Logo weiterlesen.de
Sternstunden der Wahrheit

Deutsch & Dichtung

Wahre Schreibtische: ©Tom – oder Streifen mit Geheimtusche und Ratzefummelkrümelbeseitigungspinsel

image

Auf diesem leeren Blatt (1) soll er entstehen, der Touché für morgen. Bislang hat ©Tom zwar noch nicht mal eine Idee, aber der rettende Einfall wird schon noch kommen. Da ist er ganz sicher. Zur Not hilft ein Werkzeug, das wie eine Nasenschablone (2) aussieht, und wenn die Idee nicht von alleine kommt, hilft mitunter der Blick nach draußen (3) auf den wunderbaren Alltag. Für die Stunde danach liegt das Arbeitsgerät der Betriebssportgruppe (4) schon in Reichweite.

Doch nun muss der Mann mit den schwarz befleckten Fingern erst einmal überprüfen, ob noch genug von der nach streng gehüteter Rezeptur selbst hergestellten Geheimtusche (5) für den Kolbenfüller nebst Deckweiß für das Tilgen von Ausrutschern vorrätig ist. Das Krümelmonster (6) bewacht das Fläschchenensemble mit einer Tim-&-Struppi-Rakete. Der große Spiegel (7) erfüllt indes gleich mehrere Funktionen. Durch einen Blick in denselben kann ©Tom sofort überprüfen, ob ein Witz funktioniert: Wenn der Zeichner lacht, ist er gelungen. Auch beim Finden der richtigen Mimik hilft der Spiegel. Soll eine Figur mal traurig oder wütend gucken, ist das eigene Gesicht die beste Vorlage. Bemerkenswertes Wunder der Physik: Der Name der Zeichners (8) erscheint im Spiegel nicht seitenverkehrt.

Kein Computer und keine Bücherstapel stören diesen streng funktionalen und leicht geschrägten Arbeitsplatz. Das ist erfrischend, wenngleich auch hier ein paar Bücher herumliegen (9). Aber das ist bloß Schleichwerbung: Die Ziegelmauer, obenauf ganz zufällig der neuste Ziegel, ist geschicktes Product-Placement als Hinweis auf die soeben erschienene neue ©Tom-Sammlung mit 500 feinen Streifen. Wie schon 3.500 Streifen zuvor wurden auch diese mit dem Paginierstempel (10) archivgerecht durchnumeriert. Wichtigstes Utensil an jedem Zeichentisch ist jedoch der Ratzefummelkrümelbeseitigungspinsel (11). Der alte Käpt’n Haddock (»Heulende Hagel und Höllengranaten!«, 12) muss jetzt in die Ecke, denn nun soll ein neuer Touché entstehen. Es sei denn, Anette ruft an (13) und hält ©Tom mal wieder von der Arbeit ab. Aber auch zehn Minuten vor Redaktionsschluss wird ein Blick in das Ideen-Notizbuch (14) den Streifen stets retten.

Li-La-Lyrik in der Leitung

Unverlangt eingesandte Gedichte sind der Traum jedes Zeitungsredakteurs. Ein Kampfbericht zwischen reisendem Poeten und Reim-Weiterverarbeitungsstelle

Ein Anruf kurz vor Produktionsschluss in der Redaktion.

Redakteur: »Ja.«

Anrufer: »Erdmann hier.«

»Ja, und?«

»Ich hatte Ihnen da kürzlich was zugeschickt.«

»Ja, und?«

»Ein Gedicht.«

»Ja, und?«

»Ich wollte mal fragen ...«

»Im Moment ...«

»... ob Sie schon dazu gekommen sind, es zu lesen?«

Die Hand des Redakteurs ertastet den Karton mit den

»Unverlangt eingesandten Gedichten«:

»Gedichte, sagen Sie ...«

»Ich hatte was geschrieben.«

Der Redakteur wühlt verzweifelt in der Gedichtekiste:

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Ich hatte Ihnen da eine Auswahl politisch-satirischer, aber auch unterhaltsamer Gedichte geschickt. Ich bin

doch da bei der Unterhaltungsseite?«

»Ja ... äh, nein.«

»Sie drucken doch Gedichte?«

»Nein.«

»Sie drucken KEINE Gedichte?«

»Doch, schon.«

»Na, also!«

»Aber nur selten.«

»Dann können Sie doch meine Gedichte drucken. Oder gibt es da ein politisches Problem?«

»Nein, nein.«

Der Redakteur zieht einen Stoß Papiere aus dem Karton.

»Ich denke da zum Beispiel an mein Antikriegsgedicht: Die Bundeswehr im Kosovo / froh wie der Mops im Paletot ...«

»Ja, nun.«

»... Mörder sind Soldaten / Und werfen Handgranaten.«

»Das ist jetzt selbstverständlich ein bisschen spät.«

»Das kann ich Ihnen im Handumdrehen aktualisieren.

Gar kein Problem!«

Der Redakteur legt die Papiere wieder in die Gedichtekiste:

»Es ist jetzt leider kurz vor Produktionsschluss.«

»Aber finden Sie nicht, dass es wichtig ist?«

»Nun, ja.«

»Ich glaube, es wäre gerade wichtig für IHRE Zeitung.«

»Ja, schon.«

»Oder ist Ihnen das zu scharf? Ich habe dem Krieg mit spitzer Feder einen Spiegel vorgehalten.«

Der Redakteur schiebt die Gedichtekiste zur Seite:

»Herr Erdmann, das ist Ihnen sicher auch gelungen.«

»Es gefällt Ihnen also?«

»Mmh.«

»Dann wird es also gedruckt?«

»Ich kann das leider jetzt nicht entscheiden. Es ist kurz vor Redaktionsschluss.«

»Ich finde es aber sehr gut.«

»Das freut mich.«

Der Redakteur klappt den Kistendeckel zu:

»Jetzt muss ich aber wirklich Schluss machen.«

»Und was ja sonst so in Ihrer Zeitung gedruckt wird ...«

»Ach, ja?«

»Wissen Sie, eine kleine Auswahl meiner Gedichte ist ja auch schon in einem Bielefelder Stadtmagazin erschienen.«

»Ja?«

»Im Herbst werden sie dann in Buchform herauskommen

...«

»Ja, und?«

»... der Verlagschef und ich finden, dass sie vorher einem überregionalen Publikum bekannt gemacht werden sollten.«

»Unbedingt!«

»Schön, dass wir endlich ins Geschäft kommen.«

»Ääh ...«

»Und ich hätte da gerade im Moment auch noch ein topaktuelles Gedicht zur Hand.«

»Ja, dann faxen oder mailen Sie mir das doch zu.«

»Das ist jetzt schlecht.«

»Wieso?«

»Weil ich im Moment mit dem Motorrad unterwegs bin.«

»Oh.«

»Ich dachte, ich könnte Ihnen das jetzt vorlesen.«

»Das ist jetzt schlecht.«

»Dann geht es schneller und könnte morgen im Blatt sein.«

»Schicken Sie es einfach her.«

»Ja, dann versuche ich das mal an der Tankstelle.«

»Tun Sie das.«

»Also, dann bis später.«

Heike Runge / Michael Ringel (30.3.2000)

Bild Welt

Was ist das eigentlich

für eine Welt

in der ein Artikel

auf der ersten Seite der Bild-Zeitung

mit dem Satz beginnt

»Was ist das eigentlich

für eine Welt«

Dietrich zur Nedden (27.7.2000)

Der Welt schönstes Wort

So weich, so warm, so wundervoll: Brandgansmauser

Brandgansmauser – was für ein wunderschönes, weiches, warmes Wort. Das darf man den Lesern nicht vorenthalten. Brandgansmauser – das klingt wie In-weichen-Kissenausschlafen-Dürfen. Brandgansmauser – das muss man sich einfach auf der Zunge zergehen lassen. Im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer sammeln sich zurzeit Zehntausende von Brandgänsen. Sie brandgansmausern vor der Küste Dithmarschens, das heißt, sie wechseln ihr Federkleid und können darum eine Zeit lang nicht fliegen. »Stilles Spektakel« nennen die Vogelkundler die Brandgansmauser, bei der 90 Prozent des europäischen Bestandes dieser Art im schleswig-holsteinischen Wattenmeer zusammenkommen. Ein »stilles Spektakel« – wie lieb. Genau wie »Ausschlafen«: Das ist ja auch immer wieder ein sehr gern veranstaltetes »stilles Spektakel«.

(2.8.2000)

Das Gebot der Wahrheit

Die sieben Todsünden des Schreibens – gewidmet dem unverlangt einsendenden Autor

Du aber, Autor, der du Texte unverlangt einsendest, höre! Und höre dem Gerechten gut zu! Denn es gibt derer sieben Todsünden, die den Verlust des Gnadenstandes nach sich ziehen. Und wisse, die Todsünde hat drei Merkmale: Du versündigst dich in einer wichtigen Angelegenheit, dem Schreiben für die Wahrheit; du bist dir der Sündenhaftigkeit deines falschen Schreibens bewusst; und du willigst voll ein in dein sündiges Schreiben. Deshalb, unverlangter Autor, tue Buße und erkenne die sieben Todsünden, wie sie dir in mahnenden Worten aufgezeigt werden. Du sollst nicht schreiben über dieses und jenes:

I. Kinder

Die Wahrheit soll eine Seite sein, die da ist für jeden Menschen. Für niemanden darf sie zu hoch und für niemanden zu einfach erscheinen. Wenn du dies ernsthaft erkennen konntest, bist du ein Kind der Komik, und Humor wohnt in dir. Lass aber kein Kind in deinen Texten wohnen. Denn Kinder berühren dich und verwirren deinen Geist, wenn du sie betrachtest. Sei selbst das Kind und gewinne die Distanz zurück, die Komik braucht, um zu sein.

II. Friseure

Es gibt viele niedere Gewerke. Und deren eines ist das der Friseure und Barbiere. Es kann dort die Gegenwart des Geistes nicht vorhanden sein. Erhebe dich nicht über jene, die sich allein mit dem Äußeren des Kopfes befassen. Ihre Späße sind nur Späße in ihren schlichten Räumen.

III. Handwerker

Der Humorist ist ganz anders als der Handwerker. Seit Urväterzeiten ist der Handwerker ein miserabler und lauter Gesell. Alles ist über ihn geschrieben, und so machst du dich gemein mit ihm. Also wisse: Kein Handwerker irgendeines Handwerks soll mehr in dir gefunden werden.

IV. Supermärkte

Allein gelassen mit deinen Gedanken und deiner Wortarbeit siehst du deine Verlassenheit erst, wenn du die Stille deiner Klause verlässt und körperliche Nahrung suchst. Im Supermarkt ist es laut und buntfarben. Dort werken einfache Menschen. Ein Zusammenstoß mit ihnen mag dir am Ort selbst ein Spaß sein. Später ist der Spaß vergangen.

V. Kollegen

Oft treibt es dich nicht in die Welt. Doch liest du meist von ihr. Und von Kollegen, deren Einsamkeit ähnlich groß ist. Wenn du aber reist, dich vergnügst und eben sie triffst, schreibe nicht über ihre Erscheinung, ihr Verhalten und ihre Trunksucht am Wirtstisch. Niemand mag von eurer Freude und eurem Zwist ein Wort wissen. Eure Namen sollen sich allein unter euren Texten auszeichnen, nicht darin.

VI. Fernseh

Ein Hort der Entspannung ist das Fernseh. Das wirkliche Leben ist es nicht. Greife kein Ereignis aus dem Fernseh auf und siehe darin einen Anlass zu schreiben über das Ereignis selbst und deine Erfahrungen damit. Erlebe es selbst und gehe hinaus auf den Marktplatz, in ein Wirtshaus oder an einen fremden Ort. Kenne das Fremde. Das Fremde aber ist nicht das Fernseh. Es ist das Naheliegende. Das Naheliegende jedoch ist nie komisch.

VII. Internet

Glaubst du, das Internet böte Komisches aus der Welt? Dann glaubst du an das Falsche. Denn die Neuigkeiten werden nicht komischer durch den Weg, auf dem sie dich ereilen. Es wohnt längst in dir, wenn du es noch suchst. Finde das Komische in dir selbst und deinen Worten.

Siehe, wenn du diese Gebote befolgst, erlangst du den Zustand der Gnade und wirst in einer nicht fernen Zeit zum verlangt einsendenden Autor. Und siehe auch, Autor, dass diese Gebote nur für dich gelten und nicht für andere, die längst für die Wahrheit schreiben. Denn das hat der Gerechte in seiner unendlichen Weisheit für immer entschieden. In Ewigkeit. Amen.

Michael »Moses« Ringel (6.2.2001)

Wehes Prusten

Einmal schrieb ich ein Gedicht,

las es schließlich durch und dachte:

»Ei wie lustig! Ist es nicht?«,

dachte ich und schrie und lachte

mich kaputt, haha!, und rollte

auf den Boden, lachte weiter,

schrie, weil’s gar nicht enden wollte:

»Hihihi! Achgott, wie heiter!«,

rollte, kugelte durchs Zimmer,

knallte gegen Tisch und Stühle,

das tat weh und wurde schlimmer:

Heiterkeit und Schmerzgefühle

küssten sich, der Tisch fiel polternd

auf den prustend frohen Deppen,

welcher so, sich selber folternd,

anfing, sich zur Tür zu schleppen,

wo er lachte, weinte, lachte,

als das Marmorkanapee

ihm auf Bauch und Schädel krachte –

hihi, aua, tat das weh!

Thomas Gsella (23.8.2001)

Montagskolumne: Meinhard Rohr zur Lage der Nation im Spiegel seines Wissens

Namensvettern können zu einem Problem, einer Belastung, einem Knackpunkt werden. Oft werde ich, Meinhard Rohr, zum Beispiel mit Reinhard Mohr oder Reinhard Mohn verwechselt. Der eine ist Spiegel-Redakteur, der andere Bertelsmann-Chef, ich hingegen gehörte früher leider zu den Linken. Für jeden meiner montäglichen Kommentare zur Lage der Nation erhalte ich ein Honorar, ein Salär, einen Obolus. Jetzt aber hat die Honorarabteilung der taz die mir zustehenden 19,38 Euro an Reinhard Mohr überwiesen. Zum Glück nicht an Reinhard Mohn. Geld hat der Groß-, Schwer- und Stark-Industrielle genug. Wie es um Reinhard Mohr steht, weiß ich nicht, hungern, dürsten und knapsen wird er wohl nicht. Dafür sieht man ihn zu oft in Berlin-Mitte durch die Bars, Cafés und Restaurants flanieren, wo er mit der erfahrenen Nase des Feuilletonisten dem Zeitgeist ein Schnäppchen schlägt. Manchmal sogar ein Rad. Auf dem Laufsteg der Neuen Mitte. Wo jeder Spaß mindestens 19,38 Euro kostet. Diese Kolumne erscheint in loser, aber leider häufiger Folge.

(26.8.2002)

Montagskolumne: Meinhard Rohr zur Lage der Nation im Spiegel seines Wissens

Ich bin sprach-, stimm- und schreiblos. Und werde es auch in Zukunft sein. Nach den entsetzlichen, schockierenden und bestürzenden Ereignissen der vergangenen Woche bin ich wie gelähmt. Kein Wort, kein Satz, kein Gedanke kommt mir über die Lippen. Manche mögen dies als Erfolg eines terroristischen Anschlags werten, aber nichts kann mehr so sein, wie ich war. Das Ende der Großdenkergesellschaft ist da. Wie schon einmal das Ende der Geschichte gekommen war und das Ende der Linken, denen ich leider früher auch angehörte. Als Reflex auf das grauenhafte Geschehen wird eine neue Zeit der Leichtigkeit und Wertfreiheit aufziehen, die Menschen wollen vergessen, die Gesellschaft will die Untiefen ausloten. Meine Welt wird dies nicht sein. Ich gehe da d’accord mit dem großen Analytiker Peter Scholl-Latour, der das Ende der Denkgesellschaft laut einläutete. Ich verabschiede mich deshalb heute, an diesem Montag, Monday und Lundi, für immer von meinen treuen Lesern. Gott bless you.

Diese Kolumne erschien in loser, aber leider häufiger Folge.

(17.9.2001)

Gurke des Tages

Seit Jahren wettern wir gegen das von vielen Journalisten verwendete, dummdeutsche Wörtchen »zunehmend«. Genützt hat es nichts. Was auch wieder sein Gutes hat. Können wir uns doch stets aufs Neue an meisterlich geklöppelten Widersprüchen erfreuen. Wie gestern bei einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP: »Deutsche verzichten zunehmend auf Abführmittel«, heißt es in einer Nachricht. Besser als die Franzmann-Agentur kann man ein Oxymoron nicht mehr ausdrücken.

(2.10.2001)

Schon jetzt gewählt: Das dümmste Wort des Jahres

Beim soeben ins Leben gerufenen Wahrheit-Wettbewerb »Das dümmste Wort des Jahres« steht der Sieger seit gestern fest. Geschaffen wurde das Spitzensprachgebilde von der im Neologismus-Sport erfahrenen Nachrichtenagentur dpa, die mit ihren Wortneuschöpfungen schon viele Auszeichnungen (»Gurke des Tages«) von der Wahrheit erhalten hat. Doch am Donnerstag gelang der Deutschen Presse Agentur ein Coup, der den bisherigen Favoriten Agence France Press (AFP) frühzeitig im Jahr vom Siegerpodest stürzte. Denn dpa meldete gestern: In dem Ruhrstädtchen Wetter liege am Sonntag das »Mountainbike-Mekka«. Mountainbike-Mekka! Bitte jetzt das »Mountainbike-Mekka« mit den Sprechwerkzeugen herstellen. Aaaah, dieser Klang, diese Alliterationen, dieser vollkommene Dumpfsinn, der sofort schöne Bilder entstehen lässt: Mountainbiker in weißen Gewändern umrunden die nicht würfelförmige, sondern radrunde Kaaba in Wetter-Mekka. Da kann man nicht meckern und wird der dpa den wohl verdienten Preis gern zusprechen.

(9.8.2002)

Das Tabu ist zurück

Eine dringend notwendige Warnung vor einem drohenden Wort-Revival

Noch lässt sich nichts Definitives sagen, aber die Zeichen mehren sich in einem Maße, dass wohl von einem Menetekel gesprochen werden darf: Das Tabu ist wieder da!

In Deutschlands bedrückendsten Stunden, den momentan von windigen Geschäftemachern wieder als schwer en vogue angedienten Achtzigerjahren, hatte das Tabu Konjunktur. Nicht von ungefähr war es der Kommerzsender RTL, der jenes dunkle Jahrzehnt zur Show verniedlichte und hernach, mit Pressemitteilung vom 6. August 2002, auch das Tabu wieder ins Spiel brachte. Mit der Macht des Marktfürers nämlich wird RTL im Herbst den Versuch unternehmen, mit Hilfe und im Zuge des Fernsehfilms »Sektion – Die Sprache der Toten« »das Thema ›Sektion‹ (medizinischer Ausdruck für Leichenöffnung) zu enttabuisieren.« Enttabuisieren! Was, weil es sich um einen so genannten Hintertürpilotfilm handelt, der leider viel zu oft eine Serie nach sich zieht, über kurz oder lang noch üble Folgen haben wird.

Die erste ließ prompt nicht lange auf sich warten. Am 21. August 2002 nahm wiederum bei RTL der Parteienforscher Professor Peter Lösche das Unwort in den Mund, als er wissenschaftlich fundiert orakelnd unkte, dass jede kommende Regierung egal welcher Couleur dem Volke bittere Pillen verabreichen werde, auch wenn diese ungeschönte Wahrheit zu Wahlkampfzeiten einem, na?, genau: Tabu unterliege.

Der beinahe so beliebte wie beleibte Schwerdenkerdarsteller Dieter Pfaff hieb mit mächtiger Pranke in dieselbe Kerbe, wenn man der FAZ vom 23. August 2002 Glauben schenken darf. Was an dieser Stelle ausnahmsweise geschehen soll, auch wenn unsereins nichts zu verschenken hat. So aber schrieb die FAZ: »›Natürlich hat Fitz geholfen‹, sagt Dieter Pfaff an einem regnerischen Morgen in Baden-Baden, wo sich der Schauspieler gerade anschickt, mit seiner neuen Rolle ›das Tabu zu brechen‹.«

Diskret verschweigt die Autorin die näheren Umstände des waghalsigen Experiments. Nahm Pfaff tüchtig Anlauf, als er aufs Tabu losstürmte? Genügte ihm sein gewichtiges Auftreten? Langte er mit bloßen Händen zu? Wer’s weiß, gebe Bescheid.

Nachgeborene werden vielleicht fragen, was es überhaupt auf sich habe mit dem Tabu, und ihnen soll Antwort zuteil werden. Führende Figur der Anti-Tabu-Bewegung der Achtzigerjahre war einwandfrei Sina Aline Geissler, die Muse aller aktuellen Bekenntnis-Talkshows, die sich in Büchern wie »Immer, wenn ich mich verführe. Weibliche Selbstbefriedigung – ein Tabu wird gebrochen« ein Tabu nach dem anderen vornahm und es mitleidlos zwischen ihren masturbationsgestählten Fingern zerquetschte. Und Tabus lauerten überall. »Das Tabu des bestimmten Artikels« beispielsweise, beschrieben 1985 in System ubw – Zeitschrift für klassische Psychoanalyse. Auch »Der Tod in der Astrologie. Das Tabu-Thema astrologischer Todeskonstellationen in neuem Licht« wurde fachgerecht tranchiert. Vorwitzig registrierten Hans Filbinger und Konsorten 1986 via Buchtitel: »Die Medien – das letzte Tabu der offenen Gesellschaft«. Irrtum, meine Herren – zehn Jahre später erschien das »Handbuch Grundschule und Computer« mit der vielsagenden Unterzeile: »Vom Tabu zur Alltagspraxis«.

Ende der Neunzigerjahre dann schien das Tabu zeitweilig von der Ausrottung bedroht, doch haben sich die Bestände unterdessen nicht nur prächtig erholt, sie könnten gar im Begriff sein, sich erneut zur Plage auszuweiten. Sicherlich ist es verfrüht, Katastrophenalarm auszurufen, doch für eine vorsichtige Warnung ist hinlänglich Anlass gegeben. Sage hinterher bloß niemand, er habe es nicht gewusst.

Harald Keller (28.8.2002)

Rechschreibschwäche: Bedauerlicher Vorfall in der Warheit

Am frühhen Morgen passierte es. In der Warheit ereignete sich ein schwerer Anfall von Rechschreibschwäche. Verstöhrt berürte der betrofene Wahrheit-Redaktör die Tasten, aber der Text wolte und wollte nich die korekte Form annehmen. Besohrgte Kollegen eilten herbei, konnten aber auch nich helfen. Erste eilig eingeleitete Gegenmaßnamen zeigten keinerlei Wirkunk. Im Gägenteil: Die Feler lißen nicht nach, sondarn namen tsu. Auch ein Anruv bei der Düden-Redaktion ergahb nur kurzfristig eine Besserun. Bereits wenihge Minuten speter herrschte wieder der Felerteufel. »Wir müßßen die Uhrsache finden, den Auslöser für den Anvall«, schlusfolgerte eine chlaue Kolegin und sah sich die Tikkermeldungen an, die der Wahreit-Redaktör zuletztz geläsen hatte. »Da!«, rief die Kollegin und verwies auf eine Meldung der Nachichtenagentür AP:

»Lese-Rechschreib-Schwäche. Das ist kein lebenslanges Schicksal«. – »Das ist der Grund: Rechschreibschwäche!«, jubelte die clevere Kollegin, und sobald sie das Wort aussprach, war der Schwächeanfall sofort forbei.

(26.4.2003)

Das muss er sein: der Reinbringer

Normalerweise kann man die Bild-Zeitung nicht abonnieren. Doch die Wahrheit ist im Besitz eines der raren Bild-Abonnements und bekommt täglich das Blut-und-Sperma-Blatt von der anderen Seite der Berliner Kochstraße. Feindbeobachtung ist schließlich wichtig. Aus unerklärlichen postalischen Vertriebsgründen landet die Bild jedoch jeden Morgen im Nachbarbüro des taz-mag. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, und auch den Kollegen Reinhard Krause scheint es Tag für Tag mehr zu amüsieren, dass er uns das Fischeinwickelblatt hereinreicht. Wir allerdings denken stets an Robert Gernhardts Gedicht »Deutung eines allegorischen Gemäldes«. Gernhardt beschreibt fünf Personen auf einem Gemälde, die jeweils für etwas stehen: Tod, Pest, Leid, Hass. Und der fünfte? »Der fünfte bringt stumm Wein herein / das wird der Weinreinbringer sein«. Tod, Pest, Leid, Hass bringt die Bild, aber im Gegensatz zum Weinreinbringer ist der Bild-Reinbringer nicht stumm. Ja, mittlerweile sind wir jeden Morgen gespannt, wie er die heutige Schlagzeile kommentieren wird: »Sie ziehen Michelle Hunzikers ›Wunderhexe‹ schon den 15. Tag!« oder »Als Frau ist Bärbel Schäfer sehr verletzt – nur als Frau!« oder »Uschi Glas – muss die sich nackig machen mit 59?« Eigentlich brauchen wir die Bild überhaupt nicht mehr, allein der Kommentar des Reinbringers bringt’s.

(18.7.2003)

Elternbesuch

Hier war früher mal die Mauer,

Wo, das weiß ich nicht genauer.

Links die Römer, rechts die Goten,

Drübersteigen war verboten.

Das ist die Weser, äh, die Spree,

Die fließt hier in den Bodensee.

Im Reichstag, da zur linken Hand,

Ist Rosa Luxemburg verbrannt.

Und das dahinter, nein, davor,

das ist das Brandenburger Tor.

Das steht hier schon seit letztem Jahr,

Weiß auch nicht, was da vorher war.

Die goldne Kuppel hinten links

Gehört zum Dom, ach nein, zum Dings,

Ich glaub, es heißt Schloss Sanssouci,

So weit im Osten war ich nie.

Das oben auf dem Kreuzberg? Klar:

Das ist der Pergamonaltar.

Die halbe Kirche? Keine Ahnung,

Vielleicht für irgendwas als Mahnung.

Jetzt habt ihr einen Überblick.

Da geht der Zug! Kommt gut zurück!

Kathrin Passig (19.5.2004)

Das Streiflicht: Heute ausnahmsweise auf der Wahrheit-Seite

Eigentlich ist es ein Fall für das »Streiflicht« in der Süddeutschen Zeitung, jene immer leicht verschnarcht daherkommende Glosse auf Seite eins, die gern ein zeitloses Thema auf die aktuelle Lage herunterbricht und in gebildeter Form Adam und Eva, Athen und Rom, Stock und Stein herbeizitiert. Oft werden die Sprache und ihre Blüten in gelehrtem Tonfalle behandelt. Und deshalb ist es fast sicher, dass einer der Schreiber des »Streiflichts« die gestrige Meldung der Nachrichtenagentur dpa aus Rom gelesen hat. Spätestens in drei Tagen werden wir also etwas über das rhetorische Stilmittel der »Metonymie« erfahren, ist doch das folgende dpa-Zitat wie geschaffen für einen abschweifenden Exkurs über die ars rhetorica: »Historische Statuen in Rom durch Vandalen schwer beschädigt«. Wie bitte?, wird sich das »Streiflicht« fragen, die Vandalen sind wieder in Rom? In der Ewigen Stadt, die sie im Jahr 455 n. Chr. unter Führung ihres Königs Geiserich in Schutt und Asche legten? Nein, es handelt sich lediglich um eine Metonymie, wenn nicht um ein Appellativum, bei dem ein Gattungsbegriff durch einen Eigennamen umschrieben wird wie »Casanova« für »großer Liebhaber«. Hier ist es das Volk der Vandalen, die seit dem späten Mittelalter als Inbegriff für Zerstörer und Plünderer gelten und sich in der dpa-Meldung sozusagen selbst eingeholt haben. Aber, liebes »Streiflicht«, das kannst du doch viel schöner und vor allem viel länger erklären. Wir warten …

(16.7.2004)

Das Wetter: Aus dem Nähkästchen

Schlechtes Essen ist gut, man isst dann nicht so viel. / Das kleine r ist der Wasserhahn des Alphabets. / Schnokelig abgolzen ist leicht, aber golzig abschnokeln ist schwer. / Eigene Gedanken kann man nicht kaufen, das ist meine Meinung! / Auf einem anderen Stern sieht das Blau fast ein wenig rot aus. / Eine Pampfel, die nicht pampfelt, ist nicht mehr als eine Pumpfel. / Die Zeit immer schön flach halten! / In einer fremden Wohnung wundert man sich jedes Mal, dass jemand darin leben kann. / Dass der Wille frei ist, kann man sich an manchen Tagen hundertmal sagen. / Das ganze Leben ist Grxmpfd. / Ich mag mich täuschen, aber die Löwen sehen nicht aus, als ob sie oft zum Frisör gingen. / Wirf nicht mit der Katze nach dem Hund!

Peter Köhler (27.7.2004)

Deutschland besackenhack!

Patriotismus wir brauchen für unser sehr schönes deutsches Vaterland

Dem Vaterland ist not. Der Heimat droht kaputt. Das Volk hat schlapp, den Staat ist schief, des Wirtschaft tut ab. Deutschland geht auf dem Rücken, meinen alle schwer. Die Auguren haben dunkel. Ist die Nation noch retten machen?, fragen Eierköpfe voll. Das muss anders!, ruft die Politik aus dem Mund fürwahr, wenn wir uns nur wollen! Mit wir geht es uns voran!, weist sie in die Zukunft vorn.

Doch wem oder was sind wir?, so macht wie seit tausend Äonen die deutsche Frage sich offen. Sind wir überhaupt wie uns? Wo sind wir wiehalb? Wen wollen wir wogegen wowauf? Welchem wessen wir uns wadumm? Indes: Dem allen ist letzthalb pinkelegal. Wenn wir uns nur wieder mögen möchten wollen, wie uns lieben zu können allen verheißen gemusst ist! Deutschenpflege, das ist der Gebot den Stunden. Dem Deutschen tut das Deutsche ob. Hoch das Heimatstolz empor! Des Vaterland hinauf!

Zwar mit schiefen Augen äugt die Welt auf Deutschland in Europi Mittelloch. Deutschland Sauertopf gepanzerstark, dass Hitlerbrand Teutonenstrull dem Nachbarfell verohrenzieht, des dünkt das Ausland allenthalbs. Doch dem ist jetzt der Buckel da! Mit vollem Strotz steht Deutschlands Trutz auf gutem Recht im eignen Beritt, traun anfür und sapperlot: Mit Wanderklang im Dirndlsegen zur Schützenkrone voll Kindergnade, keine andere Zunge kann auf solche Gebarung gehörig sein. Das Waldesglück dem Alpengold im Hallighimmel, kein fremdes Ohr kann hochgejodel aufgewagnert besserwiss! Potztausend Weihnachtskeks und Nudelheit! Oh Kegelmacht Gemütsamkeit! Eiderdaus Regelgut und Sauberzack! Fürhold, dem deutschen Sprachen ist Wundersinn. Schöner den Lippen nie klingelt, was den Schmalzlappen niemals verzwickt: Wurstklammerhaus, Wiesenbuchlitze, Körperbrockenfass, Geburtsverbackensbilderbaum, Ofenrolle, Dackelhut, Gedankenbeutel – solcher Besitz mögte dem Vaterland behilflich sein wollen, um die Bewandtnis zu besitzen, dessen es in seiner Befugnis so bedarf.

Daran wachse das Vaterland strocks! Das Heimat ist die Krone des Lorbeer, den Palmen der Welt. Des hat das Auge warm! Und siehe, des Freuden Eimer macht Deutschland gnadenüber. Das Volk wird wieder ganz. Dem Land steht es heil. Das Macht ist der Einheit um den Freiheit willen übergut, dessen ist normal. Dem Miesegram hinweggefeg! So wird Deutschland hynkelbart bestechenschritt der Zukunft gegen.

Damit hat nun alles für und für: Dem Vaterland steht das Heimat gern, dessen ist jetzt futtenklar. Darum Deutschland lieb von allen schnoppelhoppel sackenhack! Dahalb hätschelweis vermögensbroll von allerseits. Sonst derverstalten mopfenblut, dass deutsch bestiefelgau gehodenfest! Verstrappen die Knursch, verstrappen die Mursch: o so verstrappen!! Wüllewoll bestraffenstucken strückenstocken heileweil zerweltenhock verknüppelsau: gewaffenwurz vererbenwack zerfrotzenpotsch! Jawulz!

Peter Köhler (13.1.2005)

Stirn ermüdet, Herz vergletschert

Die Wahrheit schreibt den offiziellen Rolf-Hochhuth-Preis für gequirlten Quark aus

»Greller Mittag, graues Zimmer / Stirn ermüdet, Herz vergletschert / eingestuft du, ›aus‹-gewertet / Sommer Phrasen Schlußverkauf.« So fängt ein Gedicht des Lyrikers Rolf Hochhuth an, und so geht es weiter: »Vor dem Fenster ›Wirklichkeiten‹ / die sich lärmend selbst erzeugen / Wegwerf-Ware wie wir selbst / Müllplatz der Big Dollar Words.« Und noch ‘ne Strophe: »Schnittpunkt Börse, Ämter-Kehricht / Mandarine der Konzerne / – du dazwischen ortlos zappelnd / Köder von ZK und Wallstreet.«

Rolf Hochhuth ist, wie soll man sagen, zwar weltberühmt, aber nicht eben einer der Hellsten, und im Sonnenschein seiner Berühmtheit dichtet er seit Jahrzehnten so vor sich hin: »Zu entnervt, um nur zu fragen / wer dich kreiselt und verschleißt / ferngelenkt nach einem Kursbuch / dessen Chiffren niemand kennt.« In einem hochnotpeinlichen, an den Spiegel gerichteten Leserbriefgedicht über den Holocaust hat Hochhuth sich kürzlich abermals als Lyriker in Erinnerung gebracht, und wenn nicht alles täuscht, ist es höchste Eisenbahn, den Rolf-Hochhuth-Preis für gequirlten Quark auszuschreiben, im Geiste des Meisters, der einst gedichtet hat: »Friede, Gesundheit sind Zonen / des Neides, der Rachsucht, der Gier. / Erfolge, Schönheit, Applaus / locken Unfälle, Krankheiten, Frauen / und Politik an wie ein Vampir, // Der, was Familien erbauen, / leersaugt oder wegschleppt als Beute. / Wer kann sich dem Schicksal entziehen? / Lebe! – doch wisse auch heute: / Bett und Tisch sind nur jedem geliehen.«

Irgendwie zum Ausdruck bringen wollen hatte Hochhuth in diesem Gedicht vermutlich, dass Bett und Tisch »jedem nur geliehen« seien, opferte diesen ohnehin kargen Gedanken jedoch dem selbst verordneten Rumpeldipumpel-Rhythmus, und so kam es zu dem sonderbaren Ratschlag, man solle sich merken, dass Bett und Tisch nicht etwa uns allen geliehen worden seien, sondern »nur jedem«, also eben doch uns allen.

Und auch der Rest ist Quark, der sich als Gesellschaftskritik spreizt: Denn wen möchte Hochhuth anklagen, wenn es nach seiner eigenen Aussage die Erfolge, die Schönheit und der Applaus sind, die in Vampirgestalt die Unfälle, die Krankheiten, die Frauen, die Politik und das von den Familien Erbaute anlocken, leersaugen oder wegschleppen? Die Erfolge, die Schönheit und den Applaus?

Höchste Zeit, den Rolf-Hochhuth-Preis für gequirlten Quark auszuschreiben. Darum bewerben kann sich jeder, der bis zum 1. September 2005 ein mehrstrophiges, möglichst schlecht gereimtes und möglichst holperiges Gedicht über irgendein zeitgeschichtliches oder sozialpolitisches Sujet an folgende Adresse einschickt: Die Wahrheit, taz – die tageszeitung, Kochstraße 18, 10969 Berlin, Stichwort: »Quark«.

Dotiert ist der Rolf-Hochhuth-Preis für gequirlten Quark mit neun Euro 99 und 250 Gramm Kräuterquark, und verliehen wird er der glücklichen Gewinnerin oder dem glücklichen Gewinner am Stand der taz auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Alleiniger Juror ist Gerhard Henschel. Der bekannte Lobredner Oliver Maria Schmitt wird die Laudatio halten.

Also dichten Sie bitte. So gequirlt wie der olle Hochhuth! Können Sie das?

Gerhard Henschel (19.5.2005)

Gurke des Tages

Bei Wirtschaftsjournalisten fragt man sich manchmal, was dröger ist: ihr Thema oder sie selbst. Dabei bemühen sich Wirtschaftsjournalisten immer um eine lebendige, farbige und metaphernreiche Sprache. Und schreiben über »Lufthansa-Aktien im Steigflug«. Oder melden wie gestern die Ticker-Sherpas der Nachrichtenagentur AP: »Deutscher Automarkt nimmt Fahrt auf.« Wie sieht das wohl aus, wenn ein ganzer Markt Fahrt aufnimmt? Und wo fährt der Markt dann bloß hin? Sicher dorthin, wo die wilden Metaphern wachsen.

(15.6.2005)

Sommer des Scheidewegs

Neues von der beliebtesten Weggabelung der Welt: Dichtes Gedränge im Juni

Alle paar Wochen schauen wir uns am Scheideweg um, was so los ist und wer neu eingetroffen ist an der beliebtesten Wegkreuzung der Welt. Und üblicherweise schreiben wir dann einen kleinen Monatsbericht, der oben auf der Wahrheit-Seite seinen Platz findet. Doch in diesem Sommer ist alles anders. Wahlen stehen an, eine Krise soll stattfinden – und als Resultat ist der gute alte Scheideweg so überfüllt wie lange nicht mehr.

Dabei beginnt es recht harmlos mit einem Kommentar des europapolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Peter Hintze, zur Ablehnung der EU-Verfassung in den Niederlanden: »Europa am Scheideweg«, meldet der in seiner Fraktion »Pfarrer Baldrian« genannte Hintze am 2. Juni den oft und gern am Scheideweg gesehenen Gast Europa, der von den übrigen Scheidewegelagerern mit lautem Hallo begrüßt wird. Zu denen beispielsweise der FC St. Pauli und der KFC Uerdingen zählen, wie dpa am 6. Juni entdeckt: »Auf Grund ihrer finanziellen Schieflage stehen der FC St. Pauli und der KFC Uerdingen nach dieser Saison am Scheideweg.« Schieflagen haben schon öfter an den Scheideweg geführt. Es verwundert daher nur wenig, dass wieder einmal der Dauergast Irak am Scheideweg eintrifft, wie der designierte US-Botschafter in Bagdad, Zalmay Khalilzad, am 7. Juni bemerkt: »Der Irak steht am Scheideweg.«

Doch jetzt kommt es ganz schlagzeilendick: »System am Scheideweg«, betitelt Die Welt am 11. Juni eine Beilage. Steht tatsächlich das ganze Schweinesystem am Scheideweg? Nein, zum Glück handelt es sich nur um das Gesundheitssystem, das zwar enorm viel Platz beansprucht, aber zumindest etwas Raum für andere Bewohner lässt.

Der auch dringend notwendig ist. Denn am 14. Juni treffen die ganz dicken Brieftaschen ein: »Deutsche Banken am Scheideweg«, titelt die Süddeutsche Zeitung. Inzwischen gibt es ein heftiges Geschiebe um den verbliebenen Restplatz am Scheideweg, mit den Banken jedoch sind wenigstens alle Sorgen ums Geld am Scheideweg verflogen.

Dass dann mit Beginn des Confed-Cups »Rehhagels EM-Helden am Scheideweg« auftauchen, wie dpa am 17. Juni berichtet, irritiert längst niemanden mehr. Die griechischen Defensivfußballer sind eine echte Bereicherung in der mittlerweile Schulter an Schulter an der Kreuzung ausharrenden Masse. Tore durch die Griechen fallen allerdings nur wenige.

Dann kommt Deutschland! Wie immer mit aller Wucht und mit der designierten Kanzlerin Angela Merkel, die der FAZ am 24. Juni ein Interview gibt, das die alten Frankfurter Zeitungshasen munter auf die Seite eins nageln: »Deutschland steht am Scheideweg«, brüllt die Schlagzeile hinaus, und allen bereits am Scheideweg Eingetroffenen bleibt nun doch die Luft weg. Das dicke Deutschland auch noch, geht ein Stöhnen durch die Reihen, und erstmals ist ein leichter Widerwille zu spüren: Man könne doch nicht jeden an den Scheideweg lassen, und wenn schon, dann lieber die CDU-Kandidatin allein. Grimmig skandieren die Scheideweg-Bewohner: »Merkel an den Scheideweg!«

Genützt hat es nichts. Aber wir beobachten die beliebte Weggablung weiter, und demnächst werden wir dann auf eine ganz besondere rhetorische Leistung eingehen: »Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.« Gibt es auch erste Schritte in die falsche Richtung? Wahrscheinlich nur am Scheideweg.

Michael Ringel (6.7.2005)

Wenn alle Stricke reißen …

Die Literatur des Landes Gordien ist reich an überaus verwickelten Problemen

»Tertium non datur«, heißt es am Schluss von »Tao«, dem neuesten Roman von Literaturnobelpreisträger Ronato Kentzo, der damit seine unstillbare Hassliebe zum eigenen Land zur Sprache bringt: Man kann Gordien abgöttisch lieben oder es in die Hölle wünschen – eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Zum ersten Mal wird in diesem Jahr Gordien und seine Literatur auf der Frankfurter Buchmesse vertreten sein. Das gab am vergangenen Dienstag der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bekannt und begrüßte zugleich den »starken Geschäftsstrang, der zwischen Frankfurt und Gordo geknüpft worden ist«. Und niemand repräsentiert den typisch gordischen Geschäftssinn so wie Ronato Kentzo.

Kentzos Beziehung zu Gordien gleicht der seiner ewigen Hauptfigur Ombert Ecu. Ecu, Olympiaberichterstatter und glückloser Verfasser historischer Sportromane, der seit »Gjorcje è Tisku« (dt. »Der Knoten im Taschentuch«, Ullstein, 1997) Leser auf der ganzen Welt bezaubert, liebt die Schönheiten des Landes: die kühlen Sundischen Wälder, die heißblütigen Gordierinnen, die Strecke der Transgordischen Eisenbahn und die glorreiche olympische Vergangenheit der »Kordeln« – wie die Gordier sich selbst nennen.

Im Telefongespräch mit dem Autor dieses Textes sagte Kentzo, der wegen eines endlos-verworrenen Strafprozesses um seine angebliche Verstrickung in eine Seilschaft zur Geldwäsche derzeit das Land nicht verlassen darf: »Nie werde ich Gordien, diesem innigst geliebten Land mit dem Knoten in der Flagge, wohl lebend mehr den Rücken kehren, und ich fürchte, der Grund für meinen frühen Tod werden ebendieses so traumhafte wie traumatisch an sich selbst leidende Land und seine engstirnigen, wenngleich liebenswerten Bewohner sein.«

Das hinter Tetschikistan gelegene, in seinem innersten Wesen bereits asiatische Gordien, von einer einzigen, oft durch riesige Mufflonherden blockierten Bahnstrecke durchzogen, hat sich seit dem Zerfall des Sowjetimperiums nur unwesentlich entwickelt. Ein wiedererstarkter orthodoxer Klerus und eine korrupte Clique um den demokratisch gewählten Staatspräsidenten Raoul Klitschnienko hintertreiben erfolgreich jede Modernisierung. Gordien trägt in Kentzos Romanen den sprechenden Namen »Knotjestan«: Es ist ein notorisch verknotetes Land.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Sternstunden der Wahrheit" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen