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Sommernacht auf Mallorca

Lea Korte

Sommernacht auf Mallorca

Eine Liebesgeschichte

 

 

 

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Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Ein Wort noch …

»Warum reist man, wenn man nicht dazu gezwungen ist?«

Heute, da ich von den gleichen Breitengraden zurückkomme, die ich an einem anderen Punkt Südeuropas überschritten habe, gebe ich mir dieselbe Antwort wie bei meiner Rückkehr von Mallorca: Es geht nicht so sehr ums Reisen als vielmehr ums Fortkommen. Wer von uns hat nie einen Schmerz gekannt, den es zu vertreiben galt, oder ein Joch, das abzuschütteln gewesen wäre?

Nohant, den 25. August 1855

 

Notiz aus George Sands Roman »Ein Winter auf Mallorca«

 

»Ich habe viele Arten der Liebe kennengelernt: die Künstlerliebe, die Liebe als Frau, als Schwester, als Mutter, die Liebe zu Gott, die Dichterliebe und was weiß ich nicht alles. Manch eine Liebe ist noch am gleichen Tag, an dem sie das Licht der Welt erblickt hatte, gestorben, ohne sich demjenigen zu offenbaren, der sie erweckt hatte. Manch eine hat mein Leben zur Qual gemacht und mich in eine Verzweiflung gestürzt, die dem Wahnsinn nahe war. Einer anderen zuliebe führte ich jahrelang in der Abgeschiedenheit ein völlig dem Metaphysischen zugewandtes Leben. Mit alledem habe ich es wirklich ernst gemeint.«

George Sand (1804–1876)

 

Zitat aus: Brief an Albert Grzymala, Ende Mai 1838

1. Kapitel

Isabella legte den Sicherheitsgurt ab und schaute noch einmal aus dem kleinen Fenster neben ihr in das satte Abendrot des wolkenlosen mallorquinischen Himmels. Welch ein traumhafter Anblick! Bereits der Anflug eben war wundervoll gewesen: erst die Weite des Meeres, über ein paar vereinzelte Schiffe hinweg, so winzig klein, dass man sie für Spielzeuge hätte halten können, dann, schon im Landeanflug, die Aussicht auf die malerischen Buchten der Insel, im Hintergrund die erstaunlich üppig begrünten Berge, dann noch ein kurzes Stück über die Ebene und die sanfte Landung.

So ganz überzeugt war Isabella nach wie vor nicht, dass diese Insel der passende Ort für sie war, um abzuschalten und zu sich zu kommen, aber ihre Freundin Uschi, Reisekauffrau mit Leib und Seele, hatte ihr geschworen, dass sie genau hier am besten aufgehoben sei.

»Diese Insel bietet dir alles, was du liebst. Du wirst sehen: Das wird Erholung pur! Du kannst segeln, schwimmen, tauchen, wandern …«

»Und Ballermann?«, war Isabella ihr ins Wort gefallen. »Usch, ist denn da nicht überall die Hölle los?«

»Blödsinn! Die Insel besteht doch nicht nur aus einer Partymeile, sondern hat weit mehr als das zu bieten. Jetzt vertrau mir doch mal: Mallorca ist herrlich!«

Isabella seufzte. Vertrauen … Das fiel ihr zurzeit in der Tat schwer, selbst bei Uschi, mit der sie schon seit dem Kindergarten befreundet war und die sie noch kein einziges Mal enttäuscht oder betrogen hatte – im Gegensatz zu Axel, den sie zwar noch nicht so lange kannte, aber mit dem sie immerhin seit geraumer Zeit Tisch und Bett teilte, oder besser gesagt: geteilt hatte … und wegen dem Uschi sie ja hierher verfrachtet hatte. Ach, dass es auch keinen Zaubertrank gab, um solche Kerle einfach ein für alle Mal über Nacht zu vergessen!

»Mallorca ist ein Traum«, hatte Uschi ihr weiter vorgeschwärmt. »Häuser, so pittoresk wie in der Provence, Strände, so makellos wie in der Karibik, eine Sonne …«

»… so rund wie ein Fußball«, wiegelte Isabella den Enthusiasmus ihrer Freundin mit einer müden Geste ab. »Lass gut sein, Usch, ich gehe ja auf dein Eiland. Wahrscheinlich ist eine Insel ohnehin der beste Ort für eine Paartherapeutin, die selber nur gescheiterte Beziehungen aufzuweisen hat. Nicht umsonst sagt man, jemand sei reif für die Insel …«

Und so hatte sie sich von Uschi drei Wochen »Malle« buchen lassen, eine Suite im Vier-Sterne-Hotel in der Bahía Alcúdia mit Blick aufs Meer, vom Strand nur eine kleine Düne entfernt und »all-inclusive« – was sich zwar durchaus auf das leibliche Wohl der Gäste bezog, allerdings nur insofern, wie es um so profane Dinge wie Essen und Massagen ging. Männer waren in dem Preis nicht inbegriffen; andererseits hatte sie von denen vorerst ohnehin genug.

»Wir möchten Sie bitten, hier vorn auszusteigen. Bitte, hier entlang!« Die glockenhelle Stimme der Stewardess mit unüberhörbar spanischem Akzent holte Isabella zurück ins Hier und Jetzt. Die vordere Flugzeugtür wurde geöffnet, und die ersten Passagiere drängten sogleich nach draußen in den schlauchförmigen Gang. Auch Isabella erhob sich. Sie schlängelte sich zwischen die anderen Fluggäste und folgte ihrem Vordermann auf dem Weg ins Flughafengebäude in der Hoffnung, dass zumindest derjenige, dem sie alle folgten, wusste, wo sich die Kofferausgabe befand. Ihr Weg führte sie durch riesige Hallen und von einem Laufband zum nächsten, so dass Isabella allmählich das Gefühl bekam, der mallorquinische Flughafen müsse noch größer als der Frankfurter sein, von dem sie gerade kam. Als das fünfte, endlos lange Laufband vor ihr auftauchte, beschloss sie, eine Pause zu machen und einen Blick aus der hohen Fensterfront zu werfen. Sie wandte sich nach rechts – und prallte mit einem breitschultrigen Mann zusammen.

»Oh, Verzeihung!«, stotterte Isabella und sah in ein Paar äußerst blaue Augen.

»No problem«, meinte der Mann mit einem breiten Lächeln.

Isabella erwiderte es knapp und ging weiter, wurde aber sofort wieder gebremst. Verwundert sah sie sich um und erkannte, dass sich die Schnalle ihrer Umhängetasche im Tragegurt des Rucksacks des Fremden verheddert hatte. Sie trat einen Schritt zurück und versuchte, sie voneinander zu befreien.

»Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich noch einmal und vermied es, zu ihm aufzublicken, zumal sie spürte, dass der Mann sie immer noch anschaute. Blaue Männeraugen waren derzeit die letzten, in die zu schauen sie ertrug, vor allem sooo blaue. Schließlich waren ähnlich blaue Augen der Grund dafür, dass sie jetzt hier war und auf ein paar höchst leidvolle Monate zurückblicken konnte.

»May I help you?«, bot er ihr an, doch Isabella wollte auch keine Hilfe. Sie wollte den Mann einfach nur wieder loswerden. Sie ärgerte sich, weil sie merkte, dass sie in ihrer Aufregung doppelt so lange brauchte, wie es eigentlich nötig gewesen wäre, aber endlich hatte sie die Schnalle doch gelöst. Ohne aufzusehen, nickte sie noch einmal in seine Richtung und eilte weiter. Sie hörte, dass der Mann ihr ein munteres »Hope to see you again!« nachrief, drehte sich aber nicht um, sondern ging auf direktem Weg weiter zu der Fensterfront. An einem Wiedersehen war sie ohnehin nicht interessiert.

Da Isabella nicht wusste, ob der Mann weitergegangen war oder noch immer zu ihr hinschaute, hielt sie ihren Kopf strikt gen Außenbereich gewandt und konzentrierte sich so sehr darauf, sich auf keinen Fall in seine Richtung zu drehen, dass sie nicht im Geringsten mitbekam, was sie eigentlich vor ihrer Nase erblickte. Erst als ihr nach ein paar Minuten mit Schrecken einfiel, dass ihr Koffer sicher schon ausgeladen war, wagte sie einen raschen Blick hinter sich und konnte aufatmen: Der Mann war weg. Sie hastete zurück zum fünften Laufband und hoffte, dass sich noch niemand ihres Koffers bemächtigt hatte und sie das Band, auf dem er seine inzwischen sicher recht einsamen Runden drehte, überhaupt fand. Zu ihrer Erleichterung tauchte im gleichen Moment ein Hinweisschild auf, und nach dem nächsten Seitengang gelangte sie tatsächlich in die Halle der Gepäckrückgabe. Suchend blickte sie sich nach einer Anzeigetafel um und hörte, wie hinter ihr ein Mann ebenfalls nach dem Band der Koffer der Lufthansa-Maschine von Frankfurt fragte. Doch nicht die Frage an sich veranlasste sie zusammenzuzucken – es war die Stimme. Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt, und in ihrem Kopf braute sich ein wirres Schwirren und Wummern zusammen. Axel! Das war doch … Axels Stimme!

Aufgepeitscht von Hoffnung und Angst schnellte Isabella herum, doch Axel stand nicht hinter ihr, und auch sonst konnte sie ihn nirgends entdecken. War sie so »reif für die Insel«, dass sie sogar schon Geisterstimmen hörte? Im gleichen Moment wiederholte der Mann, der nur wenige Schritte von ihr entfernt stand, seine Frage, und jetzt, als Isabella ihn ansah, fand sie, dass seine Stimme der Axels doch gar nicht so ähnlich sei. Trotzdem musste sie ihn weiter anschauen, so lange, bis auch er die Augen auf sie richtete und sie irritiert fragte, ob sie sich kennen würden.

»Ich, wir … Nein, nein, ich … es ist nichts«, stammelte Isabella. Hastig senkte sie den Kopf, womit sie sich zumindest ein wenig hinter ihrem langen schwarzen Haar verstecken konnte, und eilte zu den Kofferbändern weiter. Beim Näherkommen entdeckte sie auf einem der Bänder einen großen roten, allein kreisenden Koffer, der sich erwartungsgemäß als der ihre herausstellte. Mit einem kraftvollen Ruck nahm sie ihn herunter und zog ihn hinter sich her in Richtung Ausgang, aber dann versagten ihre Knie auf einmal den Dienst. Nur mit Mühe schaffte sie es noch bis zu einem der Stützpfeiler des Gebäudes, lehnte ihren Kopf dagegen und zwang sich, ruhig zu atmen. Axel! Wie ein Pingpongball knallte der Name in ihrem Kopf hin und her. Axel. Axel. Axel. Wie hatte Uschi beim Abschied gemeint? Sie solle froh sein, dass sie den untreuen Lügner los sei. »Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende! Bis du aus dem Urlaub zurückkommst, wirst du den Kerl vergessen haben und dich freuen, dass deine Wohnung wieder nur dir gehört und sich nun seine Neue über seine Weibergeschichten grämen kann.«

So verheißungsvoll sich dies auch anhörte – im Moment hatte Isabella noch heftigste Zweifel an der Erfüllung dieser Weissagung. Jeder zweite Mann erinnerte sie irgendwie an Axel, und überhaupt schien es hier von Männern nur so zu wimmeln. Mein Gott, worauf hatte sie sich mit dieser Reise nur eingelassen? Mallorca … Und wenn die Insel hundert Mal schön war und sie das Meer und die Sonne liebte, gern schwamm und wanderte und was auch immer – es gab hier eindeutig zu viele Männer. Es gab hier überhaupt von allem zu viel. Und wenn schon Mallorca, dann hätte sie nicht eine Hotelsuite buchen sollen, sondern höchstens eine Kammer in einer Kartause. Es gab hier doch so ein altes Kloster, oder nicht? Warum hatte Uschi sie nicht dahin verbannt? O mein Gott, stöhnte Isabella, was treibe ich hier bloß? Was soll ich hier? Wie habe ich mich nur auf diesen Urlaub einlassen können?

Sie stieß einen Schwall Luft aus und merkte, wie das Ehepaar, das nur wenige Meter von ihr entfernt stand, zu ihr hinsah. Das letzte, was ihr jetzt noch fehlte, war, dass jemand sie ansprach und ihr seine Hilfe anbot. Erschrocken richtete sich Isabella auf und schleppte sich weiter. Dass sie sich dabei auf die Lippen biss, um nicht loszuweinen, merkte noch nicht einmal sie selbst.

2. Kapitel

Als Isabella am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie das Gefühl, seit Ewigkeiten nicht mehr so gut und tief geschlafen zu haben. Sie drehte sich auf die andere Seite, zog sich das angenehm kühle Baumwolllaken über die bloßen Schultern und schloss noch einmal die Augen. In der Ruhe und Abgeschiedenheit ihres Hotelzimmers fand sie es nun doch nicht mehr ganz so schlecht, hier zu sein, und der kurze Rundgang, den sie am Abend noch durch das Hotel gemacht hatte, war ebenfalls dazu angetan gewesen, sie eher für Uschis Empfehlung als für ihre eigene zugegebenermaßen etwas panische Idee mit der Klosterzelle zu erwärmen: Sogar einen Fitnessraum hatte das Hotel und gut ausgestattet war er noch dazu, und die Poolanlage inmitten dieses von Palmen beschatteten mediterranen Parks war traumhaft.

Eine gute Viertelstunde später legte ihr das vernehmliche Knurren in ihrem Magen nahe, sich allmählich aus der Decke zu schälen und sich all ihrer Ängste zum Trotz in die öffentlicheren Bereiche des Hotels zu wagen. Sie setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Steif und schwer wie eine Bleiente, grummelte sie in sich hinein. Das hast du nun davon, dass du immer nur auf dem Hintern sitzt!

Allerdings war ihr klar, dass das nicht der einzige Grund für dieses Bleigefühl war. Die letzten Monate mit Axel waren nicht weniger anstrengend als eine Tour auf den Mount Everest gewesen, alle Hochs und Tiefs inbegriffen, vor allem die Tiefs. Dergleichen ließ man nicht mit einer Nacht Schlaf hinter sich. Sie war sich sicher, dass sie eine solche rein physische Anstrengung überdies viel leichter und schneller hätte überwinden können.

Isabellas Blick blieb an den zart geblümten Gardinen hängen, durch die das Sonnenlicht vorwitzig ins Zimmer blinzelte. Als sie am Abend nach einigen Wirren mit den mallorquinischen Zugverbindungen dank eines anderen Fahrgastes endlich doch noch den richtigen Zug erwischt hatte und eine Stunde später im Hotel eingetrudelt war, war sie zu müde gewesen, um noch einen Gedanken an die Aussicht zu verschwenden. Jetzt aber war sie gespannt, welchen Blick sie wohl von ihrem Balkon hatte, und dies gab ihr endgültig den letzten Impuls, um ganz auf die Beine zu kommen. Isabella schnappte sich ein T-Shirt, zog es über und tappte barfüßig über die tönernen Fliesen zur Balkontür. Mit einem geflüsterten »Tatatata« schob sie den Vorhang zurück und strahlte auf: Mein Gott, war das herrlich! Nur einen Steinwurf von ihrem Balkon entfernt fingen schon die Dünen an, und direkt dahinter ergossen sich der Strand und das Meer, das wunderwunderschöne Meer! Ganz ruhig und still lag es da, glatt wie ein Spiegel, und war von so glitzrigem Silbergrün, dass Isabella Uschis Vergleich mit der Karibik gar nicht mehr so abwegig fand – auch wenn sie die Karibik nur von den Fotos ihrer Freunde kannte. Und wie es sich an den weitläufigen Sandstrand anschmiegte, so sanft und zärtlich, fast wie liebkosende Hände …

Isabella schob die Tür auf und spürte die sommermilde Morgenluft über ihr Gesicht, die Arme und Beine streichen. Ja, Usch, seufzte sie, das tut allerdings gut, und du hattest recht: Es ist hier in der Tat traumhaft schön! – Isabella lehnte sich an die Schiebetür und hob ihren Blick zum strahlend blauen Himmel. Zwei Silbermöwen zogen dort friedlich ihre Kreise. Als sie hinter den Pinien verschwanden, glitten Isabellas Augen zum Horizont und von dort weiter zu dem nördlichen Endpunkt der Bucht, wo sich ein paar Hügel erhoben, die der Bucht etwas Beschütztes und Umhegtes gaben. Zu gern hätte Isabella noch mehr Details wahrgenommen, aber dazu hätte sie ihre Fernbrille aufsetzen müssen, von der sie aber nicht wusste, wo sie war. Seit Axel ihr vor ein paar Monaten bei einem Streit über seine Untreue an den Kopf geworfen hatte, wie »altbacken« und »unsexy« er sie mit ihrer Brille fand, hatte sie die Brille kaum noch getragen. Jetzt allerdings wäre sie froh gewesen, wenn sie sie zur Hand gehabt hätte. Sie nahm sich vor, später nachzusehen, ob die Brille nicht zufällig in ihrer Handtasche steckte. Axel hatte sie so oder so an dieses langmähnige Weib verloren, von daher konnte es ihr jetzt also einerlei sein, wie er sie mit der Brille fand. Außerdem war es an der Zeit, dass sie wieder klar sah, und das in jeder Hinsicht.

 

Das immer heftigere Knurren ihres Magens machte Isabella bewusst, dass es langsam Zeit fürs Frühstück wurde. Sie huschte zurück ins Zimmer, unterzog sich einer Katzenwäsche und schwang ihre langen, schlanken Beine in ein Paar Shorts. Als sie auf dem Weg zur Frühstücksterrasse die Eingangshalle durchquerte und bemerkte, dass die Rezeptionistin gerade frei war, kam ihr die Idee, sich von ihr ein paar Prospekte von der Gegend geben zu lassen und sie sich beim Frühstück zu Gemüte zu führen. Auf einmal spürte sie Blicke in ihrem Rücken. Verwundert blieb sie stehen, drehte sich um und entdeckte am anderen Ende der weitläufigen Hotelhalle einen großen, schlanken dunkelblonden Mann in Jeans und schwarzem T-Shirt, der in ihre Richtung schaute; sehr viel mehr Details von ihm konnte Isabella mangels Brille und wegen der Kürze der Begegnung nicht ausmachen, denn kaum hatte sie dem Mann den Kopf zugewandt, ging er weiter und verschwand kurz darauf hinter einer mannshohen Zwergpalme. Kopfschüttelnd setzte Isabella ihren Weg fort. Die Rezeptionistin, eine blutjunge und erstaunlich hochgewachsene Mallorquinerin, hieß sie mit einem verbindlichen Lächeln willkommen. »Was kann ich für Sie tun?«

»Haben Sie vielleicht ein paar Informationshefte über die Gegend, die ich mitnehmen kann? Ach, und dann würde ich gern wandern gehen, habe aber keine geeigneten Schuhe dabei. Es wäre schön, wenn Sie mir ein Geschäft empfehlen könnten.« Isabella blickte kurz zu der Stelle, an der sie den Mann zuletzt gesehen hatte, und stellte fest, dass er noch immer dort stand und durch die Palmwedel hindurch zu ihr hinschaute. Unter seinen Blicken wurde es ihr merkwürdig warm. Sie fasste ihr langes, schweres Haar mit einer Hand im Nacken zu einem Zopf zusammen und blies sich kühle Luft über die obere Gesichtshälfte, aber die eigenartige Wärme blieb. »Au-auf jeden Fall bräuchte ich auch eine Wanderkarte«, stotterte sie, wieder zur Rezeptionistin gewandt, und wunderte sich über sich selbst. Warum brachte der Mann sie so durcheinander? Und das, wo sie ihn noch nicht einmal richtig sehen konnte!

Die junge Frau reichte ihr das Gewünschte und einen Stadtplan und zeichnete ihr ein, wo sie ein gutes Sportgeschäft fand. »Es ist allerdings ein Stück hin bis zu dem Laden. Er liegt in der Altstadt, aber dort werden Sie sicher finden, was Sie suchen. Am besten nehmen Sie ein Taxi.«

Isabella bedankte sich für die Auskünfte und ging weiter zur Frühstücksterrasse. Obwohl sie den Mann jetzt nirgends mehr entdecken konnte, meinte sie doch, seine Blicke weiter auf sich zu spüren. Irritiert schüttelte sie ihr Haar zurück und fühlte erneut eine seltsame Hitze in sich aufsteigen.

 

Auf der Frühstücksterrasse stellte Isabella fest, dass nur noch wenige Nachzügler beim Frühstück saßen, was sie nicht wunderte: Immerhin war es schon fast zehn Uhr. Der Ober führte sie zu einem von zwei Palmen angenehm beschatteten Tisch und fragte, ob sie lieber Kaffee oder Tee trinken wollte.

»Einen Kaffee, bitte, quisiera un café americano«, fiel Isabella da noch ein. Vor ihrem Psychologiestudium hatte sie ein halbes Jahr in Barcelona als Au-pair-Mädchen gearbeitet und dabei recht gut Spanisch gelernt, und auch wenn das fünfzehn Jahre her war, hatte sie offenbar doch noch nicht alles vergessen. Ihr fiel ein, dass auch ihre damalige Beziehung ein sehr explosives Ende gefunden hatte. Ferran war sein Name gewesen, und noch heute konnte sie sich bestens an seine verträumten samtbraunen Augen erinnern. Solchen Augen musste man einfach Glauben schenken, wenn sie von der großen Liebe sprachen, und sie hätte damals alles, aber auch wirklich alles für ihn getan – bis sie ihn eines Abends, als sie noch Baguette hatte kaufen sollen, in einem Hauseingang mit einer kaum mehr als bekleidet zu bezeichnenden Frau entdeckt hatte. Immerhin hatte sie damals sofort Schluss gemacht, während sie sich von Axel über Monate an der Nase hatte herumführen lassen und bis zum Schluss darauf gehofft hatte, dass er diese Leonie wieder aufgeben würde. Letztlich aber war sie selbst diejenige gewesen, die aufgegeben wurde. Isabella überlegte, wieso sie eigentlich immer auf den gleichen Typ Mann reinfiel. Ja, zum Teufel, wieso?, brummte sie gleich noch einmal in sich hinein und fragte sich mit einem Anflug von Galgenhumor, ob sie nicht doch einmal einen Termin mit sich ausmachen sollte. Ihre Patienten zumindest hielten allesamt sehr viel von ihren therapeutischen Fähigkeiten …

Über sich selbst seufzend erhob sich Isabella, schlenderte zu dem reichhaltigen Büffet und schenkte sich ein Glas frisch gepressten Orangensaft ein. Als sie an den köstlich duftenden, ofenfrischen Croissants vorbeikam, blieb sie stehen und schwankte, ob sie eines mit oder ohne Schokolade nehmen sollte. Eigentlich hatte sie ohnehin schon so ein fieses kleines Speckröllchen … Nach kurzem Zögern nahm sie trotzdem ein Schokoladencroissant und sogar das, auf dem ihr auf den ersten Blick die meiste Schokolade zu sein schien. Man musste sich ja nicht alle guten Dinge des Lebens zugleich versagen, brummte sie ihrem schlechten Gewissen entgegen.

Als Isabella sich wieder an ihren Tisch setzte, stieß sie mit dem Ellenbogen gegen ihre Serviette, die prompt zu Boden fiel. Noch ehe sie sich bücken konnte, tat dies der Mann vom Nebentisch. Als er sich wieder erhob, schob er sich so nah vor ihr in die Höhe, dass sie ihm für einen kurzen Moment direkt in seine sie vergnügt anblitzenden, meerblauen Augen sehen konnte und trotz ihrer Sehschwäche die Stoppeln seines Drei-Tage-Barts hätte zählen können. Mit einem Lächeln legte er die Serviette zurück auf den Tisch und strahlte sie an. »Hey, great, we meet again!«

»Wir … wir was?«, stotterte Isabella, obwohl sie sehr wohl verstanden hatte, was er sagte, und als sie ihn dann bewusst ansah, fiel allerdings auch ihr auf, dass sie sich schon einmal begegnet waren: der Mann vom Flughafen, an dem sie hängengeblieben war!

So schnell, als hätte sie sich verbrannt, blickte Isabella von ihm und seinen für sie noch immer schrecklich blauen Augen weg zu ihrem Teller und rückte nervös an ihm herum. Als der Mann auch weiterhin so dicht vor ihr blieb, versuchte Isabella, auf ihrem Stuhl zurück zu rutschen, aber mehr als ein paar Millimeter zusätzliche Distanz brachte ihr das nicht ein; offensichtlich hatte sie auch zuvor schon fast an der Rückenlehne geklebt.

Endlich erhob sich der Mann wieder zu seiner vollen Größe. »My name is Eric«, sagte er und deutete eine Verbeugung an. »Eric Carey.«

Isabella nickte nur.

»Sie sind Deutsche, aren‘t you?«, radebrechte er, und als Isabella kurz zu ihm aufsah, merkte sie, dass er sie noch immer anlächelte. »Wir sind begegnet uns gestern schon, im Flughafen, do you remember? Darf ich mich setzen zu Ihnen? Ich hoffe, Sie warten auf niemandes?«

»Niemanden«, korrigierte Isabella ihn automatisch. Sie blickte zu ihrem Croissant, dem Orangensaft, dem inzwischen ebenfalls eingetroffenen Kaffee und zum Meer und sehnte sich nach nichts weiter, als dies in aller Ruhe genießen zu dürfen. Ihr Blick ging zurück zu Eric. »Nein, ich warte auf niemanden, aber …« Sie räusperte sich. »Also, eigentlich wollte ich eher allein frühstücken …«

»Oh, don’t worry, keine Angst«, sprudelte Eric weiter und setzte sich trotz ihrer Absage neben sie. »Ich suche nicht … Wie sagt man auf Deutsch ›girlfriend? Ich suche nur company, ein bisschen Gesellschaft. Und immerhin kennen wir uns ja schon ein bisschen von gestern, don’t we

Isabella fragte sich, was sie falsch gemacht hatte – denn irgendetwas musste sie falsch gemacht haben, sonst säße dieser Mann jetzt nicht an ihrem, sondern wieder an seinem Tisch. Hatte er nicht verstanden, was sie gesagt hatte? Oder wollte er sie nicht verstehen? Und wieso sollte sie Angst haben? Ihre Stirn begann sich zu furchen.

»Nun, aber ich suche eigentlich keine Gesellschaft«, gab sie leise zurück und machte eine zwar schüchterne, aber doch unmissverständliche Geste, die Eric jedoch nicht wahrzunehmen schien.

»Der Strand vor dem Hotel«, erzählte er ebenso munter wie gestenreich, »heißt Playa de Muro, did you know this?

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