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Sommerträume

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

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der gesetzlichen Mehrwertsteuer.


Nur für einen Sommer

Die Journalistin Lee Radcliffe hat es sich in den Kopf gesetzt, den mysteriösen Top-Autor Hunter Brown zu interviewen, und tatsächlich gelingt es ihr während eines Schriftstellerkongresses, seine Bekanntschaft zu machen. Doch Hunter will sich nur unter einer Bedingung ihren Fragen stellen: Lee soll ihn auf einen Campingtrip begleiten. Natürlich sagt sie Ja – wenn auch keineswegs nur aus rein professionellen Gründen: Sie will herausfinden, wie Hunter als Mann ist …

Sommer, Sonne und dein Lächeln

Beide sind geschieden, beide haben Angst vor einer neuen Bindung. Aber einen Sommer lang reisen die Fotografin Blanche Mitchell und ihr Kollege Sidney Colby ungeachtet ihrer Gefühle gemeinsam durch die USA: Ihre Aufnahmen sollen die schönsten Seiten des Landes – Blanches Spezialität – und die harte Wirklichkeit – Sidneys Aufgabe – widerspiegeln. Doch je länger sie unterwegs sind, desto klarer wird: Das perfekte Bild kann, ebenso wie ein perfektes Leben, nur gemeinsam mit viel Liebe entstehen …

Nora Roberts

Sommerträume

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Nora Roberts

Nur für einen Sommer

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Anne Pohlmann

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PROLOG

… und dem vollen und weißen und kalten Mond. Er sah die Schatten, die sich über dem eisverkrusteten Schnee verschoben und zitterten. Schwarz auf Weiß. Schwarzer Himmel, weißer Mond, schwarze Schatten, weißer Schnee. So weit das Auge reichte. Leere Weite, ohne Farben. Das einzige Geräusch war das pfeifende Stöhnen des Windes durch die nackten Bäume. Aber er wusste, er war nicht allein. Für ihn gab es kein Entkommen, keine Sicherheit, weder im Schwarzen noch im Weißen. Durch sein erfrorenes Herz brach sich ein dünner Strom heißer Angst. Sein Atem, schwer, erschöpft, kam in Stößen kleiner, weißer Wölkchen. Über den vereisten Boden fiel ein schwarzer Schatten. Es gab keinen Ort mehr, an den er flüchten konnte.

Hunter zog an seiner Zigarette und starrte durch die Rauchwolke auf die Worte auf dem Monitor. Michael Trent war tot. Hunter hatte ihn erschaffen, hatte ihn ausschließlich für diesen kalten mitleidslosen Tod unter dem Vollmond gestaltet. Hunter bedauerte es nicht, diesen Mann zu zerstören, den er gründlicher kannte als sich selbst.

Er ließ das Kapitel hier enden. Die Einzelheiten von Michaels Mord überließ er der Vorstellungsgabe des Lesers. Die Atmosphäre war geschaffen, Geheimnisse angedeutet, das Verhängnis greifbar, aber nicht erklärt.

Hunter wusste, diese Eigentümlichkeit seines Stils faszinierte und erregte seine Leser. Das genau war seine Absicht. Es stellte ihn zufrieden, was nicht häufig der Fall war.

Schreibend schuf er das Furcht erregende, das den Atem nehmende Grauen, das Unaussprechliche. Hunter holte die schwärzesten Albträume der Menschen ans Licht und machte sie mit kühler Genauigkeit greifbar. Er machte das Unmögliche möglich, das Unheimliche alltäglich. Das Alltägliche wiederum kehrte er häufig zum fröstelnd Beängstigenden um.

Wie ein Maler mit seiner Farbpalette, so ging er mit Worten um und gestaltete daraus Geschichten voller Farbe und Klarheit, die den Leser von der ersten Seite an fesselten. Er schrieb Horrorgeschichten, und er war außergewöhnlich erfolgreich.

Seit fünf Jahren galt er als Meister seines Fachs. Ihm waren sechs Top-Bestseller gelungen, vier davon hatte er zu Drehbüchern für Spielfilme umgearbeitet. Die Kritiker schwärmten, die Verkaufszahlen stiegen, Fanpost aus der ganzen Welt überschüttete ihn. Hunter kümmerte es wenig. In erster Linie schrieb er für sich selbst, denn Geschichten erzählen, das konnte er am besten. Wenn er mit seinen Geschichten zusätzlich noch Leser unterhielt, war er zufrieden. Doch wäre er von den Lesern und Kritikern nicht so begeistert aufgenommen worden, er hätte trotzdem geschrieben.

Er hatte seine Arbeit, er hatte sein Privatleben. Das waren die zwei entscheidenden Dinge in seinem Leben.

Er selbst hielt sich nicht für einen Einsiedler, auch nicht für ungesellig. Er lebte ganz einfach das von ihm gewählte Leben. Vor sechs Jahren hatte er auch nicht anders gelebt, vor dem Ruhm, dem Erfolg, dem Geld.

Hätte ihn jemand gefragt, ob die Folge von Bestsellern sein Leben geändert habe, hätte er geantwortet: Warum sollte es? Er war Schriftsteller gewesen, bevor „Was dem Teufel gebührt“ auf Platz eins der Bestsellerliste in THE NEW YORK TIMES geraten war. Er war immer noch Schriftsteller.

Manche behaupteten, sein Lebensstil sei berechnend - er schaffe sich aus Kalkulation das Bild eines Sonderlings. Eine gute Werbung. Manche überlegten sogar öffentlich, ob er gar nicht existiere, nur das kluge Produkt der Fantasie eines Verlegers sei. Doch Hunter Brown besaß eine ausgeprägte Gleichgültigkeit allem Gerede gegenüber. Er hörte ausschließlich das, was er hören wollte, sah nur, was er sehen wollte, und erinnerte sich an alles.

Er begann mit dem nächsten Kapitel. Das nächste Kapitel, das nächste Wort, das nächste Buch, das war für ihn von viel größerer Bedeutung als jeder auf Mutmaßungen aufgebaute Zeitungsartikel.

An diesem Tag arbeitete er sechs Stunden und hätte sicher noch zwei weitere schreiben können. Die Geschichte floss wie Eiswasser aus ihm, klar und kalt.

Seine Finger, die jetzt auf der Tastatur des Computers lagen, waren auffallend schön – gebräunt, lang gliedrig und mit breiten Handflächen. Einem Betrachter könnte sich der Eindruck aufdrängen, mit diesen Händen würden Konzerte oder Gedichte erschaffen. Doch sie hielten schwarze Träume und Monster fest – nicht die mit den tropfenden Giftzähnen und der Schuppenhaut, sondern Monster, die real genug waren, um die Haut prickeln zu lassen. Er fügte immer genügend Wirklichkeit hinzu, um den Horror alltäglich und nur zu glaubhaft zu machen. Aus den dunklen Winkeln seiner Arbeit lugte eine Kreatur, und diese Kreatur war die tief verborgene Angst eines jeden Menschen. Hunter fand sie immer. Und dann, Millimeter um Millimeter, führte er den Leser in diesen Winkel hinein.

Halb vergessen schwelte die Zigarette in dem überquellenden Aschenbecher neben seinem Ellenbogen. Er rauchte zu viel. Dies war vielleicht das einzige äußere Zeichen des Drucks, den er sich selbst auferlegte und den er sich von sonst niemandem hätte aufbürden lassen. Er wollte sein Buch bis zum Ende des Monats fertig haben, einem von ihm selbst gesetzten Termin. Er hatte einem sehr seltenen Impuls nachgegeben und zugesagt, auf einer Schriftstellertagung in Flagstaff in der ersten Juniwoche zu reden.

Es geschah nicht häufig, dass er Auftritten zustimmte, und wenn, dann handelte es sich nie um große, von der Öffentlichkeit beachtete Gelegenheiten. Diese Konferenz versammelte nicht mehr als zweihundert publizierende und angehende Schriftsteller. Er würde seine Rede halten, Fragen beantworten und wieder nach Hause fahren. Ein Honorar gab es nicht.

Allein in diesem Jahr hatte Hunter ohne Begründung Angebote von einem der angesehensten Organisatoren im Verlagswesen abgelehnt. Ansehen interessierte ihn nicht. Andererseits hielt er es für seine Pflicht, Beiträge an die Schriftstellervereinigung von Arizona abzuführen. Hunter hatte schon immer verstanden, dass nichts umsonst war.

Es war später Nachmittag, als der Hund, der zu seinen Füßen lag, den Kopf hob. Das Tier war schlank, mit schimmerndem grauen Fell und den schmalen, klugen Augen eines Wolfs.

„Ist es Zeit, Santanas?“ Hunter streichelte den Kopf des Hundes. Zufrieden und entschlossen, abends noch weiterzuarbeiten, schaltete er den Computer aus.

Hunter trat aus dem Chaos seines Arbeitszimmers in das aufgeräumte Wohnzimmer mit seinen großen Butzenscheibenfenstern und der hohen Decke. Es roch nach Vanille und Blumen.

Er stieß die Tür zur gepflasterten Terrasse auf und blickte hinüber zum dichten, das Haus umschließenden Wald. Der Wald schloss ihn ein und andere aus. Hunter hatte nie überlegt, was für ihn wichtiger war. Er brauchte die Abgeschiedenheit. Er brauchte den Frieden, das Geheimnis und die Schönheit, wie er auch die tief roten Wände des Canyons brauchte, die sich jenseits der Bäume majestätisch erhoben. Durch die Stille hörte er das Plätschern des Bachs und roch die schwere Frische der Luft. Das nahm er nie für selbstverständlich, denn er hatte es nicht immer gehabt.

Dann sah er sie, sie tänzelte den sich windenden Pfad entlang, der zum Haus führte. Der Schwanz des Hundes begann, wild hin und her zu schlagen.

Manchmal, wenn er sie so beobachtete, dachte Hunter, es sei unmöglich, dass ein so reizendes Wesen zu ihm gehörte. Sie war dunkel und zierlich und bewegte sich mit einer unbekümmerten Grazie. Es war Sarah. Seine Arbeit und sein Privatleben, das waren die zwei entscheidenden Dinge in seinem Leben. Sarah war sein Leben.

Als sie ihn sah, strahlte ein Lächeln auf ihrem Gesicht und ließ die Zahnspange aufblitzen. „Hi, Dad!“

2. KAPITEL

Wenn Schriftsteller häufig als kurios eingestuft werden, so war eine Schriftstellertagung, wie Lee entdeckte, ein ganzes Kuriositätenkabinett. Ruhig, organisiert oder langweilig war hier nun wirklich nichts.

Wie alle anderen der rund zweihundert Teilnehmer stand sie morgens um acht in einer der zwölf Reihen zur Anmeldung. Vom Lachen und Rufen und den Umarmungen her zu urteilen, war es offensichtlich, dass sich viele der Schriftsteller und Möchtegernschriftsteller kannten. Es herrschte eine lockere Atmosphäre, das Gefühl, unter Gleichen zu sein. Über allem lag erwartungsvolle Spannung.

Und doch, mehr als einer der Gäste stand in der lärmenden Eingangshalle wie ein in einem Schiffswrack verlorenes Kind, klammerte sich an einen Ordner oder eine Aktentasche, als wäre es eine Rettungsweste und starrte gequält oder einfach nur verwirrt vor sich hin. Auch wenn sie selbst nach außen hin ruhig und sicher wirkte, als sie ihren Teilnehmerausweis entgegennahm, konnte Lee dieses Empfinden gut nachvollziehen.

Sie konzentrierte sich auf den Grund ihres Hierseins und überflog zuerst das Programm. Mit einem kleinen Lächeln unterstrich sie: GESTALTUNG VON HORROR DURCH ATMOSPHÄRE UND EMOTIONEN. REDNER WIRD NOCH BEKANNTGEGEBEN.

Volltreffer, dachte Lee. Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass sie noch drei Stunden Zeit hatte bis zu Browns Vortrag. Da sie nichts dem Zufall überließ, holte sie ihr Notizbuch hervor und überflog die notierten Fragen, die sie Brown stellen wollte. Mit einem Ohr fing sie dabei amüsante Gesprächsfetzen der umherschlendernden Teilnehmer auf.

„Wenn ich wieder abgelehnt werde, stecke ich meinen Kopf in den Ofen.“

„Du hast einen Elektrikofen, Judy.“

„Es ist der Gedanke, der zählt.“

„Und als mir heute Morgen das Frühstück gebracht wurde, lag unter meinem Teller ein Manuskript von fünfhundert Seiten. Ich habe vollkommen den Appetit verloren.“

„Das ist noch gar nichts. Ich habe letztens eins ins Büro bekommen, das in Schönschrift abgefasst war. Hundertfünfzigtausend Wörter in gestochener Schönschrift.“

Verleger, dachte Lee. Denen könnte sie auch einiges über Unterwürfigkeit erzählen, mit der häufig Leute glaubten, bei CELEBRITY unterzukommen.

„Er meinte, sein Verleger habe sein erstes Kapitel in Stücke gehauen. Bevor er es neu schreibt, muss er erst einmal Trauerarbeit leisten.“

„Ich muss immer Trauerarbeit leisten, bevor ich etwas neu schreiben muss. Nach jeder Zurückweisung überlege ich immer ernsthaft, ob ich nicht mit Körbeflechten meinen Unterhalt verdienen soll.“

„Hast du gehört, Jeffries ist wieder hier, um mit diesem Manuskript über die Jungfrau mit Höhenangst und Telekinese hausieren zu gehen? Ich verstehe einfach nicht, warum er sie nicht einen ruhigen Tod sterben lässt. Wann erscheint dein nächster Mord?“

„Im August. Es ist Gift.“

„Darling, das ist keine Art, über deine Arbeit zu reden.“

Lee konnte eine Vielfalt von Sprachstilen ausmachen, manche gedämpft, manche blasiert, manche pompös. Von einer ebensolchen Reichweite waren die Gesten und die Gesprächsthemen. Verblüfft beobachtete sie einen Mann, der theatralisch in einem langen, schwarzen Cape vorbeischwebte.

Ganz eindeutig ein skurriles Völkchen, dachte Lee, entwickelte aber sogleich Sympathie für sie. Sicher, sie reservierte ihre Talente für Artikel und Biographien, aber im Grunde ihres Herzens war sie auch eine Schriftstellerin. Ihre Stellung bei dem Magazin hatte sie sich hart erkämpft, und sie hatte sich ihre Welt darumherum erbaut. Bei all ihrem Ehrgeiz – ihre Angst vor Ablehnung war groß. Darum blieb ihr eigenes Manuskript auch unvollendet und verstaubte in der Schublade. Der Zeitungsverlag sicherte ihr Ansehen und die Möglichkeit auf Beförderung, das feste Einkommen, das Dach über dem Kopf, die Kleider am Leib und das Essen auf dem Tisch.

Wenn es nicht so wichtig für sie wäre, allen zu beweisen, dass sie ihr Leben und ihre Karriere aus eigener Kraft meistern konnte, hätte sie vielleicht die ersten Kapitel ihres Manuskripts schon an einen Verlag geschickt. Aber … Lee schüttelte den Kopf und beobachtete die hereinströmenden Menschen. Alle Typen, alle Größen, alle Altersstufen. Die Kleidung variierte von korrekten Anzügen über Jeans und schrille Kaftane und Kittel. Lee fragte sich, ob sie sonst schon irgendwo eine solche Vielfalt gesehen hatte. Gedankenverloren starrte sie auf das unfertige Manuskript, das sie in ihren Aktenkoffer gelegt hatte. Nur zur Tarnung, erinnerte sie sich selbst. Das war alles.

Nein, sie glaubte nicht daran, dass sie das Zeug zu einer großen Schriftstellerin hatte. Aber sie wusste eins: Das Talent für hervorragenden Journalismus hatte sie. Und nie, nie würde sie sich mit dem zweiten Rang abfinden.

Und doch, wenn sie schon einmal hier war, schadete es auch nichts, wenn sie in das eine oder andere Seminar ging. Vielleicht konnte sie ein paar Tipps aufschnappen. Und, was noch wichtiger ist, sagte sie sich, als sie aufstand, vielleicht kann ich diese Fahrt noch in einen Artikel über interessante Aspekte einer Tagung von Schriftstellern umsetzen: wer eine solche Tagung besuchte, warum er sie besuchte, was diese Leute machten, worauf sie hofften. Ja, es könnte etwas ganz Interessantes dabei herauskommen. Die Arbeit kam schließlich immer zuerst.

Eine Stunde später schlenderte sie in die Cafeteria – etwas begeisterter, als sie nach ihrem ersten Seminar sein wollte. Sie würde eine kurze Pause machen, die Notizen, die sie gemacht hatte ordnen, dann zurückgehen, um sicher zu sein, dass sie den besten Platz für Hunter Browns Vorlesung bekam.

Hunter sah von seiner Zeitung auf, als sie die Cafeteria betrat. Lee Radcliffe, dachte er und fand sie weitaus interessanter als die lokalen Nachrichten, die er gerade überflog. Die Unterhaltung mit ihr gestern hatte ihm Spaß gemacht, obwohl Unterhaltungen ihn meistens langweilten. Sie hatte irgendeine Qualität – eine ihr eigene Freimütigkeit, von Blasiertheit übertüncht –, die sein Interesse weckte. Als Schriftsteller, der glaubte, die Charaktere machten das Wesentliche jeden Buches aus, suchte Hunter immer nach dem Einmaligen und Individuellen. Sein Instinkt verriet ihm, Lee Radcliffe war ganz deutlich ein Individuum.

Unbemerkt beobachtete er sie. Sie sah sich gedankenverloren im Raum um. Ihr Kostüm war sehr einfach, verriet aber Stil und Geschmack, sowohl was die Farbe als auch den Schnitt anging. Sie war eine Frau, die das Einfache tragen konnte, weil sie Stil besaß. Wenn er sich nicht sehr irrte, war sie in Reichtum hineingeboren worden. Es gab immer einen feinen Unterschied zwischen denen, die an Geld gewöhnt waren, und denen, die Jahre damit verbracht hatten, es zu verdienen.

Woher kam also die Nervosität?

Hunter zündete sich eine Zigarette an und beobachtete sie weiter, da er wusste, es gab keinen schnelleren Weg, die Aufmerksamkeit von jemandem auf sich zu lenken.

Lee, die mehr an die Geschichte dachte, die sie schreiben wollte, als an den Kaffee, wegen dem sie gekommen war, spürte ein merkwürdiges Prickeln über ihren Rücken rieseln. Sie drehte sich um und erkannte Hunter, der sie anstarrte.

Es sind seine Augen, dachte sie, wobei sie im ersten Augenblick nicht an ihn als Mann dachte oder als Hotelfahrer vom gestrigen Tag. Seine Augen zogen einen magnetisch an, bis man gefangen war, bis jedes Geheimnis in einem kein Geheimnis mehr war. Es war beängstigend. Es war unwiderstehlich.

Verblüfft, dass sich ein solch überdrehter Gedanke in ihren praktischen logischen Verstand geschlichen hatte, trat Lee auf ihn zu. Er ist einfach nur ein Mann, sagte sie sich, ein Mann, der wie viele andere für seinen Lebensunterhalt arbeitet. Es gab ganz sicher nichts, was beängstigend war.

„Miss Radcliffe.“ Er lächelte nicht, während er sie eindringlich musterte und eine Handbewegung zum Stuhl ihm gegenüber machte. „Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?“

Normalerweise hätte sie abgelehnt, wenn auch höflich. Aber jetzt, aus einem unfassbaren Grund fühlte sie sich, als hätte sie ihm und sich etwas zu beweisen. „Danke.“ Kaum saß sie, war auch schon eine Bedienung da und goss ihr Kaffee ein.

„Macht Ihnen die Tagung Spaß?“

„Ja.“ Lee goss sich Kaffeesahne ein und rührte und rührte, bis sich mitten in der Tasse ein kleiner Wirbel bildete. „So unorganisiert wie alles zu sein scheint, gab es doch erstaunlich viele Informationen bei dem Seminar, das ich eben besucht habe.“

Ein Lächeln bewegte seine Lippen, so schwach, dass es kaum da zu sein schien. „Sie ziehen das Organisierte vor?“

„Es ist produktiver.“ Auch wenn er etwas formeller gekleidet war als gestern, waren seine Hose und das am Hals offene Hemd lässig. Sie fragte sich, warum er keine Uniform tragen musste. Aber, auch wenn man ihn in eins dieser schicken weißen Jacketts stecken würde mit ordentlicher Krawatte, so würden seine Augen den erwünschten Effekt einfach wieder aufheben.

„Eine Menge faszinierender Dinge können aus dem Chaos heraus entstehen, meinen Sie nicht?“

„Vielleicht.“ Stirnrunzelnd sah sie hinunter auf den Wirbel in ihrem Kaffee. Warum fühlte sie sich, als zöge er sie an sich heran? Und warum, dachte sie mit plötzlich aufblitzender Ungeduld, sitze ich hier überhaupt mit einem philosophierenden Hotelfahrer, während ich die zwei geplanten Artikel schon einmal umreißen sollte?

„Haben Sie Hunter Brown gefunden?“ Er musterte sie über den Rand seiner Tasse hin.

„Was?“ Zerstreut sah Lee auf und erkannte, dass der Blick aus diesen merkwürdigen Augen immer noch auf ihr lag.

„Ich habe gefragt, ob Sie Hunter Brown begegnet sind.“ Wieder lag dieser Hauch eines Lächelns um seine Lippen, und dieses Mal drang es sogar in seinen Blick. Es machte ihn nicht weniger eindringlich.

„Nein.“ Abwehrend, ohne den Grund dafür zu wissen, nippte Lee an ihrem erkaltenden Kaffee. „Warum?“

„Nach all den Dingen, die Sie gestern erzählt haben, war ich neugierig, was Sie von ihm denken, wenn Sie ihn erst einmal persönlich kennen lernen.“ Er zog an seiner Zigarette und blies den Rauch in einer Wolke aus. „Normalerweise haben die Menschen ein vorgefasstes Bild über jemanden, was sich meist als falsch erweist.“

„Es ist schwierig, sich überhaupt ein Bild über jemanden zu machen, der sich vor der Welt versteckt.“

Eine Braue wurde hochgezogen, doch seine Stimme blieb mild. „Versteckt?“

„Das Wort drängt sich auf. Es gibt auf den Buchumschlägen seiner Romane kein Bild von ihm, keine biographischen Angaben. Er gibt nie Interviews, streitet nie ab oder bestätigt, was über ihn geschrieben wird. Alle Auszeichnungen, die er bekommen hat, sind von seinem Agenten oder seiner Verlegerin entgegengenommen worden.“ Sie fuhr mit den Fingern den Löffelstiel hoch und runter. „Ich habe gehört, dass er solche Veranstaltungen wie diese gelegentlich besucht, aber nur, wenn es eine sehr kleine Tagung ist und keine Informationen über seine Teilnahme in die Öffentlichkeit gelangen.“

Während sie sprach, ließ Hunter unablässig den Blick auf ihr ruhen, beobachtete jede Nuance ihrer Miene. In ihrem Gesicht gab es Spuren von Eifer und Anstrengung, darüber war er sich sicher.

Weil sein direkter, nicht schwankender Blick sie verunsicherte, entschied Lee sich für den Frontalangriff. „Warum starren Sie mich so an?“ fragte sie provozierend.

Er zeigte weder Verlegenheit noch Unsicherheit. „Weil Sie eine interessante Frau sind.“

Ein anderer Mann hätte eine schöne Frau gesagt, noch ein anderer vielleicht eine anziehende. Beides hätte Lee mit leichtem Spott abgetan. Erneut nahm sie den Löffel in die Hand und legte ihn wieder auf die Untertasse. „Warum?“

„Sie haben einen ordentlichen Verstand, angeborenen Stil und sind ein Nervenbündel.“ Er mochte es, wie eine schwache Linie zwischen ihren Brauen auftauchte, als sie die Stirn runzelte. Das bedeutete Dickköpfigkeit und Hartnäckigkeit. Beides akzeptierte er. „Ich war schon immer von dem fasziniert, was Menschen hinter ihren Fassaden verbergen. Ich ertappe mich bei der Frage, was hinter Ihrer Fassade steckt, Miss Radcliffe.“

Wieder spürte sie das Prickeln über ihren Rücken rieseln. Es war nicht beruhigend, einem Mann gegenüberzusitzen, der genau das auslösen konnte. „Sie haben eine merkwürdige Art, Dinge zu formulieren.“

„Das sagt man mir nach.“

Sie verordnete sich selbst, aufzustehen und zu gehen. Es war einfach unsinnig, hier zu sitzen und sich von einem Mann beunruhigen zu lassen, den sie mit einem Trinkgeld von fünf Dollar entlassen könnte. „Was machen Sie in Flagstaff? Sie kommen mir nicht wie jemand vor, der sich damit zufrieden gibt, jeden Tag zum Flughafen und zurück zu fahren, Passagiere zu befördern und Gepäck zu schleppen.“

„Eindrücke ergeben faszinierende, kleine Bilder, nicht wahr?“ Diesmal lächelte er ungezwungen, wie gestern, als sie ihm Trinkgeld gegeben hatte. Lee war sich nicht sicher, warum der Verdacht in ihr wieder hochkam, dass er über sie lachte.

„Sie sind ein sehr merkwürdiger Mann.“

„Auch das sagt man mir nach.“ Sein Lächeln verblasste, und sein Blick bekam wieder die alte Intensität. „Essen Sie heute Abend mit mir?“

Die Frage überraschte sie nicht mehr als die Tatsache, dass sie annehmen wollte und es fast getan hätte. „Nein.“

„Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie Ihre Meinung ändern.“

Wieder war sie überrascht. Die meisten Männer hätten zumindest ein wenig gedrängt. Sie hatte es sogar erwartet. „Ich muss zurück.“ Sie griff nach ihrer Aktentasche. „Wissen Sie, wo der Canyon-Raum ist?“

Mit einem inneren Auflachen legte er das Geld für die Kaffees auf den Tisch. „Ja, ich zeige es Ihnen.“

„Das ist nicht nötig.“ Lee erhob sich.

„Ich habe Zeit.“ Er verließ mit ihr die Cafeteria und trat in die große, mit Teppichen ausgelegte Eingangshalle. „Wollen Sie sich die Gegend etwas ansehen, während Sie hier sind?“

„Dafür bleibt keine Zeit.“ Sie warf einen Blick aus den riesigen Fenstern zu dem hoch aufragenden Gipfel des Mount Humphrey hinüber. „Sobald die Tagung vorbei ist, muss ich zurück.“

„Wohin?“

„Los Angeles.“

„Zu viele Menschen“, kommentierte Hunter. „Haben Sie nie das Gefühl, sie nehmen Ihnen die Luft?“

So hatte sie es noch nie gesehen. Aber tatsächlich gab es Situationen, wo sie eine Anwandlung spürte, die man als Klaustrophobie bezeichnen könnte. Aber schließlich war dort ihr Zuhause und, noch wichtiger, ihre Arbeit. „Nein. Es gibt genug Luft für alle.“

„Sie haben nie am südlichen Rand des Canyons gestanden und hochgeschaut und eingeatmet.“

Wieder warf Lee ihm einen Blick zu. Er hatte eine Art, Dinge zu sagen, die einem sofort ein Bild vermittelten. Zum zweiten Mal bedauerte sie es, dass sie sich nicht einen oder zwei Tage freimachen konnte, um zumindest etwas von der Weite Arizonas zu erkunden. „Vielleicht ein anderes Mal.“ Mit einem Schulterzucken folgte sie ihm.

„Zeit ist unberechenbar. Wenn man sie braucht, ist zu wenig von ihr da. Dann wiederum wacht man morgens um drei auf, und es gibt zu viel von ihr. Normalerweise ist es klüger, sie sich zu nehmen, als auf sie zu warten. Versuchen Sie es.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu. „Es könnte ihren Nerven gut tun.“

Sie zog die Brauen zusammen. „Mit meinen Nerven ist alles in Ordnung.“

„Manche Menschen können von nervöser Energie wochenlang angetrieben werden. Und dann müssen sie das kleine Ventil finden, um den Dampf abzulassen.“ Zum ersten Mal berührte er sie, nur mit den Fingerspitzen am Ende ihres Haares. Doch sie fühlte es, erlebte es so stark und deutlich, als hätte sich seine Hand fest über ihrer geschlossen. „Was tun Sie, um den Dampf abzulassen, Lenore?“

Sie versteifte sich nicht, sie schob auch nicht beiläufig seine Hand weg, wie sie es sonst getan hätte. Sie hielt einfach still, spielte mit der Empfindung, die seine Berührung in ihr auslöste.

„Ich arbeite“, sagte sie leicht, doch ihre Finger hatten sich um den Griff der Aktentasche verstärkt. „Ich brauche kein anderes Ventil.“ Sie trat nicht zurück, ließ aber den Hochmut, der sie immer schützte, in ihre Stimme dringen. „Niemand nennt mich Lenore.“

„Nein?“ Er lächelte fast. Es war dieser Blick, erkannte sie, diese verborgene Belustigung, mehr zu ahnen, als zu sehen, die sie am meisten fesselte. „Aber es passt zu Ihnen. Feminin, elegant, etwas distanziert. Lenore, die Gestalt aus Poes Erzählung. Ja.“ Er ließ seine Fingerspitzen an ihrem Haar. „Ich glaube, Poe hätte Sie für seine Lenore sehr passend gefunden.“

Bevor sie es verhindern konnte, bevor sie es vorausahnen konnte, wurden ihre Knie weich. Sie fühlte den Klang ihres eigenen Namens wie eine Feder über ihre Haut streifen. „Wer sind Sie?“ War es möglich, so tief von jemandem berührt zu sein, ohneüberhaupt seinen Namen zu wissen. Sie machte die Flucht nach vorn. „Wer sind Sie eigentlich?“

Wieder lächelte er, mit dem merkwürdig sanften Charme, der zu seinen Augen eigentlich gar nicht zu passen schien, aber dennoch … „Merkwürdig, Sie haben es vorher nicht gefragt. Sie sollten besser hineingehen“, meinte er dann, als die Leute auf die offenen Türen des Canyon-Raumes zustrebten. „Sie wollen sicher einen guten Platz haben.“

„Ja.“ Sie zog sich zurück, ein wenig erschüttert über die Heftigkeit ihres Wunsches, mehr über ihn zu erfahren. Mit einem letzten Blick über die Schulter trat Lee ein und setzte sich in die erste Reihe. Es war Zeit, ihre Gedanken wieder auf die Angelegenheit zu konzentrieren, wegen der sie gekommen war: Hunter Brown. Ablenkungen durch unbegreifliche Männer, die zum Lebensunterhalt Jeeps fuhren, mussten zur Seite geschoben werden.

Aus ihrem Aktenkoffer nahm Lee einen neuen Notizblock und zwei Bleistifte. Einen steckte sie hinters Ohr. In wenigen Augenblicken würde sie den geheimnisvollen Hunter Brown sehen und studieren können. Sie würde zuhören und sich Notizen machen. Nach seinem Vortrag würde sie ihm Fragen stellen, und wenn es nach ihrer Vorstellung lief, gelang ihr anschließend ein Gespräch unter vier Augen.

Diese Story könnte ihr nächster Schritt auf der Karriereleiter bedeuten. Wird es, verbesserte sich Lee. Die erste auf Tatsachen und wahrheitsgetreuen Nachforschungen beruhende Geschichte über Hunter Brown. Sie würde kontrovers, farbenfroh und, was noch wichtiger war, exklusiv sein. Und damit wäre sie der obersten Sprosse ihrer Berufskarriere näher, worauf ihr Blick immer gerichtet war.

Wenn sie erst einmal dort war, hatte sich die harte Arbeit, die langen Stunden, die fanatische Hingabe gelohnt. Dann war sie da und würde es bleiben. An der Spitze, ganz oben.

Jenseits des Eingangs stand Hunter mit seiner Verlegerin und hörte mit halbem Ohr zu, was sie ihm über ein Interview mit einem angehenden Schriftsteller erzählte. Das Wesentliche bekam er mit. Es war ein Talent von Hunter, eine Unterhaltung aufrechtzuerhalten, während sich seine Gedanken um etwas völlig anderes drehten. Also sprach er mit seiner Verlegerin und dachte an Lee Radcliffe.

Ja, ganz klar, er würde sie in seinem nächsten Buch benutzen. Zugegeben, die Handlung zeichnete sich erst als ganz schwache Idee in seinem Kopf ab, doch darin sah er keine Probleme.

Wenn er Lee richtig einschätzte, würde sie erst verwirrt sein, wenn er gleich aufs Podium trat, dann wütend. Aber wenn sie wirklich so entschlossen mit ihm reden wollte, wie sie es angedeutet hatte, dann musste sie ihren Ärger eben hinunterschlucken.

Eine starke Frau. Eisenharter Wille und ein Teint wie Sahne. Verletzbarer Blick und ein trotzig gegen die ganze Welt erhobenes Kinn. Ein Charakter war nichts ohne Gegensätze, Stärken und Schwächen. Und Geheimnisse, dachte er, und war sich sicher, dass er die von Lenore Radcliff aufdecken würde.

Um ihn herum gab es Lachen und Klagen und Enthusiasmus. Die Leute strömten in den Saal. Er wusste, wie es war, Begeisterung darüber zu empfinden, ein Schriftsteller zu sein. Er kannte auch das Gegenteil, wenn die Lust am Schreiben einmal verloren ging. Solche Gefühle schlugen sich immer in der Arbeit nieder, auch wenn man es nicht wollte.

Hunter hielt das für einen fairen Handel. Seine Emotionen, seine Gedanken waren für alle da, die sich die Mühe machten, seine Bücher zu lesen. Sein Leben gehörte ganz und ohne Einschränkungen ihm allein.

Die Frau neben ihm hatte seine Zuneigung und seinen Respekt. Er diskutierte mit ihr über Motivationen und Satzstrukturen, wobei er ebenso oft verlor wie er gewann. Sie beide schrien sich an, er lachte mit ihr und hatte ihr kürzlich emotionale Unterstützung bei ihrer Scheidung gegeben. Er kannte ihr Alter, ihr Lieblingsgetränk und ihre Schwäche für Cajubäume. Sie war seit drei Jahren seine Verlegerin, was einer Ehe schon bedenklich nahe kam. Und doch wusste sie nicht, dass er eine zehnjährige Tochter namens Sarah hatte, die gern Plätzchen backte und Fußball spielte.

Hunter nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette, als der Präsident der kleinen Schriftstellervereinigung sich ihm näherte. Der Mann war ein geschickter, fantasiereicher Science-Fiction-Autor, dessen Bücher Hunter gerne las. Andernfalls wäre er seiner Einladung auch gar nicht gefolgt.

„Mr. Brown, ich brauche Ihnen nicht noch einmal zu sagen, wie geehrt wir sind, Sie bei uns zu haben.“

„Nein“, Hunter zeigte sein eigentümliches Lächeln, „das brauchen Sie nicht.“

„Wahrscheinlich wird es einen ziemlichen Aufruhr geben, wenn ich Sie ankündige. Nach Ihrem Vortrag werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um die Horde zurückzuhalten.“

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Ich werde damit schon fertig.“

Der Mann nickte, er hatte es nie bezweifelt. „In meiner Suite habe ich heute Abend einen kleinen Empfang, wenn Sie sich uns anschließen wollen.“

„Gern, aber ich habe bereits eine Verabredung zum Dinner.“

Der Präsident wusste nicht so recht, wie er Hunters Lächeln einschätzen sollte. „Wenn Sie also bereit sind, kündige ich Sie an.“

Hunter folgte ihm in den Canyon-Raum und stellte sich einfach neben den Eingang. Der Raum summte geradezu vor Erwartung und Neugier. Das Podium stand auf einer kleinen Bühne vor zweihundert Stühlen, die fast alle besetzt waren. Als der Präsident die Bühne betrat, erstarben die Gespräche bis auf unterdrücktes Gemurmel. Hunter hörte einen Mann in seiner Nähe seinem Begleiter zuflüstern, dass sich gleichzeitig drei Verlage für sein Manuskript interessierten. Hunter hörte weder darauf noch auf den Präsidenten vorne, der ihn ankündigte. Sein Blick wanderte über die Köpfe hinweg, bis er Lee entdeckte.

Mit einem kleinen, höflichen Lächeln auf den Lippen beobachtete sie den Sprecher, doch ihr Blick verriet sie. Er war dunkel und eifrig. Im Schoß öffnete und schloss sich ihre Hand um einen Bleistift. Ein Bündel von Nerven und Energie, eingehüllt in eine sehr dünne Schicht Selbstvertrauen, dachte er.

Zum zweiten Mal spürte Lee seinen Blick, und zum zweiten Mal musste sie sich umdrehen, und ihre Blicke trafen sich. Wieder tauchte die schwache Linie zwischen ihren Brauen auf, als sie sich ganz offensichtlich fragte, was er hier im Saal mache. Lässig an die Wand gelehnt, starrte Hunter zurück.

„Seine Karriere stieg unaufhörlich, seit der Veröffentlichung seines ersten Buches vor erst fünf Jahren. Seit diesem ersten Titel, ,Was dem Teufel gebührt’ hat er uns das Vergnügen bereitet, uns mit jedem neuen Buch in Angst und Schrecken zu versetzen.“ Bei der Erwähnung des Titels verstärkte sich das Gemurmel. Hunter blickte weiter unverwandt zu Lee und sie blickte stirnrunzelnd zurück. „Sein letztes Buch ,Der stille Schrei’, steht immer noch unanfechtbar auf Platz eins der Bestsellerlisten. Wir fühlen uns besonders geehrt, bei uns in Flagstaff diesen Schriftsteller begrüßen zu dürfen – Hunter Brown.“

Zweihundert Menschen klatschten überschwänglich und füllten den Saal mit gespannter Erwartung. Lässig löste sich Hunter von der Wand und ging auf die Bühne zu. Er sah, wie der Bleistift aus Lees Hand auf den Boden fiel. Hunter bückte sich und hob ihn auf.

„Halten Sie sich besser daran fest.“ Fest sah er in ihre großen Augen, die das Staunen nicht verbergen konnten. Als er ihr den Stift zurückgab, wurde aus ihrem Staunen Wut.

„Sie sind ein …“

„Ja, aber sagen Sie es mir lieber später.“ Hunter stieg die Bühne hinauf, trat hinter das Podium und wartete auf das Ende des begeisterten Applauses. Wieder ließ er den Blick über die Menge wandern, dieses Mal mit einer so ruhigen Intensität, dass alle Geräusche erstarben. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können, als er mit seinem Vortrag begann.

Vom ersten Wort an hatte er sie in seinem Bann und hielt sie vierzig Minuten lang gefangen. Niemand lehnte sich zurück, niemand gähnte, niemand schlich schnell für eine Zigarette hinaus. Mit zusammengebissenen Zähnen wusste Lee, dass sie ihn verachtete.

Gegen den Drang ankämpfend, aufzuspringen und hinauszumarschieren, saß Lee steif auf ihrem Stuhl und machte sich peinlich genaue Notizen. An den Seitenrand kritzelte sie eine perfekt wiedererkennbare Karikatur von Hunter hin – mit einem Dolch durch den Kopf. Das vermittelte ihr große Befriedigung.

Als er zehn Minuten für Fragen bewilligte, war Lees Hand die erste, die in die Luft schoss. Hunter sah sie direkt an, lächelte und rief jemanden drei Reihen hinter ihr auf.

Professionelle Fragen beantwortete er professionell, persönlichen wich er aus. Lee musste widerstrebend sein Geschick darin bewundern. Er verriet keine Unsicherheit, zeigte kein Zögern und absolut keine Neigung, sie aufzurufen, obwohl ihre Hand unablässig oben war und ihre Augen ihm giftige, kleine Pfeile zuschossen. Ich bin Reporterin, erinnerte sich Lee. Reporter kommen zu nichts, wenn sie auf Höflichkeit bauen.

„Mr. Brown“, begann Lee unaufgefordert und erhob sich.

„Entschuldigung.“ Bedächtig lächelnd, wehrte er mit einer Handbewegung ab. „Ich fürchte, wir sind schon über die Zeit. Viel Glück für Sie alle.“ Unter jubelndem Applaus verließ er das Podium und den Raum. Als sich Lee endlich zum Ausgang durchgekämpft hatte, hatte sie von allen Seiten genügend Lob über Hunter Brown gehört, um ihre schon brodelnde Wut zum Kochen zu bringen.

Diese Frechheit, dachte sie, als sie es schließlich bis zum Gang geschafft hatte. Diese unglaubliche Frechheit. Es machte ihr nichts aus, im Schachspiel zu verlieren. Sie konnte damit umgehen, in ihrer Arbeit kritisiert und in ihrer Meinung in Frage gestellt zu werden. Insgesamt hielt sich Lee selbst für einen vernünftigen Menschen mit einem normalen Anteil an Eitelkeit. Das Einzige, was sie nicht hinnehmen konnte, nicht würde, war, sich zum Narren halten zu lassen.

Rachegedanken drängten sich ihr auf, hässliche, gemeine Rachegedanken. Oh ja, dachte sie, als sie sich durch die dichte Menge von Hunter Browns Fans kämpfte, ich werde meine Rache bekommen, irgendwie, auf irgendeinem Weg.

Jetzt musste sie erst einmal allein sein, um ihre hitzige Wut abzukühlen und den Rachefeldzug zu planen. Sie ging zum Fahrstuhl, um hinunter ins Stockwerk zu fahren, wo ihr Zimmer lag. Der Bleistift, den sie immer noch umklammert hielt, zerbrach ihr zwischen den Fingern. Oh ja, sie würde Hunter Brown zur Schnecke machen.

Gerade als Lee den Knopf für ihr Stockwerk drücken wollte, drängte Hunter sich in den Fahrstuhl. „Fahren Sie hinunter?“ fragte er unbeschwert und drückte selbst den Knopf.

Mit Mühe unterdrückte Lee eine giftige Bemerkung und starrte stur geradeaus.

„Bleistift zerbrochen“, stellte Hunter amüsiert fest. Er warf einen Blick in ihr offenes Notizbuch und bemerkte die eindeutige Karikatur. „Gut gemacht. Und wie hat Ihnen die Veranstaltung gefallen?“

Lee warf ihm einen vernichtenden Blick zu, während die Fahrstuhltüren sich öffneten. „Sie sind eine Quelle banaler Informationen, Mr. Brown.“

„Sie haben Mord im Blick, Lenore.“ Er trat mit ihr in die Halle. „Es passt zu Ihrem Haar. Ihre Skizze macht es deutlich genug, was Sie am liebsten täten. Warum erstechen Sie mich nicht, solange Sie die Gelegenheit dazu haben?“

Ich werde einfach kein Wort mit ihm reden, sagte sich Lee. Doch gleichzeitig wirbelte sie zu ihm herum und brachte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Sie haben sich auf meine Kosten großartig amüsiert.“ Dabei suchte sie in ihrem Aktenkoffer nach ihrem Zimmerschlüssel.

„Stimmt“, bestätigte er ruhig, während sie wütend weitersuchte. „Schlüssel verloren?“

„Nein.“ Frustriert blickte Lee auf, und Wut traf auf Belustigung. „Warum gehen Sie nicht einfach und ruhen sich auf Ihren Lorbeeren aus?“

„Das habe ich immer unbequem gefunden. Warum lassen Sie Ihre Wut nicht verrauchen, Lenore? Sie würden sich besser fühlen.“

„Nennen Sie mich nicht Lenore!“ Sie explodierte. „Sie haben kein Recht dazu, mich zur Zielscheibe Ihres Witzes zu machen. Sie haben kein Recht, vorzutäuschen, dass Sie für das Hotel arbeiten.“

„Sie haben es nur angenommen“, korrigierte er sie. „Wenn ich mich recht erinnere, habe ich nie etwas vorgetäuscht. Sie haben gestern nach einer Fahrmöglichkeit gefragt. Ich habe Sie ganz einfach gefahren.“

„Sie wussten, dass ich Sie für den Hotelfahrer hielt.

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