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Springflut

Max von der Grün

Springflut

Roman

Mit weiteren Texten
von Max von der Grün

und einem Nachwort
von Hugo Ernst Käufer

PENDRAGON

Inhalt

Springflut

Stephan Reinhardt, Moralische Integrität inmitten gesellschaftlicher Zwänge

Max von der Grün, Weidmannsheil

Max von der Grün, Im Osten nichts Neues

Max von der Grün, Kinder sind immer Erben

Nachwort von Hugo Ernst Käufer

Editorische Notiz

Springflut

Der Sturm peitschte den Regen gegen das breite Wohnzimmerfenster. Er prasselte, als würden Millionen Glaskügelchen gegen die Scheibe geschleudert. Irene beobachtete das Fenster mit großer Sorge, sie fürchtete, die teure Thermopenscheibe könnte unter diesem Getrommel zerbersten.

Nach den Hundstagen hätte der Regen für das Land Labsal sein können, wäre er ohne diesen Sturm gekommen, der die Rosen knickte und die Geranien köpfte.

Als die Sonne die Wolken wieder teilte, öffnete ich die Terrassentür, um frische Luft in das stickige Wohnzimmer zu lassen, ich wollte die Schäden prüfen, die das Unwetter im Garten hinterlassen hatte.

Ein fremder Mann stand im Garten, er war in einen grünen Regenumhang gehüllt, der Kopf steckte unter einer Kapuze; an seiner rechten Schulter hing eine braune Wildledertasche, unter dem Regenumhang trug er eine braune Cordhose und braune halbhohe Schnürschuhe. Er stand einfach da und schaute sich um, als gehörte der Garten ihm.

Er bemerkte mich und hob kurz den rechten Arm, er winkte, so wie sich Nachbarn zuwinken, die zeigen wollen, dass sie einander wahrgenommen haben.

Er schob mit beiden Händen die Kapuze in den Nacken, und ich blickte in das Gesicht eines etwa fünfzigjährigen Mannes; er hatte volles, halblanges grau meliertes Haar.

Zornig trat ich auf den Fremden zu, um ihm zu sagen, er solle mein Grundstück unverzüglich verlassen. Aber als ich nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt war, sagte der Fremde, freundlich auf die verwüsteten Dahlien weisend: »Sie hätten sie stützen und zusammenbinden müssen.«

Ich war sprachlos und überlegte, wie der Fremde in meinen Garten gekommen war: Nach vorne waren Haus und Garage immer verschlossen, hinten begrenzte ein beinahe zwei Meter hoher Maschendrahtzaun das Grundstück, nur ein durchtrainierter Mensch wäre fähig, ihn zu überklettern; seit zwanzig Jahren war das noch nie vorgekommen.

Zögernd trat ich noch zwei Schritte auf den Mann zu. Der schüttelte sich wie ein Hund, wenn er aus dem Wasser kommt; aber seinen Regenumhang nahm er nicht ab, obwohl es plötzlich, wie nach solchen Wettern im August fast immer, stechend heiß geworden war.

Ich erkannte ein sympathisches Gesicht, seine Augen blinzelten listig, und sein verlegen wirkendes Lächeln erweckte Vertrauen; aber als ich wieder einen Schritt näher treten wollte, sagte der Fremde: »Bleiben Sie stehen … Sie hätten die Dahlien stützen und zusammenbinden müssen. Haben Sie nicht den Wetterbericht gehört? Es war Sturm angesagt.«

Der Fremde sprach ein überkorrektes Deutsch, das den gebildeten Ausländer verriet. Wieder schaute er sich um, als gehörte ihm der Garten, ich stand gelähmt und fragte mich: Was will er? Wie kam er hier herein? Dann forderte der Fremde entschieden: »Gehen Sie ins Haus und machen Sie mir Kaffee und zwei belegte Brote, am besten mit Wurst. Wenn Sie die nicht haben, bin ich auch mit Käse zufrieden. Ich warte hier auf Sie.«

Ich nickte und gehorchte widerspruchslos. In der Küche, während ich den Kaffee in eine Thermoskanne filterte und zwei Scheiben Brot mit Salami belegte, dachte ich: Was will er? Warum gehorche ich ihm und jage ihn nicht fort? Warum rufe ich nicht die Polizei? Auf einem Tablett trug ich Thermoskanne, Tasse und Brote auf die Terrasse und stellte alles auf dem noch nassen Gartentisch ab. Der Fremde nickte freundlich und kam langsam auf mich zu, wie selbstverständlich setzte er sich mit seinem Regenumhang auf die Gartenbank und bedeutete mir mit der Hand, ich solle mich zu ihm setzen. Aber als ich mich auf einen der nassen Stühle setzen wollte, sagte er mit vollem Mund: »Gehen Sie bitte ins Haus, ich rufe Sie dann.«

Wieder gehorchte ich und schloss die Terrassentür hinter mir, ich sah dem Mann durchs Fenster zu, wie er aß und trank. Er aß langsam, kaute bedächtig, saß da wie ein Mensch, der mit sich zufrieden war und unendlich viel Zeit hatte. Manchmal blickte er auf und lächelte mir zu, eher unschuldig, auch ein wenig verlegen.

Ein Landstreicher ist er nicht, das war mir klar, aber was soll dieser Auftritt in meinem Garten, schließlich leben wir in einem Land und zu einer Zeit, wo jeder Essen hat und ein Dach über dem Kopf. Weiß der Teufel, wie er in meinen Garten gekommen ist, bei diesem Sturm.

Als er mit seiner Mahlzeit fertig war, öffnete er den Regenumhang, eine braune Cordjacke kam zum Vorschein, darunter ein blaues Hemd und eine fliederfarbene Krawatte. Mit einem Taschentuch wischte er seine Hände ab und nickte mir durch die Scheibe zu, er deutete auf die Kaffeetasse und streckte den rechten Daumen nach oben, wohl ein Zeichen, dass ihm der Kaffee geschmeckt hatte.

Irene war neben mich getreten, ich bemerkte sie erst, als sie ihre Hand auf meine rechte Schulter legte, sie fragte leise und verschüchtert: »Thomas, mein Gott, wer ist dieser Mann? Was hat er auf unserer Terrasse zu suchen.«

»Ich weiß nicht.«

»Du weißt es nicht? Aber …«

»Sei still.«

Der Fremde winkte mich nach draußen, dort bat er mich mit einer leichten Handbewegung, auf der inzwischen trockenen Bank neben ihm Platz zu nehmen. Wortlos entnahm er einer abgegriffenen Brieftasche ein Farbphoto und gab es mir: eine schöne, etwa fünfundzwanzigjährige Frau, lächelnd, das rötlich schimmernde Haar fiel ihr bis auf die Brust; sie strahlte eine starke Sinnlichkeit aus, verführerisch. Als ich den Fremden ratlos ansah, sagte er nach einer Weile: »Sie heißt Klara. Sind Sie ihr schon einmal begegnet?«

Er nahm mir das Bild aus der Hand und steckte es wieder in seine Brieftasche, dabei betrachtete er mich aufmerksam, und als er mich lange genug prüfend angeschaut hatte, sagte er in seinem überkorrekten Deutsch: »Klara kommt aus Polen, aus Gnesen. Sie kennen doch eine Frau Fuchs?«

Der Mann musste ein Irrer sein, oder er redete irre; langsam gewann ich meine Fassung zurück und wurde wütend.

»Hören Sie, in dieser großen Stadt gibt es viele Menschen, die Fuchs heißen. Was wollen Sie? Ich kann nicht alle Füchse kennen.«

Auf der Straße vor meinem Haus knallte eine Autotür, und ich glaubte zu wissen, wer aus dem Wagen gestiegen war.

»Ja, es gibt viele, die Fuchs heißen, ich habe im Telefonbuch nachgeschlagen. Klara wollte zu dieser Frau Fuchs. Bei der ist sie nicht. Aber ich weiß mit Bestimmtheit, dass sie hier in dieser Stadt ist. Sie sind Journalist, Sie wissen mehr als andere. Ich suche diese Klara.«

»Hören Sie mal, Sie tauchen hier auf und fragen mich Sachen, die ich unmöglich wissen kann. Wer sind Sie? Was wollen Sie eigentlich?«

»Ein Mann aus Gnesen, der seine Stieftochter sucht. Ich empfehle mich, wir werden uns bestimmt wiedersehen.«

Der Mann erhob sich langsam und winkte mir beim Fortgehen lässig zu, er ging auf dem mit gerippten Betonplatten ausgelegten Gartenweg bedächtig Richtung Straße, wo der Maschendrahtzaun mein Grundstück sicherte; in dem war aber kein Durchlass. Von meinem Platz aus konnte ich den vierzig Meter langen Weg nicht einsehen, die buschigen, fast mannshohen Hortensiensträucher versperrten die Sicht. Ich lief hinter dem Fremden her, durch den Garten bis zum Zaun an der Straße. Der Fremde war verschwunden. Am Zaun, den ich gründlich untersuchte, fand ich nichts, weder Beschädigungen noch verbogene Maschen. Verdammt, ein Mensch kann doch nicht fliegen oder aus dem Stand über einen zwei Meter hohen Drahtzaun springen.

Mein Nachbar auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte meine gründliche Untersuchung anscheinend aufmerksam verfolgt, denn er kam über die Straße und fragte: »Ist etwas nicht in Ordnung, Herr Koch?«

»Was soll sein?«

»Nur eine Frage, weil Sie Ihren Zaun so aufmerksam abgesucht haben.«

»Ich habe nur geguckt, ob der Sturm noch weitere Schäden im Garten angerichtet hat.«

»Schlimm. Meine Blumen sind alle hin.«

Er schlenderte in seinen Vorgarten zurück, und mir blieb nicht verborgen, dass er beim Aufräumen in seinem Garten ab und zu verstohlen zu mir herübersah. Ich war ratlos, von dem Fremden war nicht die geringste Spur zu entdecken.

Der Abendhimmel war plötzlich wolkenlos geworden, die Sonne brannte durch das Polohemd auf meine Haut. Besorgt ging ich ins Haus zurück und überlegte, wie ich Irene diese absonderliche Begegnung erklären könnte. Wie kam dieser Fremde auf unser Grundstück, und warum hatte ich ihn verköstigt? Das war gegen jede Vernunft, einen Eindringling nicht wegzujagen oder gar die Polizei zu rufen.

Durchs Garagentor sah ich auf dem Parkstreifen Günters grellgelben Ford mit der angeberischen, von der Heck- zur Frontseite gezurrten Antenne. Mir zog sich der Magen zusammen; unangenehme Auftritte standen bevor, Worte, die schmerzten, peinliche Augenblicke, denn meine Frau hing fast unterwürfig an den Lippen ihres Sohnes, sie sah ihm alles nach, auch wenn er ihr wieder mal Geld gestohlen hatte, aber das Wort stehlen vermied sie in diesem Zusammenhang, statt dessen sagte sie: Wenn er es nicht nötig hätte, würde er es nicht nehmen.

Ich gab mir einen Ruck, öffnete die Glastür und trat ins Wohnzimmer, und sofort ärgerte ich mich über das, was ich sah: Meine Frau saß Günter gegenüber und hielt seine Hände, als hätte Günter Trost und Zuspruch nötig, Irenes Augen klebten an Günters Lippen, nur wenn Günter zu klotzig aufschnitt, begann sie zu husten und drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.

»Auch mal wieder da?«, fragte ich, ohne eigentlich zu fragen. Ich kam mir gegenüber meinem angeheirateten Sohn oft hilflos, seinen Lügen und Aufschneidereien gegenüber wehrlos vor.

Günter war einsneunzig und breit wie ein Spind, er kleidete sich sportlich, wuschelige schwarze Haare kräuselten sich um sein längliches, nicht unsympathisches Gesicht, von seinen blauen Augen fühlten sich Frauen hingerissen; er rauchte nur ägyptische Zigaretten mit Goldmundstück, die Asche pflegte er mit dem linken Zeigefinger leger abzuschnippen.

Ich überlegte, ob ich mich dazusetzen oder mit einem Vorwand in mein Arbeitszimmer flüchten sollte, blieb aber vor dem breiten Fenster stehen und starrte gedankenlos in den Garten, weil ich mich nicht entscheiden konnte, und tat, als hörte ich nicht auf das Gespräch der beiden. Es war auch nichts Neues zu hören, seit Jahren wurden bei Günters Besuch dieselben Sätze gewechselt. Irene verzichtete nie auf ihre sanften Vorhaltungen: dass er endlich von dieser Frau lassen sollte, mit der er zusammenlebte, sich etwas Jüngeres suchen, was ihm bei seinem Aussehen weiß Gott nicht schwer fallen dürfte. Dabei wussten Irene und ich nichts über diese vierzigjährige Frau, die wir beide noch nie zu Gesicht bekommen hatten, wir wussten nicht, ob sie Günter ernährte und kleidete, ihn womöglich verwöhnte, als wäre er ihr Kind; wie ich aber andeutungsweise von Günter erfahren hatte, ging er nie mit dieser Frau aus, verreiste nie mit ihr an Wochenenden, lieber saß er Abend für Abend bei ihr zu Hause – ich vermutete, er schämte sich mit ihr in der Öffentlichkeit, weil der Altersunterschied zu offensichtlich war, sie wahrscheinlich viel älter aussah, als sie in Wirklichkeit war, wie sonst wäre zu erklären, dass er sie versteckte.

Dann folgte Irenes ständiges Klagen: Hätte er doch das Abitur gemacht, dann müsste er heute keine schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs annehmen. Günter wiederholte stereotyp, warum er keinen Abschluss gemacht habe, Arbeitslose mit Abitur gebe es in Fülle, er wolle die Zahl nicht noch hochschrauben helfen …

Heute wurde das Ritual durchbrochen, Günter fragte mich unvermittelt: »Was habe ich da gehört, Thomas, du verpflegst in Mutters Garten neuerdings Landstreicher? Mit Kaffee und belegten Broten? Thomas, der barmherzige Samariter steht dir nicht. Was bezweckst du eigentlich mit deinen Samariterdiensten, was willst du denn für dich herausschinden, du tust doch sonst nichts ohne Bezahlung.«

Er sagte absichtlich: Mutters Garten, Mutters Haus, Mutters Möbel, alles Mutters. Damit wollte er mich provozieren; denn alles gehörte mir, war bis zum letzten Nagel mein Eigentum, ich hatte das Haus mit Inventar und Grundstück vor zwanzig Jahren von meinem Onkel Franz geerbt, obwohl der mir zu seinen Lebzeiten fremd geblieben war und ich ihn bis zu seinem plötzlichen Tod allenfalls drei- oder viermal und dann auch nur jeweils ein paar Stunden gesehen und gesprochen hatte, wenn er seinen Bruder, meinen Vater, besuchte. Onkel Franz wiederum hatte dieses Haus von seiner Frau geerbt, die ein Jahr nach der Hochzeit bei der Geburt ihres Kindes gestorben war und das Kind mit sich genommen hatte. Sie war, so erzählte man sich, eine lebenslustige, ungewöhnlich aparte Frau; sie stammte aus einer Familie, die seit hundertfünfzig Jahren Eisenhandel en gros betrieb und die, wenn auch nicht reich, so doch wohlhabend war. Onkel Franz war in der Firma seines Schwiegervaters Prokurist gewesen und hatte nicht wieder geheiratet. Das Haus, das er mir vermacht hatte, war eine solide Villa, ich habe sie später innen nach meinem und Irenes Geschmack umgebaut. Onkel Franz starb 1968 an einem Herzinfarkt, als er im Auto zum Flughafen nach Münster unterwegs war, knapp sechzig Jahre alt.

Günter reizte mich bewusst, weil er hoffte, ich würde ihn körperlich angehen, wie vor zehn Jahren, als er zum ersten Mal Geld aus Irenes Handtasche gestohlen hatte; obwohl ich ihn damals auf frischer Tat ertappte, log er mir frech ins Gesicht, und nachdem ich ihm die beiden Zwanzigmarkscheine aus der Hand gewunden hatte, brachte er sie mit einer geschickten Handbewegung wieder an sich, zerriss sie in kleine Schnipsel und warf sie mir vor die Füße, trampelte darauf herum und schrie: »Wenn ich sie nicht haben darf, dann sollst du sie auch nicht haben.«

Damals hatte ich hart zugeschlagen. Erst als er aus Mund und Nase blutete, war mir bewusst geworden, welche Kraft mir meine Wut verliehen hatte, welcher Hass in meinen Schlägen lag.

Seit jener Zeit lauerte er darauf, dass ich mich noch einmal hinreißen ließe, aber ich wusste, dass er mir körperlich inzwischen längst überlegen war, er besaß, trotz seiner Länge, eine katzenhafte Sprungkraft, und er hätte nur eine leichte Körperbewegung machen müssen, um mich aus dem Fenster zu schleudern.

Den Gefallen würde ich ihm nicht tun, auch wenn ich mich manchmal sehr zusammenreißen musste. Heute, mit meinen fünfzig Jahren, bin ich gelassener, die Arbeit in der Redaktion hat mich abgebrüht, kaum noch einem gelingt es, mich zu reizen. Ob Günter etwas im Kopf hatte, konnte ich nicht beurteilen, aber er hatte eine imposante Statur und ein Gesicht, dessen Lächeln Überlegenheit nur vortäuschte, das insbesondere Frauen für Überlegenheit hielten. Günter konnte mich nicht mehr täuschen, seine Souveränität war bloß Kulisse vor Leere und Zynismus; er war der Typ, auf den alle Frauen flogen, waren sie nun vierzig oder vierzehn Jahre. Er wusste das und genoss es.

Ich drehte mich um, er saß da wie ein gehorsamer unschuldiger Sohn, die feine ovale Zigarette in der rechten Hand, er strahlte seine Mutter an und nickte beifällig zu allem, was sie sagte. Mit zunehmender Freundlichkeit sah er zu mir hoch, als hätte es zwischen uns nie einen Streit gegeben. Wenn er so lächelte, das wusste ich aus leidvoller Erfahrung, heckte er eine Schurkerei aus.

»Ja, es geschehen manchmal wunderliche Dinge«, erwiderte ich, um die peinliche Wortlosigkeit zu überbrücken.

»Vor allem wenn man selber immer wunderlicher wird«, antwortete er und grinste wie ein Sieger. Ich hätte ihn dafür umbringen können.

Meine Frau flehte: »Junge, auch wenn ich dich nerve mit meinen Ermahnungen, such dir endlich eine geregelte Arbeit. Wenn du dich ernsthaft bemühst, findest du auch was. Schämst du dich denn nicht, dich von einer älteren Frau aushalten zu lassen?«

Er lachte laut auf. Das war kein aufgesetztes, nicht sein einstudiertes Lachen, das war echt. Er zog seine linke Hand aus den Händen seiner Mutter und klatschte sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel, dabei fiel seine Zigarette auf den Teppich; Irene hob sie auf und legte sie wie eine Reliquie in den Aschenbecher.

»Sei doch nicht altmodisch, Mama, dafür bist du noch nicht alt genug. Warum sollen denn nur die Männer die Frauen ernähren? Weil das seit Bestehen der Menschheit so gewesen sein soll? Das bezweifle ich. Sie liebt mich, und diese Liebe hat nun mal, wie alles im Leben, ihren Preis. Ich spüle das Geschirr, ich wasche die Wäsche, ich putze die Wohnung, ich gehe einkaufen, ich koche und mache alle Besorgungen. Ist das vielleicht nichts?«

»Günter, das ist unter deinem Wert.«

Irene erhob sich und brachte aus der Küche eine Dose mit Konfekt.

»Mama, warum soll ich mir um Himmels willen eine Arbeit suchen? Wenn Thomas einmal das Zeitliche segnet, dann gehört sowieso alles dir und mir. Stimmt’s, Thomas?«

Dabei holte er mit den Armen weit aus, seine Geste schloss alles ein: Haus, Garten, Möbel, Bücher, Teppiche, Bilder und den Stickrahmen meiner Frau. Um nicht zu explodieren, trat ich auf die Terrasse, fast körperlich spürte ich sein unverschämtes Grinsen im Rücken.

Die Sonne stach, die Erde dampfte noch, und ich wünschte mir plötzlich, der sonderbare Fremde käme zurück und bäte mich um Kaffee und belegte Brote.

Mein Nachbar Berg, ein pensionierter Studienrat, kniete vor einem Rosenstrauch und schnitt die geknickten Stängel ab, dabei murmelte er vor sich hin.

Er sah mich nicht.

Ich hatte Irene aus Mitleid, Achtung und Respekt geheiratet, es war eine Mischung aus allem, auch Zuneigung, weniger Liebe oder gar Leidenschaft, schon gar nicht sexuelle. Dabei ist sie eine attraktive Frau.

Ihr Mann war einer meiner Kollegen in der Redaktion gewesen, Leiter der Lokalredaktion. Irene arbeitete dort als Telefonistin und Hilfssekretärin. Konrad Gruber, so alt wie ich, starb vier Monate nach einer Operation an Hodenkrebs, ein qualvoller Tod, am Ende wirkten keine schmerzstillenden Mittel mehr, nicht einmal Morphium. 1973 war Konrad Gruber erst fünfunddreißig Jahre alt, Irene dreißig und ihr Sohn Günter zehn. Günter ging nach der Schule, wenn Irene Dienst hatte, zu ihren Eltern.

Bevor ich Irene heiratete, hatte ich kein festes Verhältnis mit einer Frau gehabt, es gab nur sexuelle Episoden. Kann sein, dass ich Irene auch nur geheiratet habe, weil ich meines im Grunde nichtssagenden Lebens überdrüssig geworden war und mich die morgendlichen Fragen meiner Kollegen anödeten: Na, Thomas, wen hast du denn gestern Nacht übers Bett gezogen?

Es gab genug attraktive Frauen in unserer Redaktion, die ungeduldig darauf warteten, endlich in ein gemachtes Bett gezogen zu werden, um so die ungeliebte Büroarbeit an den Nagel hängen und nur noch Hausfrau sein zu dürfen mit einem Stall voller Kinder, nicht alle Frauen liebten die Emanzipation, verabscheuten sogar ihre Militanz. Aber Eheringe waren rar, und so manche, die sich in ein Bett hatte ziehen lassen, kochte bald wieder Kaffee für die Männer in der Redaktion.

Ich habe Irene so nicht haben wollen. Ich wäre mir schändlich vorgekommen. Außerdem empfand ich ihr gegenüber lange Zeit eine Scheu, die an Schüchternheit grenzte.

Ein halbes Jahr nach Konrad Grubers Tod ist sie mit ihrem Sohn zu mir gezogen, und ein halbes Jahr später haben wir geheiratet; erleichtert gab sie ihren Job auf und kümmerte sich nur noch um die Erziehung ihres Sohnes, um den Garten und um unser Haus. Das alles wurde kaum bemerkt von den Kollegen in der Redaktion. Ganz geheim zu halten war die Veränderung meiner Lebensumstände aber nicht, und als mich ein Kollege eines Tages darauf ansprach, spendierte ich ein paar Kästen Bier, ein paar Flaschen Sekt und ein bescheidenes kaltes Büffet; alle stießen auf mein Eheglück an, bewunderten meinen guten Geschmack und tuschelten hinter meinem Rücken. Einige mögen über meine Heirat verwundert gewesen sein, denn Irene galt vielen als nicht besonders intelligent, eher als naiv oder gar einfältig, was sie beileibe nicht war; sie äußerte sich nur vorsichtig, wenn sie um ihre Meinung gefragt wurde. Sie war praktisch und hasste überflüssiges Gerede, sie urteilte nicht gern über andere, und schon gar nicht über Kollegen im eigenen Betrieb.

Ich bereute die Verbindung mit Irene nicht. Erst als die Streitereien mit Günter begannen, kam es auch zwischen Irene und mir zu Zwistigkeiten. Und als ich bemerkte, dass Günter mich und seine Mutter bestahl, fingen die heftigen Auseinandersetzungen an, erst recht, als Günter die Schule abbrach und zu Hause rumlungerte. Es kam ihm nie in den Sinn, den Rasen zu mähen oder seiner Mutter im Haus oder im Garten an die Hand zu gehen. Seinetwegen gab es immer öfter Verstimmungen, später auch wortreichen Krach, weil Irene noch die rüdesten Handlungen ihres Sohnes zu entschuldigen versuchte; mein Groll wuchs, weil Irene ihren Sohn ständig in Schutz nahm, statt ihn zur Vernunft zu bringen.

Er wird sich die Hörner abstoßen, er ist ein Spätentwickler, versuchte sie mich zu beruhigen, doch ich war heilfroh, als er vor fünf Jahren, er war gerade zwanzig, unser Haus verließ. Plötzlich stand er mit zwei Koffern im Wohnzimmer: »Ich ziehe aus. Ich habe ein Verhältnis, da ziehe ich hin. Ich teile euch meine Adresse und meine neue Telefonnummer mit, wenn ich es für angebracht halte.«

Das war so unbeteiligt gesagt wie: »Ich gehe ins Kino.«

Seitdem bohrte es in mir, ob Irene nicht doch schon am nächsten Tag nachzuforschen begann, zu wem ihr Sohn gezogen war, sie wäre nicht Frau und Mutter gewesen, wenn das Verhältnis ihres Sohnes sie kaltgelassen, wenn sie nicht schon am nächsten Tag versucht hätte, die neue Bleibe ihres Sohnes auszukundschaften. Irgendwann musste sie diese Frau gesehen, deren Wohnung in Erfahrung gebracht haben, denn einige Wochen nach Günters Auszug, an einem Sonntag beim Frühstück, sagte sie unvermittelt: »Diese Frau könnte Günter zum Mann erziehen. Das Verhältnis darf keinesfalls von Dauer sein.«

Was mich an Günters Verbindung erstaunte, war, dass sie schon fünf Jahre hielt und Günter, wenn er uns besuchte, und er blieb selten länger als eine Stunde, gut über seine Freundin sprach, sofern er sie überhaupt erwähnte. Vielleicht sprach er ausführlicher mit seiner Mutter, und sie erzählte es mir nicht weiter, aber soweit ich es wusste, betrat er unser Haus nie, wenn ich abwesend war, wäre das doch der Fall gewesen, hätte sich Irene bestimmt irgendwann verplappert.

In meiner und Irenes Abwesenheit konnte Günter nicht in unser Haus. Eine Woche nach seinem Auszug hatte ich an allen Außentüren, einschließlich Garage und Gartentor, neue Schlösser einbauen lassen, weil Günter sich geweigert hatte, seine Schlüssel abzugeben, das Haus sei immerhin die Wohnung seiner Mutter und deshalb auch seine. Das entbehrte nicht einer gewissen Logik.

Aber ich blieb stur, mein Widerwille ihm gegenüber war stärker als alle Argumente, und erstmals herrschte ich Irene wütend an, als sie Günter in dieser Sache vorbehaltlos beipflichtete: »Thomas, du kannst doch nicht ernstlich verlangen, dass Günter ausgesperrt wird, er muss doch noch ungehindert sein Zuhause aufsuchen dürfen, schließlich hat er oben seine beiden Zimmer, er kann doch nicht wie ein Hausierer an der Tür klingeln, bis ihm geöffnet wird. Das geht zu weit.«

Nach diesem Streit wandte ich mich ab und stieg hoch in mein Arbeitszimmer, zog mich zurück in die vier Wände meines Reichs, die vom Fußboden bis zur Decke mit Bücherregalen zugebaut sind. Ich nahm die Zeitung, bei der ich seit fünfundzwanzig Jahren als Chefreporter arbeite, manchmal bin ich auch zuständig für besondere Ereignisse in der Stadt, und manchmal dränge ich mich auch danach, ohne Rücksicht darauf, dass ich andere verdränge.

Der »Tageskurier« war kein besonders seriöses Blatt. Er lebte vorwiegend von Klatsch und Tratsch und puschte noch die nüchternste Meldung zur Sensation hoch; immerhin war er eine Zeitung mit einer Auflage von dreihunderttausend, am Wochenende noch fünfzigtausend mehr, da gibt’s zum »Tageskurier« ein dickes Wochenendmagazin.

Manchmal schämte ich mich wegen unseres Blattes. Wo Betroffenheit, Ernst oder Protest angemessen wären, berichteten wir teilnahmslos, und obwohl ich unseren Betrieb schon seit Jahren durchschaute, spielte ich mit und schrieb banale Meldungen so zurecht, dass sie sensationell wirkten. Dafür wurde ich von Kollegen und Dr. Neuhoff, unserem Chefredakteur, gelobt; sie nannten mich den »sanften Schwindler«, weil ich es fertigbrachte, Nebensächlichkeiten Bedeutung unterzuschieben, Harmloses wichtig erscheinen zu lassen, ernste Dinge ins Komische zu ziehen und Tragisches zu verharmlosen.

Auch Dr. Ostermann, der Eigentümer und Herausgeber des »Tageskurier«, hatte mich in den vergangenen Jahren in Redaktionskonferenzen einige Male vor allen Kollegen gelobt, besonders wegen meiner Berichte über den Anschlag deutscher Terroristen auf die deutsche Botschaft in Stockholm; ich hatte die Terroristen als Kommunisten bezeichnet und behauptet, sie seien von Moskau gesteuert – niemand wollte dafür von mir einen Beweis, denn alle Leser schienen davon überzeugt, dass alles Böse auf der Welt nur aus Moskau komme.

Ich hatte damals in mehreren Folgen als Augenzeuge aus Stockholm berichtet, obwohl ich nie schwedischen Boden betreten hatte; ich saß zu Hause in meinem Arbeitszimmer und gab meine Berichte jeden Tag telefonisch durch, ich schrieb auf meine Weise, was ich im deutschen und britischen Rundfunk hörte oder abends im Fernsehen sah. Nicht so sehr die Fakten interessierten unsere Leser, sondern das, was ich hinzuerfand. An die Wand gegenüber meinem Schreibtisch hatte ich einen Stadtplan von Stockholm geheftet, und englische Zeitungen wie »Guardian« und »Times« lieferten mir zusätzliche Informationen und Kommentare, die ich als exklusiv verkaufte. Meine Artikel waren gefragt, der »Tageskurier« ging an den Kiosken weg wie warme Semmeln, ich saß zu Hause in meinem Arbeitszimmer und erfand eine Woche lang kleine schmückende Neuigkeiten. Alles ging gut, aber ich bin ziemlich sicher, dass der eine oder andere Kollege meinen Schwindel durchschaut hatte, wenn sie ihn auch nie beweisen konnten. Ich schämte mich nicht.

Mich stützte Dr. Ostermanns Belobigung, gegen die niemand etwas zu sagen wagte, denn Ostermann feuerte unter fadenscheinigen Vorwänden jeden, der auch nur den leisesten Zweifel an seiner Sach- und Menschenkenntnis erkennen ließ. Ostermann war ein absoluter Herrscher, aus dem Bilderbuch des 19. Jahrhunderts, und unser Chefredakteur, Dr. Neuhoff, war seine alles sanktionierende und exekutierende Kreatur. Neuhoff handelte reaktionärer, als Ostermann dachte. Neuhoff hatte mir einmal gesagt, als mich die Hetze anwiderte, die in unserem Blatt zeitweise gegen Asylanten betrieben wurde: »Kollege Koch, tun Sie alles, was Ostermann empfiehlt, dann ersparen Sie sich Ärger, und unsere Zeitung hält die Auflage. Schreiben Sie, was gefällt, meinetwegen auch frivol, und ab und zu lüstern, aber vor allem immer das, was Herr Ostermann denkt, dann bleiben Sie auf der Schokoladenseite. Bedenken Sie immer, wem der ›Tageskurier‹ gehört. Wenn Sie das beherzigen, dann sind Sie ein nützliches Mitglied unserer Redaktion.«

Ich habe es beherzigt.

Günter gegenüber blieb ich damals hart. Als die Handwerker kamen und alle Schlösser auswechselten, saß Irene in der Küche auf einem Hocker vor dem Herd und weinte tränenlos vor sich hin; später warf sie mir schluchzend vor: »Du hast dem Jungen sein Zuhause verbaut, du treibst ihn in die Arme dieser Frau.«

»Irene, ich habe ihn nicht gezwungen auszuziehen. Ich habe ihm sogar ein gebrauchtes Auto gekauft, damit er früh genug zu den Betrieben fahren konnte, die bei uns ihre Stellenangebote inserieren. Hätte ich ihm einen Porsche kaufen sollen? In der Stadt ist man im Stoßverkehr mit einem Fahrrad schneller. Begreif doch, Irene, er will nicht arbeiten. Und wer nicht will, den muss man erziehen, oder man muss ihn ziehen lassen. So wie er aussieht und auftritt, wird aus dem noch mal ein Zuhälter.«

»Wie kannst du nur so geschmacklos sein! Mein Gott, bei seiner Intelligenz wird er es noch zu etwas bringen.«

»Ich würde dir gerne glauben, Irene, aber erst, wenn ich es sehe.«

Insgeheim freute ich mich, dass Günter aus dem Hause war, auch wenn jetzt zwei Zimmer leer standen; aber es war auch leiser, Radio und Kassettenrecorder schwiegen. Zwar hatte ich wenig von dieser Dauerberieselung mitbekommen, weil ich die meiste Zeit in der Redaktion war, aber das reichte, ich empfand diese Musik im eigenen Haus als Terror, sie strapazierte meine Nerven und meine Geduld.

Doch fragte ich mich damals, um was Irene sich sorgen würde, wenn Günter einmal aus dem Haus wäre; denn ohne ihre Sorgen verwelkte sie wie eine Blume ohne Wasser.

Die Redaktionskonferenz leitete wie üblich Dr. Neuhoff, ein ständig unzufrieden dreinschauender Mann mit hochgezwirbeltem Schnurrbart, der ihn grimmig, aber zugleich auch etwas gütig aussehen ließ; vor dreißig Jahren hatte er einmal als Kulturredakteur bei einer SPD-Zeitung gearbeitet, als diese Partei noch Zeitungen hatte.

Seit fünfundzwanzig Jahren prägte er das Gesicht unseres »Tageskurier«. Heute war Dr. Neuhoff verschnupft, es war ihm anzusehen, dass er Fieber hatte, er war noch griesgrämiger als sonst, das hatte aber den Vorteil, dass er nur zuhörte und keinen seiner gefürchteten Monologe hielt. Es stand einiges zur Diskussion, allem voran die Flugkatastrophe auf dem amerikanischen Militärstützpunkt Ramstein, die Meldungen aus dem Fernschreiber überholten sich stündlich, jede Meldung erschlug die vorausgegangene. Erst war die Rede von zwanzig, dann dreißig, dann vierzig Toten, man sprach von Hunderten Verletzten, darunter viele Schwerverletzte, an deren Überleben gezweifelt wurde. Es war klar, dass dieses Unglück für die kommende Ausgabe eine fette, rot unterstrichene Schlagzeile abgab.

Egon Wolters, ein junger und, wie ich beobachtet hatte, vielversprechender Volontär, sagte leise zu mir, aber doch so, dass alle Kollegen es hören konnten: »Viel zu wenig Tote. Tausend wären besser gewesen. Bei vierzig geht man zur Tagesordnung über, bei tausend würde dieser Wahnsinn endlich aufhören.«

Auf einmal war es totenstill, als ob wir auf Befehl alle den Atem anhielten, alle sahen betreten zu Boden oder starrten auf die Schreibblöcke, die auf dem Konferenztisch lagen; in diesem Augenblick wusste ich, dass die meisten meiner Kollegen genau wie der junge Wolters dachten und nur deshalb bestürzt schwiegen, weil einer laut aussprach, was sie selbst nicht zu sagen wagten.

Dr. Neuhoff atmete hörbar tief durch und zischte durch die Zähne. Er blickte Wolters missbilligend an. »Das kann man natürlich nicht schreiben, junger Kollege, und das dürfen wir auch nicht, das darf man nicht einmal sagen, es ist schon unschicklich, das zu denken, Sie Nobody namens Wolters. Beherzigen Sie endlich die Leitlinien unserer Zeitung: Wir sind bedingungslos für die NATO. Das Schaufliegen in Ramstein war militärisch notwendig. Der ›Tageskurier‹ ist für Tiefflüge, die Verteidigung unseres Landes fordert von jedermann Opfer, gerade auch in Friedenszeiten. Was steht noch an? Ich muss nach Hause, mir geht es miserabel.«

Im Hafen war eine Frauenleiche aus dem Kanal gezogen worden, ein Photograph ist unterwegs.

Wieder Diskussionen um das Tempolimit auf unseren Autobahnen, natürlich sind wir im Interesse unserer Autoindustrie gegen Tempolimit, außerdem bekommen wir von der Autoindustrie fette Inserate.

Das Ansehen des Kanzlers sinkt, das bringen wir selbstverständlich auch, aber nicht, weil es der Wahrheit entspricht, sondern weil wir es uns als einzige Zeitung nicht leisten können, das Gegenteil zu behaupten.

Die Fußballnationalmannschaft läuft nicht auf Beinen, sondern auf Krücken, weil sich der Teamchef mehr für flotte Kleidung, Werbeverträge und wechselnde Freundinnen interessiert als für seine Kicker. Das muss im Sportteil groß herausgebracht werden, denn in diesem Falle geht es weniger um Fußball als um den Ruf der Nation.

Dann das Übliche im Kommunalbereich, das mich herzlich wenig interessierte; in einer Stadt wie der unseren mit sechshunderttausend Einwohnern kann man immer irgendetwas journalistisch hochziehen. Aber siebzehn Prozent Arbeitslose – an die hat man sich mittlerweile gewöhnt wie an das schlechte Wetter. Dr. Ostermann hatte nicht so Unrecht, wenn er seine Redakteure beschwor, nicht so viel über die Arbeitslosigkeit zu berichten, sonst könnte in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, dass die Arbeitslosen immer mehr würden, und schließlich sind wir ein regierungsfreundliches Blatt, aber auch der Stadtverwaltung gegenüber loyal, obwohl die Stadt seit Jahren mit absoluter Mehrheit von der SPD regiert wird. Wir müssen unseren Lesern täglich einhämmern, wie angenehm es ist, in dieser Stadt zu leben, frei nach einem Wort von Tucholsky: Im Norden unserer Stadt haben wir die See, und im Süden die Alpen. Wir pflegen auch zum Presseamt der Stadt ein gutes Verhältnis, aber natürlich ist der »Tageskurier« nicht so primitiv, für die Stadt Hofsängerei zu betreiben, wir setzen hinter städtische Verlautbarungen manchmal ein Fragezeichen. Wir dürfen da der Zustimmung unserer Leser sicher sein; aber allzu kritische Töne mögen sie nicht, sie würden das als Nestbeschmutzung empfinden.

Dem gerüffelten Egon Wolters begegnete ich eine Stunde nach Konferenzschluss in der Kantine, wo ich eine Tasse Kaffee trank. Während er sich Kaffee aus dem Automaten zapfte, sah er mich fragend an, und ich nickte ihm aufmunternd zu, irgendwie tat mir der arme Kerl leid. Er setzte sich, meiner stummen Aufforderung folgend, zu mir und schlürfte seine schwarze Brühe. Er wartete auf mein erstes Wort, ich gab mir Mühe, väterlich zu sein.

»Wenn man vorlaut ist, läuft man leicht auf, merken Sie sich das in Zukunft.« Ich hatte das in strengem Ton gesagt, ihm dabei aber zugeblinzelt.

Egon Wolters wirkte sympathisch, in seinen Augen spiegelte sich Unschuld. Er tat mir leid, weil er erst vor einem halben Jahr von der Universität zu uns gekommen war, vollgestopft mit nicht realisierbaren Theorien. Theorie und Praxis vertragen sich nur selten, schon gar nicht im Journalismus.

»Herr Koch, ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Die Toten und Verletzten von Ramstein sind doch selbst schuld, niemand hat sie gezwungen, da hinzugehen, und wenn man hingeht, muss man solche Unfälle mit einkalkulieren. Aber die Leute brauchen das Spektakel. Jetzt sind es schon über vierzig Tote und über dreihundert Verletzte, habe ich im Radio gehört.«

»Junger Freund, nicht alles, was stimmt, darf man auch sagen – und schon gar nicht schreiben. Hätte das Spektakel nicht stattgefunden, wären die Leute nicht hingegangen, stimmt. Aber merken Sie sich für die Zukunft: Die Leute rennen dorthin, wo ihnen Nervenkitzel versprochen wird, sie rennen dem Spektakel nach, weil ihr persönliches Leben ohne Spektakel verläuft. Wen wollen Sie denn verantwortlich machen. Den Veranstalter? Die Toten? Die haben ihren Tod unbewusst einkalkuliert, wie die Millionen Autofahrer, die jeden Tag hinters Steuer müssen, um zu ihrer Arbeit zu kommen.«

Egon Wolters sah mich forschend an und schlürfte wieder hörbar seinen Kaffee, dann setzte er die Tasse hart ab und stützte den Kopf auf seinen rechten Arm.

»Und darüber darf man nicht schreiben?« Er lächelte ungläubig.

»Vielleicht in einer anderen Zeitung, aber nicht bei uns, und wenn, dann so verschlüsselt, dass nur einige wenige helle Köpfe in der Lage sind, es zwischen den Zeilen herauszulesen. Unsere Zeitung hat vor allem Leser, die nur das Gedruckte verstehen. Für die ist das Gedruckte einfach die Wahrheit, wie die Bibel für gläubige Christen.«

»Finden Sie das richtig, Herr Koch? Sie sind doch kein heuriger Hase mehr, Sie gehören doch längst zum Inventar dieser Redaktion.«

»Junger Mann, es geht hier nicht darum, ob ich das richtig finde oder nicht, es geht darum, einmal geschaffene Normen zu respektieren. Wo kämen wir hin, wenn jeder schreiben wollte, was er denkt? Das wäre blanke Anarchie.«

»Aber das Grundgesetz …«

»Vergessen Sie das Grundgesetz, Herr Wolters, und erst recht Ihre Universität. Ich weiß, mit dem Grundgesetz hat man euch in den Seminaren gefüttert. Die Praxis aber sieht so aus, dass nur der alles sagen kann, der entweder die Macht hat oder das Geld. Und weil die nicht selber schreiben können, die Mächtigen und die Geldsäcke, engagieren sie sich Leute, die für sie schreiben, zum Beispiel Sie und mich.«

»Sie haben sich angepasst, Herr Koch, nicht wahr?«

»Sagen wir mal so: Ich will keinen Ärger, das Leben ist kurz, eine Hölle gibt es nicht, und der Himmel ist stinklangweilig.«

»Ich verstehe, Sie sind Zyniker geworden. Trotzdem, Sie könnten mir helfen, wenigstens einen Tipp geben: Ich soll für die übernächste Wochenendausgabe eine Buchbesprechung schreiben, drei Spalten.«

»Ja, das war schon zu meiner Zeit so, dass die Volontäre die Buchkritiken schrieben. Und? Verstehen Sie was von Literatur? Haben Sie Literatur gelesen oder nur Fachliteratur?«

»Ich habe Journalistik studiert.«

»Also keine Literatur gelesen? Gefällt Ihnen das Buch, das Sie rezensieren sollen?«

»Sehr. Ich habe es sogar zweimal gelesen.«

»Dann kann es nicht gut sein, weil Sie es das erste Mal nicht verstanden haben.«

»Im Gegenteil, ich habe es zweimal gelesen, weil es klug, unterhaltsam und vergnüglich war.«

»Hören Sie mal, Sie Universitätsverseuchter: Entweder ist ein Buch klug, dann ist es keinesfalls unterhaltsam, und wenn es unterhaltsam ist, kann es nicht klug sein. Das ist nun mal so in Deutschland. Wenn es klug ist, müssen Sie eine kluge Kritik schreiben, die wiederum von denen nicht verstanden wird, die das Buch unterhaltsam finden. Wenn das Buch unterhaltsam ist, müssen Sie es verreißen, weil die Gefahr besteht, dass es jeder versteht. Wie heißt denn der Autor?«

»Martin Kogelfranz.«

»Oje, der ist für unsere Zeitung seit zwanzig Jahren ein rotes Tuch, der ist so klug und unterhaltsam, dass er einfach geschlachtet werden muss.«

»Das kann ich nicht, das wäre gegenüber dem Autor unredlich.«

»Man hat Ihnen eine Falle gestellt, Herr Wolters. Wenn Sie den Autor und sein Buch loben, sind Ihre Tage hier in der Redaktion gezählt, weil Sie ganz einfach für dumm erklärt werden, und wer will sich schon mit einem dummen Redakteur abgeben.«

»Sie sind doch ein Zyniker.«

»Ich weiß. Aber trösten Sie sich, wenn Sie länger in dem Zoo hier arbeiten, so tituliert nämlich Frau Deist unsere Redaktion, dann werden Sie das zwangsläufig. Immerhin habe ich fast dreißig Jahre gebraucht, um so zu werden, wie Sie mich sehen. Was mich aber wirklich beunruhigt, ist, dass junge Leute heute schon als Zyniker von der Uni kommen. Schreiben Sie die Rezension, so wie Sie sie schreiben müssen. Riskieren Sie etwas, seien Sie ehrlich gegenüber Autor und Buch, Sie haben das Buch doch zweimal gelesen, weil es klug, unterhaltsam und vergnüglich ist. Ich wünsche Ihnen dafür eine gute Hand. Noch einen schönen Tag.«

Ich ließ ihn verwirrt, vielleicht auch verstört zurück, ich musste ihn allein lassen, weil die Zeit drängte: Ich sollte einer Neunzigjährigen im Namen unserer Zeitung zum Geburtstag gratulieren und von Dr. Ostermann einen großen Dahlienstrauß überreichen.

Diese Frau Österholz stammte aus Oberschlesien, war dort vor 1933 in der Sozialdemokratischen Partei gewesen und hatte nach 1933 ein knappes Jahr in einem Lager bei Breslau gesessen, Schutzhaft hieß das damals; nach 1945 kam sie in unsere Stadt und war vier Jahre als sozialdemokratische Abgeordnete im Stadtrat, wo sie sich für die Eingliederung ostdeutscher Flüchtlinge engagierte.

Ihre fünfundsechzigjährige Tochter Alma Fuchs mochte unsere Zeitung nicht, am Telefon hatte sie mich abzuwimmeln versucht, als ich meinen Besuch ankündigte. Aber mein vorgebliches Argument – Anteilnahme und öffentliches Interesse – überzeugte sie dann doch, sie willigte, wenn auch widerstrebend, ein, als ich ihr versprach, selbst zu kommen und keinen unbekannten Lokalreporter zu schicken. Wir kannten uns flüchtig, ich wohnte, bis ich ins Haus meines Onkels zog, nur zwei Straßen weiter im Stadtteil Lindenhorst, der vor 1933 einmal der rote Norden hieß. Wir begegneten uns damals zwangsläufig, nickten uns bloß zu und wünschten uns gegenseitig die Tageszeit.

Alma Fuchs lebte mit ihrer Mutter in der renovierten Zechensiedlung, die zu meiner Zeit düster, hässlich und abgewohnt war, einheitsgrau vom Ruß und Dreck der letzten Jahrzehnte. Die Zechengesellschaft, der diese Wohnungen gehörten, hatte vor Jahren Pläne vorgelegt, die gesamte Siedlung abzureißen und stattdessen dort Hochhäuser zu bauen, manche dieser Planer und Kapitaleigner bedauerten, dass die Bomben des Krieges nicht das zerstört hatten, was sie jetzt abreißen mussten. Die Stadt hat die siebzig Häuser schließlich aufgekauft und über mehrere Jahre hinweg renoviert, danach stiegen die Mieten drastisch.

Offensichtlich hatte man auf mich gewartet. Alma Fuchs stand an der offenen Haustür, als ich mit meinem etwas sperrigen Blumenstrauß aus dem Wagen stieg; hoffentlich, dachte ich noch, haben sie für den großen Dahlienstrauß auch eine Vase. Bevor ich Frau Fuchs begrüßen konnte, kam auch schon der bestellte Photograph.

Frau Fuchs lud uns mit einer Handbewegung ins Haus, ihr Gesicht glich einer Maske. Sie sah durch mich hindurch.

Das Wohnzimmer war möbliert, wie es in den Dreißiger Jahren Mode gewesen war, auf allen Stühlen lagen Kissen mit gestickten Blumen, es roch nach Kaffee und Bohnerwachs.

Ich hatte mich informiert: Das Geburtstagskind Österholz hatte fünf Kinder zur Welt gebracht, zwei Söhne und drei Töchter; nur Alma lebte noch, sie war seit zwanzig Jahren Witwe und pflegte ihre Mutter aufopfernd, hartnäckig weigerte sich Frau Fuchs, ihre Mutter in ein Altersheim zu geben, sie hätte es wahrscheinlich auch nicht bezahlen können.

Die Greisin saß in einem Ohrensessel, trotz ihres wächsernen Gesichts wirkte sie auf den ersten Blick jünger als ihre bärbeißige Tochter, die mir und dem Photographen, der wenig Übung für solche Auftritte verriet, widerwillig Kaffee einschenkte; eine Glasschale mit Konfekt stand auf dem Tisch. Der junge Photograph schoss seine Bilder, besonders jene waren für unsere Zeitung wichtig und für den Herausgeber von Bedeutung, die mich und den Dahlienstrauß zusammen mit der alten Frau zeigten. Frau Österholz nahm den Strauß, den ich ihr in den Schoß gelegt hatte, nicht auf, ihre knochigen, fast durchsichtigen Hände hatten wohl auch nicht mehr die Kraft dazu.

Nach fünf Minuten verabschiedete sich der Photograph mit einer linkischen Verbeugung und hastete zum nächsten Termin.

Ich machte es mir in einem abgewetzten Sessel bequem, holte Schreibblock und Kuli aus meiner Jackentasche, obwohl von der alten Frau wohl kaum Neues zu erfahren war.

Seitlich hinter dem Ohrensessel stand ausdruckslos Frau Fuchs, eine vierschrötige Statue, und sah über mich hinweg; sie trug Schwarz, die Kleidung machte ihre Erscheinung noch erschreckender. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, ihr Busen war gewaltig.

Die alte Frau saß im Ohrensessel wie eine zurechtgemachte Puppe, ich zweifelte, ob sie mich überhaupt wahrnahm, bislang hatte sie keinerlei Regung spüren lassen. Für einen Augenblick verlor ich meine Routine, ich überlegte krampfhaft, was man so eine Frau, die fast doppelt so alt war wie ich, fragen sollte. Sie saß mit ihren leblosen Augen einfach da, ich erkannte nicht, wohin sie blickte, vielleicht nach innen. Mir war, als trüge sie schon ihre Totenmaske.

Plötzlich kicherte sie schrill und laut, so dass ich zusammenzuckte; ihre Tochter blieb stur auf ihrem Platz, verharrte ohne die geringste Regung. Anscheinend kannte sie die Ausbrüche ihrer Mutter.

»Liebe Frau Österholz, ich soll Ihnen die Glückwünsche unserer gesamten Redaktion übermitteln, und selbstverständlich auch die unseres Herausgebers Dr. Ostermann, der extra liebe Grüße ausrichten lässt. Ich will es kurz machen, auf Sie kommen heute ja noch einige Ehrungen zu, ich habe erfahren, auch der Oberbürgermeister hat sich angesagt.«

Die Greisin kicherte, das Gekichere nervte mich, mir war, als käme es aus einem schon verschlossenen Sarg. Nur schnell wieder fort von hier.

»Frau Österholz, eine banale, aber auch berechtigte Frage: Wie lebt man, um so alt zu werden?«

Alma Fuchs sagte mit gefrorenem Gesicht: »Dumme Frage, man stirbt eben nicht früher.«

»Meine Frage zielte auf das Geheimnis des Altwerdens, ich meine, was tut man, was haben Sie getan, um so ein biblisches Alter zu erreichen?«

»Geheimnis? Was für ein Geheimnis? Meine Mutter hat kein Geheimnis. Meine Mutter ist bloß noch nicht gestorben, deshalb ist sie so alt geworden, wie sie heute ist.«

Ich redete gegen eine Wand, überlegte, wie ich dieser alten Frau nur ein paar Sätze entlocken könnte, musste aber schließlich einsehen, dass journalistische Tricks hier nichts fruchteten.

»War es das harte Leben, das Sie führen mussten, das entsagungsvolle? Ihr Leben, weiß ich, war kein Honigschlecken.«

Wieder antwortete Alma Fuchs: »Was soll der Quatsch. Die einen sterben mit zwanzig, die anderen mit hundert. Herr Koch, es geht eben so lange, wie es eben geht.«

Ich war mit meinem Latein am Ende, meine Anwesenheit vor dieser Prellwand wurde lächerlich, nicht einmal meinen Kaffee, der längst kalt geworden war, hatte ich getrunken. Eine Greisin, die ihre eigene Totenmaske trug, und ihre fünfundsechzigjährige Tochter, die wie aus Stein gemeißelt ins Leere blickte. Diesem Bild gegenüber war ich hilflos.

Ich verkniff mir weitere Fragen und überlegte schon, wie ich den Geburtstagsartikel aufbereiten musste, damit er dennoch freundlich und wohlwollend ausfiel.

Da kam auf einmal Leben in die Totenmaske, die Alte kicherte wieder so laut und grell, dass es mir durch Mark und Bein ging. Mich bestürzte, dass sie plötzlich eine Stimme hatte: »Jetzt haben Sie alles gehört, Sie Trottel. Sie fragen so dumm, weil Sie so dumm sind. Gehen Sie.«

Sie hatte alles mitbekommen.

Ich erhob mich schnell, wollte nur weg aus diesem Irrenhaus. Während ich ging, kläffte Frau Österholz hinter mir her, aber ich verstand kein Wort.

Ich genoss die frische Luft und atmete mehrmals tief durch, mir war, als wäre ich einer Gruft entstiegen. Wie erlöst lehnte ich mich an einen Gartenpfosten und bemerkte zu meinem Ärger, dass ich Kuli und Schreibblock vergessen hatte; auf den Kuli konnte ich verzichten, und der Block war leer.

Lastwagen donnerten stinkend und rumpelnd vorbei; schon vor zwanzig Jahren, als ich noch in diesem Viertel wohnte, hatten die Anwohner die Verwaltung aufgefordert, etwas gegen diesen unerträglichen Zustand zu unternehmen. Doch nichts hatte sich geändert, die Straße war lediglich zur Einbahnstraße erklärt worden, jetzt donnerten die gleichen Laster nur noch in eine Richtung.

Ich überlegte, ob ich den Geburtstagsartikel für Frau Österholz zu Hause oder in der Redaktion schreiben sollte, am liebsten hätte ich ihn überhaupt nicht mehr geschrieben. Aber einer Neunzigjährigen gebührte mehr Aufmerksamkeit als nur eine Notiz in der Spalte für Geburts- und Gedenktage, und immerhin war die Frau nach dem Kriege vier Jahre im Stadtrat gewesen.

Ich hatte nicht direkt vor dem Haus Österholz-Fuchs parken können, weil viereckige Betonkübel, in denen trockenes Gestrünk verrottete, die Zufahrt versperrten. Verkehrsberuhigung nennt man das. So lief ich zur ersten Querstraße und sah mich noch ein bisschen um; denn seit ich vor zwanzig Jahren hier weggegangen war, hatte sich vieles verändert.

Als ich zu meinem Wagen zurückkam, wollte ich es erst nicht wahrhaben: Auf der Kühlerhaube lag ein großer, in Cellophan verpackter Blumenstrauß, wie ihn Hochzeitspaare auf ihren Autos befestigen, wenn sie zum Standesamt oder zur Kirche fahren. Eine Frau rief mir lachend zu: »Sind Sie aber ein Glückspilz.«

Es war der Dahlienstrauß, den ich Frau Österholz mitgebracht hatte, ich erkannte ihn an der violetten Papierschleife. Ich schloss meinen Wagen auf und warf die Blumen auf den Rücksitz. Irene wird sich freuen, sie liebt Blumen in der Wohnung, und in der Redaktion braucht keiner zu wissen, dass Frau Österholz unser Geschenk verschmäht hatte, außerdem gab es Photos von der alten Frau mit dem Strauß auf dem Schoß, das genügte als Beweis, dass unsere Zeitung alte Leute nicht vergisst. Mich wunderte, woher diese Statue von Tochter wusste, dass dies mein Wagen war. Aber doch, sie stand ja vor der Tür und hatte mich ankommen sehen. Erstaunlich war nur, wie schnell sie den Strauß auf meinen Wagen gelegt hatte.

Die Blumen gaben den Ausschlag, ich würde nicht in die Redaktion zurückfahren, sondern nach Hause, um dort meinen Artikel zu schreiben.

Da sah ich ihn.

Er saß auf einer der vier Bänke, die in einem Rondell um den dicken Stamm einer weit ausladenden Kastanie herum aufgestellt waren. Er las Zeitung, er las den »Tageskurier«.

Günters Anwesenheit verblüffte mich. Ich stemmte beide Arme auf das Autodach und rätselte, was Günter ausgerechnet in dieser Gegend zu suchen hatte. Dann schlug ich die Autotür wieder zu und ging durch die kleine gepflegte Anlage, die üppig mit Geranien bepflanzt war, auf ihn zu und setzte mich wortlos neben ihn. Umständlich faltete Günter die Zeitung zusammen und legte sie zwischen uns. Beiläufig, ohne mich anzusehen, sagte er: »Tag, Thomas, viel steht nicht in dem Käseblatt. Du warst also auf Gratulationstour.«

»Was treibt dich hierher?«

»Ein notwendiger Besuch bei der Großmutter meiner Lebensgefährtin. Du siehst schlecht aus, Thomas. Hast du Ärger? Du solltest mit Mama ein paar Tage ausspannen, am besten in den Bergen wandern. Das ist gut für den Kreislauf.«

Ich sah ihn nicht an, aber ich wusste, dass er wieder so lächelte, wie ich es hasste.

Schlagartig wurde mir klar, wovon er sprach und wen er mit Großmutter gemeint hatte; er musste den Blumenstrauß auf den Kühler meines Wagens gelegt haben, er musste während meines Besuches im Haus gewesen sein.

Ich betrachtete ihn von der Seite, aber er sah nur auf die stinkenden Laster. »So ist das also«, sagte ich leise vor mich hin, ich wagte nicht, ihn zu fragen, warum Frau Österholz den Strauß verschmähte und ob er ihn auf meinen Wagen gelegt habe.

»So ist das, Thomas. Alles ganz einfach. Du kapierst schnell. Kein Wunder, wenn man lange bei einer Zeitung arbeitet, dann entwickelt man Spürsinn, besonders bei deiner Zeitung, wo spüren über studieren geht.«

»Warum hast du die Blumen auf mein Auto gelegt?«

»Der Wagen war abgeschlossen, sonst hätte ich sie auf den Rücksitz gelegt. Wenn du meiner Mama eine Freude machen willst, dann zisch ab, bei dem Wetter verwelken die Blumen schnell.«

Ich kochte, seine Beiläufigkeit brachte mich in Rage, aber ich war noch zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, um mich auf einen Streit einzulassen.

Das hier war eine Schmierenkomödie: Zwei Frauen, an denen meine Journalistenroutine abgeprallt war, kreuzten den Weg meines angeheirateten Sohnes; aber der wohnte nicht bei diesen Frauen, das war mir klar, er wohnte bei seiner Geliebten oder Ersatzmutter. Ich hatte nie nach seiner Wohnung gefragt, es war mir gleichgültig, wo er lebte.

Als ich zu meinem Wagen gehen wollte, hielt mich Günter zurück: »Sag mal, Thomas, ist dir schon mal der Gedanke gekommen, du könntest eines Tages erpresst werden?«

Seine Frage war so unsinnig wie unverschämt. Ich drehte mich langsam um und sah auf ihn hinunter, er schien sich nur für die Straße zu interessieren.

»Was soll das?«, fragte ich mit verhaltenem Zorn.

»Reg dich nicht auf, war nur so dahergeredet. Vergiss es und bring Mama die Blumen.«

»Weswegen sollte mich jemand erpressen? Raus mit der Sprache. Was steckt dahinter? So was redet man doch nicht so daher. Etwa du? Zuzutrauen wäre es dir. Aber sei beruhigt, bei mir gibt’s nichts zu erpressen.«

»Mach doch nicht gleich einen Elefanten daraus. Kann man denn nicht einfach mal so daherreden? So was liest man doch fast täglich in deiner Zeitung.«

Ich lief zu meinem Wagen und fuhr los. Im Rückspiegel sah ich Günters Grinsen.

Irene freute sich über die Blumen, sie warf mir zwar neckisch Verschwendung vor, aber sie bewunderte den Strauß und holte aus dem Vorratskeller eine große Vase, fast feierlich arrangierte sie die Blumen. Natürlich verschwieg ich ihr, für wen die Blumen gedacht waren, auch, dass ich ihren Sohn getroffen hatte.

Ich schrieb meinen kurzen Artikel, nahm den Geburtstag von Frau Österholz aber nur zum Anlass, um darüber zu referieren, warum die Menschen heutzutage älter werden als vor hundert Jahren. Nebenbei hörte ich im Radio, dass sich die Zahl der Toten von Ramstein auf dreiundfünfzig erhöht hatte.

Später setzte ich mich im Garten auf die Bank und sah Irene bei der Gartenarbeit zu, ohne wahrzunehmen, was sie wirklich tat, ich dachte immer noch an die Verbindung der beiden merkwürdigen Frauen mit Günter.

Irene streifte ihre Gummihandschuhe ab und setzte sich zu mir.

»Die Tage werden kürzer, der Tau liegt an manchen Tagen noch bis Mittag.«

Sie lehnte sich an mich, und so saßen wir eine Weile, wir genossen die milde gewordene Sonne und die Ruhe. Als einer der Nachbarn seinen Motorrasenmäher aufjaulen ließ, war es mit der Ruhe vorbei. »Diese Dinger müssten verboten werden«, schimpfte Irene und drohte mit der Faust in Richtung Nachbarhaus.

»Dann gäbe es noch mehr Arbeitslose«, erwiderte ich lachend, verfluchte aber insgeheim auch unseren Nachbarn, der sich nicht scheute, um diese Zeit noch seinen Rasenmäher anzuwerfen.

Anderntags in der Redaktion erzählte mir unser Polizei- und Gerichtsreporter – er hatte sich diesen Titel selbst zugelegt –, dass die Leiche der jungen Frau, die man aus dem Kanal gezogen hatte, noch immer nicht identifiziert worden sei, es gebe keinen einzigen für die Polizei brauchbaren Hinweis aus der Bevölkerung. Er zeigte mir ein schwarzweißes Photo, das er während der Bergung am Hafen aufgenommen und der Polizei zur Veröffentlichung übergeben hatte. Ich war wie elektrisiert und riss ihm das Photo aus der Hand, ich erkannte die junge Frau auf den ersten Blick, es war dieselbe, deren Photo mir der Fremde auf meiner Terrasse gezeigt hatte, die aus Gnesen in Polen stammte, Klara hieß, bei einer Familie Fuchs eintreffen sollte und nach den Worten des Fremden dort nicht eingetroffen war.

Mit dem Photo in der Hand lief ich in mein Büro, ich legte es auf den Schreibtisch und sah es lange an. Auch als Tote war das Mädchen noch schön. Ich sah auf, vor Aufregung hatte ich die beiden in meinem Büro übersehen. Meine Sekretärin Monika Deist belehrte unseren Volontär Egon Wolters, dass es in unserem Haus nicht üblich sei, Frauen das Hinterteil zu tätscheln, dennoch schmachtete sie ihn an.

»Na, Herr Wolters, schon fertig mit der Rezension?«, fragte ich belustigt, denn er gab sich zerknirscht, verschlang aber die Deist mit den Augen. »Schon fertig, Herr Koch.«

Er schien erleichtert, dass ich die Ermahnung der Deist stillschweigend übergangen hatte.

»Das nenne ich fleißig. Kann ich sie mal lesen, bevor sie in Satz geht? Nur so, es interessiert mich, vielleicht kann ich Ihnen noch den einen oder anderen Tipp geben.«

»Selbstverständlich.«

Eilfertig legte er drei Manuskriptblätter nebeneinander auf den Schreibtisch, als sollte ich sie sofort lesen.

»Ich möchte Ihre ehrliche Meinung hören, Herr Koch.«

»Die sollen Sie haben. Aber erst morgen, ich habe jetzt keine Ruhe zum Lesen. Ich kenne das Buch zwar nicht, aber ich werde den Inhalt wohl aus Ihrer Rezension erfahren.«

An der Tür zögerte er und schielte mich unsicher an, die Deist lächelte vielsagend, eindeutig vielsagend.

Mit ihren fünfunddreißig Jahren kleidete sich die Deist manchmal wie eine Siebzehnjährige, heute trug sie einen engen Minirock, der ihren Hintern gerade noch bedeckte und ihre wohlgeformten Beine in ganzer Länge freigab. Monika Deist war tüchtig, zuverlässig und absolut verschwiegen, was den Redaktionsbereich betraf, ich konnte mich blind auf sie verlassen. Als alleinstehende Frau schien sie mit dem »Tageskurier« verheiratet zu sein, über zehn Jahre teilte ich nun mit ihr das Büro, sie hatte nie versucht, mit mir zu flirten oder sich mir zu nähern.

Aber sie verbrauchte Männer wie andere Leute Schuhsohlen, sie spielte mit ihnen. Ich vermutete, dass sie die Männer im Grunde genommen verachtete. Sie lebte in einem Appartementhaus im Süden der Stadt, in Barop, wo die Beamtensilos stehen und die umzäunten Bungalows der Wohlhabenden, sie war, wie ich nach und nach erfuhr, als einziges Kind im Elternhaus das Küken im Korb gewesen und wollte Henne sein, deshalb hatte sie die elterliche Wohnung verlassen; sie gab das Geld aus, das sie verdiente, verbrachte ihren Urlaub jedes Jahr in Italien, und nach jedem Urlaub erklärte sie mir, Italien täte besser daran, Männer zu exportieren statt Apfelsinen.

Als Wolters gegangen war, nahm sie das Photo von meinem Tisch, betrachtete es aufmerksam und sagte leise und bedeutungsvoll: »Herr Koch, die Leiche aus dem Kanal kommt mir bekannt vor, ich habe diese junge Frau schon irgendwo gesehen.«

Ich wollte schon erwidern, dass ich diese Frau auch schon einmal irgendwo gesehen hatte, unterdrückte es aber im letzten Moment, denn die Deist war hellhörig und konnte verdammt gut nachhaken.

Sie legte das Photo auf den Tisch zurück und ließ sich in ihren fünfbeinigen Drehstuhl fallen, und ob ich wollte oder nicht, ich musste ihre makellosen Beine bewundern, ihr Rock war im Sitzen noch weiter nach oben gerutscht.

»Unsinn, Frau Deist«, ich mühte mich, meine Aufregung zu verbergen, »alle Toten kommen uns bekannt vor, weil wir alle einmal so aussehen werden. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass alle Toten gleich aussehen?«

»Haben Sie heute Ihren philosophischen Tag? Im Ernst, Herr Koch, ich habe diese junge Frau schon einmal gesehen, irgendwo, irgendwann. Ich war ganz begeistert von ihrem herrlichen rotblonden Haar. Ich grübele die ganze Zeit, bei welcher Gelegenheit das war.«

»Vielleicht im Schaufenster als Kleiderpuppe«, frotzelte ich und lachte gezwungen.

Sie sprang plötzlich auf und stürmte an meinen Schreibtisch, sie stützte sich mit beiden Händen auf die Schreibtischplatte, sie keuchte und wirkte verstört.

»Ganz recht, Herr Koch, in einem Schaufenster. Aber nicht als Puppe, nein, als gerahmte Photographie. Kommen Sie, Herr Koch, kommen Sie schnell.«

Sie zerrte mich vom Stuhl und zog mich durch den Flur zum Lift, ich wagte nicht, mich zu widersetzen, mit ihrer wilden Entschlossenheit hatte sie mich eingeschüchtert, und ich war neugierig geworden. Ich folgte ihr, lief draußen neben ihr her, an der Stadtbibliothek vorbei in eine Gasse unweit des Hellwegs, bis sie vor einem Photoladen stehen blieb und in sein Schaufenster zeigte.

Ich sah Hochzeitsbilder, Familienbilder, auch ein paar kunstvolle Porträtaufnahmen und Photos von Kindergruppen. Sie packte mich am Handgelenk und wies aufgeregt auf ein Farbphoto in einem Wechselrahmen, das am äußersten linken Rand des Schaufensters an Perlonfäden hing.

»Das ist die Frau«, flüsterte sie und steckte mich mit ihrer Erregung an.

Ohne Zweifel, das war Klara, in ihrem Gesicht lachten Lebensfreude und Sinnlichkeit, der neckisch zur Seite geneigte Kopf gab ihr einen besonderen Pfiff. Ja, das waren die rötlich schimmernden, bis auf die Brust fallenden Haare. Aber was das Gesicht so faszinierend machte, waren die dunkelblauen Augen, ein aparter Kontrast zu den rötlichen Haaren. Jetzt musste ich vorsichtig sein, die Deist dämpfen; war sie einmal auf der Fährte, dann war sie nicht mehr zu bremsen, sie hatte mir einmal gestanden, sie hätte sich, bevor sie bei uns zu arbeiten begann, bei der Kriminalpolizei beworben, aber die Prüfung nicht bestanden.

»Eine frappierende Ähnlichkeit ist zweifellos vorhanden, Frau Deist.« Ich wollte reden, aber etwas hielt mich zurück. Ich hätte in diesem Augenblick nicht zu sagen gewusst, warum ich ihr nicht vorbehaltlos zustimmte, sie statt dessen verunsicherte, obwohl mir absolut klar war, dass dieses Bild im Schaufenster, das Photo unseres Reporters und das des Fremden in meinem Garten ein und dieselbe Person zeigten.

»Vielleicht ist sie es auch nicht, Frau Deist, schöne und junge Menschen sehen sich alle ähnlich.«

»So wie alle Toten sich ähnlich sehen, nicht wahr? Was ist eigentlich los mit Ihnen?«

Ich versuchte vergeblich, sie wegzuziehen. »Herr Koch, wir müssen diese Entdeckung der Polizei melden«, flüsterte sie, als befänden wir uns an einem verbotenen Ort. »Herr Koch, das ist für die doch ein handfester Hinweis. Sie wissen doch selbst, was das für die Aufklärung des Falles bedeuten kann.«

»Frau Deist, wir machen uns bei der Polizei nur lächerlich.«

»Aber Sie können doch reingehen und fragen, wer diese hübsche Person ist, sie muss bei der Aufnahme der Bilder doch Namen und Adresse angegeben haben, das ist üblich.« Sie wollte tatsächlich in den Laden, ich konnte sie im letzten Moment daran hindern.

»Frau Deist, wir können doch nicht einfach reingehen und fragen: Wer ist die junge Frau im Fenster, geben Sie mir ihre Adresse. Man würde misstrauisch werden und uns erst recht keine Auskunft geben, wir könnten in Teufels Küche kommen.«

»Ach was, unsere Zeitung hat schon in ganz anderen Küchen gekocht und überlebt. Aber wenn Sie meinen, ich beuge mich der Gewalt, Sie werden Ihre Gründe haben, das sind aber andere als die, von denen Sie jetzt sprechen.«

Sie nahm mich bei der Hand und zog mich fort, und ich folgte ihr erleichtert, ich wollte meine Hand aus der ihren lösen, aber sie hielt sie fest. Innerlich musste ich grinsen bei dem Gedanken, was man uns beiden wohl unterstellte, sähe uns jetzt jemand aus der Redaktion.

An der Baustelle am Hansaplatz blieb ich erschrocken stehen.

»Was ist, Herr Koch, Sie gucken so komisch.«

Am Bauzaun gegenüber der Stadtbibliothek lehnte der Mann, der in meinen Garten eingedrungen war. Er beobachtete durch einen Spalt im Zaun das geschäftige Treiben auf der Großbaustelle. Sein grüner Umhang hing lose über der rechten Schulter, seine Hände steckten bis zu den Ellenbogen in den Hosentaschen. Er trug den braunen Cordanzug, den ich schon kannte.

Die Deist drängte: »Was ist mit Ihnen?«

»Nichts, Frau Deist. Gehen wir. Wir machen einen kleinen Umweg.«

Sie lief neben mir her, und ich spürte fast körperlich ihre forschenden Blicke, ich wusste, dass sie über mein Verhalten nachdachte, sie würde, wenn sie die Zeit für gekommen ...

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