Logo weiterlesen.de

Inhalt

Über den Autor

Stille Schwester

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreissig

Einundreissig

Zweiundreissig

Dreiunddreissig

Vierunddreissig

Fünfunddreissig

Sechsunddreissig

Siebenunddreissig

Achtunddreissig

Neununddreissig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Bücher von Martin Krist

Bücher von Martin Krist

Bücher von Martin Krist

Bücher von Martin Krist

Bücher von Martin Krist

Danksagung

Über den Autor

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter Biografien über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido, die Grunge-Ikone Kurt Cobain und den gewaltlosen Rebell Mahatma Gandhi, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

Für mehr Informationen:

www.Martin-Krist.de

Martin Krist

Stille Schwester

Der zweite Fall für

Kommissar Henry Frei

»Alle Erinnerung ist Gegenwart.«

Novalis


»Die Wahrheit ist der Tod.«

Theodor Fontane

Prolog

Als sie ihrem Kollegen die Wohnungstür öffnet, muss sie niesen. Sie wischt sich die triefende Nase. Sie betrachtet den Schnee im Haar ihres Kollegen, in seinem Gesicht, auf seinem Mantel. Dann die Pistole in seiner Hand.

»Henry«, schnieft sie verwundert, »was ist los?«

»Bist du okay, Louisa?«

»Ich bin erkältet, hab 'nen dicken Kopf.« Demonstrativ hustet sie in ihre Faust. »Also, was glaubst du?« Ihr Blick richtet sich wieder auf die Waffe. »Warum bist du hier?«

»Wo ist dein Mann?«

»Kurz zur Apotheke.«

»Du bist alleine?«

»Nein, gerade eben ist ...«

»Louisa!« Schnee fällt von seinem Mantel, als Henry die Pistole hochreißt. »Pass auf!«

Erschrocken macht sie einen Schritt zurück in die Diele. Noch ehe ihr fiebriger Verstand ihren Fehler begreift, packt eine Hand ihre Locken und reißt ihren Kopf mit einem heftigen Ruck nach hinten.

Der Schmerz lässt sie schreien. Tränen schießen ihr in die Augen. Blindlings versucht sie sich dem Griff zu entwinden.

»Das täte ich besser nicht«, zischt eine Stimme.

Louisas Gegenwehr erlahmt, als sich eine Messerklinge auf ihre Kehle legt.

»Lassen Sie das Messer fallen!«, ruft Henry. Mit seiner Pistole zielt er auf einen Punkt dicht neben Louisas pochendem Schädel.

Aus dem Schlafzimmer dringt Simons Wimmern. Louisas Sohn, keine neun Monate alt, ist von dem Lärm erwacht.

Instinktiv drängt es sie zu ihm. Die Klinge schneidet in ihre Haut.

»Ich habe Sie gewarnt«, sagt die Stimme hinter ihr.

Louisa gefriert in der Bewegung. Blut sickert ihren Hals hinab.

Zu ihrem Entsetzen lässt Henry die Waffe sinken.

Simons Heulen wird immer lauter.

Louisa steht wie erstarrt. Tränen rinnen über ihre Wangen. Von ihrer Nase tropft der Rotz. Vor nicht einmal fünf Minuten hat sie gedacht, die Grippe sei das Schlimmste, was ihr passieren kann.

Henry steht regungslos vor ihr. Sein Blick ist wie entrückt.

»Es scheint«, sagt die Stimme, »Ihr Chef möchte Sie nicht retten.«

Schluchzend schließt Louisa die Augen, als sie begreift, dass sie sterben wird. Dass sie nicht erleben wird, wie Simon seine ersten Worte spricht, wie er Laufen lernt, zur Schule geht, die erste Freundin hat und seinen ersten Liebeskummer erleidet. Und dass sie ihn nicht wird trösten können.

Sie spürt, wie sich das Messer von ihrem Körper entfernt.

Erleichtert öffnet Louisa die Augen.

Henry lässt die Waffe fallen. Er murmelt etwas.

Die Messerklinge rast auf ihre Kehle zu.

Eins

An: Henry Frei, Kriminalhauptkommissar

Heute um 14.30 Uhr

Betr.: Stille Schwester


Verehrter Herr Frei,

ich schreibe Ihnen diese E-Mail, weil Sie mich getötet haben.

Möglicherweise lastet diese Tat schwer auf Ihnen. Für die meisten Menschen ist das Töten nicht einfach, auch für einen Kriminalbeamten nicht, der jeden Tag mit dem Waffengebrauch rechnen muss.

Höchstwahrscheinlich werden Sie einige Wochen mit Gesprächen bei einem Polizeipsychologen verbringen, so läuft das normalerweise. Vorschrift ist Vorschrift.

Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich Ihnen verrate: Ich habe meinen Tod genau so geplant.

Sie hätten es also nicht verhindern können.

Aber wie ich Sie einschätze, haben Sie sich das schon gedacht.

Wir beide sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich: penibel, analytisch und intelligent.

Und wir beide haben unsere kleinen Geheimnisse.

Vielleicht lässt Sie mein Tod aber auch kalt. Weil Sie nämlich schon einmal erfahren mussten, wie es sich anfühlt, wenn jemand durch Ihre Hand stirbt.

Zugegeben, diesmal war es nicht Ihre Schuld. Ich habe Ihnen keine andere Wahl gelassen, ich habe Sie förmlich dazu gezwungen, mich zu töten.

Den Mord damals hätten Sie verhindern können.

Sie haben es nicht getan.

Macht Ihnen die Schuld auch nach so vielen Jahren noch zu schaffen, Herr Frei?

Mir bereitet das Töten kein schlechtes Gewissen.

Ich erkläre Ihnen warum. Ich will, dass Sie mich verstehen. So wie ich Sie und Ihre Lügen verstehe.

Denn am Ende geht es immer um die Familie.

Bei mir begann alles mit meiner großen Schwester Rosie.

Zwei

Rebecca war glücklich, nicht erst seit gestern oder vorletzter Woche, sondern seit drei Jahren, elf Monaten und einer Woche. Doch erst heute Abend, da war sie sich sicher, würde sie ihr Glück perfekt machen.

Weshalb sie weder das miese Wetter störte, das ihr während ihres Fußmarsches nach Treptow die Frisur zerrupft hatte, die grantige Kellnerin dort im Café Mocca, noch ihre beste Freundin Käthe, die sich verspätete.

Gut gelaunt nippte Rebecca an ihrem Pfefferminztee.

Mal abgesehen davon, dass sie es gewohnt war, dass Käthe, Marketingchefin eines Dental-Labors, niemals pünktlich zu einer Verabredung auftauchte, blieb ihr noch etwas Zeit für ihr Telefonat mit Andreas.

»Wirklich, Becky«, hörte sie ihn mit seiner tiefen, sanften Stimme sagen, die ihr auch noch nach so langer Zeit jedes Mal aufs Neue ein Bauchkribbeln bereitete, »ich fühle mich gut, die Tischlerei Balthasar ist ein absoluter Glücksfall. Sie haben mir sogar ein eigenes Projekt anvertraut, gleich an meinem ersten Arbeitstag.«

»Na hör mal, wieso sollten sie denn nicht?«

»Es ist anderthalb Jahre her, dass ich als Tischler gearbeitet habe.«

»Das war ja nicht deine Schuld.« Sein vorheriger Chef hatte Steuern hinterzogen, die Schreinerei war pleitegegangen. »Außerdem hast du gearbeitet, unseren Wohnzimmertisch restauriert, den Schrank im Bad, für Käthe die Kommode, für deinen Kumpel die komplette Küche gezimmert.«

»Weißt du, was ich an dir liebe?«

»Meinen Knackpopo?«

»Auch, und deinen unerschütterlichen Optimismus.«

»Mehr als meinen Po?«

»Zum Teufel, nein«, lachte Andreas, »deinen Hintern würde ich ...« Den Rest seiner Worte verschluckte das laute Röhren der Espressomaschine.

Rebeccas Blick wanderte durch das Café.

Inzwischen war sie der letzte Gast, und außer ihrem Tee und einem Stück Cheesecake, das sie vor einer Viertelstunde schon verzehrt hatte, hatte sie nichts mehr bestellt.

Trotzdem ließ die Kellnerin die Maschine schier endlos weiterplärren. Ihr mürrisches Gesicht, das sie Rebecca zugewandt hielt, sprach dabei Bände. Stört dich der Lärm? Dann verschwinde doch endlich!

Rebecca konnte ein Grinsen nicht verhehlen, als die Tür aufflog. Mit einem Schwall kalter Winterluft rauschte ihre Freundin ins Mocca.

Die Miene der Kellnerin wurde noch finsterer.

»Becky!« Käthe, wie immer tadellos geschminkt, ihr langes, blondes Haar frisiert, in Pumps, Businesskostüm und einem schnieken Mantel, stöckelte durch das Café. »Sorry, sorry, ich weiß, ich bin zu spät, aber ich musste ein Briefing für die Konferenz verfassen. Die Konferenz am Wochenende, hatte ich dir davon erzählt?« Sie hauchte Rebecca ein Küsschen auf jede Wange. »Egal! Ich hab mich wirklich beeilt, weil du doch meintest, du hast nicht so viel Zeit heute, ich ...«

»Käthe!«

»... war auch schon auf dem Sprung, da kriegte ich noch einen Anruf von unserem Geschäftsführer in Paris, von wegen der kassenärztlichen ...«

»Käthe!«, rief Rebecca mit Nachdruck und schwenkte demonstrativ ihr iPhone.

»Oh, na klar, lass dich nicht stören.« Käthe streifte ihren Mantel ab, warf mit einem eleganten Schwung ihr Haar über die Schulter und sank auf einen Stuhl. »Ich muss eh noch einige Mails schreiben. Manche Kunden scheinen das Wörtchen Feierabend nicht zu kennen, ehrlich, die machen mich fertig.« Sie sah sich nach der Kellnerin um, doch die war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. »Na dann eben nicht.« Sie wandte sich wieder an Rebecca. »Und du? Telefonierst du mit Andreas? Richte ihm schöne Grüße aus. Wann wollen wir eigentlich mal wieder gemeinsam etwas kochen? Das letzte Mal ist schon so lange her, fast zwei Monate. Oder drei?«

»Vier.«

»So lange schon? Oh herrje, wie die Zeit vergeht. Ich sag's dir, ich arbeite einfach zu viel. Ich bräuchte mal wieder eine Pause.« Mit dieser Feststellung konzentrierte sich Käthe auf ihr Handy.

Schmunzelnd hob Rebecca ihr iPhone ans Ohr. »Andreas?«

»Ich dacht' schon, du hast mich vergessen.«

»Wie könnte ich?«

»Wenn das Schnatterinchen erst einmal loslegt.«

»Jetzt übertreibst du aber.«

»Nak nak nak nak nak«, machte Andreas. »Und bitte, kommt mir bloß nicht auf die Idee, dass wir am Wochenende wieder was kochen.«

»Och«, sagte Rebecca, »eigentlich ...«

»Oh nein, nein, nein!«, protestierte er lachend. Nicht, dass er Käthe nicht leiden konnte. Aber bisweilen waren sie und ihr unermüdlicher Redefluss ihm einfach zu viel. »Mir glühen noch vom letzten Mal die Ohren.«

Rebecca dagegen hatte sich auch an Käthes Geschnatter längst gewöhnt. Insgeheim beneidete sie ihre Freundin manchmal sogar um deren Ungezwungenheit. Möglicherweise hätte sie es dann auch zu etwas mehr gebracht als nur zu einem langweiligen Job in einem noch langweiligeren Steuerbüro draußen in Grünau.

Andererseits – sie hatte Andreas, seit drei Jahren, elf Monaten und einer Woche. Doch erst heute Abend ... Allein bei dem Gedanken prickelte es wieder in ihrem Bauch. »Wann kommst du nach Hause?«

»Bei diesem Wetter?« Andreas brummte. »Vor halb 10 ganz sicher nicht.«

»Ich warte mit dem Essen auf dich.«

»Musst du nicht.«

»Nur eine Kleinigkeit, okay?« Sie hauchte ihm einen Kuss durchs Telefon. »Fahr vorsichtig! Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch.«

»Doch nur meinen knackigen Po!« Kichernd legte sie auf.

»Essen? Knackiger Po?« Käthe schaute von ihrem Telefon auf. »Was habt ihr beide heute noch vor?« Sie winkte theatralisch ab. »Wehe, sag's nicht, ich will eure schmutzigen Details gar nicht hören.« Erneut hielt sie vergeblich Ausschau nach der Kellnerin. »Sag mal, Becky, haben wir noch Zeit, um woanders hinzugehen?«

»Tut mir leid, aber ich muss gleich noch zu meiner Mutter.«

»Oh, wie geht es ihr? Sie hatte doch nicht wieder einen Schlaganfall, oder? Ich hoffe ...«

»Es geht ihr gut«, wand Rebecca ein, »den Umständen entsprechend. Aber ich möchte, dass auch sie es heute noch erfährt.«

Käthe stutzte. »Was soll auch sie erfahren?«

Drei

Kriminalhauptkommissar Henry Frei betrat das Verhörzimmer 2, einen kleinen, schmucklosen Raum – ein Tisch, vier Stühle, ein Fenster, das hinaus auf den abendlichen Alexanderplatz zeigte.

Das schmutziggraue Wolkenfeld, das den Fernsehturm seit dem Mittag verschluckte, glomm jetzt in einem schmierigen Orange.

18.27 Uhr.

»Hey, Sie!«, sagte der dicke Typ am Tisch, näselnd, heiser, mächtig vergrippt.

Frei rückte einen Stuhl zurecht, dann nahm er Platz.

»Sind Sie hier ...« Abrupt riss der Dicke seinen Schädel in den Nacken und nieste. Seine Wampe stieß gegen die Tischplatte. »Sind Sie der Boss oder ... oder so?«

Frei schob den Tisch zurück, parallel zur Wand.

Mit seinem Pulloverärmel wischte sich der Dicke seine triefende Nase. Nicht zum ersten Mal, daran ließ der verrotzte Stoff keinen Zweifel. »Können Sie mir sagen, was ich hier soll?«

Frei pickte zwei Staubkörner vom Hosenbein seines teuren, dunkelgrauen Anzugs und schnippte sie zu Boden.

»Haben Sie's jetzt bald oder …«

Die Tür ging auf und eine Frau trat ein – Anfang 30, Lederstiefel, Jeans, eine Bluse, ein dünner Schal um den Hals. Ihre vollen, blonden Locken hatte sie zu einem Zopf gebunden. Sie legte eine Akte auf den Tisch und setzte sich neben Frei.

»Also, Herr Dudzik«, sagte Louisa Albers, Kriminaloberkommissarin und seine Kollegin im Morddezernat. »Wir haben heute den ...« Sie räusperte sich mehrmals, als kämpfte sie gegen einen Frosch im Hals. Dann nannte sie Datum, Uhrzeit, Dudziks Namen und seine Adresse. »Sie wissen, weshalb wir mit Ihnen reden möchten, oder?«

Dudziks Antwort bestand aus einem vollen, bronchialen Husten. Sein Speichel sprenkelte die Akte.

Angewidert schlug Albers deren Deckel auf und entnahm ihr das Foto einer alten Dame – 82, ihr lichtes Haar ergraut, das Gesicht fleckig und faltig, eine Augenlinse vom grauen Star getrübt. »Kennen Sie diese Frau?«

»Wer ... wer soll das sein?«

»Frau Edeltraut Wiesner aus Karow.«

»Nee, dort bin ich noch nie gewesen.«

Frei zog seine Augenbraue hoch.

»Ein Nachbar hat sie dort vor vier Tagen, am Silvesternachmittag, im Schlafzimmer ihres Hauses erschlagen aufgefunden«, sagte Albers.

»Oh«, krächzte Dudzik, »ist ja übel, aber ... was hab ich damit zu tun?«

Weil Albers auf seine Frage nicht reagierte, stattdessen durch die Akte blätterte, schaute Dudzik zu Frei.

Der gab nach wie vor keinen Ton von sich.

»Herr Dudzik«, sagte Albers, nachdem sie den Bericht gefunden hatte, den sie suchte, »es gibt Zeugen, die Sie in Karow gesehen haben.«

»Nee, also ...«

»Sogar wiederholt an verschiedenen Tagen.«

»Na dann ... dann bin ich da wohl mal durchgelaufen.«

»Gerade eben haben Sie behauptet, nie dort gewesen zu sein.«

»Wo ... wo war das? In ... Rudow?«

»Karow!«, korrigierte Albers.

»Ach so, und ... und ich dacht', Sie ... Sie meinen Rudow.« Dudzik schniefte. »Kann ja ... kann keiner auseinanderhalten, dieses Rudow, Teltow, Pankow ... Karow.«

»Nachbarn haben ausgesagt, Sie dort auch vor dem Haus von Frau Wiesner gesehen zu haben?«

»Lag wohl auf'm Weg.«

»Sie wurden dabei beobachtet, wie Sie das Haus verlassen haben.«

»Wie ...« Abermals nieste Dudzik los.

Gerade noch rechtzeitig riss Albers die Akte vor ihm weg.

Grunzend zog er Rotz seine Nase hoch. Mit tränenden Augen schielte er auf das Foto. »Wie, sagten Sie, hieß die nochmal?«

»Edeltraut Wiesner.«

»Ah, jetzt wo Sie's sagen, ja, die ... die hab ich doch gekannt. Traurige Sache, aber ich versteh immer noch nich', wie ich da helfen kann.«

»Indem Sie uns erklären, woher Sie Frau Wiesner kennen.«

»Das ... das war durch Ede.«

»Eduard Kemper, Ihr bester Kumpel.«

»Ja, genau, den können Sie fragen.«

»Das werden wir machen«, versicherte Albers. »Er sitzt im Zimmer nebenan.«

»Oh«, machte Dudzik überrascht. Wieder rieb er sich die Nase mit seinem verschmierten Ärmel.

In sein Schnaufen mischte sich das Klingeln von Freis Handy.

Der zog sein Telefon aus seiner Hosentasche. Es war Charlie, ihr Kollege. Frei drückte den Anruf weg.

Fünf vor 7.

Vor dem Fenster wirbelten erste Schneeflocken.

»Herr Dudzik«, sagte Albers, »woher kannte Herr Kemper Frau Wiesner?«

»Ede hat ihr ...« Dudziks Stimme erstarb unter einer neuerlichen Hustenattacke. Es dauerte eine Weile, bis sich seine Lunge beruhigte. Sein Gesicht war puterrot. »Wie ... wie war die Frage?«

»Wie hat Herr Kemper Frau Wiesner kennengelernt?«

»Ach so, ja, also, ab und zu hat er ... hat er für sie eingekauft. Sie konnt' ja nich' mehr so, wie sie wollte. Manchmal hab ich ihm geholfen.«

»Sehr edelmütig von Ihnen.«

»Edel ... was?«

»Hilfsbereit.«

»Oh, ja, klar.«

»Und wie genau sah Ihre Hilfe aus? Frau Wiesner hat Ihnen gesagt, was sie braucht und ...«

»... wir haben es im Konsum um die Ecke geholt und dann, dann haben wir's ihr gebracht.« Dudzik kniff seine verquollenen Augen zusammen, als käme ihm ein wichtiger Gedanke. »Bis in die Küche«, fügte er hinzu, einen Tick zu schnell.

»Nicht ins Wohnzimmer?«, fragte Albers.

»Nee.«

»Ins Schlafzimmer?«

»Auch nich', was denken Sie? Außerdem, da kam doch eh keiner durch, weil die Wiesner so viel gesammelt hat, Puppen, Figuren, diese Kissen, Decken, Klamotten, ach, keine Ahnung. Der ganze Plunder stapelte sich im Flur. Typisch alte Leute. Oder wie ein Messi oder so. Das war …«

Freis Handy klingelte erneut. Blindlings klickte er den Anruf weg.

»Hat Frau Wiesner Sie für Ihre Hilfe bezahlt?«, fragte Albers.

»Also«, Dudzik schnaufte, »nicht dass Sie denken, wir hätten's nur dafür gemacht.«

»Nein, natürlich.«

»Wir waren nur ... nur hilfsbereit, ja.«

»Und Sie haben nichts daran verdient?«

»Na ja, also, manchmal hat sie uns was in die Hand gedrückt.«

»Aber das«, sagte Albers, »aber das reichte Ihnen irgendwann nicht mehr.«

Dudzik starrte sie an. »Was wollen Sie damit andeuten?«

Vier

Lächelnd nahm Rebecca einen Schluck aus ihrer Tasse.

Der Pfefferminztee war inzwischen erkaltet, aber auch das störte sie nicht. In Gedanken war sie wieder bei heute Abend. Sie hielt ihre Vorfreude kaum noch aus.

»Becky!«, drängelte ihre Freundin ungeduldig. »Jetzt sag schon!«

Rebecca stellte die Tasse auf den Tisch.

»Was ist so wichtig, dass du es mir nicht am Telefon sagen wolltest? Hast du dich endlich wieder mit deiner Schwester versöhnt? Das wäre toll, aber doch kein Grund, so ein Geheimnis daraus ... Nein, warte, du hast einen neuen Job, richtig? Du warst doch immer so unglücklich in deiner Steuerklitsche da draußen in Grünau. Hast du nicht letztens erst was von einer Bewerbung erzählt? Oh Becky, ist es das? Hast du ...« Käthe brach ab. Ihre Augen weiteten sich. »Oder bist du etwa schwanger?«

Mit der Fingerspitze pickte Rebecca ein paar Cheesecake-Krümel vom Teller und leckte sie ab.

»Rebecca!« Aufgebracht beugte sich ihre Freundin vor. Ihr langes, blondes Haar flatterte ihr vors Gesicht. »Wenn ich was nicht leiden kann, dann dass man mich auf die Folter spannt, das solltest ...«

»Ich werde Andreas fragen, ob er mich heiraten möchte.«

»... du am besten wissen, weil ...« Erneut verstummte Käthe abrupt. »Du wirst was?« Ihre überraschte Stimme schrillte durch das leere Café.

Rebecca grinste. »Ihn fragen, ob er mich heiratet.«

»Ja, das habe ich verstanden, aber ...« Konsterniert klemmte sich ihre Freundin die Strähnen hinters Ohr. »Kein Witz?«

»Ich weiß, eigentlich sollte das der Mann ...«

»Ach was«, Käthe wedelte unwirsch mit der Hand, als wollte sie einen Schwarm lästiger Fliegen vertreiben, »das ist doch völlig egal, wer heutzutage wem, also, was ich meine ... du ... ihr ... es ist ... keine Ahnung ...« Ihr Arm sank herab. Sie atmete geräuschvoll aus. »Puh, jetzt fehlen mir die Worte.«

»Das soll was heißen«, lachte Rebecca.

Käthe verzog ihr Gesicht. »Ist ja auch eine ziemliche Überraschung, die du mir da präsentierst.«

»Findest du? Schließlich sind Andreas und ich seit fast vier Jahren ein Paar, seit einem halben Jahr wohnen wir sogar zusammen.«

»Dafür, dass du mal gesagt hast, Hochzeit kommt dir nicht ...«

»Ja, ich weiß, aber überleg mal, was für Typen ich damals gekannt habe. Hättest du einen von ihnen heiraten wollen?«

»Auf keinen Fall!«

»Siehst du! Mit Andreas dagegen ist alles einfach ...« Rebecca stieß einen wohligen Seufzer aus, » ... einfach anders.«

Käthe blickte sie an, als könnte sie die frohe Botschaft immer noch nicht fassen. »Oh Becky!« Sie schüttelte den Kopf, dann streckte sie die Arme aus. »Komm her, lass dich drücken.«

Als sie sich voneinander lösten, ragte die Kellnerin vor ihrem Tisch auf. »Feierabend!«, pampte sie und streckte ihnen grimmig einen Kassenbon entgegen, als sei selbst das eine Aufgabe, die ihr zu viel abverlangte. »Macht 7,90.«

Rebecca drückte ihr einen Zehner in die Hand. »Stimmt so.«

Wortlos stampfte die Bedienung davon.

Käthe sah ihr kopfschüttelnd nach.

Mit einem Lächeln knotete Rebecca ihren Schal, streifte sich ihre Winterjacke und die Handschuhe über. Heute konnte nichts ihre gute Laune trüben.

Fast nichts.

Als sie raus auf die Elsenstraße traten, lag ein Schatten auf Käthes Gesicht.

Zuerst dachte Rebecca an eine Täuschung – das schlechte Wetter, der Schneefall, die Scheinwerfer der Pkws, die sich zur Elsenbrücke stauten, das wechselnde Licht und die Schatten. Dann streifte Laternenlicht ihre Freundin, und selbst ihre Schminke konnte die bekümmerte Miene nicht mehr verdecken.

»Was ist mit dir?«, fragte Rebecca besorgt.

Käthe schaute in die Kreuzung zur Martin-Hoffmann-Straße. »Wo steht dein Wagen?«

»Ich bin zu Fuß heute.«

»Hat er einen Schaden?«

»Nein, Andreas hatte doch heute seinen ersten Arbeitstag, draußen in Spandau, da wollte er nicht zu spät kommen. Du weißt ja, wie das ist mit den S-Bahnen im Winter. Aber ...«

»Du bist immer noch zufrieden mit dem Honda?«

Rebecca nickte. Ihr alter Wagen, ein rostiger Polo, hatte letztes Jahr nach mehr als 300.000 Kilometern den Geist aufgegeben. Nach langer Suche hatte sie sich für einen kleinen, gebrauchten, aber süßen Honda entschieden. »Aber jetzt vergiss den Wagen. Was ist mit dir los?«

»Gar nichts.«

»Käthe! Ich kenne dich lange genug.«

»Ist doch egal.«

»Ist es nicht!«, beharrte Rebecca.

Ihre Freundin schaute hoch in den trüben, wolkenverhangenen Himmel. Schneeflocken landeten auf ihren Wangen. In ihrem Augenwinkel glitzerte eine Träne.

»Hey, du«, erschrocken trat Rebecca auf sie zu, »ich bin ...«

»Ihr beide«, platzte es aus Käthe heraus, »Andreas und du, ihr seid ein so tolles Paar, und das heute, dass du ihn fragen möchtest, ob er … also ... das wird ... das ist ...« Sie schnappte nach Luft, wischte sich über die Augen, erst dann schaute sie zu Rebecca. »Oh Becky, du bist so ein Glückspilz, weißt du das? Ich beneide dich so sehr.«

Rebecca ergriff den Arm ihrer Freundin. »Auch du wirst ...«

»Ach bitte«, unwirsch entriss Käthe ihr die Hand, »diesen Spruch kann ich inzwischen beim besten Willen nicht mehr ...« Sie hielt inne, schüttelte den Kopf. »Entschuldige, was rede ich da?«

»Ist schon okay.«

»Nein, Becky, das ist es nicht, es ist furchtbar selbstsüchtig von mir. Du teilst mit mir die schönste Nachricht des Jahres ...«

»Na hör mal, das Jahr hat gerade erst angefangen.«

»Besser kann es nicht mehr werden.«

»Außerdem muss er erst einmal noch Ja sagen.«

»Das wird er, jeder Mann würde bei dir Ja sagen!«

Aber mir genügt Andreas!, lag Rebecca auf der Zunge. Sie schluckte die Worte hinunter.

Käthe nickte, als wüsste sie um ihren Gedanken. »Wirklich, Becky«, sie drückte Rebecca an sich, »ich freue mich für dich.« Dann gab sie einem vorbeifahrenden Taxi ein Zeichen.

Kurz bevor sie einstieg, drehte sie sich noch einmal um. Sie winkte. Ihr Lächeln allerdings wirkte verkrampft.

Plötzlich bekam Rebecca ein schlechtes Gewissen.

Nachdenklich folgte sie der Martin-Hoffmann-Straße, bis sie auf halber Höhe einen tristen Neubau erreichte.

Pflegewohnheim, stand auf einem Metallschild.

Als Rebecca das Foyer betrat, klingelte ihr iPhone.

Sie nahm den Anruf entgegen. »Käthe?«

Fünf

Frei hüllte sich in Schweigen.

»Also«, Dudziks verschnupfter Blick irrte zwischen ihm und Albers hin und her, »was immer Sie da denken ...« Seine Worte erstarben in einem neuerlichen, heftigen Hustenanfall. »Sie ... Sie denken falsch!«

Sein Atem ging schwer, seine Lippen zitterten, sein Gesicht glühte. Geplatzte Äderchen durchzogen seine Nase und die schwammigen Wangen. Zweifellos war nicht nur die Grippe die Ursache seines desolaten Zustands.

»Herr Dudzik«, Albers entnahm der Akte einen weiteren Bericht, »Sie haben vor acht Jahren Ihren Job als Baugeräteführer verloren, weil Sie wiederholt betrunken zur Arbeit erschienen sind.«

»Die wollten mich sowieso loswerden, aber ...«

»Seit sie vor drei Jahren unter Alkoholeinfluss einen schweren Autounfall gebaut haben, müssen Sie Schmerzensgeld zahlen.«

»... was hat das mit, also, mit der Wiesner zu tun?«

»Das? Nichts. Ihr Alkoholproblem dagegen sehr wohl.«

»Blödsinn, ich hab kein Problem.«

»Ihr größtes Problem«, Albers räusperte sich ein paarmal, während sie ihren Schal zurechtzupfte, »Sie können sich das Trinken nicht mehr leisten.«

Dudzik öffnete den Mund zu einem Protest.

»Haben Sie Frau Wiesner deshalb erschlagen?« Albers legte den Bericht zurück in die Akte und klappte sie zu. »Weil Sie an ihre Rente wollten?«

»Hey, ich bin ...«

»... erkältet«, ergriff Frei erstmals das Wort.

»Hä?«

»Kein Wunder, seit Tagen herrscht draußen diese irre Kälte. Da hält sich so ein Schnupfen hartnäckig. Dumm, wenn man dann keine Taschentücher bei sich trägt.«

»Ja und?«

Frei fegte ein Staubkorn vom Tisch, dann griff er nach der Akte, richtete sie an der Tischkante aus, mit gleichem Abstand nach unten und zur Seite.

»Jetzt geht das schon wieder los!«, stöhnte Dudzik.

Freis Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Eine SMS. Er ignorierte sie.

19.18 Uhr.

Draußen fielen immer mehr, immer dickere Schneeflocken. Der Alexanderplatz versank wie hinter einem weißen Vorhang.

»Herr Dudzik«, sagte Frei, »als Sie den Plan fassten, Frau Wiesner zu ermorden, haben Sie, um keine Spuren zu hinterlassen, an alles gedacht: Winterklamotten, Schal, Wollmütze, dicke Handschuhe. Nur nicht an Taschentücher.«

»Hey!«, krächzte Dudzik. »Ich sagte doch, ich hab die Wiesner nicht ...«

»Zum Glück«, unterbrach ihn Frei, »hatte Frau Wiesner all diesen ... wie sagten Sie? Plunder?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Stille Schwester" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen