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Stressfrei arbeiten

Teil 1: Gelassenheit lernen

[1]

Vorwort

Es ist sehr beeindruckend, wenn jemand auf Angriffe von anderen gelassen reagiert. Wer wünscht sich nicht, in emotional geladenen Situationen ruhig und souverän zu bleiben? Manche Menschen beherrschen das spielend, bei anderen steigt schon der Puls, wenn sie nur an diese Begebenheiten denken. Kennen Sie das auch: täglichen Ärger, Angespanntheit, Stress bis hin zu lauten Wutausbrüchen? Dann halten Sie das richtige Buch in Ihren Händen.

In vielen Fällen schadet mangelnde Gelassenheit auf Dauer der Gesundheit – und natürlich dem beruflichen Erfolg. Aber nicht nur das. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Werde nie zornig, sonst könntest du an einem einzigen Tag das Holz verbrennen, das du in vielen sauren Wochen gesammelt hast.“ Tatsächlich kostet es uns nach einem Wutausbruch viel Kraft und Zeit, Kränkungen wieder auszubügeln. In manchen Beziehungen bleiben sogar Narben zurück.

Gelassenheit kann man trainieren. In diesem TaschenGuide erfahren Sie, welchen Einfluss Sie selbst auf Ihr Denken und Ihr Kommunikationsverhalten nehmen können, um sowohl im Alltag als auch in schwierigen Situationen besonnen zu bleiben. Zahlreiche Beispiele, Checklisten und Hilfen für die tägliche Praxis zeigen Ihnen, was Sie gezielt tun können, um schrittweise gelassener zu werden. Carpe diem

Elke Nürnberger

Warum Sie mit Gelassenheit weiterkommen

Wer sich vornimmt, zukünftig gelassener zu sein, merkt schnell, dass das nicht so einfach ist. Es lässt sich nicht ohne Weiteres ein Schalter umlegen, und schon ist man gelassen. Die Grundlage für Gelassenheit liegt in unserem Kopf, denn gedankliche Einstellungen sind die Basis für unser Verhalten.[2]

In diesem Kapitel lesen Sie,

  • was Gelassenheit ausmacht,

  • warum sie erlernbar ist,

  • was körperlich und emotional mit uns passiert, wenn wir die Fassung verlieren,

  • welche Ursachen mangelnde Gelassenheit hat,

  • was es Ihnen bringt, souverän zu bleiben.

Was ist Gelassenheit?

Beispiel

Kennen Sie solche Tage? Ihr Teamkollege hat zum dritten Mal Aufgaben, die eigentlich bei ihm lagen, wegen unaufschiebbarer Termine an Sie delegiert. Sie haben wieder einmal die ganze Zusatzarbeit. Sie sind über diese Ungerechtigkeit stocksauer. Als er am nächsten Morgen fröhlich pfeifend ins Büro kommt, haben Sie keine Lust, ihn zu grüßen, und vermeiden das Gespräch mit ihm.

Aufgrund eines Fehlers hat Sie Ihr Chef vor anderen ungerechtfertigt kritisiert. Ihnen reicht es für heute. Als Sie abends nach Hause kommen, fragt Ihre Tochter auch noch, ob Sie ihr bei den Hausaufgaben helfen können. Sie brüllen sie an, dass das ihre Aufgabe sei, dass Sie sich nicht um alles kümmern könnten und jetzt endlich Ihre Ruhe bräuchten. Ihre Tochter steht mit Tränen in den Augen vor Ihnen …

Jeder kennt solche Situationen. Wenn es uns zu viel wird, teilen wir aus. In diesen Fällen blockieren starke Emotionen unseren Verstand und verdrängen objektives Denken. Gefühlsstürme aus Wut und Enttäuschung lassen uns unbedacht handeln und sprechen. Die Kontrollinstanz, die uns an gute Erziehung, Konventionen, Regeln erinnert und bremst, fällt dabei aus. So kommt es zu unbedachten Reaktionen oder irrationalem Verhalten. Im schlimmsten Fall ticken wir aus und erkennen uns und unser Verhalten im Nachhinein nicht wieder.[3]

Was heißt gelassen sein?

Diese und andere Beispiele lassen sich positiv bewältigen, wenn wir gelassen bleiben. Die Basis für Gelassenheit bilden folgende vier Punkte:

  1. Ruhe und Ordnung im Kopf,

  2. Akzeptanz von Unabänderlichem,

  3. maßvoller Umgang mit sich und anderen und

  4. angemessenes Benehmen.

Ruhe und Ordnung im Kopf

Familiäre Probleme, anhaltender Arbeitsdruck, Überforderung oder unliebsame Mitmenschen: Das alles sind Gründe dafür, uns aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sobald wir Angst, Ärger oder Stress verspüren, entfernen wir uns von der Gelassenheit. Gelassene Menschen schaffen es hier, rasch wieder eine realistische Einschätzung der Lage und die nötige Ruhe zu bekommen.

Gelassenheit schafft Ordnung im Kopf. Das ist weit mehr als nur das Fehlen von Stress: Es ist ein Zustand von Souveränität und Angstfreiheit. Dies gibt Zuversicht und die Gewissheit, eine schwierige Situation in den Griff zu bekommen. Gelassenheit verhindert das Hineinsteigern in Emotionen. Sie ist die Fähigkeit, besonnen zu denken, zu handeln und zu kommunizieren.

Akzeptanz des Unabänderlichen

Zudem steckt im Begriff Gelassenheit auch das Wort „lassen“. Tatsächlich gelangt man zu Gelassenheit, wenn man es schafft, andere Menschen so sein zu lassen, wie sie sind. Wenn wir akzeptieren, bestimmte Dinge geschehen zu lassen, auch wenn wir sie nicht gut finden. Und manchmal ist es hilfreich, etwas ganz wegzulassen.[4]

Wichtig

Love it, change it or leave it: Versuchen Sie die Dinge, die Sie tun, gerne zu tun. Vielleicht können Sie manches auch anders tun, so dass es leichter oder besser von der Hand geht. Möglicherweise könnten Sie das eine oder andere gar nicht mehr tun, damit Sie sich entlasten?

Maßvoll mit sich und anderen umgehen

Wer gelassen ist, fühlt und verhält sich ausgeglichen. Dadurch wirkt er auf andere ausgleichend. Gelassenheit ist die souveräne Beherrschung einer Situation. Sie ermöglicht achtsamen Umgang mit sich und anderen. Wer gelassen ist, ist Herr der Lage und findet Lösungen.

Angemessenes Benehmen

Wenn wir Alarmsignale wahrnehmen, bevor die Stimmung kippt, können wir aktiv gegensteuern und uns viel zielführender verhalten. Denn, je nachdem, wie wir eine Situation einordnen, wird in der „Schaltzentrale“ Gehirn über die nachfolgende Handlung entschieden. Durch eine veränderte Einstellung zu einer Situation kann man vermeiden, auf 180 zu kommen. Dies bewahrt uns vor unangemessenen Handlungen. Denn eines ist klar: Die meisten Menschen bedauern hinterher ihre Aussetzer oder unfreundlichen Bemerkungen.

Entscheidend: Handlungsfähigkeit

Die Frage, die darüber entscheidet, ob wir gelassen bleiben oder nicht, ist: Wie sehen wir unsere Lösungsfähigkeit in Bezug auf ein Problem? Fühlen wir uns imstande, eine Aufgabe oder ein Problem anzupacken und zu bewältigen, dann sind wir in der Lage, gelassen zu bleiben.[5]

Empfinden wir es so, dass wir von Schwierigkeiten überrollt werden, fühlen wir uns ohnmächtig – ohne Macht zur eigenen Intervention. Hier erkennen wir keinen eigenen Handlungsspielraum und fühlen uns ausgeliefert. Dabei greifen wir dann gern auf die archaischen Lösungsstrategien zurück: Kampf oder Flucht.

Auch wenn sich diese während der frühen Menschheitsgeschichte bewährt haben: Es ist klar, dass beide Optionen nicht zu den eleganten Bewältigungsstrategien im modernen Leben zählen. Wenn wir also gelassen bleiben wollen, müssen wir dafür sorgen, die eigene Lösungsfähigkeit zu erkennen, zu erhalten und auszubauen. Dadurch ergibt sich eine positive Spirale: Je mehr Möglichkeiten wir wahrnehmen, desto besonnener bleiben wir – und je gelassener wir an die Dinge herangehen, desto mehr Handlungsspielraum haben wir.

Gelassenheit ist erlernbar

Gelassenheit ist sehr unterschiedlich und individuell in unserer Persönlichkeit verankert. Manche Menschen verfügen über ein unaufgeregtes Naturell und sind weniger schnell emotional. Sie besitzen ein ruhiges Temperament, haben geringere Ansprüche und sind zufrieden mit dem, was ist. Manchmal bringt dies sogar einen Hang zu Trägheit und Gleichgültigkeit mit sich.

Engagierte sind weniger gelassen

Das Gegenteil sind aktive, ehrgeizige, zuverlässige und engagierte Menschen. Sie sind häufig sehr emotional, sensibel und perfektionistisch. Die Kehrseite der Medaille ist: Sie sind weniger gelassen. Sie sind anfälliger für Störungen und leichter aus der Ruhe zu bringen.[6]

Verschiedene Persönlichkeitstypen agieren auf unterschiedliche Art. Erbmasse und Erziehung spielen hierbei sicher eine Rolle. Dennoch: Jeder Mensch kann gelassen bleiben. Gelassenheit ist, unabhängig von der Persönlichkeitsstruktur, für jeden trainierbar. Wir können uns in Gelassenheit üben, jeder auf seine Weise und in seiner Geschwindigkeit.

Der Weg der kleinen Schritte

Stets in allen Lebenslagen gelassen zu bleiben, ist nicht leicht und vor allem nicht schnell im Crashkurs zu erlernen. Es gehören Wille, Disziplin und eine Portion Durchhaltevermögen dazu. Doch machen Sie sich klar: Jede kleine Verbesserung ist bereits ein Fortschritt, auch wenn Sie nicht gleich rundum Dalai-Lama-Qualitäten erreichen.

Auf diesem Weg ist es wichtig, vor allem gelassen mit sich selbst umzugehen. Es ist nicht schlimm, wenn wir uns ab und an in alten Mustern wiederfinden. Das kann geschehen, auch wenn wir gerade ein Buch über Gelassenheit lesen und beschlossen haben: „Ab morgen wird alles besser.“ Erwarten Sie nicht, dass Verhaltensweisen, die Sie seit 20 Jahren intensiv einstudiert haben, sich innerhalb weniger Tage umkehren. Geben Sie sich Zeit, gestehen Sie sich Fehler und Rückfälle zu. Sie sind dabei schon auf einem guten Weg.

Ursachen mangelnder Gelassenheit

Ab wann sind wir unfähig, gelassen zu bleiben? Darauf gibt es wohl so viele Antworten, wie es Menschen gibt. Sicher ist, es sind immer sehr viele Emotionen und Spannungen im Spiel. Deren Auswirkungen sind höchst unterschiedlich.[7]

Was passiert, wenn wir die Fassung verlieren?

Fehlende Gelassenheit ist nicht mit einem einzigen Zustand zu beschreiben. Sie ist ein ganz individuelles Reaktions-Potpourri, das jeder aufgrund seiner Persönlichkeit zusammenstellt. Der eine brüllt, der andere jammert und weint. Konkreter kann man sagen: Anstelle von Besonnenheit tritt ein stressbedingtes Verhaltensmuster zur Abwehr in den Vordergrund.

Den meisten gelingt es nicht zu sagen, was in der Situation konkret geschieht. Man befindet sich in einer emotional verworrenen Lage. Ungeordnete Gedanken schwirren durch den Kopf. Gefühle toben. Körperliche Reaktionen wie Schweißausbrüche, Muskelverspannungen, Zittern usw. treten auf. Typische Emotionen, die wir dabei empfinden, sind: Ärger, Anspannung, Angst, Hilflosigkeit, Frustration, Unsicherheit, Verwirrung, Kontroll-/Zielverlust, Wut oder Ohnmacht.

Das Gehirn wähnt sich in einer Gefahrensituation und schaltet auf Alarm. Die Reaktionen, die dabei ausgelöst werden, sind vergleichbar mit denen des Neandertalers, der sich einem Angreifer gegenüber sah. Der Körper unterscheidet nicht, wodurch der Stress ausgelöst wurde. Stress ist Stress. Deshalb tun wir emotional annähernd das Gleiche wie unsere Vorfahren: Wir kämpfen oder fliehen. Doch: Klares Denken funktioniert niemals, wenn wir wie ein Dampfkessel kurz vor der Explosion stehen oder sehr aufgeregt sind. Ein Mensch, der dabei ist, die Beherrschung zu verlieren, ist auch gegenüber Argumenten, gut gemeinten Tipps und Ermahnungen völlig immun. Deshalb gilt es, an dieser Stelle rechtzeitig die Kurve zu kriegen und die Spannung abzubauen.[8]

Was lässt uns ausrasten?

Meist schreiben wir fälschlicherweise einem Akut-Ereignis die Schuld zu, wenn uns die Contenance abhanden kommt. Der Verlust von Gelassenheit ist aber selten ein plötzliches Ereignis. Er ist vielmehr die Folge eines Prozesses, während dessen sich Spannung über längere Zeit aufgebaut und angestaut hat. Irgendwann genügt der bekannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Die Tatsache, dass sich so viel Anspannung aufbauen konnte, hat mit unserer gedanklichen Grundhaltung zu tun. Diese ist dafür verantwortlich, wie wir ein Ereignis bewerten. Negative Beurteilungen von Situationen lassen immer mehr Angst oder Ärger entstehen. Infolge des angestauten Drucks kommt es irgendwann zu einer explosionsartigen Reaktion.

Jeder Mensch erlebt Druck anders. Es gibt aber mehrere Faktoren, die nahezu übereinstimmend als Spannungsauslöser gelten. Dazu zählt vor allem als Grenzüberschreitung empfundenes Verhalten wie:

  • Eindringen in die Privatsphäre,

  • Verletzung gesellschaftlicher Normen,

  • Angriffe auf die Person.

Wir fühlen uns dabei ungerecht oder schlecht behandelt, betrogen oder missbraucht. Insbesondere Verletzungen der Identität und Integrität führen zu starkem inneren Druck, z. B. bei ungerechtfertigten Unterstellungen oder Schuldzuweisungen. Zudem gehen wir erfahrungsgemäß von einem bestimmten Verhalten unseres Gegenübers oder der Entwicklung einer Situation aus. Wir haben ein grundlegendes Muster im Kopf, wie die Dinge ablaufen sollten, beispielsweise erwarten wir Lob nach einer gelungenen Arbeit. Tritt nun etwas völlig Unerwartetes ein, wird dadurch die eigene Erwartung verletzt oder zerstört, bringt das die persönliche Ordnung und Stabilität durcheinander. Wir reagieren dann deshalb so wenig gelassen, weil wir emotional aus der Bahn geworfen wurden.[9]

Wichtig

Geschieht etwas anderes als erwartet, erleben wir unsere Ordnung und – in Folge – uns als Person in Gefahr. Diese Gefahr löst immer Stress aus. Stress wiederum zerstört Gelassenheit.

Reaktion statt Aktion

Wenn wir uns angegriffen fühlen, setzen wir uns zur Wehr. Wir reagieren auf den vorliegenden Missstand. Empfinden wir es nun so, dass wir uns permanent zu Wehr setzen und reagieren müssen, erleben wir uns als fremdgesteuert. Wir agieren nicht mehr, wie wir wollen, sondern re-agieren auf etwas, das andere vorgeben. Dabei können wir nicht beeinflussen, was als Nächstes geschehen wird. Durch diese Unsicherheit aktivieren wir körperliche und psychische Warnfunktionen.

Abbildung
In der Stress-Spirale

Alarm- und Abwehrzustände bauen ungünstigerweise Druck, Unruhe und Angst immer weiter auf. Ist das Maß voll, lassen wir uns zu Abwehrreaktionen hinreißen, die wir hinterher bereuen. Das bringt weitere Probleme mit sich, und der Stress nimmt weiter zu. Denn mit erhöhtem Stresspegel werden wir nicht unbedingt kreativer. Das Gegenteil tritt ein: Wir konzentrieren uns immer schlechter auf Fakten und Lösungen. Ohne effektives Nachdenken gehen uns jedoch erst recht die Ideen und Bewältigungsstrategien aus. Wer hier nicht rechtzeitig den Ausstieg schafft, gerät in einen fatalen Teufelskreis.[10]

Immer mehr vom Gleichen

Dieser Teufelskreis hat ein stereotypes Verhalten zur Folge. Etwas geschieht und wir reagieren. Das Schlimme daran ist: Wir reagieren immer in der gleichen Art und Weise, obwohl wir wissen, dass diese nicht zielführend ist. Wir verhalten uns wie der Pawlow'sche Hund: Wir tun das, was wir immer tun, auch wenn wir uns dabei blutige Nasen holen. Und wenn der gewünschte Effekt nicht eintritt, verstärken wir unser Handeln. Sprechen wir z. B. mit jemandem, der nicht auf uns eingeht, werden wir zuerst lauter, dann nachdrücklicher und irgendwann beginnen wir zu brüllen.

Beispiel

Frau H. berichtet: „Meine Tochter und ich können nicht mehr normal miteinander reden. Ich bitte sie z. B. um eine kleine Gefälligkeit. Sie reagiert nicht. Ich ermahne sie wieder und wieder. Nichts passiert. Immer schneller kommt der Punkt, an dem ich nicht mehr bitte, sondern brülle. Sie schreit zurück. Wir streiten entweder oder sagen nichts zueinander. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Aber ich kann mir nicht alles bieten lassen. Ich kann nichts dafür, wenn sie so mit mir umgeht.“

Wenn wir stets das Gleiche, Nicht-Zielführende tun, hält uns diese Situation stabil gefangen. Albert Einstein bringt es gut auf den Punkt: „Wahnsinn ist, in immer der gleichen Weise zu verfahren und dabei auf neue Ergebnisse zu hoffen.“[11]

Beispiel

Herr K. berichtet: „Es ist immer so, wenn ich Frau S. sehe, dass mir dann sofort der Kamm schwillt. Diese Frau ist ein rotes Tuch für mich. Sie regt mich schon auf, wenn sie den Mund aufmacht! Wir können einfach nicht miteinander und geraten deshalb regelmäßig aneinander.“

Klar erkennbar: Dieses Verhalten ist weder vorteilhaft noch besonders komfortabel. Wir wissen genau, worauf es hinauslaufen wird. Und doch tun wir immer wieder ungerührt genau das, was uns immer wieder in die Bredouille bringt. Im Beispiel von Herrn K. ist das: sich reizen lassen, sich aufregen, mit dem nächsten Clinch rechnen und sich damit abfinden. Wir nehmen selbst keinen Einfluss auf die Situation, um sie zu verbessern oder zu entschärfen. Wir bedauern uns und hadern. Und genau dieses Gefühl des Ausgeliefert-Seins erzeugt Ohnmacht. Wiederholen wir diese Verhaltensweisen oft genug, fühlen wir uns irgendwann in der Rolle des Opfers.

Die Opferhaltung

In die Rolle des Opfers bringt sich, wer einem Umstand oder einem anderen Menschen die Schuld an etwas gibt. Ursachen für ein Problem werden außerhalb der eigenen Person gesehen und gesucht. Bei dieser Sichtweise wird das eigene Verhalten kaum reflektiert und schon gar nicht verändert. Die Welt wird aufgeteilt in Verursacher und Opfer – wobei die anderen die Verursacher sind und wir das leidgeplagte Opfer.

Andere zerstören unsere Gelassenheit?

Diese Verursacher trampeln nur so in unserem Leben herum. Natürlich ist es dann aus mit der Gelassenheit. Wie sollen wir auch ruhig bleiben, wenn andere nerven, uns auf die Palme bringen und mit uns machen, was sie wollen? Das ist genau der Punkt, an dem der Glaube entsteht, dass wir nur dann ein gelassenes Leben führen können, wenn andere Menschen oder günstige Umstände uns das gestatten. Logischerweise hängt die Gelassenheit dabei an einem seidenen Faden: Denn wir haben mit dieser gedanklichen Haltung überhaupt keinen eigenen Einfluss darauf. Fest steht: „Die anderen sind schuld.“ Selbstverständlich müssen wir daran nichts verändern. Wir sollten uns dann nur nicht mehr wundern, dass wir einfach nicht gelassener werden.[12]

Beispiel

Frau J. berichtet von ihrem Arbeitsplatz: „Ich betreue mehrere Projekte gleichzeitig sowie die telefonische Hotline. Glauben Sie, dass meine Kollegen darauf Rücksicht nehmen würden? Dass sie nachsichtiger wären, wenn ich Termine nicht halten kann? Ich kann mich zerteilen und dann kommt noch immer keiner auf die Idee, mir zu helfen. Jeder kümmert sich nur um seine Angelegenheiten. Meine Assistentin bewegt sich keinen Schritt schneller, obwohl sie genau sieht, wie sehr ich im Stress bin. Oder mein Chef, glauben Sie, der würde mich entlasten und die Arbeit mal anders verteilen? Wie sollte ich dabei noch gelassen bleiben?“

Die vorliegende Erwartungshaltung bei Frau J. ist, dass andere etwas tun müssen, damit ihr Wohlbefinden und ihre Gelassenheit erhalten bleiben. Somit entsteht ein fataler Denkfehler: „Wenn andere Personen mich nicht entlasten, kann ich unmöglich gelassen sein.“[13]

Sind es wirklich die anderen?

Doch für unsere Gelassenheit sind ausschließlich wir selbst verantwortlich. Nur wir können dafür sorgen, dass wir besonnen werden oder bleiben. Das kann kein anderer für uns tun. Ebenso wenig kann ein anderer unsere Gelassenheit zerstören.

Wichtig

Ob andere unsere Erwartungen erfüllen, können wir nicht beeinflussen. Wir können nur Wünsche oder Bitten äußern. Was wir aber beeinflussen können, ist unser Denken und Verhalten. Das Fundament für Gelassenheit liegt in unserem Kopf!

Typische Reaktionsmuster

Wird innerer Druck aufgrund von Ärger, Stress oder Angst zu hoch, entsteht der natürliche Wunsch, ihn loszuwerden. Deshalb müssen wir uns von Zeit zu Zeit abreagieren. Die Opferhaltung lässt zwei gängige, reaktive Verhaltensweisen entstehen: Offensive oder Defensive.

Variante 1: die Offensive – sich schlagartig wehren

Hierbei holt man in dem Augenblick, in dem das Fass überläuft, zu einem gewaltigen Rundumschlag aus. Der lange angestaute Ärger wird am zufälligen Gegenüber ausgelassen.

Jeder, der nicht schnell genug das Weite sucht, bekommt etwas ab. Voll zurückschießen, heißt die Devise. Auf der Beliebtheitsskala sehr weit oben: Auf den Tisch hauen, Türen knallen, Brüllen mit hochrotem Kopf usw.

Beispiel

Frau S. leidet immer wieder unter derselben Reaktion: „Meistens sind es Gespräche mit Mitarbeitern. Wenn mir das zu lange dauert, fühle ich Zeitdruck. Reagiert der Mitarbeiter nicht auf meine Argumente und kommt mir wieder mit irgendwelchen Problemen, spüre ich: Jetzt fahre ich gleich aus der Haut.[14]

Wenn ich sage, dass ich keine Zeit mehr habe, reden die einfach weiter. Dann platzt mir der Kragen. Ich werde böse, manchmal auch ungerecht. Ich lasse mich zu verbalen Tiefschlägen hinreißen oder werfe sie raus. Kurz danach fühle ich mich zwar entspannter, aber dann miserabel. Es ärgert mich, tut mir leid und ich möchte es ungeschehen machen. Ich weiß, dass meine Ausraster Zeichen von Schwäche sind. Es macht mich wütend, dass meine Mitarbeiter mich immer wieder so weit bringen. Tausend Mal habe ich erklärt, dass sie das mit ihren direkten Vorgesetzten besprechen sollen. Die lernen aber auch kein Quäntchen dazu.”

Variante 2: die Defensive – still ertragen

Menschen in dieser Schutzhaltung eignen sich rasch hilfreiche Strategien an, um unsympathische Mitmenschen und unangenehme Situationen kampflos ertragen zu können. Sie lernen, Ärger und Ungerechtigkeiten in sich hineinzufressen, umgehen Konflikte und stecken Wut weg. Unverschämtheiten nehmen sie hin, wenn auch verletzt. Dazu müssen sie Attacken anderer relativieren und die Schuld bei sich suchen. Stress, Anspannung, Nervosität, körperliche und psychosomatische Erkrankungen werden über einen sehr langen Zeitraum toleriert oder ignoriert. Diese Menschen verfügen über eine besondere Ausprägung von stiller Leidensfähigkeit.

Beispiel

Herr N. berichtet im Rückkehrgespräch nach 9-monatiger Krankschreibung aufgrund eines Burn-out-Syndroms: „Ich habe alles klaglos hingenommen. Weil mir die Projektleitung so wichtig war, weil ich mit niemandem einen Konflikt haben wollte und weil wir uns keine Verzögerungen leisten konnten.[15]

Meine Arbeit ist mir sehr wichtig. Ich war immer da. Sogar krank bin ich in die Firma gefahren, habe auch an Wochenenden gearbeitet. Aber bei dem extremen Zeitdruck hat dann jeder nur noch seine Probleme bei mir abgeladen. Was sollte ich denn tun? Ich stand in der Verantwortung und musste das doch lösen. Ich habe mich über die Maßen engagiert. Wir haben es schließlich geschafft, aber kein Wort der Anerkennung. Als ich dann zum Projektabschluss auch noch Vorwürfe und Unterstellungen zu hören bekam, war es einfach zu viel. Ich bin regelrecht in die Knie gegangen und habe das alles teuer mit meiner Gesundheit bezahlt.”

Rechtfertigung des Verhaltens

Hat es, in welcher Form auch immer, gekracht, äußern sich Menschen häufig folgendermaßen: „Mir ist leider gelassenes Verhalten nicht in die Wiege gelegt worden. Dass ich manchmal die Kontrolle verliere, dafür kann ich doch nichts. Ich bin einfach so.“ Das bewirkt, dass sie ihr Empfinden und Verhalten als gottgegeben und nicht steuerbar ansehen. Auch hier glauben sie, es hätte vorrangig nichts mit ihnen zu tun, wie sie sich verhalten.

Der Fokus ihrer Betrachtung liegt auf etwas außerhalb ihrer Person. Dadurch bescheinigen sie sich fehlenden Einfluss

  • auf die Situation und

  • auf ihr Verhaltensrepertoire.

Dabei sollten wir uns klarmachen: Wir müssen[16] uns nicht bis zur Weißglut in etwas hineinsteigern. Wir müssen niemanden anbrüllen oder Tassen an die Wand werfen. Wir müssen auch keine Problemsituation dauerhaft ertragen. Es ist unsere freie Entscheidung, was wir tun wollen. Wir haben Einfluss darauf, die Situation zu gestalten. Tun Sie frühzeitig das, was für Sie gut ist.

Wichtig

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ (Jean-Jacques Rousseau)

Die Lösung: pro-aktiv statt re-aktiv

Für unsere Gelassenheit müssen wir uns selbst die Basis schaffen. Statt re-aktiv sollten wir aktiv handeln. Das heißt, nicht darauf zu warten, bis unser Gegenüber den Ball spielt, um dann zurückzuschießen. Es bedeutet, das übliche Fahrwasser zu verlassen und sich aktiv eine passende, alternative Handlungsmöglichkeit auszusuchen. Dabei ist es wichtig, Ihre Selbstwahrnehmung, Ihre Vorstellungskraft, Ihr Gewissen und Ihren freien Willen mit einzubeziehen. Sie werden schnell merken, dass mit dieser Betrachtungsweise viel mehr Optionen und Handlungsspielräume auftauchen. Sie haben damit die Wahlfreiheit, wie Sie reagieren wollen. Sie entscheiden. Sie agieren. Sie haben Ihr Verhalten in der Hand.

Abbildung
Beispiel

Sobald Frau S. bei den Mitarbeitergesprächen selbst wahrnimmt, dass sie unter Druck und in Wut gerät, hat sie die Wahl. Statt ärgerlich zu werden, kann sie z. B. von vornherein aktiv eine konkrete Gesprächsdauer festlegen. Damit nimmt sie sich den Druck, dass sich das Gespräch ungeplant ausdehnt. Der Kommunikationspartner kennt die Gegebenheiten und kann sich darauf einstellen.[17]

Herr N. muss sich nicht gegen seinen Willen vollständig körperlich und seelisch verausgaben. Er kann im Vorfeld körperliche Warnsignale wahrnehmen. Das ist der Zeitpunkt zur aktiven Handlung. Er kann eigenverantwortlich entscheiden, ob er Verantwortung abgibt, Aufgaben delegiert, Unterstützung anfordert. Er kann und muss auch seine Arbeitszeiten in einem verträglichen Maß halten, damit er sich selbst nicht schadet. Das ist aktives Entscheiden, Grenzen setzen, Handeln.

Wie Sie von Gelassenheit profitieren

Gelassenheit steigert die Lebensqualität bedeutend. Gelassene Menschen bleiben gesünder. Sie machen sich weniger Sorgen, grübeln weniger, sind insgesamt zufriedener mit ihrem Leben. Gelassene Menschen sind unterm Strich auch glücklicher.

Gesund bleiben

Wer im ständigen Alarmzustand lebt, kann weder schlafen noch entspannen. Und wer nicht entspannt, bekommt nicht die verbrauchte Energie zurück, die er benötigt, um sein Leben zu meistern.

Dauernde Überlastung und Stress machen krank. Es drohen Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-, psychosomatische und psychische Erkrankungen. Auch unsere Sprachmuster können ein Indiz für Überlastungen sein. Vielleicht ist Ihnen die eine oder andere Aussage geläufig oder Sie benutzen sie selbst. Solche Äußerungen sind oftmals bereits ein Hinweis auf entsprechende körperliche Schwachstellen:

  • Das ist mir an die Nieren / Nerven gegangen.[18]

  • Ich habe einfach zu viel am Hals.

  • Ich habe eine Mordswut im Bauch.

  • Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen.

  • Ich habe den Buckel voller Probleme.

Es ist leicht nachvollziehbar, wer bei diesen Beschreibungen unter Rückenschmerzen, Nierenkoliken, Herzproblemen usw. leidet.

Wer gelassen ist, achtet auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und privaten Interessen. Persönliche Bedürfnisse und Familienleben stehen mit den Anforderungen der Arbeitswelt im Einklang. Gelassene Menschen fühlen sich wohler, haben mehr Spaß und Freude im Leben und gute zwischenmenschliche Beziehungen. Das alles sind Faktoren, die sie langfristig gesünder bleiben lassen.

Weniger Stress und Angst

Viele ...

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