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Späte Liebe

Max von der Grün

Späte Liebe

Erzählung

Mit weiteren Texten
von Max von der Grün

und einem Nachwort
von Klaus-Peter Wolf

PENDRAGON

Inhalt

Späte Liebe

Stephan Rheinhardt, Vom Umgang mit Minderheiten

Max von der Grün, Masken

Max von der Grün, Der Bettler

Max von der Grün, Alt werden – eine Strafe?

Gisela Koch, Interview, Wie war das eigentlich, Max von der Grün?

Nachwort von Klaus-Peter Wolf

Editorische Notiz

Späte Liebe

Unser Leben währet siebenzig Jahre,

und wenn’s hoch kommt,

so sind’s achtzig Jahre,

und wenn’s köstlich gewesen ist,

so ist’s Mühe und Arbeit gewesen …

90. Psalm/10

Seit drei Wochen hatte es nicht mehr geregnet.

Margarete Gmeiner lief seit drei Wochen täglich am späten Nachmittag zum Friedhof, die Blumen auf dem Grab ihres vor drei Jahren verstorbenen Mannes zu gießen. Sie hatte Salvien gepflanzt, Geranien und Zinnien; jeden Herbst riss sie die abgeblühten Blumen aus und setzte das Grab voll mit bunten Astern. Obwohl ihr niemand die siebzig Jahre ansah, sie wirkte wie fünfzig, fraulich und resolut zugleich, litt sie unter der Hitze. Sie verschnaufte mehrmals auf dem zwei Kilometer langen Weg von ihrer Wohnung in der Neubausiedlung am Rande der Altstadt bis zum Friedhof, sie wischte sich verstohlen, als schäme sie sich dessen, den Schweiß von Gesicht und Nacken und sah sich dabei um, ob sie von jemandem beobachtet würde.

An diesem Spätnachmittag im Juni ruhte sich die Gmeiner lange aus auf einer Bank vor der Hauptwasserstelle des Friedhofes, unter einer weitausladenden Blutbuche, und atmete schwer. Sie war noch erbost über ihre Freundin Hildegard, mit der sie sich wieder einmal gestritten hatte. Hildegard mischte sich in letzter Zeit in alles ein. Immer aufdringlicher beredete sie Margaretes Angelegenheiten, wollte alles und alles genau wissen, spielte sich auf, als sei sie zu Margaretes Vormund bestellt. Hildegard war rechthaberisch geworden und unleidlich dazu.

Seufzend erhob sich die Gmeiner und tauchte ihre große Plastikgießkanne in den Wasserbottich. Während sie sich mehrmals vergeblich mühte, die randvoll gefüllte Gießkanne aus dem Wasser zu heben, griffen zwei Hände neben ihr zu, hoben die Gießkanne heraus und stellten sie vor den Füßen der Gmeiner ab. Erstaunt sah sie auf. »So gehts leichter, Frau Gmeiner. Wenn Sie die Kanne unter dem Wasserhahn voll laufen lassen, dann geht es noch viel leichter.«

»Das schon, aber abgestandenes Wasser ist besser für die Blumen.«

»Aber bestimmt nicht für Ihren Rücken, Frau Gmeiner … Mein Gott, dass man sich einmal wiedersieht.«

»Ja, ja. Ich habe Sie auch schon lange nicht mehr gesehen, eine Ewigkeit schon nicht mehr, Herr Burger. Auf dem Friedhof muss man sich wiedertreffen.Waren Sie etwa krank? Die Stadt ist wie ein Dorf, und doch trifft man sich nicht.«

Burger griff wieder die Gießkanne und lief dann schweigend neben der Gmeiner her den Hauptweg entlang und nach fünfzig Metern links ab in einen schmalen Weg, der mit Buchsbaum umwuchert war. Da waren sie auch schon am Grab. Auf dem rosafarbenen Granitstein stand zu lesen:

Albert Gmeiner

Schuhmachermeister

* 1910 † 1977

»Jetzt haben Sie meine schwere Kanne den ganzen Weg lang getragen!«, rief die Gmeiner erschrocken aus. Schuldbewusst nahm sie Burger die Gießkanne ab und goss das Grab.

»Na, so alt bin ich auch wieder nicht mit meinen siebzig Lenzen«, sagte Burger und betrachtete wohlgefällig die Gmeiner bei der Arbeit. Die Frau gefiel ihm: sie war kräftig, da ist noch alles dran, dachte er, keine Joghurtfigur, die hat alles, was eine Frau ausmacht.

»Man muss sich bekümmern, wenn das Grab nach etwas aussehen soll«, sagte die Gmeiner. »Die Hitze nimmt kein Ende. So einen Juni haben wir schon lange nicht mehr gehabt, erst Wolkenbrüche, dann Hitze.«

Sie setzte die leere Gießkanne beiseite auf den schmalen Weg und legte plötzlich die flache Hand auf ihren Mund, als hätte sie etwas Unrechtes gesagt. »Alt? Aber Herr Burger, so war es doch nicht gemeint… Na ja«, und dabei lächelte sie, »zwanzig sind wir beide nicht mehr, und es geht alles ein wenig langsamer. Nur die Zeit läuft. Je älter man wird, desto schneller ist wieder so ein Jahr rum.«

Burger deutete auf den Grabstein: »Jetzt sind es schon drei Jahre mit Ihrem Mann. Bei meiner Frau werden es auch bald drei Jahre. Sind ja beide im selben Jahr gestorben.«

Ohne dass sie es abgesprochen hatten, begleitete die Gmeiner den Mann zum Grab seiner verstorbenen Frau, das nur drei Gevierte entfernt lag und üppig mit Veilchen bepflanzt war. Dann standen sie vor dem Grab, das keinen Grabstein hatte, nur mit grünlich schimmerndem Granit eingefasst war.

»Das waren ihre Lieblingsblumen«, sagte Burger, »ihr Hochzeitsstrauß war ein Veilchenstrauß … Ja, plötzlich steht man allein da und weiß nicht recht, wo man hingehört. Plötzlich war meine Frau nicht mehr da … Jetzt habe ich die Veilchen.«

Er bückte sich, als wolle er Unkraut zupfen, aber es gab kein Unkraut zu zupfen. Der Gmeiner war, als habe der Mann feuchte Augen; vielleicht kam das auch von der schräg stehenden Sonne, deren Licht durch die breitästigen Bäume stach und blendete.

Burger rieb seine Hände aneinander, damit die Erde von den Fingern bröckelte; dann nahm er die Gießkanne der Gmeiner wieder auf. Nebeneinander spazierten sie gemächlich, den Schatten der Bäume nutzend, auf dem Hauptweg dem Portal zu. Unterwegs wusch sich Burger die Hände an einer Wasserstelle und trocknete sich mit seinem Taschentuch ab.

»Manchmal«, sagte die Gmeiner und sah dabei den Mann an ihrer Seite prüfend an, als wolle sie sich vergewissern, dass sie ja nichts Unrechtes sagte, »manchmal habe ich mit meiner Freundin Hildegard gesprochen, ich meine, das mit Ihrem Sohn damals. Hat den Krieg überstanden, die Kriegsgefangenschaft in Russland gesund überlebt, kommt nach Hause und wird von einem Lastwagen überfahren … Die Autos sollte man abschaffen. Dabei hätte er doch Ihre Schneiderei übernehmen können …«

Sie waren an der Gasse, die zum Markt führte, angekommen. Beide verhielten und verschnauften, beide schwitzten, einer wollte es vor dem anderen verbergen.

»Kochen Sie noch selbst?«, fragte die Gmeiner. »Ich meine, seit Ihre Frau tot ist …«

»Anfangs schon«, antwortete Burger. »Jetzt kriege ich einmal am Tag was Warmes vom Altersheim. Das bringt mir ein junger Mann, der macht dort seinen Ersatzdienst, ein Wehrdienstverweigerer.«

»So? Wusste ich gar nicht, dass es so was gibt. Na, dann sind diese jungen Leute doch zu was nütze, sind nicht lauter Krakeeler.«

Beide liefen wieder wie selbstverständlich nebeneinander her, als hätten sie den gleichen Weg oder das gleiche Ziel. Unterwegs sagte Burger: »Mehr Kinder hätte man halt haben müssen … Aber Sie haben ja auch nur eins, wenn ich mich recht erinnere, einen Sohn. Stimmts?«

»Ja, meinen Horst – und die Susanne, meine Enkelin. Die macht jetzt bald ihr Abitur … Ich war damals ganz schön erschrocken, als ich vom Tod Ihrer Frau gehört habe. So plötzlich.«

Am Marktplatz zögerten beide. Burger sah zum Erker des Stadtcafés hoch, das im 1. Stock eines renovierten Fachwerkhauses lag.

»Gegen Krebs ist halt nichts zu machen. Erst weiß man nicht, was es ist, und wenn man es weiß, dann ist es zu spät.«

Er beobachtete ein Pärchen, das sich hinter dem Erkerfenster gegenübersaß, anlachte und mit Kuchen fütterte. »Die Rechnung für die Beerdigung damals war ganz schön happig.«

»Das wundert mich nicht, sterben ist heutzutage teuer geworden. Sagen Sie mal, Herr Burger, ins Altersheim wollen Sie wohl nicht?«

Geradezu entsetzt starrte Burger die Frau an und hob abwehrend beide Hände zur Brust.

»Um Gottes willen, Frau Gmeiner, keine zehn Pferde bringen mich da hin. Solange ich noch kriechen kann, solange bleibe ich mein eigener Herr … Die Schneiderei habe ich aber aufgegeben. Ich arbeite nur noch so, zum Hausgebrauch. Die Rente reicht für mich.«

»Mein Gott, an was die Menschen heute alles sterben. Mein Mann hat nur einen Schnupfen gehabt, dann wars eine Lungenentzündung, und dann wars der letzte Schnaufer.«

»Ein guter Schuster war Ihr Mann, Frau Gmeiner, ein sehr guter. Ich habe zu Hause noch ein paar Stiefel, die er mir gemacht hat. Es geht doch nichts über solide Handarbeit. Was ich sagen wollte …«

Burger straffte sich und sagte dann, was er sich auf dem Friedhof nicht getraut hatte, aus Angst, die Gmeiner könnte ablehnen. Jetzt, als er die beiden jungen Leute im Erker des Cafés beobachtet hatte, platzte er heraus: »Ich wollte Sie ins Café einladen«, und er deutete hinauf zum Erker.

»Mich?«, fragte die Gmeiner.

»Ist was dabei?«, fragte er unsicher.

»Nein, nichts ist dabei«, erwiderte sie lachend.

»Na dann, gehn wir, auf was warten wir noch.«

Die Gmeiner lief über den Marktplatz, dass Burger Mühe hatte, ihr zu folgen. Gemeinsam betraten sie das Café und erreichten den ersten Stock in dem Augenblick, in dem das Pärchen den Erker verließ. Burger steuerte entschlossen den frei gewordenen Tisch an, von dem die Bedienung gerade das Geschirr abräumte. Die Gmeiner bestellte ein Kännchen Kaffee und ein Stück Obsttorte ohne Sahne, wegen der Figur, wie sie sagte; Burger bestellte sich eine Flasche Bier. Während sie auf die Bedienung warteten, sah sich die Gmeiner heimlich um. Ihr war mit einmal bewusst, dass sie seit Jahren nicht mehr in einem Café gesessen hatte, schon gar nicht von einem fremdenMann eingeladen worden war. Burger räusperte sich manchmal. Seine Verlegenheit suchte nach passenden Worten; er blickte auf den Marktplatz hinunter, wo sich Autofahrer auf der Suche nach einem frei werdenden Parkplatz belauerten.

»Haben Sie die Schuhe gesehen?«, fragte die Gmeiner. »Das meiste ist heutzutage aus Plastik, was die jungen Leute tragen. Mein Albert hat immer gesagt, die jungen Leute sündigen an sich selber, sie machen sich ihre Füße krank.«

Burger nickte. »Eine Zeit ist das, Qualität ist nicht mehr gefragt. Wenn man auf Qualität achtet, dann ist man altmodisch. Was der Richard ist, der mir jeden Tag das Essen bringt aus dem Altersheim, der läuft schon seit Wochen mit ausgefransten Hosen herum. Ich werde ihm nächstens mal den Saum nähen … Ihr Sohn, Frau Gmeiner, ist doch Architekt – oder? Da hat er bestimmt längst sein eigenes Haus.«

Die Gmeiner aß ihren Kuchen etwas zu hastig. Trotzdem antwortete sie gelassen: »Hat er noch nicht fertig, das Haus. Er baut jetzt erst und wohnt noch bei den Schwiegereltern. Die haben ein großes Haus in Köln. Ich habe mich immer gewundert, dass man in so einem großen Haus überhaupt wohnen kann. Es ist auch nichts Rechtes, bei den Schwiegereltern zu wohnen. Ich misch mich zwar nicht ein, grundsätzlich nicht, aber man bekommt nebenbei so allerlei mit, auch wenn mir direkt nichts gesagt wird.«

Nicht reden wollte die Gmeiner vor fremden Leuten darüber, dass Edith, ihre Schwiegertochter, wieder als Studienrätin arbeitete, dass sie in all den Jahren nie ein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Schwiegertochter gehabt hatte, sich auch nicht besonders darum bemühte, weil sie nie das Gefühl loswurde, sie sei ihrer Schwiegertochter zu einfach, zu ärmlich, vielleicht auch zu gewöhnlich und in ihrer Art zu geradeheraus und dass sie ihrem Sohn Horst die Lüge immer vom Gesicht ablesen konnte, wenn er sie, selten genug, auf der Durchreise aufsuchte für zwei oder drei Stunden, beschäftigt, gehetzt, und dann das Fernbleiben der Schwiegertochter mit deren vielen Verpflichtungen entschuldigte.

»Ein Architekt muss doch ganz gut verdienen«, sagte Burger.

»Ach, an Geld fehlt es denen bestimmt nicht. Ich bin nicht oft dort gewesen in Köln, aber da stinkt es nach Geld. Wo man auch hinpackt, alles ist wertvoll und klotzig.«

Burger hatte sich verstohlen nach allen Seiten umgesehen. Er fühlte sich unsicher in einem so vornehmen Café, in dem auf allen Tischen weiße Decken lagen; sicher fühlte er sich außerhalb seiner vier Wände nur, wenn er mit seinen drei Rentnerkollegen Skat oder Doppelkopf im Wirtshaus spielte. Jetzt hätte er sich gern noch eine Flasche Bier bestellt, fürchtete aber, die Gmeiner über das Schickliche hinaus aufzuhalten.

»Und wenn sie noch so viel haben«, sagte er, »in die Ewigkeit können sie nichts mitnehmen.« Dann bestellte er sich doch noch eine Flasche Bier und schielte dabei zur Gmeiner, ob sie etwa diese zweite Flasche missbillige.

Während er sich einschenkte, ergänzte er: »Müssen alles auf der Erde zurücklassen. Alles. Das ist die einzige Gerechtigkeit.«

»Was heißt das schon, Gerechtigkeit. Auf der Erde haben sie es wenigstens gut gehabt, und zum Weitervererben langt es allemal, mein Gott, wenn ich an meine Rente denke. Wissen Sie, ich kriege im Monat gerade so viel, wie die in ihrem Haus in Köln im Monat vertrinken, Wein und Bier und Schnaps. Das hat mir die Susanne einmal erzählt.«

»So ist das mit der Gerechtigkeit, Frau Gmeiner«, sagte Burger. »Die Gerechtigkeit ist einfach nicht gerecht verteilt, das habe ich doch gesagt.«

Als er ausgetrunken hatte, rief er die Bedienung und bezahlte für sich und die Frau. Die Gmeiner machte nicht einmal den Versuch eines Protestes. Im Gegenteil, sie genoss es sichtlich, von einemMann eingeladen worden zu sein, und vergaß sogar, sich für diese Einladung zu bedanken.

Auf der Treppe hinab benahm sich Burger, wie er es als Kavalier gelernt hatte. Aufwärts hatte er der Gmeiner den Vortritt gelassen, jetzt stieg er zwei Stufen voraus die Treppe hinunter.

Auf demMarktplatz wussten beide nicht so recht, was sie nun sagen, was sie nun tun sollten, bis schließlich die Gmeiner zur Kanalgasse wies: »Ich muss da lang.«

»Richtig, Sie wohnen ja jetzt in der neuen Siedlung.«

»Das ist bequemer, Herr Burger.Mit allem. Als mein Mann noch lebte, war es nicht so tragisch mit dem Haushalt. Wir konnten uns die Arbeit teilen. Nach dem Tod meines Mannes bin ich in die Siedlung gezogen, zweieinhalb Zimmer Neubau. Die Wohnung hat mir meine Freundin Hildegard vermittelt, sie wohnt mir nun auf dem gleichen Flur gegenüber. Das ist schon ganz gut, man hat immerhin einen Menschen in der Nähe, mit dem man sich an langen Abenden unterhalten, mit dem man Spaziergänge unternehmen kann. Nur zum Friedhof geht Hildegard nicht mit. Sie weigert sich ganz entschieden, mit auf den Friedhof zu laufen. Dahin kommt sie noch früh genug, sagt sie, sie hasst Friedhöfe geradezu. Aber sie hilft mir beim Fensterputzen und beim Treppenhauswischen. In einem Neubau ist eben alles leichter und praktischer. Jaja, wenn man älter wird, dann geht es nicht mehr so leicht von der Hand. Da braucht man Hilfe, da wird man auf andere angewiesen.«

»Vielleicht trifft man sich mal wieder«, sagte Burger.

»Ganz bestimmt. Wenn das Wetter so bleibt, gehe ich jeden Tag um die gleiche Zeit zum Friedhof … Na dann.«

»Na dann«, antwortete Burger.

Die Gmeiner ging mit festen Schritten über den Marktplatz. Am Ende des Platzes, bevor sie in die Kanalgasse einbog, die direkt zur Siedlung führte, drehte sich die Gmeiner noch einmal um.

Burger stand noch an der gleichen Stelle und sah ihr nach. Er winkte nicht, deshalb winkte sie auch nicht.

*

Kurz vor der Siedlung war sich Margarete Gmeiner plötzlich darüber klar geworden, dass sie den ganzen Weg vom Marktplatz bis hierher gehastet, sogar manchmal gerannt war, als hätte sie sich pünktlich zu einer Verabredung einfinden müssen; als ihr das bewusst geworden war, hielt sie sich am Stützpfosten eines Gartenzaunes fest. Sie atmete schwer und röchelnd. Erst nach fünf Minuten Verschnaufpause ging sie weiter, langsam, schlurfend, und je näher sie ihrer Wohnung kam, desto öfter ruhte sie sich aus – nicht, weil sie zu ermüdet gewesen wäre, nein, sie hatte Angst, Angst vor Hildegards Fragen. Das war es.

Allein schon der Gedanke an Hildegards fragende Augen beunruhigte sie. Sie zitterte geradezu, als sie vor ihrer Wohnung anlangte und Hildegards Gesicht hinter den Scheibengardinen bemerkte; sie wusste, dass Hildegard die ganze Zeit auf sie gewartet hatte. Die Gmeiner gab sich einen Ruck, als wolle sie etwas abschütteln. Dann schritt sie energisch zum Haus und schloss geräuschvoll die Haustür auf. Die Gießkanne ließ sie im Treppenhaus stehen.

Als sie wenig später den Schlüssel in die Wohnungstür steckte, öffnete sich die gegenüberliegende Tür, und Hildegard fragte lauernd: »Kommst heute aber spät, Gretl.« Sie blickte auf ihre Armbanduhr und streckte den Arm mit der Uhr der Gmeiner entgegen: »Anderthalb Stunden bist über die Zeit. Wo warst denn so lange?«

»Friedhof«, antwortete die Gmeiner unwirsch.

»Friedhof, natürlich, dass ich da nicht von selber draufgekommen bin. Heutzutage wird nicht nur alles teurer, auch die Wege werden immer länger … Schau erst mal in deinen Briefkasten, der Postbote hat heute Morgen was reingeworfen. Ich hab vergessen, dir das am Vormittag zu sagen.«

»Du erstickst noch mal an deiner Neugierde«, sagte die Gmeiner, rannte aber gleich aufgeregt die drei Stufen zur Haustüre hinunter und entnahm dem Briefkasten eine bunte Ansichtskarte. Umständlich setzte die Gmeiner ihre Brille auf, die sie fahrig aus der Handtasche und dann aus dem Futteral genommen hatte; Hildegard war schon hinter sie getreten und hatte die Karte mitgelesen.

»Na, was schreibt denn die Susanne?«, fragte sie scheinheilig.

»Sie ist mit ihrer Klasse in Paris auf einem Schulausflug.«

»In Paris?«, rief Hildegard. »Mein Gott, Gretl, wo die Kinder heutzutage überall hinkommen.«

»Kinder, Kinder!«, rief die Gmeiner heftiger als sie wollte. »Meine Susanne wird bald achtzehn.«

»Als ob man da kein Kind mehr wäre. Hast du selber immer gesagt, ich wiederhole nur deine eigenen Worte. Und dann – Paris! Ein Sündenpfuhl.«

In ihrem Wohnzimmer ließ sich die Gmeiner auf die Couch fallen. Im Sitzen erst spürte sie ihre müden Beine, die Füße waren ihr schwer geworden und leicht angeschwollen. Mit beiden Händen hielt sie die Karte ihrer Enkelin weit von sich weg und sah wohlgefällig auf das bunte Stadtbild, in dessen Hintergrund der Eiffelturm zu sehen war.

Wehmütig fast sagte sie: »Als ich so alt war wie die Susanne, habe ich immer gehofft, einmal nach Paris zu kommen. Schön muss es da sein. Schau dir das nur an, überall rote Dächer.«

Sie schob die Karte über den Tisch, riss sie aber sofort wieder an sich, als ständen Worte auf der Karte, die von Unberufenen nicht gelesen werden durften.

»Den Brief vom Herrn Architekten hast du aber noch nicht gelesen, hast ihn nicht mal aufgemacht«, sagte Hildegard lauernd.

Die Gmeiner schrak auf. Der Brief ihres Sohnes lag seit gestern ungeöffnet auf der Blumenbank, und die Gmeiner hätte nicht mal zu sagen gewusst, wäre sie danach gefragt worden, warum sie ihn bislang nicht geöffnet hatte.

»Ich mach uns erst mal einen Kaffee, derweil kannst den Brief vom Herrn Architekten lesen«, sagte Hildegard.

»Mach ihn bitte nicht wieder zu stark, denk an mein Herz.«

Hildegard stemmte die Fäuste in ihre Hüften und plusterte sich auf: »Herz, dass ich nicht lache. Rennst doch sonst die höchsten Berge rauf.«

»Kaffee ist kein Berg, und jetzt hau ab«, erwiderte die Gmeiner und öffnete den Brief ihres Sohnes mit einer Haarnadel. Während des Lesens veränderte sie ihre Haltung nicht; deshalb war es für Hildegard unmöglich, mitzulesen. Auch von der Küche aus, aus der Hildegard neugierig herausschielte, nahm sie nicht die geringste Veränderung auf dem Gesicht ihrer Freundin wahr, von der sie vielleicht Rückschlüsse auf den Inhalt des Briefes hätte ziehen können.

Während Hildegard den Kaffee aus der Küche ins Wohnzimmer trug, legte die Gmeiner den Brief wie achtlos auf den Tisch zurück. Noch ehe ihre Freundin die Tassen verteilte, griff sie nach dem Brief, aber die Gmeiner riss ihn sofort wieder an sich.

»Stell dich doch nicht so an!«, rief Hildegard. »Ich erfahre ja doch, was drin steht…Was schreibt er denn, der Herr Architekt?«

»Er wird in nächster Zeit vorbeikommen. Er hat in Bielefeld zu tun, ist dann mal wieder auf der Durchreise… Und sag nicht immer Herr Architekt, Herrgott noch mal. Er heißt Horst, ich hab es dir schon tausendmal gesagt. Schließlich hast du ihn mal trocken gelegt und seine Windeln gewechselt, wenn es auch schon eine Ewigkeit her ist.«

»Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Wie lange war er denn schon nicht mehr hier? VierMonate? Fünf Monate? Jedenfalls auch eine Ewigkeit.«

Die Gmeiner trank einen Schluck Kaffee und setzte sofort heftig die Tasse ab, als habe sie sich den Mund verbrannt.

»Ich hab dir doch gesagt, mach ihn nicht so stark. Das haut ja ein Pferd um.«

»Pferd schon, dich nicht.«

Hildegard goss sich Dosenmilch in den Kaffee und rührte aufreizend langsam und lange den Löffel in der Tasse herum.

»Willst eigentlich den Kaffee zu Butter rühren?«, fragte die Gmeiner. »Und was heißt hier Zeichen und Wunder. Mein Horst hat schließlich seine Arbeit, wer heute was werden will, der muss sich abstrampeln.«

»Dann soll doch die Edith wieder arbeiten gehen, dann braucht der Horst sich nicht so abstrampeln.«

»Tut sie doch schon lange«, erwiderte die Gmeiner und ärgerte sich über Hildegards Hartnäckigkeit.

»So? Tut sie schon lange? Hast mir aber nichts davon erzählt.«

»Nicht? Dann habe ich es eben vergessen.«

»Vergisst aber viel in letzter Zeit … Hast bestimmt auch vergessen, dass du erst vor zwei Stunden Kaffee getrunken hast, im Altstadtcafé.«

Margarete Gmeiner wandte sich von Hildegard ab; plötzlich fürchtete sie sich wieder vor deren Neugierde. Ihr war, als sei sie über und über rot geworden, so brannte ihr Gesicht.

»Spionierst du mir nach?«, fragte sie hastig und begann gleich darauf, unsinnige Dinge zu tun, Blumentöpfe hin und herzurücken, die Pflanzen zu gießen, obwohl sie die morgens erst gegossen hatte. Hildegard saß im Sessel und genoss es, etwas zu wissen, was ihre Freundin als Geheimnis für sich behalten wollte.

»Man hat dich gesehen«, sagte Hildegard.

»Gesehen?«, fragte die Gmeiner. »Na und? Das ist doch kein Wunder, schließlich bin ich nicht unsichtbar.«

»Ich habe dich gesehen, Gretl, vom Metzger aus, wenn du es genau wissen willst. Im Altstadtcafé, mit einem Mann.«

»So, vom Metzger aus…Bist endlich fertig mit dem Kaffeetrinken, dann kannst gehen…Natürlich, es war ein Mann, wenn du es genau wissen willst.«

»Der Burger wars, ich hab es genau beobachtet. Wie ein Galan ist er um dich herumscharwenzelt. Hättest mir doch sagen können, dass du ein Rendezvous hast.«

»Quatsch nicht so daher. Wir haben uns ganz zufällig getroffen, auf dem Friedhof. Und jetzt verschwinde. Du gehst mir auf die Nerven.«

»Ach so, zufällig«, sagte Hildegard und verließ gehorsam das Wohnzimmer, beinahe heiter. Wie eine Siegerin ging sie hinaus. Im Flur strich sie ihre Schürze mit beiden Händen glatt und sagte: »Ich hab noch von gestern Kalbsbraten. Kannst heute Abend zum Essen kommen, es reicht für zwei.«

Als die Gmeiner endlich allein war, las sie den Brief ihres Sohnes noch einmal. Langsam, genau sprach sie alle Worte leise vor sich hin. Ihr Gesicht versteinerte sich, war alt und hart geworden, als sie den Brief zurück auf den Tisch legte. So saß die alte Frau noch lange regungslos und sah dabei aus dem Fenster. Draußen gab es für sie nichts zu sehen.

*

Burger hatte lange der Gmeiner nachgestarrt, bevor er mit schleppenden Schritten und weit vorgebeugtem Oberkörper in die Alte Kirchgasse lief. Am Ende der Gasse stand sein Haus: ein alter Fachwerkbau, in dem er geboren worden war und nun seit siebzig Jahren lebte. In den vergangenen fünfzehn Jahren war immer wieder davon gesprochen worden, im Zuge der Altstadtsanierung sein Haus abzureißen; zu verbindlichen Plänen oder Verhandlungen war es jedoch nie gekommen.

Nach dem Tod seiner Frau hatte Burger die drei Zimmer im Parterre, in denen früher seine Schneiderei und ein Lagerraum untergebracht waren, an ein junges kinderloses und berufstätiges Ehepaar vermietet. Die junge Frau putzte zwei Mal die Woche gründlich den Hausflur und die Stufen vor dem Haus; sonst hatte Burger wenig mit den jungen Leuten zu tun. Er war mit ihnen zufrieden, sie waren weder aufdringlich noch laut, ihr Fernseher war im ersten Stock nicht zu hören. Anfangs hatte die junge Frau den alten Mann gebeten, für sie zu schneidern, aber er hatte freundlich und bestimmt abgelehnt. Er wollte nicht mehr für Fremde arbeiten. Seine Finger waren steif geworden und schmerzten, wenn er längere Zeit mit der Nadel umging. Zum Einfädeln brauchte er schon seit Jahren eine Lupe.

Burger war guter Laune, als er die ausgetretenen Holzstufen zu seiner Wohnung hochstieg. Er hatte wieder einmal mit einer Frau geplaudert, hatte sie ins Café einladen dürfen.

Im Wohnzimmer nähte er sich einen locker gewordenen Knopf an seiner Sommerjacke fest. Während er noch mit Nadel und Faden beschäftigt war, trat Richard ein, ohne anzuklopfen. Der junge Mann trug eine Henkeltasche aus Leichtmetall, in der das Essen in vier aufeinander gesetzten Leichtmetallschalen geschichtet war und mindestens eine Stunde heiß blieb.

Ohne zu grüßen, ohne ein Wort deckte Richard den Tisch. Der jungeMann wusste, wo das Geschirr zu finden war, das Besteck, die Tischdecke. Lautlos, beinahe schleichend machte er seine Arbeit, und Burger beobachtete ihn verstohlen über die Brillengläser hinweg. Seit beinahe einem Jahr lief zwischen ihnen immer das gleiche Spiel: jeder wartete darauf, dass der andere zu sprechen begann. Es war ein stummer Kampf.

Nachdem Richard den Tisch gedeckt, die Schalen mit dem dampfenden Essen in einem Halbkreis um den Teller gestellt hatte, da erst setzte sich Burger an den Tisch. Weil Richard immer noch schwieg, fragte Burger, ein wenig zu betont: »Sag mal, Richard, kann man sich mit siebzig eigentlich noch verlieben?«

Der junge Mann hatte sich in Burgers Ohrensessel geflegelt und blätterte in Illustrierten, die der Alte jeden Montag von einem Lesering ins Haus geliefert bekam. Ohne von den Zeitschriften aufzusehen, antwortete Richard: »Was fragen Sie mich. Ich bin zwanzig, ich bins immer.«

Während des Essens sah Burger mehrmals missbilligend auf die ausgefransten Hosen des jungen Mannes. Jeden Tag ärgerte sich der Alte über die verlodderten Hosenbeine, jeden Tag nahm er sich vor, die Hosen zu säumen; heute wollte er es endlich tun.

Nach dem Essen hob er den Deckel von der altmodischen, aber gut gepflegten Nähmaschine, spulte blaue Nähseide um und forderte Richard auf, die Hosen auszuziehen. Der junge Mann war erstaunt. Er dachte erst, der Alte würde scherzen, aber als er ihn so entschlossen vor der Nähmaschine sitzen sah, begriff er, dass es Burger ernst war mit dem Säumen der Hosenbeine.

»Aber die Hosen müssen doch so sein. Die habe ich im Laden so gekauft, wie sie jetzt sind. Die sind von Haus aus so, ich meine, die sind neu schon so.«

Burger blickte den jungen Mann verständnislos an und schüttelte den Kopf. Schließlich legte er den Deckel wieder über die Nähmaschine. Er war bekümmert, als er unwillig sagte: »Wenn das heutzutage als schön oder modisch gelten soll, dann gute Nacht. Früher sind die Menschen in Lumpen herumgelaufen, weil sie kein Geld hatten, sich vernünftige Kleider zu kaufen, heute haben sie Geld und kaufen sich Lumpen. Ich weiß nicht, wenn das Kultur sein soll?«

Richard hatte wenig Lust, sich mit dem Alten auseinander zu setzen. Auch wenn er Burger mochte, hielt er ihn doch für verkalkt in mancher Hinsicht. Er räumte das Geschirr ab, stellte die Schalen in den Henkelmann zurück, legte Besteck und Teller in die Spüle, schüttelte die Tischdecke durchs Fenster aus, faltete sie zusammen und legte sie in die Schublade der Anrichte. Dann nahm er aus seiner Aktentasche ein in Plastikfolie gewickeltes Päckchen.

»Ich habe Schinken für Sie mitgebracht, geklaut in der Küche im Altersheim.«

»Da habe ich mir vielleicht was ins Haus geholt«, sagte Burger. »Erst mit ausgefransten Hosen rumlaufen, und dann im Altersheim Schinken klauen. Ist er wenigstens gut?«

Burger öffnete das Päckchen und roch am Schinken; dann schnitt er eine Scheibe ab und aß mit sichtlichem Behagen.

»Ich habe ein Plakat gesehen«, sagte Richard, »draußen an der Litfaßsäule. Da ist eine Kaffeefahrt ins Grüne angezeigt. Ich dachte mir, Sie könnten doch mal verreisen. Immer zu Hause sitzen, das macht alt.«

»Nun hau bloß ab, verdammter Kerl, sonst zeige ich dich noch wegen Diebstahls ...

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