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Stationär

Dienstag, 15.7.

Dass Rebecca den Zug verpasst hatte, wäre für Freud kein Zufall gewesen. Und wie sie vermutete, hätte er ihr auch keine Chance gelassen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Zum Glück war Freud tot und im Augenblick fragte auch sonst keiner nach den Umständen, die dazu führten, dass dieser Zug ohne sie den Bahnhof verließ.

So schüttelte sie den Gedanken aus ihrem Kopf, während sie dem Zug nachsah. Drei immer schemenhafter werdende Rücklichter verschwanden in der Ferne. Dann verschluckten die dunklen Gewitterwolken das schwache Leuchten zur Gänze. Nun würde sie erst zwei Stunden später ankommen. Es würde Ärger geben.

Weit entfernt hallte diese Erkenntnis in Rebeccas Kopf. Ihre schmale Gestalt sank auf dem Haufen aus Koffern und Taschen zusammen. Die Beine eng an den Körper gezogen, zu einem unbewegten Dunkel zusammengerollt, wirkte sie beinah wie ein Teil ihres eigenen Gepäcks.

Grell leuchtende Blitze zuckten über den Himmel. Im nächsten Moment zerriss der Knall eines Donners alle Entferntheit. Vor Rebeccas Augen ergoss sich der kälter werdende Juliregen in Sturzbächen über die Gleise. Böen schwülfeuchten Windes schlugen nach ihr aus, unentschiedene Fetzen aus Sommerhitze und Kühle. Eine alte Erkenntnis leckte mit kalten Zungen an ihr und Rebecca zog die dünne Jacke enger um sich. Dieser Zug war fort und sie saß fest.

'Eine Stunde nur', versuchte sie sich zu beruhigen, 'eine Stunde nur.'

'Und dann noch mal eine Stunde auf dem nächsten Bahnhof', wisperte eine Stimme in ihr.

Ausgeliefert. Panik wogte in ihr auf wie ein Sturm. Mit nervösen Fingern spielte sie an ihrem Lippenpiercing, den Blick hypnotisch ins Nichts gerichtet.

Sie musste sich festhalten gegen das Wegdriften der Zeit. Aber woran?

Der Regen stürzte wasserfallgleich die verrosteten Stützpfeiler hinab und schlug hart auf dem rissigen Beton auf. Rebecca sah die Tropfen auf dem Boden zerreißen. Auch sie brauchte dringend eine Begegnung mit dem Grund, auf dem sie stand.

Rebecca erhob sich unsicher und leicht wankend. Stumm schloss sich ihr Griff um eine der eisernen Säulen. Das Wasser rauschte über ihre Finger und ihr Handgelenk, durchweichte den Saum ihres Ärmels und Rebecca verstärkte den Griff. Regenverschwommene Gestalten standen auf anderen Bahnsteigen wie Ausblicke auf eine schwindende Wirklichkeit.

Rebecca trat auf den offenen Bahnsteig hinaus. Ströme kalten Nasses ergriffen ihren Körper, tränkten ihre schwarz umhüllte Gestalt und wirbelten als zerstörte Tropfen vom Beton auf. Es gab sie. Die Tropfen, die Gegenwart, den Untergrund, sie selbst. Alles war wirklich. Sie war wieder da.

Feuchtwarm und in fahles Licht getaucht, hieß der Bahnhof sie willkommen. Zitternd wühlte Rebecca nach Zigaretten und Feuerzeug in ihren Taschen. Sie musste Andrea eine Nachricht schicken, damit sie sich keine Sorgen machte. Nur eine Verspätung, sie würde sich am Abend melden. Und für die anderen Uni-Leute musste sie sich noch etwas ausdenken. Der Zug lief ein. Rebecca drückte die Zigarette in der Ellenbeuge aus und stieg ein.

Charlotte warf einen letzten flatterigen Blick durch den Raum. Wieder und wieder tasteten ihre Augen die Einzelheiten ihres Zimmers ab. Sie verabschiedete sich für so lange Zeit von diesem Raum wie noch nie. Da war der Schreibtisch, das weiß lackierte Holz unter dem Fenster. Jenseits des Glases bewegten sich tiefgrün beblätterte Zweige als herrsche Frieden. In der Nachbarschaft miaute eine Katze. Einen Moment lang lauschte Charlotte in die nachfolgende Stille, als könne sie die Zeit anhalten. Dann riss sie sich los.

Ihre Augen flohen weiter. Die Fotos an der Wand, rechteckige Beweise ihres Lebens. Das Bett mit den Stofftieren, unerfüllte Versprechen aus beinah zwei Jahrzehnten. Das Regal – zwischen den verstaubten Büchern klafften Lücken, Statthalter ihres Fortgehens. Ihre Finger umschlossen den Gurt der Tasche fester.

»Lotte!«

Es war die Stimme ihrer Mutter, die das Treppenhaus hinaufschallte. Charlottes Magen krampfte sich zusammen. Zwei Monate lang hatte sie auf diesen Tag gewartet. Immer wieder hatte er sich in ihr Bewusstsein geschlichen, begleitet von einem Beigeschmack von Bedrohung. Nun, da er gekommen war, brach die hoffnungskanalisierte Angst aus und überschwemmte jeden einzelnen ihrer Gedanken. Ihr Blick streifte den verstaubten Spiegel über der Kommode und sie sah die Furcht aus großen, blaugrünen Augen stumm schreien. Wieder hörte sie die seltsam zwischen den Wänden zweier Stockwerke widerhallende Stimme ihrer Mutter.

»Lotte, wir müssen fahren!«

Charlotte konnte sie vor sich sehen. Den Autoschlüssel in der Hand am Treppenabsatz stehend, um den Anschein von Gelassenheit bemüht. Noch einmal hastete Charlottes Blick wie suchend durch den Raum, dann drehte sie sich abrupt um und schloss die Zimmertür hinter sich.

Das Auto wälzte sich schwerfällig im dichten Verkehr voran. Wie das Segment einer gigantischen Raupe aus Blech, dachte Charlotte. Ihre Mutter war hinter dem Steuer unvermittelt in Schweigen verfallen. Charlottes Magen verkrampfte sich erneut. Immer dunkler werdende Wolken jagten über den Himmel. Es war ihr sicherer erschienen, als Mia noch atemlos vom Seniorentreff im Gemeindezentrum erzählt hatte. Geschichten von alten Menschen, die eigentlich erst dort begannen, wo ihre Mutter zu erzählen aufhörte. Ihre Stimme schien vor allem Wichtigen davonzueilen, und doch hatte sie die Stille betäubt. Die Stille, in der sich alles Unausgesprochene verbarg, einschließlich Charlottes Angst.

Mit jeder Minute des Schweigens wuchsen in Charlotte Leere und Grauen. Mias Wortgespenster hatten sich nebelartig zerfranst und gaben den Abgrund frei. Vor Charlottes Augen begann ihre Mutter fremd zu werden, die scheinbar vertraute Gestalt, die sie nun fortbrachte. Und nichts war da in ihr zu finden, was sie dem entgegensetzen konnte.

Unmerklich krallten sich ihre Hände in die Beckenknochen. Lose warf der Bund der Jeans Falten über ihre Hüften, weich passten sie sich ihrem Griff an. Ihre Handballen schmiegten sich tief in die vertrauten Höhlen und ihre Finger umklammerten die warmen, festen Bögen.

»Wir sind gleich da«, verkündete ihre Mutter plötzlich. »Hör zu, Charlotte. Wir werden den anderen sagen, dass du ein Praktikum machst. Es muss ja keiner wissen, wo du wirklich bist.«

Aus der Leere heraus spürte Charlotte sich nicken und Mia fuhr fort: »Abgesehen davon kann ich noch immer nicht glauben, dass das so lange dauern soll.«

Der energische Klang der Stimme übertönte das Aufkommen von Fragen in Charlotte, die sich nun wieder im nie Gewesenen verloren.

»Zwei bis drei Monate!« Der Blick ihrer Mutter suchte Charlottes Bestätigung. Als sie die ausdruckslosen Augen ihrer Tochter sah, fuhr sie unverwandt fort: »Jede Woche zwei Kilo und du bist zu Omas und Opas Goldener Hochzeit wieder draußen. Überhaupt kein Problem, du musst dich nur ein bisschen anstrengen. Schließlich wollen wir dich alle zur Feier wieder zu Hause haben.«

Nun versuchte Mia ein Lächeln. Charlotte lächelte zaghaft zurück. Die Goldene Hochzeit. Seit Monaten schon sprachen die Großeltern von nichts anderem mehr. Selbst ihr Abitur war vor diesem ausstehenden Ereignis verblasst. Keine drei Wochen war die Zeugnisverleihung her und doch kam es Charlotte so vor, als hätte sie nie stattgefunden. Ihre Mutter konzentrierte sich wieder auf den Verkehr. Eben hatten sie das Ortsschild passiert. Charlotte war übel. 

»Sie muss zu dieser Feier wieder hier sein!«

Die Stimme ihres Vaters klang heftig, ohne jeden Raum für Widerspruch. Sie schwappte hinaus auf den Flur, zu seiner barfüßigen Tochter, die sich nur ein Glas Wasser holen wollte, spät am Abend vor der Klinikaufnahme.

»Wie sollen wir das denn sonst erklären?«

Kurz folgte eine angespannte Stille. Danach klang seine Stimme ruhiger.

»Warum sollte sie das auch nicht schaffen?«

Charlotte konnte hören, wie ein Glas abgestellt wurde. Ein Weinglas vermutlich.

»Sie hat noch alles geschafft, was sie sich vorgenommen hat. Das wäre ja lächerlich.«

Charlotte starrte auf ihre knochigen Knie herab, die unter ihrem Blick zu einer bizarren, fleischigen Masse anschwollen.

»Wir sind da«, riss sie die Stimme ihrer Mutter in die Gegenwart. Mit einem Ruck kam der Wagen in der Parklücke zum Stehen.

Fahles Neonlicht erhellte den kargen Raucherraum des Gebäudes. Weiße Fliesen und verzogene Plastikmöbel am Ende des Eingangsflurs. Ein Provisorium, vielleicht auch eine Methode. Rebecca blies gedankenverloren einen Strom bläulichen Rauches der Decke entgegen. Wieder so ein Ort, dachte sie. Was hier keinen Sinn hatte, bekam einen, spätestens, wenn man danach fragte.

»Sie sind spät!« Die Schwester durchbohrte Rebecca mit strengem Blick. »Eigentlich endet unsere Aufnahmezeit um vier.«

»Der Zug hatte Verspätung.« Auf einmal kippte Zorn durch ihre Verunsicherung, unvermittelt und heftig. Sie hatte es satt, gestraft zu werden. Sie hatte diesen Ort nicht gewählt.

»Ich werde Ihnen jetzt Ihr Zimmer zeigen, dann macht die Nachtschwester eine Kurzaufnahme.« Der weiße Kittel rauschte Rebecca voran, den langen Flur entlang. »Morgen nehmen wir Sie dann richtig auf.«

Es war gespenstisch still dafür, dass es erst acht war. Der Teppichboden verschluckte sogar den Hall. Die Stimme der Schwester eilte ihren Schritten voran, ungerichtet in die Leere der Gänge. »Wir haben auf Sie gewartet. Aber jetzt sind die Ärzte und Therapeuten natürlich längst im Feierabend.«

Der Klang der Stimme verriet deutlich, dass auch sie gerne schon zu Hause wäre. Rebecca hatte das Gefühl, weiter und weiter zurückzufallen. Vor ihr kramte die Schwester nach einem Schlüsselbund und verlangsamte ihren Schritt. Dann kam sie vor einer der zahllosen Türen zum Stehen. »Das ist Ihr Zimmer, Nummer 127, im ersten Stock.«

Rebecca hatte sich mangels freier Stühle auf einer Fensterbank niedergelassen und die Beine ausgestreckt. Große, moderne Klinikfenster, vor denen die Schwärze der Nacht wie eine Wand stand. Sie wippte mit den Fußgelenken, ihre Stiefel schlugen gegen das Mauerwerk. Die Scheibe an ihrer Schläfe war angenehm kühl. Sie war eine ganze Weile durch die Klinik gezogen, bis sie den Raum endlich gefunden hatte. Hoffentlich fand sie später ihr Zimmer wieder.

Im Raum verteilt, saßen allein und in kleinen Grüppchen andere Patienten. Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, zwei Jungen, hinten in der Ecke, kaum älter als achtzehn und einige junge Frauen am Tisch vor ihr. Sie waren nur unwesentlich älter oder jünger als sie selbst, 'twenty-somethings', wie Andrea gesagt haben würde.

Hin und wieder drängte sich ein Satz aus den Unterhaltungen in Rebeccas Bewusstsein, ein Auflachen, ein Wort. Überraschend klar, aber völlig beziehungslos hallte es dann in ihrer Erinnerung wider und ließ sie zunehmend verwirrt zurück. Rebecca versuchte, sich zusammenzureißen und sich für oder gegen das Zuhören zu entscheiden. Die Fensterscheibe spiegelte sie alle konturenhaft zurück. Plötzlich erklang eine Stimme direkt neben ihr. Rebecca schreckte auf und fuhr herum.

»Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken«, sagte das Mädchen, das nun vor ihr stand. Sommersprossen, rote Haare und große, grüne Augen. Viel zu traurig für Pippi Langstrumpf.

»Ich wollte bloß fragen, ob du einen Kaffee willst.« Das Mädchen hielt ihr einen dampfenden Pappbecher entgegen.

»Ja, danke.« Rebecca lächelte zaghaft und nahm den Becher vorsichtig in beide Hände. Die Wärme tat gut, auch wenn das Gebräu nicht halb so gut roch wie der Kaffee aus der italienischen WG-Espressomaschine.

»Du bist die Neue, oder?« Die grünen Augen musterten Rebecca mit leisem Interesse.

Rebecca erwiderte den Blick. »Ja, wahrscheinlich«, sagte sie dann. »Ich bin vorhin erst gekommen.«

Die Rothaarige nickte. »Du bist auf der 2, richtig?«

Rebecca erinnerte sich vage an eine Stationsordnung, die die Schwester ihr gegeben hatte.

»Ja«, sagte sie nachdenklich. »Steht jedenfalls auf dem Zettel.«

»Dann bist du bei uns«, lächelte das Mädchen. »Ich bin Maja.«

»Rebecca.« Rebecca verlor sich einen Augenblick zwischen den Sommersprossen, dann sah sie wieder in ihren Kaffee.

»Ich bin deine Patin«, erklärte Maja. »Hier bekommen neue Patienten immer einen Paten, der ihnen den Einstieg erleichtern soll. Morgen zeige ich dir erst mal alles.«

»Okay.« Rebecca nickte. Patensysteme hatte es in den meisten Kliniken gegeben.

»Ich würde dich auch heute schon rumführen, aber die meisten Räume sind jetzt abgeschlossen.« Maja zog eine Grimasse. »Ist hier so.«

»Ich weiß.« Rebecca spürte, wie über ihr Gesicht der Anflug eines Lächelns huschte.

Die Schließzeiten waren selten großzügig. Sie dachte an all die Paten, die sie gehabt hatte, und all die Patenschaften, die sie übernommen hatte. In raschen Bildern zogen die Räume an Rebecca vorbei, die es an Orten wie diesem gab. Gruppenräume, Therapieräume, Speiseräume, Physiotherapie-Räume – immer neue, immer andere, immer gleiche Räume, versetzt zu einem großen, bizarren Patchworkbild.

»Morgen dann also«, sagte Maja. »Coole Piercings übrigens.« Sie grinste.

Rebecca spürte, wie auch ihre Mundwinkel unwillkürlich zuckten. Dann wandte sich die andere um und winkte den Übrigen im Raum kurz zu.

»Schlaft gut!«, rief sie und die Gute-Nacht-Wünsche der anderen Patienten spülten Maja aus dem Zimmer.

Rebecca lehnte den Kopf wieder gegen die Fensterscheibe, der Stiefel klopfte einen unregelmäßigen Rhythmus. Schließlich setzte sie sich mit einem Ruck auf und trank den heißen, bitteren Kaffee in langen Zügen. Dankbar registrierte sie, wie er ihr Zunge und Kehle verbrannte. Unüberprüfbar, das war gut. Schließlich war sie jetzt wieder drinnen. Mit einem Sprung von der Fensterbank lief sie hinaus auf die stillen Flure der Klinik. Sie musste noch Druck abbauen.

Mittwoch, 16.7.

»Kann jemand für Frau Ewers die Gruppenregeln wiederholen?«

Die hochgewachsene Frau mit der dunkelroten Brille hatte sich Charlotte als Frau Mahler und ihre Bezugstherapeutin vorgestellt. Nun schaute sie fragend in die Runde. Auch Charlotte musterte die anderen verstohlen. Sie saßen im Halbkreis auf unbequemen Stühlen. Manche hatten sich Kissen mitgebracht. Charlotte verstand sofort, warum. Ihre Knochen bohrten sich schmerzhaft in das harte Holz. Acht, hatte Charlotte gezählt. Sechs Mädchen oder Frauen, zwei Jungen. Charlotte betrachtete die Gesichter. Wann genau, überlegte sie, hörte man auf, Mädchen zu sein, und war Frau?

Die Sonne schien durch die Dachfenster und malte helle Flecken auf den Teppich. Gleißend weiß leuchtete das Flipchart hinter der Therapeutin.

»Herr Jasper?«, fragte Frau Mahler.

»Was in der Gruppe besprochen wird, bleibt in der Gruppe«, murmelte der größere der beiden Jungen.

Lukas, erinnerte sich Charlotte, er hatte sich als Lukas vorgestellt, im 'Blitzlicht', der kurzen Runde zu Beginn, in der sie alle ihren Namen sagen sollten und wie es ihnen ging. Charlotte hatte sich an den Namen festgeklammert und sie sich immer wieder ins Gedächtnis gerufen. Lukas. Der andere Junge hieß Tom. Sie waren nicht älter als sie selbst, volljährige Teenager. Und das Mädchen, das jetzt gegen seinen Willen aufgerufen wurde?

»Frau Diestler?«

Es war seltsam, dass die Psychologin alle mit Nachnamen ansprach. Immer wenn ihr das passierte, fühlte sich Charlotte, als sei nicht sie, sondern ihre Mutter gemeint.

»Niemand darf die Gruppe ohne Begründung verlassen«, antwortete das Mädchen tonlos.

Bine, wiederholte Charlotte. Das war Bine. Ein wenig älter als sie selbst, vielleicht. Zahlen und Namen. Charlotte versuchte, sich ein Gerüst aus Tatsachen zu bauen, aus Dingen, die draußen ebenfalls Bestand hatten.

»Das sind beides wichtige Punkte«, erklärte Frau Mahler. »Die Schweigepflicht innerhalb der Gruppe. Und die Regel, dass niemand unbegründet gehen darf.« Die Therapeutin drehte sich zu Charlotte um, um die Regel zu erklären, aber die Eindringlichkeit, mit der sie sprach, ließ Charlotte ahnen, dass die Worte nicht nur ihr galten.

»Wenn jemand glaubt«, führte die Psychologin aus, »dass er es nicht mehr in der Gruppe aushält, dann muss er das der Gruppe mitteilen und den Grund dafür nennen, bevor er geht.«

Charlotte senkte den Blick und spürte dankbar, wie sich die Therapeutin von ihr abwandte.

»Die Gruppe«, fuhr Frau Mahler fort, »soll nicht dadurch verunsichert werden, dass jemand einfach verschwindet. Außerdem müssen wir Therapeuten wissen, was bei dem Einzelnen gerade passiert.« Die Therapeutin nickte in die Runde. Dann erkundigte sie sich: »Weitere Regeln?«

»Nicht bewerten«, sagte Charlottes Sitznachbarin.

Wie hieß sie noch gleich? Charlottes Blick wanderte unwillkürlich von dem blassen Gesicht hinab über die knochigen Schultern, deutlich sichtbar unter dem hell gemusterten Shirt, und die dürren Beine, die in der Röhrenhose kaum erkennbar waren. Krampfhaft riss sie sich los. Sie selbst hasste es, so angesehen zu werden.

»Genau«, stimmte Frau Mahler zu. »Gedanken und Gefühle, die hier geäußert werden, werden nicht bewertet. Wir können in der Gruppe darüber sprechen, aber niemand soll Angst davor haben müssen, sich der Gruppe zu öffnen.«

Die Psychologin ließ ihren Blick ein letztes Mal über die Gruppe schweifen, dann sah sie wieder Charlotte an. Ihr Lächeln kam unerwartet und verstörte Charlotte. Etwas daran fehlte.

»Das«, schloss Frau Mahler ab, »sind die wichtigsten Regeln. Wir haben ein Gruppenblatt, auf dem auch die anderen Regeln stehen. Das bekommen Sie später von mir, wenn wir unser Einzel haben.«

Die Therapeutin begegnete Charlottes ausweichendem Blick nun mit noch hartnäckigerem Anschauen.

»Meistens«, erklärte die Therapeutin, »haben die Patienten zuerst ein Einzel, aber heute mussten wir den Stundenplan etwas verschieben, weil eine Kollegin krank geworden ist. Deshalb verläuft Ihr erster Tag ein bisschen anders als üblich.«

Charlotte sah ihre Therapeutin kurz an und nickte leicht. Was fehlte an diesem Lächeln? Wärme vielleicht. Oder auch nur Sicherheit. Frau Mahler schien ein wenig zu bemüht, Bestimmtheit auszustrahlen. Charlotte blickte wieder zu Boden, die Arme fest um den Leib geschlungen. Sie spürte die Rippen unter den Fingern, hart und fest versprachen sie Halt.

»Die anderen können sich das Blatt übrigens auch noch einmal anschauen!« Frau Mahler löste die Augen von ihrer neuen Patientin und sah wieder in die Runde. »Es wäre schön, wenn Ihnen beim nächsten Mal auch die anderen Regeln einfallen!« Die Psychologin schlug ein Blatt auf dem Flipchart um. »Also dann, fangen wir an: Wer hat ein Thema für heute?«

Gleich würde es schon wieder Essen geben. Charlotte stand verloren am Rand der Terrasse, die große Tür im Rücken, und konnte an nichts anderes denken. Vereinzelt hockten Leute auf den Gartenstühlen, die sich um Tische herum auf der überdachten Terrasse gruppierten. Auf den Liegen, die sich über den angrenzenden Rasenflächen verteilten, verdunstete das Regenwasser der vergangenen Nacht. Charlotte fühlte sich noch immer übervoll vom Frühstück. Sie hatte ein ganzes Brötchen gegessen. Mit Honig. Und Butter. Sie wusste nicht mehr, wann sie überhaupt das letzte Mal Butter verwendet hatte. Hier hatte sie keine Wahl. Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken an das Mittagessen in einer halben Stunde.

»He!« Eine Stimme drang zu ihr herüber. Charlotte drehte sich um und erkannte Bine aus ihrer Gruppe. Sie saß mit zwei anderen Patientinnen an einem der Terrassentische. Charlotte kannte keine von beiden.

»Willst du dich zu uns setzten?« Bine zog einen leeren Stuhl zurück.

Über Charlottes Gesicht huschte ein Lächeln, als sie näher trat.

»Danke«, sagte sie und hockte sich vorsichtig auf den Stuhlrand. Ihr Blick irrte über die Tischgruppen um sie her. Verzweifelt fragte sie sich, wie sie nur hierher gekommen war. Wie hatte es so weit kommen können? Wie hatten sie sie so unter Druck setzen können, ihre Eltern, der Arzt?

»Das ist Julie«, stellte Bine ein weißblond gelocktes Mädchen vor, das Charlotte gegenübersaß und fast vollständig in einer der Klinikdecken aus undefinierbarem Beigebraun verschwand.

Das Mädchen sah unendlich jung aus, fast wie ein Kind. 'Mindestalter für die Aufnahme: 16 Jahre' hatte im Klinikprospekt gestanden. Julie wirkte noch jünger.

»Und das«, Bine deutet auf die andere, »ist Maja.«

»Hey«, sagte Maja. Sie warf Charlotte ein Grinsen zu und fuhr dann fort, langsam auf ihrem Stuhl hin und her schaukelnd, Zigaretten zu drehen. Drei lagen schon fertig vor ihr auf dem Tisch. Maja war älter als die anderen, Mitte zwanzig vermutlich.

»Hallo«, antwortete Charlotte so leise, dass sie es selbst kaum hörte. Irgendwo zwischen draußen und drinnen war ihre Stimme verloren gegangen. Vielleicht, weil diese Welt sich unwirklich anfühlte wie ein Albtraum.

»Julie ist bei uns auf der Station«, berichtete Bine. »Sie war heute nur ausnahmsweise nicht in der Gruppe.«

»Frau Dr. Haselmann wollte mit mir sprechen«, erklärte Julie ihre Gruppenabwesenheit schüchtern.

Charlotte nickte stumm.

»Und ich bin auf der 2«, teilte Maja mit, während ihre Zunge über das Zigarettenpapier fuhr. »Die 1 und die 2 gehören zusammen, weil sie beide den Albert als leitenden Arzt haben. Aber Therapien macht er nur bei uns.«

»Okay«, murmelte Charlotte. Sie betrachtete Maja und fragte sich, was die 2 für eine Station war.

Aber sie war sich nicht sicher, ob sie sich danach erkundigen durfte. Im Grunde konnte sie dann auch fragen: 'Warum bist du hier?'

Draußen wäre eine solche Frage indiskret gewesen. Psychische Erkrankungen waren ein Tabubereich für Fremde. Aber, überlegte Charlotte, wie war das hier drinnen?

»Frau Mahler«, unterbrach Bine Charlottes Gedanken, »hat mich vorhin gebeten, dir alles zu zeigen!« Sie warf Charlotte ein Lächeln zu. »Eigentlich ist Nadine deine Patin, aber die hat seit heute Bett.«

»Bett?« Charlotte runzelte fragend die Stirn.

Diese Welt war voller unbekannter Chiffren und neuer Regeln. Sich nicht darin auszukennen, machte Charlotte Angst. Aber die Vorstellung, sich hier zurechtzufinden, weil sie hierher gehört, löste noch viel größere Angst aus.

»Das bedeutet«, durchbrach Julie Charlottes unhörbaren Widerstand, »dass sie ihr Bett nicht verlassen darf.« Für einen Moment rutschte die Decke von Julies Schultern und gab den Blick auf ein Stück baumwollumspielten, mageren Körper frei.

»Klinik, Station, Zimmer, Bett«, sagte Maja, während sie Tabak auf einem neuen Blättchen verteilte und ihren Stuhl weit nach hinten kippte. »Das ist die Abfolge.«

Bine schlug die Beine übereinander. »Wenn du deinen Gewichtsvertrag nicht einhältst«, erläuterte sie Charlotte, »bekommst du Konsequenzen. Bei der ersten darfst du die Klinik nicht verlassen, bei der zweiten die Station, bei der dritten das Zimmer und bei der vierten das Bett. Außer zum Essen natürlich.« Sie zog eine Grimasse. »Und für die Therapie.«

Charlotte spürte einen kalten Klumpen Angst im Magen. »Und dann?«

»Dann«, fuhr Bine fort, »gibt's ein Krisengespräch, in dem deine Motivation geklärt wird.«

»Und eine Heimfahrkarte, wenn du den Vertrag weiter nicht einhältst«, vervollständigte Maja die Information.

Charlotte sah Maja an. Das war der Weg nach draußen. Aber nicht ihrer. Er würde sie nur in dieselbe Situation zurückbringen, aus der sie gekommen war. Das Einzige, was sie jetzt entlasten konnte, war eine Reduktion der Ungewissheit.

»Was«, fragte Charlotte zögernd, »steht in so einem Gewichtsvertrag?«

Es war wieder Julie, die antwortete. »Du musst mindestens 700g pro Woche zunehmen«, erklärte sie, »wenn du untergewichtig bist.« Ihre blauen Augen wanderten über Charlotte, aber Maja kam ihr zuvor: »Du also in jedem Fall.«

Julie schickte Charlotte ein schüchternes Lächeln. »Bis du dein Zielgewicht erreicht hast.«

»Und was ist das Zielgewicht?« Charlotte konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme leicht zitterte.

»Zunächst einmal«, schaltete sich Bine ein, »ein BMI von 18.« Sie sah Charlotte aufmunternd an. »Aber keine Panik! Du hattest noch kein Einzel, also hast du auch noch keinen Gewichtsvertrag.« Bine schwang in ihrem Stuhl nach vorne. »Was ich eigentlich fragen wollte: Hast du Lust, dass ich dir nach dem Essen alles zeige?«

»Ja, warum nicht«, murmelte Charlotte.

Ein BMI von 18! Gewichtsverträge. Konsequenzen. 700g pro Woche zunehmen. So lange hatte ihr Leben daraus bestanden abzunehmen, oder doch zumindest das Gewicht zu halten. Und nun sollte sie zunehmen. Einfach so. Als gäbe es nichts Leichteres. Und das auch noch in so grotesk großen Schritten.

»Wir müssen los!« Julie sah auf die Uhr. »Mittagessen.« Sie stand auf.

Auch die beiden anderen erhoben sich. Maja verabschiedete sie mit einem Winken und zog ein Buch aus der Tasche.

»Sie kann essen, wann sie will«, erklärte Bine mit einem neidvollen Seufzer. »Irgendwann während der Essenszeiten. Aber wie dir die Schwestern bestimmt schon gesagt haben: Wir haben feste Termine und müssen alle zusammen gehen.«

Charlotte nickte und blinzelte die Tränen weg. Der Angstklumpen war in ihren Hals aufgestiegen, versperrte den Weg für Nahrung und ließ sich nicht herunterschlucken.

»Frau Williams?« Dr. Albert sah seine neue Patientin durchdringend an. »Frau Williams! Können Sie mich hören?« Er stand auf und ging um seinen Schreibtisch herum. »Frau Williams!«

Rebecca zuckte zusammen und starrte verwirrt in ein Paar graue Augen. Die Falten auf der Stirn des Therapeuten glätteten sich. Um die Augen herum deuteten neue Runzeln ein Lächeln an.

»Ah, Sie sind wieder da!« Dr. Albert zog sich einen Schritt zurück und ließ sich auf der Kante seines Stuhles nieder. »Ich wollte Sie eben etwas fragen ... aber das verschieben wir besser auf ein anderes Mal. Geschieht das öfter?«

»Was?« Rebecca sah den Mann mit dem forschenden Blick ausdruckslos an.

»Dass Sie ... abtauchen. Sie waren eben ein paar Minuten lang nicht ansprechbar.«

»Kann sein.« Rebecca schaute im Zimmer umher. Abtauchen.

Sie war sich sicher: Die Gewässer, in denen sie tauchte, wollte er gar nicht sehen.

An den Wänden hingen Fotografien, große, schwarzweiße Küstenaufnahmen. Das dunkle Meer schien den Strand zu verschlingen.

»Haben Sie die gemacht?«, fragte Rebecca und deutete in Richtung der Bilder.

»Ja«, antwortete der Therapeut. »Ein Hobby von mir.«

Rebecca nickte. Sie war gegen ihren Willen beeindruckt. Noch viel widerwilliger nahm sie die leise Regung von Sympathie in sich wahr. Mit steinerner Miene drängte sie sie zurück. Dr. Albert beobachtete sie. Wie Rebecca sie hasste. All die selbstverliebten Besserwisser und Besserkönner, selbst ernannte Helden auf der anderen Seite des Schreibtischs.

»Ich weiß nicht«, sagte Dr. Albert mit einem Zögern, »ob die psychodynamische Gruppentherapie das Richtige für Sie ist. Dafür möchte ich Sie noch genauer kennenlernen.« Er lächelte erneut. »Bis dahin haben Sie nur die stabilisierenden und strukturierenden Gruppen mit den anderen gemeinsam: die Kreativtherapie, die Imaginationsübungen und die Skill-Gruppe.« Dr. Albert sah in seine Unterlagen, dann ergänzte er: »Und die Info-Gruppe Trauma halte ich ebenfalls für sinnvoll.«

Rebecca nickte wieder. Die Worte rauschten an ihr vorbei und hinterließen ein Tosen in ihren Ohren. Rebeccas Blick zuckte durchs Zimmer.

»Erzählen Sie mir, warum Sie hier sind!« Dr. Albert lehnte sich im Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander.

»Das steht doch in Ihren Unterlagen.« Abweisend deutete Rebecca auf den Stapel Papier, der im Augenblick ihre Akte bildete.

»Das ist nur ein Arztbericht.« Dr. Albert machte eine wegwerfende Geste mit der Hand. »Der Bericht Ihrer letzten Klinik.«

»Ja«, Rebecca verschränkte die Arme vor der Brust, »und steht da nicht alles drin?«

»Einiges«, gab der Arzt zu, »aber nicht alles.«

Er sah sie weiter an. Rebecca starrte zurück. Dann stieß sie ihren Stuhl abrupt zurück und schob die Ärmel ihres Shirts hoch. Auf den Armen, die sie dem Arzt entgegenhielt, zogen sich frisch vernarbte Schnitte rot leuchtend über ein Geflecht älterer Verletzungen. Ein unterschiedlich schattiertes Netz unregelmäßiger Linien aus blassrot, zartrosa und weiß.

»Das sind die Schnitte, wegen denen man Sie in die Psychiatrie eingeliefert hat?« Dr. Albert betrachtete die Verletzungen eingehend.

»Ja.« Mit Angriff und Abwehr im Blick fixierte Rebecca den Arzt. Dann schob sie die Ärmel wieder herunter.

»Sie sehen nicht so aus, als hätten Sie sich umbringen wollen.« Dr. Albert sagte es ganz ruhig.

Misstrauisch sah Rebecca ihn an, eine steile Falte auf der Stirn. »Sie glauben mir, dass ich mich nicht umbringen wollte?«

»Ja.« Der Psychiater lehnte sich wieder zurück. »Die Verletzungen sehen nicht danach aus. Etwas außer Kontrolle geraten, ja, aber nicht in suizidaler Absicht.« Er sah Rebecca an. »Sie sind klug. Sie hätten es besser gemacht. Und außerdem glaube ich, das ist nicht ihr Stil.«

Rebecca betrachtete den Arzt immer noch prüfend. »Richtig«, sagte sie langsam. Fast unwillkürlich ergänzte sie: »Ich wollte mal von der Brücke springen, aber die Polizei hat mich abgefangen.«

»Schon eher«, nickte Dr. Albert. »Aber bei dem Schneiden geht es um etwas anderes.«

»Stimmt.« Rebecca lehnte sich langsam zurück. »In der Psychiatrie haben sie mir das nicht geglaubt. Nicht bei den Schnitten.«

»Nun«, Dr. Albert legte die Finger ineinander, »ich glaube Ihnen. Aber das ist noch keine Antwort auf meine Frage. Wegen der Verletzungen sind Sie in die Psychiatrie gekommen. Aber warum sind Sie hier?«

Rebecca zog die Brauen hoch. »Vermutlich, weil sie mich in der Psychiatrie loswerden wollen. Die sind überfüllt. Und Entlassen war ihnen dann wohl doch zu heikel.«

Eine Weile blieb es still im Raum. Dann nahm Dr. Albert seinen Kalender zur Hand.

»Ich möchte Sie am Freitag noch einmal sehen, vor dem Wochenende.« Er notierte ihr den Termin auf einem Zettel. Dann zog er einen Stundenplan aus der Ablage und fuhr mit einem Textmarker darüber. »Die Therapien, an denen Sie teilnehmen«, erklärte er, »streiche ich Ihnen an.«

Eine Zeit lang war nur der Filzschreiber auf dem Papier zu hören, dann schob der Arzt beide Blätter über den Tisch.

»Außerdem«, Dr. Albert notierte einen weiteren Termin auf einem dritten Blatt Papier, »ist morgen eine diagnostische Eingangsuntersuchung, an der Sie teilnehmen müssen.«

Er warf ihr ein schiefes Lächeln zu. »Man kann über den therapeutischen Nutzen dieser Tests unterschiedlicher Ansicht sein, aber wir brauchen sie für die Statistik.«

»Okay.« Rebecca steckte den Terminzettel in die Hosentasche und faltete den Stundenplan zusammen. Wie sie sie hasste, Männer.

Dr. Albert erhob sich. »Wir sehen uns dann am Freitag.« Er streckte ihr die Hand hin.

Rebecca nahm sie automatisch und nickte, den leeren Blick auf den Boden geheftet.

»Alles Gute bis dahin«, wünschte der Arzt.

»Ja.« Rebecca hob kurz den Blick und wandte sich dann wieder ab. »Bis dann.«

Die schwere Tür schloss sich mit einem sanften Sauggeräusch hinter ihr und Rebecca stand wieder auf einem der endlosen Gänge.

Charlotte lief zitternd in ihrem Zimmer auf und ab, hin und her zwischen den unausgepackten Koffern. Ihre Stimme flüsterte wie von selbst, ein Mantra zur Selbstberuhigung:

»Ich muss hier raus, ich muss hier raus, ich muss hier raus.«

Die Worte gingen ineinander über, formten in unendlicher Wiederholung eine nicht enden wollende Beschwörung. Nur wie? Wie kam sie hier raus? Charlottes Knie gaben nach und sie sank auf die Bettkante. Ihre Mutter musste sie holen. Sie musste kommen und ihre Tochter holen. Sie musste einfach. Aber es gab die Kontaktsperre.

'Patienten mit Essstörungen dürfen in den ersten 3 Wochen der Behandlung keinen Kontakt zu Personen außerhalb der Klinik haben.'

In Charlottes Erinnerung war die Aufregung ihrer Eltern über diese Regelung immer noch zu hören. 21 Tage lang keinen Kontakt zu ihrer Tochter! Wofür das gut sein sollte, hatte ihre Mutter gefragt. Sie wollten Charlotte doch unterstützen, wissen, wie es ihr ging. Und ob sie Fortschritte machte, hatte ihr Vater ergänzt. Aber gegen die Regeln der Klinik hatten auch ihre Eltern nichts ausrichten können.

'Wenn Sie nicht bereit sind, sich an die Kontaktsperre zu halten, können wir Ihre Tochter leider nicht bei uns aufnehmen', hatte die Ärztin im Vorgespräch gesagt.

Und sie hatten nachgegeben, widerstrebend, aber sie hatten nachgegeben.

Und nun war Charlotte hier, gefangen in einem System aus Regeln und Zwängen, aus Druck und Machtausübung. Kein Wunder, dass es diese Kontaktsperre gab. Sie wollten verhindern, dass einen Leute von außen retteten. Charlotte sprang wieder auf die zittrigen Beine und taumelte wie getrieben durchs Zimmer. Es gibt, dachte sie, diese Regel nur, damit sie einen unter Kontrolle haben, damit sie einen unter die anderen Regeln zwingen können, damit niemand kommt und einen rausholt. Ein Beben lief durch Charlottes Körper und entlud sich in einem panischen Schluchzen. Sie konnte das nicht aushalten. Sie würde sterben, wenn sie hier bleiben musste. Sie würde sterben, wenn sie essen musste. Konnte das denn keiner verstehen?

»Sie haben starkes Untergewicht, Frau Ewers.« Frau Mahler hielt ein weißes Blatt mit Notizen in der Hand. »Ihr Gewicht liegt bei 40,8 Kilo. Bei Ihrer Körpergröße macht das einen Body Maß Index von 14,8.«

Die Psychologin zeigte auf die Rechnung. Kilo durch Meter im Quadrat. Als wenn Charlotte das nicht wüsste. Stundenlang hatte sie mit Zahlen experimentiert und neue Ziele festgelegt, geringere Zahlen. Frau Mahler legte das Blatt weg und blickte Charlotte an.

»In Ihrem Alter ist ein BMI zwischen 18 und 25 normal. Das bedeutet, dass Sie mindestens 50 Kilo wiegen sollten.«

Natürlich kannte Charlotte auch diese Zahl. Aber hier war es etwas anderes. Hier war die Zahl, diese grotesk hohe Zahl ein Ziel. Charlottes Magen krampfte und ihre Hände begannen zu zittern. Das war unmöglich! Sie konnte keine zehn Kilo zunehmen! Auf keinen Fall! Sie würde sich auflösen, sie würde sterben, wenn sie das tat!

Mit kalten Fäusten trommelte sie auf ihre Hüftknochen. Konnte das denn niemand verstehen?

Donnerstag, 17.7.

 

»Alles okay bei dir?«

Rebecca sah Fritzis Gesicht über ihrem auftauchen. Majas Freundin und sie waren nach der Skill-Gruppe in die Sonne verschwunden. Fritzi beugte sich von der Bank herab und erschien verkehrt herum über Rebecca, die darunter im Gras lag, den Kopf auf ihren Rucksack gebettet. Sie hatten das Klinikgelände verlassen, ein paar Meter den baumgesäumten Feldweg entlang. In den angrenzenden Wiesen summte und brummte es. Insektenalltag, unbelastet von Realitäten wie drinnen und draußen.

»Ja, alles okay.« Rebecca zog tief an der Zigarette. Aus ihrer Cargo-Seitentasche ragten die ersten Zeilen des eben gelesenen und achtlos zusammengefalteten Info-Blatts zur morgendlichen Therapie hervor:

'Im Skill- oder Fertigkeiten-Training sollen Sie lernen, Spannungen auf nicht selbstschädigende Weise zu reduzieren. Sie sollen lernen, mit Stress und Emotionen positiv umzugehen. Auch Achtsamkeit und zwischenmenschliche Fähigkeiten, wie beispielsweise die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Grenzen, werden im Skill-Training eingeübt.'

»Die ersten Tage hier können ganz schön übel sein«, meinte Fritzi gedankenverloren. »Wenn man noch keinen kennt und alles neu ist. Aber hier lernt man schneller Leute kennen als draußen.« Sie schnippte Asche ins Gras.

»Und von denen lernt man oft mehr als von den ganzen Therapien.« Maja tauchte hinter den Bäumen auf. »Hey ihr! Darf ich mich zu euch setzen?«

»Klar.« Fritzi rückte zur Seite und Maja ließ sich neben ihr nieder.

»Auf der 1 braut sich gerade ganz schön was zusammen«, bemerkte Maja, während sie eine ihrer auf Vorrat gedrehten Zigaretten herauskramte.

»Warum?« Fritzi schnippte mit ihrem Feuerzeug.

»Weil Nadine jetzt Bett hat. Langsam wird's eng.«

»Die will ja auch nicht.« Fritzi klang genervt. »Zunehmen jedenfalls nicht. Ein paar von denen checken einfach nicht, dass sie nicht gesund werden können, wenn sie weiter hungern.«

»Vielleicht«, räumte Maja ein. »Aber es ist die Aufgabe der Therapeuten, ihnen das klar zu machen, und ich bin mir nicht sicher, ob die ganzen Konsequenzen da geeignete Überzeugungsarbeit leisten.«

Fritzi schwieg eine Weile. Dann überlegte sie laut: »Irgendwann wird es auch echt schwer, da wieder rauszukommen. Nadine hat jetzt vier Mal keine 700g zugenommen. Das sind vier Wochen, die sie unter der Grenze geblieben ist. Wie soll sie jetzt in einer Woche die letzten vier rausreißen?«

»Ist das so?« Rebecca setzte sich auf und drehte sich zu den anderen beiden um. »Sie muss nächste Woche gewichtsmäßig da sein, wo sie sein sollte, wenn sie jede Woche 700g zugenommen hätte? Also jetzt ein Mal 700 Gramm zunehmen reicht nicht, um wieder ganz rauszukommen?«

»Nee«, Maja schnippte Asche in die Felder hinter sich, »dann rutscht sie nur eine Konsequenz weiter rauf, also von Bett zu Zimmer. Aber jetzt muss sie erst mal aufpassen, dass sie nicht rausfliegt.«

»Das ist ganz schön hart.« Rebecca zog die Knie an und legte den Kopf darauf. »Vor allem, weil es ja weitergeht, wenn sie aus allen Konsequenzen raus ist. Dann kommen sofort die nächsten 700 Gramm.«

»Hattest du auch schon mal einen Gewichtsvertrag?«, fragte Fritzi.

»Ja, früher.« Rebeccas Blick verlor sich in der Sommerwiese vor ihnen.

»Wenn du noch weiter abnimmst, legen wir dir am Montag eine Magensonde!« Der Arzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie sah Rebecca streng an. »Und ich kann dir versichern, so was ist nicht angenehm. Also, sieh zu, dass du dein Gewicht bis zum Ende der Woche hältst. Dann machen wir Montag einen Gewichtsvertrag für die nächsten Wochen. Wir werden dich nicht entlassen, bevor du nicht mindestens 40 Kilo wiegst. Haben wir uns verstanden?«

»Arschloch«, murmelte Rebecca.

»Was?« Maja sah Rebecca verwirrt an.

»Schon gut. Ich habe nur an jemanden gedacht.« Rebecca wischte sich eine feine, schwarze Locke aus den Augen.

»Ich könnte bei einer Menge Leute Arschloch sagen, wenn ich an sie denke.« Fritzi drückte ihre Zigarette auf der Bank aus und ließ sie in eine leere Colaflasche fallen. »Mein Stiefvater, meine letzte Klassenlehrerin, mein Chef ...«

»Ich auch.« Rebecca sprang auf die Füße. »Wann haben wir Krea?«

Maja checkte ihr Handy. »In einer Viertelstunde.«

»Ich geh dann mal meinen Skizzenblock holen.« Rebecca warf sich den Rucksack über die Schultern.

»Ich muss auch noch mal auf's Zimmer!« Maja rappelte sich auf und sah Fritzi fragend an.

»Okay«, seufzte die, »dann spar ich mir die Kippe eben für nachher auf.« Mit einem wehmütigen Blick steckte sie die Zigarette zurück in die Schachtel. »Also gut, gehen wir.«

 

 

»Sie sind neu?« Herr Jacobs wandte sich Rebecca mit fröhlichem Gesichtsausdruck zu. Um sie herum waren ihre Mitpatienten damit beschäftigt, ihre Blätter und Malutensilien herbeizuholen. Der Auftrag war, das Projekt der letzten Woche fertigzustellen und Rebecca stand unschlüssig neben ihrem Tisch.

»Was möchten Sie machen? Haben Sie eine Idee?« Das Lächeln funkelte in den Augen des Therapeuten. Durch die runden Brillengläser schien es, wie tausendfach vervielfältigt. Rebecca musste fast zurücklächeln. Sie zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf.

»Hatten Sie heute schon Imagination?«, fragte der Kreativtherapeut.

»Nein.« Rebecca sah ihn prüfend an. »Aber, ich kenne das. Aus anderen Kliniken.«

»Gut.« Seine Augen blitzten sie weiter freundlich an.

Sie konnte in ihnen keinen Schimmer jener Resignation entdecken, die sie schon so oft gesehen hatte: 'Unheilbar. Ein hoffnungsloser Fall.'

»Kennen Sie den 'Sicheren Ort'?«, fragte er.

Rebecca zögerte. »Ja«, sagte sie dann.

'Aber ich habe keinen', fügte sie in Gedanken hinzu.

»Möchten Sie versuchen, Ihren sicheren Ort zu malen?«

»Ich weiß nicht, ob ich das kann.« Sie wandte den Blick ab. Sich in Freundlichkeit zu verirren, war gefährlich.

»Versuchen Sie es einfach! Sie können sich erst mal umsehen und schauen, was Sie dafür brauchen. Und dann versuchen Sie es einfach!« Sein Interesse ruhte unbeirrt auf ihr.

»In Ordnung.« Sie musste wegkommen von diesem Blick, raus aus dieser übermütigen Wärme, bevor sie ihr noch glaubte.

Abrupt drehte sie sich um und strich langsam mit den Fingern am Regal entlang. Ölkreide, Pastellkreide, Buntstifte, Aquarell, Acryl, Wasserfarben ... hier gab es alles. Weißes Papier in allen Größen, buntes Papier, Seidenpapier, Transparentpapier ... Kleber, Scheren, Spitzer. Scheren und Spitzer. Sie würde es sich merken. Sie hatten ihr alle scharfen Gegenstände abgenommen, sogar die Nagelschere.

Der sichere Ort. Ihr sicherer Ort. Ein Ort, an dem sie sicher war. Rebecca unterdrückte ein bitteres Lachen. So einen Ort gab es nicht. Vermutlich wussten das auch die Psychologen. Sonst hätten sie wohl kaum eine Imagination erfunden, in der es um den sicheren Ort ging. Wenn es diesen Ort tatsächlich gäbe, müsste man ihn nicht phantasieren. Man würde einfach hingehen. Und wäre in Sicherheit.

Rebecca stützte den Kopf in die Hände und starrte auf das weiße Blatt vor ihr. Sie wollte an keinen geschlossenen Ort. Wäre sie an einem abgeschlossenen Ort, bekäme sie nicht mehr mit, was um sie herum passierte. Und dann wäre sie hilflos ausgeliefert. Wenn jemand kam. Und es kam immer jemand. Dann wäre sie gefangen, an ihrem eigenen Ort.

Rebecca drückte ihren Daumen fest in die Spitze des Bleistifts. Keine Mauer, keine Wand und kein Versprechen konnte ihr Sicherheit bieten. Die Bleistiftspitze brach.

'Es gibt keinen sicheren Ort', sagte eine eisige Stimme in Rebecca, 'nicht in dieser Welt und nicht in deiner Vorstellung. Es gibt ihn nicht'.

Rebecca steckte den Stift in den Spitzer und begann, ihn langsam zu drehen. Sie musste etwas anderes malen. Zerbrechliche Sicherheit.

 

 

Charlotte starrte auf ihren Teller. Vollkornbrot mit Käse. Und Butter. Ab und zu sah sie eine Träne auf dem Porzellan aufschlagen. Sie kämpfte mit ihnen wie mit dem Brot auf ihrem Teller. Zusammen versuchte sie, beides herunterzuwürgen und scheiterte doch. Es war zu viel. Zu viel Brot. Zu viele Tränen. Sie zog ein durchweichtes Taschentuch hervor und putzte sich die Nase.

»Kann ich etwas für dich tun?« Ein mitfühlender Blick von der anderen Seite des Tisches richtete sich auf sie. Die kleine Julie saß ihr gegenüber.

Charlotte schüttelte den Kopf und unterdrückte ein Aufschluchzen.

»Das ging mir am Anfang auch so«, berichtete Julie tröstend. »Es wird besser, glaub mir.«

Charlotte hatte keine Stimme für eine Antwort. Sie kämpfte gegen die Schluchzer und gegen die Übelkeit. Ihr Nicken ging in ein Kopfschütteln über. Wie sollte es je besser werden, wenn man sie zwang zu essen? Der Nahrungsbrei, salzig durch die Tränen, quoll in ihrem Mund, das Brot dehnte sich auf ihrem Teller ins Unendliche. Wieder einmal führte sie Krieg. Gegen das Essen, gegen die Trauer, gegen sich selbst und gegen ihren Willen. Und ab heute führte sie den Kampf mit den Fesseln eines Gewichtsvertrages.

 

 

Maja schnappte sich eine Cocktailtomate von Rebeccas Teller und warf sie sich in den Mund.

»Hey, was soll das?«, protestierte Rebecca. »Ich hab voll lange nach den Dingern im Salat gefischt!«

»Sorry, ich hol dir eine Neue!«

Noch bevor Rebecca etwas sagen konnte, sprang Maja auf und flitzte zum Buffet. Wenig später präsentierte sie Rebecca mit einer Verbeugung eine einzelne Tomate auf einem großen Teller.

»Du bist verrückt.« Rebecca grinste.

»Klar.« Maja ließ sich gut gelaunt auf ihrem Stuhl nieder. »Wäre ich sonst hier?«

»Heute geht's dir aber gut!«, hörte Rebecca eine fremde Stimme munter sagen. Eine ältere Frau erschien an ihrem Tisch.

»Ja«, strahlte Maja. »Ich hab gelesen, es soll nicht gut sein, wenn man immer schlecht drauf ist. Also hab ich mir gedacht: Heute machst du mal eine Ausnahme!«

Die Frau lachte und hängte ihre Handtasche über den freien dritten Stuhl.

»Darf ich vorstellen?«, fragte Maja. »Sophie, das ist Rebecca, Rebecca, das ist Sophie. Ihr habt euch bisher immer verpasst.«

»Hallo«, nuschelte Rebecca und versuchte, ein Salatblatt herunterzuschlucken.

Sie fühlte plötzlich, wie ihr Kopf unter all den Eindrücken zu schwirren begann. Die Geräusche und Gesprächsfetzen des übervollen Speisesaals schienen sich zu einer Wand aus Lärm aufzubauen. Majas nervöse Überdrehtheit wirkte darin, wie ein Wirbel, der all die Eindrücke in eine chaotische Bewegung versetzte.

»Freut mich!« Sophie warf Rebecca einen fast ebenso strahlenden Blick zu wie Maja. Mit diffusem Erstaunen registrierte Rebecca, wie jugendlich Sophie dadurch aussah, trotz all der Runzeln in ihrem Gesicht.

»Und, was hast du heute Schönes gemacht?«, erkundigte sich Maja bei der neuen Tischnachbarin, während sie auf ihrem Stuhl herumwibbelte.

»Ich hatte heute nur Krankengymnastik, gleich nach dem Frühstück. Und dann bin ich für den Rest des Tages in die Stadt ausgeflogen.« Sophie schraubte den Deckel der Mineralwasserflasche ab und goss sich ein Glas sein. »Das war wirklich schön, einfach mal rauszukommen.«

»Ja, denn langsam musst du dich daran gewöhnen«, erklärte Maja mit gespieltem Ernst. »Immerhin wirst du bald entlassen. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn du nicht mehr wüsstest, was man draußen so macht.«

»Nein, ich glaube, die Gefahr besteht nicht.« Sophie rührte in ihrem Wasser, um die Kohlensäure zu vertreiben. Rebeccas Blick hing an dem kreisenden Löffel, der die Umgebungsreize noch mehr zu beschleunigen schien.

»Das ist meine erste Reha in 68 Jahren«, meinte Sophie gelassen. »Da hatte ich genug Zeit zu lernen, was Alltag ist. So«, sie stand auf, »und jetzt werde ich mir etwas zu essen holen.«

»Tu das«, ermutigte sie Maja. »Ich mach mich jetzt auf, Fritzi und ich haben ein Date.« Sie zwinkerte ihren Tischgenossinnen zu und war mit einer wirbelnden Bewegung verschwunden.

Sophie seufzte. »Sie ist ein liebes Ding, diese Maja«, sagte sie wie zu sich selbst. »Aber immer himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, immer Extreme.« Sie lächelte Rebecca offen an. »Aber wir sind ja alle nicht ohne Grund hier, nicht wahr?«

M

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