Logo weiterlesen.de
Stürmische Eroberung

1. Kapitel

 

Im Mai des Jahres 1660

 

"Prudence! Prudence! Herrje, wo steckt denn das Mädchen?"

Arabella hastete auf ihrer Suche durch den schmalen Korridor in die Küche und eilte schließlich in den kleinen Garten im Innenhof. Hier endlich fand sie die Gesuchte, die sich gerade liebevoll und mit einem selbstvergessenen Lächeln auf den Lippen um zahlreiche Kübelpflanzen kümmerte. Das üppige Blattwerk einer Ulme, die in einer Ecke des Hofes stand, spendete ihr beim Unkrautzupfen willkommenen Schatten.

"Prudence! Warum antwortest du mir denn nicht, wenn ich nach dir rufe?" fragte Arabella verärgert, als sie die schmalen Steinstufen hinab in den Hof stieg. Sie hätte sich ja denken können, dass die Schwester hier steckte. Prudence' Begeisterung für das Gärtnern erstaunte Arabella immer wieder aufs Neue. Ihre diesbezüglichen Kenntnisse und ihr Einfallsreichtum waren wirklich etwas Besonderes. Und die Pflanzen dankten es ihr mit einer ungeheuren Blütenpracht. Der ganze Hof duftete nach Geißblatt, das sich die Wände hinaufrankte, und aus den zahllosen Tongefäßen ergoss sich ein wahres Meer der schönsten Blumen.

Eigentlich war Prudence gutherzig und von großzügigem Wesen. Sie besaß aber auch ein bemerkenswertes Temperament und konnte ein wirklicher Sturkopf sein, was leider häufig dazu führte, dass sie alle Anstandsregeln brach. Wenn sie sich nicht gerade mit ihren Pflanzen beschäftigte, war ihr Betragen des Öfteren dazu angetan, Arabella und Tante Julia zur Verzweiflung zu treiben. Arabella glaubte, dass der Schwester die starke männliche Hand fehlte. Was wohl ihr Bruder, Sir Thomas Fairworthy, zu Prudence' Eskapaden sagen würde? Heute sollte er endlich aus dem französischen Exil zu ihnen zurückkehren …

Prudence war nicht entgangen, dass die Stimme der Schwester verstimmt klang. Offenbar war Arabella alles andere als begeistert, weil sie so lange nach ihr hatte suchen müssen. Eilig richtete Prudence sich auf und legte den kleinen Spaten beiseite, dann wandte sie sich um. Geistesabwesend wischte sie die Hände am Rock ab. "Ich bin hier, Arabella!" Sie ging über den Hof, ein Lächeln auf dem hübschen herzförmigen Gesicht. "Was gibt es denn? Stimmt etwas nicht?"

"Etwas? Nichts stimmt! Liebe Güte, Prudence, schau dir doch nur einmal an, wie du aussiehst!" erklärte Arabella aufgebracht, stemmte die Hände in die Hüften und musterte die Jüngere von Kopf bis Fuß. Rock und Bluse waren schmutzig, ja, sogar die Wangen waren schwarz. "Ich rufe schon die ganze Zeit so laut nach dir, dass die ganze Nachbarschaft mich gehört haben muss. Wir machen uns Sorgen, wo du wohl abgeblieben bist. Du weißt doch, wie viel wir für das große Diner heute Abend noch vorbereiten müssen – aber du hast ja nichts Wichtigeres zu tun, als Unkraut zu jäten. Dabei hätten Tante Julia und die Köchin dich viel dringender bei den Vorbereitungen in der Küche gebraucht."

Prudence hielt dem vorwurfsvollen Blick stand, strich sich das Haar aus dem Gesicht und sah die Schwester herausfordernd an. "Was dachtest du denn, wo ich bin?"

"Bei Molly Rowan. Du weißt ja, es ist mir ein Dorn im Auge, dass du immer mit diesem Mädchen zusammensteckst. Sie ist ein leichtfertiges Geschöpf, und dieser Will Price, der für ihren Vater arbeitet, ist keinen Deut besser. Wie er dich immer ansieht mit diesen Hundeaugen! Zudem ist er ein schrecklich mürrischer und unhöflicher Mensch. Du darfst ihm auf gar keinen Fall Hoffnungen machen, Prudence. Und ich erlaube nicht, dass die beiden einen schlechten Einfluss auf dich ausüben!"

Molly Rowan war im gleichen Alter wie Prudence und die Tochter eines Gärtners. Die beiden Mädchen hatten einander kennen gelernt, als Prudence im Jahr zuvor nach London gezogen war und in der Gärtnerei einige Pflanzen erstanden hatte. Will Price konnte sie leider nicht aus dem Wege gehen, wenn sie zu den Rowans kam, um Molly zu besuchen oder einen Rat bei deren Vater einzuholen. Der junge Mann arbeitete nun einmal dort.

"Ich habe doch hoffentlich genug Verstand, um mich von niemandem beeinflussen zu lassen, Arabella. Und außerdem habe ich Will Price noch nie schöne Augen gemacht", entgegnete sie, und das stimmte, denn auch ihr war es unangenehm, wie der Bursche sie ansah. Tatsächlich versuchte sie stets, ihm nach Möglichkeit nicht zu begegnen. "Wie kommst du nur darauf, er gefiele mir? Das Gegenteil ist der Fall! Ansonsten gebe ich dir aber Recht, was ihn angeht. Er hat keinerlei Manieren, ist meist schrecklich übellaunig, darüber hinaus auch noch eingebildet und ziemlich stumpfsinnig. Wird ihm hübsch zu schaffen machen, dass London bald wieder voll herausgeputzter Cavaliers wimmelt, die ihm den Rang ablaufen. Dennoch, er sieht gut aus, das muss man ihm lassen. Deshalb hält er sich ja auch für einen großen Frauenliebling, nur weil er mit dem Körper eines Adonis gesegnet ist."

Durchdringend blickte Arabella sie aus zusammengekniffenen Augen an. "Und woher weißt du darüber so genau Bescheid, wenn ich das erfahren dürfte?"

Gleichmütig zuckte Prudence mit den Schultern. "Ich habe ihn bei der Arbeit mit freiem Oberkörper gesehen. Das war auch schon alles."

"Verlieb dich nur nicht in ihn wie eine dumme Gans. Er kommt für dich überhaupt nicht infrage. Aber dir ist ja nicht zu helfen", schimpfte Arabella. "Wenn ich doch nur begreifen würde, was in deinem Kopf vorgeht – und du nicht ständig in Mr. Rowans Gärtnerei herumsäßest! Was Thomas nur zu deiner ungestümen Art sagen wird!"

Offensichtlich versetzte der Gedanke an die Heimkehr des Bruders auch Prudence in Unruhe. "Ich werde mich benehmen, Arabella, das verspreche ich. Aber verpetz mich nicht bei ihm."

"Du weißt doch, dass ich keine Klatschbase bin – wenn du dich jetzt allerdings nicht sofort wäschst und angemessen gekleidet zu seinem Empfang erscheinst, vergesse ich meine guten Vorsätze vielleicht."

Obwohl Arabella noch immer verstimmt wirkte, wusste Prudence doch, dass die Schwester dem Bruder nichts sagen würde. Arabella war beinahe fünf Jahre älter als sie selbst, und manchmal hatte sie sicher genug davon, die Jüngere immer wieder ermahnen zu müssen. Arabella beobachtete sie stets mit Argusaugen und wies sie oft scharf zurecht, dennoch liebte sie die Schwester innig.

"Komm jetzt, wir haben keine Zeit für langes Geschwätz. Du hast doch bestimmt den Kanonenschuss gehört. Der König hat eben die London Bridge überquert, und du wirst gefälligst herausgeputzt auf dem Balkon stehen, bevor der Zug den Strand erreicht hat."

Wie die ganze Stadt waren auch die Maitlands in höchster Aufregung über die Rückkehr König Charles II. Niemand konnte sich der fieberhaften Begeisterung entziehen, die sich überall in den Straßen verbreitete. Seitdem die ersten Schritte zu einer Restauration unternommen worden waren, schien es, als wäre London aus einem tiefen Schlaf erwacht. Blumenbekränzte Bilder von Charles Stuart wurden von Menschen im Gewand der royalistischen Cavaliers durch die Straßen getragen, und viele Theater und andere Vergnügungsstätten öffneten jetzt wieder, die während der Ära des Commonwealth geschlossen worden waren.

Kaum hatte die Royal Charles, das Schiff des Monarchen, in Dover angelegt, breitete sich der Kanonendonner von dort über das Land bis hinein nach London aus. Der König wurde von General Monck empfangen, dem Oberbefehlshaber sämtlicher englischer und schottischer Truppen. Ohne diesen Mann wäre die Restauration nie möglich gewesen.

In ganz Kent jubelten die Menschen dem König und den heimkehrenden Royalisten begeistert zu. Die Kirchenglocken läuteten, überall brannten Freudenfeuer, und auf den Straßen nach London waren Blumen gestreut. In Blackheath begrüßte die Armee ihren König – dieselben Truppen, die einst gegen ihn rebelliert hatten. So setzte Charles II. seinen Weg fort bis in die Hauptstadt.

Währenddessen tat Prudence, wie die Schwester ihr geheißen, und ging ins Haus, um sich für die Ankunft des Bruders zurechtzumachen. Als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, war sie neun Jahre alt gewesen. Und auch wenn er für sie kaum mehr als ein Schatten der Vergangenheit war, freute sie sich auf seine Rückkehr. In seinem letzten Brief hatte er ihnen mitgeteilt, dass er inzwischen verheiratet sei mit einer jungen Frau namens Verity Ludlow. Da diese und ihre kleine Schwester Lucy früh Waisen geworden waren, hatte ihr Onkel die beiden nach der Schlacht von Worcester in Le Hague in Sicherheit gebracht. Leider begleitete Verity ihren Mann Thomas nicht nach England, da der Onkel erkrankt war und sie ihn zusammen mit der Schwester in Le Hague pflegte.

Doch es gab noch jemanden im Gefolge des Königs, den Prudence zu gern wiedersehen wollte. Es war Adam Lingart, ein junger Mann mit hellblondem Haar und wunderbar blauen Augen. Er war fünf Jahre älter sie. Schon als kleines Mädchen hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt und heimlich für ihn geschwärmt. Nie hatte Lingart besser ausgesehen als an jenem Tag vor drei Jahren, da er das kleine Dorf Marlden Green in Surrey verließ und dem Vater ins französische Exil auf den Kontinent folgte.

"Arabella, muss ich denn unbedingt auf dem Balkon bleiben? Kann ich nicht zu Mary hinunter auf die Straße und von dort dem Zug zuschauen?" bettelte Prudence.

"Nein", antwortete die Schwester bestimmt. "Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass du den Tross zusammen mit allen anderen vom Balkon aus zu verfolgen hast?"

"Aber da ist man so weit weg", beschwerte sich Prudence.

"Liebe Güte! Willst du wohl aufhören mit mir zu streiten? Du tust, was ich sage. Immerhin bist du eine Dame, trotz deines schlechten Benehmens. Daher ist es ganz unmöglich, dass du dich da unten unters gemeine Volk mischst. Die Leute strömen schon jetzt von nah und fern zusammen. Wenn der Zug des Königs erst hier ist, wird der Strand so überfüllt sein, dass du noch zu Tode getrampelt wirst", schimpfte Arabella, lächelte dann aber doch, als ob sie sich für ihre Übellaunigkeit schämte. "Verzeih mir, Prudence, aber ich bin schrecklich aufgeregt, weil unser Bruder heute nach so langer Zeit zurückkehrt – und es ist noch furchtbar viel zu tun. Zu allem Überfluss sind soeben auch noch Cousine Mary samt Gemahl und der unerzogenen Nachkommenschaft hier eingetroffen."

Prudence verstand gut, wie Arabella sich fühlte. Die Schwester fürchtete sich schon seit Tagen vor Marys Besuch. "Kopf hoch, Arabella. Nun, da Thomas wieder zurück ist, wird alles besser werden, und du musst Marys Wutausbrüche bestimmt nicht mehr lange ertragen", versuchte sie die Ältere aufzuheitern.

"Das hoffe ich, bei Gott", flüsterte Arabella und betrachtete die Schwester. Mit den kastanienbraunen Locken und der niedlichen Nase war Prudence wirklich nett anzusehen. Vom vielen Gärtnern in der Sonne war ihre Haut gebräunt, was die dunkelvioletten Augen strahlen ließ wie Amethyste. Klein und zart von Gestalt, wurde sie allgemein bewundert. Obwohl Eitelkeit ihrem warmherzigen Wesen vollkommen fremd war, fürchtete Arabella dennoch für die Zukunft der Schwester, die immer wieder die begehrlichen Blicke der Männer auf sich zog. Es wird wirklich Zeit, dass Thomas heimkehrt, dachte sie. Vielleicht würde er ja mit Prudence fertig.

Und sie selbst hätte dann auch öfter Gelegenheit, Zeit mit ihrem Verlobten, Robert Armstrong, zu verbringen. Er konnte es genauso wenig abwarten wie sie selbst, dass die Hochzeit endlich stattfand, jetzt, da der König den Thron wieder bestiegen hatte. Nachdem Roberts Studium der Gesetze abgeschlossen war, hatte auch er das Land vor drei Jahren verlassen und war seinen Brüdern ins Exil gefolgt, weil er die unbarmherzige Strenge Oliver Cromwells nicht mehr ertragen konnte. Robert war allerdings schon einen Monat vor Charles und seinem Gefolge nach England zurückgekehrt, weil er so schnell wie möglich wieder mit Arabella vereint sein wollte. Heute weilte er allerdings in Dover, da er mit eigenen Augen sehen wollte, wie der König dort zum ersten Mal wieder Fuß auf englischen Boden setzte.

"Mir tut Tante Julia Leid, Arabella. Sie muss sich ganz schrecklich fühlen. Onkel James kehrt ja nicht mit unserem Bruder aus Frankreich zurück. Denk nur daran, wie furchtbar sie gelitten hat, als Thomas ihr in seinem Brief schrieb, dass James an den Blattern gestorben ist. Und dennoch scheut sie keine Mühe, um unserem Bruder das schönste Willkommensfest auszurichten."

Trauer umwölkte für einen Moment Arabellas Blick. "Das macht Tante Julia bestimmt nichts aus. Schließlich ist Thomas jetzt das Familienoberhaupt, nachdem Vater und Onkel James tot sind. Und sie hatte unseren Bruder immer besonders gern, vielleicht weil ihre beiden eigenen Söhne kurz nach der Geburt gestorben sind. Nicht einmal Cousine Mary konnte den Schmerz darüber lindern." Irgendwo im Haus waren jetzt Kinderlachen und Marys schneidende Stimme zu hören. "Am besten gehst du nun auf dein Schlafgemach und ziehst dich um, bevor unsere Cousine dich sieht, Prudence. Du weißt ja, sie ist strikt dagegen, dass du diese Abhandlungen übers Gärtnern liest und dich um deine Pflanzen kümmerst. Nun, sie ist eben der Ansicht, du tätest besser daran, die Fertigkeiten zu erlernen, die dir eines Tages einen reichen Gemahl einbringen."

Bei dem Gedanken an die ständigen Ermahnungen der Cousine verdrehte Prudence die Augen. "Mary kann uns beide nicht leiden, Arabella. Ganz gleich, wie ich mich verhalte, sie wird immer etwas gegen mich haben. Trotzdem dürfen wir uns nicht allzu sehr beschweren. Es war großzügig von Tante Julia, uns aufzunehmen, als Vater starb und so kurz danach auch ihr eigener Gemahl. Das war für sie eine schwere Zeit. Erst hat sie den Bruder und dann den Mann verloren. Trotzdem hoffe ich, dass wir jetzt bald mit Thomas nach Hause zurückkehren."

"Ja, ich auch, Prudence, ich auch. Obwohl ich mir gar nicht auszumalen wage, in was für einem Zustand das Haus jetzt sein mag, nach all dieser Zeit."

Ihr Haus in Marlden Green hatte zwar die Jahre des Bürgerkriegs unbeschadet überstanden, doch da ihr Vater nicht bereit gewesen war, für die Bildung des Parlaments zu stimmen, war er mit hohen Abgaben belegt worden, und Teile seines Besitzes hatte man beschlagnahmt. So war die Familie Fairworthy verarmt. Bei seinem Tod vor einem Jahr hatte die Tante die mittellosen Mädchen bei sich aufgenommen.

"Schon als wir auszogen, war das Haus halb verfallen", fuhr Arabella fort. "Es regnete durchs Dach, und der Garten wird inzwischen vollkommen überwuchert sein. Ein richtiger Urwald."

Prudence lächelte selig. "Was das Haus angeht, werde ich kaum viel tun können. Aber beim Garten ist das etwas anderes. Ich habe mir bei Mr. Rowan Ratschläge geholt und bereits eine Skizze für die Pflanzungen entworfen."

Die Begeisterung der Schwester amüsierte Arabella. "Das überrascht mich, ehrlich gesagt, nicht. Doch denk daran, all das kostet Geld. Und wir sind immer noch so arm wie nach dem Bürgerkrieg. Wahrscheinlich wird Thomas sich keinen Gärtner leisten können, bevor das Haus nicht wenigstens einigermaßen bewohnbar gemacht wurde."

"Ich weiß, und deshalb habe ich in Tante Julias Garten ja auch Samen und Stecklinge gesammelt."

"Damit war sie hoffentlich einverstanden?"

"Aber ja. Ich habe genug beisammen, um einen ganzen Park anzulegen."

Die beiden Schwestern betraten die große Küche, in der Tante Julia und die Köchin schon seit einer vollen Woche mit den Vorbereitungen für das Festmahl beschäftigt waren. Früher hätte eine Dame von Julias Stand niemals solch niedere Arbeiten verrichtet, aber jetzt taten adlige Frauen viele Dinge, die vor dem Bürgerkrieg noch ganz undenkbar gewesen wären.

Prudence lief das Wasser im Mund zusammen, als sie die köstlichen Düfte in der Küche roch. Auf jeder freien Fläche waren Speisen abgestellt: Pasteten, ein Frikassee aus Huhn und Kaninchen, Hummer, Karpfen, verschiedene Käse und Zuckerwerk. Gerade wurden noch die letzten Fleischstücke über dem offenen Feuer geröstet, die ein rotwangiges Küchenmädchen immer wieder mit einer würzigen Soße begoss.

Schnell stibitzte Prudence eine kleine Pastete, als die Köchin ihr den Rücken zuwandte. Gerade wollte sie damit auf ihr Zimmer entschwinden, da erschien Cousine Mary in der Tür und versperrte ihr den Weg.

Verächtlich hob Mary die Brauen und musterte Prudence von Kopf bis Fuß. Den kalten grauen Augen entging nichts. Marys Blick verweilte kurz auf dem kleinen Riss im Rock, an dem einer der Rosenbüsche schuld war. "Du hast dich wirklich gar nicht verändert, Prudence. Wie ich sehe, verbringst du den lieben langen Tag noch immer über Pflanzenkübel gebeugt. Andere junge Frauen achten wenigstens auf ihr Aussehen. Verschwinde und mach dich sauber, bevor du zu uns auf den Balkon kommst."

Prudence ertrug den Tadel mit gut gelauntem Gleichmut. "Es wird wohl mehr als Wasser und Seife brauchen, um eine Dame aus mir zu machen, Mary, aber ich werde mich dennoch bemühen. Tatsächlich wollte ich gerade aus ebendiesem Grund hinauf." Sie lächelte, wobei sich niedliche Grübchen in ihren Wangen zeigten. Dann steckte sie die Pastete in den Mund und ging davon, während sie sich die zuckerklebrigen Finger ableckte. Die kastanienbraunen Locken wippten bei jedem Schritt.

Voller Missbilligung sah Mary ihr nach. Als sie sich umdrehte, stand Arabella hinter ihr. Mary verdrehte die Augen und erklärte seufzend: "Je eher das Mädchen verheiratet ist, desto besser für uns alle." Damit schritt sie hoch erhobenen Hauptes von dannen.

Tatsächlich war Mary erst dreißig Jahre alt, aber die betont schlichte Kleidung und die unvorteilhafte Frisur ließen sie weit älter erscheinen. Zudem fehlten der Cousine jede Wärme und Lebhaftigkeit, wie Prudence des Öfteren betonte. Mary, die nun zum vierten Mal schwanger war, lebte mit ihrem Gemahl Philip, einem Tuchhändler, und den Kindern in einem dreigeschossigen Haus in Bishopsgate. Mehrmals in der Woche besuchte sie ihre Mutter und brachte die Kinder mit.

Vor dem Bürgerkrieg hatten Sir James Maitland und Lady Julia noch gehofft, die Tochter würde eines Tages eine großartige Partie machen. Aber die politischen Wirren und die Flucht vieler Männer aus England hatten die Zahl der Junggesellen stark reduziert. Die Maitlands waren Royalisten, und die meisten Gleichgesinnten befanden sich im Exil. Aus Angst, als alte Jungfer zu enden, hatte Mary irgendwann eingewilligt, den nicht mehr ganz jungen und noch dazu furchtbar hageren Witwer Philip Tresswell zu heiraten.

Während Prudence nun die Treppe zu ihrem Schlafgemach hinaufstieg, dachte sie an Adam. Ob sie ihm wohl gefallen würde, jetzt, da sie eine richtige Frau war und beileibe kein Kind mehr? Gedankenverloren betrat sie ihr Zimmer, das im rückwärtigen Teil des Hauses unter dem Dach lag und mit den schweren Holzbalken an der Decke eine behagliche Atmosphäre verströmte. Wie auch andere reiche Familien hatten die Maitlands ihr Haus außerhalb der Stadtmauern erbaut, um vor den Menschenmassen und dem Schmutz Londons sicher zu sein. Es war von einer Mauer umgeben, die Vorderseite ging auf den Strand hinaus, und von den rückwärtigen Fenstern hatte man einen schönen Blick auf die Themse. Prudence verbrachte viel Zeit damit, die kleinen Boote und Barken zu beobachten, die mit ihrer Last den Fluss befuhren.

Eilig wusch sie sich und legte dann ein tiefblaues Kleid mit engem Mieder, tiefem Ausschnitt und weitem Rock an, der vorn den Blick auf einen schneeweißen Unterrock freigab. Sie besaß nicht viele Kleider, aber dies war ihr schönstes, und es stand ihr ausnehmend gut. So würde Adam ihr nie widerstehen können! Das hoffte sie jedenfalls. Sie trug das blaue Gewand heute zum ersten Mal, obwohl Arabella es schon vor einem Jahr für sie angefertigt hatte. Dennoch war das Kleid bis jetzt im Schrank geblieben, weil Prudence es erst an dem Tag tragen wollte, an dem Adam zurückkehrte.

Seufzend nahm sie vor dem Spiegel Platz und bürstete das Haar, bis es ihr in vollen glänzenden Locken über die Schultern fiel. Zufrieden mit dem Ergebnis, stand sie auf und drehte sich vor dem Spiegel. Sie versuchte sich mit den Augen eines Fremden zu betrachten – wie Adam es tun würde. Gut, sie war nicht eben groß, hatte aber dafür eine wohl geformte Figur und war nicht zu mager. Eine große Schönheit konnte man sie wohl nicht nennen, aber sie hatte ein hübsches Gesicht – das behauptete Molly zumindest. Und der Meinung schien auch Will Price zu sein. Unwillkürlich schauderte ihr, als sie an diesen Mann dachte, der ihr mehr als unangenehm war. Rasch schob sie den Gedanken beiseite und betrachtete ihre Augen. Sie waren von sonderbarer Farbe. Fast dunkelviolett.

Stirnrunzelnd musterte sie dann das Haar, das ihr gar nicht zusagte. Zurzeit war schwarzes Haar in Mode – ihres hingegen war kastanienbraun und zeigte hier und da helle kupferfarbene Strähnen. Außerdem hatte sie viel zu viel Haar, befand sie, das sich noch dazu wild lockte. Nun, so war es eben, daran konnte niemand mehr etwas ändern. Sie stand auf und ging hinaus. Im zweiten Stock traf sie Tante Julia, die auch zu den anderen auf den Balkon wollte. Fröhlich lachend drehte sie sich vor der Tante, um sich von ihr bewundern zu lassen.

Julia war angenehm überrascht. Sonst kannte sie die Nichte nur in abgetragenen Kleidern und mit schmutzigen zerkratzten Händen. "Liebe Güte, Prudence!" rief sie überrascht. "Du siehst reizend aus. Das Blau steht dir einfach wunderbar. Die Männer im Zug des Königs werden dich alle anstarren!"

Julia konnte sich noch gut daran erinnern, wie Arabella den blauen Stoff von Philip gekauft hatte, um daraus ein Kleid für die Schwester zu nähen. Sie waren alle ein wenig erstaunt gewesen, als Prudence erklärte, sie wolle es nicht vor König Charles' Rückkehr tragen. Dabei stand es ihr so ausgezeichnet!

Bein näherem Hinsehen merkte Julia allerdings, dass das Mieder des Kleides inzwischen ein wenig stramm über den weiblich gerundeten Hüften saß und der tiefe Ausschnitt die vollen Brüste preisgab. Ja, die Nichte hatte sich von einem Mädchen zu einer jungen Frau entwickelt.

"Lauf nur hinauf, Prudence, und sichere dir einen guten Platz auf dem Balkon. Meine drei Enkel sind dir schon zuvorgekommen, kaum hatten sie das Haus betreten. Wenn ich den Lärm draußen richtig deute, werden die Ersten aus dem Tross gleich hier vorbeikommen. Wie ich höre, soll es ein sehr langer Zug sein, der nur langsam vorankommt. Wahrscheinlich wird es Abend werden, bevor wir sein Ende auch nur erkennen können. Thomas bekommen wir bestimmt erst spät zu Gesicht. Er wird sicher in der Nähe von Adam Lingart und Lord Fox reiten."

Erstaunt sah Prudence die Tante an. "Lord Fox? Meinst du unseren Nachbarn, der daheim in Surrey neben uns wohnt?"

"Eben den. Thomas erwähnte ihn recht oft in seinen Briefen, wenn du dich erinnerst."

"Ich weiß kaum etwas über Lord Fox oder seine Familie, Tante Julia, nur, dass sein Onkel während seiner Abwesenheit in Marlden Green lebte. Ich war noch zu jung, als Thomas England verließ. Ich hatte so schreckliche Angst um ihn, weil ich dachte, man würde ihn bestimmt hängen, wenn er es nicht rechtzeitig nach Frankreich schafft. Er hat sich doch damals auf die Seite des Königs geschlagen."

"Das stimmt, Prudence. Wir können nur dem Himmel danken, dass ihm die Flucht gelang. Bestimmt werden die drei Gentlemen jetzt nur zu gern nach Surrey zurückkehren und ihr altes Leben dort fortsetzen", sagte Julia. "Besonders Thomas, da er doch nun eine Gemahlin hat. Nun aber genug geplappert und auf den Balkon mit dir."

Eilig stieg Prudence die Stufen hinauf und trat hinaus. Sie freute sich darauf, endlich wieder mit dem Bruder vereint zu sein. Während seiner Abwesenheit hatte sie seine Briefe kaum erwarten können. Er schrieb oft und berichtete ihnen vom Leben im Exil. Glücklicherweise war Thomas ein vernünftiger und kluger Mann, der im Exil keineswegs die Hände in den Schoß gelegt hatte, um ein eitles Leben voller Ausschweifungen zu führen – wie es so viele aus dem Gefolge des Königs in Paris taten. Der Bruder und Lord Fox hatten die französische Hauptstadt verlassen und waren in die Armee eingetreten. Dort dienten beide über mehrere Jahre.

Ganz Europa war zu jener Zeit gefangen im undurchdringlichen Netz internationaler Politik. In Frankreich war es zu Unruhen gekommen, weil Ludwig XIV. sich in einem Machtkampf mit den Adligen des Landes befand. Dem bedrängten französischen König war an einem guten Verhältnis zur englischen Republik unter Oliver Cromwell gelegen. Charles II musste deshalb den Hof verlassen und war dort nicht länger willkommen. Dieser Schritt war für eine Allianz mit England unumgänglich gewesen. Am Ende fand Charles Aufnahme in den spanischen Niederlanden. Durch lange Verhandlungen, die scheinbar zum gewünschten Erfolg führten, war es ihm gelungen, einen Bund mit Spanien zu schmieden.

In Brügge gründete er ein eigenes Garderegiment, dem Thomas beitrat und das unter dem Befehl des Earl of Rochester stand. So diente Thomas unter spanischer Flagge. Adam Lingart folgte ihm.

Lord Fox hingegen hatte schon länger eigene Wege beschritten. Ein Geheimnis umrankte ihn. Wie Thomas schrieb, hatte Fox auf der Suche nach Reichtum und Abenteuern eine lange Reise in den Orient unternommen. Man hörte nichts mehr von ihm, bis König Charles sich auf seine Rückkehr nach England vorbereitete. Lord Fox stieß daraufhin wieder zu den Freunden in den spanischen Niederlanden – zusammen mit seinem persönlichen Diener, einem Mann vom dunklen Kontinent, den Fox von seinen Reisen mitgebracht hatte.

Man erzählte sich, Fox habe ein ungeheures Vermögen angehäuft. Mochte dem sein, wie es wollte, sein englischer Besitz war während seiner Abwesenheit jedenfalls beschlagnahmt worden. Da er seine Rückkehr nach England aber offenbar kaum erwarten konnte, schien er sich sehr sicher zu sein, das Verlorene wiederzuerlangen – zu welchem Preis auch immer. Er hatte bei Worcester für den König gekämpft und besaß nun einen Anspruch auf die Dankbarkeit des Monarchen, der trotz der Wiederbesteigung des Throns kein reicher Mann war.

Unten im Garten hatte Prudence ein blühendes Weißdornzweiglein gepflückt, das sie sich jetzt hinters Ohr steckte. In der Hand trug sie einen kleinen Strauß duftender Rosen. Sie wollte ihn Adam zuwerfen, sobald er vorbeiritt. Als sie oben auf dem Balkon ankam, stellte sie enttäuscht fest, dass der schon vollkommen überfüllt war und ihr kaum noch einen freien Blick auf die Straße bot. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte in Richtung Whitehall. Ganz London schien in freudiger Erwartung. Fahnen, Banner und Girlanden hingen aus den Fenstern und an den Balkonen. Ein Stück den Strand hinunter hatte jemand einen riesigen Maibaum aufgestellt. Solch heidnische Riten waren während der trüben Zeit des Protektorats selbstverständlich verboten gewesen. Die Musik, zu der die Leute um den Baum tanzten, war wegen der Kirchenglocken kaum zu hören, die überall in London geläutet wurden. Hinzu kamen Trompeten, Gewehrund Kanonenschüsse und die Freudenrufe, in die sich die fröhlich schellenden Glöckchen der Morristänzer mischten. Nach alter Tradition vollführten sie ihre Schritte, die ihnen lange Jahre verwährt worden waren.

Endlich kam der Tross unter lauten Begeisterungsrufen in Sicht und tauchte die Straße in einen silbernen und goldenen Glanz, durchwirkt von zahlreichen, aus bunter Seide gewobenen Wimpeln, die im Wind flatterten. Hingerissen beobachtete Prudence, wie zwei Herolde unter dem Balkon vorbeischritten und in schmale Trompeten bliesen. Ihnen folgten der Bürgermeister und der Ältestenrat der Stadt in scharlachroten Gewändern, behängt mit schweren goldenen Ketten. Hinter ihnen ritt der König selbst, ein gut aussehender Mann mit schwarzem Haar und dunklen Augen. Sein schwerer Umhang war mit goldener Spitze besetzt. Der Monarch feierte an diesem Tag seinen dreißigsten Geburtstag. Ihm zur Seite saßen seine drei Brüder zu Pferde, alle mit silbernen Gewändern angetan. Das Gefolge bestand aus Edelmännern, die so reich gekleidet waren, wie England es seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Edelstes Tuch in Silber, Gold und tiefstem Violett war da zu sehen, zusammen mit großen Hüten, deren breite Krempen allerlei eitler Zierrat, Federn und Blumen schmückten. Wie Verdurstende das Wasser schienen die Menschen den Anblick all dieser Pracht in sich aufzusaugen. Warum nur hatten sie so lange damit gewartet, den König endlich ins Land zurückzuholen? An diesem Tag war jeder Mann, jede Frau und auch jedes Kind ein glühender Royalist!

Im Schneckentempo kroch der Zug über den Strand in Richtung Charing Cross zu den weitläufigen Palastanlagen von Whitehall. Es schien Prudence, als wartete sie schon seit einer Ewigkeit darauf, dass Adam endlich erschien. Sie konnte es kaum noch abwarten, zumal ihr Marys drei kleine Kinder immer wieder auf die Zehen oder gegen die Beine traten, was ihre Laune nicht eben hob. In der Menschenmasse, die unten an der Straße stand, erkannte sie plötzlich Molly an deren blondem Haar, das ihr offen über die Schultern fiel. Wie durch ein Wunder schien es ihr geglückt zu sein, sich einen Platz in der ersten Reihe der Schaulustigen zu verschaffen. Ohne lange nachzudenken, schlich sich Prudence vom Balkon, die Hintertreppe hinunter und hinaus auf die Straße.

Doch es gelang ihr nicht, sich durch die drängenden Massen einen Weg zu bahnen. Alles Schieben und Drücken half nichts, und sie war zu klein, um über die Köpfe der anderen hinweg etwas sehen zu können. Traurig wollte sie gerade ins Haus zurückkehren, als sich ein Mann am Rand der Menschenmasse nach ihr umdrehte und sie bei der Hand nahm. Ein Lächeln lag auf seinem gebräunten Gesicht, und seine Augen strahlten.

"Wenn Sie erlauben? Es wäre doch schade, wenn man Sie tottreten würde, meine Liebe."

Er nickte seinem Begleiter zu, einem stämmigen Herrn mit hervorquellenden wasserblauen Augen. Erstaunt beobachtete Prudence, wie die beiden die Menge für sie teilten und ihr so den Weg freimachten.

Sie wandte noch einmal den Kopf, um dem Gentleman zu danken. Zwar war er kein Riese, aber doch hoch gewachsen und einigermaßen attraktiv. Dunkelbraunes Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Die Lippen waren schmal und schienen einen Hang zur Brutalität zu verraten, der Blick durchdringend ohne die geringste Spur von Schüchternheit. Es fiel Prudence schwer, diesen Mann einzuschätzen. Etwas Dunkles umgab ihn, das mit dem Verstand nicht zu durchdringen war und sie abschreckte. Am liebsten wäre sie augenblicklich vor ihm geflohen.

"Vielen Dank", zwang sie sich dennoch zu sagen.

Er verneigte sich. "War mir eine Ehre, bei einer Dame Ihrer Schönheit, Mademoiselle", erwiderte er und lächelte ihr zu, wobei er sie weiter anstarrte.

Die Schneise schloss sich wieder hinter Prudence, und der Gentleman wurde von der Masse verschluckt. Ihr schauderte, als ob sie ein kalter Wind gestreift hätte. Obwohl er sie Mademoiselle genannt hatte, sprach er doch ohne ausländischen Akzent. Bestimmt war er kein Franzose, aber vielleicht war er weit gereist. Doch als sie nun Molly erblickte, die neben ihr stand, vergaß sie den sonderbaren Mann wieder und gab sich ganz den Aufregungen des Tages hin.

Molly begrüßte sie mit einem breiten Lächeln. "Hallo, Herzchen. Schön, dass du den Weg vom Balkon herunter gefunden hast. Hier unten bei all den Leuten ist es viel vergnüglicher. Ganz London ist heute auf den Beinen. Wartest du auf deinen Bruder?"

"Ja", antwortete Prudence knapp, denn Molly wusste nichts von der Schwärmerei ihrer Freundin für Adam Lingart. "Er muss bald hier vorbeikommen."

"Hast du je eine solche Pracht und so viele gut aussehende Männer auf einem Haufen erblickt? Diese Gentlemen wissen wirklich, wie man sich anzieht", erklärte Molly beinahe atemlos, während sie förmlich mit den Augen einen der Cavaliers verschlang, der gerade vorbeiritt. "Heute Nacht wird kein Mädchen sicher sein in London."

Prudence lachte. Mit ihren vollen Lippen, den leuchtend grünen Augen und der kleinen Stupsnase sah Molly ausgesprochen niedlich aus. Sie war größer als Prudence und hatte eine ausgezeichnete Figur, die das gelb-weiß gestreifte Kleid mit dem eng anliegenden Mieder hervorragend zur Geltung brachte. Das Mädchen sprühte geradezu vor Selbstbewusstsein und guter Laune. Prudence konnte nicht anders, als die Freundin zu bewundern. In diesem Augenblick ritt ein Cavalier auf einem schwarzen Vollblüter heran, neben ihm sein dunkelhäutiger, orientalisch gekleideter Diener.

Der Gentleman hielt alle Blicke gefangen. Er war in Schwarz gekleidet, mit einer scharlachroten Weste als einzigem spektakulären Farbtupfer, und die schwarzen Locken fielen ihm auf den breiten Kragen aus weißer Spitze. Ein federgeschmückter Hut krönte das Haupt. Er sah geradezu teuflisch gut aus. Die scharf geschnittenen Züge mit der geraden Nase, der breiten Stirn und den kühn geschwungenen Lippen verrieten den Abenteurer. Das ausgeprägte Kinn mit dem Grübchen unterstrich diesen Eindruck noch. Im Ganzen war der Mann jeder Zoll ein Aristokrat – und sich dessen offenbar wohl bewusst.

"Wer ist das?" flüsterte Prudence verträumt.

"Ja, weißt du das denn nicht?" rief Molly aufgeregt, die stets ausgezeichnet über jeden attraktiven Mann unterrichtet zu sein schien, ohne dass es ihr im Mindesten unangenehm war. "Das muss der berühmte Lord Fox sein. Gerade du solltest ihn doch wohl kennen! Immerhin seid ihr in Marlden Green doch Nachbarn. Sieht er nicht umwerfend aus?"

"Oh ja, und das weiß er auch", bestätigte Prudence trocken. "Aber warum bist du so sicher, dass dieser Herr da Fox ist?"

"Das kann nur er sein. Niemand sonst sieht so aus. Ich habe gehört, er soll groß und dunkelhaarig sein – sogar noch größer als König Charles selbst. Er war im Orient und in Afrika. Ein Geheimnis umgibt ihn, und er hat auf seinen Reisen alle möglichen sonderbaren Dinge gelernt. Man sagt, er wäre unglaublich reich." Bewundernd sah sie zu dem Gentleman empor. "Sieht er nicht aus wie ein junger Fürst?"

Gespannt hörte Prudence weiter zu, während Molly alles berichtete, was sie über Lord Fox wusste. Dass er nicht nur äußerst attraktiv und vermögend war, sondern sich hinter der schönen Schale auch ein scharfer Verstand, Entschlossenheit und ungeheurer Mut verbargen – Gründe, aus denen seine Freunde ihn ebenso liebten wie seine Feinde ihn fürchteten. Manche Leute glaubten gar, er wäre mit dem Teufel im Bunde.

Das alles klang so märchenhaft, dass Prudence der Freundin nicht recht glauben wollte. Molly war eben leicht zu beeindrucken und glaubte jede ausgeschmückte Lügengeschichte nur zu gern. Sie ließ den Blick zu den Herren schweifen, die hinter Fox ritten, und plötzlich schlug ihr Herz schneller. Sie erkannte ihren Bruder. Zwar war er älter und sein Gesicht schmaler geworden, aber dies war zweifellos Thomas. Neben ihm aber ritt niemand anderes als Adam. Ein kleiner Aufschrei entschlüpfte Prudence' Lippen.

Ohne lange nachzudenken trat sie einen Schritt vor, um Adam ihren kleinen Strauß zuzuwerfen. Doch in diesem Augenblick stieß sie jemand von hinten an, und so landeten die Blumen auf dem Rücken von Lord Fox' Pferd – unmittelbar vor dem Sattel.

2. Kapitel

 

Lord Fox musterte die Stiefmütterchen, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Dann streifte er einen Handschuh ab, ergriff das kleine Bouquet und sog den Duft der Blumen ein. Die Sonnenstrahlen glitzerten auf seinem rubinbesetzten Goldring. Er sah suchend in die Menge. So viele Gesichter! Endlich erblickte er Prudence. Ja, sie musste es gewesen sein. Da war er ganz sicher. Sie hatte ihm die Stiefmütterchen zugeworfen. Mit großer Geste zog er tief den Hut vor ihr und enthüllte seine schwarz glänzenden Locken.

Schwungvoll setzte er den Hut wieder auf, wandte aber den Blick nicht von ihr ab. Unverwandt sah er sie an – geradezu schamlos, wie Prudence fand. Himmel, er musste mit seinem Aussehen jede Frau zwischen London und Dover becirct haben! Kurz entschlossen ergriff er Prudence und zog sie auf den Pferderücken, als ob sie leicht wäre wie eine Feder. Dann hielt er sie fest in den starken Armen gefangen und betrachtete sie bewundernd: die seidigen Haare, die wunderbaren weiblichen Rundungen, die honigfarbene Haut. Und erst ihre Augen! Sie besaßen dieselbe Farbe wie die dunkelvioletten Stiefmütterchen und funkelten wie Juwelen unter den dichten schwarzen Wimpern. Diese Frau sah aus wie ein Engel …

"Lieber Himmel", flüsterte Lucas verzaubert. "Ich muss im Paradies sein. Da kann ich Petrus nur anflehen, die Himmelstore fest zu verschließen und mich für immer hier zu behalten."

Prudence hätte eigentlich wissen müssen, was nun folgen würde. Aber sie hatte keine Erfahrung mit Männern wie Lord Fox. Außerdem hatte er sie vollkommen überrumpelt. Ihr blieb nicht einmal Zeit zum Protestieren, als er nun den Kopf neigte und sie seine warmen Lippen auf den ihren spürte.

Es war ein sanfter Kuss. Mit einer Hand umfasste er dabei ihren Hinterkopf und fuhr ihr mit den Fingern durch die vollen Locken. Zunächst fühlten sich ihre Lippen kühl an, wurden aber schnell wärmer unter den seinen, bis Prudence sie sogar leicht öffnete und er ihren Atem spüren konnte. Als er fühlte, dass sie sich dem Kuss ganz hingab, zog er sie enger an sich.

Prudence war nie zuvor geküsst worden. Dennoch begriff sie nach wenigen Augenblicken, worauf es dabei ankam. Die sinnlichsten Empfindungen ergriffen von ihr Besitz. Als er dann ihren Mund wieder freigab, sah sie ihm in die Augen – es waren die Augen eines schönen Zigeuners: grün-braun mit goldenen Tupfen. Farben, die an den Herbst und reife Früchte erinnerten. Doch in diesen Augen lag auch etwas Gefährliches, Geheimnisvolles. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Gott im Himmel, sie mussten ja die Aufmerksamkeit der ganzen Straße auf sich gezogen haben! Molly zumindest starrte sie mit offenem Mund an.

Als nun jemand neben ihnen heranritt, schoss Prudence das Blut in die Wangen, die sich tiefrot verfärbten. Wie konnte dieser Lord Fox sich derart erdreisten? Wenn er sie nicht so fest an die Brust pressen würde, hätte sie ihm augenblicklich eine schallende Ohrfeige verpasst!

"Wie können Sie es wagen, Sir? Welch freche Kühnheit!"

Doch er lächelte nur. "Leider nicht kühn genug, meine Hübsche", flüsterte er. Seine Stimme erinnerte sie an weichen Samt.

Dann hörte sie neben sich jemanden sagen: "So kennt und liebt man dich, Lucas. Darf ich dich darauf aufmerksam machen, dass du kein gewöhnliches kleines Flittchen im Arm hältst? Also lass meine Schwester jetzt gehen …"

Lucas schien verwirrt, lachte dann aber. "Schwester? Teufel, Thomas, das kannst du doch kaum ernst meinen?"

"Und ob! Gib sie frei, du Halunke. Prudence ist noch ein Kind und vollkommen naiv."

Ein Kind? Die Bemerkung des Bruders gefiel Prudence ganz und gar nicht, und sie schaute ihn missbilligend an. Obwohl Thomas keine Miene verzog, wusste sie dennoch, dass er ungehalten darüber war, sie hier unten auf der Straße beim gemeinen Volk anzutreffen.

Dann wanderte ihr Blick zu Lord Fox, und sie hob trotzig das Kinn. In seinen Augen schien es hell aufzuleuchten, und ein vieldeutiges Lächeln umspielte seine Lippen, während er ihren Mund betrachtete.

"Es wird mir zweifellos ein großes Vergnügen sein, deine Schwester näher kennen zu lernen, Thomas."

Endlich gelang es Prudence, sich aus Lord Fox' Armen zu befreien, und sie rutschte vom Pferd. Vor Wut konnte sie zunächst kein Wort hervorbringen, da sie nicht wusste, welche Beleidigung sie diesem Mann zuerst an den Kopf werfen wollte. "Sie unerträglicher arroganter Schuft!" schimpfte sie schließlich. "Wir werden uns sicherlich niemals näher kennen lernen. Meinetwegen soll Sie augenblicklich der Teufel holen. Und jetzt geben Sie mir bitte meinen Strauß zurück."

"Aber den haben Sie mir doch geschenkt", erwiderte er beschwichtigend und sah ihr dabei tief in die Augen. "Verlangen Sie Ihre Geschenke immer zurück?"

"Die Blumen waren nicht für Sie bestimmt."

Spöttisch hob er eine Braue und schien nicht gewillt, die Stiefmütterchen wieder herzugeben. Daher entwand Prudence ihm geschickt den kleinen Strauß, bevor Lord Fox merkte, wie ihm geschah. Er revanchierte sich damit, dass er ihr den blühenden Weißdornzweig aus dem Haar zog, den sie hinters Ohr gesteckt hatte. Dann befestigte er das Zweiglein mit einer diamantund perlenbesetzten Nadel am Wams. Belustigt funkelten seine Augen auf, als er sich herunterbeugte und Prudence leicht über die Wange strich.

Prudence unterdrückte ihren Zorn, wandte sich um und schritt hinüber zu Adam. Wenn er sie doch zu sich aufs Pferd heben und küssen würde, wie Lord Fox es getan hatte! Aber sie wusste, dass dies nicht geschehen würde. So war Adam eben nicht, es sei denn, er hätte sich in all den Jahren auf dem Kontinent sehr verändert. Doch insgeheim hoffte sie, er möge noch genauso sein, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Allein der Gedanke war schier unerträglich, er könnte wahllos junge Mädchen küssen …

Adam war ganz in Grün und Gold gekleidet, und sein goldblondes Haar quoll unter dem breitkrempigen Hut hervor. Voller Bewunderung sah Prudence zu ihm hinauf und reichte ihm die Stiefmütterchen. Schon seit drei Jahren dachte sie über die Worte nach, die sie ihm bei seiner Wiederkehr sagen wollte, und jetzt, da der Augenblick gekommen war, brachte sie nichts heraus außer: "Willkommen daheim, Adam. Ich habe dich vermisst … wir alle haben dich vermisst."

Freundlich lächelte er ihr zu und kniff ihr wie einem Kleinkind sanft in die Wange, als er sich herunterbeugte, um die Blumen in Empfang zu nehmen. "Hab Dank, Prudence. Ich freue mich schon darauf, dich und deine Familie später zu begrüßen."

Die Prozession zog weiter an Maitland House vorbei, und immer mehr Menschen drängten sich nach vorn an die Straße, so dass Prudence sich gezwungen sah, den Rückzug anzutreten. Thomas lenkte sein Pferd zu ihr.

"Ich weiß nicht, was du dir dabei gedacht hast, Prudence." Der Ton des Bruders ließ keinen Zweifel daran, welch großes Missfallen ihr Auftritt bei ihm erregt hatte. Ein Blick auf den Ausschnitt von Prudence' Kleid und die sich abzeichnenden Brüste verriet ihm, dass die Schwester nicht mehr das kleine Mädchen war, an das er sich erinnerte. "Aber das ist auch ganz gleich, denn derlei wird nie wieder vorkommen. Geh jetzt hinauf zu Arabella und Tante Julia. Du kannst der Prozession vom Balkon aus weiter zuschauen. Ich komme später zu euch." Er entließ sie mit einem kurzen Nicken.

Prudence wagte es nicht, hinauf zum Balkon zu schauen, denn das, was eben auf der Straße passiert war, schien ihr zu demütigend und peinlich. Sie würde für diese Dummheit bestimmt bestraft werden. Glücklicherweise war ihr entgangen, wie Arabellas Lachen erstarb, als sie die Schwester unten in der Menge bei Lord Fox entdeckte. Und als Prudence den kleinen Strauß Adam überreichte, war alle Farbe aus Arabellas Gesicht gewichen.

Betrübt senkte Arabella den Kopf. Himmel, sie hatte ja keine Ahnung gehabt von Prudence' heimlichen Gefühlen. Das erklärte natürlich die endlosen Tagträume der Schwester. Wie traurig! Nun musste sie Prudence sagen, dass Adam in aller Stille Lucy Ludlow geheiratet hatte – die Schwägerin ihres Bruders.

 

Nicht nur Arabella war der Tag verdorben. Will Price ballte wütend die Hände zu Fäusten, während er beobachten musste, wie Lord Fox Prudence aufs Pferd hob und küsste, vor all den Leuten! Doch als sie den kleinen Strauß dann dem blonden Cavalier übergab, fühlte Will brennende Eifersucht. Nie zuvor hatte er solche Bitterkeit empfunden.

Er war besessen von Prudence Fairworthy. Obwohl Will die Zwanzig kaum überschritten hatte, zeigte sein Gesicht doch schon deutliche Zeichen aller nur vorstellbaren Ausschweifungen. Seine dunklen Begierden stillte er sonst bei Huren. Doch bei Prudence lag der Fall anders. Sie war die Schwester eines Gentleman. Unmöglich konnte er sie einfach verführen wie ein gewöhnliches Flittchen. Er kannte sie nun ein volles Jahr und dachte seitdem ständig an die sinnlichen Freuden, die ihr wohl gerundeter Körper ihm versprach – und daran, wie lange er wohl brauchen würde, bis er sie ganz besaß. Einem dummen Hündchen gleich folgte er ihr auf Schritt und Tritt, doch sie ließ ihn nicht an sich heran, die kleine Prüde. Und heute warf sie sich schamlos den Cavaliers an den Hals!

"Miststück! Gemeine Dirne", murmelte er leise. Das Feuer der Eifersucht wich kalter Verachtung. Er bedeutete ihr nichts, weil er so weit unter ihr stand, das war nur zu offensichtlich. Bisher hatte er Rücksicht auf ihre gesellschaftliche Stellung genommen und Prudence ungeschoren davonkommen lassen. Doch mit dieser Zurückhaltung war es nun vorbei, nachdem er gesehen hatte, wie die kleine Unschuld sich diesen Kerlen an den Hals warf. Er würde nicht länger Rücksicht auf ihre zarten Empfindungen nehmen – falls dieses verruchte Weibsstück zu so etwas überhaupt fähig war.

Voll kaltem Zorn wandte Will sich um und verließ eilig den Strand. Zum Teufel mit diesen arroganten Angebern! Sollten sie doch alle in der Hölle schmoren. Doch leider halfen die Flüche nicht, seinen Hass zu zerstreuen.

 

Da König Charles wieder in seinen Palast in Whitehall eingezogen war, kehrte Thomas in Begleitung von Robert Armstrong nach Maitland House zu seiner Familie zurück. Eigentlich hatte Prudence gehofft, dass Adam ihn begleiten würde, und war jetzt bitter enttäuscht, weil der Bruder und Robert allein kamen.

Thomas' Wiedersehen mit den Schwestern verlief sehr herzlich. Liebevoll umarmte er Arabella, die Freudentränen vergoss, weil er endlich wieder daheim war. Dann zog er Prudence an die Brust, küsste ihr das Haar und drückte sie sanft. Endlich konnte er wieder auf die Kleine aufpassen! Beide waren gerührt, und Prudence fiel ein Stein vom Herzen, weil der Bruder ihr wegen des Auftritts bei der Prozession offenbar nicht mehr zürnte.

Schließlich wandte Thomas sich Tante Julia zu und berichtete ihr so schonend wie möglich von den genauen Umständen beim Tode ihres Gatten. Hilflos musste er mit ansehen, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Doch sie bemühte sich schnell wieder um ein Lächeln, umarmte den Neffen und führte ihn in den großen ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Stürmische Eroberung" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen