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Spenser und der Preis des Schweigens

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind fast 40 Spenser-Krimis erschienen. 1976 wurde Parkers Roman „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren mit dem „Edgar Allan Poe Award“ als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Robert B. Parker verstarb 2010.

Infos zum Autor unter www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Spenser und der Preis des Schweigens

Ein Auftrag für Spenser

Übersetzt von Robert Brack

PENDRAGON

1

Draußen vor meinem Fenster verwandelte sich der Schneeregen auf der Berkeley Street in Matsch. Ich hörte mir ein Frühjahrstraining zwischen den Sox und den Blue Jays an, das in Florida stattfand. Joe Castiglione und Jerry Trupiano moderierten das Spiel und schlugen sich tapfer mit den ganzen Werbeeinblendungen herum, die der Sender verkauft hatte. Sie kamen so gut wie jeder andere damit zurecht, aber Red Barber oder Mel Allen hätten ihre Probleme mit dieser Anzahl von Unterbrechungen gehabt. Der langsame Rhythmus des Baseballes war ja extra fürs Radio erfunden worden. Er erlaubte den Moderatoren, das Spiel in genauer rhythmischer Übereinstimmung mit dem Ablauf des Geschehens zu begleiten. Wir hörten nicht bloß zu, um mitzubekommen, was passierte, sondern weil es für uns wie Musik war. Der Klang einer Begegnung zwischen zwei Mannschaften von der Küste an einem Sonntagnachmittag im August, wenn man sich gerade auf dem Weg vom Strand nach Hause befand. Die Geräusche der Zuschauer leise im Hintergrund, die Stimmen der Berichterstatter, die das lahme Spiel wortreich ausschmückten. Heutzutage bleibt nur wenig Zeit für dieses typische Baseball-Gerede. Und kaum Zeit für eine echte Direktübertragung. Die Musik ist verschwunden. Trotzdem klang es immerhin nach Frühling und nahm damit dem Schneeregen dort draußen ein wenig von seinem Schrecken.

Kurz nachdem sie am fünften Inning angekommen waren, trat Hawk in mein Büro, zusammen mit einem ziemlich kleinen Mann mit Kurzhaarschnitt, der einen Dreiteiler trug und einen roten Schlips mit weißen Punkten. Seine Haut war blauschwarz und schien sich um seinen Körper zu spannen. Ich stellte das Radio leise, aber nicht ganz aus.

„Ein Klient“, sagte Hawk.

„Ich hoffe wie immer“, sagte ich.

Ich kannte diesen kleinen Typen. Er hieß Robinson Nevins. Er war Professor an der Universität, Autor von einem guten Dutzend Bücher, gelegentlicher Gast in Fernsehshows und eine allseits bekannte Persönlichkeit der so genannten Black Community. Von Time war er mal als „Löwe der Akademie“ bezeichnet worden.

„Ich bin Robinson Nevins“, sagte er und streckte die Hand aus. Ich beugte mich vor und schüttelte sie ohne aufzustehen. „Hawk war vielleicht ein bisschen voreilig, mich als Klient vorzustellen. Wir müssen uns erst mal unterhalten. Vor allem müssen wir herausfinden, ob wir miteinander klarkommen.“

„Auf wessen Rechnung?“

„Du kriegst die Hälfte von dem, was ich einsacke“, sagte Hawk.

„So viel.“

„Ich kann nicht sehr viel erübrigen“, sagte Nevins.

„Vielleicht kommen wir nicht miteinander klar.“

„Ich muss größtenteils mit einem Universitätsgehalt auskommen. Und wie Sie sich denken können, ist das kein sonderlich großer Betrag.“

„Hängt immer davon ab, was man gewohnt ist“, sagte ich. „Wie laufen denn die Bücher so?“

„Die Bücher werden gut aufgenommen und haben hoffentlich trotz der bescheidenen Verkaufszahlen eine wichtige Funktion. Ich verdiene etwas Geld mit Vortragsreisen, aber meistens nehme ich eine solche Einladung an, weil mir die Sache wichtiger ist als das Geld.“

„Hassen Sie sich nicht manchmal dafür?“, fragte ich.

Nevins lächelte, aber nicht so, als fände er das wirklich witzig. „Welche bescheidene Summe würden Sie mir denn anbieten?“, fragte ich.

„Man hat mir die Anstellung verweigert“, sagte Nevins.

Ich starrte ihn an.

„Die Anstellung?“

„Ja. Zu Unrecht.“

„Und darüber soll ich Nachforschungen anstellen?“

„Ja.“

„Anstellung.“

„Ja.“

Ich schwieg. Nevins sagte ebenfalls nichts mehr. Ich sah Hawk an.

„Meinst du, ich soll das tun?“, fragte ich ihn.

„Ja.“

Ich war sprachlos.

„Ich verstehe Ihre Reaktion“, sagte Nevins. „Das klingt, als ob ich geizig bin. Außerdem denken Sie wahrscheinlich, dass es Wichtigeres gibt, als die Festanstellung eines Professors.“

Ich deutete mit dem Finger auf ihn und sagte: „Bingo.“

„Wenn ich Sie wäre, würde ich genauso reagieren. Aber es geht nicht nur darum, dass mir die Festanstellung verweigert wurde und ich deshalb gehen muss. Ich kann leicht einen anderen Posten finden. Tatsache ist, dass man mir die Festanstellung nicht hätte verweigern dürfen. Ich bin besser qualifiziert als die meisten Mitglieder des Personalausschusses. Besser qualifiziert als die meisten, die eine Anstellung auf Lebenszeit bekommen haben.“

„Vermuten Sie rassistische Motive?“

„Das wäre eine einfache Erklärung, die oft genug ja auch zutrifft. Aber in diesem Fall bin ich mir nicht so sicher.“

„Was dann?“

„Ich weiß es nicht. Ich bin ein eher untypischer schwarzer Akademiker. Ich bin relativ konservativ.“

„Was ist Ihr Arbeitsgebiet?“

„Amerikanische Literatur.“

„Aus schwarzer Perspektive betrachtet?“

„Na ja, aus meiner Perspektive betrachtet. Ich befasse mich mit schwarzen Autoren genauso wie mit einer ganzen Reihe toter weißer.“

„Ganz schön mutig.“

„Wussten Sie, dass wir Studenten einen Abschluss geben, die nie in ihrem Leben Milton gelesen haben?“

„Wusste ich nicht“, sagte ich. „Glauben Sie, Sie wurden geschasst, weil Sie politisch nicht korrekt waren?“

„Das wäre möglich“, sagte Nevins. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Angelegenheit von einer Schmutzkampagne begleitet wurde, die mich die Stellung gekostet hat.“

„Und ich soll herausfinden, wer diese Kampagne gestartet hat?“

„Ja.“

Wieder blickte ich Hawk an. Er nickte.

„Wäre es nicht logischer, sich in dieser Sache an einen Anwalt zu wenden?“

„Es geht nicht um meine Professorenstelle. Es geht mir darum, herauszufinden, was dahinter steckt.“

„Würden Sie die Sache auf sich beruhen lassen, wenn Sie Ihre Stellung zurückbekämen?“

Nevins verzog das Gesicht zu einem Lächeln.

„Sie können einen ganz schön in die Enge treiben, was?“

„Ich weiß gern Bescheid.“

„Zum Beispiel darüber, ob ich wirklich herausfinden will, was dahinter steckt?“

„Wäre doch gut zu wissen.“

„Wenn man mir die Stelle anbieten würde, müsste ich das Angebot genau prüfen. Aber selbst wenn ich annehmen würde, wäre trotzdem eine Menge falsch gelaufen.“

„Was war der Anstoß zu dieser Schmutzkampagne?“

Hawk schien auf die kaum hörbare Übertragung des Baseballspiels im Radio zu achten. Er tat es wirklich. Wenn man ihn jetzt fragen würde, könnte er den exakten Spielstand mitteilen. Außerdem würde er jedes Detail meiner Unterhaltung mit Nevins und sämtliche Nuancen in unserem Tonfall und den Gesichtsausdruck wiedergeben können.

„Ein junger Mann, ein Student, hat im vergangenen Semester Selbstmord verübt. Man behauptet, der Anlass sei eine sexuelle Beziehung zu mir gewesen.“

„Wie hieß der Student?“

„Prentice Lamont.“

„Und stimmt die Behauptung?“

„Nicht im Geringsten.“

Ich nickte.

„Ich nehme an, Sie möchten auch diese Behauptung aus der Welt schaffen.“

„Ja.“

„In Ordnung.“

„Heißt das, Sie übernehmen den Fall?“

„Yep.“

Nevins schien einigermaßen erstaunt zu sein.

„Einfach so?“

„Yep.“

„Und Sie fragen mich nicht, ob ich schwul bin?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil’s mir egal ist.“

Nevins runzelte die Stirn. „Aber es könnte doch wichtig sein.“

„Falls es das werden sollte, frage ich danach.“

Nevins machte den Mund auf, dann wieder zu und lehnte sich zurück. Dann zog er ein grünes Scheckbuch aus der Innentasche seines Jacketts.

„Wie viel Vorschuss brauchen Sie?“

„Vorschuss ist nicht nötig.“

„Oh, aber ich muss darauf bestehen. Ich möchte nicht, dass mir jemand einen Gefallen tut.“

Hawk sah aus dem Fenster auf den Schneematsch, der sich um die Designerstiefel der Mädels ansammelte, die jetzt zur Mittagspause aus dem Eingang des Versicherungsbüros gegenüber traten.

Ohne sich umzudrehen, sagte er: „Er tut mir einen Gefallen, Robinson.“

Nevins war nicht schwer von Begriff. Er warf einen Blick auf Hawk, dann auf mich, dann nickte er. Er steckte das Scheckbuch wieder in seine Jackentasche und stand auf.

„Müssen Sie noch irgendetwas wissen?“, fragte er.

„Nein. Ich schnüffel ein bisschen herum und warte ab, was passiert.“

„Ich höre dann von Ihnen?“

„Ja.“

„Wirst du auch an den Ermittlungen beteiligt sein, Hawk?“ Hawk wandte sich vom Fenster ab und grinste Nevins an.

„Klar“, sagte er. „Ich helf ihm, wenn’s brenzlig wird.“

Nevins hielt mir die Hand hin. „Ich weiß das sehr zu schätzen. Wem auch immer Sie einen Gefallen tun.“

Ich schüttelte seine Hand.

„Soll ich dich irgendwohin mitnehmen?“, fragte er Hawk. Hawk schüttelte den Kopf. Nevins nickte, als würde ihm das irgendetwas bestätigen, was er gerade gedacht hatte, und ging. Hawk sah wieder aus dem Fenster. Das Baseballspiel war leise bis zum achten Inning vorangeschritten. Draußen kam jetzt größtenteils Regen herunter. Hawk drehte sich um und blickte mich ausdruckslos an.

„Eine Uni-Intrige?“ Hawk grinste.

„Scheint so.“

2

In regelmäßigen Abständen unternahm Susan immer wieder den Versuch, mein Büro etwas wohnlicher zu gestalten. Ihre erfolgreichste Aktion in dieser Hinsicht war die kürzliche Installierung einer Kaffeemaschine inklusive Kaffeedosen und farblich zueinander passenden Kaffeebechern. Die Milch für den Kaffee musste natürlich in einem kleinen Kühlschrank frisch gehalten werden, den ich auch mal für mein Bier nutzen konnte, falls Not am Mann war. Der Kühlschrank passte farblich selbstverständlich zu den Bechern, den Dosen, der Zuckerschale und dem Milchkännchen. Die Kaffeefilter und das Besteck lagen in einer Schublade in dem Schränkchen, das ich extra nach ihren Vorstellungen hatte anfertigen lassen, um den Kühlschrank darauf zu stellen. Hawk grinste immer, wenn er es ansah. Genauso wie jetzt, als er uns einen Kaffee machte.

„Wundert mich, dass Susan bisher keine farblich passende Munition für dich gefunden hat“, sagte er.

„Ja, am liebsten ist ihr der .357er, weil da die Farbe der Bleikugeln so schön mit dem glänzenden Edelstahl der Trommel kontrastiert.“

„Wer Geschmack im Detail zeigt“, sagte Hawk, „zeigt immer Geschmack.“

Er füllte Wasser in die Kaffeemaschine und stellte sie an.

„Erzähl mir was über Robinson Nevins“, sagte ich.

„Er ist der Sohn von Bobby Nevins.“

„Dem Trainer?“

„Hmhm.“

Wir sahen zu, wie der Kaffee ganz langsam in die Kanne tropfte.

„Wenn wir ihn beobachten, wird er nie fertig“, sagte ich.

„Wird schon werden.“

„Du kennst also Bobby Nevins?“, fragte ich.

„Ja.“

„War er mal dein Trainer?“

„Sozusagen.“

„Deshalb kennst du auch seinen Sohn.“

„Hmhm.“

Die Kanne füllte sich ganz langsam mit Kaffee.

„Hab doch gesagt, es wird schon werden“, sagte Hawk.

„Verdammt, ich war mir so sicher.“

Hawk nahm die Kanne und schenkte uns zwei Becher ein.

„Ganz schön häuslich“, sagte ich, als er mir den Becher gab.

„Meine Vorfahren waren Küchensklaven. Alles eine Frage der Gene.“

„Wie gut kennst du Robinson Nevins?“, fragte ich.

„Bobby war mehr Vater für mich als sonst irgendjemand“, sagte Hawk.

„Also kennst du Robinson schon dein ganzes Leben lang.“

„Ja.“

„Und?“

„Nein, nicht wirklich. Er war halt immer in der Nähe.“

„Aber zu dir kam er immer, wenn er Ärger hatte.“

Hawk schüttelte den Kopf: „Bobby kam immer.“

„Lebt er noch?“

„Ja. Er ist jetzt 82, immer noch topfit, treibt sich in der Trainingshalle herum und sucht Nachwuchs.“

„Also hat er Robinson erst ziemlich spät bekommen.“

„Ja, sein einziger Sohn. Die Eltern ließen sich scheiden, als Robinson noch recht klein war. Unangenehme Sache. Keine Ahnung, wo seine Mutter jetzt ist.“

„Wie ist Bobbys Verhältnis zu seinem Sohn?“

„Bobby liebt den Jungen“, sagte Hawk. „Aber er wuchs vor allem bei seiner Mutter auf. Bobby zahlte und durfte den Jungen sehen, wann er wollte. Als der Sohn Professor wurde, lief Bobby herum und gab damit an, als sei er Schwergewichtsweltmeister geworden. Keine Ahnung, ob Bobby jemals zur Schule gegangen ist. Ich frage mich, ob er überhaupt lesen und schreiben kann.“

„Wie ist es mit Robinson? Wie steht er zu seinem Vater?“

„Ich glaube, er schämt sich ein bisschen für ihn. Er war eher auf seine Mutter fixiert, und die hat kein gutes Haar an Bobby gelassen.“

Ich nickte.

„Was weißt du von dieser ganzen Geschichte?“, fragte ich.

„Nur das, was er gerade erzählt hat.“

„Was hältst du davon?“

„Von der Entlassung oder vom Selbstmord oder von was?“

„Alles.“

„Ich hab keine Ahnung von Professoren. Aber der Junge, der gestorben ist, war 150-prozentig schwul. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Robinson ihn kannte. Aber ich weiß nicht, ob Robinson schwul ist.“

„Was heißt 150-prozentig schwul?“

„Schwuler Aktivist. Gab so ein Blättchen heraus, mit dem er andere outete.“

„Wie nett. Und was ist das für ein Gerücht über ihn und Robinson?“

„Angeblich hatten sie eine heftige Affäre, und Robinson brach die Beziehung ab, weshalb der Junge sich umgebracht hat.“ „Verschmähte Liebe?“

„So heißt es.“

„Weiß Bobby Nevins davon?“

„Ja.“

„Und was sagt er dazu?“

„Er sagt, bring das in Ordnung. Er will, dass sein Sohn die Festanstellung bekommt.“

„Hat Bobby Geld?“

Hawk schüttelte den Kopf. Er hielt den Becher mit beiden Händen fest und lehnte mit der Hüfte gegen das farbabgestimmte Kaffeeschränkchen. Der Dampf der Kaffeemaschine stieg vor seinem Gesicht auf.

„Also machen wir das hier für ’n Appel und ’n Ei“, stellte ich fest.

Hawk nickte lächelnd und sah aus wie eine schwarze Mona Lisa – falls Mona Lisa einen kahlen Kopf, einen 50-cm-Bizeps, eine 75-cm-Hüfte und sehr wenig Gewissen gehabt hätte.

„Und wie soll das jetzt funktionieren?“, fragte ich. „Du übernimmst einen Job umsonst, und ich bekomme die Hälfte des Gewinns?“

„Du bist doch der Detektiv.“

„Stimmt.“

„Ich dagegen bin bloß ein einfacher Ganove.“

„Stimmt auch.“

„Und du bist mein Freund.“

„Peinlich, aber wahr.“

„Also.“ Hawk spreizte die Hände, wobei er den Becher mit der Rechten festhielt, als wollte er sagen: Bitte sehr.

„Ich versuche, so viele Aufträge wie möglich ranzuschaffen.“

„Solche wie diesen hier.“

„Genau. Ich werde dir sogar dabei helfen.“

„Super.“

„Womit fangen wir an?“

„Wir trinken noch ein bisschen Kaffee“, sagte ich.

Hawk nickte. „Guter Anfang. Und was machen wir dann, Meister?“

„Verpassen wir dir Sprechunterricht. Immer wenn du mich richtig hart rannimmst, klingst du wie Mantan Moreland.“

„Mantan Moreland?“

„Wundert mich selbst, wie ich auf den gekommen bin“, sagte ich. „Wo hat dieser Lamont denn seinen Selbstmord verübt?“

„Er hatte eine Wohnung in South End.“

„Gut, dann ist die Mordkommission von Boston zuständig. Quirk und Belson.“

„Also unterhalten wir uns erst mal mit denen.“

„Ich werde mit ihnen reden. Dich würden sie gleich verhaften.“

„Diese Fanatiker“, sagte Hawk.

3

Ich war bei Susan in Cambridge. Wir brachten den Hof hinter dem Haus an der Linnaean Street in Ordnung, wo sich ihre Wohnung und Praxis befanden. Pearl, der Wachhund, versuchte auf der Terrasse einige Sonnenstrahlen zu erhaschen, während wir arbeiteten. Da einiges von dem, was wir beiseite schaffen mussten, von Pearl stammte, war es nur gerecht, dass sie dabei war.

In einer Ecke des Hofs hatte ich ein großes Loch in die gerade aufgetaute Erde gegraben und schaufelte nun den ganzen Dreck, den Susan in kleinen Haufen aufgeschichtet hatte, dort hinein. Sie trug fingerlose Arbeitshandschuhe, sah aus wie eine jüdische Prinzessin und schuftete wie ein bulgarischer Bauer. Sie wurde nie müde. Ich warf eine weitere Schaufel voll Dreck in das Loch und schichtete etwas Erde darüber.

„Erinnert mich an meinen Beruf“, sagte ich.

„Hinterher aufräumen?“

„Ja.“

Zusätzlich zu ihren Arbeitshandschuhen trug Susan schwarze Strumpfhosen, eine hüftlange gelbe Jacke und eine schwarze Polomütze. Arbeitswütig wie sie war, hatte sie Designer-Boots aus schwarzem Leder mit silbernen Haken und Ösen angezogen, die zusammen mit der Strumpfhose ziemlich übertrieben, aber gut aussahen.

„Das erinnert einen daran, dass das Leben grundsätzlich schmutzig ist.“

„Pearls Leben.“

„Kommt aufs Gleiche raus.“

Pearl hob bei Erwähnung ihres Namens den Kopf und blickte dann leicht pikiert drein, als sie merkte, dass es falscher Alarm war. Laut seufzend legte sie ihren Kopf wieder auf die Vorderpfoten. Die Sonne schien hell und die Erde war aufgetaut, aber in den dunklen Ecken direkt am Zaun und unter einigen Immergrün-Sträuchern lag noch etwas Schnee wie die Überreste eines schmutzigen Geheimnisses. Und obwohl die Temperatur deutlich über zehn Grad lag, machte uns ein eisiger Hauch in der Luft klar, dass es noch nicht Zeit zum Aussäen war.

Als wir fertig waren und ich die Erde über das Loch geschaufelt und festgetreten hatte, setzten wir uns auf die vorletzte Treppenstufe direkt unterhalb von Pearl.

„Wirst du diesen Uni-Fall übernehmen?“, fragte Susan.

„Ja.“

Sie lächelte.

„Was denn?“, fragte ich.

„Ich hab mir nur gerade vorgestellt, wie du den Personalausschuss aufmischst.“

„Aufmischen? Ich kann so feinfühlig sein wie ein Neurochirurg, wenn’s sein muss.“

„Ich schätze, die meisten Personalausschüsse an Universitäten bieten sich zum Aufmischen an.“

„Ich gebe ja zu, dass diese Art der Herangehensweise mir mehr liegt.“

Ganz plötzlich und nur nachvollziehbar für einen anderen Hund, stand Pearl auf und begann, mir das Gesicht zu lecken. Ich ließ es geschehen, bis sie genug davon hatte und sich Susan zuwandte.

„Woher weißt du von dem Fall?“

Sie versuchte, sich gegen Pearl zu wehren, aber es dauerte eine Weile, bis sie antworten konnte. Doch schließlich ließ Pearl von ihr ab und Susan sagte: „Hawk hat mit mir darüber gesprochen, bevor er sich an dich wandte.“

„Mit dir?“

„Er wollte wissen, ob er womöglich mehr von dir verlangen würde, als du geben könntest.“

„Und was hast du gesagt?“

„Ich hab ihm erklärt, dass er das Recht hätte, alles von dir zu verlangen, genauso wie umgekehrt.“

„Was hat er gesagt?“

Susan lächelte.

„Er stimmte mir zu.“

Ich nickte.

„Ist Hawks Freund schwul?“, fragte Susan.

„Weiß ich nicht.“

„Aber wäre eindeutiges heterosexuelles Verhalten nicht eine gute Verteidigung gegen die Anschuldigung, dass ein Student sich wegen einer Affäre mit Professor Nevins umgebracht hat?“

„Wahrscheinlich schon.“

„Hast du ihn danach gefragt?“

„Nein.“

„Ich verstehe, warum du es nicht getan hast, aber sollte man das nicht trotzdem überprüfen?“

„Kann man so etwas denn überprüfen? Nach meiner Erfahrung ist das nicht so eindeutig feststellbar.“

Susan stemmte ihre Ellbogen auf die obere Stufe und legte ihren Kopf gegen Pearls Brustkorb. Sie dachte einen Moment über meine Frage nach, während ich ihren Oberkörper betrachtete, der in dieser Stellung ihre Jacke spannte.

„Betrachtest du meine Titten?“, fragte Susan.

„Ich versuche, es zu vermeiden. Aber manchmal geht es nicht anders.“

„Und die Titten?“

„Spitzenklasse. Was war mit dieser Frage?“

„Eine gute Frage“, sagte Susan. „Und wesentlich komplizierter als allgemein angenommen.“

„Dann bin ich ja an der richtigen Adresse.“

„Ja.“ Susan lächelte mich an. Es war eins von diesen Lächeln, die eine ganze Menge bewirken können. „Komplikationen sind unser Geschäft.“

Sie rieb ihren Rücken an Pearl.

„Sexualität ist nicht so eindeutig festgelegt, wie das immer angenommen wird. Die Diskussion darüber ist inzwischen allerdings so politisiert worden, dass ich diese Aussage, die ich eben gemacht habe, in der Öffentlichkeit sofort dementieren würde.“

„Auch wenn kein Schwanz danach kräht?“

„Ich wusste gar nicht, dass er krähen kann.“

„Egal“, sagte ich. „Lass uns über Sex sprechen.“

Susan lächelte, unterließ aber eine weitere Anspielung.

Stattdessen sagte sie: „Ich habe Leute behandelt, die sich am Anfang der Therapie als Homosexuelle verstanden und am Ende ihre Heterosexualität entdeckten.“ Susan wog ihre Worte genau ab. „Ich habe andere Leute behandelt, die sich am Anfang als heterosexuell empfanden und am Ende als homosexuell.“

„Was wäre, wenn du diese Aussage publizieren würdest?“

„Ein Sturm der Entrüstung würde losbrechen.“

„Weil du behaupten würdest, dass sexuelles Verhalten sich therapieren lässt?“

„Ich spreche hier nur von meiner Erfahrung. Natürlich gehe ich von einer vorbelasteten Stichprobe aus: Die Leute, die eine Therapie machen, kommen vielleicht gerade deshalb, weil sie unsicher sind und mit ihrem Sexualleben unzufrieden. Es springt nicht unbedingt sofort ins Auge, und nicht immer wollen sich die Patienten damit auseinandersetzen. Manche kommen, um von ihrer Homosexualität ‚geheilt‘ zu werden und sind am Schluss so weit, sie ohne Einschränkung zu akzeptieren.“

Ich nickte. Während ihrer Ausführungen hatte Susan aufgehört, Pearls Brustkorb mit ihrem Kopf zu reiben, und Pearl stupste sie mit der Schnauze an. Susan begann sie zu streicheln.

„Aber unter Therapeuten ist dieser Ansatz verpönt?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist, aber hier bei uns würde das, was ich gerade gesagt habe, einen Aufruhr erzeugen.“

„Du hast doch noch nie Angst vor Aufruhr gehabt.“

„Stimmt. Manchmal mag ich so ein Durcheinander sogar, aber in diesem Fall würde es meine Arbeit beeinträchtigen. Und meine Arbeit mag ich mehr als jeden Aufruhr.“

„Wie sieht’s mit mir aus? Magst du mich auch mehr als jeden Aufruhr?“

„Du bist der personifizierte Aufruhr“, sagte Susan.

4

Ich sprach mit Frank Belson in seiner schicken Büronische im schicken neuen Hauptquartier der Polizei an der Tremont Street in Roxbury.

„Wahnsinn“, sagte ich, als ich mich hinsetzte.

„Jawoll“, sagte Belson.

„Das wird dem Verbrechen aber den Rest geben, was?“

„Jede Wette.“

Er machte einen gemütlichen Eindruck, war aber hart im Nehmen. Zufällig wusste ich, dass er sich zweimal täglich rasierte. Trotzdem hatte er immer einen leichten Bartansatz.

„Haben sie dir auch eine hübsche neue Kanone geschenkt, als ihr umgezogen seid?“

„Soll ich die PR-Abteilung anrufen?“, fragte Belson. „Eine von den Damen wird dich bestimmt gern herumführen.“

„Vielleicht später. Kannst du mir was über den Selbstmord eines Jungen namens Prentice Lamont erzählen?“

„Dieser Student?“

„Ja.“

„Hat einen Brody aus dem Fenster seiner Wohnung gemacht. Zehntes Stockwerk.“

„Einen Brody?“

„Ja. Letzte Woche hab ich einen alten Film mit George Raft gesehen. So hat er es ausgedrückt. Ich fand’s gut und hab’s mir gemerkt.“

„Warum?“

„Warum er einen Brody gemacht hat?“, Belson grinste. „Im Computer war ein Abschiedsbrief. Darin stand, glaube ich: ‚Ich kann nicht weitermachen. Einer wird mich verstehen.‘“

„Was soll denn das für ein Abschiedsbrief sein?“

„Wieso denn? Gibt’s für so was Formblätter?“, fragte Belson. „Im Schreibwarenladen? Zutreffendes bitte ankreuzen.“

„Hat er ihn unterschrieben?“

„Im Computer?“

„Schon gut. Hat er seinen Namen druntergetippt?“

„Ja.“

„Habt ihr mal drüber nachgedacht, dass sein Brody nicht ganz freiwillig war?“

„Klar. An so was denkt man doch immer. Aber es gibt keine Hinweise darauf. Und wenn dem so ist, schließen wir einen Fall gerne ab.“

„Gibt’s sonst noch irgendwelche Informationen?“

„Man hat uns erzählt, er sei verzweifelt gewesen, wegen einer tragischen Liebesgeschichte.“

„Mit wem?“

„Das ist vertraulich.“

„Wer hat euch das erzählt?“

„Auch vertraulich.“

Er griff in das linke Regal seines Aktenschrankes, brachte einige Ordner durcheinander und zog schließlich einen hervor, den er auf den Schreibtisch legte.

„Deshalb heften wir das alles in diesem Ordner für vertrauliche Informationen ab. Hier, siehst du? Da steht’s geschrieben: Scheißvertraulich.“

Er legte den blauen Ordner auf den Schreibtisch und schob ihn genau in die Mitte seines grünen Schreibtischschoners.

„Ich geh mal den Korridor lang auf den Topf“, sagte Belson. „Dürfte so zehn Minuten dauern. Ich möchte nicht, dass du in diesem Ordner mit den vertraulichen Informationen über den Lamont-Fall blätterst, während ich weg bin. Und vor allem möchte ich nicht, dass du diesen Fotokopierer dort drüben neben dem Trinkwasserbehälter benutzt.“

„Sie können sich auf mich verlassen, Sergeant.“ Belson stand auf und verließ das Büro. Ich beugte mich über den Schreibtisch, zog den Ordner zu mir und klappte ihn auf. Der Bericht war zehn Seiten lang. Ich nahm den Ordner, ging rüber zum Kopierer und kopierte. Dann spazierte ich wieder in Belsons Büronische. Als Belson zurückkam, steckten die Kopien längsseitig gefaltet in der Innentasche meiner Jacke, und der Ordner lag wieder genau in der Mitte von Belsons Schreibtischschoner. Er nahm ihn und legte ihn kommentarlos in die Schublade.

„Mal ganz inoffiziell“, sagte ich. „Hast du dir irgendwelche Gedanken über diese Sache gemacht?“

„Ich bin nie inoffiziell“, sagte Belson. „Sogar wenn ich bumse, bumse ich ganz offiziell.“

„Wie schön für Lisa.“

Belson grinste.

„Ich kann nichts Ungewöhnliches an diesem Fall erkennen“, sagte er. „Der Junge war schwul, hatte offenbar eine Affäre mit einem älteren Mann, der ihn sitzen ließ, und deshalb hat er den, äh, Brody gemacht.“

„Hast du den älteren Mann befragt?“

„Ja.“

„Hat er die Affäre zugegeben?“

„Nein. Er war Professor an der Uni. Hat jetzt wohl Probleme mit der Anstellung auf Lebenszeit.“

„Er hätte also gute Gründe, die Affäre zu leugnen.“

„Ich weiß ja nicht, was so ein Personalausschuss davon hält, dass ein Professor seinen Studenten bumst. Du etwa?“

„Schätze, es wird wohl als unangebracht angesehen.“

„Wahrscheinlich.“

„Hast du danach gefragt?“

Belson senkte die Stimme: „Die Beratungen des Ausschusses sind streng vertraulich.“

„Also dürfen sie dir nicht erzählen, ob Sex mit einem Studenten eine Rolle spielen würde.“

„Bei manchen, mit denen ich gesprochen habe, schien Sex mit egal was auf jeden Fall eine Rolle zu spielen.“

„Aber die Ausschussmitglieder haben nichts gesagt.“

„Nein.“

„Und wenn du sie an ihren Talaren auf ein Gespräch hierher zerren würdest?“

„Talaren?“

„Es wirkt sich doch immer gut aus, wenn ein Typ mit einer Jüdin zusammen ist.“

„Ich dachte eigentlich, der Plural würde Talari lauten“, sagte Belson.

„Weil du nicht mit einer Jüdin zusammen bist“, sagte ich. „Hattest du denn gar keine Lust, diese Typen ein bisschen aufzumischen?“

„Wir hatten keinen Grund, diese Geschichte als etwas anderes als einen ganz normalen Selbstmord zu betrachten.“ Er lächelte. „Quirk wollte sie herzitieren, weil sie ihn genervt haben. Aber sie hatten den Rechtsberater der Uni dabei, und wie gesagt, es gab keinen Grund.“

„Aber es wäre sicher lustig geworden.“

Belson grinste und schenkte sich eine Antwort. Stattdessen sagte er: „Was interessiert dich denn an dem Fall? Glaubst du, es war gar kein Selbstmord?“

„Ich hab keine Meinung dazu. Ich wurde engagiert, um herauszufinden, warum man Robinson Nevins die Anstellung auf Lebenszeit verweigert hat.“

„Echt wahr?“

„Er behauptet, das Opfer einer üblen Schmutzkampagne zu sein, die nur auf Unwahrheiten basiert, genau wie die Beobachtung, er sei der Professor, wegen dem Lamont den Brody gemacht hat.“

„Siehst du?“, sagte Belson. „Ich wusste, dass dir dieses Wort gefallen würde. Hat er was zugegeben?“

„Alles abgestritten.“

Belson zuckte mit den Schultern.

„Dürfte nicht schwer sein zu überprüfen, ob sie eine Affäre hatten.“

„Eher schon zu beweisen, dass sie keine hatten.“

„Yep.“

Ich stand auf.

„Also, deine neue Bude ist jedenfalls echt super“, sagte ich.

„Finde ich auch.“

„Aber es ist ziemlich weit von der Berkeley Street bis hierher. Was machst du, wenn du mal Hilfe brauchst?“

„Es gibt immer ein Telefon in der Nähe, von dem aus ich dich anrufen kann.“

„Das ist bestimmt tröstlich für dich.“

„Sehr tröstlich“, sagte Belson.

5

Gegen 14:00 Uhr lag die Temperatur bei knapp 20 Grad, die Sonne schien und es ging ein sanfter Wind. Ein perfekter Sommertag, allerdings war gerade mal der 29. März. Ich hatte meine Füße hochgelegt und las die Zeitung. Susan betrat mein Büro. Sie trug weiße Shorts, ein dunkelblaues, ärmelloses Oberteil und führte Pearl an der Leine.

„Es ist Sommer“, sagte sie zur Begrüßung. „Wir sollten rausgehen und spielen.“

„Hast du heute keine Patienten?“

„Nicht heute Nachmittag. Heute ist doch mein Seminar.“

„Und?“

„Ich hab das Seminar abgesagt, weil es draußen so schön ist.“

„Vielleicht kommt ein Klient“, sagte ich.

Susan sah sich im Büro um. „Hmhm.“

„Vielleicht sichte ich gerade wichtige Informationen.“

Sie trat hinter den Schreibtisch und warf einen Blick über meine Schulter.

„Tank McNamara“, sagte sie.

„Vielleicht ist da irgendwo ein Hinweis versteckt. Man weiß ja nie.“

Susan warf mir einen Blick zu, der vernichtend gewesen wäre, wenn ihre Zuneigung ihn nicht etwas entschärft hätte. Ich faltete die Zeitung sorgfältig zusammen und legte sie auf den Schreibtisch.

„Also“, sagte ich, „worauf hast du jetzt Lust?“

„Du kennst nicht zufällig eine große Wiese mit vielen blühenden Osterglocken?“

„Susan, es ist Ende März.“

„Na gut, dann gehen wir eben am Fluss spazieren.“

„Du bist ja richtig anpassungsfähig.“

„Na klar.“

„Ich mag das.“

„Ich weiß.“

Wir überquerten gerade eine Fußgängerbrücke, als Susan sagte: „Hättest du vielleicht noch etwas Zeit zwischen dem Robinson-Nevins-Fall und deiner Beschäftigung mit Tank McNamara, um einer Freundin von mir einen Gefallen zu tun?“

Hätte ich, sagte ich.

„KC Roth“, sagte Susan. „KC ist natürlich das Kürzel, tatsächlich heißt sie Katherine Carole. Sie ist kürzlich geschieden worden, und sie wird belästigt.“

„Vom Exmann?“

„Glaubt sie, aber sie hat ihn nicht dabei ertappt.“

„Woher weiß sie denn, dass sie belästigt wird?“

Wir hatten die Esplanade erreicht, und Pearl lief flussaufwärts voran.

„Das Telefon klingelt, sie nimmt ab, am anderen Ende meldet sich keiner“, sagte Susan. „Ein platter Reifen, in dem ein Nagel steckt; merkwürdige Musik auf ihrem Anrufbeantworter; ein Typ, mit dem sie sich verabredet hatte, bekam einen Drohbrief.“

„Anonym.“

„Natürlich.“

„Hat er ihn aufgehoben?“

„Weiß ich nicht. Sie hat ihn seitdem nicht mehr getroffen.“

„Wahre Liebe soll nicht rosten“, sagte ich.

Pearl bemerkte einen Cockerspaniel, der ihr auf der Esplanade entgegenkam. Sie knurrte. Ihr Fell sträubte sich.

„Das ist aber wirklich kein netter Hund“, sagte ich.

„Zu uns ist er doch nett.“

„Mehr kann man nicht verlangen“, gab ich zu. „Was du mir da beschrieben hast, würde ich nicht bloß Belästigung nennen. Da benimmt sich jemand gewaltig daneben.“

„Ich weiß.“

„Hat ihr Ehemann sie schlecht behandelt, als sie noch zusammen waren?“

„Ich hab sie danach gefragt. Sie sagt Nein.“

„Warum haben sie sich scheiden lassen?“

„Sie hat ihn wegen eines anderen verlassen.“

„Und was ist mit dem?“

„Hat nicht funktioniert.“

„Wieso glaubt sie dann nicht, dass es auch der andere sein könnte, der sie belästigt?“

„Er hat sie sitzen lassen.“

„In dem Moment, als sie frei war?“

„Ja.“

„Weißt du, wie er heißt?“

„Nein. Sie wollte mir den Namen nicht nennen. Er ist verheiratet.“

„Und hat ihr im Bett erzählt, wie schön das Leben sein könnte, wenn sie beide frei wären, und sie hat ihm geglaubt und sich scheiden lassen.“

„Ich weiß nicht, was passiert ist“, sagte Susan. „Aber solche Sachen kommen vor.“

Der Spaniel ging vorbei und wich seinem Herrchen nicht von der Seite. Pearl blickte sehnsüchtig hinterher, hörte auf zu knurren und machte sich dann wieder auf den Weg.

„Wie heißt ihr Exmann?“, fragte ich.

„Burt… Burton. Burton Roth.“

„Kennst du ihn?“

„Er machte einen ganz netten Eindruck.“

„Kinder?“

„Eine Tochter. Sie lebt bei ihrem Vater.“

„Hm.“

„Hm?“

„Hm.“

„Was soll dieses Hm denn bedeuten?“

„Das bedeutet, dass ich jetzt zwei Fälle ohne Bezahlung habe.“

„Na ja, in diesem Fall arbeitest du nicht völlig ohne Bezahlung“, sagte Susan.

„Ich hab schon verstanden.“

6

Ich saß zusammen mit Hawk auf einer Bank am Schwanensee im Stadtpark. Es war ein schöner Frühlingstag, 22 Grad Celsius, die Sonne schien und die Schwanenboote schaukelten auf dem Wasser. Wir lasen die Kopien des vertraulichen Berichts zum Fall Belson durch.

„Tja“, sagte Hawk, als wir fertig waren. „Niemand, außer diesen beiden Professoren, hat Robinson und Lamont zusammen gesehen.“

Ich warf nochmal einen Blick auf den Bericht.

„Lillian Temple und Amir Abdullah“, las ich vor.

„Amir“, sagte Hawk.

Ich beobachtete ein Eichhörnchen, das sich hopsend näherte, wieder weglief, nichts zu futtern bekam und uns mit diesem panischen Blick beobachtete, der Eichhörnchen nun mal eigen ist.

„Kennst du diesen Amir?“, fragte ich.

„Ja, ich kenne ihn.“

„Was ist das für einer?“

Ein Mann in zu großem Zweireiher ging vorüber und aß Erdnüsse aus einer Tüte.

„Geben Sie mir bitte eine Erdnuss“, sagte Hawk.

Der Mann im Anzug schreckte zusammen, sagte: „Aber gern“ und hielt Hawk seine Tüte hin. Hawk nahm sich eine Erdnuss und sagte: „Vielen Dank“. Der große Anzug lächelte gequält und ging weiter. Hawk warf dem Eichhörnchen die Erdnuss hin und wiederholte: „Amir.“

Ich wartete ab.

„Amir ist es total peinlich, dass er nicht aus einem armen Elternhaus kommt. Ihm ist es peinlich, dass er in einer Gegend aufwuchs, wo auch Weiße lebten, und dass er sein Leben lang für Geld geschuftet hat.“

„Geht’s uns nicht allen so?“

„Amir fehlt das Ghetto, aus dem er sich hätte emporarbeiten können. Die Weißen haben ihn immer anständig behandelt, er wurde Akademiker, hatte Erfolg an der Uni, verdiente nicht schlecht und jetzt ist er sogar Professor auf Lebenszeit und kann auch das nicht ertragen.“

„Armer Kerl.“

„Kurzum“, sagte Hawk. „Amir ist so kaputt, dass nicht mal ich ihn verstehe, wenn er was sagt.“

„Dann wird er sich ja freuen, dass er mir bei den Ermittlungen helfen darf.“

„Wir werden kaum kaschieren können, dass du ein blauäugiger Teufel bist“, sagte Hawk. „Aber du kannst mitkommen, wenn ich mit ihm rede. Verleiht dir Glaubwürdigkeit.“

Das hyperaktive Eichhörnchen kam wieder und starrte Hawk an. Auf den Hinterpfoten hockend, balancierte es mit seinem großen Schwanz.

„Gib einem Eichhörnchen eine Erdnuss, und du machst es für einen kurzen Moment satt“, sagte ich. „Aber wenn du ihm beibringst, wie man Erdnüsse züchtet …“

„Du und Amir, ihr werdet ganz prima miteinander klarkommen. Ich kann’s kaum erwarten“, sagte Hawk.

„Was ist mit dieser Temple? Kennst du sie auch?“

„Wie sollte ich?“

„Na ja, es gab eine Zeit, da warst du unter anderem auf Akademikerinnen spezialisiert. Vielleicht war sie eine von ihnen.“

„Auf gut aussehende Akademikerinnen.“

„Woher willst du denn wissen, dass Professor Temple nicht gut aussieht?“

„Keine Ahnung. Aber meistens habe ich Recht.“

„Nur, weil sie studiert hat?“

„Wo wohnt sie denn?“, fragte Hawk.

Ich warf einen Blick in meine Unterlagen: „Cambridge.“

Hawk grinste.

„Na hör mal, das beweist noch lange nicht, dass sie nicht gut aussieht.“

Hawk grinste weiter.

„Du pflegst deine Vorurteile bezüglich Berufsstand und Wohngebiet.“

„Hmm!“

„Vielleicht sieht sie trotzdem super aus“, sagte ich.

„Wie groß schätzt du die Chancen ein?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Dünn und flach wie ‘n Brett“, sagte ich.

Hawk grinste noch breiter.

7

Ich stattete KC Roth einen Besuch ab. Sie lebte in einer Wohnung, die zu einem Backsteinkomplex gehörte, ein so genanntes Gartenapartment an der Route 28 in Reading. Gegenüber gab es einen Schnapsladen und eine Fischbude mit dem schönen Namen „Die freundliche Flunder“. Ein Stückchen weiter stand das, was möglicherweise das letzte Drive-in-Kino von Massachusetts war. Neben den Gartenapartments befanden sich eine Exxon-Tankstelle und ein Laden mit Haushaltswaren.

KCs Wohnung war ganz nett, aber billig gebaut. Die Türen waren aus billigem Holz, der Stuck bestand aus vorgefertigten Gipsteilen. Die Böden waren aus Sperrholz und darauf lag abgenutzter Teppichboden, der jeden Dreck annahm. Die Möbel kamen direkt aus Chuck’s Rent-All, wo man alles für den Haushalt kriegen konnte.

„Aha“, sagte KC, als ich mich vorgestellt hatte, „so sehen Sie also aus.“

„Genau so“, sagte ich.

„Susan hat mir viel von Ihnen erzählt, aber ich konnte mir nie vorstellen, wie Sie eigentlich aussehen.“

„So wie sie immer redet, dürften Sie sich wohl einen Adonis vorgestellt haben.“

„So ungefähr. Kommen Sie rein.“

KC trug ein weißes Männerhemd und Blue Jeans. Sie sah verdammt gut aus. Dichtes schwarzes Haar, ein wenig zu lang, große grüne Augen, sinnlicher Mund, makellose Haut.

„Es ist wirklich nett von Ihnen, dass Sie mich besuchen“, sagte sie, als wir uns in ihrem hässlichen Wohnzimmer hinsetzten. „Wie wär’s mit einer Tasse Kaffee oder einem Drink? Trinken Privatdetektive vor dem Mittagessen? Ich hab Wodka da.“

„Nicht nötig, vielen Dank“, sagte ich. „Lassen Sie uns lieber über Ihr Problem reden.“

„O Mann, ganz schön pflichtbewusst.“

Sie saß auf dem Sofa mit untergeschlagenen Beinen und ich ihr gegenüber in einem unbequemen fassähnlichen Plüschsessel in Grau.

„Na ja“, sagte ich. „So pflichtbewusst nun auch wieder nicht.“

Sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln. Irgendetwas an ihr forderte einen zum Flirten auf. Und wenn jemand darauf einging, lebte sie auf.

„Werd ich mir merken“, sagte sie.

„Was ist das also für eine Geschichte? Sie werden belästigt?“

„Dieser Mistkerl will einfach nicht aufgeben“, sagte sie. „Können Sie ihn nicht dazu zwingen?“

„Welcher Mistkerl denn?“

„Burt, dieses Arschloch – entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, ich kann mich nie beherrschen.“

„Ich werd’s überleben. Burt ist Ihr Ehemann?“

„Exehemann“, verbesserte sie.

„Und Sie sind sicher, dass er es ist?“

„Wer denn sonst.“ Sie beugte sich nach vorn und sprach jetzt mit einer Kleinmädchenstimme: „Können Sie ihn nicht für mich verhauen?“

Sie legte mehr Leidenschaft in ihren Auftritt als jede Teilnehmerin des Miss-Amerika-Wettbewerbs. Ihre Stimme wechselte mit Leichtigkeit in einem wohlklingenden Glissando von Alt zu Sopran. Ihre Augen weiteten sich und wurden dann wieder ganz schmal, während sie sprach. Sie schauspielerte bei jedem Satz. Sie wechselte von der Verführerin zum Kleinkind innerhalb weniger Sekunden. Ich wäre jede Wette eingegangen, dass sie mir auch noch was vorheulen würde. Sie war eine von denen, die auf Kommando in Tränen ausbrechen können.

„Mal sehen“, sagte ich. „Käme noch jemand anderes infrage?“

Sie schlug die Augen nieder.

„Nein“, sagte sie mit weicher Stimme. „Wer sonst außer Burt hätte denn einen Grund, so etwas zu tun?“

„Wie sieht’s denn mit Ihrem Freund aus?“

Sie blickte weiter nach unten und schwieg. Es war eine Pose, aber wahrscheinlich keine absichtliche. Ich hatte ohnehin nicht den Eindruck, dass sie mir etwas Falsches vorspielte. Wahrscheinlich spielte sie diese Rolle schon ewig und wusste gar nicht mehr, wo die Schauspielerei anfing und wo sie aufhörte.

„Ich möchte nicht über ihn sprechen“, sagte sie.

„Warum nicht?“

Sie hob den Kopf und blickte mich zornig an. Jedenfalls sah es so aus.

„Ich hab Sie nicht engagiert, damit Sie mich ins Kreuzverhör nehmen.“

„Sie haben mich überhaupt nicht engagiert. Das hier ist nur das Vorspiel. Wir lernen uns ein bisschen kennen.“

„Arbeiten Sie nur für Leute, die Sie mögen?“

„Ich arbeite nur für Leute, für die ich arbeiten will.“

Plötzlich lächelte sie. Es war wirklich ein Ereignis.

„Sie werden bestimmt für mich arbeiten wollen“, sagte sie.

„Was ist jetzt also mit Ihrem Freund?“

Das Lächeln verschwand.

„Muss das sein?“

„Ich fürchte schon.“

„Aber es bleibt unter uns?“

„Garantiert. Aber es fällt nicht unter die Schweigepflicht.“

„Was meinen Sie damit?“

„Wenn Sie mich über einen Anwalt engagieren würden“, erklärte ich, „würde es unter bestimmten Umständen eine Schweigepflicht geben, wenn Sie ihm etwas erzählen, das er mir erzählt. So wie es im Moment aussieht, werde ich niemandem von unserem Gespräch etwas erzählen, aber es fällt nicht unter die Schweigepflicht. Falls diese Informationen im Rahmen einer polizeilichen Ermittlung oder vor Gericht relevant werden, muss ich sie weitergeben.“

„Polizeiliche Ermittlung?“

„Ich versuche nur, mich klar auszudrücken“, sagte ich. „Ich gehe nicht davon aus, dass es eine geben wird.“

„Ich werde es mir merken.“

Wir schwiegen. Sie dachte nach, und wie bei allem, schauspielerte sie auch jetzt beim Denken. Sie kniff die Augen zusammen, legte die Stirn in Falten und schürzte die Lippen. Ich wartete ab. Schließlich lehnte sie sich zurück und änderte ihre Sitzposition auf dem Sofa, damit sie ihre Knie umarmen konnte, während sie sprach.

„Als wir zusammen waren“, sagte sie, „waren wir kaum fähig zu atmen. Wir konnten nichts essen. Wir wollten nichts trinken. Das Einzige, was wir wollten, war zusammen sein, einander ansehen und uns lieben.“

Ich nickte. Ich kannte diesen Zustand, auch wenn die Liebe mir nie den Appetit verdorben hatte.

„Wenn wir doch nur frei gewesen wären.“

„Sie sind doch frei“, sagte ich.

Sie schüttelte traurig und ein wenig herablassend den Kopf.

„Er kann seine Frau nicht verlassen.“

„Warum nicht?“

Sie schüttelte wieder den Kopf. Männer waren wirklich begriffsstutzig. „Er kann’s einfach nicht. Sie ist so abhängig von ihm, und Männer können einfach nicht hart sein. Er ist doch wie ein Kind.“

„Es wäre vielleicht schlauer gewesen abzuwarten, bis er frei ist, bevor Sie Ihren Mann verlassen.“

„Ich bin nicht so berechnend. Wenn ich mich hingebe, dann voll und ganz.“

„Hätten Sie Ihren Mann auch verlassen, wenn Sie nicht davon ausgegangen wären, dass Sie anschließend mit ihm zusammen sein können?“, fragte ich.

„Und warum? Um anschließend in dieser grässlichen Wohnung zu leben, ganz allein? Burt und ich lebten in einem Schloss.“

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