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Sterne über Manhattan

1. KAPITEL

„Kommen Sie besser hierher, Nathan. Da will eine Frau von Ihrem Haus runterspringen.“

Eine aufgeregte Telefonstimme. Zwei Sätze.

Und die genügten, um Nathan Archer sofort aus seinem Büro am Columbus Circle zu holen und nordwärts zu fahren. Ironischerweise transportierte ihn die A-Line schneller Richtung Morningside, als es ein Taxi vermocht hätte. Nicht einmal sein Chauffeur hätte es geschafft. Nur einen Häuserblock von dem Gebäude in der West Street 126th entfernt stieg er aus der U-Bahn.

In diesem Haus war er aufgewachsen. Und alt geworden. Lange vor seiner Zeit.

Ärgerlich bahnte er sich einen Weg durch die Menschenmenge. Gab es einen bestimmten Menschenschlag, der in Hintergassen und Bars lauerte und auf lebensmüde Pechvögel wartete? Bis sie auf eine Brücke oder ein Dach kletterten?

Oder auf ein Sims.

Nathan folgte dem Blick aller Schaulustigen nach oben. Klar, da war sie. Nicht gerade in der Pose eines geplanten Absprungs; eher geduckt als aufrecht. Und anscheinend jung. Doch das ließ sich aus der Distanz schwer feststellen.

Sichtlich angespannt, starrte sie zum Himmel hinauf, so aufmerksam, dass ihr das Gedränge vor dem Haus anscheinend entging. Betete sie? Oder versank sie einfach nur in ihrer eigenen qualvollen Welt?

„Das Krisenteam ist schon alarmiert“, verkündete ein Polizist, bevor er seinen Blick wieder auf das neunte Stockwerk lenkte. „Voraussichtliche Ankunft in zwanzig Minuten.“

In zwanzig Minuten? Seit mindestens einer Viertelstunde war sie schon da oben. So lange hatte Nathan gebraucht, um hierherzugelangen. Würde die Frau noch zwanzig Minuten durchhalten? Wie standen die Chancen?

Sehr schlecht.

Nathan taxierte die zahlreichen Zuschauer. Natürlich hielten sie nur Maulaffen feil, statt irgendwas Hilfreiches zu unternehmen, und er unterdrückte ein Stöhnen. Es gab einen vernünftigen Grund, warum er sich lieber hinter den Kulissen betätigte. Mit diesem Prinzip war er in seinem bisherigen Leben ganz gut über die Runden gekommen. Man brachte einiges zustande, wenn man seine Zeit nicht im Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit verschwendete. Für die Aktivitäten im Rampenlicht bezahlte er seine Leute.

Unglücklicherweise war keiner seiner Mitarbeiter hier.

Nur er selber. Er spähte wieder zu der Frau hinauf, die da oben kauerte. Hatten diese alten Mauern noch nicht genug Elend gesehen?

Er murmelte einen Fluch und setzte sich in Bewegung. Hatte denn niemand etwas früher an diese Möglichkeit gedacht? Er schob ein paar Gaffer beiseite und ging zu dem Gebäude. Unterwegs zählte er die Fenster. Es dauerte drei Minuten, bis er in sein eigenes Haus und mit dem Lift in den siebten Stock gelangte. Auf den Stufen zum neunten begegneten ihm drei Bewohner, die nichts von dem Drama weiter oben ahnten. Wenn sie es an diesem Abend in den TV-Nachrichten sahen, würden sie sich vermutlich in den Hintern beißen, weil sie es versäumt hatten.

Seine Dotcom-Firma konnte die miese PR nicht gebrauchen. Natürlich hatte er sich nicht jahrelang abgerackert, damit ihm eine durchgeknallte Frau alles vermasselte.

Nathan stürmte durch die Etagentür, wandte sich nach links und zählte die Fenster. Neun – zehn – elf – zwölf … Schließlich trat er gegen die Tür des Apartments 9B. So morsch wie die restlichen Türen des hundert Jahre alten Gebäudes, zerbarst das Holz in einem Splitterregen. Die ordentlich aufgeräumte, dekorativ eingerichtete Wohnung war ziemlich klein. In dreißig Sekunden hatte er die fünf Zimmer inspiziert. In drei Räumen gingen die Fenster nach draußen, alle versiegelt – eine Sicherheitsmaßnahme. Aber offenbar hatte ein Architekt um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert überlegt, nur erwachsene Menschen müssten vor sich selbst geschützt werden. Denn in jedem Apartment gab es ein zusätzliches Fenster – klein und schwer zugänglich, über dem Spülkasten der Toilette, aber groß genug, dass eine schlanke Frau hindurchschlüpfen konnte. Oder ein kleiner Junge.

Das wusste Nathan aus eigener Erfahrung.

Dieses Fenster stand weit offen. In der leichten Brise flatterten geschmackvolle zitronengelbe Vorhänge. Zweifellos konnte man von hier aus das Sims außerhalb der Nummer 9B erreichen.

Nach einem tiefen Atemzug stieg Nathan auf den geschlossenen Toilettendeckel. Angstvoll spähte er durch das Fenster und erwartete nichts weiter vorzufinden als Taubenmist und leere Luft, wo er vorhin eine Frau gesehen hatte.

Aber da war sie immer noch. Den Rücken zu ihm gewandt, auf allen vieren, streckte sie sich aus und bot ihm den Anblick eines wohlgerundeten Pos in Jeans …

… und eines Gewirrs aus Stricken, das sie am Sims festhielt.

Frustriert und wütend rang er nach Atem. Von allen idiotischen Eskapaden, die ihn jemals wertvolle Zeit gekostet hatten … Er richtete sich auf, steckte den Kopf durch das Fenster und schrie den Hintern der Frau an. „Schätzchen, Sie sollten lieber springen, sonst werfe ich Sie eigenhändig runter!“

Viktoria Morfitt fuhr so schnell herum, dass sie beinahe ihr mühsam gewahrtes Gleichgewicht auf dem Sims verlor. Etwas aus der Übung, waren ihre Reflexe beeinträchtigt, aber ihre Muskeln funktionierten immer noch und verhinderten einen Sturz von dem schmalen steinernen Vorsprung. Fluchend entdeckte sie das Gesicht eines Mannes in ihrem geöffneten Badezimmerfenster. Wie ein Wahnsinniger starrte er sie an. Nur seine Stimme hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, seine Worte waren vom gnadenlosen New Yorker Lärm verschluckt worden.

Was zum Teufel … Sie rutschte auf dem Sims zurück und stieß gegen den Falkennistkasten, den sie soeben festgemacht hatte.

Nun beugte sich der Fremde noch weiter aus dem Fenster, streckte ihr beide Hände entgegen und sprach etwas deutlicher. „Vorsicht, Schätzchen. War nur ein Scherz. Würden Sie reinkommen?“

Von diesen milden Tönen ließ sie sich keine Sekunde lang täuschen – von diesen durchdringenden Augen auch nicht. Böse Jungs tauchten niemals total vernarbt, mit Geigenkästen vor der Wohnungstür auf … Nein, die präsentierten sich wie dieser da – schickes Hemd mit offenem Kragen, leger zerzauste Designerfrisur, starke, tadellos manikürte Hände. Attraktiv. Genau der Typ, den man bedenkenlos in sein Apartment ließ.

Aber er hatte sich schon selber hereingelassen.

Für einen Moment überlegte Tori, ob sie einfach springen und in ihren Seilen zu Barneys Sims hinabfallen sollte. Sein Badezimmerfenster stand immer offen, damit er seinen Zigarettenqualm hinausblasen konnte. Sollte der Einbrecher doch stehlen, was er wollte … Unwillkürlich tastete sie nach den Titanschrauben an ihrem Becken. Das Sicherheitsnetz würde halten, so wie immer.

Ein stechender Schmerz in der Brust. Fast immer.

Besser kein Sprung. Stattdessen hoffte sie, einen Nachbarn zu alarmieren, und schrie: „Verschwinden Sie aus meinem Apartment!“

Da streckte er wieder eine Hand aus. „Hören Sie …“

Tori rückte zur Ecke des Gebäudes und versuchte sich an dem Nistkasten vorbeizuschieben. Verdammt, wenn sie ihn hinabwarf, musste sie noch einmal von vorn anfangen. Und womöglich würde sie jemanden da unten umbringen …

Erst jetzt schaute sie in die Tiefe. Etwa dreißig Leute und einige Polizisten starrten sie an. „He!“, rief sie den Cops zu. „Kommen Sie rauf! In meinem Apartment ist ein Einbrecher! 9B!“

Der Fremde beugte sich noch weiter aus dem Fenster und packte ihren Fuß. Mit einem kräftigen Tritt befreite sie sich und sah zwei Polizisten zum Haus laufen.

„Wissen Sie was?“, knurrte der Kerl und warf ihr einen verächtlichen Blick zu. „Ich werde bei einem Meeting erwartet. Also springen Sie endlich, oder kommen Sie verdammt noch mal rein!“ Dann verschwand er im Badezimmer.

Springen? Tori spähte wieder hinab, in sensationslüstern emporgewandte Gesichter. O nein! Jemand musste sie für eine Selbstmörderin gehalten und irgendwo angerufen haben. Das glaubte auch er. Und während die anderen da unten mit einem Spektakel rechneten, war nur einer heraufgelaufen, um ihr zu helfen.

Dafür verdiente er Pluspunkte.

„Warten Sie!“, bat sie, kroch zum Fenster und schaute hindurch. Groß und breitschultrig füllte der Mann die Badezimmertür aus. Ihr Selbsterhaltungstrieb zwang sie zu zögern. Mochte er auch gut aussehen – er war ein Fremder. Und von Fremden hielt sie nicht viel. „Wenn Sie rausgehen, komme ich rein.“

Er verdrehte die Augen. „Okay, Sie finden mich draußen im Flur.“

Dann verschwand er. Tori schob ihre Beine ins Fenster, streckte sie nach unten, bis ihre Füße den Toilettendeckel erreichten, und befreite sich von den Seilen. Mit geübten Windungen, die im Cirque du Soleil zweifellos für Furore sorgen würden, zwängte sie sich durch die kleine Öffnung.

Tatsächlich, der Mann hatte sich in den Flur im Treppenhaus zurückgezogen. Ein beträchtlicher Holzsplitterhaufen bedeckte ihren Fußboden.

„Haben Sie meine Tür eingetreten?“ Ihre Stimme nahm einen schrillen Klang an. So etwa wie der der Falkenweibchen, wenn sie über dem Gebäude kreisten und einen Platz für die Aufzucht ihrer Brut suchten.

Er seufzte frustriert. „Verzeihen Sie meine Vermutung, Sie hätten sterben wollen.“

Zerknirscht wirkte er nicht, aber sehr attraktiv, trotz der arrogant erhobenen Brauen.

In diesem Moment stürmten zwei Polizisten aus der Tür, die zur Feuertreppe führte.

„Er hat meine Tür eingetreten“, verkündete Tori.

Viel größer als die beiden, begann der Mann: „Officers …“

Mit vereinten Kräften pressten sie ihn an die Mauer. Sein vorwurfsvoller Blick, der Tori galt, weckte ihre Schuldgefühle. Genau genommen hatte er ihr nicht wehgetan, ja es nicht einmal versucht.

Erbost ließ er sich von oben bis unten – ziemlich unsanft – abtasten, das Handy und die Brieftasche abnehmen, und beides fiel zu Boden. Tori hob die Sachen auf und wischte sorgfältig den Staub weg, während das Gesicht des Mannes an die Wand gedrückt wurde.

„Was machen Sie hier?“, fragte einer der Cops.

„Das Gleiche wie Sie, ich wollte mich um eine Selbstmörderin kümmern.“

„Eigentlich ist das unser Job, Sir“, betonte der andere.

„Es sah aber nicht so aus, als würden Sie vor heute Abend was unternehmen.“

„Hängt mit dem Protokoll zusammen“, murmelte der erste. An seinem dicken Hals kroch dunkle Röte empor.

Dann ließen sie den Eindringling endlich los, und der größere Polizist inspizierte die Holzsplitter. „Haben Sie das gemacht, Sir? Beschädigung privaten Eigentums.“

„Wie Sie sicher bald feststellen werden, gehört dieses Haus mir“, stieß der Mann zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Alle drei Köpfe fuhren zu ihm herum.

„Was?“, fragte der größere Bulle.

Langsam drehte der Mann sich um, seine Hände im Blickfeld. „Ich bin Nathan Archer, der Besitzer dieses Gebäudes.“ Dann deutete er mit dem Kinn auf die Brieftasche in Toris Hand. „Meinen Ausweis finden Sie da drin.“

Sofort verflog das Mitleid, das Tori eben noch empfunden hatte. „Ach – Sie sind unser Vermieter?“, fauchte sie und hielt den Polizisten die Brieftasche hin.

Einer der beiden zog den Führerschein hervor und vergewisserte sich, was Mr Archers Identität betraf. „Damit ist nicht erwiesen, dass Sie der Hausbesitzer sind. Wem bezahlen Sie die Miete, Miss?“

Einem geldgierigen Kapitalistenhai. „An die Sanmore Holdings.“

„Im hinteren Brieftaschenfach“, erklärte Mr Archer.

Der Polizist fand eine Visitenkarte. „Nathan Archer, Präsident der Sanmore Holdings.“

Sofort standen beide Cops stramm.

Nathan Archer, für den Zustand des Gebäudes verantwortlich, dachte Tori wütend. Wahrscheinlich bewohnte er ein exklusives Penthouse und war viel zu beschäftigt, um sich wegen des schlecht funktionierenden Lifts oder abgewetzter Teppichböden zu sorgen. Trotzdem spielte sie ihre letzte Trumpfkarte aus und wandte sich flehend zu den Polizisten, die allmählich ihr Interesse verloren. „Das ist immer noch meine Tür. Also muss ich gewisse Rechte haben.“

„Vielleicht kriegen Sie ihn wegen unbefugten Eindringens dran“, schlug der kleinere vor.

„Genau! Ich habe ihn nicht eingeladen!“

„Aber ich habe Ihr Leben gerettet!“, protestierte Nathan entrüstet.

Die Hände in die Hüften gestemmt, entgegnete sie: „Besten Dank, mein Leben war nicht gefährdet, weil ich von mehreren Stricken gesichert wurde.“

„Von der Straße aus konnte man das nicht sehen. Durch die versperrte Tür auch nicht.“ Seine unglaublich blauen Augen funkelten – plötzlich nicht mehr vor Zorn. Stattdessen musterten sie Tori von oben bis unten und bekundeten ein eindeutiges Interesse – erotisches Interesse. Ihr blieb der Atem in der Kehle stecken.

In diesem Moment hörten die zwei Cops zu existieren auf. Besonders hilfreich war die innere Stimme nicht, die Tori zwischen den Duftwellen eines teuren Aftershaves zuflüsterte, der Mann habe ihr wirklich nur helfen wollen.

Nein, sie wollte nicht verführt werden. Und so richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. „Sie haben meine Tür zerstört, Mr Archer.“

„Okay, ich kaufe Ihnen eine neue“, versprach er seelenruhig und entnervend.

Offenbar unschlüssig, wechselten die Cops einen kurzen Blick.

„Wenn Sie schon was kaufen wollen …“, fuhr Tori entschlossen fort. „Wie wär’s mit neuen Waschmaschinen? Oder mit einem funktionsfähigen Türsummer, damit wir nicht mehr durchs ganze Treppenhaus brüllen müssen?“

„In diesem Haus entspricht alles den Vorschriften“, konterte Nathan.

„Klar, wir haben Wasser und Strom. Aber der Lift fährt nicht bis zum elften Stockwerk.“

„Dort war er noch nie.“

„Und das ist ein ausreichender Grund, um nichts dran zu ändern. In 11C wohnt eine achtzigjährige Frau, die sich nicht auf vier Treppenfluchten abrackern dürfte. Und der Feuerschutz …“

„Nach den Bestimmungen“, unterbrach er sie, „benutzt man diese Stufen in einem Notfall. Vorhin bin ich hinaufgelaufen, um Ihr Leben zu retten.“

Tori trat einen Schritt näher zu ihm und riss ihren Blick von seinen Lippen los. Beinahe spürte sie die Hitze seiner Wut. „Und wenn man über achtzig Jahre alt ist?“

„Dann soll die Frau eben ein Apartment in einer der unteren Etagen mieten.“

Wegen seiner Größe musste er sich etwas herabneigen, um ihr ins Gesicht zu schauen. Dadurch entfachte er einen Aufruhr in ihren Pulsschlägen. Sie reckte ihr Kinn hoch. „Da wohnen andere alte Leute …“

Hinter ihnen murrte der kleinere Polizist: „Möchten Sie das Gespräch nicht in einer privateren Umgebung fortsetzen? Eventuell in einem Zimmer?“

Tori schaute ihn nur sekundenlang an, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Mr Archer richtete. Gewiss, sie standen gefährlich dicht beisammen, und die Luft im Flur schien zu knistern. „Ich habe ein Zimmer“, zischte sie. „Aber keine Tür.“

„Das lasse ich noch vor dem Dinner in Ordnung bringen“, versicherte Nathan.

Zu schade, wenn sie sich vorher ein Schläfchen gönnen – oder etwas anderes tun wollte … „Also steht Ihnen ein Wartungsteam zur Verfügung. Kaum zu glauben, wenn man den Zustand des Gebäudes beurteilt …“

„Alles klar“, mischte sich einer der Cops ein. „Rundumerneuerung. Ich nehme an, wir sind hier fertig.“

„Keineswegs!“, rief Tori und drehte sich zu ihm um. „Der Einbruch …“

„Weil ich Ihr Leben retten wollte!“, betonte Nathan nicht zum ersten Mal.

„Erzählen Sie das dem Richter.“

Resignierend gab er sich geschlagen. „Das muss ich wohl. Offenbar beharren Sie auf einer Anzeige.“

Einer der Polizisten forderte Tori widerstrebend auf, die Einzelheiten zu schildern, und machte sich Notizen, während der andere leise mit Archer sprach, ein paar Meter entfernt.

Schließlich grinsten beide, und Tori stemmte wieder ihre Hände in die Hüften. „Wenn Sie Ihre Testosteron-Verbrüderung beendet haben …“

Nach einem tiefen Seufzer wandte sich der Officer an ihrer Seite an Nathan Archer. „Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie jetzt sagen, kann gegen Sie …“

Tori senkte den Blick. Jedes Mal, wenn sie Nathan Archer in die Augen schaute, gerieten ihre Gedanken durcheinander.

„Wenn Sie sich keinen Anwalt leisten können …“

Quatsch, dachte sie, wahrscheinlich umgibt er sich mit einer riesigen Juristenschar … So, wie dieses weiße Hemd aussah, musste der Preis seine Jahreskosten für die Instandhaltung des Miethauses übertroffen haben.

Die Bullen steuerten mit Archer die Tür an, die ins Treppenhaus führte. Bedauernd stellte Tori fest, dass sie auf Handschellen verzichteten. Immerhin flankierten sie ihn.

Leise sprach er in sein Handy und hörte der Aufzählung seiner restlichen Rechte nur mit halbem Ohr zu. Ehe die Cops ihn durch die Tür komplimentierten, drehte er sich lächelnd um. Der drohende Gerichtsprozess schien ihn nicht im Mindesten zu stören. Aus irgendwelchen Gründen schürte das ihren Zorn.

Wie oft wurde dieser Typ eigentlich verhaftet?

„Heben Sie sich das eine Telefonat, das Ihnen zusteht, für die Reparatur meiner Tür auf!“, schrie sie ihm nach.

2. KAPITEL

„Euer Ehren …“

„Ersparen Sie sich das, Mr Archer“, unterbrach die Richterin den Angeklagten. „Meine Entscheidung steht fest. Offensichtlich haben Sie es gut gemeint und wollten der Klägerin helfen. Trotzdem bleiben die Tatsachen des Einbruchs und der beschädigten Tür bestehen …“

„… die ich instand setzen ließ …“

Die Richterin hob eine Hand und brachte Nathan zum Schweigen. „Obwohl es im Grunde um Ihr Eigentum ging, kann Miss Morfitt die Regeln des New Yorker Mieterschutzgesetzes nutzen. Also ist ihre Klage wegen unbefugten Eindringens berechtigt.“

„Und kleinkariert“, murmelte Nathan.

Hastig bedeutete ihm Dean, sein Anwalt, Geschäftspartner und bester Freund, den Mund zu halten. Ein vernünftiger Rat, denn eine weitere Klage wegen Missachtung des Gerichts wäre verdammt ärgerlich. Reine Zeitverschwendung, dieser idiotische Prozess, dachte Nathan. Wenn alle Mieter des Gebäudes vom selben Planeten wie Viktoria Morfitt stammten, würde er sie vor dem geplanten Abriss liebend gern zum Teufel schicken.

„Ich wollte ihr nur helfen“, erklärte er zum hundertsten Mal, was niemanden außer ihm selber zu interessieren schien.

„Wie ich Ihrer Akte entnehme, sind Sie auf Informationstechnologie spezialisiert – stimmt das?“, fragte die Richterin in einem Ton, als würde er Computer reparieren, statt eine der erfolgreichsten IT-Firmen an der Ostküste zu leiten.

Ehe er die Frau darauf hinweisen konnte, bestätigte Dean: „Ja, das stimmt, Euer Ehren.“

„Damit Sie nicht als vorbestraft gelten, werde ich das Strafmaß herabsetzen, Mr Archer“, verkündete sie. „Hundert Stunden gemeinnützige Arbeit innerhalb von dreißig Tagen.“

„Gemeinnützige Arbeit?“, wiederholte Nathan entsetzt. „Wissen Sie, wie viel hundert Stunden von meiner Zeit kosten?“

Blitzschnell hinderte Dean ihn daran, noch mehr zu sagen. „Mein Mandant wäre zu einer Geldstrafe bereit, Euer Ehren.“

„Zweifellos“, erwiderte die Richterin, „aber das steht nicht zur Debatte. Der Angeklagte soll Zeit finden, über sein Verhalten nachzudenken, und lernen, dass man nicht alles von Assistenten erledigen lassen kann.“ Nachdem sie sich einige Notizen gemacht hatte, verengte sie ihre Augen. „Mr Archer, ich empfehle Ihnen eine gemeinnützige Arbeit zum Vorteil der Klägerin.“

Nathan drehte sich der Magen um. „Meinen Sie das ernst?“

„Nate …“, würgte Dean warnend hervor, ehe er sich an die Richterin wandte, die ihre Stirn bedrohlich runzelte. „Danke, Euer Ehren, das wird geschehen.“

Aber Nathan breitete die Arme aus und versuchte es ein letztes Mal. „Ich wollte ihr nur helfen.“

Dean packte seinen Unterarm, und die Lippen der Richterin verkniffen sich. „Deshalb habe ich Sie nicht zu hundert Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt.“

„Und was soll ich für Miss Morfitt tun?“, seufzte Nate.

„Helfen Sie ihr bei der Wäsche. Was auch immer – das ist mir egal. Der nächste Fall!“

Das Hämmerchen landete auf dem Richtertisch, und damit schwand Nates letzte Hoffnung, die irrwitzige Farce könnte doch noch zu einem akzeptablen Ende gelangen.

Zehn Minuten später war alles vorbei. Nate und Dean stiegen die Marmortreppe des Gerichtsgebäudes hinab und schüttelten sich die Hände.

Aus der Sicht des Anwalts war das Urteil günstig ausgefallen. Umso zorniger war Nate. Allein schon der Gedanke, so viele Stunden in diesem Haus zu verbringen – zusammen mit ihr

Viktoria Morfitts Klage wegen unbefugten Eindringens war lächerlich. Das wussten alle. Die Polizisten. Die Richterin. Sogar die Frau selber.

Bedauerlicherweise war ihm ein taktischer Fehler unterlaufen – er hatte sich als ihr Vermieter zu erkennen gegeben. Hätte er den Mund gehalten, wäre Miss Morfitt vermutlich mit seinem Versprechen, die Tür erneuern zu lassen, zufrieden gewesen. Aber nein, er musste die Trumpfkarte Wissen-Sie-wer-ich bin? ausspielen. Natürlich hatte sie die Gelegenheit genutzt und ihm klargemacht, was sie vom Stil seiner Hausverwaltung hielt.

Nicht sehr viel.

Und jetzt würde er in hundert Stunden gemeinnütziger Arbeit überlegen, wie er das ändern konnte.

„Keine Bange“, versuchte Dean ihn zu trösten. „Ich gehe in die Berufung. Aber vielleicht musst du ein paar Stunden schuften, bis diese Prozedur erledigt ist.“

„Wann soll ich mit der Posse anfangen?“

„Heute Nachmittag um halb drei wird der Richterspruch rechtskräftig. Aber morgen wär’s okay. Dann wird die Zeit reichen, damit deine vermeintliche Selbstmörderin von Amts wegen über das Urteil informiert werden kann.“

„Sicher wird sie hellauf begeistert sein.“

Dean schüttelte lachend den Kopf. „Wohl kaum. Andererseits – der Archer-Charme hat noch nie versagt.“

Dass das stimmte, verbesserte die Situation keineswegs.

Tori stand hinter der brandneuen Tür, atmete tief durch und rang nach Fassung.

Entweder hatte die Richterin einen Mann wie Nathan Archer unter dem Einfluss einer hormonellen Störung zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Oder seine Arroganz hatte Ihre Ehren genauso genervt wie sie selbst in der letzten Woche.

Jetzt oder nie … Sie öffnete die Tür und lehnte sich betont selbstbewusst gegen den Rahmen. „Ah, Mr Archer.“

Prompt stockte ihr bei seinem Anblick der Atem, was ihm zum Glück entging, weil er die neue Tür kritisch inspizierte. „Was Unpassenderes hat man offenbar nicht gefunden.“

Tori musterte die moderne, perfekte, schmucklose, in einem Gebäude aus dem Jahr 1901 völlig deplatzierte Tür. „Oh, ich dachte, Sie hätten sich dafür entschieden. Jedenfalls lässt sich das Schloss versperren, also bin ich glücklich.“ Sie hatte vergessen, wie es sich anfühlte, wenn er sie mit diesen blauen Augen ansah. Wie Flammen auf ihrer Haut …

„Wenigstens einer von uns“, murrte er, und sie seufzte irritiert.

„Um Ihre gemeinnützige Arbeit habe ich nicht gebeten, Mr Archer. Mir missfällt das Urteil genauso wie Ihnen.“ Die aufgezwungene Gesellschaft eines unleidlichen Fremden, dem sie lästige Pflichten aufbürden musste, war wirklich das Letzte, was sie sich gewünscht hatte.

Nun entstand drückende Stille, nur von der nachmittäglichen „Sesamstraße“ durchbrochen, die aus dem TV-Gerät in 9A plärrte.

Bis er das Schweigen brach, dauerte es eine Weile. „Darf ich reinkommen?“

Widerstrebend trat Tori beiseite. „Wie soll das funktionieren?“

„Fragen Sie mich nicht.“ Gleichmütig hob er die breiten Schultern. „Das war meine erste Straftat.“

Beinahe zuckte sie zusammen, denn im Grunde hatte er ihr nur zu helfen versucht. Aber hundert Stunden waren eine geringe Strafe für die Vernachlässigung seines Mietshauses. „He, gemeinnützige Arbeit ist der letzte Schrei in Promi-Kreisen.“

Nachdem er ihr einen düsteren Blick zugeworfen hatte, zog er sein Jackett aus, das sie ihm abnahm. Sie wollte es an die Tür hängen. Dann entsann sie sich, dass Haken an der neuen Tür fehlten, und legte es über die Lehne ihres Sofas. Krasser hätte der Kontrast zwischen dem teuren Wollstoff und der fadenscheinigen Polsterung gar nicht sein können.

„Da gibt es etwas, das ich nicht verstehe …“, begann Nathan Archer. „Was haben Sie letzte Woche da draußen gemacht?“

„Ich bin nicht runtergesprungen.“

„Was ich gemerkt habe.“

Tori nahm ein großes ...

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