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Stéphane Hessel - ein glücklicher Rebell

Inhaltsübersicht

Geleitwort

Vorwort: Später Stern

Teil 1: Ein Leben

Verhaftet in Paris

Der Stoff, aus dem die Mythen sind

Erste Kindheit

Fatales Dreieck

Zweite Kindheit

Reifeprüfungen

Kämpfer

Gefangenschaft

Der Diplomat

Teil 2: Persönliches

Begegnungen

Geschichte einer Story

Gedicht und Gedächtnis

Ein Film und eine neue Rolle

Teil 3: Ein Aufruf und seine Folgen

Zehn Schritte zum Ruhm

Der Appell vom 20. Oktober 2010

Wirkung

Prophet

Traum

Danksagung

Lebensdaten

Literaturverzeichnis

Register

Bildteil

Die Titelzeichnung des Sonderheftes von agnès b.

Zeichnung Pascal Lemaître

© Pascal Lemaître und agnès b

Geleitwort

von Stéphane Hessel

In meinen frühen Jahren spielte Deutschland eine wichtige Rolle in meinem Leben, und nach meiner Zeit als Diplomat dann wieder. Das Land hat mir viel gegeben und einiges zugemutet. Buchenwald war der Verrat an dem Erbe von Weimar, aber das Heilmittel gegen Buchenwald hieß Weimar, das war mir immer bewusst.

Ich habe den Bombenangriff Ende August 1944 erlebt, bei dem die »Goethe-Eiche« niederbrannte, die man auf dem Appellplatz des Lagers hatte stehen lassen. Die Goethe-Verse in meinem Gedächtnis aber waren und sind unauslöschlich. Ich kenne das alte Deutschland, ich habe das Land in Trümmern gesehen, und ich habe erlebt, wie es sich erneuerte und eine positive Rolle in Europa spielte. Die Menschenrechte sind auch hier die Basis politischen Handelns geworden. Deutschland sollte sich überall in der Welt aktiv für sie einsetzen.

So viele Orte in Deutschland bedeuten mir etwas, neben Weimar natürlich Berlin, die Stadt meiner Kinderjahre, aber auch die Stadt, die ich in den Tagen nach dem Mauerfall erlebte; ferner Hohenschäftlarn bei München, wo meine Eltern die Villa Heimat bewohnten, und nicht zu vergessen Bad Saarow, wo eine Tante meinen Bruder und mich aufnahm. Aus späterer Zeit möchte ich nur Fischerhude nennen, den malerischen Ort zwischen Bremen und Worpswede, der für mich nicht nur mit dem Namen Rilke verbunden ist, sondern vor allem mit dem meiner Freunde Bontjes van Beek, also mit Widerstand und mit Menschlichkeit, mit Kunst und mit Lebenskunst. Das Gute, das Schöne an Deutschland, hier kann man es erleben.

Erinnerungen und Freunde also, unvergessliche Begegnungen. Seit fast 30 Jahren bin ich mit Manfred Flügge befreundet. Er hat 1987 meinen Bruder Ulrich, mich und meine Frau Christiane nach Berlin eingeladen. Es wurden anregende Tage, genauso wie später bei der Arbeit an dem Film Der Diplomat, zusammen mit Antje Starost und Hans-Helmut Grotjahn. Gern habe ich von meinen Erlebnissen erzählt, von den schweren und von den beglückenden, aber ich wollte nie bloßer Zeitzeuge sein, ich wollte mich engagieren und habe es auf meine Weise versucht. Denn wir alle sind verantwortlich für den Zustand der Welt. Also schauen wir nicht weg, wenn Unrecht geschieht, bei uns oder anderswo. Empörung hält jung – die Welt und uns!

Möge dieses Buch ein Zeichen der Freundschaft sein und der Hoffnung.

Paris im Dezember 2011

 

»Es gibt Erwählte, welche aus zweifelnder Demut und Selbstverwerfung nie an ihre Erwählung zu glauben vermögen, sie mit Zorn und Zerknirschung von sich weisen und ihren Sinnen nicht trauen, ja sich gewissermaßen sogar in ihrem Unglauben gekränkt fühlen, wenn sie sich trotzdem zuletzt in der Erhöhung sehen.

Und es gibt andere, denen in aller Welt nichts selbstverständlicher ist als ihre Erwähltheit, – bewusste Götterlieblinge, welche sich über gar nichts wundern, was ihnen an Erhöhung und Lebenskronen nur immer zufallen mag.«

Thomas Mann

 

»Quand je cesserai de m’indigner,

j’aurai commencé ma vieillesse.«

André Gide

 

»Past is prologue.«

Shakespeare

 

Für Juliette

Vorwort: Später Stern

Am Mittwoch, dem 20. Oktober 2010, vollendet Stéphane Hessel sein 93. Lebensjahr. An diesem Tag bringt ein Verlag in Montpellier unter seinem Namen ein kleines Buch heraus. Was für einschneidende Folgen dieses Geschenk haben würde, ahnt niemand, am wenigsten der Autor selbst, der nicht damit rechnen kann, dass sein ereignisreiches Leben um ein erstaunliches Kapitel ergänzt werden und seine Person eine neue Beleuchtung erfahren wird. Es gibt ein Davor und ein Danach. Und auch dieses Mal beginnt alles an seinem Geburtstag, der immer wieder ein Schicksalstag für ihn war.

Indignez-vous! prangt als Titel auf der Broschüre mit 30 Seiten, von denen sein eigener Text 14 Druckseiten füllt, dazu zwei Seiten mit Anmerkungen sowie drei Seiten mit dem Nachwort der Herausgeber. Sylvie Crossman und Jean-Pierre Barou, die Gründer und Leiter von Indigène Éditions, sind optimistisch und haben eine Auflage von 8000 Exemplaren vorgesehen. Das waren bis zu diesem Zeitpunkt die besten Verkaufszahlen in ihrer kleinen Reihe, die mit dem Emblem des Sioux-Stamms der Omaha verziert ist: vier konzentrische Kreise und darum das Motto »Ceux qui marchent contre le vent« (Die gegen den Wind wandern). Aus Kostengründen hat man in Spanien drucken lassen. Das Heft soll vor allem von einer Vereinigung unabhängiger Buchhändler für einen Ladenpreis von drei Euro vertrieben werden.

Am Donnerstag, dem 21. Oktober 2010, wird Stéphane Hessel kurzfristig von dem Moderator Frédéric Taddeï in die Fernsehsendung Ce soir ou jamais eingeladen. Zu den Gästen der politisch-kulturellen Talkshow im Programm von France 3 gehören an diesem Abend der linksradikale Politiker Olivier Besancenot, die damalige Forschungsministerin Valérie Pécresse und der Essayist Guy Sorman.

Es wird sehr bald eine Diskussion auf Französisch: Alle reden gleichzeitig, alle berauschen sich an ihren Sätzen, der Zuhörer versteht kein Wort. Schließlich wird es Stéphane Hessel zu bunt, und er sagt: »Mes enfants, taisez-vous, cessez de vous engueuler!« (Kinder, seid doch mal still, hört doch auf, euch gegenseitig anzuschreien!) Und oh Wunder – es tritt Ruhe ein. Man schaut und hört nur noch auf ihn, die schmale, schlanke, elegante Person mit der hohen Stirn, den grauen Schläfen, den hängenden Schultern, der leicht zischelnden, aber sehr artikulierten, ruhigen Stimme, die einem lange im Gedächtnis bleibt. Und man begreift: Dieser Mensch hat eine magnetische Wirkung auf seine Zuhörer. Mit ihm bricht etwas anderes ein, beinahe ein Stück Unwirklichkeit. Mit dieser pädagogischen Intervention erreicht er mehr als mit allem, was er sonst noch sagt im Verlauf des Abends. Ganz plötzlich hat er einen anderen Status. Und seine kleine Publikation hat es auch. Denn es geschieht ein Wunder, ein verlegerischer Urknall.

In den nächsten Tagen reißt man sich die Broschüre aus den Händen, sie ist im Nu ausverkauft, der Verlag kommt kaum hinterher mit den Nachauflagen. Bis Ende des Jahres sind etwa 500 000 Exemplare verkauft. Rasch wird Indignez-vous! zum Spitzentitel in allen Bestsellerlisten. Irgendwann beschließt der Verlag, 600 000 Exemplare auf einen Schlag drucken zu lassen. In Spanien gibt es deshalb einige Tage lang kein Papier mehr. Aber auch diese Auflage findet ihre Abnehmer. Das ganze Jahr 2011 über hält der Erfolg an, mit einer kleinen Delle zwischen Mai und September. Bis Ende 2011 werden in Frankreich weit über zwei Millionen Exemplare verkauft. Stéphane Hessel ist plötzlich allgegenwärtig in den französischen Medien, überall erscheinen Porträts, Interviews, Home-Storys. Überdies nimmt er Stellung zu aktuellen politischen Fragen. Er wird zu einer nationalen Ikone.

Sehr schnell passiert ein zweites Wunder: Ab Januar 2011 interessiert sich das Ausland für Hessels Pamphlet, Italien, Deutschland, Spanien – in dieser Reihenfolge. Es erscheinen nach und nach Übersetzungen in über 40 Sprachen, wobei das Titel-Verb s’indigner jeden Übersetzer vor Probleme stellt, außer in den romanischen Sprachen. Was meint es – empören, aufbegehren, protestieren, rebellieren? Und was ist die Botschaft, die Zielrichtung? Die Wirklichkeit selbst scheint darauf eine Antwort zu geben. In mehreren Ländern brechen Unruhen aus, Jugendproteste vor allem. Es geht um die Arbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit, die Vorherrschaft der Finanzwirtschaft, den Vertrauensverlust der traditionellen Politik. Besonders heftig sind die Reaktionen in Spanien, wo das Buch unter dem Titel ¡Indignaos! erscheint und die Demonstranten nach Hessels Buch benannt werden: »Los indignados«. Der spanischen Ausgabe ist ein Vorwort beigegeben von José Luis Sampedro, einem Wirtschaftswissenschaftler und Schriftsteller, der genau wie Hessel im Jahr 1917 geboren wurde.

Noch verblüffender: Auch in der arabischen Welt brechen 2011 Unruhen aus. Und in der Tat haben viele Akteure des »Arabischen Frühlings« in Tunesien Hessels Pamphlet gelesen, in der französischen Fassung, oft im Internet. Seither ist auch eine arabische Version erschienen. Land um Land wird so erobert. Eine solche suggestive Wirkung hat man seit Mao Tse-tungs rotem Büchlein in den späten 1960er Jahren nicht mehr beobachtet. Hessels Buch sei »ein planetarisches Ereignis«, meint der Verleger Jean-Pierre Barou.

Eine Woche nach der Vorstellung der englischen Fassung in New York beginnen dort Massendemonstrationen unter dem Slogan »Occupy Wall Street«. Die Anfänge dieser Bewegung liegen früher, aber es scheint doch bezeichnend zu sein, dass die Anwesenheit Hessels und das Lancieren der englischen Fassung unter dem Titel Time for outrage!, die in den Medien durchaus ihr Echo fand, einen Zündfunken mehr bedeuteten. Selbst wenn sein Anteil an der inzwischen weltweiten Protestbewegung klein sein mag, so zeigt sich doch, in welch »günstiges« Klima sein Aufruf gefallen ist, den Geist und die Werte der Résistance in der gegenwärtigen Krise wiederzubeleben.

Längst ist der Begriff »les indignés« in Frankreich in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Jedes Land hat seine »indignés«, sagt man in den französischen Medien, und immer ist Hessels Schrift mitgemeint. Denn er bleibt das ganze Jahr 2011 über präsent. Fast jede Woche ist er irgendwo im Fernsehen zu sehen. Im In- und Ausland wird er eingeladen, tritt überall auf, beendet aber keine Veranstaltung, keine Sendung, ohne ein Gedicht aufzusagen. Die Liebe zur Poesie scheint ihm genauso wichtig zu sein wie der Aufruf zur Empörung. In seiner Person findet man eine magische Verknüpfung von Poesie, Widerstand, Würde … und Jules et Jim.

Aber Stéphane Hessel hat nicht nur Bewunderer. Er wird vor allem in Frankreich scharf kritisiert, von manchen auch lächerlich gemacht. Oft geht es um den vagen und recht allgemeinen Inhalt seines Textes, die Abstraktheit seiner Prinzipien, die unzeitgemäße Bezugnahme auf Positionen der Résistance aus dem Jahr 1944. Die schärfste Kritik aber entzündet sich an Hessels harscher Verurteilung der Politik Israels und seinem Eintreten für eine gerechtere Behandlung der Palästinenser, insbesondere im Gaza-Gebiet. Auch für viele Wohlmeinende ist es unverständlich, warum der ehemalige Diplomat Hessel gerade bei diesem Thema so einseitig Partei ergreift. Doch die Zweifel und die Widerrede konnten den Erfolg nicht mindern. Eine substantielle Auseinandersetzung mit dem Phänomen Hessel steht noch aus, mit der Person wie mit seiner Botschaft und deren Wirkung.

 

Es gibt ein Geheimnis, ein Rätsel, ein Zauberwort, aber es ist nicht leicht zu benennen. Der Siegeszug von Stéphane Hessel, das weltweite Aufgehen seines Sterns, die reale und die suggestive Wirkung, die er überall ausübt, die auch nach vielen Monaten nicht nachlässt, ist nicht nur die Erfolgsstory eines unerwarteten Bestsellers, auch nicht die Krönung eines Zeitzeugen und Akteurs (das griechische Wort stephanos bedeutet »der Gekrönte«), es ist ein Gesellschaftsphänomen. Es ist der Triumph einer Persönlichkeit eher als einer Botschaft, denn die Geschichte, für die der Botschafter steht, die ererbte wie die selbst erlebte, ist ein wesentlicher Aspekt dieser Persönlichkeit.

Die Botschaft hat zwei Elemente, und man sollte beide beachten: Aufruf zur Empörung und Verteidigung des Glücks. Auch zur Lebensgeschichte Hessels gehören zwei Elemente: Widerstand und in der Folge ein lebenslanges Engagement für die Menschenrechte sowie die Poesie als unverzichtbares Lebenselixier. Das Engagement steht neben der Ästhetik, und erst beide Aspekte zusammen machen seine Person und sein »Werk« aus.

Mit 93 Jahren überschreitet er die Schwelle zum Ruhm. Mit 94 Jahren ist er ein Star, nicht nur in seiner Wahlheimat Frankreich. Aber das Alter hat immer etwas Abstraktes (für die anderen), und vor allem glaubt man es ihm nicht so recht, wenn man seinen jugendlichen Schwung sieht, seine aufrechte Haltung, seine natürliche Eleganz, seinen tänzelnd-federnden Schritt. Er ist vom Typus her kein Sportler, eigentlich auch kein Tänzer, selbst wenn er sein Leben als »Tanz mit dem Jahrhundert« geschildert hat. Seine Leichtfüßigkeit hat etwas vom antiken Götterboten Hermes mit den Flügeln an den Sandalen und am Helm. Aber er hat keine Botschaft, er selber, Stéphane Hessel, verkörpert sie. Sein Leben ist ein Kunstwerk, sein Porträt ist nur als persönliches Kunst-Stück auszumalen, geflochten aus Erinnerungen, Reflexionen, Begegnungen.

 

Am meisten erstaunt seine Zuversicht. Er sieht die Welt und die Menschen auf dem Weg zum Besseren. Die Freiheit, die internationale Verbundenheit, die Glücksmöglichkeiten werden zunehmen. Natürlich gibt es Rückschläge, Enttäuschungen, schwierige Zeiten. Sie können überwunden werden, daran glaubt er fest. Es liegt ja an uns. Er sagt es immer wieder, er sagt es seit je. Er glaubt an die Menschen. Oder besser: Er will, dass wir an uns selbst glauben. Und er ist keineswegs naiv. Er hat nur andere Maßstäbe, andere Erinnerungen, andere Träume. Und dieser grundoptimistische Ton, diese positive Haltung dem Leben gegenüber, dieses Vertrauen in die Zukunft geben seiner Revolte erst die wahre Kraft.

Seine Zuversicht ist weder blind noch naiv. Er hat die Abgründe der Zeit erlebt. Was das Schlimmste ist, muss man niemandem sagen, der auf dem Appellplatz eines Konzentrationslagers einen ganzen Tag lang Leichen ausgekleidet, Hosen, Hemden, Röcke voller Blut und Exkrementen von kalten Gliedern gestreift und gekrümmte Leiber zu Scheiterhaufen gestapelt hat, um eine Sonderration zu erhalten (zwei Scheiben Wurst und einen Brotkanten), die das eigene Überleben wahrscheinlicher machte. Da das Schlimmste schon Realität war, gilt keine Ausrede mehr, kein bequemer Pessimismus. Seine kämpferische Haltung und sein Optimismus sind Folgerungen aus einer persönlichen Erfahrung des menschlichen Bösen in seiner brutalsten Form – sowie der Erfahrung, dass man es überwinden kann.

Das heißt nicht, dass man alle von Hessel vertretenen Positionen und politischen Orientierungen in jedem Punkt teilen muss. Aber man kann von seiner Persönlichkeit nur frappiert sein. Und auf seine Person sollte man vor allem schauen, auf seine Lebensgeschichte und auf seinen Stil. Der Stil ist der Mensch selber, die alte Definition gilt hier unbedingt, aber der Stil ist Resultat der Verarbeitung einer bestimmten Erfahrung, einer Laufbahn, in welcher der Kampf und der Tod und die Poesie ihren Platz hatten – aber auch die Liebe.

Er war ein Ästhet und ein Liebender, ein Widerständler und ein Zeitzeuge, ein Diplomat und Kunstfreund, ein Denker und ein Weltbürger, ein Weltreisender und ein Erbe, aber er wurde fast über Nacht ein Aufrührer, ein Anstifter, ein Rebell, auf den sich Protestbewegungen in aller Welt beriefen. Damit hatte niemand gerechnet, am wenigsten er selbst, zumal er sich nicht verändert hatte, nur das gesagt hatte, was er immer schon dachte. Aber der Widerhall war und ist so gewaltig, dass sich auch der Blick auf den Menschen Hessel verändert.

 

Literatur, Liebe, Politik, Engagement – wie passt das zusammen? Es passt, wenn man die Bereiche nicht trennt, sondern in seiner Person, in seinem Stil, in seinem Charakter zusammendenkt. Freiheit, Glück, Solidarität, das ist die Devise dieses »Ambassadeur de France«, der eben auch eine bestimmte Idee von Frankreich besitzt – und verkörpert. Das Glück aber, von dem der Revolutionär Saint-Just gesagt hatte, es sei eine neue Idee in Europa, stand für ihn an oberster Stelle. Damit es möglich würde, wären Freiheit und Solidarität vonnöten. Auf Kosten anderer zu leben wäre kein Glück. Der Kern der Menschenwürde ist eben das Recht auf Freiheit und Glück. Und dieser Anspruch verkörpert sich für Stéphane Hessel in der Poesie. Ist die eigene Würde aber bedroht, muss man sie verteidigen. S’indigner: seine Würde bewahren gegen alles, was sie unterdrücken will. Nicht einfach Revolte als Selbstzweck.

Seit einiger Zeit liebt die biographische Branche Titel in der Art: Die vier Leben, Die sieben Leben, oder gar Die hundert Leben von XYZ. Stéphane Hessel lebt seit bald hundert Jahren und hat viel erlebt. Dennoch wäre bei ihm eine solche Multiplikation ganz unangemessen, zumal sie eine gewisse Instabilität suggeriert. Er hatte und hat nur ein Leben, aber ein sehr reiches, vielfältiges und doch über so viele Brüche hinweg kontinuierliches. Die Einheit der Persönlichkeit ist bei ihm das Entscheidende, das Wirksame, er ist ganz aus einem Stück, eine glaubhafte, kohärente, unverwechselbare Person. Stimme, Tonfall, Blick, Kopfhaltung, schwungvoller Gang gehören zu seinem Stil, der bewusste Wechsel zwischen pointierten Sätzen und geschmeidigvagen Aussagen, die Raum für Annäherungen lassen, und dann wieder die Lust am klanggenauen Aufsagen gebundener Rede, an Versen und Strophen.

 

Was hier versucht wird, ist ein Porträt, in das Elemente einer Lebensgeschichte einfließen, aber auch persönliche Erfahrungen, Reflexionen und Analysen, ein Nachdenken über seine Wirkung und das Echo. Es gilt ein Bild zu schaffen, in dem die Zeit selbst aufgehoben ist: der Junge mit der Zipfelmütze, der Knabe im Berliner Zoo, der Pfadfinder in den Wäldern bei Paris, der phantasiebegabte Schüler, der junge Abenteurer, der frühe Liebende, der Geheimagent, der Kämpfer, der Diplomat, der Zeitzeuge, der Empörer und Bestsellerautor, der Erreger und Anreger, der Botschafter des Glücks.

Teil 1: EIN LEBEN

Verhaftet in Paris

No longer mourn for me when I am dead. Warum fällt ihm gerade dieser Vers ein? Wenn ich tot bin, trauert länger nicht um mich … Seit Greco den Revolver in seinem Rücken spürte, hat sich alles verändert. Seit dem Kommando »Hände hoch!« ist sein Körper zugleich starr und angespannt. Man hat ihn gefasst, und er will gefasst bleiben, schließlich musste er in seiner Mission auf alles gefasst sein. Aber wenn der Ernstfall eintritt, ist es doch ganz anders, als man es sich ausgemalt hat. Verhaftet in Paris, der Stadt, an der er so sehr hängt, dass er sie nicht verließ, als es ihm befohlen wurde.

Der erste Gedanke ist ein Sonett-Anfang. No longer mourn for me when I am dead du muss es heißen, klage du nicht zu lange um mich, wenn mein Tod vermeldet wird. Der Satz richtet sich an einen bestimmten Menschen. Und an wen denkt der Verhaftete an diesem Montag, dem 10. Juli 1944? An seine Frau? An die Kameraden? An den Bruder? Denkt er an seine Eltern, die nur wenige Schritte entfernt von hier gewohnt haben, in der Rue Schoelcher, am Ostende des kleineren Teils vom Friedhof Montparnasse?

No longer mourn for me – verschwendet eure Zeit nicht mit nutzlosen Klagen, hat Shakespeare das gemeint? Und an wen hat er dabei gedacht? Wer war sein Du? Das weiß man nicht so genau, schließlich weiß man nicht, wer Shakespeare überhaupt war. Wissen die Nazischergen, wen sie hier verhaften? Interessiert es sie, welche Geschichte der Verhaftete mit sich trägt? Was ihn mit diesem Ort verbindet, an dem sein Leben enden könnte?

Es ist zu schäbig, dieses kleine Bistro, genau an der Ecke, wo der Boulevard Edgar Quinet, die Südgrenze des Friedhofs von Montparnasse, schräg auf den Boulevard Raspail stößt. Les Quatre-Sergents heißt die Kneipe, vier Feldwebel waren nicht nötig, hier genügten zwei, um Greco festzusetzen. Und ein Verräter.

Verhaftet gleich neben dem Friedhof, zu dumm, zu passend. Jetzt ist das Spiel aus. Jetzt kommt der Tod. Alles andere ist unwahrscheinlich. Die »Mission Greco« ist zu Ende. Ausgerechnet an diesem Ort in Paris. Da ist die kleine Straße mit den Mauern, die den großen Friedhof in zwei Bereiche teilt. In dieser Gasse zwischen den Gräbern haben sich einmal drei Freunde ein spaßiges Wettrennen geliefert, der Vater, die Mutter, ihr französischer Freund. Wenige Schritte von hier, genau an der Ecke zum Boulevard du Montparnasse, liegt das Café du Dôme, in dem sich seit 1904 die deutschen Künstler trafen. Wer immer aus München oder Berlin nach Paris kam, fand sich in dieser engen Kutscherkneipe ein. Der Vater war hier lange Zeit Stammgast, in diesem Künstlertreff lernte er die Mutter kennen, das war im Herbst 1912. Hier eigentlich begann seine eigene Vorgeschichte, in dieser Ecke der Stadt wurde bestimmt, dass auch für ihn Paris zum Schicksalsort wurde.

Künstlertreff, Künstlerpech. Polizeitreff nun. Greco hatte schon mehrere Termine an diesem Tag absolviert. Jedes Treffen stellte ein Risiko dar, aber ganz ohne Vertrauen erreichte man nichts in der Résistance. Schon seit März lebt er mit falschen Papieren, die ihn als Geschäftsmann aus Lyon ausweisen, in wechselnden Quartieren, mal an der Rue Mouffetard, mal in einem Hotel, mal in der Rue Campagne-Première, die Straße der Malerateliers in der Blütezeit von Montparnasse.

Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern … Ringelnatz! Den der Vater so geliebt hat. Ein fernes Echo der Shakespeare-Verse. Meine Liebe wird mich überdauern. Am Grab des Vaters wurde es aufgesagt, in Sanary, das ist jetzt drei Jahre her. Der Vater, der ihm den Sinn für Lyrik gab und ihre lebensbejahende Kraft. Lebe, lache gut! mache deine Sache gut

Grecos zehnter Kontakt an diesem Tag hatte den Decknamen Bambou, ein Funker, den er aus London kannte. Die Verabredung lautete: 18 Uhr im Café des Quatre-Sergents. Es hieß, Bambou sei von den Deutschen verfolgt worden, ihnen aber entkommen, er brauche neues Material, um weiter nach London funken zu können, aber auch neue (falsche) Papiere, neue Kleidung und Geld.

Jean-Pierre Couture wollte Greco zu dem Treffen begleiten, doch der fand es sicherer, allein hinzugehen. Bambou saß schon auf der Terrasse vor dem Bistro, als er eintraf, neben ihm ein zweiter Mann, den er als alten Kameraden vorstellte. Sie gingen zum Reden ins Innere des Bistros. Bambou redete sonderbares Zeug: Die Deutschen hätten ihn beinahe gefasst, aber er sei entkommen, besitze nun aber nichts mehr. Vielleicht war Greco schon müde, etwas zerstreut, hörte nicht auf den Ton in der Stimme des anderen. Er ließ sich zu tief hineinlocken in das Bistro. Keine Chance zur Flucht. Und dann gleich die Verhaftung. Als es zu spät war, begriff er: Bambou war den Deutschen nicht entkommen, sie hatten ihn verhört und gefoltert und gezwungen, seine Kameraden in die Falle zu locken.

Auch Couture geriet in diese Falle – er war doch noch zum Bistro gekommen, etwas später, und hatte einen Ersatz-Quarz für ein Funkgerät dabei. Zu spät durchschaute er den Hinterhalt, flüchtete an der Friedhofsmauer entlang, warf den Quarz auf die andere Seite, wurde aber dennoch gestellt. Was mag er gedacht haben? Reden kann man nicht mehr in solchen Augenblicken. Was ab jetzt geredet wird, ist Teil eines blutigen Spiels. Schweigen wäre das Beste, aber das geht auch nicht. Was Reden heißt und was Schweigen, das wird Greco nun lernen. Jetzt kommen ganz andere Worte.

No longer mourn for me when I am dead. Später wird Greco den Vers auf einen Zettel schreiben und ihn in seine Jackentasche stecken. Vitia, seine Frau, wird eines Tages die Botschaft finden, stellt er sich vor, und sie wird es verstehen. Vitia ist in London, arbeitet in dem Büro des Nachrichtendienstes der Résistance, in dem auch er gearbeitet hat, ehe er sich im März auf die Mission Greco schicken ließ. Den Decknamen hatte er sich selbst ausgedacht. Anfang Juni waren die Alliierten in der Normandie gelandet, und wenn dort auch noch eine heftige Schlacht tobte, so war die Befreiung von Paris schon abzusehen. Die wollte er nicht versäumen. Nun wird er nicht dabei sein. Er hält es für sicher und denkt doch, dass dies ein schwerer Schicksalsfehler wäre, dass ein solches Ende nicht zu ihm passt. In der Kraft, die einen Menschen noch angesichts des Untergangs solche Dinge schreiben, sagen, memorieren lässt, steckt Freude, Liebe, Hoffnung: No longer mourn for me when I am dead … – es ist keine Totenklage, sondern eine Liebeserklärung über das Grab hinaus.

 

Der Rest des Sonetts 71 fällt ihm ein, als er Bekanntschaft mit seinen neuen Betreuern macht.

No longer mourn for me when I am dead

Then you shall hear the surly sullen bell

Give warning to the world that I am fled

From this vile world, with vilest worms to dwell –

Nur solange die Totenglocke erklingt, soll die geliebte Person um ihn trauern, wenn sie diese Zeilen erhält. Der Glockenton verkündet, dass er aus der bösen Welt zu noch böseren Würmern geflohen ist. Für Greco ist es keine Zuflucht, und es sind sehr schlimme Würmer, mit denen er zu tun bekommt. Wenngleich das Ambiente höchst stilvoll ist. Die breite Avenue Foch, eine der vornehmsten Straßen von Paris, führt vom Triumphbogen in südwestliche Richtung. Stadtvilla reiht sich hier an Stadtvilla. Sandsteinfassaden mit reichlich Zierrat. Hierher bringt ihn ein schwarzes Polizeiauto. Das Haus Nummer 84 gehört zum ersten Häuserblock am Südwestende der rechten Seite der Avenue Foch und ist deutlich niedriger als die beiden Nachbarhäuser. Zum runden Platz hin, der Porte Dauphine, sieht man einen zierlichen Pavillon, einen Métro-Eingang, den Hector Guimard im Art-déco-Stil gestaltet hat, mit grüngestrichenem Metall und Glas und Verzierungen in Baum- und Blattform.

Im Jahr 1944 residiert in diesem repräsentativen Block mit Sandsteinfassaden und Marmortreppen der Sicherheitsdienst der Besatzungsmacht (SD), der sich um die Abwehr gegnerischer Agenten kümmert. Der SD hat auch die Nachbarhäuser 82 und 86 requiriert, aber die Nummer 84 ist der Ort für die Sonderverhöre von Angehörigen der British Special Operation Executive (SOE), die im besetzten Frankreich agieren, unter ihnen viele Kanadier. Da Greco aus England geschickt wurde, brachte man ihn hierher. Ob er wirklich Greco ist (den Namen wissen sie wohl von Bambou), müssen sie erst noch herausfinden. Noch streitet er es ab.

Im zweiten Stock der Nummer 84 arbeiten Josef Goetz und seine Funkabteilung; sie nutzen Sendefrequenzen des Widerstands, um falsche Botschaften zu übermitteln und den Gegner zu verwirren. Die deutsche Funkabwehr besitzt sehr effektive, stark miniaturisierte Ortungsgeräte, es ist ihnen gelungen, in einige Funknetze der Résistance wie der britischen Agenten einzubrechen. Oft verhaften sie die Funker separat, bringen sie unter Einsatz der Folter zu Geständnissen und zum Verrat von Kameraden.

Im dritten Stock haust SS-Sturmbannführer Josef Kieffer, Spezialist für verschärfte Verhöre, ganz oben im fünften Stock liegen die Verhörkammern und Zellen für die Gefangenen. Hier hat auch Ernest Vogt ein kleines Zimmer, ein Deutschschweizer, der als Übersetzer bei den Verhören dient.

 

Grecos Verhaftung bedeutet große Gefahr für die anderen Widerstandskämpfer. Von London aus hat er viele Netze betreut, er kennt zu viele Namen. Jeden Morgen gab es in der Wohnung von Jean-Pierre Couture in der Rue Delambre ein Frühstück mit Lagebesprechung und Verteilung der Aufgaben: Treffen mit Kontaktpersonen, Botschaften deponieren, »Briefkästen« leeren. Grecos Kontakt in Paris ist das Netz, das sich Phratrie nennt. Treffen fanden in verschiedenen Wohnungen statt, aber man gab sich auch reichlich nonchalant, speiste abends in Schwarzmarkt-Restaurants. In manchen Wohnungen standen Funkgeräte, Greco selber schickte manche Nachricht nach London. Die Basis aller Codes ist ein sehr langes, aber auch sehr bekanntes Gedicht von Lamartine: Le Lac. Lyrik dient auch als Basis für Geheimbotschaften. Da ist es hilfreich, viele Verse im Kopf zu behalten.

Später kommt es Greco so vor, als hätten die Bäume besonders schön geblüht im Pariser Frühling 1944. Man sei reichlich ausgelassen gewesen, trotz aller Geheimaktivität. Die deutschen Uniformen in den Straßen hätte man kaum noch wahrgenommen. Die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni löste große Euphorie aus. Jetzt schien der Sieg zum Greifen nah. Aber Anfang Juli wollte London, dass Greco nach England zurückkehre, im Schatten einer Luftlandeoperation. Er aber wollte nicht. Hatte er keine Sehnsucht, seine Frau wiederzusehen? Hatte ihn die Pariser Luft leichtsinnig gemacht?

 

Greco wird in Handschellen in einer Dienstmädchenkammer unter dem Dach der Nummer 84 eingesperrt. Dass er bei der Vernehmung Deutsch spricht, verschafft ihm einen Vorteil. Er sei offiziell in Lyon gemeldet, sagt er, zeigt seine (falschen) Papiere. So gewinnt er eine Nacht. Seine Taktik ist: reden, verhandeln, schrittweise nachgeben. Aber wie viel hat er dabei preisgegeben? In seiner Erinnerung hat er lange mit den Vernehmern gespielt und taktiert, hat sie hingehalten.

Er behauptet zunächst, dass er Greco nicht kenne. Man droht ihm mit der Folter in der Badewanne. Er will es darauf ankommen lassen, nimmt es als sportliche Herausforderung. Er muss sich ausziehen, bekommt Handschellen angelegt, wird mit dem Kopf minutenlang unter Wasser gedrückt. Erst nach dem vierten Mal gibt er etwas zu, schließlich auch, dass er Greco ist. Was ändert das jetzt noch? Mündlich und auch schriftlich macht er Angaben über seine geheimen Aktivitäten, das meiste davon erfindet er oder verdreht es. Er nennt seinen wahren Namen: Stéphane Hessel. (Das stimmt.) Geboren 1917 in Paris. (Nur das Jahr stimmt, geboren wurde er in Berlin, aber das könnte ihm gefährlich werden, wenn man es wüsste.) Der Vater heißt François Hessel, verstorben in Sanary im Jahr 1941. (Er heißt Franz, Todesort und -datum stimmen.) Die Mutter Helen Hessel sei 1939 in Paris verstorben. (Sie ist quicklebendig, aber er muss sie schützen.) Alles hundertprozentige Franzosen also. (Dass es sich um deutsche Emigranten handelt, darf der SD nicht wissen, noch weniger, dass der Vater Jude war.)

Viele Verhöre folgen für Greco-Hessel, auch durch andere Dienste. Antoine Masurel, Leiter der Phratrie, war 14 Tage vorher verhaftet worden. Stéphane sieht ihn, wie er den Flur entlanggezerrt wird, aber sie tun so, als ob sie sich nicht kennen. Wenn die Deutschen seinen Lügen auf die Spur kommen, werden sie wütend, fesseln ihn an einen Stuhl, und ein junger Kerl versetzt ihm serienweise heftige Ohrfeigen. Die demütigende Position, die ihn seine ganze Wehrlosigkeit spüren lässt, macht ihn wütend. Doch Wut stärkt den Willen zum Durchhalten.

Am 20. Juli ändert sich das Verhalten der Vernehmer. Man berichtet ihm sogar vom Attentat gegen Hitler, lässt ihn eine Weile glauben, Hitler sei tot. Das dient nur dazu, ihn gesprächiger zu machen. In dieser Zeit fängt er an, sein Überleben wieder für möglich zu halten. Und doch geht ihm der Vers nicht aus dem Kopf: No longer mourn for me when I am dead.

Nach den Misshandlungen sperrt man den Mann, der eben noch Greco war, allein in der Mädchenkammer ein. Die Zeit wird ihm quälend lang. Zerfledderte Bücher liegen dort herum, Flauberts Salammbô, Dumas’ Der Graf von Monte Christo, ein deutscher Roman von 1939 (Der Opiumkrieg), ein neuer französischer Roman ohne Titelblatt. Der Mann, der nicht mehr Greco ist, sagt sich Gedichte auf, schaut dabei auf die Armbanduhr, um ihre Dauer zu messen, spielt in seinem Kopf Fluchtpläne durch, phantasiert die Rettung durch die Alliierten.

 

Vom 10. Juli bis zum 8. August 1944 befindet sich Stéphane Hessel in den Händen des SD. Kurz vor dem 8. August wird er in das Gefängnis nach Fresnes gebracht. Am 8. August 1944 verlässt ein gewöhnlicher Eisenbahnwagen den Pariser Ostbahnhof (Gare de l’Est). Darin sitzen viele politische Gefangene, Frauen und Männer, darunter eine Gruppe von 37 alliierten Offizieren, in Handschellen und von deutschen Soldaten bewacht. Erste Station ist Verdun. Dort verbringen sie eine Nacht in einer Scheune, bewacht und mit Handschellen. Auf der Weiterfahrt am nächsten Tag beschädigt ein englischer Fliegerangriff den Zug, so dass alle Gefangenen auf Lastwagen umsteigen müssen, die sie in das Lager Neue Bremm bei Saarbrücken fahren.

Hinter der Grenze ändert sich die Atmosphäre schlagartig. In der ersten Nacht auf deutschem Boden werden alle 37 Offiziere in einen Raum von drei mal drei Metern gezwängt, es gibt kaum Luft zum Atmen. Erstickungsgefühl. Ende der Freiheit, der Hoffnung, der rettenden Gedanken.

Die 37 Männer lernen sich erst jetzt kennen, empfinden sich aber sogleich als Gruppe. Immerhin einen kennt Stéphane aus London: den Engländer Forest Yeo-Thomas, Pilot, Verbindungsmann zwischen Résistance und BCRA, ein Bekannter von Churchill. Er agierte unter dem Decknamen Ken Dodkin und scheiterte bei dem Versuch, einen führenden Widerständler aus der Hand der Deutschen zu befreien, den Sozialisten Pierre Brossolette. Dodkin ist der Älteste in der Gruppe und übernimmt ganz natürlich deren Führung. Stéphane Hessel hilft ihm, weil er als Einziger fließend Deutsch spricht.

Man trägt die Bitte um Verbesserung der Unterbringung vor. Sie wird abgeschmettert. Hier hätten sie nichts zu melden. Offiziere? Ein Dreck seien sie hier. Man sieht andere Häftlinge, die misshandelt, gequält, verhöhnt werden. Sie sind im SS-Staat angekommen. Hier zeigt sich, was aus den Deutschen geworden ist: eine ungenierte Mördertruppe.

Nun ist Stéphane wirklich in ihren Händen. Ein kleines Fünkchen Hoffnung schöpft er aus dem Bewusstsein, dass die Nazis den Krieg verlieren werden. Das hilft. Doch es bleibt die Frage, ob sich sein Schicksal an dieser Stelle brechen soll. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte der 27-Jährige längst einen bemerkenswerten Lebensroman hinter sich.

Der Stoff, aus dem die Mythen sind

»Ach, Sie sind das kleine Mädchen aus Jules und Jim!« Wie oft hat Stéphane Hessel diesen Satz hören müssen. Nein, er war nicht das kleine Mädchen, aber das fiktive Mädchen war das Kondensat von zwei realen Jungen, den Brüdern Ulrich und Stéphane Hessel. Das kleine Mädchen aus dem Film hieß im wirklichen Leben Sabine Haudepin und wurde nach ihrem frühen Debüt in François Truffauts Film Jules et Jim eine wunderbare Schauspielerin. Dieses Beispiel zeigt ein Problem der Hessels: Das wirkliche Leben wird literarisch kontaminiert, wird so sehr überlagert von einer Schicht aus Mythen, dass man nicht mehr glauben mag, dass es eine biographische Wirklichkeit überhaupt gab. Doch so spielerisch einfach ist die Sache nicht. Diese Art Spiel mit der Liebe und dem Leben erzeugte ganz reale Leiden …

Denn hinter Truffauts Film von 1962, einer Adaptation des Romans von Henri-Pierre Roché aus dem Jahr 1955, steht die wahre Geschichte von Jules und Jim, die wechselhafte Liebesgeschichte von Helen und Franz Hessel. Dahinter stehen tatsächliche Biographien und Lebensereignisse zwischen 1906 und 1933. Doch seit Stéphane Hessel selber zur mythischen Figur geworden ist, verblasst diese Vorgeschichte etwas und wird zum bloßen Prolog seines unvergleichlichen Lebens. Jemanden wie ihn allerdings konnte man nicht erfinden, ein solches Leben hätte einem niemand geglaubt. Und doch ist es kein Zufall, dass es so kam. Die Idee, dass aus dem Leben Geschichten wachsen, dass man das eigene Leben auf Mythen abbilden kann, hat im Leben der Generation seiner Eltern dazugehört und auf ihn abgefärbt. Seine Person wird dadurch auf eine magische Weise illuminiert.

Man kommt sich beinahe pedantisch vor, wenn man sich angesichts des Mythos auf reale Befunde beruft, selbst wenn man versichert, wie spannend das wirkliche Leben der Protagonisten war, wenn es sich auch nicht an die Gesetze von Buch oder Leinwand hielt. Schaut man genauer hin, ist es keine fröhliche Glücksgeschichte, keine unbeschwerte Lebensutopie, sondern die Geschichte eines tragischen Scheiterns. In der Wahrnehmung der Legende von »Jules und Jim« aber überwiegt das Euphorische, das Glücksversprechen, als müsste der Glaube an etwas gerettet werden, was das wirkliche Leben immer wieder dementiert hat.

 

Franz Hessel wurde am 21. November 1880 in Stettin geboren. Sein Vater, Heinrich Hessel, betrieb dort mit großem geschäftlichen Erfolg Getreidehandel. Der Ursprung der Familie väterlicherseits lag in einem kleinen Ort bei Posen. Vielleicht hatte man Hesekiel geheißen und den Namen zu Hessel vereinfacht. (Als Pseudonym ließ Franz den Namen Hesekiel später wieder aufleben.) Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Hessels nach Stettin gelangt.

Im Jahre 1888 übersiedelte die Familie nach Berlin, wo der Vater Heinrich nunmehr als Bankier tätig war. Die Hessels wohnten in der Genthiner Straße, Franz besuchte bis zum Abitur das Joachimsthaler Gymnasium. Als der Vater im Jahre 1900 starb, hinterließ er ein ansehnliches Vermögen, das dem jungen Franz Hessel einige materiell unbeschwerte Jahre ermöglichte. Eine jüdische Erziehung hat Franz Hessel nie gehabt; lediglich seine Großmutter versuchte, das religiöse Erbe zu bewahren. Seine eigenen Kinder ließ Franz protestantisch taufen.

Seine Mutter, Fanny Hessel, geborene Kaatz, lebte von 1850 bis 1931. Das Schicksal ihrer vier Kinder spiegelt eine Epoche. Ihre älteste Tochter Anna heiratete Paul Briske, der 1939 in Berlin an einem Herzanfall starb, als ihn die Gestapo verhaftete. Anna selbst war 1903 bei der Geburt ihres zweiten Kindes, der Tochter Aenne, gestorben. Der Verlust dieser innig geliebten Schwester lag wie ein Schatten über dem sonst unbeschwert wirkenden Franz. Aenne Briske heiratete einen Diamantenhändler und wanderte mit ihrem Mann 1933 nach Südamerika aus, lebte nach dem Krieg wieder in Deutschland, wo sie 1973 starb. Franz’ Bruder Alfred Hessel (1877–1939) war Professor für Geschichte in Straßburg und in Göttingen. Das vierte Kind, Hanns Hessel, 1890 geboren, war seit 1915 als Bankier in München tätig. Hanns wurde nach 1933 interniert, aber als Ehemann einer »Arierin« entging er der Deportation. Hanns Hessel lebte nach 1945 wieder in Berlin, dann ab 1955 bis zu seinem Tod 1967 in München.

Das dritte Kind dieser jüdischen Kaufmannsfamilie, Franz Siegmund Hessel, mochte seinen zweiten Namen gar nicht. In der romanhaften Fassung seiner Jugend Der Kramladen des Glücks, erschienen 1913, nennt er sich Gustav Behrendt. In diesem Text finden sich einige Anklänge an die jüdischen Vorfahren, und auch der dritte Zionistenkongress in Basel wird erwähnt. Wichtiger sind die Lehrjahre in München, wie sie auch der Autor erlebte.

In der deutschen Kunstmetropole dieser Jahre, in dem freiheitlichen, avantgardistischen, ideengeschwängerten Schwabing lebte Franz Hessel in einer »Ehe zu dritt« mit der Schriftstellerin, Lebenskünstlerin und erklärten Nonkonformistin Franziska zu Reventlow und dem polnischen Maler Bogdan von Suchowski. Hessel, der ein wohlhabender Erbe war und eigentlich studieren sollte, sorgte für die finanzielle Unterstützung der Künstler, wurde in München aber nicht glücklich, weder als Mensch noch als Autor. Er lebte im Umkreis der Dichter, Denker, Maler, Propheten wie Stefan George, Ludwig Klages, Alfred Schuler, Karl Wolfskehl, nahm an Festen und Zeremonien teil und schrieb auch recht zeremoniale Gedichte, doch verfasste er auch Satiren auf die Schwabinger Lebenswelt, veröffentlicht im Schwabinger Beobachter, den er gemeinsam mit Franziska zu Reventlow redigierte, die für das Künstlerviertel am nördlichen Stadtrand den Spottnamen »Wahnmoching« erfand. Ihre frechen Romane wie Von Paul zu Pedro können als Vorläufer von Jules und Jim angesehen werden.

Am 20. März 1906 verließ Franz Hessel München in Richtung Paris, wie so viele Dichter und Maler vor ihm. Das künstlerische Zentrum der Jahre um 1910 war nicht mehr Montmartre, sondern Montparnasse. In den kleinen Seitenstraßen des Boulevard du Montparnasse, damals der südliche Stadtrand, bekam man günstig Ateliers zu mieten. Die deutschen Künstler trafen sich seit 1904 im Café du Dôme, einer einstigen Kutscherkneipe an der Kreuzung zum Boulevard Raspail, der 1910 stark verbreitert wurde. Dort verkehrte bald auch Franz Hessel, der ein Zimmer unter dem Dach des Hauses in der Rue Schoelcher Nummer 4 gemietet hatte. Zu dem Kreis im Café du Dôme gehörten der Autor A. O. H. Schmitz, der Maler Rudolf Levy, Wilhelm Uhde, den es aus dem preußischen Justizdienst in den Pariser Kunsthandel verschlagen hatte, der Wiener Maler und Kunstsammler Walter Bondy, der Maler Hans Purrmann, der bulgarische Maler und Zeichner Jules Pascin und Gelegenheitsgäste aus München wie Erich Mühsam.

Erst in Paris wurde Hessel zu dem Beobachter, Flaneur und Meister der kleinen literarischen Form sowie des autobiographischen Erzählens, als der er unsterblich wurde. Paris tat ihm gut. Und er wurde rasch in die Lebewelt der Maler und Modelle eingeführt, die den Umkreis der neuen École de Paris bildeten. Dabei half ihm ein guter französischer Freund, den er rasch gewonnen hatte: Henri-Pierre Roché, der nur gelegentlich schrieb, viel übersetzte (Theaterstücke von Schnitzler oder Sternheim zum Beispiel), vor allem aber sein Geld im Kunsthandel verdiente, der durch das Auftauchen amerikanischer Sammler immer interessanter wurde.

Auch in manche Liebesturbulenzen geriet Franz Hessel durch Roché. So hatte er eine kurze Liaison mit der Malerin Marie Laurencin, zuvor Rochés Gespielin und nach ihm die des Dichters Guillaume Apollinaire. Ein Höhepunkt der Pariser Ausschweifungen war in jedem Mai das Jahresabschlussfest der Kunsthochschulen, der Bal des Quat’z-Arts, zu dem Roché seinen deutschen Freund mitnahm. Hessel seinerseits reiste mit Roché nach München, wo er ihm seine einstigen Freundinnen zuführte, unter anderem Franziska zu Reventlow.

Als auch eine junge Frau aus Marburg, um die Hessel vergeblich geworben hatte, zu Rochés Eroberungen zählte, zitierte Franz jene Verse von Goethe, die in seinem wahren Leben wie später in Jules et Jim zum Leitmotiv werden:

Lieber durch Leiden

Möcht ich mich schlagen

Als so viel Freuden

Des Lebens ertragen.

 

Alle das Neigen

Von Herzen zu Herzen,

Ach wie so eigen

Schaffet das Schmerzen!

1911 brachen Franz und Pierre zu einer gemeinsamen Reise nach Griechenland auf. Der Archäologe Herbert Koch, ein Bekannter von Hessel aus München, zeigte ihnen in Tanagra Statuen mit dem »archaischen Lächeln«. Beide Männer verstummten vor Bewunderung. Als sie ein Jahr später eine Frau kennenlernten, die eben dieses Lächeln hatte, nahm das große Liebesdrama seinen Lauf. Jene Frau allerdings – Helen Grund – stammte aus Berlin.

 

Henri-Pierre Roché wurde 1879 in Paris geboren. Ein Jahr später starb sein Vater, ein Apotheker. Die Familie Roché war protestantisch und Henri-Pierre somit Angehöriger einer Minderheit in seinem Land, wie es Franz Hessel als deutscher Jude auch war. Madame Clara-Louise Roché, geborene Coquet, bezog Einkünfte aus vermietetem Hausbesitz in Paris und aus geerbtem Vermögen. Außerdem hatte sie strikte Erziehungsgrundsätze, die bei ihrem Sohn allerdings versagten. Er studierte mit mäßigem Eifer politische Wissenschaften, besuchte außerdem eine private Kunstakademie, hatte aber selber keinen künstlerischen Ehrgeiz. Er fand seine Berufung als Makler und Agent auf dem freien Kunstmarkt, er beriet gegen Honorar amerikanische Sammler, die in die neue Malerei der École de Paris zu investieren begannen. So vermittelte er den Kontakt zwischen Pablo Picasso und den Geschwistern Leo und Gertrude Stein. Roché selbst besaß später eine stattliche Sammlung von Werken der neuen Kunst, darunter einige von Picasso, Braque, Man Ray und vor allem von Marcel Duchamp.

Vor allem aber führte er ein zweites, heimliches Leben: Er wurde nach dem Scheitern einer Verlobung in England ein ausgesprochener Erotomane. Jede Frau zu lieben, die in seine Nähe kam, wurde sein Prinzip. In dieser Hinsicht war sein Leben ein großer Erfolg, und die Künstlerwelt von Montparnasse war dafür das geeignete Jagdrevier. Über sein Liebesleben führte er ausführlich Buch. Von etwa 1900 bis nach 1945 hat er tägliche Notizen und gelegentlich längere Aufzeichnungen angefertigt, die geplanten Romanen als Basis dienen sollten. 346 Hefte hat er auf diese Weise gefüllt. Von literarischem Wert ist das Zeugnis aber nicht. Roché verzeichnete einige wenige Beziehungen von Dauer und sehr viele kurze Affären. Immerhin gab es ab 1902 einen ruhenden Pol in seinem zerstreuten Leben: Germaine Bonnard, eine Puppenmacherin.

Im 14. Arrondissement, im Haus Nummer 45 der Rue d’Alésia, richtete er sich eine kleine Wohnung im 7. Stock ein, eine Garçonnière, in der er seine Geliebten empfing. Nur wenn seine Mutter verreist war, ging er mit ihnen in die Wohnung in der Nummer 99 des Boulevard Arago. Nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1929 wurde dies seine Hauptadresse.

Im Herbst 1912 geschah etwas Neues in der Junggesellenwirtschaft von Franz Hessel und Henri-Pierre Roché. Aus Berlin trafen drei Malerinnen ein, Auguste von Zitzewitz (genannt Gussi), Fanny Remak und Helen Grund. Sie logierten nahe beim Café du Dôme, zunächst im Atelier des Malers Maurice Denis, dann im Hôtel d’Odessa. Das Café und die meisten seiner Künstlergäste machten auf Helen einen abstoßenden Eindruck. Der Maler Pascin stellte ihr Franz Hessel vor. Hessel fragte, ob sie ihn in ihr »Paris-Programm« aufnehmen könne, aber Helen antwortete, sie habe niemals ein Programm. Das sollte sich schon bald ändern.

 

Paris zu lieben ist gar nicht so einfach. In Paris zu lieben ist beinahe unmöglich. Helen Grund sollte es schmerzhaft erleben. Was mag ihr nicht alles vorgeschwebt haben, als sie 1912 an die Seine kam – Malen, Freiheit, Abenteuer, der Reiz muss groß gewesen sein.

In Paris muss man sich von Vorurteilen und überkommener Moral befreien, und dazu nützte die Metropole auch der Preußin Helen Grund. Ihre Vorfahren waren Offiziere und Pfarrer, aber die protestantischen Pfarrer in Preußen waren nur die moralische Hilfsarmee der Obrigkeit. Ein Urgroßvater von Helen hatte nach 1848 Deutschland wegen seiner liberalen politischen Ideen verlassen und sich in Zürich angesiedelt, später wurde er in der Schweiz eingebürgert. Helen hatte auch eine katholische Großmutter, die bei ihrer Heirat zum Protestantismus konvertiert war.

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