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So funktioniert die Wirtschaft

Vorwort

Ökonomie ist leicht. Selbst das Wort, das so hochtrabend und schwer daherkommt, bedeutet aus dem Griechischen übersetzt nicht mehr als Hauswirtschaft. Die Ökonomen haben es geschafft, aus einer Disziplin, über die jeder Interessierte mitdiskutieren könnte, eine Art Geheimwissenschaft für Eingeweihte zu machen. Das rächt sich jetzt bitter. Selbst führende Parlamentarier bekennen angesichts einer tiefen Finanzkrise, dass sie manche Zusammenhänge und Lösungsmodelle nicht wirklich verstehen.

Dieses Buch soll Ihnen die Ehrfurcht vor den Ökonomen und ihrem Fach nehmen. Sie werden sehen, dass Sie problemlos und ohne besondere Anstrengung in der Lage sind zu verstehen, was in der Wirtschaft vorgeht, wenn keine Fachausdrücke und komplizierten Modelle den Zugang verbauen.

Sie werden keine allgemeingültigen, ewigen Wahrheiten erfahren. Die wirtschaftlichen Akteure sind keine willenlosen Automaten, die vorhersehbar und nach einheitlichem Muster handeln. Fallbeispiele und Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen werden Ihnen helfen, die wichtigsten Wirkungszusammenhänge im Wirtschaftsleben zu verstehen. Sie werden auch erkennen, dass es in der Ökonomie oft kein „richtig“ oder „falsch“ gibt, sondern dass es darauf ankommt, wessen Blickwinkel man einnimmt, wessen Interessen man Vorrang einräumt. Was gut ist für eine Gruppe, ist oft schlecht für eine andere.

Norbert Häring

Wachstum

Gleich ob Politik, Unternehmen, Gewerkschaften oder die breite Öffentlichkeit: Alle lieben wirtschaftliches Wachstum, denn es scheint uns einen immer höheren Wohlstand zu garantieren. Doch taugt Wachstum als Wohlstandsmaß? Und was ist mit diesem Begriff überhaupt gemeint?

In diesem Kapitel erfahren Sie,

  • unter welchen Voraussetzungen Wirtschaftswachstum erstrebenswert ist,

  • ob man Wachstumszahlen vertrauen kann,

  • wie Wachstum entsteht,

  • ob Wachstum die Erde langfristig zugrunde richtet.

Ist Wachstum noch erstrebenswert?

Wenn jemand heute von Wirtschaftswachstum oder kurz von Wachstum spricht oder schreibt, dann meint er normalerweise die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts, kurz BIP.

Wichtig

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der Wert aller im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen. Dabei wird das, was als Vorleistung in ein Endprodukt eingeht, nur einmal gezählt. Wertminderungen von Maschinen und Anlagen werden nicht abgezogen, deshalb „brutto“. Der Verbrauch an natürlichen Rohstoffen sowie Verschlechterungen der Umwelt im Produktionsprozess werden ebenfalls nicht als Kosten abgezogen. Was nicht über den Markt abgerechnet wird, z. B. Hausarbeit und heimische Kinderbetreuung, fließt nicht ins BIP ein.

Das BIP misst das Niveau der über den Markt abgerechneten wirtschaftlichen Aktivität eines Landes, den Endwert aller im Land produzierten Güter und Dienstleistungen. „Endwert“ bedeutet: Wenn ein Zulieferer einem Automobilhersteller eine Batterie liefert, so wird diese mit ihrem Wert zur Produktion des Zulieferers gezählt. Wenn die Statistiker den Wert des produzierten Autos statistisch erfassen, ziehen sie den Wert der Batterie ab, damit dieser nur einmal gezählt wird.

Beispiel

Wenn eine Kindergärtnerin drei Jahre in Elternzeit geht und in dieser Zeit ihre Kinder betreut und den Haushalt führt, trägt sie in dieser Zeit (außer als Konsumentin) nichts zum Wachstum des BIP bei. Arbeitet sie stattdessen weiter als Kindergärtnerin, schickt ihre Kinder in den Hort und beschäftigt eine Haushaltshilfe, dann tragen ihr Einkommen und der mögliche Gewinn, an dessen Erwirtschaftung sie beteiligt ist, zur gemessenen Wirtschaftsleistung bei, außerdem der Lohn der Haushaltshilfe und der anteilige Lohn der Hortmitarbeiter, die ihre Kinder betreuen.

Wachstum macht nicht glücklich

Wirtschaftswachstum hat mehr als einmal einen schlechten Namen bekommen. Die Hippies der späten Sechziger- und Siebzigerjahre verweigerten sich dem Konsumzwang und den Drang zum „immer mehr“. Die nachfolgende Ökologiebewegung machte das Wirtschaftswachstum für Umweltverschmutzung, Plünderung der natürlichen Bodenschätze, Artenverlust und Erderwärmung verantwortlich. Und nach der Jahrtausendwende kam ein Zweig der Wirtschaftstheorie in Mode, der sich Glücksökonomie nennt. Seine Vertreter untersuchen, was die Menschen glücklich macht. Sie stellen i. d. R. fest, dass Geld nicht alles ist, ja nicht einmal das Wichtigste, zumindest wenn man schon einiges davon hat. Fast schien es, als wären damit Teile der Wirtschaftswissenschaft bei den 68ern angekommen.

Derartiges Gedankengut breitete sich bis in die hohe Politik aus. Die britische Regierung begann 2011 damit, die Lebenszufriedenheit der Bürger durch regelmäßige Umfragen zu messen. Der französische Präsident Nikolas Sarkozy berief eine mit Nobelpreisträgern gespickte internationale Kommission von Ökonomen ein, die untersuchen sollte, inwieweit es sinnvoll sei, das Bruttoinlandsprodukt weiter zu steigern. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprang auf den Zug auf und beauftragte den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, zusammen mit seinem französischen Pendant einen Bericht zum Thema zu verfassen. Und schließlich rief 2010 der Bundestag eine Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ins Leben. Die mit Ökonomen und Politikern besetzte Kommission erhielt den Auftrag, „den Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft zu ermitteln“.

Im Kern geht die Debatte um Wachstum und Lebensglück auf das sog. Easterlin-Paradox zurück. Der Ökonom Richard Easterlin hatte 1974 in einem Fachaufsatz festgestellt, dass die Zufriedenheit der Bürger mit zunehmendem Einkommen (gemessen in Wirtschaftsleistung je Einwohner) kaum noch steigt, wenn einmal ein gewisses Mindestniveau überschritten ist. Dazu passend stellte er fest, dass Bürger reicherer Länder nicht nennenswert glücklicher waren als Bürger weniger reicher Länder, sobald auch bei Letzteren ein gewisses Mindestniveau überschritten war.

Für den Einzelnen stellt sich die Situation jedoch differenzierter dar: Seine Lebenszufriedenheit steigt nämlich durchaus, wenn sein Einkommen im Verhältnis zu seinen Mitbürgern zunimmt. Die Lebenszufriedenheit der Menschen wird v. a. dadurch positiv beeinflusst, dass sie relativ zu den Mitmenschen, mit denen sie sich vergleichen, ein gutes Einkommen haben. Die schöne Wohnung, das große Auto und alles andere Sichtbare, was man sich damit leisten kann, erhöhen den sozialen Status, also das Ansehen, das man in den Augen der Mitmenschen genießt.

Beispiel

Die Harvard-Wissenschaftler Solnik und Hemenway (1998) fragten Teilnehmer an einem Experiment, was sie bevorzugen würden: ein Einkommen von 50.000 Dollar, wenn alle anderen 20.000 Dollar verdienten, oder ein Einkommen von 100.000 Dollar, wenn die anderen 200.000 Dollar verdienten. Die meisten wählten die Variante mit 50.000 Dollar, bei der sie mehr als die anderen verdienten, obwohl sie sich in dieser Variante nur halb so viel leisten könnten wie in der anderen.

Weil aber der Statusgewinn des einen aufgrund eines höheren relativen Einkommens immer mit dem Statusverlust eines anderen einhergeht, und weil in dem Fall, dass alle mehr verdienen, niemand an Status gewinnt, macht ein allgemeiner Einkommensanstieg innerhalb einer Nation oder Region die dort lebenden Menschen nicht glücklicher.

Was Menschen glücklich macht

Nach den Erkenntnissen der Glücksökonomen und Psychologen wirken sich v. a. folgende Faktoren auf die Lebenszufriedenheit der Menschen aus:

  • gute soziale Kontakte

  • eine gute Ehe und eine intakte Familie

  • eine befriedigende Arbeit

  • Gesundheit

  • ein hoher sozialer Status

Die Höhe des Bruttoinlandsprodukts in einer Region oder einem Land hat nur einen sehr geringen Einfluss auf die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der Bewohner. Das kann man unter anderem im „Glücksatlas“ nachlesen, der jährlich im Auftrag der Deutschen Post erstellt wird. Wer reichlich Geld hat, kann sich davon einiges direkt oder indirekt kaufen, etwa Gesundheit durch eine gute medizinische Behandlung. Die Chance auf eine intakte Ehe erhöht sich vielleicht, wenn die Ehepartner sich nicht um finanzielle Dinge streiten müssen. Andererseits kann es durchaus Gesundheit, Eheglück und soziale Kontakte kosten, wenn man das Geldverdienen zu sehr in den Vordergrund stellt.

Schwächen der Glücksökonomie

Die Erkenntnisse darüber, was die Menschen glücklich macht, sind gut abgesichert und wenig umstritten. Dennoch kann man argumentieren, dass es unsinnig sei, Wirtschaftsleistung, deren Höhe unbegrenzt ist, mit einer Kategorie wie Lebenszufriedenheit, die auf einer festen Skala von 1 bis 10 gemessen wird, in Beziehung zu setzen. Wer die Frage nach seiner Lebenszufriedenheit beantwortet, vergleicht sein Leben mit dem Leben anderer, deren Lebensumstände er kennt. Mit allgemein steigendem Einkommen steigen auch die Ansprüche. Das heißt, dass jemand, der heute seine Lebenszufriedenheit auf oben genannter Skala mit 6 angibt, vermutlich nicht mit jemand tauschen möchte, der vor 50 Jahren auch eine 6 genannt hätte.

Beispiel

Hätte man vor 2000 Jahren die Menschen gefragt, wie groß ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10 ist, dann wäre vermutlich im Durchschnitt nicht eine 1 herausgekommen, sondern ein mittlerer Wert, so wie heute auch. Wenn der Einfluss des Einkommens auf die mittlere Lebenszufriedenheit sehr groß wäre, müssten reiche Länder schon lange sehr nahe an der 10 liegen. Dann könnte die Lebenszufriedenheit aber dort mit zunehmendem Einkommen nicht mehr steigen. Die Lebenszufriedenheit kann also auf Dauer schon definitionsgemäß nicht mit dem Einkommen steigen.

Sinnvolle Maßstäbe für gute Politik

Was aber sollte der Maßstab für gute Politik sein, wenn nicht die Lebenszufriedenheit der Menschen? Hier wagen wir uns schon recht weit auf philosophisches Gebiet vor. Es gibt verschiedene Gegenentwürfe, von denen ich zwei vorstellen will:

  • die möglichst weitgehende Ausschöpfung der menschlichen Potenziale

  • die Stärkung der Gesellschaft

Ökonomen, die die Entfaltung der menschlichen Potenziale betonen, lehnen die private Zufriedenheit als Maßstab für gesellschaftliches Handeln ab. Ziel solle es vielmehr sein, den Einzelnen zu ermöglichen, ihre Potenziale auszuschöpfen. Bekanntester Vertreter ist der indische Ökonom Amartya Sen, Nobelpreisträger und Autor des Bestsellers „Ökonomie für den Menschen“. Er fragt, ob ungebildete Slumbewohner, die zufrieden sind, weil sie nicht mehr vom Leben erwarten, in ihrer Lage gelassen werden sollten, obwohl sie bei guter Ausbildung und Ernährung das Potenzial zu guten Handwerkern, Künstlern oder Wissenschaftlern hätten. In einer hochentwickelten Wirtschaft können zahlreiche Fähigkeiten und Neigungen besser entwickelt werden als in einer zurückgebliebenen.

Eine Alternative (oder auch Ergänzung) zu dieser eher idealistischen und individualistischen Rechtfertigung des Wirtschaftswachstums im Sinne wirtschaftlicher Entwicklung ist eine realpolitische Sichtweise, wie sie Bernard Mandelville (1670–1733) mit seiner Bienenfabel zum Ausdruck gebracht hat. Darin veranschaulicht Mandelville seine Überzeugung, dass persönliche Tugenden wie Genügsamkeit und Friedfertigkeit oft weniger förderlich für Fortschritt und Gedeihen der Gesellschaft seien als Laster wie Ehrgeiz, Gier und Luxus.

In der Fabel verarmt das Bienenvolk mit den genügsamen, tugendhaften Bienen. Das Volk mit den arbeitsamen, ehrgeizigen und aggressiven Bienen dagegen wird reich und mächtig und kann die Herrschaft über die wehrlosen, arm gebliebenen Bienen an sich reißen.

Die Anspielung auf die enge Verbindung von wirtschaftlicher Kraft und militärischer Macht ist historisch korrekt. Immer wieder im Lauf der Geschichte haben führende Wirtschaftsmächte ihre Wirtschaftskraft in militärische Macht übersetzt und diese genutzt, um andere Länder zu beherrschen und dadurch ihren Reichtum noch zu mehren, oft zu Lasten der Beherrschten.

Die Fabel hat noch eine weitere Botschaft: Der Einzelne, der sich in seinem eitlen Ehrgeiz nach sozialem Status anstrengt, mehr zu verdienen als andere, und dadurch an einem erbarmungslosen Konkurrenzkampf teilnimmt, bei dem jeder private Kosten in Kauf nehmen muss, produziert als Nebeneffekt eine reichere Gesellschaft.

Beispiel

Die „Mitte der Gesellschaft“ trat seinerzeit den Hippies so ausgesprochen feindselig gegenüber, weil sie der Meinung war, diese leisteten in ihrem alleinigen Streben nach Zufriedenheit im Hier und Jetzt keinen Beitrag für die Gesellschaft. Aus ihrer Sicht – und aus einer Sicht, die auf Stärke und Wohlstand der Gesellschaft insgesamt abzielt – hatten sie damit sicherlich Recht.

Wer sich in die Tretmühle des Wettbewerbs mit dem Nachbarn um das größere Auto begibt, der produziert damit direkt oder indirekt Steuern und Sozialabgaben, mit denen Straßen gebaut, Lehrer bezahlt und soziale Leistungen finanziert werden können. Das sichert langfristig den Wohlstand der Gesellschaft, kommt aber in Umfragen zur aktuellen Befindlichkeit des Einzelnen nicht zum Ausdruck.

Wichtig

Wirtschaftswachstum steigert kaum die Lebenszufriedenheit der Menschen, v. a., weil die Ansprüche mit zunehmendem Wohlstand wachsen. Wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht es jedoch den Menschen, mehr von ihren Fähigkeiten und Neigungen auszuleben. Außerdem hilft sie, in der oft militärisch ausgetragenen Konkurrenz von Ländern um Macht und Einfluss zu bestehen.

BIP-Wachstum ist nicht gleich Wohlstand

Auch wenn es die Menschen nicht unbedingt glücklich macht, gibt es für Wirtschaftspolitiker gute Gründe, danach zu streben, dass die Wirtschaft wächst und die Einkommen steigen. Das heißt aber keinesfalls, dass das Bruttoinlandsprodukt der beste oder auch nur ein guter Maßstab für wirtschaftlichen Fortschritt ist. Unter den zahlreichen Einwänden gegen das BIP sind die beiden folgenden besonders wichtig:

  • Es ignoriert unerwünschte Nebenwirkungen einer wirtschaftlichen Aktivität für die Gesellschaft.

  • Es unterscheidet nicht danach, wer das zusätzliche Einkommen verdient und wie es eingesetzt wird.

Nebenwirkungen werden ausgeblendet

Das Bruttoinlandsprodukt stieg, als der Ölkonzern BP die Ölplattform Deep Water Horizon im Golf von Mexiko baute und sie in den Folgejahren betrieb. Es stieg weiter, als die Plattform explodierte, den Golf mit Öl verseuchte und Milliarden aufgewendet werden mussten, um die Strände zu reinigen und sonstige Schäden einzudämmen. Dennoch wäre die Menschheit insgesamt besser dran, wenn die Plattform nie gebaut worden wäre.

Beispiel

In den USA ist die Kriminalität deutlich höher als hierzulande. Das ist gut für das BIP-Wachstum. Ein sehr großer Anteil der Unterschicht, die sonst kaum etwas zum Wirtschaftsleben beitragen würde, wird von einer riesigen Gefängnisindustrie betreut, deren Leistungen das BIP steigern. Ein US-Bürger, der sich eine teure Sicherungs- und Alarmanlage leisten kann, ist deshalb nicht wohlhabender als ein um die Kosten dieser Anlage ärmerer Deutscher, der eine solche Anlage gar nicht braucht und froh ist, dass er sich nicht selbst einsperren muss.

Eine Gesellschaft, die viel Geld ausgibt, um Umweltschäden zu reparieren und sich gegen Kriminalität zu schützen, ist schlechter dran als eine, die etwas weniger Geld zur Verfügung hat, aber solche Ausgaben erst gar nicht tätigen muss. Verteidiger des BIP-Konzepts führen an dieser Stelle gerne an, dass das Bruttoinlandsprodukt eben nicht dazu da sei, Aktivitäten zu bewerten, sondern allein, die Wirtschaftsaktivität zu messen. Das ist richtig. Aber ebenso richtig ist, dass das Bruttoinlandsprodukt in Politik, Presse und Öffentlichkeit als entscheidender Maßstab für wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand eines Landes angesehen wird.

Simon Kuznets, der 1934 das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung entwickelte, aus dem das Bruttoinlandsprodukt hervorging, sagte schon damals, das BIP solle keinesfalls als Wohlstandsmaß missverstanden werden. Gedacht war es nur als Maß, das Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität und damit möglichen Handlungsbedarf für die Wirtschaftspolitik anzeigen sollte.

Die Verteilung wird ignoriert

Wenn das Bruttoinlandsprodukt steigt, können die Menschen eines Landes insgesamt mehr Güter und Dienstleistungen konsumieren. Für das Bruttoinlandsprodukt ist es allerdings gleichgültig, wer die Einkommen bezieht. In Wirklichkeit hat das aber einen großen Einfluss darauf, wie positiv eine Steigerung des BIP zu bewerten ist, jedenfalls wenn man Wert auf eine möglichst weitgehende Entwicklung der menschlichen Potenziale legt. Die Wohlhabenden können ihre Potenziale schon sehr weitgehend ausschöpfen. Mehr Geld verändert daran kaum noch etwas. Es sind v. a. die Ärmeren, die durch Geldmangel an der Entfaltung ihrer Potenziale gehindert werden.

Beispiel

Wer wohlhabend ist, kann sich eine gute Gesundheitsversorgung leisten. Wenn ein Wohlhabender sein Vermögen noch steigert, wird er dadurch nicht wesentlich gesünder. Bezieht aber ein Armer mehr Einkommen, kann das seinen gesundheitlichen Zustand deutlich verbessern und seine Lebenserwartung verlängern.

Wenn das Wirtschaftswachstum dazu führt, dass ohnehin schon Reiche noch reicher werden, während große Bevölkerungsteile arm bleiben oder gar verarmen, trägt es nichts zur besseren Ausnutzung der menschlichen Potenziale bei. Für die Berechnung des BIP ist es unerheblich, ob dem bestverdienenden Hedge-Fonds-Manager 5 Mrd. US-Dollar zufließen oder ob 100 Mio. Menschen, die von einem Dollar am Tag leben, jeweils 50 US-Dollar bekommen. Im Hinblick auf das Wohlergehen der Menschheit besteht zwischen beiden Alternativen allerdings ein riesiger Unterschied.

Wer allerdings eher die Sichtweise Mandelvilles einnimmt, wonach es allein auf Reichtum und Stärke der Gesellschaft insgesamt ankommt, mag das anders sehen. Doch mehrheitlich gilt die Auffassung, dass es dem Zusammenhalt und Gedeihen einer Gesellschaft nicht gut tut, wenn die Einkommen immer weiter auseinander driften.

Das BIP zu steigern greift zu kurz

In der Praxis taugt das Bruttoinlandsprodukt durchaus als Näherungswert für den materiellen Wohlstand eines Landes. Der Umstand, dass das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in den Industrieländern mit rund 30.000 US-Dollar rund zehnmal so hoch ist wie im Durchschnitt der Entwicklungsländer, sagt viel über das relative Wohlstandsniveau dieser Ländergruppen aus. Wächst das Bruttoinlandsprodukt wie in China im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends Jahr für Jahr um fast zehn Prozent pro Jahr, so kann man durchaus mit einiger Zuversicht behaupten, dass es sehr vielen Chinesen inzwischen materiell merklich besser geht.

Doch die Tatsache, dass sich das Bruttoinlandsprodukt und der Wohlstand eines Landes zumeist grob in die gleiche Richtung entwickeln, bedeutet nicht, dass man die Steigerung des BIP zum Ziel der Wirtschaftspolitik erheben sollte. Denn in all den Fällen, in denen wirtschaftliche Aktivitäten schädliche Nebenwirkungen und ungünstige Verteilungswirkungen haben, sollte man abwägen, ob der Gewinn an Bequemlichkeit oder der sonstige mögliche Vorteil diese schädlichen Nebenwirkungen wirklich aufwiegt.

Beispiel

Ein Ökonom empfiehlt der Regierung, die Mobilität der Arbeitnehmer zu fördern. Sie soll dafür sorgen, dass diese bereit sind, dorthin zu ziehen, wo sie eine Arbeit finden. Das hilft der Wirtschaft und steigert tendenziell die Wirtschaftsleistung. Zu bedenken sind jedoch die Nebenwirkungen. Mehr Mobilität bedeutet weniger sozialen Zusammenhalt und vielleicht mehr Kriminalität. Das treibt zwar tendenziell das BIP weiter an, was aber in diesem Fall ein schlechter Maßstab wäre. Die Bürger müssen unabhängig vom BIP entscheiden, in welcher Art von Gesellschaft sie leben wollen.

Ein anderes Beispiel ist in Zeiten der Erderwärmung inzwischen in fast jedermanns Bewusstsein angekommen. Wenn den Unternehmen das Recht genommen wird, nach Belieben Kohlendioxid in die Luft zu blasen, dann dämpft das die Wirtschaftsleistung. Für das langfristige Wohl oder gar das Überleben weiter Teile der Menschheit kann es jedoch ungemein wichtig sein. Im Hinblick auf das Ziel, das BIP zu steigern, wäre es ein Fehler.

Dabei handelt es sich nicht um einen Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie, sondern nur um einen Konflikt zwischen falsch messender Ökonomie und Ökologie. Denn korrekt wäre es, die negativen Nebenwirkungen bei der Berechnung der Wirtschaftleistung in einer Vermögensrechnung abzuziehen, so wie ein Unternehmen neben der Gewinn- und Verlustrechnung eine Bilanz seiner Vermögenswerte führt. Es weist Einnahmen, die in gleicher Höhe das Vermögen mindern, nicht als Gewinn aus. Nur die Steigerung einer vernünftig gemessenen Wirtschaftsleistung sollte Ziel der Politik sein.

Wichtig

Das BIP als Erfolgsmaß zu verwenden ist so, als würde man in der Gewinn- und Verlustrechnung eines Unternehmens jeden Einnahmeüberschuss als Gewinn verbuchen, auch wenn er nur dadurch entsteht, dass keine Rücklagen für die Neuanschaffung abgenutzter Maschinen gebildet werden und Reparaturen unterbleiben. Eine Unternehmensleitung, die einen so definierten Gewinn nach oben zu treiben versucht, handelt zum Nachteil des Unternehmens. Ebenso wenig ist es sinnvoll, die Steigerung des BIP zum Ziel der Wirtschaftspolitik zu erklären.

Ein Leben ohne BIP

Stellen wir uns einmal vor, es würde kein Bruttoinlandsprodukt errechnet, so wie es bis in die 1930er-Jahre hinein der Fall war. Wie würden der Wohlstand und der Erfolg der Wirtschaftspolitik eines Landes dann gemessen?

  • Es gäbe kein einheitliches Wohlstands- und Erfolgsmaß. Das wäre auch angemessen, denn es gibt keine objektiven Kriterien dafür, wie man Bildungsstand, Einkommen, Einkommensverteilung, Sicherheit, sozialen Zusammenhalt, Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzsicherheit und vieles mehr in einer Zahl zusammenfassen könnte.

  • Erfolgsmessungen und internationale Vergleiche würden einzeln jene Faktoren messen, die den Menschen wichtig ist. Solche Vergleiche gibt es schon heute, aber sie stehen oft tief im Schatten des missverstandenen Bruttoinlandsprodukts.

Internationale Wohlstandsvergleiche können ganz anders ausfallen als der irreführende Wohlstandsvergleich über das Bruttoinlandsprodukt. Diesem zufolge sind die USA die mit Abstand reichste unter den großen Volkswirtschaften. Aber:

  • Amerikaner müssen dafür viel mehr arbeiten als Deutsche. Insbesondere haben sie weniger Urlaub.

  • Die durchschnittliche Lebenserwartung von US-Bürgern ist niedriger als jene der Europäer.

  • Der Gesundheitszustand der US-Amerikaner ist schlechter, obwohl die Gesundheitsbranche einen sehr viel höheren Anteil zur Wirtschaftsleistung beisteuert. Das heißt: Ihr tatsächlicher Ertrag in Form von Gesundheit ist viel geringer als der gemessene Beitrag zum BIP.

  • US-Amerikaner wenden deutlich mehr Zeit für das Pendeln zur Arbeit auf, eine Tätigkeit, die den Menschen Umfragen zufolge am wenigsten Spaß macht.

  • Kein Land der Welt verwahrt so viele seiner Bürger im Gefängnis wie die USA. Der prozentuale Anteil von Gefängnisinsassen an der Gesamtbevölkerung liegt um ein Mehrfaches höher als in Europa. Das ist ein Indiz für hohe Unsicherheit der Bürger und für große soziale Spannungen.

Die Tatsache, dass die USA bei einem Vergleich zahlreicher Wohlstandsmaße schlechter abschneiden als beim Bruttoinlandsprodukt, erklärt sich daraus, dass die Einkommen in den USA so ungleich verteilt sind wie in nur wenigen anderen Industrienationen. Im Zeitraum von 1990 bis 2010 kam fast der gesamte (inflationsbereinigte) Einkommenszuwachs den reichsten zehn Prozent aller Amerikaner zugute, wobei das reichste Prozent am meisten und das reichste Tausendstel am allermeisten profitierte.

Den Bürgern, die ihrer Regierung und der Opposition am Wahltag ein Zeugnis ausstellen, fehlt nichts, wenn sie die Höhe des Bruttoinlandsprodukts nicht kennen. Sie wissen, wie viel Geld sich in ihrer Lohntüte befindet. Statistiken zur Lohnentwicklung und zur Einkommensverteilung ermöglichen es ihnen zu beurteilen, wie sich ihr Einkommen relativ zu anderen entwickelt.

Auch ob die Arbeitslosigkeit steigt oder fällt und wie hoch die Geldentwertung ist, merken sie ohne Rückgriff auf das BIP. Niemand muss diese verschiedenen Erfolgs- oder Misserfolgskriterien für sie zu einem einzigen Maßstab zusammenfassen. Das machen sie mit ihrem Kreuz auf dem Wahlzettel.

Wichtig

Das Bruttoinlandsprodukt ist als allgemeines Wohlstandsmaß nicht nur untauglich, sondern auch entbehrlich. Die Bürger können am Wahltag darüber entscheiden, welche Wirtschaftspolitik ihren persönlichen Wohlstand und ihr Wohlbefinden am besten fördert. Alles andere gaukelt eine Objektivität vor, die es nie geben kann. Eine solide wirtschaftliche Entwicklung wird sich positiv auf die Wahlchancen einer Regierung auswirken, aber nur, wenn sie diese Entwicklung in einem umfassenden Sinne versteht, nicht als bloße Steigerung des BIP.

Kann man den Wachstumszahlen vertrauen?

Auch wenn es vielleicht gut wäre, wenn das BIP von der Bildfläche verschwände, wird es uns noch lange erhalten bleiben. Daher ist hier noch eine eindringliche Gebrauchswarnung angebracht. Beim Zusammenzählen der vielen Tausend verschiedenen Produkte und Dienstleistungen, die in das Bruttoinlandsprodukt einfließen, tritt eine Komplikation auf: Unterschiedliche Produkte kann man nur über ihren Wert addieren. Der Wert aber setzt sich aus Preis und Menge zusammen. Werden die Autos lediglich teurer, dann ist damit kein echtes Wachstum verbunden. Wenn in einem Jahr eine Million Autos hergestellt und zu je 9.000 EUR verkauft wurden und im nächsten ebenfalls eine Million des gleichen Fabrikats zu 9.900 EUR, dann ist der Gesamtwert zwar um zehn Prozent gestiegen, es wurden aber nicht mehr Autos produziert. Bei realer Berechnung ist das Wachstum also null. Dieses reale Wachstum ist die Wachstumszahl, die wir in der Zeitung lesen oder in den Nachrichten hören.

Wichtig

Reales Wirtschaftswachstum ist die nominale bzw. wertmäßige Zunahme des Bruttoinlandsprodukts abzüglich der Preissteigerungsrate.

Inflationsbereinigung enthält Willkür

Die Bereinigung von Preisen um die Teuerungsrate mag einfach klingen, ist in der Praxis aber sehr kompliziert und eröffnet vielfältige Ermessenspielräume, für die es keine objektiv richtige Lösung gibt. Die folgende Tabelle erklärt zunächst das Grundprinzip der Inflationsbereinigung. Die Statistiker stellen den Preis eines Produkts oder einer Dienstleistung im ersten und im zweiten Jahr sowie den Umsatz in beiden Jahren fest.

Preis pro Stück Umsatz
Jahr 1 Jahr 2 Jahr 1 Jahr 2
Autos 9.000 9.900 800.000 960.000
Computer 90 81 100.000 100.000
Haarschnitte 10 10 500.000 525.000
Summe 1.400.000 1.585.000

Entwicklung von Preisen und Umsätzen in EUR (Beispiel)

Daraus ermitteln sie die Preissteigerung und den Umsatzanstieg für jedes Gut. Die prozentuale Umsatzsteigerung abzüglich der Preissteigerung ist der reale Produktionsanstieg.

Preisänderung Umsatzänderung Produktionsanstieg
Autos + 10 % + 20 % + 10 %
Computer – 9 % 0 % + 9 %
Haarschnitte 0 % + 5 % + 5 %
Durchschnitt 5 % + 13 % 8 %

Ermittlung des realen Produktionsanstiegs (Beispiel)

Da man Autos, Haarschnitte und Computer nicht zusammenzählen kann, geschieht das über den Umsatz. Um die durchschnittliche Produktionssteigerung zu errechnen, wird der Umsatz von Autos im ersten Jahr um den realen Umsatzanstieg erhöht (800.000 EUR + 10 %); ebenso verfährt man bei Computern (100.000 EUR + 9 %) und Haarschnitten (500.000 EUR + 5 %). Schließlich wird die Summe der drei Produktionswerte (1.514.000 EUR) durch den Produktionswert im Ausgangsjahr (1.400.000 EUR) geteilt. Das ergibt 1,08 oder einen Anstieg um acht Prozent in realer Betrachtung, also unter Herausrechnung der durchschnittlichen Preissteigerungsrate, die in diesem Fall bei fünf Prozent liegt.

Eine Komplikation besteht darin, dass Autos und viele andere Produkte mit der Zeit immer besser, manche aber schlechter werden. Das diesjährige Auto für 9.900 EUR ist vielleicht voll verzinkt und hält daher länger als das für 9.000 EUR im letzten Jahr, zudem hat es mehr Airbags. Doch wie lässt sich die Preissteigerung in Inflation und Entgelt für Produktverbesserungen aufteilen? Die Statistiker haben ausgeklügelte Techniken dafür entwickelt. Sie werden das schon im Großen und Ganzen richtig machen, möchte man meinen. Doch auf die Frage, was „richtig“ ist, gibt es keine objektive Antwort.

Manipulation gehört dazu

Je mehr von den Preissteigerungen auf Qualitätsverbesserungen zurückgeführt wird, desto geringer ist die Inflationsrate und desto höher das reale Wachstum. Aus Sicht der Regierungen, denen die Statistiker direkt oder indirekt unterstellt sind, steht fest, was richtig ist: jener Wert, der das Wirtschaftswachstum als möglichst hoch erscheinen lässt. Und so lässt sich, wie ich an anderer Stelle ausführlicher dargelegt habe (Häring 2010), bei so gut wie allen statistischen Reformen der letzten Jahrzehnte eine Gemeinsamkeit beobachten: Die vom nominalen Wachstum abzuziehende Inflationsrate war nach der Reform niedriger, die reale Wachstumsrate erschien dadurch höher. Es gab noch eine Gemeinsamkeit. Bei fast allen Reformen profitierte das gemessene Wachstum der USA überdurchschnittlich stark von den Reformen. Das ist kein Zufall, denn die USA können mit ihrer großen wirtschaftlichen und politischen Macht Fakten schaffen. Sie ändern die statistischen Methoden zu ihrem Vorteil, und der Rest der Welt zieht nach, um nicht als übermäßig wachstumsschwach dazustehen und die Vergleichbarkeit der Statistiken zu wahren.

Dabei stellen die einzelnen Änderungen an den statistischen Methoden meist durchaus Verbesserungen dar. Die Verzerrung liegt darin, dass „Verbesserungen“, die zu einem höheren gemessenen Wachstum und zu einer niedrigeren gemessenen Inflation führen, mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit umgesetzt werden als mögliche Verbesserungen, die den gegenteiligen Effekt hätten.

Beispiel

Während bei Computern auf Drängen der US-Regierung heute viel genauer geprüft wird, ob es Qualitätsverbesserungen gab, ist bei Qualitätsverschlechterungen öffentlicher Dienstleistungen das Gegenteil der Fall. Wo früher etwa die Produktionsmenge von Schulen und Krankenhäusern anhand der Ausgaben für Lehrer oder Ärzte ermittelt wurde, werden heute Schülerjahre und behandelte Krankheiten gemessen. Wenn aus Lehrermangel Stunden ausfallen, Klassen größer werden und die Krankenhäuser die Patienten aufgrund von Sparzwängen früher heimschicken, dann spielt das statistisch für die Produktionsmessung keine Rolle.

Es gibt sehr wenige Ökonomen, die sich mit solchen Themen befassen. Die Regierungen können recht ungeniert die Statistiken zu ihrem Vorteil beeinflussen.

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