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Spenser und die brutale Wahrheit

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind fast 40 Spenser-Krimis erschienen. 1976 wurde Parkers Roman „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren mit dem „Edgar Allan Poe Award“ als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Robert B. Parker verstarb 2010.
Infos zum Autor unter www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Spenser und die brutale Wahrheit

Ein Auftrag für Spenser

Übersetzt von Alan Posener

PENDRAGON

Er hatte mehrere Seidenschals in einer Plastiktüte mitgebracht und sie damit geknebelt und gefesselt.

„Seide ist weich“, hatte er ihr gesagt. „Sie wird nicht so einschneiden wie ein Strick.“

Jetzt lag sie hilflos da, voller Angst und Wut wegen dieser Hilflosigkeit, auf einer Matratze hinten in einem alten, gelben Ford-Lieferwagen. Er fuhr. Beim Fahren fummelte er am Radio, bis er einen Sender mit Country fand.

„Hier, mein Engel – 90 FM, Rock Country, weißt du noch?“

Wenn sie den Kopf anhob, konnte Lisa durch die Windschutzscheibe sehen. Baumwipfel, Strommasten, Leitungen. Keine Gebäude. Also waren sie nicht mehr in der Stadt.

„Gott, wie lange ist es schon her, Lisa, Kleines? Zehn Monate und sechs Tage. Fast ein Jahr. Mann, das ist ein schweres Jahr gewesen … aber jetzt ist es vorbei. Wir sind wieder zusammen.“

Der Lieferwagen fuhr durch ein Schlagloch und Lisa wurde mit der Matratze hochgeworfen und knallte wieder auf den Wagenboden. Der Knebel in ihrem Mund war von ihrem Speichel durchweicht. Sie spürte, dass sie ein wenig sabberte.

„Und nur darauf kommt es an“, sagte er. „Was gewesen ist, ist gewesen, und damit basta. Jetzt liegt alles vor uns. Jetzt sind wir zusammen.“

Der Wagen fuhr langsamer. Der Verkehr war dichter geworden. Sie konnte ihn hören und der Lieferwagen musste oft bremsen, so dass sie auf ihrer Matratze über den Wagenboden rutschte. Die Matratze schien brandneu zu sein. Hatte er sie extra hierfür gekauft? Wie er die Seidenschals gekauft hatte? Der Wagen musste anhalten. Durch die Windschutzscheibe konnte sie die Fahrerkabine eines Lastwagens sehen. Wenn sie sich nur ein wenig weiter nach vorne arbeiten könnte, würde sie der Lastwagenfahrer vielleicht sehen. Aber es ging nicht. Er hatte einen kurzen Strick um ihre Fußfesseln gelegt und ihn an einem Ring auf dem Boden des Lieferwagens befestigt. Der Wagen fuhr wieder an. Das Radio spielte, er sang mit. Beim nächsten Halt drehte er sich um und richtete über die Rückenlehne eine antiquierte Videokamera auf sie.

„Das muss ich festhalten. Dass wir jetzt wieder zusammen sind.“

Sie hörte das Surren der Kamera.

„Kopf hoch, Engel, schau in die Kamera.“

Sie vergrub ihr Gesicht in der Matratze. Einen Augenblick noch surrte die Kamera. Dann hörte es auf, und der Lieferwagen fuhr weiter.

1

Ich verpasste dem Sandsack in Henry Cimolis Fitnessstudio am Hafen ein paar Schläge. Den Sandsack behielt Henry nur noch aus Loyalität zu mir und zu Hawk, und zum Henry vergangener Tage. Damals war Henry Profileichtgewicht gewesen, und sein Laden war einfach eine hässliche Turnhalle, wo Boxer trainierten. Das war, bevor Willie Pep ihn überzeugte, ins Fitnessgeschäft einzusteigen, indem er ihn zweimal hintereinander in der ersten Runde k. o. schlug. Eine Lektion über den Unterschied zwischen gut und großartig. Joe Walcott hatte mir die gleiche Lektion erteilt, als ich noch sehr jung war, aber ich brauchte etwas länger, die Lehren daraus zu ziehen.

Die Boxkabine war eingequetscht zwischen Henrys Büro und einem Babylon aus Glas, Chrom und Lycra-Stretch, wo das Trainingspersonal, hauptsächlich junge Frauen mit riesigen Frisuren und glänzenden Trikots, auf diesem Weg der Kundschaft auf politisch korrekte Weise beibrachte, wie man fit fürs Leben und ein in jeder Hinsicht besserer Mensch werden konnte. Viele Kunden sahen mich misstrauisch an. Henry meinte, weil ich den Gerichtsvollzieherblick hätte, als ob ich die Geräte pfänden wollte.

Henry machte Smalltalk mit seinen Kunden. Er trug ein weißes Seiden-T-Shirt, das sich über Brust und Bauch spannte, und sah aus wie eine Billigausgabe von Arnold Schwarzenegger. Kein Schamgefühl. Als ich mich einmal bei ihm beschwerte, er hätte aus seinem Sportclub eine Single-Bar für Überbeschäftigte gemacht, lächelte er nur und rieb den Daumen gegen Zeige- und Mittelfinger. Wenn aber nicht viel los war und er glaubte, dass ihn niemand beobachtete, kam er in die kleine Boxkammer und ließ den Punchingball tanzen. Seinem Büro gegenüber gab es einen Friseursalon und einen Laden, wo man Gesichtsbehandlungen bekommen konnte. Eine Treppe höher trieben sie Aerobic.

Ich machte hauptsächlich Kombinationen am Sandsack, um meine Hände, die Handgelenke und Unterarme in Form zu halten. Hin und wieder musste ich ja immer noch einen Menschen schlagen, und ich wollte mir nicht dabei wehtun. Ich übte gerade linker Haken, linker Haken, gerade Rechte, abducken, als Frank Belson hereinkam. Den richtigen Körperbau für den Laden hatte er schon, schlank und hart, dazu ein schmales Gesicht. Aber die Schiebermütze aus Tweed passte nicht, und der hellbraune Anorak passte nicht, und der permanente blaue Bartschatten, den kein Rasierer wegradieren konnte, passte auch nicht. Am Ende sieht ein Cop immer aus wie ein Cop, egal was er tut. Oder wie ein Verbrecher, deshalb klappt es mit den verdeckten Ermittlungen so gut.

„Ich muss mit dir reden“, sagte Belson.

Schwer atmend hielt ich inne. Mein Hemd war schweißnass. Die gegenüberliegende Wand war ein riesiges Fenster mit Blick auf den Hafen von Boston. Heute war das Wasser aufgewühlt und mit Schaumkronen übersät. Ungerührt glitt die große Fähre von Rowe’s Wharf zum Flughafen über die kleinen Wellen. Außer den Möwen bewegte sich sonst gar nichts im Hafen.

„Gut“, sagte ich.

„Woanders“, sagte Belson.

„Privat?“

„Privat.“

Henry unterhielt sich gerade mit einer pummeligen, dauergewellten Blondine, die sich mit der moralischen Unterstützung ihrer Trainerin bemühte, Oberkörperliegestütze zu machen. Die Trainerin war eine geschmeidige junge Frau mit einem enganliegenden lila Body und einer großen Schleife im Haar. Hin und wieder sagte sie Sachen wie „ganz toll“ und „Sie schaffen es“.

„Liz, ich habe schon acht gemacht“, sagte die blonde Frau.

„Sechs“, sagte Liz. „Hauptsache, Sie fühlen sich wohl dabei.“

Ich winkte Henry. Er sah mich und nickte.

„Du machst klasse Fortschritte, Buffy“, sagte Henry zur Blondine. „Und das sieht man auch schon.“

Die blonde Frau lächelte ihn an und ruhte sich von ihren sechs oder acht halben Liegestützen aus. Henry drehte sich um und kam auf mich zu.

„Du machst auch klasse Fortschritte“, sagte er.

„Ja, und das sieht man auch bald. Du kennst Frank Belson?“

Henry nickte.

„Wir sind uns schon begegnet.“

Belson sagte: „Henry.“

„Können wir eine Weile dein Büro benutzen?“, sagte ich. „Frank und ich müssen miteinander reden.“

„Klar doch“, sagte Henry. „Ich muss noch mindestens eine Stunde Arschkriecherei und Lügenerzählen hinter mich bringen, bis ich Mittagspause machen darf.“

„Das nennt sich Geschäfte machen, Henry“, sagte ich.

„Ja, sicher.“ Er sah mich ernst an. „Und viel Spaß bei der Problemzonen-Gymnastik“, sagte er.

Belson und ich gingen in das Büro und machten die Tür zu. Ich setzte mich hinter den Schreibtisch in Henrys Stuhl. Belson blieb stehen und blickte durch die Glastür hinaus in den chromblitzenden Fitnessraum. Ich wartete. Belson kannte ich seit mehr als 20 Jahren, seit den Tagen, als ich selbst Cop gewesen war. In der ganzen Zeit hatte er kein einziges Mal darum gebeten, mit mir allein zu reden, und bei jeder anderen Gelegenheit hätte er sich wohl hinter den Schreibtisch gesetzt. Jetzt drehte er sich um und starrte nicht mehr in den Fitnessraum, sondern auf die Wand hinter mir. Ich war oft hier gewesen und wusste, ohne hinzusehen, dass dort vier oder fünf Bilder von Henry als Boxer hingen, außerdem mindestens zwei von ihm in seiner aktuellen Inkarnation, wie er mit prominenten Bostoner Bürgern, die zum Fitnesstraining kamen, in die Kamera lächelte. Belson betrachtete eine Zeitlang die Fotos.

„Ist Henry ein guter Kämpfer?“, fragte er.

„Ja.“

Belson besah sich die Wand noch ein bisschen, als ob er sich jedes Bild einzeln einprägen müsste. Die Hände hatte er in die Gesäßtaschen gesteckt. Ich lehnte mich in Henrys Drehstuhl zurück. Mein Atem ging jetzt regelmäßiger. Nach der Anstrengung fühlte ich mich warm und locker. Ich legte die Füße auf den Tisch. Belson starrte die Bilder an.

„Meine Frau ist weg“, sagte er.

„Wohin?“

„Keine Ahnung.“

„Warum?“

„Keine Ahnung.“

„Hat sie dich verlassen?“, fragte ich.

„Weiß nicht. Sie ist weg. Einfach verschwunden. Verstehst du?“

„Erzähl.“

„Du kennst meine Frau?“

„Klar doch. Susan und ich waren bei der Hochzeit.“

„Sie heißt Lisa.“

Ich nickte.

„Meine zweite Frau, wie du weißt.“

„Ja. Das weiß ich, Frank.“

„Und sie ist viel jünger und sieht sowieso viel zu gut aus für mich.“

„Du glaubst, sie hat dich verlassen“, sagte ich.

„Das würde sie nicht tun. Sie würde nicht einfach verschwinden, ohne ein Wort zu sagen.“

„Meinst du, ihr ist etwas zugestoßen?“

„Ich hab jedes Krankenhaus in New England überprüft“, sagte Belson. „Ich hab eine Suchmeldung für den ganzen Nordosten rausgeschickt. Ich hab jeden Cop, den ich kenne, persönlich angerufen und ihn gebeten, nach ihr Ausschau zu halten. Und sie werden aufpassen. Sie ist schließlich die Frau eines Polizisten.“

Er drehte sich wieder um und starrte in den Fitnessraum. In Henrys Büro war es sehr still.

„Sie kann auf sich selbst aufpassen. Sie ist viel herumgekommen.“

„Gab es Streit zwischen dir und ihr?“, fragte ich. Er hatte mir immer noch den Rücken zugedreht. Er schüttelte den Kopf.

„Willst du, dass ich nach ihr suche?“

Er bewegte sich nicht. Ich wartete. Schließlich sagte er: „Nein. Das kann ich selber. Wenn wir sie nicht bald finden, nehm ich mir frei. Ich weiß, wie man sucht.“

Ich nickte.

„Wie war ihr Mädchenname?“, fragte ich.

„St. Claire.“

„Hat sie irgendwo Familie?“

Belson drehte sich um und sah mir zum ersten Mal direkt ins Gesicht.

„Darüber will ich nicht reden“, sagte er.

Ich nickte. Belson starrte hinaus auf die Leute in verschiedenfarbigem Lycra-Stretch, die ihre Übungen machten. Früher einmal meinte ich, es wäre wie beim Golf: Die Leute machen es wegen der Kleidung. Aber dann fiel mir auf, dass die meisten Leute in Fitnesskleidung merkwürdig aussehen, und dachte mir, dass ich wohl unrecht hatte. Oder es war bei den Leuten mit der Selbsterkenntnis nicht sehr weit her. Das Schweigen in Henrys Büro wurde erdrückend. Ich wartete. Belson starrte vor sich hin.

Schließlich sagte ich: „Frank. Du willst nicht darüber reden, und du willst nicht, dass ich dir beim Suchen helfe. Wieso bist du überhaupt hergekommen und hast mir davon erzählt?“

Er schwieg und starrte wieder eine Zeitlang hinaus, dann sagte er, ohne sich umzudrehen: „Dir ist dasselbe passiert. Vor zehn, zwölf Jahren.“

„Susan war eine Weile weg“, sagte ich.

„Sie hat dir gesagt, dass sie geht.“

„Sie hat einen Zettel hinterlassen“, sagte ich.

Belson schwieg und starrte durch die Glastür. Die Leute turnten herum, und die Trainer trainierten sie, aber ich wusste, dass Belson sie nicht sah. Er sah überhaupt nichts.

„Sie ist zurückgekommen“, sagte er.

„Sozusagen“, sagte ich. „Wir haben uns zusammengerauft.“

„Lisa hat keinen Zettel hinterlassen“, sagte Belson. Was ich auch immer dazu hätte sagen können, es wäre nicht ermutigend gewesen.

„Wenn ich sie finde, frage ich sie, warum“, sagte er.

Endlich drehte er sich um und sah mich an.

„Danke, dass du dir Zeit für mich genommen hast“, sagte er und ging.

Als der Lieferwagen endlich anhielt, war es dunkel. Irgendwo plärrte ein Radio, bellte ein Hund. Er stieg aus und öffnete die Tür zum Laderaum. Sie arbeitete sich hoch, so dass sie sitzen konnte. Das Kameralicht blendete sie. Die Videokamera surrte.

„Sieh mich an, Süße“, sagte er. „Jetzt sind wir zu Hause … Nein, hierher … Dreh den Kopf zu mir … mach schon, stell dich nicht so an.“

Hinter ihm erschien ein gedrungener Mann mit einem Handkarren und einer Plane über der Schulter. Die Kamera surrte weiter.

„Ich brauche nur noch eine Minute … Ich will alles draufkriegen … Man hält es nicht fest, und später tut es einem leid … Wenn wir erst Kinder haben, werde ich nur noch hinter dieser Kamera stehen.“

Das Surren hörte auf. „Okay, Rico“, sagte er. „Bring sie nach oben.“

Mit einem Buschmesser durchschnitt Rico den Strick, der sie an den Boden des Lieferwagens gefesselt hatte. Er hob ihre Tasche vom Wagenboden auf und hängte sie über einen der Griffe des Handkarrens. Dann stieß er sie flach auf den Boden und rollte sie in die Plane ein. Er wuchtete sie auf den Karren, band sie daran fest und schob den Karren an. Sie konnte nichts sehen. Die Plane roch nach Terpentin und Schimmel. Sie hörte eine Tür aufgehen und spürte, wie der Handkarren polternd eine Treppe heraufgezogen wurde. Wie ein Sack Kartoffeln lag sie auf dem Karren, und so fühlte sie sich auch, wie ein hilfloser, willenloser, durchgerüttelter Sack Lisa.

Der Rahmen des Handkarrens stieß ihr schmerzhaft in den Rücken. Sie konnte sich nicht wehren. Sie konnte nicht sprechen. Es war alles zu viel. Sie ertrug es nicht mehr. Sie spürte, wie ihr Atem flach wurde, wie der Schweiß ihre Sachen durchnässte, wie der vollgesabberte Knebel in ihrem Mund lag. Der Handkarren rumpelte, glitt weiter, fing wieder an zu rumpeln. In ihrer Plane wand sie sich hilflos hin und her, wollte schreien und konnte nicht.

2

Susan und ich gönnten uns ein frühes Abendessen im East Coast Grill. Unsere Bedienung war eine attraktive junge Frau, die tagsüber Bildhauerin war und diese Sucht durch ihre Kellnerei finanzierte. Das East Coast ist ein Barbecue-Restaurant. Außer Susan kenne ich niemanden, der dort mit Weisheit essen oder mit Mäßigung trinken kann. Ich gab mir erst gar keine Mühe und bestellte Spareribs, Bohnen, Krautsalat, eine Extraportion Maisbrot und außerdem ein Stück Wassermelone. Während die Spareribs über dem offenen Holzfeuer hinten im Restaurant brutzelten, trank ich etwas Rolling Rock-Bier. Susan trank eine Margarita ohne Salz, während sie auf ihr kurzgebratenes Thunfischfilet mit grünem Salat wartete. Als der Thunfisch gebracht wurde, schnitt sie sich ein Drittel davon ab und legte den Rest auf ihren Brotteller.

„Susan“, sagte ich, „du hast einen ganzen Tag Schwerstarbeit hinter dir. Du bist schon besser in Form als Margot Fonteyn.“

„Das will ich hoffen, Margot Fonteyn ist tot“, sagte Susan. „Wir nehmen das für Pearl mit. Sie liebt frischen Thunfisch.“

„Vergiss doch einmal deine Prinzipien“, sagte ich. „Nimm etwas Salz zu deiner Margarita. Iss den ganzen Thunfisch.“

„Meine Prinzipien habe ich bereits einmal vergessen, nämlich als ich mich mit dir einließ“, sagte sie.

„Was auch sehr weise war“, sagte ich. „Aber du solltest auch beim Essen nicht so streng mit dir sein.“

„Halt den Mund.“

„Aha“, sagte ich. „Das ist natürlich ein ganz neuer Gesichtspunkt.“

Ich nahm mir ein Sparerib vor und arbeitete eine Zeitlang sorgfältig daran. Seit Jahren komme ich in dieses Restaurant, und nie gelingt es mir, Spareribs zu essen, ohne Soßenflecke auf mein Hemd zu bekommen. Aber wenigstens habe ich nie meine Pistole bekleckert.

„Wie geht es Frank?“, fragte Susan.

Ich zuckte die Achseln. „Er sagt nicht viel. Aber es macht ihn fertig. Als ich ihn sah, konnte er kaum sprechen.“

„Nichts Neues von Lisa?“

„Nein.“

„Glaubst du, sie hat ihn verlassen?“

„Er sagt, sie würde nicht abhauen, ohne ihm etwas zu sagen, aber …“

„Aber in einer Stresssituation machen die Menschen die unerwartetsten Dinge“, sagte Susan.

Ich nickte. Eine Zeitlang arbeitete ich weiter an meinem Sparerib. Im Raum roch es nach dem Holzfeuer. Das Bier war kalt. Auf dem Tisch stand eine Flasche mit scharfer Soße. Susan goss etwas davon auf ihren Thunfisch.

„Großer Gott“, sagte ich, „willst du dich umbringen?“

Sie aß davon.

„Scharf “, sagte sie.

„Sie benutzen das Zeug, um Geständnisse zu erpressen“, sagte ich.

„Mir schmeckt’s.“

Ich aß etwas Maisbrot und trank noch ein bisschen Bier. Das Restaurant war früher wahrscheinlich ein Laden wie Woolworth gewesen. Durch die dicken Glasscheiben der Vorderfront sah man hinaus auf den Inman Square. Ein Vorfrühlingsabend. Es dämmerte, und die ersten Autoscheinwerfer durchschnitten das Zwielicht.

„Ich habe erlebt, wie Frank in ein dunkles Gebäude hineinging, wo geschossen wurde. Und es war so, als ob er gerade mal eine Packung Fischstäbchen für die Kleinen kaufen wollte.“

„Wie war es für dich, als ich gegangen bin?“

„Ich kann mich schwer erinnern. Ist ja eine Weile her.“

„Mhm. Was habe ich getragen, als wir uns das erste Mal begegnet sind?“

„Schwarze Seidenbluse mit weiten Ärmeln, weiße Hose. Bluse am Hals offen. Silberkette um den Hals. Silberarmband. Kleine, spiralförmige Ohrringe aus Silber. Einen Hauch blauen Lidschatten, glaube ich. Und die Haare so eine Art Pagenschnitt.“

„Mhm.“

Wir schwiegen eine Weile. Ich brach mir noch ein Stück Maisbrot ab und aß es.

„Okay, Miss Freud. Ich kann mich an jedes Detail unserer ersten Begegnung erinnern und an kaum etwas von unserer Trennung.“

„Mhm.“

„Was sicherlich außerordentlich bedeutsam ist. Und wenn du noch einmal ‚mhm‘ sagst, lass ich dich nicht zugucken, wenn ich unter die Dusche gehe.“

„Du lieber Himmel“, sagte Susan.

„Also, worauf willst du hinaus?“

„Männer wie Frank Belson, wie Quirk, wie du: sie sind auch deshalb das, was sie sind, weil sie verschlossen sind. Sie können ihre Gefühle beherrschen, sie haben sich in der Gewalt, weil sie nichts an sich heranlassen. Sie reden nicht viel. Sie zeigen nicht viel von sich.“

„Nur einer Frau“, sagte ich.

„Ist es dir je aufgefallen, wie wenig du normalerweise für Konversation übrig hast und wie frei du mit mir sprichst?“, fragte Susan.

„Es grenzt zuweilen ans Schnatterhafte“, sagte ich.

„Ich meine, es ist mehr als nur Schnattern. Aber außer mir, mit wem bist du am engsten befreundet?“

„Paul Giacomin und Hawk.“

„Wenn ihr zusammenkommt, schnatterst du mit Paul?“ „Nein.“

„Schnatterst du mit Hawk?“

„Um Gottes willen.“

„Oder mit Belson oder Quirk, oder Henry Cimoli, oder mit deinem Freund, dem Killer?“

„Vinnie Morris?“

„Ja, Vinnie. Schnattern die?“

„Wahrscheinlich mit ihren Frauen“, sagte ich. „Außer Hawk. Hawk schnattert nie, glaube ich.“

„Was Hawk betrifft, bleibe ich unentschieden“, sagte Susan. „Es ist schon kompliziert, ein Mann zu sein. Ein schwarzer Mann zu sein ist unendlich viel komplizierter.“

Die Kellnerin kam an unserem Tisch vorbei und stellte mir eine weitere Flasche Rolling Rock hin, ohne dass ich sie darum gebeten hatte. Sie war fest liiert, das wusste ich, und ich war es auch. Aber vielleicht war eine Adoption drin.

„Sieh dich doch an“, sagte Susan. „Du bist wie ein gottverdammtes Gürteltier. Du gibst sehr wenig, du verlangst sehr wenig, und verletzen kann man dich nur, wenn man durch diesen Panzer dringt.“

„Und genau das ist mit Frank passiert“, sagte ich.

„Lisa hat er an sich herangelassen“, sagte sie. „Ihr hat er all das gegeben, was er sonst niemandem gab. Sich selbst hat er gegeben, alles. Den Teil von sich, den sonst niemand sieht oder hört, von dem sonst niemand etwas ahnt. Und das ist wahrscheinlich eine ziemliche Last für sie. Es wäre für jede Frau eine Last.“

„Du scheinst ganz gut damit klarzukommen“, sagte ich.

„Ich kann das, und ich will das“, sagte Susan. „Aber als Lisa herausfand, was Frank ihr gegeben hatte, also sich selbst, ganz und gar … Und er musste befürchten, dass sie ihn so ungenügend finden würde, wie er sich selbst fand, und da gab es keinen Panzer mehr, der ihn schützen konnte.“

„Seine erste Ehe hatte ihn wahrscheinlich schon etwas zermürbt“, sagte ich.

Susan lächelte mich an.

„Das glaube ich auch“, sagte sie. „Wenn ich es richtig verstanden habe, ist seine erste Ehe ziemlich auf Anhieb gescheitert und scheiterte dann weitere 20 und ein paar zerquetschte Jahre vor sich hin. Das muss ihm einiges von dem genommen haben, was dich, nun, nicht gerade schmerzfrei hält, aber doch –“ Susan suchte nach dem richtigen Wort und sagte dann achselzuckend, weil es doch inadäquat war – „auf Kurs.“

Ich fand das Wort nicht inadäquat. Ich fand es prima.

„Und das wäre?“, sagte ich.

Sie dachte eine Weile darüber nach und zog die Unterlippe ein, wie sie es immer tut, wenn sie überlegt, sodass ich ihre Zungenspitze sehen konnte.

„Selbstachtung wäre wohl das richtige Wort“, sagte Susan. „Im tiefsten Herzen bist du mit dir zufrieden.“

„Selbstachtung? Wie wäre es mit: Ich besitze ein optimal integriertes Selbst? Würde das nicht besser klingen?“

„Allerdings. Ich wünschte, ich hätte das so gesagt.“

„Los, behaupte einfach, dass du es warst“, sagte ich. „Nach einer Weile werde ich das sogar selbst glauben.“

„Deshalb hast du unsere Trennung überlebt, weil du dieses Etwas hattest, das du von deinem Vater und deinen Onkeln bekommen hast, bevor dir überhaupt klar wurde, was es war.“

Das Abendessen war vorbei. Die letzte Flasche Rolling Rock war ausgetrunken. Susan hatte ein Glas Rotwein bestellt und fast ein Drittel davon gekippt.

„Lange keinen so informativen Vortrag gehört“, sagte ich.

„Konntest du bei den schwierigen Teilen auch folgen?“

„Ich glaube schon“, sagte ich. „Aber durch die Anstrengung ist meine Libido angeregt worden.“

„Gibt es eigentlich irgendeine Anstrengung, die nicht deine Libido anregt?“, fragte Susan.

„Ich glaube nicht“, sagte ich. „Gehen wir zu dir und untersuchen, wie es mit meiner Verletzlichkeit bestellt ist?“

„Was ist mit Pearl?“

„Sie ist ein Hund. Soll sie doch ihre eigene Verletzlichkeit untersuchen.“

„Ich bitte sie, solange ins Wohnzimmer zu gehen“, sagte Susan. „Habe ich wirklich blauen Lidschatten getragen, als wir uns kennenlernten?“

„Mhm.“

„Großer Gott. Erzähl’s bloß nie der Modepolizei.“

Als sie zu sich kam, war zuerst eine lautlose Stimme in ihrem Kopf.

„Frank wird mich finden“, sagte die Stimme. „Frank findet mich schon.“

Dann roch sie das Insektenpulver. Früher einmal hatte sie eine Wohnung gehabt, wo der Hauswart im Kampf gegen die Kakerlaken das Zeug jeden Tag verstreut hatte. Den Geruch kannte sie, und weil sie ihn kannte, wirkte er fast beruhigend. Sie öffnete die Augen. Sie lag auf einem Bett, zugedeckt mit einem Laken aus lila Seide, mehrere elfenbeinfarbene Kissen mit Spitzenbesatz unter dem Kopf Sie wollte sich aufrichten, aber sie war noch gefesselt. Den verknoteten Seidenschal hatte sie noch im Mund. Irgendwo hörte sie ein Lachen. Es kam ihr bekannt vor. Ein dummes Lachen, fröhlich, ein wenig manisch. Im Raum waren Fernsehmonitore verteilt, mindestens fünf. Einige waren an Scheinwerferständern befestigt, andere hingen von der hohen Decke herab. Auf jedem Monitor sah Lisa sich selbst. Den Kopf hatte sie lachend zurückgeworfen, sie trug einen gewagten Badeanzug, im Hintergrund brandete der Ozean. Sie konnte sich an den Tag erinnern. Sie waren nach Crane’s Beach hinausgefahren. Brathähnchen hatte sie mitgebracht, dazu ein Baguette, Nektarinen und Wein.

Sie hörte, wie sie lachend aufschrie, als er ihr etwas Wein in den Ausschnitt kippte. Dann war der Ton auf einmal weg, und es blieben nur noch die Bilder ihres lautlosen Kicherns auf den schweigenden Monitoren. Hilflos lag sie im Dunkeln und beobachtete sich. Plötzlich war das erschreckend weiße Licht der Videokamera da. Sie hörte das Surren des Videobands, das quengelnde Geräusch des Zooms. Er kam mit seiner Kamera aus der Dunkelheit hinter den Monitoren hervor.

„Du liebst doch Crane’s Beach, stimmt’s, Engel?“, sagte er mit der Kamera vor dem Gesicht. „Wir werden wieder hinfahren … sieh uns nur an, ist das nicht toll? … Ich Tarzan, du Jane.“

Auf den Monitoren sah sie eine Aufnahme ihres Hauses in Jamaica Plain, dann gab es einen Schnitt und ihr Gesicht erschien in Nahaufnahme. Durch den Knebel im Mund sah es fast so aus, als ob sie grinse. Die Kamera fuhr zurück. Sie lag auf dem Boden des Lieferwagens. Ihre Augen glänzten im mitleidslosen Licht. Auf dem Bett drehte sie den Kopf weg. Er streckte die Hand aus und drehte ihr Gesicht sanft wieder zu sich.

„Ich muss dich sehen, Baby, zier dich nicht so.“

Und er filmte sie jetzt, wie sie sich die Filme ansah, die er in vergangenen Zeiten von ihr gemacht hatte.

3

Ich saß in der kleinen Kabine hinter Milchglas, wo der Chef der Mordkommission sein Büro hatte, und sprach mit Martin Quirk über Frank Belson.

„Frank nimmt sich ein bisschen Urlaub“, sagte Quirk.

Sein blauer Blazer hing auf einem Bügel an einem Haken an der Tür. Er trug ein weißes Hemd mit einer dunkelroten Krawatte, und seine großen Hände ruhten auf dem fast leeren Schreibtisch zwischen uns. Er war immer ruhig, außer wenn er sauer war, dann wurde er noch ruhiger. Niemand hatte besondere Lust, ihn sauer zu machen.

„Ich weiß“, sagte ich. „Weißt du warum?“

„Muss sich mal ausspannen.“

„Du hast von der Sache mit seiner Frau gehört?“

„Ja.“

„Ich auch“, sagte ich.

„Was weißt du?“

„Ich weiß, dass sie weg ist.“

Quirk nickte.

„Okay“, sagte er, „also muss ich dir nichts vorspielen.“

„Das hast du gerade gemacht?“

„Ja.“

„Er hat Angst, dass sie ihn verlassen hat“, sagte ich.

„Kommt vor.“

„Dir ist das nie passiert“, sagte ich.

„Dir schon.“

„Ja.“

„Ich erinnere mich.“

„Die ersten Reaktionen sind völlig unlogisch“, sagte ich. „Deshalb nennt man das wohl ‚Crazy time‘.“

„Bestimmt“, sagte ich. „Was weißt du von ihr?“

„Nein, das hast du falsch verstanden“, sagte Quirk. „Ich bin hier der Cop. Ich frage dich solche Sachen.“

„Frank will nicht darüber reden.“

Quirk nickte. „Aber du als Scheiß-Pfadfinder musst deine Nase da reinstecken.“

„So sehe ich das“, sagte ich.

„Frank ist wegen der Geschichte ziemlich durch den Wind.“

„Also, was weißt du von ihr?“

„Sie heißt Lisa St. Claire. Sie legt Platten auf bei einem Sender in Proctor, das ist eine von diesen verpissten Städten da oben bei New Hampshire.“

„Ich kenne Proctor“, sagte ich.

„Fein“, sagte Quirk. „Frank hat sie vor etwa einem Jahr kennengelernt. An der Bar im Charles Hotel. Frank hatte gerade die Scheidung hinter sich. Seine Alte ließ ihn nicht leicht aus ihren Klauen. Bist du der liebenswerten Kitty je begegnet?“

Ich nickte.

„Also sah Lisa in seinen Augen ziemlich gut aus. Scheiße, sie sieht auch in meinen Augen gut aus, und ich bin glücklich verheiratet. Frank machte wahrscheinlich auf die Ich-bin-beider-Mordkommission-Tour, wirkt immer.“

„Woher weißt du das?“

„Hat bei mir früher immer gewirkt.“

„Du warst schon verheiratet, bevor du zur Mordkommission gekommen bist.“

Quirk grinste.

„Ich habe eben gelogen“, sagte er. „Jedenfalls ging Frank ein paarmal mit ihr aus, und etwa einen Monat später zogen sie zusammen. Seine Alte hatte das Haus. Vor ungefähr sechs Monaten haben sie geheiratet und kauften sich in diese Anlage ein, da draußen in der Nähe vom Teich.“

„Hat sie Geld?“

Quirk zuckte mit den Achseln. „Was verdient man beim Plattenauflegen?“

„Mehr als ein Polizist.“

„Weil so etwas anspruchsvoller ist“, sagte er. „Frank machte eine Menge Überstunden, hatte wahrscheinlich irgendwas beiseite gelegt.“

„Und seine Frau hätte das nicht in die Hände gekriegt?“

„Er hatte das lange kommen sehen“, sagte Quirk. „Hätte irgendwo ein paar Inhaberschuldverschreibungen verstecken können.“

„Weißt du, wie alt Lisa ist?“

„Nee, schätze um die 30. Was meinst du?“

„Erheblich jünger als Frank“, sagte ich.

„Und sah erheblich besser aus. Frank konnte gar nicht fassen, wie gut sie aussah.“

„Ja“, sagte ich, „aber ist sie ein netter Mensch?“

„Das kriegen wir vielleicht noch heraus“, sagte Quirk.

„Weißt du, wo sie herkommt?“

Quirk zuckte mit den Achseln.

„Familie?“

Achselzucken.

„Weißt du, wo sie vor Proctor gearbeitet hat?“

„Nein.“

„Hast du mal ihre Sendung gehört?“

„Nein. Ich höre immer nur meine Prince-Platten.“

„Er nennt sich nicht mehr Prince.“

„Wen kümmert das einen Scheißdreck?“, sagte Quirk.

„Keinen, den ich kenne“, sagte ich. „War sie schon mal verheiratet?“

„Ich weiß nicht.“

„30 ist ein bisschen alt, um das erste Mal zu heiraten.“

„Mann, Spenser, du warst überhaupt nie verheiratet.“

„Stimmt, das ist auch merkwürdig. Aber ich bin nicht verschwunden.“

„Heutzutage können die Kids miteinander schlafen. Sie leben zusammen. Sie heiraten nicht mehr so früh.“

„Wie alt warst du?“, fragte ich.

„20“, sagte Quirk.

„Denn es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren“, sagte ich.

„Bei mir hat’s geklappt“, sagte Quirk. „Aber viele Leute heiraten, damit sie sechsmal die Woche ficken können. Nach einer Weile wollen sie nur noch einmal die Woche ficken und müssen zwischendurch miteinander reden. Schafft eine Menge Alkoholiker.“

„Meinst du, sie hat ihn verlassen?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht“, sagte Quirk. „Wenn sie ihn verlassen hat, bringt es ihn um. Und wenn sie ihn nicht verlassen hat … Wo, zum Teufel, steckt sie?“

„Schwer zu sagen, wofür man sein soll“, sagte ich.

Hinter Quirk sah man durchs Fenster in die Stanhope Street, die eigentlich mehr eine Gasse war. Wenn man aufstand, konnte man Bertucci’s Pizza sehen, wo früher der Red Coach Grill war. Eine Taube flog auf den Fenstersims, plusterte sich auf und trippelte vor dem Fenster seitwärts hin und her. Dann drehte sie sich um und beobachtete uns mit einem Auge. Hinter mir im Mannschaftsraum klingelte immer wieder das Telefon, manchmal nur zweimal, manchmal viel zu lange. Ein Anruf bei der Mordkommission bedeutet selten eine gute Nachricht.

Ich stand auf. Die Taube beobachtete mich.

„Wenn ich was höre, sage ich dir Bescheid“, sagte Quirk.

Ich machte die Tür auf. Als ich hinausging, flog die Taube weg.

Sie war nicht mehr gefesselt. Und sie war allein. Die Monitore zeigten Bilder von ihm, wie er sorgfältig die verknoteten Seidenschals löste. Als er sie befreit hatte, war ihre Panik ein wenig verebbt. Wenigstens konnte sie sich bewegen. Sie konnte sprechen, obwohl es außer ihm niemanden gab, mit dem sie reden konnte.

„Wir heben uns diese Schals auf, amor mio “, sagte er auf den Monitoren. „Sie sind ein Teil unserer Wiedervereinigung.“

Sie saß auf der Bettkante und wartete, bis das Kribbeln und Stechen der wiedererwachenden Blutzirkulation in ihren tauben Gelenken aufhörte. Es war ein riesiges viktorianisches Himmelbett mit Laken aus blasslila Seide und einem Baldachin aus schwerem Damaststoff. Um das Bett herum waren etwas abgewetzte und vergilbte Theaterkulissen aufgestellt, die ein Guckkastenbild grüner Wiesen und Weidenbäume, archaischer Steinmauern sowie eines englischen Pointers in arg gestreckter Vorstehhaltung darstellten. Im Hintergrund grasten Lämmer unter der Aufsicht eines barfüßigen jungen Schäfers mit Hirtenstab. Durch die Wiese schlängelte sich ein Weg in geometrischer Fluchtpunktperspektive und verschwand schließlich hinter einer Steinmauer. Sie kannte diese Kulissen von einer Theateraufführung für Kinder: Rumpelstilzchen. Wie er sie bekommen hatte, wusste sie nicht. Hinter den Kulissen waren die Fenster zugenagelt. Das Licht kam von einer Reihe Klemmleuchten, die an einem Rohrgewirr dicht unter der schwarzgestrichenen Decke festgemacht waren, sowie von den leuchtenden Monitoren, die auf einer Endlosschleife immer wieder die gleichen Bilderfolgen zeigten. Jetzt schwiegen die Monitore wieder. Den Ton schien er je nach Laune ein- und auszustellen. Abgerissene Gazestreifen hingen wie Spinnweben zwischen den Leuchten und sollten wohl die Illusion eines endlosen Himmels erzeugen. Gegenüber dem Fußende des Betts stand ein großer Kleiderschrank aus Eiche an der Wand. Die Türen waren aufgeklappt. Der Schrank war voller Theaterkostüme. In der Wand rechts vom Bett gab es eine Tür.

Als Lisa endlich aufstehen konnte, ging sie unsicher und mit tauben und kribbelnden Beinen zur Tür. Sie war verschlossen. Das hätte sie sich denken können. Sie drehte sich um und tastete die schwarzen Sperrholzbretter ab, die vor die Fenster genagelt worden waren. Eins der Bretter hatte Scharniere auf einer Seite und ein Vorhängeschloss auf der anderen. Ein anderes war ausgeschnitten, um Platz für die Klimaanlage zu lassen. Keines war auch nur ansatzweise durchlässig.

Sie machte den Mund auf und bewegte ihre Kiefer ein wenig. Ihr Mund war so nass gewesen, als sie geknebelt war. Jetzt war er trocken, die Kieferknochen steif. Sie sagte ein paarmal laut „Hallo“, um festzustellen, ob sie noch sprechen konnte. Im abgeschlossenen Raum klang ihre Stimme rostig und klein. Und wieder spürte sie die klaustrophobische Panik hochsteigen. Gefesselt war sie nicht mehr, aber gefangen. Links vom Kleiderschrank war eine angelehnte Tür, dahinter gedämpftes Licht. Ein Badezimmer mit Wänden aus rosa Plastikfliesen. Der Toilettendeckel mit rosa Samtcord überzogen. Eine eingebaute Nasszelle aus Plastik mit einer Tür aus rosagetöntem Glas. Blumen in einer Vase und auf dem Boden eine dicke Badematte, auch rosa. Kein Fenster. Hinter sich hörte sie das Geräusch der Kamera.

„Du solltest dich duschen, Querida. Es gibt milde französische Seife, Shampoo mit Fliederduft, und im Schrank hängen frische Kleider für dich … Sei nicht schüchtern … Ich will alles auf Band haben … Und wenn wir alt sind, sehen wir uns das zusammen an.“

Regungslos starrte sie ihn an. Sie trug immer noch die schweißgetränkte Bluse und die Jeans, die sie angehabt hatte, als er sie holte.

„Zieh dich aus, Chiquita, du brauchst eine Dusche und neue Sachen.“

Sie starrte ihn immer noch an. Er hatte sie oft nackt gesehen. Sie hatten sich oft geliebt. Aber jetzt war es so, als ob ein Fremder ihr befohlen hätte, sich öffentlich auszuziehen. Ihr fielen keine Worte ein.

„Tu es“, sagte er, die Stimme plötzlich voller Hass, „sonst befehle ich, dass man dich zwingt.“

Sie starrte ihn immer noch an, die Kamera surrte weiter. Plötzlich spürte sie eine Bodenlosigkeit, ein Gefühl der Schwäche, das ihre Arme durchraste und ihren Magen zusammenzog. Es war ein bekanntes Gefühl. Sie hatte es oft gespürt. Sie wollte es nicht spüren. Sie konnte es nicht ertragen. Aber sie wurde dazu gezwungen. Es gab keinen Ausweg. So standen sie in ihrer Wut erstarrt eine Ewigkeit einander gegenüber. Es gab kein Geräusch, nur das Surren der laufenden Kamera und das leise Keuchen ihrer beider Atemzüge. „Hilflos“, dachte sie. „Ich bin wieder hilflos.“ Langsam fing sie an, ihre Bluse aufzuknöpfen.

4

Ich saß mit Frank Belson in einem Café an der Columbus Avenue und trank eine Tasse koffeinfreien Kaffee. Es war ein hässlicher Frühlingstag mit grauverhangenem Himmel und einer Spur Schneeregen in der Luft. Seine Frau hatte er immer noch nicht gefunden.

„Hast du sie vor der Scheidung von Kitty getroffen?“, fragte ich, hauptsächlich, um überhaupt etwas zu sagen.

„Nein.“

„Sie war also nicht der Scheidungsgrund“, sagte ich.

„Die Scheidung machte die Sache bloß amtlich“, sagte er. „Die Ehe war schon lange in die Hose gegangen.“

Ich war wieder einmal dabei, das Kaffeetrinken aufzugeben. Mein ständiges Scheitern war entmutigend, aber nicht endgültig. Ich rührte ein bisschen mehr Zucker in das koffeinfreie Gebräu, um den Geschmack zu verdecken.

Belson starrte auf die leicht schimmernde Oberfläche seines echten Kaffees. „Kitty war übel drauf“, sagte er. „Hysterisch, nervös – dachte, man fickt nur, wenn man Kinder haben will. Wollte keine Kinder, aber wollte auch nicht, dass irgendjemand vor ihr welche hätte und sie damit aussticht, verstehst du?“

„Ich war nie ein Freund von Kitty“, sagte ich.

„Geld“, sagte er. „Ich habe noch nie erlebt, wie jemand sich solche Sorgen wegen Geld macht. Wie man es kriegt, wie man es sparen kann, warum wir es nicht ausgeben dürfen, weshalb ich mehr verdienen sollte. Wie wir denn in der Nachbarschaft dastehen, wo doch Trudy Fitzgeralds Mann als Ingenieur bei Sylvania doppelt so viel verdient wie ich. Hätte ich sie dafür bezahlt, hätte sie mich jede Nacht gefickt.“

„Klingt ganz normal“, sagte ich.

„Allerdings nach den ersten paar Monaten hätte ich sie wahrscheinlich dafür bezahlt, es nicht zu tun. Aber dann hatten wir das Kind, dann noch ein paar. Kitty wusste immer, wie viele Kinder man haben müsste. Sie wusste die ganzen verdammten Regeln auswendig, verstehst du? Ob man ein Haus am Wasser haben sollte, ob die Mädchen besser in eine konfessionelle Schule gehen, ob man das Wasser vor dem Kochen salzen muss, welche Unterwäsche sich für eine anständige Frau gehört.“

Er schwieg eine Weile. Er hielt die Tasse in der Hand, trank den Kaffee aber nicht. Ich wartete. Zwei Polizisten kamen herein und setzten sich an den Tresen. Belson nickte ihnen zu. Die beiden Polizisten bestellten Kaffee. Einer ließ sich außerdem ein Stück Ananastorte kommen.

„Aber du hast dich nicht scheiden lassen“, sagte ich.

„Wir waren seit 20 000 gottverdammten Jahren katholisch. Und wir hatten die Kinder und, ach Scheiße, die Jahre vergingen, und wir waren schon 23 Jahre verheiratet und sprachen kaum noch miteinander. Ich habe viele Überstunden gemacht.“

„Und dann hast du Lisa getroffen“, sagte ich.

„Ja. In Cambridge hatten sie einen Typen namens Wozak wegen eines Überfalls aus dem Verkehr gezogen, dachten, es wäre einer, den wir suchten, weil jemand einen unserer Informanten plattgemacht hatte, einen Junkie namens Eddie Navarrone. Um Eddie war es nicht schade, aber die Generallinie bei uns heißt, dass wir Mörder nach Möglichkeit nicht ermutigen, also bin ich hinübergefahren und habe mit Wozak gesprochen. War vielleicht unser Typ, ganz sicher bin ich mir nicht. Jedenfalls haben ihn die Kollegen in Cambridge festgenagelt, also haut er vorerst nicht ab. Jedenfalls so lange, bis ihn irgendein Richter laufen lässt, weil er keine Krankenversicherung hatte.“

„Oder weil sie keinen Platz für ihn haben“, sagte ich.

Belson zuckte mit den Achseln und starrte hinaus in den grauen Vorfrühlingstag.

„Der gehört unter die Erde“, sagte Belson.

Ich bestellte einen weiteren Koffeinfreien. Belsons Kaffee musste inzwischen kalt geworden sein. Er hielt die Tasse immer noch in der Hand und hatte immer noch nichts getrunken. Er sah hinaus in den leichten Schneeregen.

„Hast du schon irgendwelche Rotkehlchen gesehen?“, fragte Belson.

„Nein.“

„Ich auch nicht.“

„Lisa hast du also in Cambridge getroffen“, sagte ich.

„Ja.“

„Willst du mir davon erzählen, oder soll ich raten, und du sagst mir, wenn es warm wird?“

Belson nahm einen Schluck Kaffee, schüttelte den Kopf und setzte die Tasse ab.

„Es ist etwa halb sechs. Ich bin an der Bar im Charles Hotel, trinke einen Wodka Tonic. Und sie ist auch an der Bar. Die Bar ist nicht sehr groß, kennst du sie?“

„Ja.“

„Sie hatte ein gelbes Kleid an und einen von diesen Hüten mit aufgeschlagener Krempe, die sich die Frauen ganz tief ins Gesicht ziehen, und sie trinkt dasselbe wie ich. Und sie sagt zu mir: ‚Welche Wodkamarke?‘ Und ich sage: ‚Stolitschnaja‘, und sie lächelt mich an und sagt: ‚Hab ich früher auch getrunken. Seelenverwandtschaft oder was?‘“

Die zwei Polizisten an der Theke tranken ihren Kaffee aus, standen auf und gingen zur Tür. Belson sah ihnen nach.

„Kollegen von der B-Schicht“, sagte er geistesabwesend.

„So fing es also an“, sagte ich.

„Ja. Und sie fragte mich, was ich mache, und ich habe es ihr erzählt, und sie sagte: ‚Trägst du eine Pistole?‘, und ich sagte: Ja, bloß mit dem Finger auf die Leute zielen funktioniert nicht‘, und sie hat gelacht, und wir haben die ganze Nacht geredet. Und ich bin nicht mit zu ihr nach Hause gegangen, aber ich ließ mir ihre Nummer geben und hab sie am nächsten Tag angerufen.“

Er hielt wieder inne und sah zu, wie die beiden Polizisten in einen grauen Ford stiegen, den sie im absoluten Halteverbot abgestellt hatten. Dann sprach er weiter, während er dem wegfahrenden Auto nachsah.

„Sie war nicht – ist nicht wie irgendjemand anders. Sie war immer voll da, ganz im Hier und Jetzt, verstehst du? Was sie war, war sie immer ganz, die ganze Zeit. Keine Bedenken, keine Spielchen. Und als wir das erste Mal ins Bett gingen, sagte sie: ‚Ich erzähle dir alles von mir, was du wissen willst, aber wenn es nach mir ginge, würde ich gern so tun, als ob mein Leben in dem Augenblick begann, als wir uns kennenlernten.‘ Und ich sagte: ‚In Ordnung. Keine Vergangenheit, kein Nichts, nur du und ich.‘ Und so ist es geblieben. Ich weiß nichts von ihr außer der Zeit mit mir.“

Ich wartete und nippte an meinem koffeinfreien Kaffee. Belson saß da und schwieg.

„Meinst du, Kitty könnte etwas damit zu tun haben, dass Lisa weg ist?“

„Nein“, sagte Belson langsam. „Ich habe darüber nachgedacht, und – nein. Kitty ist ein übles Arschloch, aber nicht so ein Arschloch. Sie ist bei ihrer Schwester in Florida, schon seit dem 10. Februar.“

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