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Stille und Tod

Inhalt

Fernandez und sein Plan

Stille und Tod

Zwanzig Jahre sind nichts

Lisas Annonce

Sprachschwierigkeiten

Der Resident

Das Haus in der Karibik

Das Wort

Sieben Namen

Vergangenheit

Dunkelheit

Nachwort von Friedrich Ani

Fernandez und sein Plan

»Ich brauche eine Waffe«, sagte der Spanier. Er war ein sehr alter Spanier mit tiefen Falten in dem dunklen Gesicht.

»Wozu?«, fragte ich.

Er nahm einen Zug von seiner Selbstgedrehten und blickte an mir vorbei.

Wir standen vor der »Monaco Bar«, in der immer kleine Künstler, kleine Diebe und selbsternannte Existenzialisten herumsaßen und sich von den Amerikanern die Drinks zahlen ließen. Die Amerikaner hatten dann die Bohème kennengelernt und waren glücklich.

»Was geht es dich an?«, fragte der Spanier, und seine alten braunen Augen mit den dunklen Tränensäcken darunter kehrten zu mir zurück.

»Nichts. Was möchten Sie haben?«

Er machte eine knappe Bewegung mit der Hand, die die Zigarette hielt, und ich sah die braunen Altersflecken auf dem Handrücken.

»Etwas Großes, möglichst groß, ich verstehe nichts von Waffen.«

Sein Französisch klang härter als gewöhnlich, ähnlich wie das der Araber.

»Etwas Großes«, sagte ich, »ist schwer zu verstauen, Sie werden einen Fünfundvierziger nicht einfach so in die Tasche stecken können.«

»Lass das meine Sorge sein.«

Er nahm wieder einen tiefen Zug, kappte mit Daumen und Zeigefinger die Glut von der Zigarette und steckte den Rest in die aufgesetzte Brusttasche seines Jacketts hinter das weiße Ziertuch.

»So ein großes Ding ist teuer«, sagte ich.

Er hob die Schultern und ließ sie wieder sinken.

»Que va. Kannst du es machen?«

Das ist eine gute Frage, dachte ich und dachte noch ein wenig weiter.

»Sie wissen, dass ich es machen kann, sonst hätten Sie mich nicht gefragt. Dabei haben Sie mich gar nicht gefragt, Sie haben nur gesagt, ich brauche eine Waffe. Aber vielleicht will ich es nicht machen.«

Seine grauen Augenbrauen hoben sich und etwas geschah mit seinen Augen, und ich brauchte einen Moment, um es zu deuten. Ferne Angst war in seinen Augen.

»Warum?«, fragte er rau.

»Darf ich offen sprechen?«

»Sprich wie immer, dann ist es schon in Ordnung.«

»Es könnte Sie verletzen.«

Er lächelte flüchtig.

»Mich verletzt nicht mehr allzu viel.«

»Sie sind ein alter Mann, Monsieur Fernandez. Was macht ein alter Mann mit einer großen Knarre? Eine alte Rechnung?«

Er senkte langsam den Kopf und zupfte an seinem rechten Ohrläppchen herum, und vor der »Monaco Bar«, die nur ein von der Zeit aufgebrauchtes kleines Bistro war, saßen die Künstler, die Diebe und die Amerikaner, und es war ein warmer Sommerabend, und ich war jung, und Paris war meine Stadt. Niemand achtete auf mich und einen alten Spanier in einem altmodischen Anzug, der sauber gebügelt war. Ich wusste, dass er ihn selbst bügelte.

»Ja«, sagte er wie von weit her und sah mich wieder an, »eine alte Rechnung. Eine sehr alte Rechnung.«

Dagegen war nichts einzuwenden, gewisse Rechnungen sollten beglichen werden, und wenn man es einmal nicht macht, bleibt ein hohles, ödes Gefühl zurück, mit dem man nicht gut leben kann. Ich kannte mich aus damit. Fernandez wollte noch etwas in Ordnung bringen, bevor der Feierabend eingeläutet wurde, und vielleicht hatte er sich lange damit geplagt und sich gesagt, mach’s endlich, du feiger Hund, du hast nicht mehr viel Zeit, und wenn du es nicht bald machst, stirbt auch noch der Rest von Mann in dir, den sie bis jetzt nicht kaputt gekriegt haben. Spanier sind sehr eigen, was ihre Ehre betrifft. Ich würde ihm eine Neunmillimeter Automatik besorgen, ein gutes Kaliber, und sie ist flach genug, dass man sie bequem im Hosenbund verstauen kann. Und ich würde ihm zeigen müssen, wie das Ding funktioniert, er versteht nichts von Waffen, hatte er gesagt. Munition war inklusive, ein volles Magazin sollte reichen. Ich brauchte Geld, die Geschäfte waren in den letzten Tagen ein bisschen flau gewesen. Hatte Fernandez genug? Sollte ich ihn fragen? Es wäre nicht sehr höflich, aber mit Höflichkeit kann man seine Drinks nicht bezahlen.

»Monsieur Fernandez, haben Sie genug Geld, um die Waffe zu bezahlen?«

Er sah mich an, als hätte ich ihm einen Tritt verpasst, und dann lächelte er und sah sehr alt und müde aus.

»Ich habe dafür gespart«, sagte er.

Ich nannte ihm den ungefähren Preis und er wiederholte: »Ich habe dafür gespart.«

Wie haben Sie das gemacht, Monsieur Fernandez? Mahlzeiten ausgelassen in der alten Kellerkneipe bei den Hallen, wo Sie mit anderen alten Spaniern sitzen, und das kostenlose Leitungswasser getrunken? Sie trugen alle diese altmodischen Anzüge, die sorgsam geflickt und gebügelt waren, und ihre zerfransten Krawatten waren korrekt gebunden, und wenn sie auf die Straße traten, setzten sie ihre Hüte auf. Die abgetakelten Huren aus der Rue Sainte Denise, die wegen des billigen Mittagessens kamen, behandelten sie mit ausgesuchter Höflichkeit. Einige waren Akademiker, und sie sprachen von Spanien und der zerstörten Republik, der jeder auf seine Weise verpflichtet war, und von Franco, dem sie einen langen und einsamen Tod wünschten. Dann würden sie zurückkehren, nach seinem Tod würden sie alle zurückkehren und abrechnen. Wenn sie dann noch lebten. Fernandez war Dichter, und als die Faschisten Lorca umbrachten, wusste er, dass es Zeit war, und er flüchtete nach Frankreich und ließ seine Familie zurück. Sie sollte nachkommen, wenn er einen Verleger gefunden hatte und die finanziellen Probleme geregelt waren. Am Anfang schleppte er Gemüsekisten und Schweinehälften in den Hallen, und Paris wurde nie seine Stadt. Irgendein kleiner Hinterhofverlag brachte ein dünnes Buch mit seinen Gedichten heraus, er hat mir einen Band geschenkt und mit einem alten Füllfederhalter eine Widmung hineingeschrieben, und es waren, nach Lorca und Apollinaire, die besten Gedichte, die ich je gelesen hatte.

»Wird es Probleme geben?«, fragte er. Es klang besorgt.

»Nur wenn Sie vorbeischießen.«

Er lachte, und ich sah seine abgebrochenen Zähne. Es würde keine Probleme geben, ich müsste nur mit Abdel Krim sprechen. Er war Barmann in einer kleinen, dunklen Araberkneipe an der Place Blanche. Am Anfang war er sehr zurückhaltend gewesen und hatte die Ware mit der Lupe überprüft, und ich brachte ihm, was das Geschäft gerade abwarf. Kameras, sie waren immer leicht zu holen, ein bisschen Schmuck, Travellerschecks, Autopapiere und anderen Kleinkram. Wir saßen dann an der Theke und handelten die Preise aus, und weiter hinten im Halbdunkel saßen die alten Araber wie Schatten bei ihren endlosen Brettspielen und rauchten Haschisch aus kleinen, roten Tonpfeifen, und alles war friedlich und ohne Aufregung. Bis ich mit den Pässen ankam. Zwei amerikanische und ein argentinischer. Als ich sie auf die Theke legte, wurden die Augen des Arabers flach wie Knöpfe, und er machte eine knappe Bewegung mit dem Kopf. Ich folgte ihm durch einen Perlenvorhang am Ende der Kneipe und durch zwei massive Türen in eine Art von Büro und war weit weg von der Place Blanche. Es gab ein Dutzend Teppiche, und einige davon hingen an den Wänden. Sie waren aus Seide. Auf einem flachen Messingtisch mit Sitzkissen davor stand eine Wasserpfeife aus getriebenem Silber, und als der hagere Mann in der blauen Schürze und dem schmuddeligen Hemd sich hinter einen Empireschreibtisch setzte, wusste ich, dass er ein Houd war, ein Boss. Und ich hatte ihn nie in eleganten Anzügen und großen Autos gesehen. Er blätterte die Pässe aufmerksam durch, und dann lächelte er und sagte: »Gut gemacht, mein Bruder.«

Es war das erste Mal, dass er mich so nannte, aber ich blieb vorsichtig. Ich wusste jetzt, wer er war. Er spielte eine Rolle im algerischen Untergrund, die Algerier kämpften um ihre Unabhängigkeit, und der Krieg wurde auch in Paris ausgetragen, jede Nacht krachte es irgendwo, und Pässe, falsche Identitäten, waren für sie lebensnotwendig.

»Bring mehr davon«, sagte er, »bring alles, was du kriegen kannst.«

Er zahlte einen sehr anständigen Preis, und am Schluss sagte er: »Wenn du mal eine Waffe brauchst, lass es mich wissen.«

Seitdem war ich auch im Waffengeschäft. Es lief nicht besonders gut, aber es gab immer mal wieder einen Irren, der das ganz große Ding plante, oder einen Mann, der mit klaren Vorstellungen aus dem Knast gekommen war und sich neu einkleiden musste. Oder einen Mann, der eine Rechnung zu begleichen hatte. Ich konnte leben, und es hat nie Reklamationen gegeben.

»Wann kann ich sie haben?«, fragte Fernandez, und ich sagte: »Bald.«

Er sah mich an, ganz still und ohne Regung in dem dünnen Gesicht, und dann sagte er: »Ich vertraue dir.«

Er tippte leicht gegen seinen Hut und wandte sich ab, und ich sah ihn die Rue Monsieur le Prince runtergehen, eine schmale Gestalt in einem alten Anzug und blank geputzten Schuhen, und er hielt sich sehr aufrecht und würdevoll. In seiner linken Armbeuge hing ein leichter Mantel. Ich setzte mich an einen Tisch vor die »Monaco Bar« und bestellte bei Robert, dem rothaarigen Kellner, ein Bier. Er zog die Mundwinkel nach unten und nahm meine Bestellung wortlos entgegen. Wir kannten uns schon länger. Ich machte die Beine lang und blickte über den kleinen Platz in die Rue de l’Odéon, wo sich der Buchladen von Sylvia Beach befunden hatte, in dem Joyce und Hemingway herumgehockt waren, und sicher hatte Hemingway sein großes Maul aufgerissen und von seinen Heldentaten in Italien schwadroniert, und Joyce hatte mit seinen ruinierten Augen gekämpft und die Fahnenabzüge von »Ulysses« mit einer Lupe gelesen. Fernandez war Hemingway einmal begegnet, als der aus Spanien zurückkam, und er hielt ihn für einen Schwätzer, der einen Republikaner nicht von einem als Republikaner getarnten Faschisten unterscheiden konnte. Fernandez konnte, und vielleicht war er hier in Paris einem begegnet, einem anderen alten Spanier, und vielleicht war es der Mann, der damals seine Tür eingetreten und ihm einen Revolver durch das Gesicht gezogen hatte, und jetzt konnte er nicht mehr ruhig schlafen, bis die Sache erledigt war. Die alte Rechnung. Irgendetwas in der Art musste es sein, etwas, das weit zurück lag, und das konnte nur mit den spanischen Faschisten zu tun haben. Ich kannte ein paar Emigranten, einige waren Russen, und sie träumten alle den gleichen Traum. Den Mördern mit der Waffe in der Hand gegenüberzustehen und sie mit den Eiern an eine Laterne auf der Place Royal zu hängen. Gut, Fernandez, dir gönne ich dieses Vergnügen, und wenn ich dir dabei behilflich sein kann, macht mir das keine Kopfschmerzen. Oder plante er etwas anderes? Hatte er in der kleinen Besenkammer unter dem Dach, wo er sich im Winter an einem Elektrokocher wärmte, etwas ausgebrütet? Mit einer großen Pistole in der Hand hat man sehr viel Macht, auch wenn man alt ist, und jeder, der vor einem solchen Gerät steht und nicht verrückt oder betrunken ist, würde sofort sein Bargeld auf den Tisch legen. Hatte er sich gesagt, meine Zeit ist um, und es ist gleichgültig, was geschieht, aber ein spanischer Dichter stirbt nicht in einer französischen Besenkammer, und wenn er schon nicht in Madrid sterben kann, dann doch lieber im »Negresco« in Nizza, wo die Winter mild sind und das Licht angenehm. Die Idee gefiel mir, und ich dachte daran, wie es sein würde, wenn ich alt bin, und als die Vorstellung Konturen annahm, hörte ich auf, daran zu denken. Ich kaufte die Waffe bei Abdel Krim, und als ich ihm sagte, dass ein guter Mann damit einen alten Faschisten umlegen würde, lächelte er und machte mir einen guten Preis. Ich traf Fernandez im Jardin du Luxembourg, wo er auf einer Bank saß und den spielenden Kindern zusah, die von Großmüttern und Großvätern beaufsichtigt wurden, und der Himmel darüber war blau und warm. Er trug keine Krawatte, und seine Schuhe sahen staubig aus. Den Hut hatte er schräg über das rechte Auge gezogen und sein Gesicht lag im Schatten, aber ich sah, dass es sich verändert hatte seit dem letzten Mal. Die Falten schienen noch tiefer zu sein und sahen wie geschnitzt aus, und graue Bartstoppeln bedeckten Kinn und Wangen. Ich hatte ihn noch nie unrasiert gesehen. Er blickte mich fragend an, und ich nickte.

»Dann lass uns gehen«, sagte er undeutlich.

Er stand mit einiger Mühe auf, und wir gingen in die Rue Mouffetard, wo es sehr heiß war in dem kleinen Zimmer unter dem Blechdach. Als ich ihm die Funktion der Waffe erklärte, wurde er wieder ein bisschen munter und war ganz bei der Sache.

»Ein feines Ding«, sagte er, »macht sie großen Krach?«

Ich sagte ihm, dass sie großen Krach mache, und er meinte, das spiele keine Rolle, jetzt, wo er wisse, wie man damit umgehe, würde er schon alles richtig machen. Er bedankte sich, zahlte den vereinbarten Preis, und nachdem alles erledigt war, sagte er: »Ich möchte dir etwas schenken.«

Er zog einen alten Lederkoffer unter dem Eisenbett hervor und kramte darin herum.

»Hier.«

Auf seiner flachen Hand lag ein alter, schwarzer Füllfederhalter, den ich schon einmal gesehen hatte. Ich verstand ihn nicht, und er sah es an meinem Gesicht. Er lächelte.

»Der hat Lorca gehört.«

»Lorca? Federico Garcia Lorca?«

»Ja.«

»Sehr freundlich von Ihnen, Monsieur Fernandez, aber ich kann ihn nicht annehmen, so etwas verschenkt man nicht, behalten Sie ihn.«

»Unsinn, sei nicht sentimental, das passt nicht zu dir. Nimm ihn nur, du hast mir einen großen Gefallen getan, nimm ihn.«

Ich zögerte. Ich starrte dieses schwarze Ding auf der flachen Hand des alten Mannes an und hatte ein seltsames Gefühl dabei. Vielleicht, weil Lorca auf so grässliche Weise umgekommen war? Ich wusste es nicht und versuchte, meine Gedanken zu ordnen, aber es gelang mir nicht, es war heiß und stickig in dem kleinen Zimmer und roch nach dem alten Mann, und irgendwann sagte Fernandez: »Nun mach schon«, und langsam, mit spitzen Fingern, nahm ich den Füller entgegen und hatte das Gefühl, dass es nicht richtig war. Ich bedankte mich, und als ich die Tür öffnete, sagte er: »Vielleicht schreibst du etwas Schönes damit.« Die Falten in seinem Gesicht sahen immer noch wie geschnitzt aus, und das graue Haar klebte feucht an seinem Kopf.

Am nächsten Tag regnete es, und ich saß bei »Popoff« in der Rue la Huchette, wo der kleine Rouge ein paar Centimes kostete, was für die meisten der anderen Kleinkünstler, die da auf bessere Zeiten, Jesus Christus oder den Tod warteten, immer noch zu teuer war. Es war dunkel, und in der muffigen Luft hing dieser stechende Geruch aus schlechtem Wein, Knoblauchsuppe und alten Kleidern. Ich hätte mit meinem Geld ins »Select« oder ins »Dôme« gehen können, aber irgendwie war mir nicht danach. Ich gehörte da auch nicht hin, zu viele Amerikaner da, die zu viel Hemingway gelesen hatten, er war dort verkehrt in den alten Tagen, und sie gaben mit ihrem Geld an und bestellten auf Französisch ihre Drinks, was grausam war. Ich hatte den Füllfederhalter gereinigt und aufgefüllt, die Kammer war leer gewesen, mit eingetrockneten Tintenresten an den Rändern, und jetzt versuchte ich, ein paar Notizen zu schreiben, aber es funktionierte nicht so richtig. Der Füller war ganz in Ordnung, trotz seines Alters, aber ich war nicht bei der Sache, irgendetwas beschäftigte mich, und ich versuchte, es wegzudrücken, nicht wahrzunehmen, aber es war da und ließ sich nicht abschütteln. Fernandez beschäftigte mich. Er wollte jemanden umlegen, und weil er ein guter Mann war, konnte daran nichts Falsches sein, und es ging nur ihn und den anderen etwas an. Ich wünschte ihm Glück dabei. Glück? Er würde jede Menge davon brauchen. Wenn ein alter Mann einen umlegt und da heil rauskommen will, braucht er siebenundzwanzig Schutzengel und eine perfekte Planung. Alte Männer können nicht wegrennen, wenn’s hart kommt. Und es würde hart kommen, der Donner von dem großen Ding würde ein halbes Stadtviertel aufwecken, und weil die Bullen wegen der Spannungen mit den Algeriern pausenlos im Einsatz waren, konnten sie in Windeseile zur Stelle sein. Und sie schossen sofort, wenn ihnen irgendetwas nicht koscher vorkam, sie waren hochnervös, und es war ihnen vollkommen egal, ob sie ein Kind oder einen alten Mann wegräumten. Hatte Fernandez das bedacht? Ich hatte es auch nicht bedacht, ich hatte ein paar wacklige Hypothesen aufgestellt und ihm die Knarre verkauft, und warum sollte ich mit seinem Kopf denken? Jetzt, dachte ich. Und Schutzengel hatte er auch keine, die hätten nicht zugelassen, dass die Faschisten seine Familie und seinen Freund Lorca umbrachten. Hatte er eine perfekte Planung? Ein spanischer Intellektueller, der nie einen Kriminalroman gelesen hatte und mit Sicherheit nichts über die Feinheiten der Polizeiarbeit wusste? Würde er die Patronenhülsen aufheben, die von der Automatik bei den Schüssen ausgeworfen wurden? Sie könnten die Spur zu der Waffe sein, die ja nicht neu war. Würde er Handschuhe tragen, weil die Schussexplosionen feine Pulverspuren auf der Haut hinterlassen? Hatte er seinen Fluchtweg so geplant, dass seine alten Beine ihn mühelos schaffen konnten? Würde er vorher seine Fingerabdrücke von der Waffe entfernen, so wie ich meine entfernt hatte? Nichts davon, ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber irgendeine Sicherung musste er eingebaut haben, er war schließlich kein Idiot.

Der Gedanke beruhigte mich ein wenig, und ich versuchte, wieder zu schreiben. Aber da war noch etwas, irgendeine Kleinigkeit, die mir wichtig schien, um die ganze Angelegenheit zu verstehen, ich wusste, dass da noch etwas war, aber ich kam nicht drauf. Ich hatte irgendetwas übersehen. Oder überhört. Ich legte den Füller auf das Papier und starrte ihn an, als sei dieses alte Schreibgerät, das einem großen Dichter gehört hatte, der Schlüssel zu Fernandez und seinem Plan. Es war der Füller, mit dem er die Widmung in das Buch geschrieben hatte, eindeutig, und das war schon eine Weile her. Er hatte ihn aus der Innentasche seines Jacketts genommen, bedächtig die Kappe abgeschraubt, sie auf das hintere Ende gesetzt, einen Moment überlegt und ein paar Sätze und seinen Namen hineingeschrieben. Schöne Sätze. Und mit dem Füller war er nicht umgegangen wie mit irgendeinem Gebrauchsgegenstand, es lag etwas Feierliches in der Art, wie er ihn handhabte. Und irgendwann hatte er aufgehört, ihn zu benutzen. Nicht nur das, er hatte ihn ganz außer Sicht geschafft, unter sein Bett in den alten Koffer. Das war es, was in mir dieses seltsame Gefühl ausgelöst hatte in der Rue Mouffetard, nicht der Gedanke an Lorcas grässlichen Tod, jetzt wusste ich es. Ich starrte lange und grübelte, und dann wurde aus dem Füller der Schlüssel, die Tür öffnete sich und mir fiel ein, was ich überhört hatte. Natürlich hatte ich es gehört, sehr deutlich sogar, aber schnell verdrängt und an das Geschäft gedacht, weil ich Geld brauchte.

»Eine alte Rechnung«, hatte Fernandez gesagt, »eine sehr alte.«

Eine sehr alte Rechnung. Und ein sehr alter, kluger Mann, der über die Dinge nachdenkt, bevor er sie angeht, ein Dichter, hört auf zu schreiben und trennt sich von dem Kostbarsten, was er besitzt. Er hatte seine Frau und seinen Sohn zurückgelassen und es nicht geschafft, sie herauszuholen, bis es zu spät war und die Faschisten sie umbrachten. So lange hatte er damit gelebt. Ich rannte los. Es regnete, und ich fand kein Taxi und rannte den ganzen langen Weg, die Rue Saint Jacques hoch, am Panthéon vorbei, an der Kirche Sainte Geneviève du Monte, und ich spürte den Regen nicht und nur einen stechenden Schmerz in der Brust, der so heftig wurde, dass ich innehalten musste. Ich stützte mich mit einer Hand gegen eine Mauer und brauchte einige Zeit, um meinen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Du rauchst und säufst zu viel, ging mir durch den Kopf, und dann dachte ich wieder an Fernandez. Es war nicht mehr weit bis in die Rue Mouffetard und die Besenkammer unter dem Blechdach. Ich dachte lange an Fernandez da an der Mauer im Regen, stand mit gesenktem Kopf, und irgendwann wurden die Gedanken klar und einfach. Er hatte für die Waffe gespart und dabei Mahlzeiten ausgelassen, Tabak, das Glas Rotwein. Er hatte seinen Entschluss nicht erst vor drei Tagen gefasst. Langsam löste sich meine Hand von dem nassen Stein, und ich drehte mich um und ging zurück. Ich ging ohne Eile und ohne viel wahrzunehmen, und dabei fiel mir ein, dass ich bei Popoff meinen Füller vergessen hatte. Ich ging schneller und dann rannte ich.

Stille und Tod

Levin ging langsamer, als das ockerfarbene Gebäude in Sicht kam. Er ging an gestutzten Hecken entlang, hinter denen ähnliche Anwesen lagen. Man musste viel sauber geschnittenen Rasen überqueren, um an ihre Türen zu gelangen. Gepflasterte Wege schlängelten sich durch Blumenrabatten und an exotischen Büschen und kleinen Teichen vorbei, und auf dem geharkten Kies der Vorplätze standen Limousinen und Sportwagen. Sie ähneln sich wie Klone, dachte Levin, irgendwie sind sie alle gleich. Wo ist der Unterschied zwischen denen und Santi? Es begann zu regnen, und er schlug den Mantelkragen hoch. Er ging jetzt langsam genug, um sicher zu sein, dass niemand sein leichtes Hinken bemerkte. Als er vor dem schmiedeeisernen Gittertor anlangte, blieb er stehen und sah nach dem Haus hinüber. Das ausladende Schieferdach glänzte schwarz im Regen, und von einigen der grün lackierten Fensterläden blätterte die Farbe. Er stand still, mit den Händen in den Manteltaschen, und nach einer Weile drückte er den Klingelknopf in dem rechten Torpfeiler. Es dauerte einige Zeit, bis eine Frauenstimme sich meldete. Sie klang blechern und leicht verzerrt durch die Sprechanlage.

»Ja, was?«

»Levin, ich bin angemeldet.«

»Moment, ich seh’ mal nach.«

Levin fasste den vagen Entschluss, der Frau bei einer wirklich guten Gelegenheit ins Gesicht zu treten, aber das war nur so ein Gedanke. Er stand im Regen vor dem Tor und wartete, und als der Summer ertönte, drückte er das Tor auf und ging langsam über den gepflasterten Weg auf das Haus zu. Er war sicher, dass Santi an einem der hohen Fenster hinter der Gardine stand und ihn beobachtete. Als er zwischen zwei Säulen hindurch unter das Vordach trat, hörte er ein Geräusch, das wie ein leises Räuspern klang. Er wandte den Kopf und sah einen jungen Mann, der neben einer Limousine mit getönten Scheiben stand. Levin hatte ihn vorher nicht bemerkt, und er hatte auch nicht neben der Limousine gestanden. Der junge Mann trug einen eng geschnittenen dunklen Anzug und sah zu ihm herüber, und der Regen schien ihm nichts auszumachen. Levin konnte ihn einordnen, ohne lange überlegen zu müssen. Chauffeur und Leibwächter, dachte er, aber wer hat heute keinen Leibwächter? Sie haben jede Menge Geld und jede Menge Angst. Die Angst kommt mit dem Geld, und die wenigsten trauen ihren eigenen Leibwächtern. Er grinste flüchtig und wartete darauf, dass jemand die Tür öffnete. Die Tür war aus rötlichbraunem Mahagoniholz und sah schwer und solide aus. Es gab nicht das leiseste Geräusch, als sie geöffnet wurde, und die ältere Frau, die in der Türöffnung erschien, machte auch kein Geräusch. In ihren Augen konnte Levin erkennen, dass er ihr nicht gefiel. Sie sah einen schlanken Mann in grauem Regenmantel und mit einem blassen Gesicht unter einem grauen Hut, und der Mann gefiel ihr nicht. Levin wusste, was es war. Sie war hier die Angestellte, die Oberglucke, die andere Angestellte herumscheuchte, und witterte Verdruss für das Haus und seinen Herrn. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie gesagt hätte, wir kaufen nichts. Er lächelte, aber das machte es nicht besser, und wieder dachte er daran, ihr bei Gelegenheit ins Gesicht zu treten.

Sie ließ ihn eintreten und sagte: »Das Büro ist im ersten Stock.«

»Danke.«

Er ging durch eine geflieste Halle, die leer war bis auf einen großen Billardtisch und einen Halter für die Queues an einer Wand. Zwei Lampen mit grünen Glasschirmen hingen über dem Tisch, der mit einem Tuch abgedeckt war. Am anderen Ende der Halle war ein gerahmtes Gemälde gegen die Wand gelehnt, und Levin glaubte, im Halbdunkel einen Modigliani zu erkennen. Wird eine Kopie sein, dachte er und ging die Treppe hoch. Ein sisalfarbener Läufer dämpfte seine Schritte. Im ersten Stock war eine verkleinerte Ausgabe der Eingangshalle, von der mehrere Türen abgingen. Gerahmte Vergrößerungen von Fotografien hingen an den Wänden, die alle Santi mit wichtigen würdigen Herren beim Händeschütteln zeigten. In einem der Männer erkannte Levin einen korrupten Lokalpolitiker, der sein Geld mit sozialem Wohnungsbau gemacht hatte. Kleine Deckenstrahler waren auf die Bilder gerichtet und gaben dem Raum etwas von einer Galerie. Die sind’s, dachte Levin, die sind die Richtigen und die Auserwählten.

»Komm rein«, hörte er Santis Stimme hinter einer der Türen, und er nickte ganz langsam mit dem Kopf. Santi saß hinter einem ausladenden Schreibtisch und hatte den massigen Schädel über Papiere gebeugt, in denen er herumblätterte. Levin hatte in Erinnerung, dass der Sizilianer seinen Namen schreiben und die Totozahlen lesen konnte, aber das schien eine Weile her zu sein. Vielleicht hatte er Kurse an der Volkshochschule besucht. Oder Privatunterricht genommen.

»Tag, Orazio«, sagte Levin, und Santi sagte: »Setz dich, bin gleich fertig hiermit.«

Dabei hatte er die Augen nicht von den Papieren genommen. Eine kleine Falte krauste sich über Levins Nase, und in die Blässe auf seinem Gesicht mischte sich ein Ton von altem Elfenbein. Er setzte sich in einen englisch anmutenden Ledersessel vor dem Schreibtisch, lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. Schmutziges Licht, Regenlicht, fiel durch zwei hohe Fenster, die von schweren Vorhängen eingerahmt waren, und streifte einen Niederländer in geschnitztem Barockrahmen, der hinter Santi an der Wand hing. Der Niederländer sah echt aus. Ein Regal mit Golddruck auf den Buchrücken nahm gut die Hälfte einer Wand ein, und in der Nähe eines Marmorkamins stand ein niedriger Glastisch vor einer zweisitzigen Couch. Ein Teppich mit persischem Muster bedeckte den Boden. Levins Augen tasteten sich über die Buchrücken und versuchten, die Titel zu lesen. Er hatte scharfe Augen und erkannte Voltaire und die Enzyklopädisten und ähnliche Kaliber und versuchte, sie mit Santi in Verbindung zu bringen, was nicht so kompliziert war, wie es schien. Der Mann hatte einen Inneneinrichter gehabt, der von einem erstklassigen Antiquar seine Prozente einstrich.

»So«, sagte Santi und schob die Papiere zusammen, »ich bin durch mit dem Quatsch hier, Verträge, man braucht ein Dutzend Rechtsverdreher, um sie wasserdicht zu machen.« Er hob den Kopf und sah Levin an, musterte ihn mit versteckter Aufmerksamkeit, und dann lächelte er dünn und sagte:

»Du siehst gut aus, Lou. Um was geht’s denn?«

»Ich brauche einen Job.«

»Ist es dringend?«

»Sonst wäre ich nicht hier.«

»Du redest Klartext, Lou, das hat mir immer gefallen an dir. Willst du einen Drink?«

»Danke, nein.«

Santi stützte die Ellbogen auf die Lehnen seines Drehsessels und legte die Fingerspitzen aneinander. Eine gebogene Schreibtischlampe warf einen sanften Goldton auf die linke Hälfte seines Gesichtes und auf sein schwarzgraues, sauber gescheiteltes Haar. Er bewegte leicht den Kopf und sagte:

»Diese Jobs, Lou, das war früher, und früher ist lange her. Wo warst du die letzten Jahre?«

»In Amerika.«

»In Amerika? Die Unseren kamen aus Amerika immer mit Geld zurück.«

»Ich hatte ein paar unvorhergesehene Ausgaben.«

Santi grinste, und jetzt sah er wieder so aus, wie Levin ihn in Erinnerung hatte, ein schlauer sizilianischer Analphabet mit einem Gemüseladen als Tarnung und ernsthaften Geschäften im Hinterzimmer. Er hatte für ihn gearbeitet und Santi dafür sehr gut bezahlen lassen. Sie hatten sich gegenseitig respektiert und so weit vertraut, wie es für das Geschäft nötig war. Jetzt wusste Levin nicht, ob er dem Sizilianer noch vertrauen konnte. Echte Niederländer an der Wand und Buchrücken mit Goldprägung, und der Modigliani in der Halle war sicher keine Kopie. Das gefiel Levin nicht, Leute, die sich mit diesem Zeug umgeben, haben große Angst, es zu verlieren, und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Er selbst besaß nichts. Gemälde sah er sich in Kunsthallen an und Bücher holte er sich aus Leihbibliotheken. Er hatte nie den Wunsch gehabt, etwas zu besitzen. Sein Geld, das in unregelmäßigen Abständen und bar gezahlt wurde, gab er für Reisen aus, und dafür reichte eine Tasche mit einem Riemen, die nicht mehr enthielt, als ein Mann braucht, um nicht unangenehm zu riechen.

»Deine Ausgaben«, sagte Santi und grinste immer noch, »die unvorhergesehen, eine von diesen blonden Amerikanerinnen, wie man sie immer in den Magazinen sieht, mit allem Drum und Dran? Die gibt’s nicht im Sonderangebot, die kosten richtiges Geld, denke ich mal.«

Die kosten nichts im Vergleich zu dem, was ich einem morphiumsüchtigen Hinterhofdoktor bezahlt habe, dachte Levin. Sie hatten ihn angeschossen und gejagt, und er hatte es mit dem ruinierten Bein bis in diese heruntergekommene alte Villa geschafft und den Doktor aus dem Bett geklingelt, und als der verschlafene, dünne Mann die Tür öffnete, war Levin in den Flur gefallen und liegengeblieben. Das Letzte, was er sah, waren die abgebrochenen Zehennägel mit den schwarzen Rändern an den nackten Füßen des Doktors. Er war in einem kleinen, kahlen Raum aufgewacht und hatte eine Weile gebraucht, um sich an alles zu erinnern. Auch daran, dass er einen Job verpfuscht hatte, und das beschäftigte ihn mehr als die Schmerzen. Er hatte noch nie einen Job verpfuscht. Er tastete nach seinem Bein und fühlte den Verband und dachte, er hat es gleich gemacht, mir sind die Lichter ausgegangen, und er hat mich nach hinten geschleppt und sich gleich an die Arbeit gemacht, und ich habe von allem nichts mitgekriegt. So sollte man sterben. Das Licht geht aus, man kriegt nichts mehr mit, und das war’s dann. Hoffentlich hat er’s nicht verpfuscht.

»Schon möglich«, sagte der Doktor, als er ihn fragte, »ein Arzt mit mehr Verantwortungsbewusstsein als ich hätte es dir amputiert, ich kann jetzt noch nicht sagen, ob es wieder wird, wart’s einfach ab.«

Eine schweigsame ältere Frau hatte ihm regelmäßig den Verband gewechselt und darauf geachtet, dass er die Medikamente nahm, und wenn sie das Essen brachte, lag eine Tageszeitung mit auf dem Tablett. Mehr gab es nicht, und das war teuer. Wäre er in ein reguläres Krankenhaus gegangen, hätten die Ärzte die Polizei verständigt, Schusswunden müssen gemeldet werden und stehen am nächsten Tag mit einiger Sicherheit in den Zeitungen, und sehr bald wäre ein unscheinbarer Mann mit einem Blumenstrauß an der Rezeption des Krankenhauses erschienen, um nach Herrn Levin zu fragen, und das Letzte, was er dann gesehen hätte, wären nicht die Zehennägel des Doktors gewesen, sondern das Mündungsloch eines Schalldämpfers, der auf eine Automatik montiert war. In der alten Villa fragte niemand nach ihm, und dafür musste er bezahlen. Nach ein paar Wochen sagte der Doktor:

»Du bist durch damit, das Bein bleibt dran, und das kostet extra, es ist wie neu, und neue Beine sind zur Zeit extrem teuer, die Wirtschaftskrise und so, du weißt schon.«

Darauf machte er seine ersten Gehversuche und musste feststellen, dass er seine Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, noch gar nicht ganz ausgelotet hatte.

»Natürlich«, sagte er, »blonde Amerikanerinnen.«

Dabei richtete er seinen Blick auf die Stelle zwischen Santis Augen, und das Grinsen verließ das breitflächige Gesicht des Sizilianers, als hätte jemand einen Schalter betätigt. Er legte beide Hände an die Schreibtischkante, als wollte er sich irgendwo festhalten, und sagte:

»War nur Spaß, Lou, du kennst mich doch, ich bin so ein alter Clown, der gerne mal einen Spaß macht, ist doch nichts dabei, oder?«

»Du warst nie ein Clown, Orazio, aber das scheint sich geändert zu haben.«

»Wie meinst du das?«

»Ich habe mir die Fotos da draußen angesehen«, Levin deutete mit dem Daumen hinter sich, »ein ziemlicher Zirkus, wie mir scheint.«

»Affenzirkus, gehört zum Geschäft, aber da bin ich nicht der Clown.«

»Der Direktor?«

»Viel besser. Der Dompteur. Ich lasse sie tanzen, und sie bemerken es nicht einmal. Alles brave Leute, Manager, Gewerkschaftsbosse, Politiker, Zeitungsschmierer, ein paar Polizisten, und alle sind sie furchtbar nett und eitel und vollkommen korrupt. Hin und wieder besorge ich ihnen etwas Blondes mit großer Oberweite und ein bisschen Kokain obendrauf und dann sind sie glücklich. Alles brave Leute, und sie sind leicht zu handhaben.«

»Eine Bande von Lumpen«, sagte Levin.

»Sicher, eine Bande von Lumpen, aber mit anständigen Menschen kannst du keine Geschäfte machen. Richtige Geschäfte, meine ich.«

»Die, mit denen wir damals zu tun hatten, waren mir lieber.«

»Damals ist vorbei, Lou, Vergangenheit, und meine Vergangenheit ist jetzt sauber, alles fein geglättet, die richtigen Leute machen so etwas, und du musst sie nicht einmal dafür bezahlen.«

»Natürlich nicht, du musst nur die eine oder andere Leiche ausbuddeln, die sie in ihren Kellern haben, sie werden dann sehr freundlich und hilfsbereit, alles ganz einfach.«

»Lou, du bist immer noch ein schneller Denker, und es ist jammerschade, dass ich dir keinen Job anbieten kann, wirklich jammerschade.«

»Bist du sicher?«

Levin schob sich den Hut ins Genick und blickte nach einem der hohen Fenster, gegen das der Wind jetzt dünnen, grauen Regen trieb. In einer Nacht mit Wind und Regen hatten sie ihn erwischt. Am Anfang war es nur ein heftiger Schlag gegen das Bein gewesen, ohne große Schmerzen, es fühlte sich wie betäubt an, aber die Schmerzen kamen, als er unter einen Wagen kroch, er konnte nicht mehr weiterlaufen, und dann sah er ihre Füße und hörte sie miteinander reden, und er lag in der Nässe und dem Auswurf der Straße und schlug seine Zähne in den Ärmel seiner Jacke. Ein Hund schnüffelte an einem der Reifen und begann leise zu fiepen, als er den Mann wahrnahm, und er drängte seine Schnauze unter den Wagen, und der Mann und der Hund sahen sich an, und der Hund zog seinen Kopf zurück und humpelte jaulend davon. Levin sah, dass er nur drei Beine hatte.

»Ob ich sicher bin?«, fragte Santi, »ob ich sicher bin, dass ich keinen Job für dich habe? Ich habe keinen, tut mir leid, jammerschade, wie ich schon sagte.«

Levin erhob sich aus dem englisch anmutenden Ledersessel und streifte langsam seinen Mantel ab. Er legte ihn sorgfältig auf die Couch vor dem Kamin und setzte sich wieder.

»Dann ist es ja gut«, sagte er leichthin, »darauf sollten wir einen Drink nehmen, und lass uns auf die alten Tage trinken und was so dazugehört, so etwas macht Freude, meinst du nicht auch?«

Der Sizilianer antwortete nicht, blickte steif auf den Mann im grauen Anzug, der zurückgelehnt in dem Sessel saß und die Hände über dem flachen Bauch gefaltet hatte. Weiße Hände mit bläulichen Adern unter der Haut der Handrücken und langen, geraden Fingern mit spatelförmigen Nägeln. Die Finger eines Klavierspielers. Levin lächelte, und das schmutzige Licht, das durch die hohen Fenster fiel, zerfaserte das Lächeln unter seiner gebrochenen Nase zu einem vagen Gekräusel ohne Inhalt. Santi lehnte sich sehr langsam zurück, und der Regen machte jähe, hartnäckige Geräusche an den Fenstern. Unten im Haus waren Schritte zu hören und dann das ferne Klappen einer Tür.

»Einen Drink«, sagte Santi gedehnt, »gerne, aber nicht für mich, die Leber, meine schwache Seite, du weißt schon.«

»Ach ja?« Levin lächelte wieder, aber etwas war in seinen Augen, das nicht zu dem Lächeln passte, Santi sah es, und er hob leicht beide Hände und sagte: »Ach, was soll’s, einer wird schon gehen.«

Er drehte seinen Sessel, beugte sich nieder, öffnete ein Seitenfach in dem unteren Teil des Schreibtisches und kam mit einer Whiskyflasche und zwei Gläsern wieder hoch. Er schenkte ein und schob eines der Gläser über das grünliche Leder der Schreibtischplatte, und Levin nahm es entgegen und sagte: »Auf deine Karriere, Orazio.«

Santi blickte ihn über sein Glas hinweg an, und nachdem er einen kleinen Schluck getrunken hatte, fragte er: »Was meinst du damit?«

»Was soll ich damit meinen? Ich wünsche dir Glück für deine Karriere, mehr nicht.«

»Verdammt, Lou, von welcher Karriere redest du, ich versteh’ kein Wort.«

Levin stellte sein Glas neben sich auf den Boden und sagte:

»Ich bin schon eine ganze Weile wieder im Land und hab’ mich ein bisschen umgehört.«

Er lehnte sich zurück und faltete die Hände wieder über dem Bauch. Santis Finger tasteten nach einem Bleistift und spielten damit herum, und als er es bemerkte, hielt er die Finger still. Er wartete, und als Levin ihn nur schweigend ansah, sagte er: »Wie ich dich kenne, hast du dich so umgehört, dass keiner es bemerkt hat.«

Levin nickte, und ein mageres Lächeln spielte um den Mund des Sizilianers, und als er sprach, klang seine Stimme fast unbeteiligt.

»Was sagt man denn so da draußen im Land?«

»Man sagt, dass du dich ganz still darauf vorbereitest, in die Politik zu gehen.«

Santis Hand schloss sich um das Whiskyglas, und er nahm noch einen Schluck, einen größeren diesmal, und als er das Glas absetzte, sagte er: »Anscheinend nicht still genug.«

»Anscheinend«, sagte Levin.

»Das gefällt mir nicht, Lou, das gefällt mir ganz und gar nicht, die Sache ist noch nicht rund, und ich kann sie erst öffentlich machen, wenn alles sauber geradegebogen ist, aber so weit bin ich noch nicht.«

»Ach ja?«

»Was, ach ja? Es gibt da ein Problem, das mir schwer zu schaffen macht, und ich krieg’s nicht in den Griff, ich muss es aber in den Griff kriegen, und das sehr bald, mir rennt nämlich die Zeit davon, und einige Leute werden schon nervös, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Vielleicht kann ich dir helfen?«

»Bitte?«

Santi starrte Levin an, als nähme er ihn erst jetzt bewusst wahr.

»Du und mir helfen?«

Levin senkte den Kopf, als müsse er über irgendetwas nachdenken, zupfte dann an den Bügelfalten seiner grauen Hose, schlug die Beine übereinander und lehnte sich wieder zurück. Seine Klavierspielerhände lagen auf den Lehnen des Sessels, und die dunklen Augen zeigten einen fast schläfrigen Ausdruck und schienen sich mit Santis sauber gescheitelten Frisur zu beschäftigen. Oder mit dem Niederländer an der Wand hinter Santi.

»Du und mir helfen«, wiederholte der Sizilianer leise und wie zu sich selbst. Er beugte sich vor und hielt den Kopf schief, als würde er seinen eigenen Worten hinterherhorchen, und seine Hände lagen flach und wie vergessen auf dem Schreibtisch. Ebenmäßige, zu weiße Zähne schoben sich über seine Unterlippe und begannen, abwesend darauf herumzunagen, und sein Blick verlor die Starre und richtete sich nach nirgendwo. Levins Augen hatten sich endgültig für den Niederländer entschieden, eine Flusslandschaft mit Booten und Windmühlen und ein paar Gestalten am Ufer, die Kniehosen und spitze Hüte trugen. Der Himmel war bewölkt, und die Boote hatten braune Segel. Ein Genrebild. Levin mochte keine Genrebilder. Bis auf einige Ausnahmen. Santi murmelte irgendetwas auf sizilianisch und dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch und sagte:

»Ach verdammt, Lou, du weißt ja gar nicht, um was es geht.« Levins Augen verließen ohne Eile den Niederländer, und er sagte:

»Darauf würde ich nicht wetten.«

Er sagte das wie nebenbei und ohne Aufwand in der Stimme. Dunkle Röte stieg langsam aus dem enggeknöpften Hemdkragen des Sizilianers, kroch in kleinen, stetigen Schüben den massigen Hals hinauf und breitete sich feucht über das ganze Gesicht. Eine jähe Härte war in seinem Blick, und er sagte bitter:

»Du hast dich wirklich umgehört, was?«

Levin griff nach dem Glas auf dem Boden, nahm einen vorsichtigen Schluck und stellte es zurück.

»Es war nicht ganz einfach«, sagte er, »aber ich habe ein paar besondere Fähigkeiten. Wenn ich will, kann ich das Gras wachsen hören, oder ich kann hören, wie die Sonne untergeht oder wie sich hinter meinem Rücken jemand in der Nase bohrt. Man kann sich das antrainieren, und man kann sich Gründlichkeit antrainieren, und dann hat man die Chance, eine Weile am Leben zu bleiben. Und«, er machte eine knappe Geste mit einer Hand, »man verpfuscht nie einen Job.«

Santi blickte ihn schweigend an, und Levin fuhr fort:

»Es geht um einen Staatsanwalt, der bei irgendjemand auf der Lohnliste steht, bei deinen politischen Gegnern vermutlich oder bei einem aus deinem Affenzirkus da draußen, die Brüder, die du tanzen lässt, das war nicht genau auszumachen, aber es gibt immer mal wieder einen, der aus der Reihe tanzt, weil er von seinem Dompteur die Nase voll hat. Schon mal an so was gedacht?«

»Weiter«, sagte Santi. »Natürlich. Der Staatsanwalt schnüffelt in deiner Vergangenheit herum, und wenn er nur eine Leiche in deinem Keller ausbuddelt, eine einzige, Orazio, kannst du wieder einen Gemüseladen aufmachen. Wenn sie dich dann noch lassen. Ich an deiner Stelle würde mich aus dem Politgeschäft zurückziehen.«

»Dafür ist es zu spät, du Schlaumeier, es steht zu viel auf dem Spiel, ich kann jetzt keinen Rückzieher mehr machen, und die Leute, die hinter mir stehen, würden das auch gar nicht zulassen, ich muss da durch, eine andere Möglichkeit gibt es nicht.«

»Ich habe zwei und zwei zusammengezählt und bin zu dem gleichen Ergebnis gekommen, ich wollt’s nur von dir bestätigt wissen.«

»Und warum das alles, Lou Levin?«

»Zähl zwei und zwei zusammen.« Santi riss ein dunkelrotes Einstecktuch aus der aufgesetzten Brusttasche, faltete es mit einem ruckartigen Schlenker auseinander und wischte sich damit über das Gesicht und den Nacken, und sehr leise sagte er:

»Ich komme aus einem Dorf mit merkwürdigen, altertümlichen Bräuchen und Vorstellungen. Wenn ein Mann nie seinen Hut abnahm, sagten einige Leute, er wolle damit seine Hörner verdecken. Teufelshörner.«

Er beugte sich vor, stützte die Unterarme auf den Schreibtisch und senkte den Kopf. Das Tuch behielt er in der Hand und knautschte es zusammen, immer wieder, als wollte er es auspressen, und in dem Licht, das von der Schreibtischlampe seitlich auf ihn fiel, sah es aus, als hätte er Blut an den Fingern. Levin saß still in seinem Sessel und beobachtete ihn. Ein kleines, hartes Glitzern war in seinen Augen, und sein linker Zeigefinger tippte ein paarmal leicht auf die Sessellehne. Nichts bewegte sich in seinem blassen Gesicht, und er musste sich nicht besonders anstrengen, um zu hören, wie das Regenwasser an den Fensterscheiben herunterlief. Der Wind bewegte einen Rest Asche in dem Kamin, und eine dünne, graue Säule stieg hoch und fiel langsam in sich zusammen. Santi stöhnte leise und mit einer heftigen Bewegung warf er das Tuch auf den Boden und sagte:

»Gib mir dein Glas.«

Levin beugte sich zur Seite, um das Glas aufzunehmen, und dabei verzog sich sein Mund zu der Andeutung eines Lächelns, das aber gleich wieder verschwand. Er reichte Santi das Glas, und ein paar Tropfen gingen daneben, als der Sizilianer nachschenkte, und sich selbst goss er eine solide Portion ein, und dann sahen sie sich über die Gläser hinweg an, und Santi sagte ohne viel Stimme:

»So wie die Dinge stehen, hab’ ich wohl doch einen Job für dich.«

»Das dachte ich mir«, sagte Levin, und sie hoben die Gläser und tranken.

Diesen Job würde er nicht verpfuschen. Er durfte ihn nicht verpfuschen, weil es sein letzter sein würde. Mit dem ruinierten Bein und den Schmerzen war er nicht mehr gut genug, aber vor Santi hatte er es verbergen können, und der Sizilianer hatte gesagt, du bist der Einzige, der dieses verdammt delikate Problem sauber lösen kann, meine sizilianischen Gecken darf ich da nicht ranlassen, die taugen nur fürs Grobe, und damit will ich nichts mehr zu tun haben. Du bist der Beste, Lou, immer gewesen. Ich vertraue darauf, dass du alles richtig machst, und mit dem Honorar kannst du dich dann endlich zur Ruhe setzen.

Es hatte aufgehört zu regnen, und die Sonne war durchgekommen, als Levin das ockerfarbene Haus verließ. Santi stand an einem der hohen Fenster und sah ihn mit seltsamer Langsamkeit auf das Gittertor zugehen, und als er außer Sicht war, wandte der Sizilianer sich langsam um und drückte einen Knopf auf dem Telefon. Er saß wieder hinter seinem Schreibtisch, als der junge Mann in dem enggeschnittenen Anzug eintrat und still an der Tür stehen blieb.

»Wie war dein Eindruck?«, fragte Santi ihn auf sizilianisch, und der junge Mann sagte:

»Ich mag mir kein Urteil erlauben, Don Orazio, Sie haben nur gesagt, ich solle mir den Mann genau ansehen, so wie ich mir alle Männer ansehen muss, die Sie besuchen kommen, eine Vorsichtsmaßnahme, wie Sie einmal gesagt haben.«

»Und du hast gar keinen Eindruck von ihm?«

»Ich weiß nicht, er sah ganz normal aus, wie ein Buchhalter oder ein Beamter vielleicht. Aber etwas ist mir aufgefallen. Seine Augen.«

»Ja?«

»Sie waren irgendwie merkwürdig, und irgendwie war mir ein bisschen komisch, als er mich angesehen hat, ich weiß nicht, ich kann’s nicht erklären.«

Ich schon, dachte Santi und sagte:

»Würdest du ihn wiedererkennen?«

»Jederzeit, Don Orazio.«

»Du kannst gehen, Luigi.« Der junge Mann deutete eine Verbeugung an und schloss die Tür hinter sich, ohne ein Geräusch zu machen. Santi senkte den Kopf und starrte lange auf seinen Schreibtisch, ohne viel wahrzunehmen.

Levin hatte sich das Haus des Staatsanwaltes schon angesehen, bevor er zu Santi ging, und sein Plan war fertig. Er würde die Sache wie einen Einbruch ablaufen lassen, eine Liquidierung nach dem klassischen Muster könnte mit Santi in Verbindung gebracht werden, der sich auf seinem Weg in die Politik eines Gegners entledigt. Wichtig war nur, dass er dem Staatsanwalt in die Augen sah. Er hatte noch nie einen Mann von hinten erschossen. Und das war falsch, er wusste, dass es falsch war, seit seinem letzten Job wusste er, dass es falsch war, aber er konnte es nicht ändern. Er hatte den Mann angerufen in der Dunkelheit, leise seinen Namen genannt, und der Mann hatte irgendetwas zu seiner Begleitung gesagt und sich sehr schnell umgedreht und dabei aus der Schusslinie bewegt, etwas ...

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