bewetterung das Gas abgeführt hatte.

In der Nähe sah Billy eine Reihe kleiner Ställe für die Ponys und eine offene Tür zu einem hell erleuchteten Raum mit einem abgewetzten Sekretär, offenbar eine Schreibstube für die Steiger. Die Hauer verteilten sich inzwischen auf die vier Gänge, die von der Sohle wegführten. Die Gänge unter Tage nannte man »Strecken«; sie führten zu den »Örtern«, wo die Kohle gehauen wurde.

Price ging mit Billy und Tommy zu einem Verschlag und öffnete ein Vorhängeschloss. In dem Verschlag lagerte Werkzeug. Er wählte zwei Schaufeln aus, reichte sie den Jungen und schloss wieder ab.

Sie gingen zu den Ställen. Ein Mann, der nur kurze Hosen und Schuhe trug, schaufelte schmutziges Stroh aus einem der Ställe in einen Förderwagen. Schweiß rann ihm den muskelbepackten Rücken hinunter. Price fragte ihn: »Brauchst du einen Jungen, der dir zur Hand geht?«

Der Mann drehte sich um, und Billy erkannte Dai Ponies, einen Ältesten der Bethesda-Kapelle. Dai ließ sich nicht anmerken, ob er Billy erkannte. »Den Kleinen will ich nicht«, sagte er.

»In Ordnung«, sagte Price. »Der andere ist Tommy Griffiths. Er gehört dir.«

Tommy blickte zufrieden drein. Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen: Er durfte in den Ställen arbeiten, selbst wenn er nur ausmistete.

»Komm mit, Billy Twice.« Price stapfte in einen Stollen hinein.

Billy schulterte seine Schaufel und folgte dem Steiger. Jetzt, wo Tommy nicht mehr bei ihm war, wurde er unsicher. Wäre er doch zusammen mit seinem Freund zum Ausmisten eingeteilt worden! »Was soll ich denn tun, Mr. Price?«, fragte er.

»Kannst du’s dir nicht denken?«, entgegnete Price. »Was meinst du, wofür ich dir die verdammte Schaufel gegeben habe?«

Billy war entsetzt, wie beiläufig Price das schlimme Wort benutzte. Außerdem hatte er immer noch keine Ahnung, was er arbeiten sollte. Aber er stellte keine Fragen mehr.

Die Strecke hatte einen runden Querschnitt; das Hangende wurde von gebogenen Stahlträgern gestützt. Eine zweizöllige Rohrleitung, die Wasser führte, verlief unter der Decke. Sie diente dazu, die Strecke in der Nacht zu berieseln, um den Kohlenstaub zu binden, der nicht nur für die menschliche Lunge ungesund war – wäre es bloß das gewesen, hätte Celtic Minerals die Sache wohl gar nicht gekümmert –, sondern auch eine Brandgefahr darstellte. Allerdings war die Berieselung unzureichend. Dah hatte sechszöllige Rohre gefordert, doch Generaldirektor Jones hatte sich geweigert, das nötige Geld zu bewilligen.

Nach ungefähr einer Viertelmeile bogen sie in eine leicht abfallende Strecke ein. Es war eine Richtstrecke, die dem Flöz folgte. Sie war kleiner und älter als die Hauptstrecke, denn hier gab es Stützhölzer statt Stahlträger. Price musste den Kopf einziehen, wenn das Hangende zu tief kam. In Abständen von ungefähr dreißig Yards kamen sie an Eingängen zu Örtern vorbei, wo die Hauer bereits Kohle machten.

Plötzlich hörte Billy ein Rumpeln. Price rief: »Schnell, ins Mannloch!«

»Was?« Verwirrt ließ Billy den Blick über den Boden schweifen. Mannlöcher gab es im Straßenpflaster, aber hier sah er nichts außer den Schienen, auf denen die Förderwagen fuhren. Als er den Blick wieder hob, hielt ein Grubenpferd auf ihn zu. Es kam rasch die Steigung hinunter, einen Zug Hunte im Schlepp.

»Ins Mannloch!«, brüllte Price.

Noch immer begriff Billy nicht, was los war, doch er sah, dass der Stollen kaum breiter war als die Wagen, sodass der Zug ihn zerquetschen würde.

Billy ließ die Schaufel fallen, drehte sich um und rannte den Weg zurück, den er gekommen war. Er versuchte, Vorsprung vor dem Grubenpferd zu gewinnen, aber das Tier bewegte sich überraschend schnell. Endlich entdeckte Billy eine in die Wand gehauene deckenhohe Nische, wie er sie ungefähr alle fünfundzwanzig Yards gesehen hatte, ohne darauf zu achten. Price musste diese Nischen gemeint haben, als er von Mannlöchern gesprochen hatte. Billy warf sich hinein, und der Zug ratterte an ihm vorbei.

Als die Gefahr vorüber war, kam Billy schwer atmend wieder zum Vorschein.

Price stapfte auf ihn zu. Er gab sich wütend, doch die Erleichterung war ihm anzumerken. »Du musst besser aufpassen, Junge!«, schimpfte er. »Sonst kommst du hier unter den Berg, genau wie dein Bruder.«

Billy nickte bloß und hob die Schaufel auf. Sie war unbeschädigt.

»Dein Glück«, sagte Price. »Hätte der Hunt sie kaputt gemacht, hättest du sie bezahlen müssen.«

Sie gingen weiter und gelangten in einen »Alten Mann«, einen erschöpften Abschnitt, in dem niemand mehr arbeitete. Am Boden stand nur wenig Wasser, doch er war von einer dicken Schicht nassem, schwerem Kohlenschlamm bedeckt. Billy und der Steiger nahmen mehrere Abzweigungen, sodass Billy bald die Orientierung verlor.

Schließlich gelangten sie an eine Stelle, an der die Strecke von einem rostigen alten Förderwagen versperrt wurde. »Hier muss sauber gemacht werden«, sagte Price, aber Billy hatte das seltsame Gefühl, dass der Steiger log. »Du wirst den Schlamm in den Hunt schaufeln.«

Billy sah sich um. Die Schlammschicht war einen Fuß dick und bedeckte den Boden, so weit das Licht seiner Lampe reichte. Wahrscheinlich sah es im ganzen Alten Mann so aus. Hier konnte er eine Woche schaufeln, ohne viel auszurichten. Wozu auch? Der Abschnitt war aufgegeben. Doch Billy stellte keine Fragen. Vielleicht war es eine Art Prüfung.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte Price. »Dann werde ich sehen, wie du vorankommst.« Er ging den Weg zurück, den sie gekommen waren. Billy war allein.

Mit einer solchen Aufgabe hatte er nicht gerechnet. Er war sicher gewesen, für die Hauer und Schlepper arbeiten zu müssen, damit er von ihnen lernen konnte. Aber er musste tun, was man ihm sagte.

Billy hakte die Lampe von seinem Gürtel und hielt nach einer Stelle Ausschau, wo er sie aufstellen konnte. Aber überall lag Kohlenschlamm, und auf dem Boden war die Lampe nutzlos; dann reichte ihr Licht nicht weit genug. Plötzlich fielen ihm die Nägel ein, die Dah ihm gegeben hatte. Dafür also waren sie gedacht. Billy nahm einen Nagel aus der Tasche, schlug ihn mit dem Schaufelblatt in ein Stützholz und hängte die Lampe daran.

Schon besser.

Einem erwachsenen Mann reichte der Förderwagen bis zur Brust, doch Billy reichte er bis zur Schulter. Als er sich an die Arbeit machte, rutschte immer wieder die Hälfte des Kohlenschlamms vom Schaufelblatt, ehe Billy ihn über die Seitenkante des Förderwagens werfen konnte. Erst als er das Blatt leicht drehte, ging es besser. Nach wenigen Minuten war er schweißgebadet. Jetzt wusste er, wofür der zweite Nagel gedacht war. Er trieb ihn in ein anderes Holz und hängte sein Hemd und die Hose daran auf.

Unvermittelt hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Und tatsächlich erblickte er aus dem Augenwinkel eine dunkle Gestalt, die reglos wie eine Statue dastand. »O Gott!«, rief er erschrocken und fuhr herum.

Price trat aus dem Schatten auf ihn zu. »Ich hab vergessen, deine Lampe zu prüfen«, sagte er, nahm Billys Grubenlampe vom Nagel und hantierte damit herum. »Deine Lampe taugt nichts«, sagte er. »Ich lass dir meine hier. Na los, mach weiter!« Er hängte die andere Lampe an den Nagel und verschwand wieder.

So schroff und seltsam Price auch war – immerhin schien er um Billys Sicherheit besorgt zu sein.

Billy machte sich wieder an die Arbeit. Es dauerte nicht lange, und seine Arme und Beine schmerzten. Zwar war er das Schaufeln gewöhnt, denn Dah hielt hinter dem Haus ein Schwein, und einmal die Woche musste Billy den Stall ausmisten, aber das war in einer Viertelstunde erledigt. Hier, unter Tage, sollte er eine volle Schicht lang schuften, und er war jetzt schon erschöpft.

Unter dem Kohlenschlamm war der Boden steinhart, was die Arbeit zusätzlich erschwerte. Billy versuchte, den Hunt ein Stück vorzuziehen, damit er nicht jedes Mal mit der vollen, schweren Schaufel dorthin laufen musste, doch die Räder waren rostig und hatten sich festgefressen.

Billy besaß keine Uhr, und es ließ sich nur schwer sagen, wie viel Zeit verstrichen war. Er beschloss, seine Kräfte einzuteilen, und arbeitete langsamer.

Plötzlich flackerte das Licht. Billy blickte besorgt auf seine Grubenlampe, ob die Flamme länger geworden war, was ein Anzeichen für Grubengas gewesen wäre. Zu seiner Erleichterung war das nicht der Fall.

Dann erlosch die Flamme.

Billy erstarrte. Eine solch undurchdringliche Finsternis hatte er noch nie erlebt. Er sah nichts – keine Schemen, keine Schatten. Er hielt sich die Schaufel vors Gesicht und konnte spüren, dass sie nur einen Zoll von seiner Nase entfernt war, aber sehen konnte er sie nicht. So musste es sein, wenn man blind war.

Furcht erfasste Billy. Was sollte er tun? Eigentlich musste er die Lampe zur Lampenkammer bringen, aber selbst wenn er etwas hätte sehen können – er hätte den Rückweg nie gefunden. In dieser Finsternis konnte er stundenlang umherirren. Er hatte keine Ahnung, wie weit die aufgegebene Strecke sich hinzog. Aber er wollte auch nicht, dass man einen Suchtrupp nach ihm ausschicken musste.

Was sollte er nur tun?

Mit einem Mal kam Billy ein Verdacht. Schon als Price ihm den Auftrag erteilt hatte, den Schlamm wegzuschaufeln, hatte er gemerkt, dass etwas faul war. Wahrscheinlich hatte Price die ganze Sache geplant. Eine Grubenlampe konnte nicht ausgeblasen werden, und hier regte sich ohnehin kein Lüftchen. Für Billy gab es nur eine Erklärung: Price hatte ihm eine Lampe untergeschoben, in der kaum noch Öl war.

Selbstmitleid überkam Billy. Tränen traten ihm in die Augen. Dann riss er sich zusammen. Das hier war eine Prüfung, genau wie die Fahrt im Korb. Na, er würde ihnen schon zeigen, dass er zäh genug für die Grube war!

Billy beschloss, im Dunkeln weiterzuarbeiten. Zum ersten Mal, seit das Licht erloschen war, bewegte er sich, setzte die Schaufel am Boden an und schob sie vor. Als er sie hob, glaubte er am Gewicht zu erkennen, dass eine Ladung Schlamm auf dem Blatt lag. Er drehte sich um, machte zwei Schritte, hob die Schaufel und versuchte, den Schlamm in den Förderwagen zu werfen, verschätzte sich aber in der Höhe. Die Schaufel prallte gegen den Förderwagen, und der Schlamm klatschte zu Boden.

Billy versuchte es noch einmal, hob die Schaufel diesmal höher, kippte das Blatt leicht, ließ die Schaufel sinken und hörte, wie der Holzstiel gegen die Kante des Förderwagens schlug. Schon besser. Um sich die Orientierung zu erleichtern, zählte Billy jedes Mal seine Schritte, wenn er sich vom Hunt entfernte. Bald fand Billy in einen Rhythmus. Die Eintönigkeit der Arbeit ließ seine Gedanken abschweifen. Schaudernd dachte er an die gewaltige Erdmasse über seinem Kopf, mehr als eine halbe Meile dick, und an das ungeheure Gewicht, das die alten Stützhölzer tragen mussten. Er dachte an seinen Bruder Wesley und die vielen anderen Männer, die in dieser Zeche unter den Berg gekommen waren. Ob ihre Geister hier unten umgingen? Nein, bestimmt nicht. Wesley war im Himmel, und die anderen vielleicht auch, jedenfalls die Frommen und Gottesfürchtigen.

Erst jetzt merkte Billy, dass er hungrig war. Indem er sich am Förderwagen orientierte, bewegte er sich zu dem Stützbalken, an dem er seine Kleider aufgehängt hatte, tastete darunter am Boden und fand seine Flasche und die Brotdose. Er setzte sich mit dem Rücken an die Wand und nahm einen großen Schluck kalten, gesüßten Tee. Als er von seinem Schmalzbrot abbiss, hörte er ein leises Fiepen, das ihm nur zu vertraut war.

Ratten.

Angst hatte Billy nicht. In den Gräben, die jede Straße in Aberowen säumten, gab es mehr als genug Ratten. Doch im Dunkeln schienen sie mutiger zu sein, denn im nächsten Moment huschte eine über Billys nackte Beine. Er nahm das Schmalzbrot in die linke Hand, packte die Schaufel und schlug zu. Aber damit erschreckte er das Tier nicht einmal, denn wieder spürte er die kleinen Krallen auf der Haut. Diesmal versuchten gleich mehrere Ratten, an seinen Armen hinaufzuhuschen. Offensichtlich rochen die Biester das Essen. Das Fiepen wurde lauter. Billy fragte sich, wie viele Ratten sich hier unten wohl herumtrieben.

Er stand auf, stopfte sich den letzten Rest Brot in den Mund, spülte mit einem Schluck Tee nach und aß den Kuchen, der köstlich nach Dörrobst und Mandeln schmeckte, doch die Ratten huschten noch immer um seine Füße herum, sodass Billy es vorzog, den Kuchen hinunterzuschlingen, ehe er ihm streitig gemacht werden konnte.

Die Ratten schienen endlich einzusehen, dass es hier nichts zu holen gab, denn das Fiepen wurde allmählich leiser und verstummte schließlich.

Mit frischer Kraft machte Billy sich wieder an die Arbeit. Doch der Rücken tat ihm weh, und seine Arme waren müde, sodass er langsamer machte und immer wieder Pausen einlegte. Wie spät mochte es sein? Vielleicht war schon Mittag. Und bei Schichtende würde bestimmt jemand kommen, um ihn zu holen, denn der Lampenmann zählte nach; deshalb wusste man immer, wenn ein Kumpel nicht zurückgekommen war.

Mit einem Mal kam Billy ein beängstigender Gedanke. Wollte Price ihn über Nacht hier unten allein lassen? Hatte er deshalb die Lampen vertauscht?

Nein, bestimmt nicht. Dah würde Wirbel machen. Und die Bosse hatten Angst vor ihm; das hatte Generaldirektor Jones mehr oder weniger zugegeben.

Als Billy wieder hungrig wurde, war er sicher, dass viele Stunden verstrichen sein mussten. Erneut beschlich ihn Angst, und diesmal gelang es ihm nicht, sie abzuschütteln. Es war vor allem die Dunkelheit, die ihm zu schaffen machte. Das Warten hätte er ertragen können, doch die undurchdringliche Schwärze wurde immer furchterregender. Billy hatte kein Gefühl mehr für die Richtung. Jedes Mal, wenn er sich vom Hunt entfernte, hatte er Angst, nicht mehr zurückzufinden. Er hatte alle Mühe, nicht loszuplärren wie ein kleines Kind.

Als die Verzweiflung beinahe übermächtig wurde, fiel ihm ein, was Mam zu ihm gesagt hatte: dass der Herr Jesus immer bei ihm sei, auch in der Grube. Mam hatte sicher recht: Jesus war überall, also war er auch hier unten in der Finsternis. Jesus war bei ihm und gab auf ihn acht.

Vor Dankbarkeit – vielleicht auch, um sich Mut zu machen – stimmte Billy ein Kirchenlied an. Zwar mochte er seine Stimme nicht, denn sie klang ihm noch zu hoch, aber hier konnte ihn niemand hören, und er sang aus vollem Hals. Als er alle Strophen gesungen hatte und das Angstgefühl sich wieder meldete, stellte er sich vor, dass Jesus auf der anderen Seite vom Förderwagen stand, einen Ausdruck von Milde und Mitgefühl im ernsten, bärtigen Gesicht, und sofort ging es ihm besser.

Billy kannte jede Menge Kirchenlieder. Seit er alt genug geworden war, um still zu sitzen, ging er jeden Sonntag dreimal in die Bethesda-Kapelle. Gesangbücher waren teuer, und nicht alle Gemeindemitglieder konnten lesen; deshalb lernten alle die Texte auswendig.

Und so sang Billy nun einen Choral nach dem anderen und schaufelte den Kohlenschlamm im Takt der Melodie. Die meisten Lieder endeten mit einem Schwung der Schaufel. Sobald die Angst, man könnte ihn vergessen haben, sich zurückmeldete, dachte Billy an die Gestalt im Umhang, die mild lächelnd in der Dunkelheit neben ihm stand.

Billy schätzte, dass eine Stunde vergangen war, als er zwölf Choräle gesungen hatte. Die Schicht musste jetzt doch zu Ende sein? Aber nichts tat sich, und mit wachsender Verzweiflung sang Billy die frommen Lieder noch einmal von vorn.

Er schmetterte gerade aus vollem Halse »Er ist erstanden aus dem Grab«, als er ein einsames Licht erblickte, das in der Dunkelheit auf und ab tanzte und bald heller wurde. Gespannt und ein wenig ängstlich stützte Billy sich auf seine Schaufel und blickte zu dem trüben Licht. Und dann schälte Rhys Price sich aus der Dunkelheit, die Lampe am Gürtel. Er musterte Billy mit seltsamer Miene, während das flackernde Lampenlicht auf seinem Gesicht spielte.

Billy ließ sich nicht anmerken, wie erleichtert er war, schon gar nicht Price gegenüber. Wortlos zog er Hemd und Hose an, nahm die erloschene Lampe vom Nagel und hängte sie sich an den Gürtel.

Price fragte: »Was ist mit deiner Lampe?«

»Sie wissen genau, was mit meiner Lampe ist«, entgegnete Billy, und seine Stimme klang so erwachsen wie noch nie.

Price drehte sich um und machte sich auf den Rückweg.

Ehe Billy ihm folgte, schaute er noch einmal zurück und riss die Augen auf, als er auf der anderen Seite des Förderwagens ein bärtiges Gesicht und einen hellen Umhang erblickte. Ehe er die Gestalt jedoch richtig sehen konnte, war sie wieder verschwunden. »Danke«, flüsterte Billy in die leere Strecke hinein.

Als er Price hinterhertaumelte, taten ihm sämtliche Knochen weh, sodass er Mühe hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Doch seine erste Schicht war zu Ende, und er hatte die Schrecken der Finsternis besiegt. Bald würde er zu Hause sein und konnte sich hinlegen.

Sie erreichten den Füllort und stiegen zu den Hauern, die mit schwarzen Gesichtern wartend im Korb standen. Tommy Griffiths war nicht unter ihnen, dafür aber Suet Hewitt, das Pfannkuchengesicht. Billy bemerkte, dass die Männer ihn mit verstohlenem Grinsen musterten, während sie auf das Zeichen von oben warteten.

Hewitt fragte: »Wie isses denn so gelaufen an dein’ ersten Tag?«

»Gut«, antwortete Billy. »Danke.«

Hewitts Miene war verkniffen. Zweifellos trug er Billy nach, dass der ihn Spatzenhirn genannt hatte. »Wirklich wahr?«

Billy zögerte. Offensichtlich wussten die anderen etwas. Also gut, dann musste er ihnen klarmachen, dass er sich nicht der Angst ergeben hatte. »Meine Lampe ist ausgegangen«, sagte er und schaffte es so gerade eben, seine Stimme ruhig zu halten. Düster blickte er zu Price, sagte sich dann aber, dass es männlicher sei, keine Vorwürfe zu erheben. »War nur ein bisschen anstrengend, den ganzen Tag im Dunkeln zu schaufeln«, fügte er hinzu. Das war untertrieben; vielleicht glaubten die anderen jetzt, es hätte ihm gar nichts ausgemacht. Aber das fand Billy immer noch besser, als seine Angst einzugestehen.

Ein älterer Mann ergriff das Wort. Er wurde »John Jones the Shop« genannt, weil seine Frau in ihrer Stube einen kleinen Laden betrieb. »Den ganzen Tag?«, fragte John Jones.

»Ja«, antwortete Billy.

John Jones starrte Price an und sagte: »Sie Drecksack, das sollte doch nur eine Stunde so gehen!«

Billy sah seinen Verdacht bestätigt: Alle wussten, was passiert war. Wahrscheinlich spielten sie jedem Neuen solche Streiche. Aber Price hatte es offenbar schlimmer getrieben als üblich.

Suet Hewitt grinste. »Haste denn keine Angst gehabt, Billy-Boy, so ganz allein im Dunkeln?«

Sorgfältig überlegte Billy sich seine Antwort, während die anderen ihn erwartungsvoll musterten. Das verstohlene Grinsen war verschwunden; nun wirkten alle ein wenig beschämt. Billy beschloss, ihnen die Wahrheit zu sagen. »Ja, ich hatte Angst. Aber ich war ja nicht allein.«

Hewitt blickte ihn verdutzt an. »Du warst nich’ allein?«

»Natürlich nicht«, sagte Billy. »Jesus war bei mir.«

Hewitt lachte wiehernd, doch wider Erwarten fiel niemand ein, und so verstummte er abrupt.

Das Schweigen hielt ein paar Sekunden an. Dann gab es ein metallisches Klirren und einen Ruck, und der Korb hob sich. Hewitt wich Billys Blick aus.

Von nun an nannten ihn alle nur noch »Billy-with-Jesus«.

ERSTER TEIL

Schatten am Himmel

 

 

2 KAPITEL

Januar 1914

Earl Fitzherbert, 28 Jahre alt, von Familie und Freunden meist »Fitz« genannt, stand auf Platz neun der reichsten Männer Großbritanniens.

Er hatte sich seine Reichtümer allerdings nicht verdient; vielmehr war er der glückliche Erbe von Tausenden Morgen Land in Wales und Yorkshire. Die Bauernhöfe, die auf Fitz’ Grund und Boden standen, brachten zwar nur wenig ein, doch unter der Erde schlummerten Kohlevorräte, und Fitz’ Großvater war steinreich geworden, indem er Konzessionen für den Abbau dieser Kohle vergeben hatte.

Offensichtlich war es Gottes Wille, dass die Fitzherberts über ihre Mitmenschen erhoben und in angemessenem Stil leben sollten. Fitz konnte Gottes Ratschluss nicht ganz nachvollziehen, hatte er doch nichts getan, was den Glauben des Allmächtigen in ihn und seine Fähigkeiten gerechtfertigt hätte.

Bei seinem Vater, dem vorherigen Earl, hatte die Sache noch anders ausgesehen. Der alte Fitzherbert hatte als Marineoffizier gedient und war nach der Beschießung Alexandrias im Jahre 1882 zum Admiral befördert worden. Nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst war er als britischer Botschafter nach Sankt Petersburg gegangen. Zuletzt hatte er ein Ministeramt in der Regierung Lord Salisburys innegehabt. Wenige Wochen nachdem die Konservativen die allgemeine Wahl von 1906 verloren hatten, war der Admiral gestorben – Fitz war überzeugt, dass es seinen Tod beschleunigt hatte, mit ansehen zu müssen, wie Seiner Majestät Regierung in die Hände unverantwortlicher Liberaler wie David Lloyd George und Winston Churchill gelangte.

Fitz hatte seines Vaters Sitz im House of Lords, dem Oberhaus des britischen Parlaments, als konservativer Peer eingenommen. Er sprach gut Französisch, und auf Russisch wusste er sich zu verständigen; gern hätte er seinem Land eines Tages als Außenminister gedient. Bedauerlicherweise wurden die Wahlen weiterhin von den Liberalen gewonnen; somit hatte sich noch keine Gelegenheit ergeben, ein Regierungsamt zu erhalten.

Ähnlich unspektakulär wie seine politische Karriere war Fitz’ Militärlaufbahn verlaufen. Er hatte in Sandhurst die Ausbildung zum Heeresoffizier absolviert und diente anschließend drei Jahre bei den Welsh Rifles, wo er zum Captain aufstieg. Nach seiner Heirat hatte er die Karriere als Berufsoffizier an den Nagel gehängt, war jedoch zum Colonel ehrenhalber der South Wales Territorials ernannt worden, aber was bedeutete das schon? Als Oberst e.h. eines Ersatzheeres hatte er keine Gelegenheit gehabt, sich auszuzeichnen und einen Orden zu erringen.

Während der Zug schnaufend die Täler von Südwales durchquerte, musste Fitz daran denken, dass es doch etwas gab, worauf er stolz sein konnte: In nur zwei Wochen würde der König ein Wochenende auf seinem Landsitz verbringen. König George V. und Fitz’ Vater waren in ihrer Jugend Schiffskameraden gewesen. Vor Kurzem hatte der König den Wunsch geäußert, Einblick in die Gedankenwelt jüngerer Männer aus verschiedenen Nationen zu erhalten – aus England, Amerika und vom Kontinent –, woraufhin Fitz zu einer diskreten Wochenendgesellschaft in seinem walisischen Herrenhaus eingeladen hatte, bei der Seine Majestät die Bekanntschaft geeigneter Gentlemen machen konnte. Nun waren Fitz und seine Frau Bea unterwegs zu ihrem Landsitz, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen.

Fitz schätzte Traditionen sehr. Die Menschheit hatte nichts hervorgebracht, was der bewährten Ordnung von Monarchie, Aristokratie, Bürgertum und Bauernstand überlegen gewesen wäre. Doch wann immer Fitz nun aus dem Waggonfenster schaute, erblickte er eine Bedrohung der britischen Lebensart, die sämtliche Gefahren in den letzten hundert Jahren in den Schatten stellte: Wie grauschwarzer Pilzbefall auf einem Rhododendronbusch bedeckten die Häuserreihen der Bergarbeiter die einstmals grünen Hügel. In diesen schmutzigen Hütten wurden aufrührerische Reden geschwungen; der Nation drohten Atheismus, Revolten und Sittenverfall. Erst vor gut einem Jahrhundert war die Blüte des französischen Adels zur Guillotine gekarrt worden, und Gleiches würde auch in Großbritannien geschehen, wenn es nach diesen ruppigen, schwarzgesichtigen Bergleuten ging!

Fitz hätte mit Freuden auf seine Einkünfte aus den Kohlengruben verzichtet, hätte Großbritannien in schlichtere, überschaubarere Zeiten zurückkehren können. Wenigstens war die königliche Familie ein starkes Bollwerk gegen die Bestrebungen des Pöbels, die alte Ordnung über den Haufen zu werfen. Doch sosehr der bevorstehende Besuch Seiner Majestät Fitz mit Stolz erfüllte – er machte ihn auch unruhig. Vieles konnte schiefgehen. Die königlichen Besucher konnten irgendein dummes Versehen als Unachtsamkeit, wenn nicht sogar als Gleichgültigkeit auffassen, und damit als Respektlosigkeit. Über jede Einzelheit des Wochenendes, jedes noch so unbedeutende Geschehen würde getratscht werden; die Dienstboten der Besucher würden anderen Dienstboten davon erzählen, und von denen wiederum würden es ihre Brotherren erfahren. Bald würde jede Dame der Londoner Gesellschaft wissen, ob der König in einem zu harten Bett geschlafen, in eine faule Kartoffel gebissen oder die falsche Champagnermarke serviert bekommen hatte.

Am Bahnhof von Aberowen wurde Fitz von seinem Rolls-Royce Silver Ghost erwartet. Mit Bea an seiner Seite wurde er die eine Meile bis zu seinem Landsitz Ty Gwyn chauffiert. Wie so oft in Wales nieselte es ununterbrochen.

»Ty Gwyn« war Walisisch und bedeutete »Weißes Haus«, doch der Name war nur noch eine schmerzliche Erinnerung an alte Zeiten, denn eine dicke Schicht Kohlenstaub bedeckte das Gebäude, wie alles in diesem Teil der Welt. Die einst weißen Steinblöcke zeigten nun eine dunkelgraue Farbe, und die feuchte Schmutzschicht verunzierte die weiten Röcke der Damen, wenn sie damit versehentlich an der Wand entlangstrichen.

Dennoch war Ty Gwyn ein grandioses Gebäude, das Fitz mit Stolz erfüllte, als er es nun betrachtete, während der Rolls-Royce beinahe lautlos die Auffahrt hinaufglitt. Ty Gwyn hatte zweihundert Zimmer und war das größte Wohnhaus in Wales. Als Junge hatte Fitz mit seiner Schwester Maud die Fenster gezählt; sie waren auf 523 gekommen. Errichtet von Fitz’ Großvater, war das dreigeschossige Herrenhaus ein Muster an architektonischer Harmonie. Im Erdgeschoss gab es hohe Fenster, die viel Licht in die großen Empfangssäle ließen. Im Obergeschoss befanden sich Dutzende von Gästezimmern, und im Dachgeschoss reihten sich zahlreiche Kammern für Gesinde und Dienstboten, wie an den langen Reihen von Gaubenfenstern unter dem steilen First zu erkennen war.

Die fünfzig Morgen großen Gärten waren Fitz’ ganze Freude. Die Gärtner beaufsichtigte er persönlich, und er traf die Entscheidungen über das Anpflanzen, das Stutzen und Umsetzen der Bäume und Sträucher. »Ein Haus, das eines Königsbesuchs würdig ist, nicht wahr?«, sagte er, als der Wagen vor dem großen Säulengang hielt. Bea gab keine Antwort. Vom Reisen bekam sie schlechte Laune.

Als Fitz ausstieg, begrüßte ihn Gelert, sein Pyrenäenhund, ein Geschöpf so groß wie ein Bär, das seinem Herrn die Hand leckte und dann freudig über den Hof tollte.

In seinem Ankleidezimmer legte Fitz seine Reisekleidung ab und wechselte in einen weichen braunen Tweedanzug. Dann ging er durch die Verbindungstür in Beas Räume.

Die russische Zofe, Nina, zog soeben die Nadeln aus dem schmucken Hut, den Bea auf der Reise getragen hatte. Fitz erhaschte einen Blick auf Beas Gesicht im Garderobenspiegel, und es verschlug ihm den Atem. Er fühlte sich vier Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt, in den Ballsaal in Sankt Petersburg, wo er dieses unglaublich schöne Gesicht zum ersten Mal gesehen hatte, umrahmt von blonden Locken, die sich einfach nicht zähmen lassen wollten. Damals wie heute hatte Bea ein Schmollen gezeigt, das Fitz auf seltsame Weise anziehend fand. Damals hatte er binnen eines Herzschlags entschieden: die oder keine!

Nina, die Zofe, war in mittlerem Alter. Ihre Hand war unruhig, denn sie spürte Beas Gereiztheit. Während Fitz noch zuschaute, ritzte eine Nadel Beas Kopfhaut, und sie schrie auf.

Nina erbleichte. »Bitte um Vergebung, Durchlaucht«, sagte sie auf Russisch.

Bea ergriff eine Hutnadel, die auf dem Garderobentisch lag, und stach sie dem Dienstmädchen in den Arm. »Na, wie gefällt dir das?«, rief sie.

Nina brach in Tränen aus und stürmte aus dem Zimmer.

»Lass mich dir helfen«, sagte Fitz beruhigend zu seiner Frau.

Doch Bea ließ sich nicht beschwichtigen. »Ich mache das selbst.«

Seufzend trat Fitz ans Fenster. Ein Dutzend Gärtner stutzte die Büsche, schnitt den Rasen und fegte die Kieswege. Mehrere Sträucher blühten bereits: rosafarbener Schneeball, gelber Winterjasmin, Virginische Zaubernuss und Immergrünes Geißblatt. Hinter dem Garten erhob sich der sanfte grüne Hügelhang.

Du musst Geduld mit Bea haben, sagte sich Fitz. Schließlich war sie Ausländerin, isoliert in einem fremden Land, getrennt von ihrer Familie und allem, was ihr vertraut war. In den ersten Monaten ihrer Ehe, als Fitz noch berauscht davon gewesen war, wie wunderschön Bea aussah, wie sie roch und wie ihre weiche Haut sich anfühlte, war es ihm leichtgefallen, Beas Launen zu ertragen. Mittlerweile aber war sie ganz schön anstrengend geworden.

»Warum ruhst du dich nicht aus?«, fragte er. »Ich werde Peel und Mrs. Jevons aufsuchen und mich erkundigen, wie es mit den Vorbereitungen aussieht.« Peel war der Butler und Mrs. Jevons die Haushälterin. Eigentlich war es Beas Aufgabe, das Hauspersonal zu beaufsichtigen, doch Fitz war in Anbetracht des bevorstehenden königlichen Besuchs dermaßen unruhig, dass er nach einem Vorwand suchte, sich darum zu kümmern. »Ich komme später wieder, wenn du dich erfrischt hast.« Er zückte sein Zigarrenetui.

»Rauch draußen«, sagte Bea.

Fitz wertete dies als Erlaubnis, gehen zu dürfen. An der Tür blieb er noch einmal stehen. »Vor dem König und der Königin wirst du dich nicht so aufführen, nicht wahr? Die Dienstboten schlagen, meine ich.«

»Ich habe sie nicht geschlagen. Ich habe sie mit der Nadel gestochen, damit sie es lernt.«

So waren sie nun mal, die Russen. Als Fitz’ Vater sich einmal über die Faulheit der Dienstboten in der britischen Botschaft zu Sankt Petersburg beklagte, hatten seine russischen Freunde ihm gesagt, er verprügle sie nicht oft genug.

»Aber es wäre den Majestäten peinlich, einen solchen Vorfall mitzuerleben«, erklärte Fitz. »Wie ich dir bereits gesagt habe, ist so etwas in England nicht üblich.«

»Als kleines Mädchen musste ich einmal zuschauen, wie drei Bauern gehenkt wurden«, entgegnete Bea. »Meine Mutter war dagegen, aber mein Großvater bestand darauf. Er sagte: ›Damit du erkennst, wie wichtig es ist, Diener schon bei den kleinsten Übertretungen zu verprügeln oder auszupeitschen, sonst begehen sie am Ende schwerere Sünden und enden auf dem Schafott.‹ Mit anderen Worten: Nachsicht den unteren Schichten gegenüber ist auf lange Sicht grausam.«

Fitz, der einer solchen Logik nichts entgegenzusetzen hatte, verlor allmählich die Geduld. Bea blickte auf eine sorgenfreie Kindheit in grenzenlosem Reichtum und Maßlosigkeit zurück, umgeben von Scharen gehorsamer Diener und Tausenden glücklicher Bauern. Würde ihr unbarmherziger Großvater noch leben, würde Bea dieses Leben vielleicht heute noch führen, aber ihr Vater, ein Trinker, und ihr Bruder Andrej, ein Schwächling, der immer nur das Holz verkaufte, ohne den Wald wieder aufzuforsten, hatten das Vermögen der Familie verprasst. »Die Zeiten haben sich geändert«, sagte Fitz. »Ich bitte dich … nein, ich befehle dir, mich nicht vor meinem König zu blamieren. Ich hoffe, damit sind alle Unklarheiten beseitigt.«

Fitz schloss die Tür hinter sich und schritt den breiten Gang hinunter. Er war verärgert und ein wenig traurig. Als sie noch frisch verheiratet gewesen waren, hatte ein solches Wortgeplänkel sein schlechtes Gewissen geweckt; heute ließ es ihn beinahe kalt. Ging das in allen Ehen so? Er wusste es nicht.

Ein hochgewachsener Hausdiener, der einen Türknauf polierte, erblickte Fitz und stellte sich mit dem Rücken zur Wand, die Augen niedergeschlagen, wie es üblich war bei den Dienstboten auf Ty Gwyn, wenn der Earl vorbeiging. In manchen vornehmen Häusern musste die Dienerschaft sich zur Wand drehen, aber das hielt Fitz denn doch für ein bisschen zu feudal. Fitz erkannte den Mann; er hatte ihn bei einem Cricketmatch zwischen der Dienerschaft von Ty Gwyn und den Bergarbeitern von Aberowen spielen sehen. Er hieß Morrison und war ein guter linkshändiger Schlagmann. »Morrison«, sprach Fitz ihn an, »rufen Sie Peel und Mrs. Jevons in die Bibliothek.«

»Sehr wohl, Mylord.«

Fitz ging zur großen Treppe. Er hatte Bea geehelicht, weil sie ihn bezaubert hatte, doch es gab noch einen anderen, nüchternen Grund: Fitz träumte davon, eine große englisch-russische Dynastie zu gründen, die über weite Teile der Erde herrschte, so wie die Habsburger, die jahrhundertelang fast ganz Europa regiert hatten.

Aber dazu brauchte es einen Erben. Und Beas Laune deutete stark darauf hin, dass sie ihn heute Nacht in ihrem Bett nicht willkommen heißen würde. Sicher, er konnte darauf bestehen, aber das machte keinen Spaß. Nur, es war jetzt schon zwei Wochen her, dass er Bea das letzte Mal beglückt hatte. Nicht dass er sich eine Frau wünschte, die scharf auf ihn gewesen wäre, wie der Pöbel sich so grässlich auszudrücken pflegte, aber zwei Wochen ohne Frau, das war schon eine lange, lange Zeit.

Fitz dachte an seine Schwester Maud, dreiundzwanzig Jahre alt und noch immer unverheiratet. Andererseits, wenn Maud Kinder hätte, würden sie vermutlich zu fanatischen Sozialisten erzogen werden, die den Reichtum der Familie verschleuderten, indem sie aufrührerische Traktate druckten.

Jedenfalls, Fitz war jetzt seit drei Jahren verheiratet und machte sich allmählich Sorgen. Bea war nur einmal schwanger geworden, im vergangenen Jahr, und hatte gegen Ende des dritten Monats eine Fehlgeburt erlitten – unmittelbar nachdem sie sich wieder einmal gestritten hatten. Fitz hatte eine geplante Reise nach Sankt Petersburg abgesagt, und Bea hatte sich furchtbar darüber aufgeregt und unter Tränen verlangt, zurück in die russische Heimat zu dürfen. Fitz hatte sich zwar durchgesetzt – schließlich durfte ein Mann nicht zulassen, dass seine Frau darüber bestimmte, was er tun sollte und was nicht –, aber als Bea dann die Fehlgeburt erlitt, hatte Fitz sich schuldig gefühlt. Wenn sie doch nur wieder schwanger würde! Dann würde er dafür sorgen, dass nichts und niemand sie aufregte, bis das Kind geboren war.

Fitz schob diese Gedanken beiseite, ging in die Bibliothek, setzte sich an den lederverzierten Schreibtisch und machte sich daran, eine Liste aufzustellen.

Es dauerte nicht lange, und Peel, der Butler, kam mit einem Hausmädchen herein. Peel war der jüngste Sohn eines Bauern; sein frisches, sommersprossiges Gesicht und sein grau meliertes Haar erweckten den Eindruck, als würde er sich oft im Freien aufhalten, doch er hatte sein gesamtes Arbeitsleben als Diener auf Ty Gwyn verbracht. »Mrs. Jevons tut es nicht gut gehen, Mylord«, sagte er. Fitz hatte seine Versuche, den Dialekt der walisischen Dienerschaft zu verbessern, schon lange aufgegeben. »Der Magen«, fügte Peel kummervoll hinzu.

»Ersparen Sie mir die Einzelheiten.« Fitz musterte das Hausmädchen, ein hübsches junges Ding um die zwanzig. Ihr Gesicht kam ihm irgendwie bekannt vor. »Wer ist das?«

Das Mädchen antwortete selbst. »Ethel Williams, Mylord. Ich bin Mrs. Jevons’ rechte Hand.« Sie sprach mit dem singenden Tonfall der südwalisischen Talbewohner.

»Offen gestanden, Williams, sehen Sie mir zu jung für die Arbeit einer Haushälterin aus.«

»Wenn Ihre Lordschaft gestatten … Mrs. Jevons sagte, Sie würden wahrscheinlich die Haushälterin aus Mayfair herholen, aber sie hofft, dass ich in der Zwischenzeit ein Ersatz bin, der Sie befriedigen kann.«

War da ein Funkeln in ihren Augen gewesen, als sie das Wort »befriedigen« benutzt hatte? Obwohl sie angemessen ehrerbietig klang, hatte sie etwas Freches an sich. »Also gut«, sagte Fitz.

Williams hielt ein dickes Notizbuch in der einen Hand, zwei Bleistifte in der anderen. »Ich war bei Mrs. Jevons in ihrem Zimmer. Sie fühlte sich so gut, dass sie alles mit mir durchgehen konnte.«

»Warum haben Sie zwei Bleistifte dabei?«

»Falls mir einer abbricht«, sagte sie und schmunzelte.

Hausmädchen hatten den Earl nicht anzugrinsen, doch Fitz konnte nicht anders: Er erwiderte das Lächeln. »Schön«, sagte er. »Dann erzählen Sie mir mal, was Sie in Ihr Buch geschrieben haben.«

»Drei Dinge«, sagte sie. »Gäste, Personal und Vorräte.«

»Ausgezeichnet.«

»Dem Brief Ihrer Lordschaft zufolge sollen es zwanzig Gäste sein. Die meisten tun einen oder zwei Diener mitbringen, rechnen wir zwei, also müssen vierzig weitere Dienstboten untergebracht werden. Alle treffen am Samstag ein und reisen am Montag ab.«

»Richtig.« Fitz empfand eine Mischung aus Freude und Beklemmung. Es war ein ähnliches Gefühl wie damals, ehe er seine erste Rede im Oberhaus gehalten hatte: Er freute sich darauf; gleichzeitig sorgte er sich, ob er seine Sache gut machte.

Williams fuhr fort: »Ihre Majestäten werden natürlich im Ägyptischen Appartement wohnen.«

Fitz nickte. Das Appartement war die größte Zimmerflucht des Hauses; die Tapeten dort zeigten Schmuckmotive aus ägyptischen Tempeln.

»Mrs. Jevons hat vorgeschlagen, welche anderen Zimmer genutzt werden sollten. Ich habe es hier aufgeschrieben.«

»Zeigen Sie her«, sagte Fitz.

Williams kam um den Schreibtisch herum und legte ihr Buch offen vor ihn. Hausdiener waren verpflichtet, einmal die Woche zu baden, deshalb roch sie nicht so schlecht, wie es bei Angehörigen der Unterschicht häufig der Fall war. Tatsächlich roch ihr warmer Leib sogar nach Blumen. Vielleicht hatte sie ein Stück von Beas parfümierter Seife stibitzt.

Fitz las ihre Liste. »Fein«, sagte er. »Die Fürstin kann die Gäste dann den Räumen zuweisen. Vielleicht hat sie ihre eigenen Vorstellungen.«

Williams drehte die Seite um. »Hier ist eine Liste fürs nötige Zusatzpersonal: sechs Mädchen für die Küche, zum Gemüseschälen und Abwaschen, zwei Männer mit sauberen Händen, um bei Tisch zu bedienen, dann noch mal drei Zimmermädchen und drei Jungen zum Stiefelputzen und Kerzenanzünden.«

»Wissen Sie, woher wir die Leute bekommen?«

»Aber ja, Mylord, ich habe eine Liste von Ortsansässigen, die hier schon gearbeitet haben. Wenn das nicht reicht, werde ich sie bitten, andere zu empfehlen.«

»Aber keine Sozialisten«, sagte Fitz besorgt. »Die könnten versuchen, mit dem König über die Übel des Kapitalismus zu reden.« Bei Walisern konnte man nie wissen.

»Jawohl, Mylord.«

»Was ist mit den Vorräten?«

Williams schlug die Seite um. »Hier steht, was gebraucht wird, wenn man frühere Feste hier im Haus zugrunde legen tut.«

Fitz sah auf die Liste: einhundert Laibe Brot, zwanzig Dutzend Eier, fünfzig Liter Sahne, einhundert Pfund Speck, sieben Zentner Kartoffeln … Fitz las nicht weiter, denn es wurde ihm langweilig. Stattdessen fragte er: »Sollten wir damit nicht warten, bis die Fürstin über die Speisefolge entschieden hat?«

»Es muss alles aus Cardiff angeliefert werden«, antwortete Williams. »Die Läden in Aberowen können solche Bestellungen nicht erfüllen. Und selbst die Lieferanten in Cardiff müssen rechtzeitig Bescheid wissen, damit sie am betreffenden Tag entsprechende Mengen auf Vorrat haben.«

Sie hatte recht. Fitz war froh, dass sie sich darum kümmerte. Williams schien eine Frau zu sein, die vorausplanen konnte – eine seltene Gabe, wie er fand. »Jemanden wie Sie könnte ich in meinem Regiment brauchen«, sagte er.

»Ich kann kein Khaki tragen, das passt nicht zu meinem Teint«, entgegnete sie kess.

Der Butler blickte sie ungehalten an. »Na, na, Williams, lassen Sie Ihre Unverschämtheiten.«

»Ich bitte um Vergebung, Mr. Peel.«

Fitz störte Williams’ Kessheit nicht; schließlich hatte er selbst mit dem Scherzen angefangen. Im Gegenteil, er mochte das Mädchen.

»Die Köchin möchte Ihnen verschiedene Menüs für das Dinner vorschlagen, Mylord«, sagte Peel und reichte Fitz ein fettiges Blatt Papier, das mit der kindlich peniblen Handschrift der Köchin bedeckt war. »Leider ist es für Frühlingslamm noch zu früh, aber wir könnten aus Cardiff frischen Fisch auf Eis kommen lassen.«

»Fisch? Den hatten wir schon auf dem Jagdfest im November«, sagte Fitz. »Andererseits sollten wir bei einem so wichtigen Anlass keine Experimente mit neuen Gerichten wagen. Besser, wir halten uns an Altbewährtes.«

»Sehr wohl, Mylord.«

»Nun zum Wein.« Fitz stand auf. »Gehen wir in den Keller.«

Peel sah ihn erstaunt an. Der Earl begab sich nicht oft ins Untergeschoss.

Fitz hatte einen Hintergedanken, den er sich selbst nicht eingestehen wollte. Er zögerte; dann sagte er: »Williams, Sie kommen ebenfalls mit und machen Notizen.«

Der Butler hielt die Tür auf, und Fitz verließ die Bibliothek und stieg die Hintertreppe hinunter. Die Küche und das Dienstbotenzimmer befanden sich im Halbsouterrain. Hier herrschte eine andere Etikette: Die Dienstmädchen machten einen Knicks, und die Schuhputzjungen berührten ihre Stirnlocken, wenn der Herr des Hauses vorüberschritt.

Der Weinkeller befand sich unter dem Kellergeschoss. Peel öffnete die Tür und sagte: »Wenn Sie gestatten, gehe ich voran.« Fitz nickte. Peel riss ein Streichholz an, entzündete die Kerzenleuchte an der Wand und stieg die Treppe hinunter. Unten brannte er eine weitere Lampe an.

Fitz unterhielt einen eher bescheidenen Weinkeller von ungefähr zwölftausend Flaschen, die zumeist von seinem Vater und seinem Großvater erworben worden waren. Champagner, Port- und Rheinwein herrschten vor, dazu kamen kleinere Mengen Claret und Weißburgunder. Fitz war kein Weinkenner, doch er liebte den Keller, weil der ihn an seinen Vater erinnerte. »Ein Weinkeller erfordert Ordnung, Vorausdenken und guten Geschmack«, pflegte der alte Mann zu sagen. »Genau die Tugenden, die Britannien groß gemacht haben!«

Fitz würde dem König selbstverständlich das Allerbeste servieren, doch was genau das war, musste er selbst entscheiden. Beim Champagner wäre es ein Perrier-Jouët, der teuerste, versteht sich, aber welcher Jahrgang? Champagner von zwanzig oder dreißig Jahren war nicht mehr so spritzig, hatte aber mehr Reife; dafür besaßen die jüngeren Jahrgänge etwas Fröhliches und Frisches. Fitz zog irgendeine Flasche aus dem Regal. Sie war voller Staub und Spinnweben. Er nahm das weiße Leinentaschentuch aus der Brusttasche und wischte das Etikett sauber. Im schwachen Licht der Kerzen konnte er den Jahrgang immer noch nicht lesen. Er zeigte die Flasche Peel, der sich eine Brille aufgesetzt hatte.

»Achtzehnhundertsiebenundfünfzig«, las der Butler ab.

»Du meine Güte, ich kann mich erinnern«, sagte Fitz. »Der erste Jahrgangschampagner, den ich je gekostet habe, und vermutlich der beste.« In Gegenwart des Hausmädchens fühlte er sich befangen. Sie beugte sich vor, um die Flasche zu betrachten, die viele Jahre älter war als sie selbst. Zu Fitz’ Erstaunen raubte ihre Nähe ihm ein wenig den Atem.

»Ich fürchte, Sir, der Siebenundfünfziger hat seine beste Zeit hinter sich«, bemerkte Peel. »Darf ich den Zweiundneunziger vorschlagen?«

Fitz blickte auf eine andere Flasche, zögerte und sagte schließlich: »Ich kann bei diesem Licht nicht lesen. Seien Sie so gut, Peel, und holen Sie mir ein Vergrößerungsglas.«

»Sehr wohl, Mylord.« Peel stieg die steinernen Stufen hinauf.

Fitz schaute Williams an. Er wusste, dass er nahe daran war, etwas Dummes zu tun, konnte sich aber nicht beherrschen. »Was für ein schönes Mädchen Sie sind«, säuselte er.

»Danke, Mylord.«

Sie hatte dunkle Locken, die unter dem weißen Häubchen hervorlugten. Fitz berührte ihr Haar und wusste im selben Augenblick, dass er es bereuen würde. »Haben Sie je vom droit de seigneur gehört?« Fitz erschrak beinahe vor dem kehligen Beiklang in seiner Stimme.

»Ich bin Waliserin, keine Französin«, entgegnete die Kleine und hob keck das Kinn, wie Fitz voller Entzücken beobachtete.

Er schob die Hand von ihrem Haar an ihren zarten Hals und schaute ihr in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick mit kühnem Selbstbewusstsein. Aber was bedeutete ihre Miene? Dass er weitermachen sollte? Oder würde sie ihm gleich eine demütigende Abfuhr erteilen?

Fitz hörte schwere Schritte auf der Kellertreppe. Peel kam zurück! Rasch löste Fitz sich von dem Hausmädchen.

Sie überraschte ihn, indem sie kicherte: »Wie sehen Sie denn aus, Mylord? Wie ein Schuljunge!«

Peel erschien im schwachen Kerzenschein. Auf einem silbernen Tablett brachte er ein Vergrößerungsglas mit Elfenbeingriff.

Fitz versuchte, normal zu atmen. Er nahm das Glas und setzte seine Weinflaschenbegutachtung fort, wobei er darauf achtete, Williams’ Blick nicht zu begegnen.

Mein Gott, dachte er, was für ein außergewöhnliches kleines Ding!

***

Ethel, von Enthusiasmus getragen, hatte das Gefühl, die endlosen Gänge von Ty Gwyn entlangzuschweben. An jedem Tag füllte sie mehr Seiten in ihrem Notizbuch mit Einkaufslisten, Stundenplänen für das Personal, Zeitabläufen für das Abräumen und erneute Decken der Tische sowie mit Berechnungen: Stückzahlen von Kissenbezügen, Vasen, Servietten, Kerzen, Löffeln …

Es war ihre große Chance. Trotz ihrer Jugend fungierte Ethel nun als Haushälterin, und das während eines königlichen Besuchs! Mrs. Jevons schien sich so bald nicht vom Krankenbett erheben zu wollen; daher trug Ethel die ganze Verantwortung, Ty Gwyn auf die Ankunft des Königspaars vorzubereiten. Sie hatte immer gewusst, dass sie brillieren konnte, wenn man ihr die Möglichkeit gab; aber in der starren Hierarchie des Gesindes erhielt man kaum einmal Gelegenheiten zu zeigen, dass man besser war als die anderen. Nun hatte sich ihr eine solche Chance geboten, und Ethel war entschlossen, sie zu nutzen. Immerhin lag es im Rahmen des Möglichen, dass der kränklichen Mrs. Jevons nach dem Besuch des Königs eine weniger anstrengende Aufgabe übertragen wurde und Ethel ihre Nachfolge als Haushälterin antrat. Dann würde ihr Lohn sich verdoppeln, und sie bekäme auf dem Dienstbotengeschoss eine Schlafkammer ganz für sich allein und eine eigene Wohnstube.

Aber so weit war sie noch nicht. Offenbar stellte es den Earl zufrieden, wie sie ihre Arbeit tat, denn er hatte beschlossen, die Haushälterin aus London gar nicht erst kommen zu lassen, was Ethel als großes Kompliment betrachtete. Aber noch war Zeit für die eine kleine Unachtsamkeit, die tödliche Panne, die ihr alles verderben würde: der schmutzige Essteller, der überlaufende Abfluss, die tote Maus in der Badewanne. Und dann würde der Zorn des Earls auf sie herniederfahren.

Am Morgen des Samstags, an dem die Majestäten eintreffen sollten, überprüfte Ethel noch einmal jedes Gästezimmer und vergewisserte sich, dass die Kaminfeuer brannten und die Kissen aufgeschüttelt waren. In jedem Zimmer stand wenigstens eine Vase mit Blumen, die am Morgen frisch aus dem Treibhaus gebracht worden waren. Auf jedem Schreibtisch lag Briefpapier, bedruckt mit dem Schriftzug von Ty Gwyn. Handtücher, Seife und Wasser zum Waschen standen bereit. Der alte Earl hatte moderne Wasseranschlüsse nicht gemocht, und Fitz war noch nicht dazu gekommen, jedes Zimmer mit den Rohrleitungen verbinden zu lassen. Im ganzen Haus mit seinen hundert Schlafzimmern gab es nur drei Wasserklosetts; daher standen in den meisten Zimmern Nachttöpfe. Um den Geruch zu überdecken, waren Dufttöpfe aufgestellt worden, von Mrs. Jevons nach eigenem Rezept befüllt.

Das Königspaar sollte zum Tee eintreffen. Der Earl würde die Majestäten am Bahnhof von Aberowen empfangen. Zweifellos würde sich dort eine Menschenmenge einfinden, in der Hoffnung, einen Blick auf die hohen Herrschaften zu erhaschen, doch König und Königin würden sich am Bahnhof noch nicht ihren Untertanen zeigen: Fitz würde sie in seinem Rolls-Royce – einem großen, geschlossenen Automobil –, nach Ty Gwyn chauffieren lassen. Des Königs Kammerherr, Sir Alan Tite, würde mit dem restlichen Begleitpersonal und dem Gepäck in mehreren Pferdewagen folgen. Vor Ty Gwyn nahm bereits zu beiden Seiten der Zufahrtsstraße eine Ehrenkompanie der Welsh Rifles Aufstellung.

Erst am Montagmorgen würde das Königspaar vor seine Untertanen treten. Geplant war eine Rundreise im offenen Wagen durch die umliegenden Dörfer, gefolgt von einem Halt im Rathaus von Aberowen, wo der Bürgermeister und die Ratsherren den Majestäten vorgestellt werden sollten, ehe diese sich zum Bahnhof begaben.

Die anderen Gäste trafen ab Mittag ein. Peel stand in der Halle und teilte ihnen Zimmermädchen zu, die sie zu ihren Räumen führen sollten, sowie Diener, die das Gepäck trugen. Als Erste kamen Fitz’ Onkel und Tante, der Herzog und die Herzogin von Sussex. Der Herzog war ein Cousin des Königs und eingeladen worden, damit der Monarch sich mehr zu Hause fühlte. Die Herzogin war Fitz’ leibliche Tante und interessierte sich wie die meisten Angehörigen der Familie sehr für Politik. In ihrem Londoner Haus unterhielt sie einen Salon, der regelmäßig von den Ministern aufgesucht wurde.

Die Herzogin ließ Ethel wissen, König George V. sei »ein wenig von Uhren besessen« und fände es unerträglich, wenn verschiedene Uhren im gleichen Haus unterschiedliche Zeiten anzeigten. Ethel fluchte stumm in sich hinein: Auf Ty Gwyn gab es mehr als hundert Uhren. Sie lieh sich Mrs. Jevons’ Taschenuhr und machte sich auf einen Rundgang durchs Haus, um die Uhren in sämtlichen Zimmern auf ein und dieselbe Zeit zu stellen.

Im kleinen Esszimmer begegnete sie dem Earl. Er stand am Fenster und wirkte verstört. Ethel musterte ihn einen Augenblick lang. Er war der stattlichste Mann, den sie je gesehen hatte. Sein blasses Gesicht, vom weichen Licht der Wintersonne beschienen, hätte aus weißem Marmor gemeißelt sein können. Sein Kinn war kantig, die Jochbeine hoch, die Nase gerade. Er hatte dunkles Haar und grüne Augen – eine ungewöhnliche Kombination – und trug weder Vollbart noch Schnauzer, nicht einmal Koteletten. Aber wenn man so ein wunderschönes Gesicht hat, überlegte Ethel, gibt es ja auch keinen Grund, es unter Haaren zu verbergen.

Fitz bemerkte ihren Blick. »Ich habe gerade erfahren, dass der König gerne eine Schale mit Apfelsinen in seinem Zimmer stehen hat«, sagte er. »Aber im ganzen verdammten Haus gibt es keine einzige Orange.«

Ethel runzelte die Stirn. Kein Obsthändler in Aberowen und den anderen Städten in den südwalisischen Tälern hatte außerhalb der Saison Apfelsinen vorrätig; ihre Kunden konnten sich solchen Luxus nicht leisten. »Wenn ich das Telefon benutzen dürfte, Mylord, könnte ich mit ein, zwei Obsthändlern in Cardiff sprechen«, sagte sie. »Vielleicht haben sie Apfelsinen.«

»Aber wie sollen die Früchte hierherkommen?«

»Ich werde darum bitten, dass sie einen Korb mit dem Zug mitschicken tun.« Ethel blickte auf die Uhr, die sie soeben hatte stellen wollen. »Mit ein bisschen Glück kommen die Orangen gleichzeitig mit dem König an.«

»Das ist es!«, sagte Fitz. »So machen wir es!« Er schaute Ethel in die Augen. »Sie sind erstaunlich«, sagte er. »Ich weiß nicht, ob ich je einem Mädchen wie Ihnen begegnet bin.«

Fest erwiderte sie seinen Blick. In den vergangenen beiden Wochen hatte er öfters so zu ihr gesprochen, allzu vertraulich und ein bisschen zu überschwänglich. Ethel hatte ein merkwürdiges Gefühl dabei, eine Mischung aus Unbehagen und freudiger Erwartung, als könnte jede Sekunde etwas gefährlich Aufregendes geschehen. Es war wie in einem Märchen, wenn der Prinz das verzauberte Schloss betrat.

Das Geräusch von Rädern vor dem Haus brach den Bann; dann war eine vertraute Stimme zu vernehmen. »Peel! Wie schön, Sie wiederzusehen.«

Fitz schaute aus dem Fenster und zog ein sonderbares Gesicht. »Das hat mir noch gefehlt«, sagte er. »Meine Schwester!«

»Willkommen zu Hause, Lady Maud«, hörten sie Peels Stimme. »Wir haben Sie gar nicht erwartet.«

»Der Earl hat vergessen, mich einzuladen, aber ich bin trotzdem gekommen.«

Ethel verkniff sich ein Lächeln. Fitz liebte seine lebhafte Schwester über alles, war aber befangen im Umgang mit ihr. Ihre politischen Ansichten waren beunruhigend liberal: Sie war eine Suffragette und zog militant für das Wahlrecht der Frauen ins Feld. Ethel fand Lady Maud großartig, war sie doch genau die Art von unabhängiger Frau, die Ethel selbst gern gewesen wäre.

Fitz verließ das Zimmer, und Ethel folgte ihm in die Halle, einen beeindruckenden Raum im gotischen Stil, den Viktorianer wie Fitz’ Vater so sehr geliebt hatten: dunkle Wandvertäfelung, Tapeten mit üppigen Mustern und geschnitzte Eichensessel, die mittelalterlichen Thronsitzen glichen.

Maud kam durch die Tür. »Fitz, Liebling! Wie geht es dir?«

Wie ihr Bruder war auch Maud eine große Person; auch sonst sahen sie einander ähnlich. Doch die scharf geschnittenen Züge, die den Earl zum Abbild eines Gottes machten, schmeichelten einer Frau weniger, und so wirkte Maud eher herb als hübsch. Dennoch widerlegte sie das beliebte Vorurteil, Suffragetten seien unattraktive graue Mäuse, denn sie war sehr elegant gekleidet: Über Knöpfchenstiefeln trug sie einen Humpelrock, einen marineblauen Mantel mit überbreitem Gürtel und hohen Ärmelaufschlägen und dazu einen Hut mit langer Feder, die vorn eingesteckt war und die ihr voranwehte wie eine Regimentsflagge.

Lady Maud wurde von Tante Herm begleitet – Lady Hermia –, Fitz’ anderer Tante. Im Unterschied zu ihrer Schwester, die mit einem schwerreichen Herzog verheiratet war, hatte Herm einen verschwendungssüchtigen Baron geehelicht, der jung und verarmt dahinschied. Vor zehn Jahren, als Fitz’ und Mauds Eltern innerhalb weniger Monate verstorben waren, war Tante Herm eingezogen, um sich an Mutters statt um die dreizehnjährige Maud zu kümmern. Heute fungierte sie als Mauds – wenn auch ziemlich erfolglose – Anstandsdame.

»Was machst du denn hier?«, wollte Fitz von seiner Schwester wissen.

Tante Herm murmelte: »Ich habe dir ja gleich gesagt, Liebes, es wird ihm nicht gefallen.«

»Ich konnte nicht fernbleiben, wenn wir den König zu Gast haben«, sagte Maud. »Das wäre respektlos gewesen.«

Fitz’ Stimme verriet eine Mischung aus Zorn und Zuneigung. »Dass du mir Seine Majestät ja nicht auf diesen Suffragetten-Unsinn ansprichst!«

Ethel glaubte nicht, dass er sich Sorgen machen musste. Maud mochte radikalen politischen Vorstellungen anhängen, aber sie wusste, wie man mächtigen Männern schmeichelte und mit ihnen flirtete; selbst Fitz’ Freunde aus den Reihen der Konservativen hatten Maud ins Herz geschlossen.

»Nehmen Sie bitte meinen Mantel, Morrison«, sagte Maud. Sie knöpfte ihn auf und wandte dem Diener den Rücken zu. »Guten Tag, Williams, wie geht es Ihnen?«, begrüßte sie Ethel.

»Willkommen daheim, Mylady«, sagte Ethel. »Hätten Sie gerne die Gardeniensuite?«

»Ja, ich liebe die Aussicht.«

»Möchten Sie zu Mittag essen, während ich die Räume vorbereite?«

»Wunderbar, ich verhungere.«

»Wir servieren heute im Clubstil, denn die Gäste treffen nacheinander ein.« Clubstil bedeutete, dass den Gästen ihr Essen nicht gleichzeitig aufgetischt wurde, sondern erst, wenn sie in den Speisesaal kamen, ganz so, als wären sie in einem Herrenclub oder einem Restaurant. An diesem Tag gab es ein bescheidenes Mittagessen: scharfe indische Curry-Geflügelsuppe, kalte Bratenscheiben, Räucherfisch, gefüllte Forelle, Lammkoteletts und verschiedene Desserts und Käsesorten.

Ethel hielt die Tür auf und folgte Maud und Herm in den großen Speisesaal. Die von Ulrichs waren bereits eingetroffen; die Cousins saßen beim Mittagessen. Walter von Ulrich, der Jüngere, war ein gut aussehender, charmanter Bursche und schien sich zu freuen, auf Ty Gwyn zu sein. Sein Vetter Robert war ein Pedant: Er hatte als Erstes das Gemälde von Cardiff Castle an der Wand seines Zimmers gerade gerückt, um zusätzliche Kissen gebeten und entdeckt, dass das Tintenfass auf seinem Schreibtisch ausgetrocknet war – eine Unterlassung, die zur Folge hatte, dass Ethel sich nun ängstlich den Kopf zerbrach, was sie wohl sonst noch alles übersehen haben mochte.

Die von Ulrichs erhoben sich, als die Damen erschienen. Maud ging sofort auf Walter zu. »Sie haben sich überhaupt nicht verändert, seit Sie achtzehn waren!«, sagte sie. »Erinnern Sie sich noch an mich?«

Er strahlte. »Allerdings. Auch wenn Sie sich verändert haben, seit Sie dreizehn waren.«

Sie schüttelten einander die Hand; dann küsste Maud ihn auf beide Wangen, als wären sie verwandt. »Ich war damals schrecklich in Sie verknallt«, sagte sie schockierend unverblümt.

Walter lächelte. »Ich war von Ihnen auch ziemlich bezaubert.«

»Aber Sie haben mich immer behandelt, als wäre ich eine Landplage!«

»Ich musste meine Gefühle vor Fitz verbergen. Er hat Sie beschützt wie ein Wachhund.«

Tante Herm hüstelte – ein Zeichen, dass sie diese unvermittelte Vertraulichkeit missbilligte. Maud sagte: »Tante, das ist Herr Walter von Ulrich, ein alter Schulfreund von Fitz, der früher oft in den Ferien hier war. Jetzt ist er Diplomat an der deutschen Botschaft in London.«

Walter sagte: »Darf ich meinen Cousin vorstellen, den Grafen Robert von Ulrich? Er ist Militärattaché an der österreichischen Botschaft.«

Tatsächlich waren die Ulrichs nur Vettern zweiten Grades, hatte Peel in ernstem Tonfall Ethel anvertraut: Ihre Großväter waren Brüder gewesen; der jüngere hatte eine deutsche Erbin geheiratet und war von Wien nach Berlin übergesiedelt, sodass Walter Deutscher war und Robert Österreicher. Peel interessierte sich sehr für solche Feinheiten.

Alle setzten sich. Ethel rückte Tante Herm den Stuhl zurecht. »Möchten Sie ein wenig Currysuppe, Lady Hermia?«, fragte sie.

»Danke, gern, Williams.«

Ethel nickte einem Diener zu, worauf dieser zum Büfett ging, wo die Terrine warm gehalten wurde. Nachdem Ethel sich vergewissert hatte, dass die Neuankömmlinge zufrieden waren, verließ sie still den Raum, um die Zimmer herzurichten. Als sie die Tür hinter sich schloss, hörte sie Walter von Ulrich sagen: »Ich weiß noch, wie sehr Sie die Musik gemocht haben, Lady Maud. Wir sprachen gerade über das russische Ballett. Was halten Sie von Diaghilew?«

Nicht viele Männer fragten eine Frau nach ihrer Meinung. Maud würde es gefallen. Während Ethel die Treppe hinuntereilte, um sich zwei Zimmermädchen zu schnappen, die die Räume fertig machen sollten, dachte sie: Das ist mal ein charmanter Deutscher.

***

Die Skulpturenhalle von Ty Gwyn war ein Vorraum zum Speisesaal. Hier versammelten sich vor dem Dinner die Gäste. Fitz interessierte sich nicht besonders für Kunst – die Sammlung stammte von seinem Großvater –, doch die Skulpturen verschafften den Leuten ein Gesprächsthema, wenn sie auf das Abendessen warteten.

Während Fitz mit seiner Tante, der Herzogin, Konversation machte, blickte er nervös auf die Männer in den Abendanzügen und die Frauen mit den tief ausgeschnittenen Kleidern und den kostbaren Stirnreifen. Das Protokoll schrieb vor, dass alle anderen Gäste im Raum sein mussten, ehe der König und die Königin eintraten. Wo Maud nur blieb? Sie wollte doch keinen Skandal provozieren? Nein, da kam sie, in einem Kleid aus purpurner Seide. Sie trug die Brillanten ihrer Mutter und unterhielt sich angeregt mit Walter von Ulrich.

Fitz und Maud hatten einander immer nahegestanden. Ihr Vater war für die beiden wie ein tapferer Ritter gewesen, der in fernen Landen kämpfte, und ihre Mutter dessen unglückliches Edelfräulein. Deshalb hatten Bruder und Schwester die Zuneigung, die sie brauchten, hauptsächlich vom jeweils anderen erhalten. Nach dem Tod der Eltern hatten sie sich noch fester aneinandergeklammert und gemeinsam getrauert. Fitz war damals achtzehn gewesen und hatte versucht, seine kleine Schwester vor der grausamen Welt zu schützen. Im Gegenzug hatte sie ihn angebetet. Erst als Erwachsene war sie ein Freigeist geworden, der Fitz’ Autorität als Familienoberhaupt zunehmend entglitten war. Allerdings hatte sich die gegenseitige Zuneigung der Geschwister bis jetzt als stark genug erwiesen, um ihre Differenzen zu überbrücken.

Soeben lenkte Maud die Aufmerksamkeit Walters auf einen Amor aus Bronze. Anders als Fitz kannte sie sich mit solchen Dingen aus. Fitz betete, dass sie den ganzen Abend über Kunst redete und das Thema Frauenrechte gar nicht erst aufs Tapet brachte. George V. konnte Liberale nicht ausstehen, das wusste jeder. Monarchen waren in der Regel ohnehin konservativ, aber äußere Ereignisse hatten Georges Antipathie noch verschärft, war er doch mitten in einer politischen Krise auf den Thron gekommen. Gegen seinen Willen hatte er wegen der antimonarchistischen Umtriebe des liberalen Premierministers H. H. Asquith – dem die öffentliche Meinung obendrein den Rücken stärkte – die Macht des Oberhauses eingrenzen müssen. Diese Demütigung ging dem König noch heute nach. Er wusste, dass Fitz als Vertreter der Konservativen im Oberhaus bis zur letzten Patrone gegen die sogenannte Reform gekämpft hatte, doch wenn Maud dem König heute Abend mit ihrem Suffragetten-Unsinn auf die Nerven ging, würde er es Fitz niemals verzeihen.

Walter war ein junger Diplomat; sein Vater gehörte zu den ältesten Freunden des deutschen Kaisers. Auch Robert von Ulrich besaß gute Beziehungen: Er stand dem Erzherzog Franz Ferdinand nahe, dem Thronerben der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Ein weiterer Gast, der in gehobenen Kreisen verkehrte, war der hochgewachsene junge Amerikaner, der sich gerade mit der Herzogin unterhielt. Er hieß Gus Dewar; sein Vater, ein Senator, war ein enger Berater des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Fitz fand, seine Sache gut gemacht zu haben, indem er diese Gruppe junger Männer auf Ty Gwyn versammelt hatte – die Regierungselite der Zukunft. Er war guter Hoffnung, dass der König zufrieden mit ihm war.

Gus Dewar war liebenswürdig, aber ungelenk. Er ging leicht gebückt, als wäre er lieber kleiner und weniger auffällig gewesen, und er schien ein bisschen unsicher zu sein, doch er behandelte jeden mit ausgewählter Höflichkeit. »Das amerikanische Volk sorgt sich mehr um seine inneren Angelegenheiten als um Außenpolitik«, sagte er soeben zur Herzogin. »Aber Präsident Wilson ist ein Liberaler, und als solcher wird er eher mit Demokratien wie Frankreich und Großbritannien sympathisieren, weniger mit autoritären Monarchien wie Österreich-Ungarn und Deutschland.«

In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren. Stille breitete sich aus, als König und Königin eintraten. Fürstin Bea machte einen Hofknicks, Fitz verbeugte sich, und alle anderen taten es ihnen gleich. Ein paar Sekunden lang herrschte verlegenes Schweigen, denn niemand durfte reden, ehe das Königspaar das Wort ergriffen hatte. Schließlich sagte der König zu Bea: »Ich war vor zwanzig Jahren schon einmal in diesem Haus, wissen Sie«, woraufhin die Anwesenden sich ein wenig entspannten.

George V. war ein adretter Mann, bemerkte Fitz, während er und seine Gemahlin mit dem Königspaar parlierten. Sein Bart war säuberlich geschnitten und sein Haar wich zurück, bedeckte seinen Kopf aber noch ausreichend, um es mit einem Scheitel zu teilen, der wie mit dem Lineal gezogen aussah. Die eng anliegende Abendkleidung betonte seine schlanke Figur: Anders als sein Vater, Edward VII., war er kein Feinschmecker. George entspannte sich bei Hobbys, die Präzision verlangten: Er sammelte Briefmarken und sortierte sie peinlich genau in Alben, ein Zeitvertreib, den die respektlosen Londoner Intellektuellen mit Spott bedachten.

Die Königin, Tochter eines deutschen Herzogs, war eine stattlichere Erscheinung. Ihre Locken ergrauten, und ihr Mund wirkte ein wenig verkniffen. Sie hatte üppige Brüste, die durch den modischen, außerordentlich tiefen Ausschnitt sehr gut zur Geltung kamen. Ursprünglich war sie mit Georges älterem Bruder Albert verlobt gewesen, der aber vor der Hochzeit an einer Lungenentzündung gestorben war. Als George Thronfolger wurde, übernahm er auch die Verlobte seines Bruders, ein Arrangement, das von einigen Zeitgenossen als ein wenig mittelalterlich bezeichnet wurde.

Bea war ganz in ihrem Element. Sie war in betörende rosa Seide gehüllt und hatte ihre hellen Locken so gelegt, dass diese ein klein wenig durcheinander aussahen, so als hätte sie sich gerade aus einem verbotenen Kuss mit einem heimlichen Liebhaber gelöst. Sie sprach angeregt mit dem König. Sie wusste, dass George V. leeres Geschwätz nicht ausstehen konnte; so erzählte sie ihm, wie Peter der Große die russische Marine aufgebaut hatte, und Seine Majestät nickte interessiert.

Peel erschien in der Tür zum Speisesaal, einen erwartungsvollen Ausdruck im sommersprossigen Gesicht. Er suchte Fitz’ Blick und nickte betont. Fitz fragte die Königin: »Darf ich Eure Majestät zum Essen führen?«

Sie hielt ihm den Arm hin. Hinter ihnen reihte sich der König ein, Arm in Arm mit Bea. Die übrigen Gäste stellten sich dem Rang nach in Paaren auf. Als alles bereit war, schritt die Gesellschaft in einer langen Prozession in den Speisesaal.

»Wie schön«, sagte die Königin, als sie den Tisch erblickte.

»Danke«, erwiderte Fitz und stieß einen leisen Seufzer der Erleichterung aus. Bea hatte großartige Arbeit geleistet. Drei Kronleuchter hingen tief über der langen Tafel. Ihr Licht spiegelte sich in den Kristallgläsern, die an jedem Platz standen. Das Besteck war aus Gold, ebenso die Salz- und Pfefferstreuer, sogar die kleinen Schachteln mit Streichhölzern für die Raucher. Das weiße Tischtuch war mit Treibhausrosenblättern bestreut, und als besondere Note hatte Bea zierlichen Farn an den Kronleuchtern befestigen lassen, der bis zu den Pyramiden aus Weinbeeren auf den goldenen Servierplatten hinunterhing.

Alle nahmen Platz, und der Bischof sprach das Tischgebet. Fitz wurde ruhiger. Einer Wochenendgesellschaft, die einen guten Anfang nahm, war meist auch ein erfolgreicher Verlauf beschieden. Und wenn den Leuten Wein und Speisen vorgesetzt wurden, neigten sie nicht so schnell dazu, an irgendetwas herumzumäkeln.

Das Menü begann mit russischen Vorspeisen, eine Verbeugung vor Beas Heimatland: kleine Blini mit Kaviar und Sahne, dreieckig geschnittenes Toastbrot mit Räucherfisch, Cracker mit eingelegtem Hering, alles heruntergespült mit Perrier-Jouët 1892, der genau so mild und köstlich war, wie Peel es versprochen hatte. Fitz hielt den Butler im Auge und Peel den König. Kaum legte Seine Majestät das Besteck nieder, als Peel auch schon dessen Teller fortnahm, was das Zeichen für die Diener war, den Rest abzuräumen. Wer noch beim Essen war, musste aus Ehrerbietung seinen Teller hergeben.

Es folgte die Suppe, ein Pot-au-feu, der mit einem guten trockenen Oloroso-Sherry aus Sanlúcar de Barrameda serviert wurde. Der Fisch war Seezunge, begleitet von einem ausgereiften Meursault Charmes. Zu den Medaillons aus walisischem Lamm hatte Fitz den Château Lafite 1875 ausgesucht – der 1870er war immer noch nicht trinkbar. Der gleiche Rotwein wurde auch zu dem Gänseleber-Parfait gereicht, das auf die Medaillons folgte, und dem letzten Fleischgang, Wachteln mit Trauben im Teigmantel.

Niemand aß alles auf. Die Herren verzehrten nur, was sie mochten, und ließen den Rest unbeachtet. Die Damen pickten an einer oder zwei Speisen. Viele Teller gingen unberührt in die Küche zurück.

Es folgten Salat, ein süßes Dessert, eine pikante Nachspeise sowie Petits Fours. Schließlich schaute Fürstin Bea mit diskret erhobener Augenbraue die Königin an, die den Blick mit einem beinahe unmerklichen Nicken beantwortete. Beide erhoben sich. Stühle rumpelten, als daraufhin alle anderen aufstanden und warteten, bis die Damen den Raum verlassen hatten.

Die Männer setzten sich wieder, die Diener brachten Zigarren, und Peel stellte eine Karaffe mit 1847er Ferreira-Port in Reichweite des Königs. Fitz paffte dankbar an einer Zigarre. Alles war gut gelaufen. George V. war bekanntermaßen ungesellig und fühlte sich nur mit alten Schiffskameraden aus seiner glücklichen Zeit bei der Marine wohl. An diesem Abend jedoch war er charmant gewesen, und nichts war schiefgegangen. Selbst die Orangen waren rechtzeitig eingetroffen.

Fitz hatte zuvor mit Sir Alan Tite gesprochen, dem königlichen Kammerherrn, einem Heeresoffizier außer Dienst mit altmodischen Koteletten. Sie hatten sich geeinigt, dass der König am nächsten Tag mit den männlichen Gästen, die durchweg intime Einblicke in die Regierungsgeschäfte eines bestimmten Landes besaßen, jeweils eine Stunde lang unter vier Augen konferieren würde. Am heutigen Abend wollte Fitz mit einem allgemeinen Gespräch über Politik erst einmal das Eis brechen. Er räusperte sich und sprach Walter von Ulrich an. »Walter, wir beide sind seit fünfzehn Jahren befreundet, seit unserer gemeinsamen Zeit in Eton.« Er blickte Robert an. »Und deinen Cousin kenne ich aus Studentenzeiten, als wir drei uns in Wien eine Wohnung geteilt haben.« Robert nickte lächelnd. Fitz mochte sie beide. Robert war Traditionalist wie er selbst, während der weltmännische Walter den neuen politischen Strömungen ein wenig aufgeschlossener gegenüberstand. »Nun aber müssen wir feststellen«, fuhr Fitz fort, »dass alle Welt über einen Krieg zwischen unseren Nationen spricht. Könnte es tatsächlich zu einer solchen Tragödie kommen?«

»Wenn allein schon Kriegsgerede zu einer bewaffneten Auseinandersetzung führen kann, dann ja«, antwortete Walter. »Dann wird es Krieg geben, denn jeder bereitet sich darauf vor. Aber gibt es einen erkennbaren Grund? Ich sehe keinen.«

Gus Dewar hob zögernd die Hand. Fitz mochte den Mann, obwohl er liberale Ansichten vertrat. Außerdem hatte er gute Manieren und war zurückhaltend, wo man den Amerikanern doch Aufdringlichkeit nachsagte. Allerdings war er erschreckend gut informiert. Dewar sagte: »Großbritannien und Deutschland haben viele Gründe, sich in die Haare zu geraten.«

Walter fragte: »Würden Sie mir ein Beispiel nennen?«

Gus blies Zigarrenrauch aus. »Das Flottenwettrüsten.«

Walter nickte. »Mein Kaiser steht auf dem Standpunkt, dass kein gottgegebenes Gesetz besagt, die deutsche Flotte müsse auf ewig kleiner bleiben als die britische.«

Fitz blickte nervös zum König. George V. liebte die Royal Navy und konnte an solchen Worten leicht Anstoß nehmen. Andererseits war Kaiser Wilhelm II. sein Cousin. Georges Vater und Wilhelms Mutter waren Bruder und Schwester gewesen, beide Kinder der Königin Viktoria. Fitz sah mit Erleichterung, dass Seine Majestät nachsichtig lächelte.

Walter fuhr fort: »Das hat in der Vergangenheit zu Reibungen geführt, aber wir sind uns seit nunmehr zwei Jahren einig – inoffiziell natürlich –, welche relative Größe unsere Flotten haben sollen.«

»Und was ist mit wirtschaftlicher Rivalität?«, fragte Dewar.

»Es stimmt schon, dass Deutschland mit jedem Tag wohlhabender wird und vielleicht bald mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten gleichzieht, was die Wirtschaftsleistung angeht. Aber warum sollte das ein Problem darstellen? Deutschland ist einer der besten Kunden Großbritanniens. Je mehr wir ausgeben können, desto mehr kaufen wir. Unsere wirtschaftliche Stärke ist ein Gewinn für die britischen Fabrikanten.«

Dewar versuchte es erneut. »Es heißt, dass Deutschland mehr Kolonien verlangt.«

Wieder blickte Fitz den König an und fragte sich, ob es ihm etwas ausmachte, wie sehr die beiden das Gespräch an sich zogen; doch Seine Majestät verfolgte offenbar gebannt die Unterhaltung.

Walter sagte: »Gewiss, um Kolonien wurden schon Kriege geführt, besonders in Ihrem Heimatland, Mr. Dewar. Doch heute dürften wir imstande sein, solche Streitigkeiten zu schlichten, ohne die Waffen sprechen zu lassen. Vor drei Jahren haben Deutschland, Großbritannien und Frankreich um Marokko gestritten, aber der Konflikt wurde beigelegt, ohne dass es zum Krieg gekommen wäre. In jüngerer Zeit sind Großbritannien und Deutschland in der schwierigen Frage der Bagdadbahn zu einer friedlichen Einigung gelangt. Wenn wir einfach so weitermachen wie bisher, wird niemand einen Krieg vom Zaun brechen.«

Dewar entgegnete: »Würden Sie mir verzeihen, wenn ich den Begriff des deutschen Militarismus in die Diskussion einwerfe?«

Das war ziemlich starker Tobak, und Fitz verzog gequält das Gesicht. Walter errötete, antwortete jedoch ungerührt: »Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen. Das Deutsche Reich wird von den Preußen dominiert, die ein wenig die Rolle der Engländer im Vereinten Königreich Ihrer Majestät spielen.«

Es war gewagt, Großbritannien mit Deutschland und England mit Preußen zu vergleichen. Fitz musterte Walter unbehaglich: Er hatte die Grenzen dessen erreicht, was in einem höflichen Gespräch statthaft war.

Walter fuhr fort: »Die Preußen haben eine große militärische Tradition, aber sie ziehen nicht ohne Grund in einen Krieg.«

Dewar entgegnete skeptisch: »Dann hegt Deutschland keine Kriegsabsichten?«

»Ganz recht«, sagte Walter. »Ich könnte Ihnen sogar darlegen, wieso Deutschland als einzige Großmacht auf dem europäischen Festland als friedfertig gelten darf.«

Am Tisch erhob sich erstauntes Gemurmel, und Fitz sah, wie der König die Brauen hob. Dewar lehnte sich überrascht zurück und fragte: »Wie kommen Sie darauf?«

Walters tadelloses Auftreten und sein liebenswürdiger Tonfall nahmen seinen provokanten Worten den Stachel. »Betrachten wir zunächst Österreich«, sagte er. »Mein Wiener Cousin Robert wird nicht bestreiten, dass die Donaumonarchie ihre Grenzen gern nach Südosten ausdehnen würde.«

»Aber nicht ohne Grund«, warf Robert ein. »Dieser Teil der Welt, den die Briten den Balkan nennen, gehörte jahrhundertelang zum Osmanischen Reich. Aber die türkische Herrschaft ist zerbröckelt, und jetzt ist der Balkan instabil. Der österreichische Kaiser hält es für seine heilige Pflicht, dort Ordnung und Christentum aufrechtzuerhalten.«

»So ist es«, sagte Walter. »Aber auch Russland wünscht Gebietszuwachs im Balkan.«

Fitz hielt es für seine Pflicht, die russische Regierung in Schutz zu nehmen – vielleicht Beas wegen. »Dafür gibt es gute Gründe«, sagte er. »Die Hälfte des russischen Außenhandels geht über das Schwarze Meer und gelangt durch die Dardanellen ins Mittelmeer. Russland kann nicht zulassen, dass eine andere Großmacht die Dardanellen beherrscht, indem sie Gebiete in den östlichen Balkanländern erwirbt. Dadurch würde sich der russischen Wirtschaft eine Schlinge um den Hals legen.«

»In der Tat«, pflichtete Walter ihm bei. »Und wenn wir nun einen Blick auf das westliche Ende Europas werfen, auf Frankreich, so besteht dort der Wunsch, Deutschland Elsass-Lothringen wegzunehmen …«

Augenblicklich stieß der französische Gast, Jean-Pierre Charlois, den Kopf vor. »Das Frankreich vor dreiundvierzig Jahren geraubt wurde!«

»Lassen Sie uns nicht darüber streiten«, erwiderte Walter. »Einigen wir uns darauf, dass Elsass-Lothringen im Jahre 1871, nach der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg, dem Deutschen Reich beigetreten ist. Ob es nun geraubt wurde oder nicht, Monsieur le Comte – Fakt ist, dass Frankreich dieses Territorium zurückhaben will.«

»Allerdings.« Der Franzose lehnte sich zurück und nippte an seinem Portwein.

»Und Italien würde Österreich gerne die Gebiete von Trentino abnehmen …«

»Wo die meisten Menschen Italienisch sprechen!«, rief Signor Falli.

»… und dazu den Großteil der dalmatischen Küste …«

»Voller venezianischer Löwen, katholischer Kirchen und römischer Säulen!«

»… und Tirol, eine Provinz, in der die meisten Menschen Deutsch sprechen und die auf eine lange autonome Geschichte zurückblicken kann.«

»Eine strategische Notwendigkeit.«

»Natürlich.«

Fitz erkannte, wie geschickt Walter vorging. Ohne grob zu werden, nur durch diskrete Provokation, hatte er die Vertreter jeder Nation angestachelt, in mehr oder weniger feindseligem Ton die territorialen Ambitionen ihrer Länder einzugestehen.

»Aber wo strebt Deutschland neues Territorium an?«, fragte Walter. Er blickte sich am Tisch um, doch niemand antwortete. »Nirgendwo«, sagte er triumphierend. »Und das einzige andere mächtige Land in Europa, das Gleiches von sich behaupten kann, ist Großbritannien!«

Gus Dewar reichte die Portweinkaraffe weiter und sagte in seinem schleppenden amerikanischen Tonfall: »Ich schätze, das stimmt.«

»Warum also, mein alter Freund Fitz, sollten wir dann in den Krieg ziehen?«, fragte Walter.

***

Am Sonntagmorgen ließ Lady Maud vor dem Frühstück Ethel zu sich bestellen.

Ethel musste einen verärgerten Seufzer unterdrücken. Sie hatte so viel zu tun. Noch war es früh, aber das Personal schuftete bereits. Ehe die Gäste aufstanden, mussten die wichtigsten Räume – der Speisesaal, der Morgensalon und die kleineren allgemein zugänglichen Zimmer – gereinigt und aufgeräumt werden. Sämtliche Kamine waren zu kehren, die Feuer wieder zu entfachen und die Kohleneimer neu zu befüllen. Ethel überprüfte gerade, ob der Blumenschmuck im Billardzimmer noch frisch genug war, als sie gerufen wurde. Sosehr sie Fitz’ radikal gesinnte Schwester mochte, sie hoffte sehr, dass Lady Maud keinen zeitraubenden Auftrag für sie hatte.

Als Ethel mit dreizehn Jahren auf Ty Gwyn angefangen hatte, waren ihr die Fitzherberts und deren Gäste gar nicht wie wirkliche Menschen erschienen, eher wie Gestalten aus einem Roman oder wie Angehörige fremdartiger Völker aus der Bibel, Hethiter vielleicht, und jagten ihr Furcht ein. Sie hatte Angst, Fehler zu begehen und ihre Anstellung zu verlieren; zugleich fand sie es unglaublich spannend, solche fremdartigen Geschöpfe aus der Nähe zu beobachten.

Eines Tages befahl ihr ein Küchenmädchen, nach oben ins Billardzimmer zu gehen und den Tantalus herunterzuholen. Ethel war zu schüchtern, um zu fragen, was ein Tantalus sei. So ging sie ins Billardzimmer und schaute sich um in der Hoffnung, es wäre etwas Offensichtliches wie ein Tablett mit schmutzigem Geschirr. Sie entdeckte jedoch nichts, das nach unten zu gehören schien. Als Maud hereinkam, fand sie Ethel in Tränen aufgelöst.

Maud war damals eine schlaksige Fünfzehnjährige, eine Frau in den Kleidern eines Mädchens, unglücklich und aufsässig. Erst später sollte Maud ihrem Leben einen Sinn geben, indem sie ihre Unzufriedenheit in einen Kreuzzug verwandelte. Doch schon mit fünfzehn war sie ein Mensch, dessen Mitgefühl leicht zu wecken war und der empfindlich auf Ungerechtigkeit und Unterdrückung reagierte.

Sie fragte Ethel, was los sei. Der Tantalus erwies sich als ein silberner Ständer für Brandy- und Whiskyflaschen. Sein Name kam daher, dass er abgeschlossen werden konnte, damit die Dienstboten sich nicht heimlich einen Schluck zu Gemüte führten, erklärte Maud: Wie der arme Tantalus aus der griechischen Mythologie sähen sie vor sich, was sie begehrten, und kämen trotzdem nicht heran. Ethel dankte Maud von Herzen. Es war die erste von vielen Freundlichkeiten, die Maud ihr noch erweisen sollte, und Ethel hatte das ältere Mädchen immer bewundert.

Nun ging sie zu Mauds Zimmer, klopfte an und trat ein. Die Gardeniensuite zeichnete sich durch kunstvolle Blumentapeten aus, die in einem Stil gehalten waren, der um die Jahrhundertwende aus der Mode gekommen war. Vom Erkerfenster hatte man einen Blick auf den bezauberndsten Teil von Fitz’ Garten, den Westweg, einen langen geraden Pfad, der durch Blumenbeete zu einem Sommerhaus führte.

Maud zog sich gerade Schuhe an, wie Ethel mit ungutem Gefühl beobachtete. »Ich gehe spazieren und brauche Sie als Anstandsdame«, sagte Maud. »Helfen Sie mir mit meinem Hut, und erzählen Sie mir den neuesten Klatsch.«

Ethel fehlte die Zeit, aber so lästig es ihr war, so neugierig war sie auch. Mit wem würde Maud spazieren gehen? Wo war Tante Herm, ihre Anstandsdame? Und warum setzte sie den schönen Hut auf, wenn sie nur in den Garten wollte? Ob da ein Mann im Spiel war?

Während sie den Hut an Mauds dunklem Haar feststeckte, raunte Ethel: »Heute Morgen gab es unter den Bediensteten einen kleinen Skandal!« Maud sammelte Klatsch wie der König Briefmarken. »Morrison ist erst um vier Uhr morgens ins Bett gegangen! Er ist einer der Diener – groß, mit blondem Schnurrbart.«

»Ich kenne Morrison. Und ich weiß, wo er die Nacht verbracht hat …« Maud zögerte.

Ethel wartete einen Augenblick; dann fragte sie: »Wollen Sie es mir nicht sagen?«

»Sie wären schockiert.«

Ethel grinste. »Umso besser.«

»Er hat die Nacht mit Robert von Ulrich verbracht.« Maud warf einen Blick auf Ethels Abbild im Spiegel der Frisierkommode. »Sind Sie jetzt geschockt?«

Ethel war fasziniert. »Also wirklich, das hätte ich nie gedacht! Ich wusste, dass Morrison nicht gerade ein Weiberheld ist, aber ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass er … so einer sein könnte, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Na, Robert ist mit Sicherheit so einer. Beim Abendessen habe ich mehrmals beobachtet, wie er Blickkontakt zu Morrison gesucht hat.«

»Mein Gott, und das vor dem König! Woher wissen Sie das über Robert eigentlich?«

»Walter hat es mir erzählt.«

»Wie kann ein Gentleman mit einer Dame über solche Dinge reden! Sie erfahren aber auch wirklich alles. Was erzählt man denn so in London?«

»Mr. Lloyd George ist in aller Munde.«

David Lloyd George war der Schatzkanzler der Regierung Asquith, der Finanzminister Großbritanniens. Er stammte aus Wales und war ein feuriger Redner, der dem linken Flügel angehörte. Ethels Dah sagte oft, Lloyd George sollte eigentlich der Labour Party angehören. Während des Bergarbeiterstreiks von 1912 hatte er sogar davon gesprochen, die britischen Bergwerke zu verstaatlichen. »Was sagt man denn über ihn?«, fragte Ethel.

»Dass er eine Mätresse hat.«

»Nein!« Diesmal war Ethel ehrlich schockiert. »Aber er ist doch als Baptist erzogen worden!«

Maud lachte. »Wäre es weniger ungeheuerlich, wenn er Anglikaner wäre?«

»Aber ja!« Ethel verkniff sich, ein selbstverständlich hinzuzufügen. »Wer ist sie?«

»Frances Stevenson. Sie ist als Gouvernante seiner Tochter ins Haus gekommen – eine kluge Frau mit einem Abschluss in klassischer Altertumskunde. Jetzt ist sie seine Privatsekretärin.«

»Skandalös!«

»Er nennt sie Pussy.«

Ethel wäre beinahe errötet. Sie wusste nicht, was sie darauf entgegnen sollte. Maud erhob sich, und Ethel half ihr in den Mantel. Sie fragte: »Was ist denn mit seiner Frau Margaret?«

»Sie ist mit den vier Kindern hier in Wales.«

»Es waren fünf, aber eins ist gestorben. Die arme Frau.«

Maud war nun zum Aufbruch bereit. Die beiden Frauen stiegen die große Treppe hinunter. In der Halle wartete Walter von Ulrich in einem langen dunklen Mantel. Er hatte einen kleinen Schnurrbart und funkelnde blaue Augen. Auf zugeknöpft deutsche Art wirkte er sehr flott, fand Ethel; die Sorte Mann, die sich verbeugte, die Hacken zusammenknallte und einem dann zuzwinkerte. Deshalb also wollte Maud nicht Lady Herm als Anstandsdame.

»Williams hat hier angefangen, als ich noch ein junges Mädchen war«, sagte Maud zu Walter. »Seitdem sind wir Freundinnen.«

Ethel mochte Maud, aber die Behauptung, sie wären Freundinnen, ging ihr ein wenig zu weit. Maud war freundlich, und Ethel bewunderte sie; trotzdem blieben sie Herrin und Dienerin. Wahrscheinlich hatte Maud mit ihrer Bemerkung sagen wollen, dass man Ethel vertrauen konnte.

Walter wandte sich mit jener ausgesuchten Höflichkeit an Ethel, die Angehörige der Oberschicht an den Tag legten, wenn sie mit Menschen sprachen, die gesellschaftlich unter ihnen standen. »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Williams. Wie geht es Ihnen?«

»Vielen Dank, Sir. Ich hole rasch meinen Mantel.«

Ethel eilte nach unten. So ungern sie spazieren ging, während der König auf Ty Gwyn weilte – sie wäre lieber in der Nähe geblieben und hätte die Hausmädchen beaufsichtigt –, sie konnte sich nicht weigern.

In der Küche setzte Nina, Fürstin Beas Zofe, russischen Tee für ihre Herrin auf. Ethel sprach ein Zimmermädchen an. »Herr Walter ist aufgestanden. Du kannst das Graue Zimmer machen.« Sobald die Gäste sich zeigten, mussten die Zimmermädchen in die Schlafräume, um diese zu reinigen, die Betten zu machen, die Nachttöpfe zu leeren und frisches Wasser zum Waschen bereitzustellen. Ethel entdeckte Peel, den Butler, der Teller zählte. »Schon Bewegung oben?«, fragte sie ihn.

»Neunzehn, zwanzig …«, zählte Peel zu Ende, ehe er antwortete: »Mr. Dewar hat nach heißem Wasser zum Rasieren geklingelt, und Signor Falli wünscht Kaffee.«

»Lady Maud möchte, dass ich mit ihr nach draußen gehe.«

»Das passt aber gar nicht«, erwiderte Peel gereizt. »Sie werden im Haus gebraucht.«

Das wusste Ethel selbst. »Was soll ich denn tun, Mr. Peel? Soll ich ihr vielleicht sagen, sie soll zusehen, wie sie allein klarkommt?«

»Sparen Sie sich Ihre Frechheiten. Kommen Sie so rasch zurück, wie es gehen tut.«

Als Ethel wieder nach oben ging, stand Gelert, der Hund des Earls, hechelnd an der Vordertür: Er hatte erraten, dass jemand spazieren gehen wollte, und sich zu Maud und Walter gesellt. Gemeinsam verließen alle das Haus und überquerten den Ostrasen zum Wald.

Walter sagte zu Ethel: »Ich nehme an, Lady Maud hat Sie zu einer Suffragette gemacht.«

»Es war genau andersherum«, warf Maud ein. »Ethel war die Erste, die mich mit liberalen Gedanken vertraut gemacht hat.«

»Das habe ich alles von meinem Vater«, sagte Ethel.

Ethel war klar, dass die beiden sich gar nicht mit ihr unterhalten wollten. Die Anstandsregeln untersagten ihnen, allein zu sein, doch sie wollten dem Alleinsein so nahekommen wie möglich. Ethel rief Gelert; dann rannte sie voraus. Indem sie mit dem Hund spielte, verschaffte sie Maud und Walter die Freiheiten, auf die beide wahrscheinlich aus waren. Als Ethel einen kurzen Blick zurückwarf, sah sie, dass Maud und Walter sich bei den Händen hielten.

Maud hat es aber eilig, ging es Ethel durch den Kopf. Erst gestern noch hatte sie gesagt, sie habe Walter zehn Jahre lang nicht gesehen. Und selbst damals hatte es keine Romanze gegeben, nur eine beiderseitige Anziehung. Gestern Abend musste irgendetwas geschehen sein. Vielleicht hatten sie lange beisammengesessen und geredet. Maud flirtete mit jedem – auf diese Art und Weise holte sie aus den Leuten heraus, was sie wissen wollte –, aber das hier war eindeutig ernster.

Ethel hörte, wie Walter ein Lied anstimmte. Maud fiel ein; dann hielten sie beide inne und lachten. Maud liebte die Musik und spielte ziemlich gut Klavier, ganz anders als Fitz, der keinerlei Sinn dafür besaß. Anscheinend war auch Walter ein musikalischer Mensch. Seine Stimme war ein angenehmer heller Bariton, den man, überlegte Ethel, in der Bethesda-Kapelle sehr zu schätzen gewusst hätte.

Ihre Gedanken schweiften zu ihrer Arbeit. Vor keiner einzigen Schlafzimmertür hatte sie geputzte Schuhe stehen sehen, also musste sie den Putzjungen Beine machen. Missmutig fragte sie sich, wie spät es war. Wenn es noch viel länger so ging, müsste sie darauf bestehen, zum Haus zurückzukehren.

Sie blickte wieder zu dem Paar, doch Walter und Maud waren verschwunden. Waren sie stehen geblieben, oder hatten sie sich in eine andere Richtung davongemacht? Ethel wartete ein, zwei Minuten, hatte aber nicht den ganzen Morgen Zeit; daher ging sie auf dem gleichen Weg zwischen den Bäumen zurück, den sie gekommen waren.

Im nächsten Moment sah Ethel die beiden. Sie lagen einander in den Armen und küssten sich leidenschaftlich. Walter hatte die Hände auf Mauds Hinterteil gelegt und drückte sie an sich. Ihre Münder waren offen, und Maud stöhnte vor Wonne.

Ethel starrte sie an. Sie fragte sich, ob ein Mann sie jemals so küssen würde. Spotty Llewellyn hatte sie mal während eines Ausflugs der Kirchengemeinde an den Strand geküsst, aber nicht mit offenem Mund, und ohne sich an sie zu pressen, und zum Stöhnen gebracht hatte er sie ganz bestimmt nicht. Little Dai Chops, der Sohn des Fleischers, hatte ihr im Kino von Cardiff mal die Hand unter den Rock gesteckt, aber sie hatte sie nach ein paar Sekunden weggeschoben. Ein bisschen verknallt gewesen war sie in Llewellyn Davies, den Sohn eines Schullehrers, der viel über die liberale Regierung gesprochen und ihr gesagt hatte, sie habe Brüste wie warme Vogeljunge in einem Nest; doch Llewellyn war aufs College gegangen und hatte ihr nie geschrieben. Bei jedem dieser jungen Männer war Ethel neugierig gewesen – und vor allem auf mehr gespannt –, aber nie war es so leidenschaftlich geworden wie bei Maud. Ethel beneidete sie.

Plötzlich winselte Gelert und drehte sich im Kreis, den Schwanz zwischen den Beinen.

Im nächsten Moment spürte Ethel, wie die Erde zitterte, als würde ein Expresszug vorbeidonnern, doch das Eisenbahngleis endete in einer Meile Entfernung.

Maud öffnete die Augen, sah Ethel und löste sich von Walter. Sie runzelte die Stirn und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, als sie alle einen Knall hörten, so laut wie ein Donnerschlag.

»Was war das, um Himmels willen?«, fragte Maud.

Ethel wusste es.

Sie schrie auf und rannte los.

***

Billy Williams und Tommy Griffiths butterten.

Sie arbeiteten in einem Flöz, der Four Foot Coal hieß, nur sechshundert Yards tief, längst nicht so weit unten wie die Hauptsohle. Das Flöz war in fünf Abschnitte unterteilt, jedes nach einer britischen Rennbahn benannt; die beiden Freunde arbeiteten im Ascot – jenem Abschnitt, der dem Schacht Pyramus am nächsten lag. Beide arbeiteten als Schlepper, als Helfer für ältere Bergleute. Der Hauer schlug mit seiner Keilhaue, einer Hacke mit geradem Blatt, die Kohle vom Flöz ab, und sein Schlepper schaufelte sie in einen Hunt. Wie immer hatten sie um sechs Uhr morgens angefangen; jetzt, zwei Stunden später, machten sie die erste Pause. Den Rücken an die Streckenwand gelehnt, saßen sie auf dem feuchten Boden, ließen sich vom sanften Hauch der Bewetterung kühlen und tranken lauwarmen Tee aus ihren Blechflaschen.

Tommy und Billy waren 1898 geboren, beide am gleichen Tag. In nur sechs Monaten wurden sie sechzehn. Die Unterschiede in ihrer körperlichen Entwicklung, die Billy mit dreizehn noch so verlegen gemacht hatten, waren verschwunden. Nun waren sie junge Männer mit breiten Schultern und starken Armen, und sie rasierten sich einmal die Woche, ob es nötig war oder nicht. Sie trugen nur Unterhosen und Schuhe, und beide waren schwarz von Schweiß und Kohlenstaub. Im trüben Lampenlicht schimmerten ihre Körper wie Ebenholzstatuen heidnischer Götter. Nur ihre Lederkappen machten diesen Eindruck zunichte.

Die Arbeit war schwer, aber sie kannten es nicht anders. Sie beklagten sich noch nicht über Rückenschmerzen und steife Gelenke wie die älteren Kumpel; sie hatten Energie im Überschuss. Sogar an freien Tagen suchten sie sich ähnlich anstrengende Beschäftigungen und spielten Rugby, gruben Blumenbeete um oder boxten mit bloßen Fäusten im Schuppen hinter dem Two Crowns.

Billy hatte die Mutprobe, der Rhys Price ihn vor drei Jahren unterzogen hatte, noch nicht vergessen – im Gegenteil. Immer wenn er daran dachte, loderte Zorn in ihm auf. Er hatte sich geschworen, die Neuen niemals schlecht zu behandeln. Erst heute hatte er bei der Seilfahrt den kleinen Bert Morgan gewarnt: »Du musst darauf gefasst sein, dass die anderen dir einen Streich spielen. Vielleicht lassen sie dich ’ne Stunde lang im Dunkeln alleine, oder irgend so ein Blödsinn. Kleine Siege freuen kleine Geister.« Die älteren Männer im Korb hatten Billy angefunkelt, doch er hatte ihre Blicke fest erwidert: Er wusste, dass er recht hatte, und sie wussten es auch.

Mam war damals, vor drei Jahren, noch wütender gewesen als Billy. Sie baute sich mitten in der Stube vor Dah auf, die Hände in die Hüften gestemmt, und fuhr ihn mit blitzenden Augen an: »Sag mir, wie es dem Willen Gottes dienen kann, wenn man kleine Jungen quält?«

»Das verstehst du nicht, du bist eine Frau«, hatte Dah erwidert – eine für seine Verhältnisse ungewöhnlich lahme Antwort.

Billy war der Ansicht, die Welt im Allgemeinen und die Zeche von Aberowen im Besonderen wären besser dran, würden alle Menschen ein gottesfürchtiges Leben führen. Tommy, dessen Vater Atheist und Schüler von Karl Marx war, vertrat die Meinung, der Kapitalismus würde sich bald selbst vernichten und dass es dazu nur ein wenig Hilfe seitens der revolutionären Arbeiterklasse bräuchte. Die beiden Jungen stritten oft darüber, was ihrer Freundschaft jedoch keinen Abbruch tat.

»Sieht dir gar nicht ähnlich, am Sonntag einzufahren«, sagte Tommy.

Er hatte recht. Die Grube machte Sonderschichten, um die gestiegene Nachfrage nach Kohle zu befriedigen, aber aus Respekt vor dem Glauben betonte Celtic Minerals, die Sonntagsschichten seien freiwillig. Obwohl Billy das Gebot, am Sonntag zu ruhen, normalerweise achtete, schuftete er heute unter Tage. »Ich glaube, der Herr möchte, dass ich ein Fahrrad bekomme«, sagte er.

Tommy lachte, doch Billy hatte es gar nicht als Scherz gemeint. Die Bethesda-Kapelle hatte in einem kleinen Dorf zehn Meilen entfernt eine Schwesterkirche eröffnet, und Billy gehörte zu jenen Gemeindemitgliedern aus Aberowen, die sich bereit erklärt hatten, jeden zweiten Sonntag den Berg zu überqueren und sich um die Pflege der neuen Gemeinde zu kümmern. Hätte er ein Fahrrad, könnte er auch unter der Woche abends dorthin und eine Bibelstunde halten oder einen Gebetskreis ins Leben rufen. Er hatte seinen Plan mit den Ältesten besprochen; sie hatten zugestimmt und erklärt, der Herr würde seinen Segen geben, wenn Billy ein paar Wochen lang auch am Sabbat einfuhr, um sich das Fahrrad anschaffen zu können.

Billy wollte es Tommy gerade erklären, als unter ihnen der Boden erbebte. Dann gab es einen Knall, als wäre das Ende der Welt gekommen, und ein schrecklicher Luftstoß riss Billy die Flasche aus der Hand.

Ihm stockte das Herz, als er daran dachte, dass sie sich eine halbe Meile unter Tage befanden und die Millionen Tonnen Erde und Stein über ihren Köpfen nur auf ein paar hölzernen Stempeln ruhten.

»Was war das, Teufel noch mal?«, fragte Tommy ängstlich.

Billy sprang auf, zitternd vor Furcht. Er hob seine Grubenlampe und spähte in beide Richtungen in die Strecke. Er sah keine Flammen, keinen fallenden Berg, nicht einmal mehr Staub als üblich. Als der Nachhall verebbt war, hörte er keinen Laut.

»Das war ’ne Schlagwetterexplosion«, sagte er mit bebender Stimme. Ein solches Unglück war der Albtraum aller Bergleute. Die plötzliche Freisetzung von Grubengas konnte durch herabstürzendes Gestein verursacht werden oder durch einen Hauer, der im Flöz eingeschlossenes Methan losschlug. Bemerkte niemand die Warnzeichen oder bildete das explosive Gemisch sich zu schnell, konnte es durch einen einzigen Funken gezündet werden, den der Huf eines Grubenponys schlug oder der an der elektrischen Glocke des Korbes entstand oder den ein verantwortungsloser Kumpel verursachte, der sich entgegen der Vorschriften eine Pfeife ansteckte.

Tommy fragte: »Aber wo?«

»Muss auf der Hauptsohle passiert sein, deshalb sind wir verschont geblieben.«

»Herr Jesus, hilf uns!«

»Das tut er«, sagte Billy, dessen Entsetzen bereits verebbte. »Vor allem, wenn wir uns selbst helfen.« Von den beiden Hauern, für die die Jungen geschaufelt hatten, war nichts zu sehen; sie hatten ihre Pause im Goodwood verbringen wollen. Billy und Tommy mussten ihre Entscheidungen allein treffen.

»Los, komm, zum Förderort!«, drängte Billy.

Sie zogen ihre Kleidung über, hakten sich die Lampen an die Gürtel und rannten zum Pyramus. Der Anschläger am Förderort, der für den Korb verantwortlich zeichnete, war Dai Chops. Soeben rief er voller Entsetzen: »Der Korb kommt nicht! Ich klingel und klingel, aber er tut einfach nicht kommen!«

Die Angst des Mannes war ansteckend, und Billy musste seine wieder aufflammende Panik niederkämpfen. »Was ist mit dem Telefon?«, fragte er. Der Anschläger verständigte sich mit dem Einweiser über Tage vermittels der Signale einer elektrischen Klingel, aber jüngst hatte man Fernsprechgeräte installiert, mit denen man die Amtsstube von Maldwyn Morgan, dem Bergwerksdirektor, erreichte.

»Keine Antwort«, sagte Dai.

»Lass mich mal versuchen.« Das Grubentelefon war neben dem Schacht an der Wand befestigt. Billy nahm den Hörer ab und drehte die Kurbel. »Komm schon, komm schon!«

Eine zittrige Stimme antwortete. »Ja?« Sie gehörte Arthur Llewellyn, dem Schreiber des Bergwerksdirektors.

»Spotty, hier ist Billy Williams«, rief Billy in den Sprechtrichter. »Wo steckt Mr. Morgan?«

»Nicht da. Was war das für ’n Knall?«

»Eine Schlagwetterexplosion, du Blödmann. Wo ist der Boss?«

»Er ist nach Merthyr gefahren«, antwortete Spotty in klagendem Tonfall.

»Was macht er denn da? Na, ist ja egal. Ich sag dir, was du tun musst. Hörst du mir zu, Spotty?«

»Ja.« Die Stimme war jetzt kräftiger.

»Zuerst schickst du wen zur Methodistenkirche und lässt Dai Crybaby ausrichten, er soll die Grubenwehr zusammenrufen.«

»Mach ich.«

»Dann rufst du das Hospital an und sagst, sie sollen einen Krankenwagen zur Hängebank schicken.«

»Ist jemand verletzt?«

»Bestimmt, nach so einem Knall. Und hol alle Leute vom Leseband. Sie sollen mit Wasserschläuchen kommen.«

»Wasserschläuche?«

»Der Staub tut noch brennen. Und ruf die Polizei an. Sag Geraint, es hat ’ne Explosion gegeben. Er wird dann Cardiff verständigen.« Mehr fiel Billy nicht ein. »Alles klar?«

»Alles klar.«

Billy hängte den Hörer in den Haken. »Auf der Hauptsohle gibt’s bestimmt Verletzte«, sagte er zu Dai Chops und Tommy. »Wir müssen da runter.«

»Können wir nicht«, sagte Dai. »Der Korb ist nicht da.«

»Aber im Schacht ist doch ’ne Leiter, oder?«

»Das sind zweihundert Yards bis dahin!«

»Wäre ich ein Waschlappen, wäre ich kein Bergmann.« Trotz seiner tapferen Worte hatte Billy Angst. Die Schachtleiter wurde selten benutzt, und niemand wusste, in welchem Zustand sie war. Wenn er abrutschte oder auf eine gebrochene Sprosse trat, konnte er in den Tod stürzen.

Dai öffnete das Gatter. Es rasselte und klirrte. Der Schacht war mit Ziegeln ausgekleidet, die feucht und schimmlig waren. Ein schmaler Sims verlief auf der Auskleidung außerhalb der hölzernen Fahrkorbführung. Klammern, in das Mauerwerk eingegossen, hielten eine Eisenleiter, die mit ihren dünnen Holmen und Sprossen wenig vertrauenerweckend aussah. Billy zögerte. Er bereute jetzt schon, den starken Mann markiert zu haben. Aber nun gab es kein Zurück mehr; er wäre blamiert gewesen. Er holte tief Luft, sprach ein stilles Gebet und trat auf den Sims.

Vorsichtig schob er sich bis zur Leiter voran. Er wischte sich die Hände an der Hose ab, packte die Holme, setzte den Fuß auf die erste Sprosse und stieg langsam hinunter. Das Eisen fühlte sich rau an, und unter seinen Händen lösten sich Rostflocken. An manchen Stellen waren die Klammern locker; dort rutschte und schwankte die Leiter, dass Billy der Angstschweiß ausbrach. Die Grubenlampe, die er sich an den Gürtel gehakt hatte, war hell genug, um die Sprossen unter ihm zu beleuchten, das Ende des Schachts aber zeigte sie ihm nicht. Vielleicht war es besser so.

Zu Billys Unglück ließ der Abstieg ihm Zeit zum Grübeln. Ihm fielen die zahllosen Möglichkeiten ein, wie man als Bergmann den Tod finden konnte. Von der Explosion getötet zu werden war ein gnädig schnelles Ende für die Glücklicheren. Andere erstickten, denn bei der Verbrennung des Grubengases entstand Kohlendioxyd, das man »Nachschwaden« nannte und das tödlich sein konnte. Wieder andere Kumpel waren von fallendem Berg erschlagen oder eingeschlossen worden und verblutet, ehe die Retter zu ihnen vorstießen. Manche waren verdurstet, während ihre Kumpel nur wenige Yards entfernt versucht hatten, sich einen Weg durch den Schutt zu bahnen.

Am liebsten wäre Billy nach oben in die Sicherheit geflohen, statt nach unten zu klettern, wo ihn wahrscheinlich Tod, Zerstörung und Chaos erwarteten.

»Bist du noch da, Tommy?«, rief er.

Tommys Stimme ertönte direkt über seinem Kopf. »Ja!«

Die Antwort stärkte Billys Mut. Er stieg schneller ab; sein Selbstvertrauen kehrte zurück. Bald sah er Licht, und wenig später hörte er ferne Stimmen. Rauch stieg ihm in die Nase.

Mit einem Mal war ein gespenstischer Lärm um ihn, ein schreckliches Schreien, Hämmern und Schrillen wie aus dem Fegefeuer, ein Getöse, aus dem Billy nicht schlau wurde und das ihm den Mut zu rauben drohte. Dann begriff er, dass er das panische Wiehern der Ponys hörte, die mit den Hufen gegen die Wände ihrer hölzernen Ställchen traten, aus denen sie vergeblich zu entkommen suchten. Doch das Begreifen nahm dem Getöse nichts von seiner Schrecklichkeit. Billy empfand genauso wie die armen Tiere.

Er erreichte die Hauptsohle, schob sich auf dem gemauerten Sims zur Seite, öffnete das Gatter von innen und gelangte auf den schlammigen Boden. Das trübe Licht unter Tage wurde durch Rauch noch mehr gedämpft, doch Billy konnte immerhin die Hauptstrecken erkennen.

Der Anschläger am Schachtende war Patrick O’Connor, ein Mann in mittleren Jahren, der bei einem Bergbruch eine Hand verloren hatte. Er war Katholik und wurde deshalb – wie konnte es anders sein – »Pat Pope« genannt. Pat starrte Billy ungläubig an. »Billy-with-Jesus!«, rief er. »Teufel auch! Wo kommst du denn her?«

»Vom Four Foot«, antwortete Billy. »Wir haben den Knall gehört.«

Tommy kletterte hinter Billy aus dem Schacht und fragte: »Was ist passiert, Pat?«

»Soweit ich’s sagen kann, ist die Explosion am anderen Ende von dieser Sohle gewesen, beim Thisbe«, antwortete Pat. »Der Steiger und die anderen tun nachsehen.« Er sprach mit ruhiger Stimme, doch seine Augen verrieten Verzweiflung.

Billy ging zum Telefon und drehte die Kurbel. Es dauerte nicht lange, und er hörte die Stimme seines Vaters. »Hier Williams, wer spricht?«

Billy stutzte. Was machte ein Gewerkschaftsfunktionär am Telefon der Grubenleitung? Andererseits, bei einem Notfall war alles möglich. »Ich bin’s, Dah«, stieß er hervor. »Billy.«

»Dem Herrn sei gedankt, du bist gesund«, sagte sein Vater mit belegter Stimme, doch schon im nächsten Augenblick klang er so forsch wie immer. »Sag mir, was du weißt, Junge.«

»Ich und Tommy waren im Four Foot und sind den Pyramus zur Hauptsohle runtergeklettert. Wir vermuten, die Explosion war in Richtung Thisbe. Wir sehen ein bisschen Rauch, aber nicht viel. Der Korb geht jedenfalls nicht.«

»Die Druckwelle hat die Seilscheibenaufhängung beschädigt«, erklärte Dah. »Wir arbeiten daran. In ein paar Minuten haben wir ihn fertig. Bring so viele Männer zum Füllort, wie du kannst, damit wir sie ausfahren können, sobald der Korb wieder funktioniert.«

»Mach ich.«

»Thisbe ist außer Betrieb, also pass auf, dass keiner versucht, da durchzufliehen. Das Feuer könnte ihm den Weg abschneiden.«

»Verstanden.«

»Außen am Steigerbüro sind Atemgeräte.«

Die neuartigen Atemgeräte waren von der Gewerkschaft lange Zeit gefordert worden; die Kohlebergbauverordnung von 1911 hatte sie dann endlich zwingend vorgeschrieben. »Im Augenblick haben wir kein böses Wetter«, sagte Billy.

»Nicht, wo du jetzt bist. Aber weiter drinnen könnt’s schlimmer sein.«

»Stimmt.« Billy hängte den Hörer ein.

Er wiederholte für Tommy und Pat, was sein Vater gesagt hatte. Pat zeigte auf eine Reihe neu aussehender Schränke. »Der Schlüssel muss im Büro sein.«

Billy rannte ins Steigerbüro, fand aber keinen Schlüssel. Vermutlich trug der Steiger den Bund am Gürtel. Billy sah sich die Reihe der Schränke an. Auf jedem stand Atemgerät. Die Schränke waren aus Blech. »Hast du ein Stemmeisen, Pat?«, fragte Billy.

Der Anschläger besaß einen Satz Werkzeuge für kleinere Reparaturen. Er reichte Billy einen kräftigen Schraubendreher. In null Komma nichts hatte Billy den ersten Schrank aufgebrochen.

Ungläubig starrte er hinein.

Der Schrank war leer.

Pat rief: »Die haben uns verarscht!«

»Dreckige Kapitalistenschweine«, spie Tommy hervor.

Billy öffnete einen weiteren Schrank. Ebenfalls leer. In blinder Wut brach er sämtliche Schränke auf, als wollte er die Unehrlichkeit von Celtic Minerals und Mr. Perceval Jones für alle Welt offenlegen.

»Wir schaffen das auch so«, sagte Tommy.

Er war ungeduldig und wollte los, doch Billy versuchte, nüchtern zu denken. Sein Blick fiel auf den Feuerhunt, den kläglichen Ersatz, den die Grubendirektion statt eines Löschwagens zur Verfügung stellte: ein Kohlenwagen, der mit Wasser gefüllt und mit einer Handpumpe versehen war. Ganz nutzlos war er allerdings nicht: Billy hatte gesehen, wie der Feuerhunt nach einem »Blitz« eingesetzt worden war; so nannten es die Bergleute, wenn geringe Mengen Grubengas dicht unter dem Hangenden Feuer fingen und blitzartig abbrannten. Wenn so etwas geschah, warf sich alles auf den Boden, denn der Blitz entzündete manchmal den Kohlenstaub an den Wänden, die dann abgelöscht werden mussten.

»Wir nehmen den Feuerhunt«, rief er Tommy zu.

Der Wagen stand bereits auf den Schienen, und so konnten sie ihn anschieben. Billy überlegte kurz, ob sie ein Pony vorspannen sollten, kam aber zu dem Schluss, dass es zu lange dauern würde. Außerdem waren die Tiere völlig verängstigt.

Pat Pope sagte: »Micky, mein Junge, arbeitet im Marigold, aber ich kann nicht hin und nach ihm suchen, ich darf hier ja nicht weg.« Die Verzweiflung stand Pat ins Gesicht geschrieben, doch bei einem Notfall musste der Anschläger am Schacht bleiben; von dieser Regel gab es keine Ausnahme.

»Ich halt die Augen nach ihm auf«, versprach Billy.

»Danke, Billy-Boy.«

Die beiden jungen Männer schoben den Förderwagen die Hauptstrecke entlang. Der Wagen hatte keine Bremsen; er wurde angehalten, indem man einen dicken Knüppel zwischen die Speichen schob. Wenn ein Hunt durchging, weil die Bremsen versagten, gab es meist Tote und Verletzte. »Nicht so schnell«, sagte Billy.

Sie waren eine Viertelmeile in die Strecke vorgedrungen, als die Temperatur stieg und der Rauch dichter wurde. Dann hörten sie ferne Stimmen. Sie folgten ihnen und bogen in eine Richtstrecke ab. An diesem Teil des Flözes wurde zurzeit Kohle gemacht. Auf der einen Seite sah Billy in regelmäßigen Abständen die ausgebauten Einstiege zu den Örtern, wo die Bergleute die Kohle hauten; manchmal aber waren es nur Löcher. Als der Lärm zunahm, hielten Billy und Tommy den Feuerhunt an, um nachzusehen, was vor ihnen war.

Die Strecke brannte. Flammen leckten aus Wänden und Hangendem. Eine Gruppe Männer stand am Rand des Feuers; sie hoben sich gegen den Flammenschein ab wie verlorene Seelen in der Hölle. Einer schlug mit einer Decke vergeblich auf einen lodernden Holzstoß ein. Andere brüllten, ohne dass jemand ihnen zuhörte. In einiger Entfernung war schemenhaft eine Kette von Förderwagen zu erkennen. Der beißende Rauch roch nach gebratenem Fleisch, und Billy wurde übel, als er begriff, dass der Geruch von dem Pony stammen musste, das die Hunte gezogen hatte.

Billy sprach einen der Männer an. »Was ist los?«

»Da sitzen welche in ihren Örtern fest, aber wir kommen nicht zu denen durch.«

Billy erkannte Rhys Price. Kein Wunder, dass nichts unternommen wurde. »Wir haben den Feuerhunt gebracht«, sagte er.

Ein anderer Mann drehte sich Billy zu, und zu seiner Erleichterung erkannte er John Jones the Shop, einen ruhigen und besonnenen Mann. »Gut gemacht!«, rief Jones. »Dann richten wir mal den Schlauch auf diesen Schlamassel.«

Billy rollte den Schlauch aus, und Tommy betätigte die Pumpe. Billy richtete den Wasserstrahl auf das Hangende, damit das Wasser an den Wänden hinunterlief. Bald aber stellte er fest, dass die Bewetterung der Mine die Flammen und den Rauch auf ihn zutrieb. Bei der ersten Gelegenheit würde er den Kumpeln über Tage sagen, die Drehrichtung der Ventilatoren umzukehren. Beidseitig drehende Lüfter waren seit der Verordnung von 1911 ebenfalls vorgeschrieben.

Trotz der Erschwernis durch die Wetterrichtung erstarb das Feuer allmählich, und Billy konnte langsam vorrücken. Nach wenigen Minuten war der erste Ort feuerfrei. Augenblicklich kamen zwei Bergleute herausgerannt und schnappten nach Luft, so staubig und verräuchert sie auch sein mochte. Billy erkannte die Ponti-Brüder Giuseppe und Giovanni, die Joey und Johnny genannt wurden.

Mehrere Männer eilten in den Ort. Als John Jones wieder herauskam, trug er den schlaffen Dai Ponies, den Treiber der Grubenpferde, auf den Armen. Billy konnte nicht sehen, ob er tot war oder nur bewusstlos. Er sagte: »Bringt ihn zum Pyramus, nicht zum Thisbe.«

»Für wen hältst du dich, dass du hier Befehle gibst, Billy-with-Jesus?«, schimpfte Price.

Billy wollte keine Zeit verschwenden, indem er mit Price stritt. Stattdessen sagte er zu Jones: »Ich hab übers Telefon mit der Tagesöffnung gesprochen. Thisbe ist schwer beschädigt, aber im Pyramus müsste der Korb schon wieder fahren. Deshalb soll ich allen sagen, sie sollen zum Pyramus.«

»Ich geb’s weiter«, versprach Jones und eilte davon.

Billy und Tommy bekämpften unverdrossen das Feuer, machten weitere Örter frei, holten noch mehr eingeschlossene Männer heraus. Einige bluteten, andere hatten Brandwunden, wieder andere waren von stürzendem Berg verletzt worden. Wer gehen konnte, trug Tote und half Schwerverletzten. Bald zog eine traurige Prozession zum rettenden Schacht.

Allzu schnell war das Wasser verbraucht. »Wir fahren den Hunt zurück und füllen ihn aus dem Schachtsumpf auf«, sagte Billy.

Gemeinsam schoben sie den Wagen in Richtung Pyramus. Der Korb fuhr immer noch nicht, und mittlerweile wartete ein gutes Dutzend geretteter Bergleute am Füllort. Auf dem Boden lagen mehrere Gestalten. Einige stöhnten vor Schmerzen, andere rührten sich nicht. Während Tommy den Hunt mit schlammigem Wasser füllte, ging Billy wieder ans Grubentelefon. Erneut war sein Vater am anderen Ende der Leitung. »In fünf Minuten geht die erste Seilfahrt«, versprach er. »Wie sieht’s bei euch aus?«

»Wir haben Tote und Verletzte aus den Örtern geholt. Fahrt Hunte mit Wasser an, so schnell ihr könnt.«

»Und was ist mit dir?«

»Alles klar. Noch was, Dah. Ihr müsst die Bewetterung umkehren. Blast durch den Pyramus runter und durch den Thisbe rauf. Das treibt den Rauch und die Nachschwaden von den Rettern weg.«

»Geht nicht«, erwiderte Dah.

»Aber das ist Gesetz. Die Grubenbewetterung muss sich umkehren lassen!«

»Napoleon Jones hat den Inspektoren sein jammervolles Schicksal geklagt. Jetzt hat er noch ein ganzes Jahr, bis die Lüfter umgebaut sein müssen.«

Wäre nicht sein Vater am anderen Ende der Leitung gewesen, hätte Billy wild geflucht. »Wie steht’s mit der Berieselung? Kannst du die einschalten?«

»Ja«, sagte Dah. »Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?« Er sprach mit jemand anderem.

Billy hängte ein, löste Tommy an der Handpumpe ab und half ihm, den Hunt aufzufüllen, was genauso lange dauerte, wie ihn zu leeren. Der Strom von Männern aus der brennenden Richtstrecke ließ nach, während das Feuer ungehindert weiterwütete. Endlich war der Wagen voll, und sie schoben ihn zurück.

Zischend nahm die Berieselungsanlage ihre Arbeit auf, doch als Billy und Tommy den Brand erreichten, sahen sie, dass der Wasserfluss aus dem dünnen Rohr, das unter dem Hangenden verlief, zu schwach war, um die Flammen zu löschen. Während ihrer Abwesenheit hatte Jones the Shop die Männer organisiert. Er behielt die unverletzten Überlebenden bei sich, damit sie bei der Rettung halfen, und schickte die gehfähigen Verletzten zum Förderort. Kaum hatten Billy und Tommy den Feuerhunt einsatzbereit gemacht, schnappte Jones sich den Schlauch und setzte einen anderen Mann an die Pumpe. »Ihr zwei geht zurück und holt noch einen Hunt mit Wasser«, wies der Billy und Tommy an. »Dann können wir bis dahin weiterlöschen.«

»Gut«, sagte Billy. Ehe er sich umdrehte, sah er, wie jemand mit brennender Kleidung durch die Flammen gerannt kam. »Gütiger Himmel!«, rief Billy entsetzt. Vor seinen Augen geriet der Unbekannte ins Taumeln und brach zusammen.

Billy rief Jones zu: »Mach mich nass!« Ohne auf eine Bestätigung zu warten, rannte er in die Strecke. Er spürte, wie ein Wasserstrahl seinen Rücken traf. Die Hitze war grauenhaft. Seine Gesichtshaut spannte; seine Kleidung rauchte. Billy packte die reglose Gestalt unter den Schultern und zerrte sie zurück, so schnell er es vermochte. Er konnte das Gesicht nicht erkennen, merkte aber am Gewicht, dass es ein Junge in seinem Alter war.

Jones hielt den Schlauch auf Billy gerichtet und bespritzte von hinten sein Haar, seinen Rücken und die Beine, nicht aber die pulvertrockene Vorderseite. Billy konnte seine eigene versengte Haut riechen. Er schrie vor Schmerzen, doch er hielt den Bewusstlosen eisern gepackt. Dann war er aus dem Feuer heraus, warf sich herum und ließ sich von vorn nass spritzen. Das Wasser auf seinem glühenden Gesicht war eine unglaubliche Erleichterung. Obwohl Billy noch immer Schmerzen hatte, waren sie nun erträglich.

Jones spritzte auch den Verletzten am Boden nass. Billy drehte ihn um und sah, dass es Michael O’Connor war, bekannt als Micky Pope, Pats Sohn. Pat hatte Billy gebeten, nach dem Jungen zu suchen. »Lieber Herr Jesus, sei gnädig zu Pat«, flüsterte Billy.

Behutsam hob er Micky auf. Der Junge war schlaff und leblos. »Ich bringe ihn zum Füllort.«

»Gut«, erwiderte Jones und blickte Billy merkwürdig an. »Tu das, Billy-Boy.«

Tommy begleitete ihn. Billy war schwindlig, doch er schaffte es, Micky zu tragen. Auf der Hauptstrecke begegneten sie einem Trupp der Grubenwehr mit einem Pony, das mehrere Förderwagen zog, die mit Wasser gefüllt waren. Der Trupp musste von über Tage kommen, also funktionierte der Korb wieder, und der Rettungseinsatz lief.

Als Billy den Schacht erreichte, fuhr soeben der Korb wieder ein, und weitere Grubenwehrleute in Schutzkleidung kamen mit wassergefüllten Hunten. Während sie zur Feuersbrunst eilten, stiegen Verletzte in den Korb und nahmen die Toten und Bewusstlosen mit.

Nachdem Pat Pope den Korb wieder hinaufgeschickt hatte, ging Billy zu ihm, Micky in den Armen.

Pat starrte Billy entsetzt an, wobei er immerzu den Kopf schüttelte, als könnte er die schreckliche Neuigkeit auf diese Weise von sich fernhalten.

»Tut mir leid, Pat«, murmelte Billy.

Pat wollte seinen toten Sohn nicht anschauen. »Nein«, sagte er. »Nicht mein Micky.«

»Ich hab ihn aus dem Feuer gezogen, Pat«, sagte Billy. »Aber ich war zu spät.« Er brach in Tränen aus. »Zu spät, verflucht noch mal.«

***

Das Dinner erwies sich in jeder Hinsicht als großer Erfolg. Bea war in glänzender Stimmung gewesen; am liebsten hätte sie jede Woche eine Gesellschaft für den König gegeben. In ihrem Überschwang hatte sie Fitz eine leidenschaftliche Nacht beschert. Er blieb bis zum Morgen bei ihr und ging erst, kurz bevor Nina den Tee brachte.

Fitz hegte die Befürchtung, die Diskussionen zwischen den Vertretern der verschiedenen Nationen könnten zu kontrovers gewesen sein, zumal sie während eines Dinners geführt worden waren, an dem der König teilgenommen hatte, aber diese Sorge war unbegründet. Beim Frühstück hatte der Monarch ihm gedankt: »Eine fesselnde Diskussion, sehr erhellend. Genau, was ich mir erwünscht hatte.« Fitz’ Wangen hatten vor Stolz geglüht.

Als er nach dem Frühstück seine Zigarre rauchte und nachdachte, erkannte Fitz, dass der Gedanke an einen Krieg ihn nicht allzu sehr schreckte, denn dieser Krieg würde das Land gegen einen gemeinsamen Feind einen und das Feuer der Unzufriedenheit löschen. Es gäbe keine Streiks mehr, und das Gerede der Sozialisten und Pazifisten würde sich als das erweisen, was es war – als unpatriotisch. Vielleicht würden sogar die Frauen damit aufhören, das Wahlrecht zu fordern. Und was Fitz selbst betraf, fühlte er sich auf eigenartige Weise angezogen von der Aussicht auf die Gelegenheit, seinem Vaterland zu dienen und eine Gegenleistung für den Reichtum und die Vorrechte zu erbringen, mit denen er sein Leben lang überhäuft worden war.

Am Vormittag trafen Neuigkeiten aus der Zeche ein und nahmen der Gesellschaft ein wenig den Schwung. Zwar fuhr nur einer der Gäste nach Aberowen – Gus Dewar, der Amerikaner –, doch alle bekamen das für sie ungewohnte Gefühl, mit einem Mal weit vom Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit entfernt zu sein. Das Mittagessen verlief denn auch in gedämpfter Stimmung, und für den Nachmittag wurde alles abgesagt. Fitz befürchtete, der König könnte unzufrieden mit ihm sein, auch wenn er, Fitz, gar nichts mit dem Betrieb des Bergwerks zu tun hatte. Schließlich war er kein Direktor von Celtic Minerals, nicht einmal Aktionär. Er vergab lediglich die Schürfrechte an das Unternehmen, das ihm dafür pro Tonne ein Entgelt zahlte. Deshalb war Fitz überzeugt, dass kein vernünftiger Mensch ihm die Schuld an dem Grubenunglück geben würde. Trotzdem – der Adel konnte sich nicht bei frivolen Vergnügungen sehen lassen, solange diese armen Teufel unter Tage eingeschlossen waren, und schon gar nicht während eines Besuchs des Königspaares. Folglich waren Lesen und Rauchen so ziemlich die einzigen erlaubten Beschäftigungen. Das Königspaar würde sich langweilen.

Fitz war verärgert. Ständig starben Menschen: Soldaten fielen im Gefecht, Matrosen gingen mit ihren Schiffen unter, Züge entgleisten, Hotels voller schlafender Gäste brannten bis auf die Grundmauern nieder. Warum musste ein Grubenunglück ausgerechnet an dem Wochenende passieren, an dem er den König zu Gast hatte?

Kurz vor dem Abendessen kam Perceval Jones, seines Zeichens Bürgermeister von Aberowen und Generaldirektor von Celtic Minerals, nach Ty Gwyn, um den Earl über das Unglück in Kenntnis zu setzen. Fitz erkundigte sich bei Sir Alan Tite, ob Seine Majestät den Bericht ebenfalls zu hören wünsche. Seine Majestät wünsche dies in der Tat, bekam Fitz zur Antwort. Fitz war erleichtert: So hatte wenigstens der König etwas zu tun.

Generaldirektor Jones wurde in den kleinen Salon geführt, einen zwanglosen Raum mit weichen Sesseln, Topfpflanzen und einem Klavier. In seinem schwarzen Frack, mit dem er zweifellos schon am Morgen zur Kirche gegangen war, kam der kleine, wichtigtuerische Mann wie ein Pinguin ins Zimmer stolziert. Gus Dewar, der Amerikaner, war aus Aberowen zurückgekehrt und begleitete ihn.

Der König trug Abendkleidung. »Schön, dass Sie kommen konnten«, begrüßte er Jones.

»Zu gütig, Majestät«, erwiderte der Generaldirektor. »Übrigens, ich hatte bereits vor drei Jahren die Ehre, Ihnen die Hand zu schütteln, als Sie zur Investitur des Prince of Wales nach Cardiff gekommen waren.«

»Es freut mich, unsere Bekanntschaft erneuern zu können, wenn ich auch bedauere, dass es unter solch traurigen Umständen geschieht«, erwiderte der König. »Schildern Sie mir bitte mit einfachen Worten, was geschehen ist, so wie Sie es einem Ihrer Kollegen bei einem Drink im Club erzählen würden.«

»Sehr gern, Majestät.« Generaldirektor Jones sprach mit dem Dialekt Cardiffs, der rauer war als der Singsang in den Tälern. »Zum Zeitpunkt der Explosion waren zweihundertundzwanzig Männer unter Tage, die eine Sonderschicht gefahren haben. Beide Schächte wurden beschädigt, aber die Grubenwehr bekam den Brand dank unserer Berieselungsanlage unter Kontrolle und konnte die Leute ausfahren.« Jones blickte auf die Uhr. »Bis vor zwei Stunden sind zweihundertundfünfzehn Mann wieder über Tage gekommen.«

»Wie es scheint, haben Sie diese Krise sehr gut bewältigt, Jones.«

»Vielen Dank, Majestät.«

»Sind alle zweihundertfünfzehn Männer am Leben?«

»Nein, Sir. Acht sind tot. Weitere fünfzig sind so schwer verletzt, dass sie ärztliche Hilfe benötigen.«

»Meine Güte«, sagte der König. »Wie traurig.«

Während Generaldirektor Jones erläuterte, welche Schritte ergriffen wurden, um die noch immer vermissten fünf Männer zu finden und zu retten, kam Peel herein und trat auf Fitz zu. Der Butler trug Abendkleidung und vermeldete, das Essen könne aufgetragen werden. Mit leiser Stimme fügte er hinzu: »Da ist noch etwas, Mylord, falls es von Interesse ist …«

»Ja?«, raunte Fitz.

»Williams, das Hausmädchen, ist gerade vom Schacht zurückgekommen. Ihr Bruder ist dort offenbar so etwas wie ein Held geworden. Ob der König die Geschichte vielleicht aus ihrem eigenen Mund hören möchte …?«

Fitz überlegte einen Augenblick. Williams würde aufgeregt sein und vielleicht etwas Falsches sagen. Auf der anderen Seite würde es dem König vermutlich gefallen, mit einem der unmittelbar Betroffenen zu reden. Fitz beschloss, das Risiko einzugehen. »Majestät«, sagte er, »eines meiner Hausmädchen ist soeben von der Zeche zurückgekehrt und bringt die neuesten Nachrichten mit. Der Bruder des Mädchens war unter Tage, als das Gas explodiert ist. Soll ich sie zu Ihnen bestellen?«

»Ja«, erwiderte der König. »Schicken Sie die junge Dame herein.«

Es dauerte nicht lange, und Ethel Williams trat in den Salon und machte einen tiefen Knicks. Ihr Gesicht war sauber, doch ihre Schürze und ihr Häubchen waren voller Kohlenstaub.

»Nun, mein Kind, was gibt es zu berichten?«

»Bitte, Majestät, durch Bergbruch sind im Abschnitt Carnation fünf Männer eingeschlossen. Die Grubenwehr gräbt sich durch den Schutt, aber das Feuer brennt noch.«

Fitz bemerkte, dass der König sich Ethel gegenüber ganz anders verhielt als bei Generaldirektor Jones, dem er kaum einen Blick gegönnt hatte; als Jones berichtete, hatte der König rastlos mit dem Finger auf die Armlehne getrommelt. Ethel hingegen schaute er ins Gesicht, und er schien sich ehrlich für ihren Bericht zu interessieren.

Nun fragte er mit sanfter Stimme: »Was hat Ihr Bruder Ihnen erzählt?«

»Die Explosion hat den Kohlenstaub entzündet, und der brennt jetzt. Das Feuer hat viele Kumpel eingeschlossen, und ein paar sind erstickt. Mein Bruder und die anderen konnten sie nicht retten, weil sie keine Atemgeräte hatten.«

»Das stimmt nicht!«, warf Jones ein.

»Ich glaube doch«, widersprach Gus Dewar, in dessen Stimme Zorn mitschwang. »Ich habe mit mehreren Geretteten gesprochen. Sie sagen, die Schränke, auf denen ›Atemgerät‹ stand, seien leer gewesen.«

»Und sie konnten die Flammen nicht löschen, weil unter Tage zu wenig Wasser gelagert wurde!«, rief Ethel mit funkelnden Augen – ein Anblick, den Fitz sehr anziehend fand.

»Unter Tage gibt es einen Feuerwehrwagen!«, protestierte Jones.

»Ja. Eine Lore voll Wasser mit einer Handpumpe«, erwiderte Gus Dewar verächtlich.

Ethel fuhr fort: »Außerdem hätte der Luftstrom umkehrbar sein müssen. Aber das war er nicht, weil Mr. Jones die Lüfter nicht hat umbauen lassen, obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist.«

Jones blickte indigniert drein. »Es war nicht möglich …«

Fitz unterbrach ihn. »Schon gut, Jones. Das ist keine Anhörung. Seine Majestät möchte lediglich Eindrücke sammeln.«

»Ganz recht«, sagte der König. »Allerdings gibt es ein Thema, bei dem Sie mir einen Rat geben könnten, Jones.«

»Es wird mir eine Ehre sein, Majestät.«

»Ich hatte die Absicht, morgen früh Aberowen und ein paar umliegende Dörfer zu besuchen und anschließend zu Ihnen ins Rathaus zu kommen. Doch unter diesen Umständen erscheint mir eine Parade unangemessen.«

Sir Alan, der links hinter dem König saß, murmelte kopfschüttelnd: »Völlig ausgeschlossen.«

»Andererseits«, fuhr George V. fort, »erscheint es mir falsch, würden wir abreisen, ohne dem Unglück Aufmerksamkeit zu schenken. Die Leute könnten uns für gleichgültig halten.«

Fitz vermutete einen Streit zwischen dem König und dessen Stab. Sir Alan Tite wollte die Rundfahrt offenbar absagen, weil er davon ausging, dass das Risiko auf diese Weise am geringsten wäre. Der König jedoch schien den Wunsch zu haben, seinen Untertanen eine Geste des Mitgefühls zu zeigen.

Stille trat ein, während Generaldirekter Jones die Frage überdachte. Als er schließlich antwortete, sagte er nur: »Das ist eine schwierige Entscheidung.«

Ethel fragte: »Darf ich einen Vorschlag machen?«

Peel war entsetzt. »Williams!«, zischte er. »Reden Sie nur, wenn Sie angesprochen werden!«

Auch Fitz war erschrocken über ihre Impertinenz gegenüber dem König. Er versuchte, seine Stimme so ruhig wie möglich zu halten, als er sagte: »Vielleicht später, Williams.«

Doch der König lächelte. Zu Fitz’ Erleichterung schien er Ethel zu mögen. »Wir können uns durchaus anhören, was die junge Frau vorzuschlagen hat«, sagte er.

Mehr Ansporn brauchte Ethel nicht. Ohne Umschweife sagte sie: »Sie und die Königin sollten die Familien der Hinterbliebenen besuchen. Keine Parade, nur eine Kutsche mit schwarzen Pferden. Das würde den Leuten viel bedeuten. Jeder würde Sie für wundervoll halten.« Sie verstummte und biss sich auf die Lippen.

Mit dem letzten Satz hatte Ethel gegen die Etikette verstoßen, wie Fitz wusste: Der König hatte es nicht nötig, bei seinen Untertanen den Eindruck zu erwecken, er sei wundervoll.

Sir Alan war entsetzt. »So etwas hat es noch nie gegeben, Majestät!«

Dem König jedoch schien die Idee zu gefallen. »Die Hinterbliebenen besuchen …«, murmelte er vor sich hin. Dann wandte er sich seinem Kammerherrn zu. »Beim Jupiter, Alan, ich glaube, es ist ein großartiger Einfall, den Leuten in diesen düsteren Stunden mein Mitgefühl auszusprechen. Keine Kavalkade, nur ein Gespann.« Er wandte sich wieder dem Hausmädchen zu. »Sehr gut, junge Dame«, sagte er. »Ich danke Ihnen, dass Sie das Wort ergriffen haben.«

Fitz stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

***

Am Ende wurde es natürlich doch mehr als nur ein Gespann. In der ersten Kutsche fuhren der König und die Königin zusammen mit Sir Alan und einer Hofdame; Fitz und Bea folgten in einer zweiten Kutsche gemeinsam mit dem Bischof, und ein Einspänner mit Dienstboten bildete den Schluss. Generaldirektor Jones hatte sich der Abordnung anschließen wollen, aber Fitz brachte ihn rasch von dieser Idee ab. Wie Ethel es ausdrückte, wären die Trauernden dem Generaldirektor wahrscheinlich an die Gurgel gefahren.

Der Tag war windig, und ein kalter Regen peitschte die Pferde, als sie die lange Zufahrt von Ty Gwyn entlangtrotteten. Ethel saß in der dritten Kutsche. Durch ihren Vater kannte sie jede Bergarbeiterfamilie in Aberowen. Sie war der einzige Mensch auf Ty Gwyn, der die Namen sämtlicher Verunglückten wusste. Sie hatte den Kutschern den Weg beschrieben; nun war es Ethels Aufgabe, dem Kammerherrn mitzuteilen, wen er jeweils vor sich hatte. Sie drückte sich selbst die Daumen. Es war ihre Idee gewesen, und wenn die Sache fehlschlug, würde man ihr die Schuld geben.

Als Ethel zum schmiedeeisernen Tor hinausfuhr, fiel ihr wie immer der schroffe Übergang ins Auge. Auf Ty Gwyn war alles Eleganz und Schönheit; draußen jedoch wartete die Hässlichkeit der wirklichen Welt. Neben der Straße zog sich eine Reihe von Landarbeiterhütten hin, winzige Behausungen mit zwei Kammern, vor denen Brennholz oder irgendwelcher Trödel lagen und schmutzige Kinder im Graben spielten. Bald darauf schlossen sich die Bergarbeitersiedlungen an, die zwar den Tagelöhnerquartieren überlegen waren, aber unansehnlich und monoton für jeden, der wie Ethel von den perfekten Proportionen der Fenster, Türen und Dächer von Ty Gwyn verwöhnt war. Die Leute hier trugen billige Kleidung, die schnell die Form verlor und abgetragen aussah und deren Farben wegen der minderwertigen Farbstoffe rasch ausbleichten, sodass alle Männer in gräulichen Anzügen und sämtliche Frauen in bräunlichen Kleidern herumliefen. Ethel wurde oft um den warmen Wollrock und die schmucke Baumwollbluse beneidet, die sie als Hausangestellte bekam, und doch sagten manche Mädchen, sie würden niemals so tief sinken, dass sie sich als Dienstbotin verdingten. Den größten Unterschied zwischen der Gesellschaft auf Ty Gwyn und den Bergarbeitern entdeckte man, wenn man den Leuten ins Gesicht schaute. Wer in der Minensiedlung wohnte, hatte unreine Haut, schmutziges Haar und schwarze Fingernägel. Die Männer husteten, die Frauen schnieften, und den Kindern lief ständig die Nase. Die Armen schlurften und hinkten über Straßen, auf denen die Reichen selbstbewusst ausschritten.

Die Kutschen fuhren nun den Berghang hinunter zur Mafeking Terrace. Die meisten Bewohner standen am Straßenrand Spalier und warteten, aber es waren keine Flaggen zu sehen, und es gab keinen Jubel. Die Leute verbeugten sich nur oder knicksten, als die Kavalkade an ihnen vorbeizog und schließlich vor dem Haus Nummer 19 hielt.

Ethel sprang von der Kutsche, ging zu Sir Alan und sagte leise: »Sian Evans, fünf Kinder, hat ihren Ehemann David verloren, einen Pferdetreiber unter Tage.« Ethel hatte David Evans, genannt Dai Ponies, gut gekannt; er war ein Ältester der Bethesda-Kapelle gewesen.

Sir Alan nickte, als Ethel geendet hatte, und flüsterte dem König ins Ohr. Daraufhin ging das Königspaar zur Haustür, von der die Farbe abblätterte. Nie hätte Ethel geglaubt, einmal zu erleben, wie der König an die Tür eines Bergmanns klopfte. George V. trug einen Frack und einen hohen schwarzen Hut, denn Ethel hatte Sir Alan nachdrücklich versichert, dass die Einwohner Aberowens nicht wünschten, ihren Monarchen in dem gleichen Tweed zu sehen, den sie selbst anhatten.

Eine Witwe in Sonntagskleidung und mit Hut öffnete die Tür. Fitz hatte vorgeschlagen, der König solle die Leute überraschen, doch Ethel war dagegen gewesen, und Sir Alan hatte ihr beigepflichtet. Bei einem überraschenden Besuch einer trauernden Familie hätte das Königspaar mit betrunkenen Männern, halb nackten Frauen und zankenden Kindern konfrontiert werden können.

»Guten Morgen, ich bin der König«, sagte Seine Majestät und hob höflich den Hut. »Sind Sie Mrs. David Evans?«

Einen Augenblick lang musterte Sian ihn verwirrt. Sie war es gewöhnt, als Mrs. Dai Ponies angesprochen zu werden.

»Ich bin gekommen, um Ihnen mein Beileid zum Verlust Ihres Gemahls David auszusprechen«, sagte der König.

Mrs. Dai Ponies schien für jede Gefühlsreaktion zu nervös zu sein. »Ich dank Ihnen«, sagte sie steif.

Der König fühlte sich angesichts dieser Förmlichkeit genauso unwohl wie die Witwe. Weder George V. noch Mrs. Dai Ponies schien imstande zu sein, eine aufrichtige Empfindung auszudrücken.

Schließlich legte die Königin der Witwe die Hand auf den Arm. »Es muss schwer für Sie sein, meine Liebe.«

»Ja, Madam«, flüsterte Mrs. Dai Ponies und brach in Tränen aus.

Ethel wischte sich die eigene Wange trocken.

Dem König war es peinlich, doch er hielt sich wacker und murmelte: »Sehr traurig, sehr traurig.«

Mrs. Dai Ponies schluchzte nun haltlos, rührte sich aber nicht vom Fleck und wandte auch das rotfleckige, verweinte Gesicht nicht ab. Ihr Schluchzen war rau vor Verzweiflung, und der Mund stand ihr offen, sodass ihr lückenhaftes Gebiss zu sehen war.

»Ach je«, sagte die Königin und drückte Mrs. Dai Ponies ein Taschentuch in die Hand. »Nehmen Sie.«

Mrs. Dai Ponies war noch keine dreißig, aber ihre großen Hände waren knorrig von der Arthritis wie bei einer alten Frau. Mit dem Taschentuch der Königin wischte sie sich das Gesicht ab und beruhigte sich allmählich. »Er war ein guter Mann, Madam«, sagte sie schniefend. »Hat nicht ein Mal die Hand gegen mich erhoben.«

Die Königin wusste nicht, was sie zu einem Mann sagen sollte, dessen hervorstechendste Eigenschaft gewesen war, niemals seine Frau verprügelt zu haben.

»Sogar zu seinen Ponys war er gut«, fügte Mrs. Dai Ponies hinzu.

»Das glaube ich gern, meine Liebe.« Die Königin fand auf vertrauten Boden zurück.

Ein Kleinkind kam aus den Tiefen des Hauses und klammerte sich an den Rockschoß seiner Mutter. Der König versuchte es erneut. »Sie haben fünf Kinder, nicht wahr?«, sagte er.

»Ach, Sir, was soll nun aus den Kleinen werden, wo sie jetzt keinen Dah mehr haben tun?«

»Sehr traurig, sehr traurig«, wiederholte der König.

Sir Alan hüstelte, worauf der König sagte: »Nun, dann wollen wir mal die anderen Menschen besuchen, die in der gleichen schlimmen Lage sind wie Sie.«

»Ach, Sir, es war so freundlich von Ihnen, dass Sie gekommen sind. Ich kann gar nicht sagen, was es mir bedeuten tut. Vielen, vielen Dank.«

Der König wandte sich ab.

»Ich werde heute Abend für Sie beten, Mrs. Evans«, sagte die Königin. Dann folgte sie ihrem Gemahl.

Während die Majestäten in ihre Kutsche stiegen, reichte Fitz der Witwe einen Umschlag. Ethel wusste, dass fünf Goldsovereigns und ein Brief darin waren, handgeschrieben auf Ty-Gwyn-Papier mit blauem Wappen: Von Earl Fitzherbert als Zeichen seines Mitgefühls.

Auch das war Ethels Idee gewesen.

***

Eine Woche nach dem Grubenunglück ging Billy mit Dah, Mam und Gramper zur Kirche.

Das Innere der Bethesda-Kapelle war ein quadratischer, weiß getünchter Raum ohne Bilder an den Wänden. Die Stühle standen in ordentlichen Reihen den vier Seiten des schmucklosen Altars zugewandt. Ein Krug mit billigem Sherry stand darauf, daneben ein Porzellanteller von Woolworth, auf dem ein Laib Weißbrot lag. Der Gottesdienst wurde weder Kommunion noch Messe genannt, sondern »Brechen des Brotes«.

Um elf Uhr saß die gut hundertköpfige Gemeinde auf ihren Plätzen. Die Männer trugen ihre besten Anzüge, die Frauen Hüte, und die Kinder nahmen sauber geschrubbt und ungeduldig die hinteren Reihen ein. Einen festgeschriebenen Ablauf gab es nicht. Die Männer taten, was der Heilige Geist ihnen eingab: Sie sprachen ein improvisiertes Gebet, stimmten ein frommes Lied an, lasen einen Abschnitt aus der Bibel vor oder hielten eine kurze Predigt. Die Frauen hatten selbstverständlich zu schweigen.

In der Praxis gab es allerdings doch einen bestimmten Ablauf: Das erste Gebet wurde immer von einem Ältesten gesprochen, der dann das Brot brach und den Teller dem Nächstsitzenden reichte. Jedes Gemeindemitglied – außer den Kindern – nahm ein kleines Stück Brot und aß es. Daraufhin wurde der Wein herumgereicht, und jeder trank aus dem Krug; die Frauen nippten nur, während manche Männer einen kräftigen Schluck nahmen. Dann saßen alle schweigend da, bis jemand sich bemüßigt fühlte, das Wort zu ergreifen.

Als Billy seinen Vater einmal gefragt hatte, wie alt man sein müsse, um beim Gottesdienst das Wort zu erheben, lautete die Antwort: »Dafür gibt es keine Regel. Wir folgen, wohin der Heilige Geist uns führt.« Billy hatte Dah beim Wort genommen. Wenn ihm während der Messe die erste Zeile eines Chorals in den Sinn kam, wertete er dies als Aufforderung durch den Heiligen Geist, sich zu Wort zu melden, und er stand auf und kündigte das Lied an. Vielleicht erschien das ein bisschen altklug, gemessen an Billys jungen Jahren, aber die Gemeinde nahm es hin. Die Geschichte, wie ihm bei seiner Mutprobe unter Tage der Herr Jesus erschienen war, hatte in vielen Kapellen des Kohlereviers von Südwales die Runde gemacht, und Billy wurde als jemand Besonderes angesehen.

An diesem Morgen betete die Gemeinde um Trost für die Hinterbliebenen, besonders für Mrs. Dai Ponies, die verschleiert dasaß, mit ihrem verängstigt dreinblickenden ältesten Sohn an der Seite. Dah bat Gott, Großmut in die Herzen der Gläubigen zu säen, auf dass sie den Minenbesitzern vergeben konnten, das Gesetz über die Bereitstellung von Atemgeräten und die umkehrbare Bewetterung von 1911 übergangen zu haben. Billy kam das alles ein bisschen dürftig vor; nur um Nachsicht und Linderung zu bitten, erschien ihm zu wenig. Er wollte begreifen, wie die Explosion sich in Gottes Plan fügte.

Bisher hatte Billy die Gemeinde noch nie beim Gebet geführt. Viele Männer trugen dabei klangvolle Zitate aus der Heiligen Schrift vor, beinahe so, als hielten sie eine Predigt. Doch Billy vermutete, dass Gott sich von schönen Worten nicht so leicht beeindrucken ließ. Ihn selbst hatten die schlichten Gebete, die von Herzen kamen, stets am meisten gerührt.

Gegen Ende des Gottesdienstes nahmen die Gedanken und Empfindungen, die Billy durch den Kopf gingen, deutliche Gestalt an, und ihn überkam der dringende Wunsch, sie in Worte zu fassen. Im Vertrauen darauf, dass der Heilige Geist dieses heftige Verlangen in ihm erweckt hatte, erhob sich Billy und sagte mit geschlossenen Augen: »O Herr, wir haben Dich heute Morgen gebeten, denen Trost zu schenken, die einen Ehemann verloren haben, einen Vater oder einen Sohn, aber besonders unserer Schwester in Gott Mrs. Evans, und wir beten darum, dass die Trauernden ihre Herzen öffnen, um Deine Gnade zu empfangen.«

Billy holte tief Luft, ehe er fortfuhr: »Und nun bitten wir Dich um ein weiteres Geschenk, o Herr, nämlich um den Segen des Begreifens. Wir müssen wissen, warum sich dieses Unglück ereignet hat. Alles geschieht nach Deinem Willen. Warum also, o Herr, hast Du erlaubt, dass ein schlagendes Wetter die Hauptsohle füllt? Warum hast Du zugelassen, dass es zünden tut? Wie kommt es, dass Männer über uns gestellt werden, die in ihrer Geldgier achtlos mit dem Leben Deiner Geschöpfe umgehen? Wie kann es Deinen heiligen Absichten dienen, wenn die Leiber braver Männer, die Du doch selbst erschaffen hast, zermalmt werden?«

Erneut verstummte Billy. Er wusste, dass es falsch war, Forderungen an Gott zu richten, als würde man mit der Grubendirektion verhandeln; deshalb fügte er hinzu: »Natürlich wissen wir, dass das Leid der Menschen von Aberowen eine Rolle in Deinem unergründlichen Plan spielt.« Billy wusste, dass er es dabei belassen sollte, doch er konnte nicht anders und fügte hinzu: »Aber wir begreifen nicht, o Herr, welche Rolle das sein soll, darum erklär es uns bitte.«

Er beendete sein Gebet mit den Worten: »Im Namen Jesu Christi, unseres Herrn.«

»Amen«, erklang es von den Bänken.

***

Am Nachmittag waren die Einwohner von Aberowen eingeladen, die Gärten von Ty Gwyn zu besuchen, was für Ethel eine Menge Arbeit bedeutete.

Am Samstagabend war ein Plakat in den Pubs ausgehängt worden, das am Sonntagmorgen nach den Gottesdiensten in den Kirchen und Kapellen verlesen wurde. Die Gärten von Ty Gwyn, hieß es in der Mitteilung, seien für das Königspaar prachtvoll hergerichtet worden, obwohl Winter war; nun wolle Earl Fitzherbert die Schönheit dieser Gärten mit seinen Nachbarn teilen. Der Earl werde als Zeichen der Anteilnahme für die Hinterbliebenen der toten Bergleute eine schwarze Krawatte tragen und wäre erfreut, wenn seine Gäste ein ähnliches Zeichen des Respekts anlegten. Obwohl es unangemessen sei, ein Fest zu feiern, würden dennoch Erfrischungen gereicht werden.

Ethel hatte auf dem Ostrasen drei große Zelte errichten lassen. Im ersten stand ein halbes Dutzend 500-Liter-Fässer mit hellem Bier, das per Eisenbahn von der Brauerei Crown in Pontyclun herangeschafft worden war. Für Abstinenzler, von denen es in Aberowen nicht wenige gab, wurde im Zelt daneben Tee ausgeschenkt. Im dritten und kleinsten Zelt gab es Sherry für die bescheidene Mittelschicht der Stadt, zu der die beiden Ärzte, der anglikanische Pfarrer sowie Grubendirektor Maldwyn Morgan gehörten, den man bereits Gone-to-Merthyr Morgan nannte.

Zum Glück war es ein sonniger Tag, kalt, aber trocken, und nur wenige, harmlos aussehende weiße Wolken standen am blauen Himmel. Viertausend Personen kamen – fast die gesamte Einwohnerschaft der Stadt –, und fast jeder trug eine schwarze Krawatte, ein schwarzes Band oder eine schwarze Armbinde. Die Leute stromerten über das Grundstück, spähten neugierig durch die Fenster ins Haus und zertrampelten den Rasen.

Fürstin Bea blieb in ihren Räumen. Dies war kein gesellschaftliches Ereignis von der Art, an denen sie teilzunehmen pflegte. Ethels Erfahrung nach waren alle Angehörigen der Oberschicht Egoisten, doch Bea erhob die Selbstsucht zur Kunstform. Sie verwendete ihre gesamte Energie darauf, ihre Launen zu befriedigen und ihren Willen durchzusetzen. Selbst wenn sie eine Gesellschaft gab – worauf sie sich bestens verstand –, geschah dies hauptsächlich aus Eigensucht, verschaffte ihr ein solches Ereignis die Gelegenheit, ihre Schönheit zur Schau zu stellen und ihren Charme spielen zu lassen.

Fitz hielt derweil im prächtigen, viktorianisch-gotischen Großen Saal Hof. Sein riesiger Hund lag wie ein Bettvorleger vor ihm auf dem Boden. Fitz trug den braunen Tweedanzug, in dem er zugänglicher wirkte, dazu einen Hochstehkragen und eine schwarze Krawatte. In Ethels Augen sah er besser aus als je zuvor. Sie führte die Angehörigen der Toten und Verletzten in Gruppen zu drei oder vier Personen zu ihm, damit Fitz jedem sein Mitgefühl bekunden konnte – eine Aufgabe, der Fitz sich auf zurückhaltende, gewohnt charmante Art entledigte. Jedem gab er das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Ethel war mittlerweile zur offiziellen Haushälterin befördert worden. Nach dem Besuch des Königspaares hatte Fürstin Bea darauf bestanden, dass Mrs. Jevons endgültig in den Ruhestand ging: Sie hatte keine Geduld mit müden alten Dienstboten. Ethel, das wusste die Fürstin, würde sich nach besten Kräften bemühen, ihre Wünsche zu erfüllen, und so hatte Bea sie trotz ihrer Jugend befördert. Inzwischen hatte Ethel die kleine Haushälterinnen-Kammer neben den Dienstbotenunterkünften bezogen und dort eine Fotografie ihrer Eltern im Sonntagsstaat aufgehängt, die vor der Bethesda-Kapelle am Tag ihrer Eröffnung aufgenommen worden war.

Nachdem Fitz die Liste der Trauernden abgearbeitet hatte, bat Ethel um Erlaubnis, ein paar Minuten zu ihrer Familie zu dürfen.

»Aber gewiss«, sagte der Earl. »Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie möchten. Sie waren großartig. Ich weiß gar nicht, wie ich es ohne Sie geschafft hätte. Auch Seine Majestät war dankbar für Ihre Hilfe. Wie können Sie sich nur die vielen Namen merken?«

Ethel lächelte geschmeichelt. Vom Earl gelobt zu werden war das Allergrößte. »Die meisten von diesen Leuten haben uns schon mal zu Hause besucht, um mit meinem Vater zu sprechen«, sagte sie. »Meist geht es dabei um Entschädigung für eine Verletzung oder den Streit mit einem Steiger, oder weil die Männer sich um die Sicherheit unter Tage Sorgen machen.«

»Nun, ich finde Sie jedenfalls bemerkenswert«, sagte Fitz und bedachte Ethel mit jenem unwiderstehlichen Lächeln, das er nur hin und wieder zeigte und das ihn beinahe wie den Nachbarsjungen erscheinen ließ. »Richten Sie Ihrem Herrn Vater meine besten Empfehlungen aus.«

Als Ethel über den Rasen eilte, hätte sie die ganze Welt umarmen können. Sie entdeckte Dah, Mam, Billy und Gramper im Teezelt. In seinem schwarzen Sonntagsanzug mit weißem Hemd und steifem Kragen wirkte Dah sehr vornehm. Billy hatte eine hässliche Brandwunde auf der Wange. »Wie geht es dir, Billy-Boy?«, fragte Ethel.

»Ganz gut. Sieht schrecklich aus, ich weiß, aber der Doktor sagt, ich soll Luft drankommen lassen.«

»Alle reden darüber, wie tapfer du warst.«

»Hat aber nicht gereicht, um Micky Pope zu retten.«

Darauf ließ sich nichts erwidern, doch Ethel legte ihrem Bruder voller Mitgefühl die Hand auf den Arm.

Mam sagte stolz: »Heute Morgen hat Billy unsere Gemeinde im Gebet geführt.«

»Sag bloß! Schade, dass ich nicht dabei war.« Ethel war nicht zur Kapelle gegangen, weil im Haus zu viel zu tun gewesen war. »Wofür hast du denn gebetet?«

»Dass Gott uns verstehen lässt, warum er die Grubenexplosion zugelassen hat.« Billy warf einen nervösen Blick auf seinen Vater.

Dah, der ernst dreinblickte, sagte streng: »Billy hätte den Herrgott lieber um Stärke bitten sollen, damit er glauben kann, ohne dass er gleich alles begreifen muss.«

Offenbar hatten Vater und Sohn sich bereits gestritten, was die Frage anging, ob es dem Menschen zustand, von Gott Erklärungen zu erbitten, wo seine Wege doch bekanntermaßen unergründlich waren. Aber Ethel wollte keinen theologischen Disput, der am Ende sowieso zu nichts geführt hätte. Sie versuchte, die Stimmung aufzuhellen. »Earl Fitzherbert lässt dir seine Empfehlungen ausrichten, Dah«, sagte sie. »Ist das nicht nett von ihm?«

Dah zeigte sich wenig geschmeichelt. Stattdessen murrte er: »Es hat mir wehgetan, mit ansehen zu müssen, wie du am Montag bei diesem schändlichen Schauspiel dabei warst.«

Ethel machte große Augen. »Du meinst, als der König die Familien besucht hat?«

»Ich habe gesehen, wie du diesem Lakai die Namen der Witwen zugeflüstert hast.«

»Das war Sir Alan Tite!«

»Mir egal, wie er sich nennt. Ich erkenne einen Speichellecker, wenn ich einen sehe.«

Ethel war entsetzt. Wie konnte Dah so verächtlich über ihren großen Augenblick sprechen? Plötzlich war ihr zum Heulen zumute. »Ich dachte, du wärst stolz auf mich, dass ich dem König geholfen habe.«

»Wie kann der König es wagen, uns sein Beileid auszusprechen? Was weiß so ein König denn schon von Not und Lebensgefahr?«

Ethel kämpfte gegen die Tränen an. »Aber Dah, den Leuten hat es viel bedeutet, dass der König sie besucht hat.«

»Damit hat er nur davon abgelenkt, dass Celtic Minerals sich fahrlässig und gesetzwidrig verhalten hat.«

»Aber die Leute haben Trost gebraucht!« Wie konnte Dah das übersehen?

»Der König hat sie weich geklopft«, schimpfte Dah. »Am Sonntag stand die Stadt kurz vor dem Aufstand, und am Montagabend faseln alle nur noch von dem dämlichen Taschentuch, das die Königin Mrs. Dai Ponies gegeben hat.«

In Ethel stieg Zorn auf. »Tut mir leid, wenn du es so siehst.«

»Es braucht dir nicht …«

»Es tut mir leid, weil du falschliegst!«, fiel sie ihm ins Wort.

Dah musterte sie verdutzt. Es kam selten vor, dass jemand ihn unverblümt eines Irrtums bezichtigte, und eine Frau schon gar nicht.

Mam sagte: »Hör mal, Ethel …«

»Menschen haben Gefühle, Dah!«, stieß Ethel hervor. »Das vergisst du immer wieder.«

Dah war sprachlos.

»Das reicht jetzt!«, rief Mam.

Ethel blickte Billy an. Durch einen Tränenschleier sah sie sein Gesicht, auf dem sich ein Ausdruck ehrfürchtiger Bewunderung spiegelte. Schniefend wischte sie sich mit dem Handrücken die Augen ab. »Du und deine Gewerkschaft, deine Sicherheitsbestimmungen und deine Heilige Schrift«, sagte sie. »Ich weiß ja, wie wichtig das alles ist, aber du darfst darüber nicht vergessen, was die Menschen hier und jetzt empfinden. Mag ja sein, dass der Sozialismus der Arbeiterklasse irgendwann ein besseres Leben beschert, aber bis dahin brauchen die Leute Trost!«

Dah fand endlich seine Stimme wieder. »Ich glaube, wir haben jetzt genug von dir gehört«, sagte er. »Dir ist offenbar zu Kopf gestiegen, dass du mit dem König zu tun hast. Aber du bist nur ein junges Mädchen, und es steht dir nicht zu, Ältere zu belehren.«

Ethel weinte so herzzerreißend, dass sie die Diskussion nicht fortführen konnte. »Tut mir leid, Dah«, sagte sie schluchzend. »Ich gehe lieber wieder an die Arbeit.« Auch wenn der Earl ihr gestattet hatte, sich so viel Zeit für die Familie zu nehmen, wie sie wünschte – jetzt wollte Ethel nur noch allein sein. Sie kehrte ihrem Vater den Rücken zu und ging nach Ty Gwyn zurück, den Kopf gesenkt, damit niemand ihre Tränen sah.

In der Hoffnung, niemandem über den Weg zu laufen, schlich Ethel sich in die Gardeniensuite. Lady Maud war nach London zurückgekehrt; deshalb stand die Zimmerflucht leer, die Betten waren abgezogen.

Ethel warf sich bäuchlings auf die Matratze und weinte. Sie war so stolz gewesen! Wie konnte Dah alles in Zweifel ziehen, was sie getan hatte? Wollte er, dass sie schlechte Arbeit leistete? Sie arbeitete für den Adel, aber das taten auch die Bergarbeiter in Aberowen. Zwar wurden sie von Celtic Minerals beschäftigt, doch die Kohle, die sie abbauten, gehörte dem Earl, und der wurde genauso pro Tonne bezahlt wie jeder Bergmann – eine Tatsache, auf die hinzuweisen ihr Vater niemals müde wurde. Wenn es richtig war, als guter Bergmann gute Kohle zu machen, was sollte dann falsch daran sein, wenn sie eine gute Haushälterin sein wollte?

Ethel hörte, wie die Tür geöffnet wurde, und sprang auf. Es war der Earl. »Was ist los, um alles in der Welt?«, fragte er freundlich. »Ich habe Sie bis draußen auf dem Flur gehört.«

»Tut mir leid, Mylord, ich hätte nicht hier reingehen sollen.«

»Schon gut, mein Kind.« In Fitz’ attraktivem Gesicht stand aufrichtige Besorgnis. »Warum weinen Sie denn?«

»Ich war so stolz, dass ich dem König helfen konnte«, antwortete Ethel traurig. »Aber mein Vater sagt, das alles wäre bloß ein billiges Schauspiel gewesen, damit die Leute nicht mehr auf Celtic Minerals wütend sind.« Wieder brach sie in Tränen aus.

»Was für ein Unsinn«, sagte der Earl. »Jeder konnte sehen, dass die Anteilnahme Seiner Majestät und seiner Gemahlin echt war.« Er zog das weiße Taschentuch aus der Brusttasche. Ethel erwartete, dass er es ihr reichte; stattdessen tupfte er ihr sanft die Tränen von den Wangen. »Jedenfalls war ich letzten Montag sehr stolz auf Sie, egal was Ihr Vater denkt.«

»Sie sind sehr freundlich …«

»Schon gut«, sagte Fitz, beugte sich vor und küsste sie auf den Mund.

Ethel war wie betäubt. Mit allem hätte sie gerechnet, nur nicht damit. Als der Earl sich von ihr löste, starrte sie ihn fassungslos an.

Er schaute ihr in die Augen. »Ach, Ethel, du bist wunderschön«, sagte er und küsste sie noch einmal.

Diesmal schob sie ihn fort. »Mylord, was tun Sie?«, flüsterte sie entsetzt.

»Das weiß ich selbst nicht.«

»Und was denken Sie sich dabei?«

»Im Moment denke ich überhaupt nicht.«

Ethel schaute in sein attraktives Gesicht. Die grünen Augen musterten sie intensiv, als versuchte er, ihre Gedanken zu lesen. Mit einem Mal wurde Ethel klar, dass sie diesen Mann begehrte. Heftiges Verlangen überkam sie.

»Ich kann nicht anders«, sagte Fitz.

Ethel seufzte glücklich. »Dann küss mich noch mal.«

3 KAPITEL

Februar 1914

Es war halb elf Uhr vormittags. Der Spiegel in der Halle von Earl Fitzherberts Stadthaus im noblen Londoner Stadtteil Mayfair zeigte einen hochgewachsenen Mann, tadellos gekleidet in die Tagesgarderobe eines Briten der Oberschicht. Seine silbergraue Krawatte wurde von einer Perlennadel gehalten, und er trug einen Stehkragen, da er die modischen weichen Krägen nicht mochte. Einige seiner Freunde hielten es für unter ihrer Würde, sich elegant zu kleiden. »Ehrlich, Fitz, du siehst aus wie ein Schneider, der morgens seinen Laden aufmacht«, hatte der junge Marquess Lowther einmal zu ihm gesagt. Doch Lowthie war ständig ungepflegt, hatte immer Krümel auf der Weste und Zigarrenasche an den Hemdmanschetten und wollte, dass jeder so heruntergekommen aussah wie er selbst. Doch Fitz verabscheute jedes Staubkorn und jeden Fussel. Ihm gefiel es, sich in Schale zu werfen.

Er setzte einen grauen Zylinder auf. Den Gehstock in der rechten Hand, ein neues Paar grauer Wildlederhandschuhe in der linken, verließ er das Haus und wandte sich nach Süden. Auf dem Berkley Square zwinkerte ihm ein blondes Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren zu. »Ein’ blasen, Sir?«, fragte sie. »Kost’ bloß ’n Shilling.«

Fitz, der dieses Angebot geflissentlich überhörte, überquerte die Piccadilly und betrat den Green Park. An den Wurzeln mancher Bäume lagen noch Reste vom letzten Schnee. Fitz ging am Buckingham Palace vorbei und gelangte in eine reizlose Gegend in der Nähe der Victoria Station. Den weiteren Weg zum Ashley Place musste er bei einem Polizisten erfragen. Wie sich herausstellte, führte die Straße hinter der römisch-katholischen Kathedrale vorbei. Also wirklich, dachte Fitz, wenn jemand einen Mann von Adel bittet, ihn aufzusuchen, sollte er wenigstens ein Büro in einem respektablen Viertel unterhalten.

Ein alter Freund seines Vaters, ein Mann namens Mansfield Smith-Cumming, hatte Fitz zu sich bestellt. Smith-Cumming war Marineoffizier im Ruhestand und arbeitete nun in einer nicht ganz klar bestimmten Funktion für das Kriegsministerium. Er hatte Fitz eine ziemlich kurze Nachricht gesandt: Ich würde gerne Ihre Meinung über eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung erfahren. Könnten Sie mich morgen Vormittag um elf Uhr aufsuchen? Die Nachricht war maschinegeschrieben und nur mit dem Buchstaben »C« in grüner Tinte unterzeichnet.

In Wahrheit war Fitz erfreut, dass ihn ein Mann sprechen wollte, der für die Regierung arbeitete. Ihm war die Vorstellung ein Gräuel, man könnte ihn als bloßen Zierrat betrachten, als reichen Aristokraten, der zu nichts anderem taugte, als gesellschaftliche Ereignisse durch seine Anwesenheit zu schmücken. Er hoffte, man würde ihn um seinen Rat bitten, vielleicht in einer Sache, die mit seinem alten Regiment zu tun hatte, den Welsh Rifles, oder den South Wales Territorials, deren Oberst ehrenhalber er war. Wie auch immer – allein, dass man ihn ins Kriegsministerium bestellt hatte, gab Fitz das Gefühl, nicht gänzlich überflüssig zu sein.

Doch die Adresse erwies sich als modernes Wohnhaus, was bei Fitz Zweifel weckte, dass diese Dienststelle tatsächlich zum Kriegsministerium gehörte. Ein Portier führte Fitz zu einem Aufzug. Smith-Cummings Appartement schien teils als Wohnung, teils als Büro genutzt zu werden. Ein forscher, energischer junger Mann von militärischer Haltung teilte Fitz mit, »C« werde ihn sofort empfangen.

C hatte nichts Militärisches an sich. Er war untersetzt und dicklich, hatte eine Hakennase wie Mr. Punch und trug ein Monokel. Sein Büro war mit einem Sammelsurium verschiedenster Dinge vollgestopft: Flugzeugmodelle, ein Fernrohr, ein Kompass, ein Gemälde, das Bauern vor einem Erschießungskommando zeigte. Fitz’ Vater hatte Smith-Cumming stets den »seekranken Seeoffizier« genannt, und seine Karriere in der Navy war alles andere als glänzend verlaufen. Was tat der Mann hier?

»Was ist diese Wohnung eigentlich?«, fragte Fitz, als er sich setzte.

»Die Auslandsabteilung des Secret Service Bureau«, antwortete C.

»Ich wusste gar nicht, dass wir einen Geheimdienst haben.«

»Wenn die Leute es wüssten, wäre er nicht mehr geheim.«

»Verstehe.« Fitz verspürte gespannte Erregung. Es war schmeichelhaft, solch vertrauliche Informationen zu erhalten.

»Es wäre sehr freundlich von Ihnen, das niemandem gegenüber zu erwähnen.«

Fitz begriff, dass ihm soeben ein Befehl erteilt worden war, so höflich formuliert er auch sein mochte.

»Selbstverständlich«, sagte er. Er war es zufrieden, sich als Mitglied eines geheimen Zirkels fühlen zu können. Wollte C ihn um Mitarbeit im Kriegsministerium bitten?

»Meinen Glückwunsch zum Erfolg Ihrer Wochenendgesellschaft. Ich habe gehört, Sie haben Seiner Majestät eine beeindruckende Gruppe junger Männer mit guten Beziehungen vorgestellt.«

»Vielen Dank. Streng genommen war es ein vertraulicher gesellschaftlicher Rahmen, aber ich fürchte, so etwas spricht sich immer herum.«

»Und jetzt begleiten Sie Ihre Frau nach Russland.«

»Sie ist Russin und möchte ihren Bruder besuchen. Die Reise ist lange verschoben worden.«

»Und Gus Dewar fährt mit Ihnen.«

C schien über alles im Bilde zu sein. »Er macht eine Weltreise«, erwiderte Fitz. »Unsere Pläne haben sich überschnitten.«

C lehnte sich zurück und sagte beiläufig: »Wissen Sie, weshalb Admiral Alexejew im Krieg gegen Japan den Befehl über die russischen Streitkräfte bekam, obwohl er vom Landkrieg nichts verstand?«

Fitz hatte als Junge einige Zeit in Russland verbracht und den Verlauf des Russisch-Japanischen Krieges von 1904–1905 verfolgt, aber diese Geschichte war ihm neu. »Erzählen Sie.«

»Nun, offenbar war Großfürst Alexej in einem Marseiller Bordell in eine Schlägerei verwickelt und wurde von der französischen Polizei festgenommen. Alexejew kam zu seiner Rettung und versicherte den Gendarmen, dass er es sei, der sich danebenbenommen habe, nicht der Großfürst. Wegen der Namensähnlichkeit klang die Geschichte plausibel, und der Großfürst wurde auf freien Fuß gesetzt. Alexejew wurde belohnt, indem man ihn zum Oberbefehlshaber sämtlicher russischer Land- und Seestreitkräfte im Fernen Osten ernannte.«

»Kein Wunder, dass Russland den Krieg verloren hat.«

»Dennoch, die Russen besitzen das größte Heer, das die Welt je gesehen hat. Die Schätzungen reichen bis zu sechs Millionen Mann, wenn sämtliche Reservisten mobilisiert werden. Ganz gleich, wie unfähig die Führung sein mag, sechs Millionen Soldaten sind eine unfassbare Streitmacht. Aber wie effizient wäre sie … sagen wir, in einem europäischen Krieg?«

»Ich bin seit meiner Hochzeit nicht mehr in Russland gewesen«, erwiderte Fitz. »Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.«

»Wir auch nicht. Deshalb kommen Sie ins Spiel. Es wäre mir lieb, wenn Sie gewisse Erkundigungen anstellen könnten, während Sie sich in Russland aufhalten.«

Fitz war überrascht. »Wäre das nicht Aufgabe unserer Botschaft?«

»Natürlich.« C zuckte mit den Schultern. »Aber Diplomaten interessieren sich mehr für Politik als für militärische Dinge.«

»Es muss doch einen Militärattaché geben.«

»Aber ein Außenstehender wie Sie könnte uns eine neue Sichtweise bieten – ganz ähnlich, wie Ihre Gesellschaft auf Ty Gwyn dem König einen Einblick geboten hat, den das Außenministerium ihm nicht hätte verschaffen können. Aber wenn Sie meinen, es geht nicht …«

»Ich will mich keineswegs weigern«, versicherte Fitz ihm rasch. Im Gegenteil, es machte ihn stolz, dass sein Land ihn um diesen Dienst bat. »Mich überrascht nur, dass solche Dinge auf diese Art und Weise gehandhabt werden.«

»Wir sind eine relativ neue Abteilung mit begrenzten Mitteln. Meine besten Informanten sind gebildete Reisende mit militärischer Erfahrung, die einschätzen können, was sie zu sehen bekommen.«

»Verstehe.«

»Ich wüsste gern, ob Sie den Eindruck haben, dass die russische Offizierskaste sich seit 1905 weiterentwickelt hat. Ist sie moderner geworden, oder hält sie noch an alten Vorstellungen fest? Sie werden die höchsten Militärführer in Sankt Petersburg kennenlernen – Ihre Gattin ist mit der Hälfte dieser Herren verwandt.«

Fitz dachte an den letzten Krieg zurück, den Russland zu Beginn des Jahrhunderts geführt hatte. »Der Hauptgrund für die Niederlage gegen Japan war, dass die russische Eisenbahn nicht in der Lage war, das Feldheer mit Nachschub zu versorgen.«

»Aber seitdem hat man versucht, das Schienennetz auszubauen – mit Geld, das vom Verbündeten Frankreich geliehen wurde.«

»Ob Russland dabei wohl große Fortschritte gemacht hat?«

»Das ist die Schlüsselfrage. Sie werden mit der Bahn reisen. Halten Sie die Augen offen. Fahren die Züge pünktlich? Sind die Schienenstränge eingleisig oder doppelgleisig? Auf solche Dinge müssen Sie achten. Die deutsche Generalität hat einen Kriegsplan, der auf einer Berechnung beruht, wie lange es dauert, das russische Heer zu mobilisieren. Wenn es Krieg gibt, hängt viel davon ab, wie genau diese Berechnung ist.«

Fitz war aufgeregt wie ein Schuljunge, zwang sich jedoch zu einem gemessenen Tonfall. »Ich werde sehen, was ich herausfinden kann.«

»Ich danke Ihnen.« C blickte auf seine Armbanduhr.

Fitz erhob sich, und die Männer tauschten einen Händedruck.

»Wann genau brechen Sie auf?«, fragte C.

»Wir reisen morgen ab«, antwortete Fitz. »Auf Wiedersehen.«

***

Grigori Peschkow beobachtete seinen jüngeren Bruder Lew dabei, wie er den großen Amerikaner ausnahm. Lews hübsches Gesicht zeigte einen Ausdruck jungenhaften Eifers, als wäre es sein höchstes Ziel, sein Können zur Schau zu stellen. Grigori machte sich Sorgen. Eines Tages, fürchtete er, würde Lews Charme nicht mehr reichen, ihn vor Ärger zu bewahren.

»Das ist ein Gedächtnistest«, sagte Lew auf Englisch. Er hatte die Worte auswendig gelernt. »Nehmen Sie eine Karte, egal welche.« Er musste die Stimme heben, um den Fabriklärm zu übertönen: Schwere Maschinen rumpelten, Dampf zischte, und Männer brüllten einander zu.

Der Name des Besuchers war Gus Dewar, ein liebenswerter junger Kerl, adrett gekleidet in Jackett, Weste und Hose, alles aus dem gleichen, teuren grauen Stoff. Grigori interessierte sich besonders für Dewar, weil er aus Buffalo kam.

Mit einem Schulterzucken nahm Dewar eine Karte von Lews Stapel und schaute sie sich an.

Lew sagte: »Legen Sie die Karte auf die Werkbank, mit dem Bild nach unten.«

Dewar tat wie geheißen.

Lew zog einen Rubelschein aus seiner Tasche und legte ihn auf die Karte. »Jetzt legen Sie einen Dollar hin.« So etwas konnte Lew nur mit reichen Besuchern machen.

Grigori wusste, dass Lew die Spielkarte bereits vertauscht hatte: Unter dem Rubelschein in seiner Hand war eine andere Karte versteckt gewesen. Der Trick, den Lew immer wieder geübt hatte, bestand darin, die erste Karte aufzunehmen und genau in dem Augenblick in der Hand verschwinden zu lassen, wenn man die neue Karte mit dem Rubelschein auf den Tisch legte.

»Sind Sie sicher, dass Sie es sich leisten können, einen Dollar zu verlieren, Mr. Dewar?«, fragte Lew.

Dewar lächelte, wie alle Opfer bei dieser Frage. »Ich glaube schon.«

»Erinnern Sie sich an Ihre Karte?« Lew sprach gebrochen Englisch. Die gleichen Phrasen beherrschte er auch in holprigem Deutsch, Französisch und Italienisch.

»Pik Fünf«, sagte Dewar.

»Falsch.«

»Ich bin mir ziemlich sicher.«

»Drehen Sie die Karte um.«

Dewar tat wie geheißen. Es war die Kreuzdame.

Lew nahm sich den Dollarschein und seinen Rubel.

Grigori hielt die Luft an. Das war jetzt der gefährliche Augenblick. Würde der Amerikaner Lew beschuldigen, ihn ausgeraubt zu haben?

Dewar grinste reumütig und sagte: »Sie haben mich drangekriegt.«

»Ich kenne noch ein Spiel«, sagte Lew.

Das reicht jetzt, beschied Grigori. Lew forderte sein Glück heraus. Obwohl er schon zwanzig Jahre alt war, musste Grigori noch immer auf ihn aufpassen. »Spielen Sie nicht gegen meinen Bruder«, sagte er auf Russisch zu Dewar. »Er gewinnt immer.«

Dewar lächelte und erwiderte zögernd, ebenfalls auf Russisch: »Das ist ein guter Rat.«

Dewar gehörte zu einer kleinen Besuchergruppe, die eine Führung durch die Putilow-Maschinenfabrik machte. Die Putilow-Werke waren die größte Fabrik in Sankt Petersburg. Dreißigtausend Männer, Frauen und Kinder waren hier beschäftigt. Grigori hatte die Aufgabe, den Besuchern eine kleine, aber wichtige Abteilung zu zeigen. In der Fabrik wurden Lokomotiven und andere große Maschinen aus Stahl gebaut. Grigori war Vorarbeiter in der Radfertigung.

Gern hätte er mit Dewar über Buffalo gesprochen, doch bevor er dem Amerikaner auch nur eine Frage stellen konnte, erschien Kanin, der Fertigungsleiter der Stahlgießerei. Kanin war ein hervorragender Ingenieur, groß und dünn, mit zurückweichendem Haar. Er wurde von einem zweiten Besucher begleitet. Grigori erkannte an der Kleidung des Mannes, dass es sich dabei um den englischen Lord handeln musste. Wie ein russischer Edelmann trug er Frack und Zylinder. Vielleicht wurde diese Kleidung ja überall auf der Welt von der herrschenden Klasse getragen.

Der Name des Lords, so hatte man Grigori gesagt, sei Earl Fitzherbert. Mit seinem schwarzen Haar und den leuchtend grünen Augen war er der bestaussehende Bursche, der Grigori je untergekommen war. Die Frauen in der Abteilung himmelten ihn an.

Kanin sprach Russisch mit Fitzherbert. »Inzwischen produzieren wir hier jede Woche zwei Lokomotiven«, erklärte er stolz.

»Erstaunlich«, sagte der englische Lord.

Grigori wusste, warum die Ausländer sich so sehr für die Fabrik interessierten, denn er hatte die Zeitungen gelesen und ging zu Vorträgen und Diskussionsrunden, die von den Petersburger Bolschewiken organisiert wurden. Den Ausländern ging es um die Eisenbahnen, die von grundlegender Bedeutung für die Verteidigung Russlands waren. Die Besucher mochten ja so tun, als wären sie bloß neugierig; in Wahrheit aber sammelten sie militärische Informationen.

Kanin stellte Grigori vor. »Das ist Peschkow, der Schachmeister der Fabrik.« Kanin gehörte zur Werksleitung, war aber ganz in Ordnung.

Fitzherbert war charmant. Er sprach mit Warja, einer Frau von gut fünfzig Jahren, die ihr graues Haar unter einem Kopftuch trug. »Wirklich sehr nett, dass Sie uns Ihren Arbeitsplatz zeigen«, sagte er gut gelaunt. Er sprach fließend Russisch, wenn auch mit starkem Akzent. Warja, eine kräftige Frau mit großen Brüsten, kicherte wie ein Schulmädchen.

Die Demonstration war vorbereitet. Grigori hatte Stahlbarren in den Trichter gelegt und den Schmelzofen angeheizt; nun wurde das Metall verflüssigt. Aber es sollte noch ein weiterer Besucher kommen: die Frau des englischen Earls, angeblich eine Russin. Wahrscheinlich beherrschte der Earl deshalb die Sprache, was für einen Ausländer eher ungewöhnlich war.

Grigori wollte Dewar gerade nach Buffalo fragen, doch ehe er Gelegenheit dazu hatte, kam die Frau des Earls in die Radfertigung. Ihr bodenlanger Rock war wie ein Besen, der Staub und Eisenspäne vor sich herschob. Über ihrem Kleid trug sie einen kurzen Mantel. In ihrem Kielwasser folgten ein Diener mit einem Pelzmantel über dem Arm, eine Zofe mit einer Tasche sowie einer der Fabrikdirektoren, Graf Malakowski, ein junger Mann, der wie Fitzherbert gekleidet war.

Malakowski war offensichtlich angetan von seinem Gast. Er lächelte immerzu, sprach mit leiser Stimme zu ihr und nahm oft unnötigerweise ihren Arm. Die Frau des Engländers war aber auch ungewöhnlich hübsch mit ihren blonden Locken und der koketten Art, wie sie ihren Kopf zur Seite legte.

Grigori erkannte sie sofort. Es war Fürstin Bea.

Sein Herz setzte einen Schlag aus. Ihm wurde übel. Mit Gewalt unterdrückte er die hässliche Erinnerung aus ferner Vergangenheit. Instinktiv schaute er nach seinem Bruder. Würde Lew sich ebenfalls erinnern? Er war damals erst sechs Jahre alt gewesen. Lew blickte die Fürstin neugierig an, als könne er sie nicht richtig einordnen. Plötzlich veränderte sich seine Miene. Er wurde kreidebleich, dann rot vor Wut.

Grigori stand bereits neben seinem Bruder. »Bleib ruhig!«, raunte er. »Sag kein Wort. Vergiss nicht: Wir wollen nach Amerika. Da darf uns nichts dazwischenkommen.«

Lew gab einen angewiderten Laut von sich.

»Geh in den Stall zurück«, drängte Grigori. Lew war einer der vielen Kutscher in der Fabrik.

Lew funkelte die ahnungslose Fürstin noch einen Augenblick düster an; dann drehte er sich um und ging. Die Gefahr war gebannt.

Grigori begann mit der Vorführung. Er nickte Isaak zu, dem Kapitän der Werksfußballmannschaft, der ungefähr in seinem Alter war. Isaak öffnete die Gussform. Dann schleppten er und sein Kollege Varja ein poliertes Holzmodell für ein Rad mit Gießmund heran. Schon dieses Modell zeugte von großem Können. Die Speichen waren elliptisch und liefen zum Rand hin spitz zu. Das Rad gehörte zu einer gigantischen 4-6-4-Lokomotive; deshalb war es fast so groß wie die beiden Männer, die es trugen.

Sie drückten das Modell in die tiefe, mit einer feuchten, sandigen Mischung gefüllte Gussform. Isaak formte Lauffläche und Gießmund mit einem gusseisernen Kaltmaß aus und zog es schließlich noch einmal über die Form. Dann wurde die Form geöffnet, und Grigori inspizierte den Abdruck, den das Modell hinterlassen hatte. Er entdeckte keine sichtbaren Unregelmäßigkeiten. Anschließend sprühte er die Gussmischung mit einer schwarzen öligen Flüssigkeit ein und schloss die Form wieder. »Treten Sie bitte zurück«, sagte er zu den Besuchern. Isaak drehte die Roheisenpfanne mit dem Schnabel an den Gießmund. Dann zog Grigori langsam an dem Hebel, der die Pfanne kippen ließ.

Langsam floss geschmolzener Stahl in die Form. Zischend schoss Dampf aus den Lüftungsöffnungen. Grigori wusste aus Erfahrung, wann er die Roheisenpfanne wieder aufrichten und den Stahlfluss stoppen musste. »Im nächsten Schritt wird die Form des Rades perfektioniert«, erklärte er. »Aber da es zu lange dauert, bis das heiße Metall abgekühlt ist, habe ich hier ein Rad, das wir schon früher gegossen haben.«

Das Rad war bereits in eine Drehmaschine eingespannt. Grigori nickte Konstantin zu, Varjas Sohn, der als Maschinenführer arbeitete. Konstantin war ein schlaksiger Intellektueller, Vorsitzender der bolschewistischen Diskussionsgruppe und Grigoris bester Freund. Er warf den Elektromotor an, und das Rad begann sich mit hoher Geschwindigkeit zu drehen. Ein Kreischen ertönte, als Konstantin den Drehmeißel ansetzte.

»Bleiben Sie bitte von der Drehmaschine weg«, rief Grigori den Besuchern zu, um den Lärm zu übertönen. »Wenn Sie das Rad berühren, könnte es Sie einen Finger kosten.« Er hob die linke Hand. »So wie mich, hier in dieser Fabrik, als ich zwölf war.« Von Grigoris Ringfinger war nur noch ein hässlicher Stumpf geblieben. Graf Malakowski warf ihm einen verärgerten Blick zu. Der Direktor wurde nicht gerne daran erinnert, welchen Preis andere mit ihrem Fleisch und Blut zahlten, damit er Profit machen konnte. In Fürstin Beas Blick hingegen mischten sich Ekel und Faszination. Grigori fragte sich, ob sie womöglich ein abartiges Interesse an menschlichem Leid und Elend hatte. Auf jeden Fall war es äußerst ungewöhnlich für eine Dame ihres Standes, sich durch eine Fabrik führen zu lassen.

Grigori gab Konstantin ein Zeichen, worauf dieser die Drehmaschine anhielt. »Als Nächstes wird das Rad mit Schieblehren ausgemessen«, fuhr Grigori fort und hielt das entsprechende Werkzeug in die Höhe. »Die Räder einer Lokomotive müssen exakt bemessen sein. Weicht der Durchmesser mehr als ein Sechzehntel Zoll vom Standard ab – ungefähr die Dicke einer Bleistiftmine –, muss das Rad eingeschmolzen und neu gegossen werden.«

Fitzherbert fragte mit seinem starken Akzent: »Wie viele Räder stellen Sie am Tag her?«

»Im Durchschnitt sechs oder sieben, unter Berücksichtigung der Fehlgüsse.«

Dewar, der Amerikaner, erkundigte sich: »Wie sind die Arbeitszeiten?«

»Sechs Uhr morgens bis sieben Uhr abends, von Montag bis Samstag. Sonntags dürfen wir in die Kirche.«

Ein Junge von ungefähr acht Jahren kam in die Gießerei gerannt, verfolgt von einer schreienden Frau, vermutlich seine Mutter. Grigori griff nach dem Jungen, um ihn vom Schmelzofen fernzuhalten, doch das Kind duckte sich unter ihm weg und prallte in vollem Lauf gegen Fürstin Bea. Sein kurz geschorener Kopf traf sie mit hörbarem, dumpfem Laut an den Rippen. Vor Schmerz schnappte Bea nach Luft. Der Junge blieb stehen, verwirrt und benommen. Zornig riss die Fürstin einen Arm in die Höhe und schlug dem Jungen so fest ins Gesicht, dass Grigori glaubte, das Kind würde zu Boden gehen. Der Amerikaner sagte etwas auf Englisch; seine Stimme klang verwundert und indigniert. Dann hob die Mutter den Jungen mit ihren starken Armen hoch und eilte mit ihm davon.

Kanin, der Fertigungsleiter, riss voller Angst die Augen auf. Er wusste, dass man ihm die Schuld an dem Vorfall geben könnte. »Seid Ihr verletzt, Durchlaucht?«, fragte er die Fürstin.

Bea war wütend, atmete jedoch tief durch und antwortete: »Nein, es ist nichts passiert.«

Ihr Mann und der Graf eilten besorgt zu ihr. Nur Dewar hielt sich zurück; seine Missbilligung war ihm deutlich anzusehen. Wahrscheinlich hatte die Ohrfeige, die die Fürstin dem Jungen verpasst hatte, den Amerikaner schockiert, mutmaßte Grigori. Er fragte sich, ob alle Amerikaner so zimperlich waren. Eine Ohrfeige war nichts. Grigori und sein Bruder waren hier, in dieser Fabrik, als Kinder mit Stöcken geprügelt worden.

Die Besucher schickten sich an, ihre Besichtigungstour durch die Fabrik fortzusetzen. Grigori fürchtete, die Gelegenheit zu verpassen, mit dem Amerikaner aus Buffalo zu reden. Kühn berührte er Dewar am Ärmel. Ein russischer Edelmann hätte Grigori diese Frechheit mit Schlägen vergolten, doch der Amerikaner drehte sich bloß um und lächelte den Russen freundlich an.

»Sie sind doch aus Buffalo, New York, Sir, nicht wahr?«, fragte Grigori.

»Das stimmt.«

»Mein Bruder und ich sparen, damit wir nach Amerika gehen können. Wir wollen in Buffalo leben.«

»Warum ausgerechnet da?«

»Hier in Sankt Petersburg gibt es eine Familie, die an die erforderlichen Papiere kommt – gegen Gebühr, versteht sich. Sie haben uns versprochen, dass wir bei ihren Verwandten in Buffalo arbeiten können.«

»Wie heißen die Leute?«

»Wjalow.« Die Wjalows waren Kriminelle, machten aber auch legale Geschäfte. Sie waren nicht gerade die vertrauenswürdigsten Zeitgenossen; deshalb hätte Grigori es gerne gesehen, wenn die Behauptungen der Wjalows, was ihre Verwandten betraf, von einer unabhängigen Quelle bestätigt würden. »Sind die Wjalows in Buffalo, New York, wirklich eine so reiche und mächtige Familie?«

»Ja«, antwortete Dewar. »Joseph Vyalov« – er sprach den Namen amerikanisch aus – »beschäftigt mehrere Hundert Leute in seinen Bars und Hotels.«

»Danke.« Grigori war erleichtert. »Das ist gut zu wissen.«

***

Grigoris früheste Erinnerung war die an den Tag, an dem der Zar nach Bulownir gekommen war. Damals war Grigori sechs gewesen.

Seit Tagen hatten die Dörfler von nichts anderem mehr geredet. Alle standen bei Sonnenaufgang auf, obwohl es sich von selbst verstand, dass der Zar zuerst frühstücken und deshalb nicht vor dem Vormittag eintreffen würde. Grigoris Vater trug den Tisch aus ihrer Einzimmerhütte und stellte ihn an die Straße. Dann legte er einen Laib Brot darauf; daneben kamen ein Strauß Blumen und ein Topf mit Salz. Das, erklärte er seinem älteren Sohn, seien die traditionellen russischen Symbole der Gastfreundschaft, und tatsächlich taten die meisten Dörfler es ihm gleich. Grigoris Großmutter hatte sich ein neues gelbes Kopftuch umgebunden.

Es war Anfang Herbst, ein trockener Tag kurz vor der ersten Winterkälte. Die Bauern hockten sich hin und warteten. Die Dorfältesten gingen in ihrer besten Kleidung auf und ab und schauten gewichtig drein, obwohl sie nicht anders waren als alle anderen. Grigori wurde es bald langweilig, und so begann er im Matsch neben dem Haus zu spielen. Sein Bruder Lew war erst ein Jahr alt und wurde noch von ihrer Mutter umsorgt.

Mittag war vorbei, doch niemand wollte ins Haus gehen und Essen kochen aus Furcht, den Zaren zu verpassen. Grigori versuchte, sich ein Stück von dem Brot zu nehmen, das auf dem Tisch lag, bekam jedoch einen Klaps auf die Hand; stattdessen brachte Maminka ihm eine Schüssel kalten Brei.

Grigori war nicht sicher, wer oder was der Zar eigentlich war. In der Kirche jedenfalls wurde oft über ihn gesprochen. Der Zar liebe alle Bauern, sagte der Pope, und wache im Schlaf über sie. Also stand der Zar offensichtlich auf einer Stufe mit dem heiligen Petrus und dem Erzengel Gabriel. Grigori fragte sich, ob der Zar wohl Flügel oder eine Dornenkrone hatte oder ob er nur einen bestickten Mantel trug wie ein Dorfvorsteher. In jedem Fall stand fest, dass allein schon den Zar zu sehen ein Segen für die Menschen war, so wie damals bei Jesus und seinen Jüngern.

Es war später Nachmittag, als plötzlich in der Ferne eine Staubwolke zu sehen war. Grigori spürte, wie der Boden unter seinen Filzstiefeln zitterte. Kurz darauf vernahm er das Donnern von Hufen. Alle im Dorf fielen auf die Knie. Grigori kniete sich neben seine Babuschka. Die Dorfältesten legten sich mit dem Gesicht nach unten auf die Straße, die Stirn im Dreck, so wie sie es auch taten, wenn Fürst Andrej und Fürstin Bea kamen.

Vorreiter erschienen, gefolgt von einer geschlossenen Kutsche, die von vier Pferden gezogen wurde. Die Pferde waren riesig, die größten, die Grigori je gesehen hatte, und wurden unbarmherzig angetrieben. Ihre Flanken glänzten von Schweiß, und vor ihren Mäulern stand Schaum. Die Dorfältesten erkannten erst jetzt, dass die Kutsche und der Reitertrupp nicht anhalten würden, und so sprangen sie rasch aus dem Weg, um nicht niedergetrampelt zu werden. Grigori schrie vor Angst, doch sein Schrei ging im Lärm unter. Als die Kutsche vorbeidonnerte, rief sein Vater: »Lang lebe der Zar, Vater seines Volkes!«

Er hatte kaum ausgesprochen, als die Kutsche das Dorf bereits hinter sich gelassen hatte. Grigori war untröstlich. Der aufgewirbelte Staub hatte ihm den Blick auf die Leute in der Kutsche verwehrt. Aber weil er den Zar nicht gesehen hatte, war er jetzt nicht gesegnet. Vor Kummer brach er in Tränen aus.

Maminka nahm den Laib Brot vom Tisch, brach ein Stück ab und gab es ihm zu essen. Da fühlte Grigori sich schon wieder besser.

***

Wenn seine Schicht in den Putilow-Werken um sieben Uhr abends vorbei war, ging Lew für gewöhnlich mit seinen Kollegen Karten spielen oder trank etwas mit seinen leichtlebigen Freundinnen. Grigori hingegen besuchte häufig irgendeine Veranstaltung: eine Vorlesung über Atheismus, eine sozialistische Diskussionsrunde, eine Laterna-magica-Schau über fremde Länder oder eine Dichterlesung. An diesem Abend jedoch hatte er nichts zu tun. Deshalb wollte er nach Hause, sich einen Eintopf zum Abendessen kochen, etwas davon für Lew übrig lassen und früh zu Bett gehen.

Die Fabrik befand sich in den südlichen Außenbezirken von Sankt Petersburg; die Schornsteine, Schuppen und Hallen erstreckten sich über ein riesiges Areal entlang der Ostseeküste. Viele Arbeiter wohnten in der Fabrik; einige hausten in Baracken, während andere neben ihren Maschinen schliefen. Deshalb rannten so viele Kinder auf dem Fabrikgelände herum.

Grigori gehörte zu denen, die außerhalb des Fabrikgeländes wohnten. In einer sozialistischen Gesellschaft, da war er sicher, würde man Häuser für die Arbeiter schon beim Bau der Fabrik einplanen, doch wegen des willkürlichen russischen Kapitalismus hatten Tausende von Menschen keine Bleibe. Grigori wurde gut bezahlt; trotzdem hauste er in einem winzigen Zimmer, eine halbe Stunde zu Fuß von der Fabrik entfernt. In Buffalo, das wusste er, hatten die Arbeiter in ihren Häusern Strom und fließendes Wasser. Manche, hatte man ihm erzählt, besaßen sogar Telefone. Aber das kam ihm genauso lächerlich vor wie der Spruch, in Amerika seien die Straßen mit Gold gepflastert.

Das Erscheinen von Fürstin Bea in der Fabrik hatte Grigori wieder in die Kindheit zurückgeführt. Während er sich nun seinen Weg durch die vereisten Straßen suchte, kämpfte er gegen die unerträgliche Erinnerung an, die ihr Anblick in ihm wachgerufen hatte, doch es gelang ihm nicht. Er dachte an die Holzhütte, in der er damals gehaust hatte, und sah wieder die Zimmerecke mit den Ikonen und die Schlafecke gegenüber, wo er sich nachts hingelegt hatte, oft mit einer Ziege oder einem Kalb neben sich. An eines erinnerte Grigori sich besonders gut, obwohl es ihm damals gar nicht so bewusst gewesen war: an den Geruch. Er kam vom Ofen, von den Tieren, vom schwarzen Rauch der Petroleumlampe und vom selbst angepflanzten Tabak, aus dem sein Vater sich mit Zeitungspapier Zigaretten drehte. Die Fensterrahmen waren mit Lumpen zugestopft, um die Kälte auszusperren, und dementsprechend war die Luft. In seiner Vorstellung konnte Grigori diese Luft noch immer riechen, und voller Wehmut dachte er an die Tage vor dem Albtraum, als sein Leben noch sicher gewesen war.

Nicht weit von der Fabrik entfernt sah er etwas, das ihn innehalten ließ. Im Licht einer Straßenlaterne befragten zwei Polizisten in schwarzen Uniformen mit grünem Besatz eine junge Frau. Deren selbst gewebter Mantel und die Art, wie sie ihr Kopftuch im Nacken zusammengebunden hatte, ließen vermuten, dass es sich um eine Bäuerin handelte, die gerade erst in die Stadt gekommen war. Auf den ersten Blick schätzte Grigori sie auf sechzehn. In dem Alter waren er und Lew zu Waisen geworden.

Der Stämmigere der beiden Polizisten sagte irgendetwas und tätschelte dem Mädchen die Wange. Sie zuckte zusammen, worauf der andere Polizist lachte. Grigori erinnerte sich, wie brutal die Beamten ihn als sechzehnjährigen Waisen behandelt hatten.

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