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Stadtpflaster - Lustlaster

Bürgermeister Buschecks Stadt-Idee

Es war einmal ein Dorf, das Stadt werden sollte. Diese Absicht hegte Bürgermeister Bruno Buscheck. Eines schönen Sommertages war er zu einer Bürgermeisterversammlung nach Schrunzhausen geladen. Zum ersten Mal in seiner bisherigen Amtszeit sah er diese Kreisstadt. Die Bürgermeister des Kreisgebiets Schrunzhausen sollten dem Kreisdirektor versichern, dass ihr Ort noch existiert.

Der alte Herr hatte den Überblick über die Anzahl der vorhandenen Dörfer verloren. Weil er auch wissen wollte, wie viele Menschen die Orte bewohnen, ließ er sich die genaue Anzahl mitteilen. Wer das nicht konnte, nannte eine Schätzsumme. Die war meist übertrieben. Bruno Bucheck missfiel, dass andere Dörfer mehr Einwohner hatten als sein Dorf. Deshalb übertrieb auch er. Maßlos allerdings.

Als der Kreisdirektor diese Zahl vernahm, verschlug es ihm zunächst die Sprache. Dann meinte er scherzhaft, dass das Dorf Hinterwald nur noch 33 Einwohner benötige, um die Einwohnerzahl der Kreisstadt erreicht zu haben. In diesem Falle, der Kreisdirektor scherzte noch immer, könnte Hinterwald das Stadtrecht beantragen.

Allgemeine Heiterkeit im Versammlungsraum. Bruno Buscheck blieb ernst, weil er die Worte des Kreisdirektors für bare Münze nahm. Warum sollte es nicht möglich sein, aus dem kleinen unbedeutenden Hinterwald eine ansehnliche Kleinstadt zu machen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, sagte sich Bruno und zeigte seinen feixenden Amtskollegen den Vogel.

Als die Versammlung beendet war, fuhr er nicht sogleich nach Hause, sondern durchstreifte Schrunzhausen nach allen Seiten hin. Was er dabei zu sehen bekam, ließ ihn staunen. Eine richtige Stadt, in diesem Falle eine Kleinstadt, hatte er noch nie gesehen. Gehört hatte er von ihr, vom Vater, der aber gewarnt hatte, Schrunzhausen unbedingt zu meiden, denn Stadtpflaster und Laster gehörten zusammen wie Pech und Schwefel.

Als der kleine Bruno Schwefel hörte, dachte er sofort an den bösen Teufel.  Schrunzhausen war für ihn fortan der Eingang zur Hölle. So wie er dachten auch die anderen Hinterwalder, denen der Pfarrer nach jeder Sonntagspredigt ein scheußliches Beispiel von Lasterhaftigkeit nannte. Jeder wusste sofort, dass solches Lotterleben nur in Schrunzhausen herrschte.

Deshalb erstaunt es, dass Bruno Buscheck an dieser Kleinstadt plötzlich Gefallen fand. Noch erstaunlicher war, dass er sich in sie gewagt hatte. Der Einladung des Kreisvorsitzenden musste er natürlich folgen, zumal ihn eine solche zum ersten Mal erreicht hatte.

Hinterwald lag so abgeschieden, dass höhere Instanzen von diesem Dorf keine Notiz nahmen. Manche der Bürokraten wussten gar nicht, dass es diesen Ort gibt. Was auf der Landkarte kaum zu sehen ist, existiert nicht. 

Bruno, nun fünfzig Jahre alt, hatte den Kinderglauben abgelegt und wollte wissen, was es mit dem Sündenbabel Schrunzhausen auf sich hat. Die Einladung des Kreisvorsitzenden erreichte ihn also zu einem günstigen Zeitpunkt.

Als er Hinterwald mit dem Fahrrad verließ, wusste nur seine Gattin vom Ziel seiner Reise.
  

Zunächst radelte er eine gute halbe Stunde durch den Hinterwalder Forst, einen Mischwald, der den Hinterwaldern als Brennholzspender im Winter, als Pilzsammelplatz im Herbst und den Jüngeren als Liebesnest im Frühjahr und Sommer diente.

Als er nach fast zweistündiger Fahrt die Kreisstadt erreicht hatte, wurde ihm flau im Magen. Böse Ahnungen beschlichen ihn, die noch aus seinen Kindheitstagen stammten.

Ein Auto überholte ihn. Die Frau, die am Steuer saß, rief böse: „Schon mal die Straßenverkehrsordnung gelesen, du Nachtwächter? In Schrunzhausen wird noch immer  rechts gefahren!“

Das Auto sauste abgasend weiter. Bruno bekam einen Hustenanfall. Fast wäre er vom Fahrrad gefallen. Sicherheitshalber stieg er ab. Als sich seine Atemwege beruhigt hatten, entschied er, das Rad zu schieben. Über diesen Entschluss war er froh, denn gleich darauf fuhr erneut ein Auto an ihm vorüber. Weil aus ihm keine schimpfende Frau sah, war das für ihn der Beweis, dass er sich nun richtig im Straßenverkehr verhalte.

In Hinterwald ist es egal, auf welcher Straßenseite man fährt. Ärger gibt es nur, wenn man Enten, Gänse oder Hühner gefährdet. Bruno wunderte es, dass hier kein Getier die Straße bevölkerte. Nur zwei Spatzen stritten auf dem Bürgersteig um Semmelkrümel, die ihnen ein  Mann zuwarf. Der aß eine Bockwurst. Bruno verspürte Hunger und war geneigt, den Esser zu fragen, ob der ihm das Wurstzipfelchen lasse.

Hinter dem Mann rief plötzlich ein anderer Mann: „Heiße Würstchen! Heiße Würstchen!“

Bruno lehnte sein Fahrrad an einen Baum, ging zum Rufer und sagte: „Angenehm! Ich heiße Bruno Buscheck!“

Der Bockwurstesser lachte und verschluckte sich. Er hustete und prustete so heftig, dass sein Kopf rot anlief. Bruno, dem als Kind eine kleine Pellkartoffel im Hals steckengeblieben war, wusste, wie zu helfen ist. Wie einst sein Vater ihm, so schlug er dem Mann auf den Rücken. Dem flog das Stück Bockwurst aus dem Mund. Erschöpft sank der Mann auf eine Bank, die neben der Bockwurstbude stand. Er dankte Bruno von ganzem Herzen und sagte, dass er ihm das Leben gerettet habe. Bruno wehrte bescheiden ab.

Darauf der Mann: „Keine falsche Bescheidenheit, mein Lieber. Vor zehn Jahren ist meine Cousine an einem Apfelsinenstück erstickt.“

Entsetzlich, dachte Bruno. In Hinterwald war noch kein Mensch an einem Apfelsinenstück erstickt. Ihm wurde bewusst, dass das Leben in einer Stadt nicht ungefährlich ist. Er nahm sein Fahrrad und wollte weiter.

Der Bockwurstesser hielt ihn zurück und sagte zum Imbissinhaber: „Otto, gib dem guten Menschen eine Wurst auf meine Rechnung!“

Bruno bedankte sich. Während er kaute, stellte er fest, dass in Schrunzhausen auch nette Menschen wohnen. Als er die Wurst verspeist hatte, erkundigte er sich bei beiden Männern nach dem Standort des Kreisverwaltungsamtes. Sie fragten ihn, was er da wolle. Er sagte es.

Bockwurst-Otto und der Bockwurst-Huster wunderten sich, dass ein Bürgermeister mit dem Fahrrad zu einer wichtigen Zusammenkunft fährt. Noch mehr wunderte es sie, dass Bruno zum ersten Mal in seinem Leben in Schrunzhausen war. Sie schüttelten ungläubig den Kopf, und Bruno fuhr davon.

Wie schon erwähnt, sah sich Bruno Buscheck nach Ende der Bürgermeisterberatung in der kleinen Kreisstadt um. Vieles gefiel ihm, Einiges nicht so sehr. So zum Beispiel, als ihn an einer Hausecke eine Frau fragte, ob er mit ihr schlafen wolle. Bruno guckte zur Nachmittagssonne und antwortete, dass es zum Schlafen noch zu früh sei. Außerdem schlafe er nur mit seiner Frau, weil der Herr Pfarrer stets mahne, ein fremdes Weib nicht zu begehren.

Bruno sah sich scheu um und flüsterte der Dame ins Ohr, dass der Pastor abwechselnd mit seiner Köchin und dem Stubenmädchen schlafe. Bruno kicherte und radelte weiter. Die Strichdame wollte noch wissen, wo der Pfarrer wohne, aber da war Bruno schon auf und davon.

Weniger harmlos erging es ihm in einem Schmuckladen. An dessen Schaufensterscheibe war in großen weißen Lettern zu lesen: ‚Zugreifen und mitnehmen!‘

Bruno tat danach. Als er mit einer silbernen Halskette das Geschäft verlassen wollte, wurde er vom Ladenbesitzer und dessen Gehilfen festgehalten. Beide bezichtigten ihn des Diebstahls und sagten böse, dass sie ihn der Polizei übergeben werden.

Bruno verstand nicht recht und ließ das die Männer wissen. Sie unterzogen Bruno einem Verhör. Sie erfuhren, dass Bruno die Kette seiner Gattin schenken wolle, weil sie so schön funkle. Beate trage seit Kindheitstagen eine bunte Perlenkette, die sie selbst gefädelt hatte.

Die Schmuckmänner erstaunte die naive Ehrlichkeit des Schmuckdiebes. Sie schenkten ihm eine silbern glänzende Halskette, die eine Aluminiumkette war. Von nun an war Brunos Stadt-Skepsis beseitigt und der Vorsatz gefestigt, Hinterwald zur Stadt zu machen.

Während des Heimradelns überdachte er die dazugehörigen Notwendigkeiten, vor allem die, den Hinterwaldern sein Ansinnen bewusst zu machen. Schon morgen Abend sollten die Einwohner zu einer Versammlung geladen sein, in der Bruno die Grundgedanken seiner Stadtidee erläutern wollte.

Dass dieser Vorgang auf fruchtbaren Boden fallen könnte, erfuhr Buscheck bereits in den eigenen vier Wänden. Seine Gattin Beate überschüttete er mit seinen Stadterlebnissen. Als er die Frau erwähnte, die mit ihm schlafen wollte, wurde Beate unfreundlich. Sie meinte, dass er das Angebot hätte annehmen sollen, da ihn die Radreise sicherlich müde gemacht hatte. Das hätte die Frau wohl gesehen. Bruno solle in den nächsten Tagen noch einmal in die Stadt radeln und erkunden, wo die Frau wohne. Sie müsse er unbedingt hierher einladen. Eine so edle und hilfsbereite Frau könne Beates Freundin werden.

Bruno versprach das zu tun. Dann zog er als Überraschung die Aluminiumhalskette aus seiner Aktentasche.
Beate war sprachlos. Deshalb nahm sich Bruno vor, vom nächsten Stadtbesuch noch eine Kette mitzubringen.

Bruno Buscheck spricht beim Pfarrer vor

Am nächsten Morgen begab er sich zum Pfarrer Gottestreu. Ihm wollte er klar machen, dass Hinterwald Stadt werden müsse. Er ahnte, dass der Ortsgeistliche schärfsten Widerspruch einlegen würde. Mit überzeugenden Argumenten, die Bruno in der Nacht ersonnen hatte, wollte er dessen Widerreden entkräften. Seiner Gattin Beate hatte er beim Frühstückskaffee gesagt, dass es doch möglich sein müsse, den Gottesdiener ein einziges Mal zu überzeugen.

Hinterwalds Bürger kannten den Starrsinn des Pastors. Deshalb belästigte ihn niemand mit persönlichen oder politischen Problemen.

Als Bruno kurz vor 9 Uhr Morgens an die Haustür des Dorfheiligen klopfte, schaute dessen Stubenmädchen gähnend aus dem Fenster und fragte träge, was der Bürgermeister in aller Herrgottsfrühe hier wolle.

Bruno, den die kesse Frage der Beischläferin erboste, sagte grob: „Mach` sofort auf, du Teufelsbraten!“

Das Stubenmädchen kreischte, als hätte ihr der Leibhaftige unter den Rock gefasst. Ihr Kopf verschwand aus dem Fenster, und Bruno hörte, wie sie drinnen schrie: „Gottfried, strafe den Ungläubigen, er hat meine reine Mädchenseele befleckt!“

Gottfried Gottestreu schlurfte herbei, guckte verschlafen aus dem Fenster und grummelte: „Was führt dich zu nachtschlafender Zeit zu mir, Bruno?“

Vom nahen Kirchturm schlug die Uhr neun Mal.

Gottestreu renkte den Hals aus dem Fenster, um das Zifferblatt zu sehen, und sagte dann müde: „Wie doch die Zeit vergeht. Der Herrgott lässt die Uhren eilen und mit ihnen die Zeiger unseres Lebens.“

Bruno nickte und dachte sich dabei, dass die Zeiger der Kirchturmuhr wieder mal Farbe brauchten.

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