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Stadt Land Russ'

Michael Rudolf

Kay Sokolowsky

F. W. Bernstein

Stadt Land Russ‘

Geschichten aus der

Fränkischen Schweiz

Ausgewählt und mit einleitenden Worten
versehen von Gert Ockert und Holger Sudau

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Inhalt

Frankenkarte

Zum Geleit

Teil I: Land und Leute

Teil II: Liebe und Leid

Teil III: Listen und Laster

Anhang

Apokryphe=Anekdoten

Fränkische Chronik

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Zum Geleit

Die Weltgeschichte hat keinen Platz für die Namenlosen. Wir kennen den Pharao Cheops und sein ewiges Grabmal. Doch nichts wissen wir über den Steinmetz, der Granitquader brach, bis seine Hand unter afrikanischer Sonne verdorrte. Geht es ums Alte Rom, rühmt man das Feldherrengenie des Caesar. Aber den schlichten Landmann, der die Ähre Jahr um Jahr von den Legionen zertrampelt sah, den hat die Menschheit vergessen. Wenig, ohne Zweifel, wäre Karl der Große gewesen ohne Karl den Kleinen. Doch nicht nach diesem ist der Karlspreis benannt.

Dem Totschweigen des einfachen Menschen entgegenzuwirken, ist Aufgabe der Heimat- und Volkskunde. Erst sie verhilft dazu, das Fürchterliche und das Schöne, das Einzigartige und das Immergleiche im Wirken der großen Mächte auf die Ohnmächtigen zu erkennen. Zugleich enthüllt der Volkskundler, wie die Reaktionen der kleinen Leute auf das Tun der Großen sich summieren, bis die Pläne der Starken am Widerstand der Schwachen zuschanden werden. Was behutsame Forschung, was Oral history und Dachstuben-Archäologie in den Regionen und Lokalen zu Tage gefördert haben, fließt dank langer, zäher, von vielen Rückschlägen geprägter Pionierarbeit inzwischen, endlich, auch in die »große« Geschichtsschreibung ein. Epochen, die wir längst zu kennen glaubten, sprechen plötzlich mit ganz neuem Klang zu uns, Landstriche, die uns vertraut anmuteten wie das eigene Spiegelbild, leuchten auf in taufrischem Glanz – und zeigen sich gleich danach getrübt von Schatten.

So auch die Fränkische Schweiz. Im Norden vom Main, im Westen von der Regnitz, im Osten von der Pegnitz und im Süden von einer gedachten Linie zwischen Nürnberg und Plech begrenzt, rühmt sich die Gegend ihrer Ackerböden, Forellenbäche und Obsthügel, ihrer trefflichen Biere und saftigen Schnitzel. Seit die Dichter Tieck und Wackenroder im Jahre 1793 von Erlangen aus die seinerzeit noch »Muggendorfer Gebürg« genannte Provinz bereisten und coram publico als ein Muster romantischer Idylle anschwärmten, hat sie sich zu einem der populärsten Urlaubsziele Deutschlands entwickelt. Und den meisten Touristen mag es beim Wandern durch die sanften Auen und kühlen Wälder wohl gehen wie dem Dichter Jean Paul: »Hier läuft der Weg von einem Paradies durchs andere.«

Die Einwohner dieses »Paradieses« allerdings wirken oft, als seien sie sich gar nicht bewußt, wo sie zu Hause sind. Eine eigenartige Wortkargheit und Verschlossenheit haftet ihrem Charakter an. Was vielen Besuchern der Fränkischen Schweiz als Verstocktheit, wo nicht gar Misanthropie erscheint, hat jedoch tiefere und durchaus tragische Gründe. Von ihnen handelt dieses Buch.

Im Jahr 2000 fanden der vogtländische Heimatkundler Michael Rudolf und sein im hamburgischen Raum tätiger Kollege Kay Sokolowsky sich zu einem Kolloqium im Dorf Aufseß bei Ebermannstadt ein. Rudolf, Spezialist für lokale Bierphilosophie, und Sokolowsky, altgedienter Gaststättensoziograph, wählten das Örtchen nicht zufällig aus. Nirgendwo in der Welt kommen so viele Brauereien – vier an der Zahl – auf so wenige Einwohner (1.500). Wie in einem Mikrokosmos konzentrierten sich für die Forscher hier die Schwerpunkte ihrer Studien.

Schon bald allerdings bemerkten die Wissenschaftler, daß in und um Aufseß nicht einfach »die Zeit stehen geblieben« ist. Vielmehr schien die Zeit hier eingefroren, als gelte es, einen Zustand zu erhalten, der über ungezählte Jahre hinweg gefährdet gewesen ist. Die kunstvoll geschnitzten, mannshohen Kruzifixe, die fast jedes Haus und an den Wanderwegen schier jeden Baum beschirmen, künden, argwöhnten Sokolowsky und Rudolf, nicht allein von der Macht des Volksglaubens. »Wir fühlten uns«, berichtet der Vogtländer, »an Vogelscheuchen erinnert – man möge die Blasphemie vergeben. Offenbar soll hier eine Plage, ein Grauen abgeschreckt werden, das die blühenden Ländereien ständig bedroht.« Und der Hamburger ergänzt: »Daß der Frankenschweizer vornehmlich den leidenden und nicht den triumphierenden Christus darstellt, deutet auf ein tief verwurzeltes Trauma hin. Doch die Literatur redet nirgendwo von einer Katastrophe, die geeignet gewesen wäre, sich den Eingeborenen so gründlich, über viele Generationen hinweg, einzuprägen.«

Um welchen Schicksalsschlag mag es sich also gehandelt haben? Weder der Dreißigjährige noch der Zweite Weltkrieg, weder Pest noch Cholera hatten in der Fränkischen Schweiz nennenswerten Aufenthalt. »Doch nicht«, notiert Rudolf, »weil Gottes Hand schützend über dem Landstrich lag. Sondern weil ein ganz anderes Unheil die Gegend längst verheert hatte.« Und Sokolowsky fügt hinzu: »Es kann der Friede kein Dauergast gewesen sein, wo sich auf derart geringem Raum nicht weniger als 170 Zwingfesten drängen.« Warum aber schweigt sich die offizielle Historiographie aus über ein Inferno, welches solche Spuren hinterließ?

Das ursprünglich als heitere Landpartie geplante Kolloqium wuchs rasch aus zu ebenso engagierter wie mühevoller Detektivarbeit. Nicht leicht nämlich fiel es, die vom Tourismus abhängigen Einheimischen dahin zu bewegen, das trügerische Bild des »Paradieses« zu korrigieren. Mannigfache Proben ihrer Trinkfestigkeit und ihres Schnitzelappetits mußten Rudolf und Sokolowsky ablegen, ehe sie das Vertrauen der fränkischen Schweizer gewinnen konnten. Allein ihren »Roßnaturen«, wie Rudolf ironisch bemerkt, verdankten sie es, irgendwann doch mit den Dorfältesten ins gewünschte Gespräch zu kommen. Zahllose Kellerbiere, Obstler, Wurstplatten und Doppelkopfrunden waren nötig, um auch nur ein Tagebuch aus altvorderer Zeit besichtigen, bloß eine Geschichte aus dem zahnlosen Mund des Urgroßmütterleins hören zu dürfen.

Je mehr Alteingesessene jedoch den Forschern Vertrauen schenkten, desto schneller verbreitete sich deren guter Ruf – ein in der Ethnologie nicht unbekanntes Phänomen. Bald tat man überall zwischen Litzendorf und Ahorntal, Plankenfels und Bubenreuth die Rathausarchive, Taufregister, Familientruhen und zumal die Seelen auf. Was da herauskam, gilt in Fachkreisen schlicht als Sensation.

Sokolowsky und Rudolf hatten richtig vermutet: Die Leidensbilder am Straßenrand, die Burgruinen auf den Bergkuppen, die sprichwörtliche Maulfaulheit der fränkischen Schweizer sind Indizien uralter Schrecken. Doch eine zweifelhafte »Entspannungsdiplomatie« mit ihren Spielchen von Camouflage und Deckelei, die o. a. Ignoranz der »großen« Geschichtsschreibung sowie die »traumatisch bedingte« (Sokolowsky) Schweigsamkeit der Eingeborenen haben eine der dramatischsten Episoden mitteleuropäischer Historie aus den Archiven gelöscht. Nur die konsequente, auch unter persönlichen Opfern erbrachte Anwendung der Grundsätze von Oral history vermochte der Dunkelmännerei vieler Jahre den Garaus zu bereiten.

Wie wir dank Rudolf und Sokolowsky nun wissen, ist die Fränkische Schweiz seit Abschluß des Westfälischen Friedens das begehrteste Objekt russischer Großmachtpolitik gewesen. Immer und immer wieder setzten die Zaren ihre Heere in Bewegung, um das »Paradies« zu gewinnen oder wenigstens auszuplündern. Seit Peter der Große auf seiner Rundreise durchs westliche Europa auch den »Gottesgarten« (Victor v. Scheffel) erspäht hatte, richteten sich die Gelüste der Herrscher wie ihrer Leibeigenen insonderheit auf dieses friedvolle Gebiet, auf seine üppigen Feldfrüchte und Handwerksgaben.

Im Stich gelassen von feigen Landesfürsten, mußten die schweizer Franken sich ein ums andre Mal auf eigene Faust der Invasoren erwehren. Dies gelang ihnen mit derselben Beharrlichkeit und Bauernschläue, die ihnen heute dazu dient, Reisende mit »Wellness-Wanderpfaden« oder »Riesenschnitzeln« zu betören und übers Ohr zu hauen. Es seien Tücke und List ihnen verziehen.

Denn was Fabeln und Anekdoten, Märchen und Lieder erzählen, läßt schier unglaublich erscheinen, daß der fränkische Schweizer überhaupt noch »Auswärtige« in seinem Bezirk dulden mag und nicht sogleich mit Pike und Muskete vertreibt. »Vielleicht«, spekuliert Rudolf, »hat die außerordentliche Qualität des hiesigen Biers die Eingeborenen zu einer generell milden Denkungsart erzogen.« Sokolowsky hingegen führt die fehlende Feindseligkeit (von gewisser »Fremdelei« abgesehen) auf die bevorzugte Beschäftigung der Bevölkerung zurück: »Wer nichts schöneres weiß, als das Selbstgebraute zu trinken, das Selbstgeschlachtete zu verspeisen und die selbstgeschnitzte Angel auszuwerfen, der greift nun einmal nur in ungemeiner Not zur Waffe. Trotz allem.«

Inzwischen tobt in der einschlägigen Wissenschaft eine hitzige Fehde um die bahnbrechenden Erkenntnisse. Als »plumpe Augenwischerei«, »trunkenes Geschwätz« und »blanke Erfindung« denunzieren die Vertreter traditionell-bornierter Heimatkunde, was Sokolowsky und Rudolf seit 2002 in Fachorganen wie »Konkret« und »Junge Welt« ans Licht der Öffentlichkeit gefördert haben. Auch das Kultusministerium des Freistaats Bayern verweigert den beiden Pionieren bis heute jegliche Unterstützung bei der Introspektion weiterer Geheimnisse der Fränkischen Schweiz. Der Kleinkrieg um Mittel, um Worte und nicht zuletzt um den eigenen Ruf hat das Forscher-Duo jedoch bis heute nicht zermürben können. Emsig graben sie weiter nach Dokumenten, Mythen und Bräuchen, die ihre These zu stützen vermögen. Ob Heiligenstadt oder Pottenstein: Kein Ort scheint ihnen zu unbedeutend, kein Interviewpartner zu dubios, als daß sie jenem und diesem nicht ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Nerven widmen möchten.

Da der immense Aufwand der Feldforschung Rudolf und Sokolowsky selten die Muße läßt, außerhalb wissenschaftlicher Publikationen von ihren Kenntnissen reden zu machen, baten sie uns, die Herausgeber, eine Lesefibel mit den schönsten Mären aus der Fränkischen Schweiz zu veranstalten.

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