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Sissi goes Advent

Von unten nach oben – ein Tagebuch

Mein Name ist Fritz Klein und das sagt wohl schon alles. Ich heiße nicht nur so, ich bin es auch. Mit gerade mal eins siebzig gelte ich als Zwerg in der homophilen Welt und gehöre nach unten: Entweder auf dem Rücken, auf alle Viere oder sogar auf die Knie. Das habe ich über all die Jahre ertragen und ich will es nicht mehr. Ich will endlich oben sein, hinten oder der stehende Part und zugleich will ich das alles nicht seelenlos, sondern mit Gefühl. Ich sollte meinen Wunschzettel für Weihnachten erneut überdenken.

 

Wir schreiben den zehnten Dezember und ich habe mir selbst ein Ultimatum gesetzt: Wenn ich bis Heiligabend nicht den richtigen Mann gefunden habe, werde ich meinem jämmerlichen Leben ein Ende setzen. Ich bin neunundzwanzig und unseligerweise am vierundzwanzigsten Dezember geboren, werde dann also dreißig. Ein schönes Datum, um dem schnöden Dasein Lebwohl zu sagen.

 

Heute ist Samstag und ich stehe gegen Mitternacht in meinem Lieblingsclub, wie jedes Wochenende. Träge lass ich den Blick über die Menge schweifen, fixiere mal hier einen Kerl, mal da, doch keiner sticht mir ins Auge. Aus irgendeinem Grund glaube ich, dass ich es einfach merken werde, wenn Mr. Right endlich gefunden ist.

Missmutig setze ich das Glas an, will gerade trinken und drehe mich dabei um, da passiert es: Ein riesiger Mann streift meinen Arm, das Bierglas gleitet aus meiner Hand und – zack – ist der Kerl ab dem Hals mit schäumendem Pils übergossen.

„Kannst du nicht aufpassen?“, fahre ich den Idioten an, der entsetzt an sich runterglotzt.

Sein ehemals weißes Hemd ist nahezu durchsichtig geworden, sodass sich die Nippel deutlich abzeichnen. Mein Blick wandert hoch, ziemlich weit, denn der Kerl überragt mich um einen Kopf. Ein Typ, wie der dunkle Widersacher des Highlanders, mit langen, schwarzen Haaren und braunen Augen, schon sehr lecker, aber nicht von Interesse für mich.

„Mein schönes Pils“, setze ich noch hinterher, stiere den Mann bitterböse an und stemme die Hände in die Seiten.

Unglauben spiegelt sich auf seiner Miene, während er meine wütende Pose studiert. Langsam schüttelt er den Kopf und seine Mundwinkel zucken hoch.

„Was bist du denn für ein schräger Vogel?“ Seine Stimme ist tief und vibriert direkt in meiner Brust.

Holla! Was für ein Kerl! Ich seufze, überlege kurz, ob ich mich für einen Hengst wie ihn doch noch bücken würde, doch mein Vorsatz steht. Mein Schwanz auch, aber das ist nebensächlich, denn das tut er oft.

„Jedenfalls wachsen deine Chancen auf einen Fick in dem Outfit“, knurre ich frech, messe den Mann mit einem lüsternen Blick, zwinkere ihm zu und drehe mich zur Bar, um ein neues Pils zu bestellen, da werde ich am Arm gepackt.

„Mal nicht so schnell, du kleiner Frechdachs“, brummt der begossene Typ. „Du schuldest mir was.“

„Was denn?“ Neugierig linse ich über die Schulter.

„Einen Besuch im Darkroom?“ Er wackelt mit den Augenbrauen.

Sieht lustig aus und wieder ist die Versuchung da, doch ich weigere mich schlicht, noch einmal in die unterwürfige Rolle zu schlüpfen und schüttele entschieden den Kopf.

Der Mann seufzt, lässt mich los, zuckt mit den Achseln und verschwindet in der Menge. Ich trinke noch ein Bier, dann mache ich mich auf den Heimweg.

 

Am nächsten Tag, dem elften Dezember, überlege ich, wo sich geeignete Kandidaten aufhalten könnten. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass im Kaifu Bad in Hamburg Eimsbüttel die Flirtchancen am höchsten sein sollen. Schwupps – habe ich schon meine Sachen gepackt und bin auf dem Weg.

 

Der Geruch von Chlor, warme, stickige Luft und typische Geräusche von Badenden empfangen mich schon im Eingangsbereich. Ich dränge mich in eine der winzigen Umkleidekabinen, dabei schwitze ich in der dicken Winterjacke wie ein Schwein. Eigentlich hasse ich Schwimmbadbesuche, kann nur Freibädern etwas abgewinnen, aber was tut man nicht alles für sein Glück.

Meine Klamotten passen knapp in den schmalen Spind, den ich mit einem beherzten Ruck einfach zudrücke. Ist wohl nur für Sommerbekleidung gedacht, das doofe Ding. Mit einem Handtuch über der Schulter gehe ich vorsichtig über den glatten Boden zu den Duschen, mache mich nass und laufe danach in die Halle.

Ist schon beeindruckend hier, mit diesen ganzen Bögen und der hohen Decke. Während ich bewundernd den Blick nach oben schweifen lass, laufe ich am Becken entlang. Ganz schön rutschig ist das hier, denke ich gerade, als ich auch schon ausgleite, wild zappelnd nach einem Halt suche und unversehens an einem harten Körper lande.

Leider ist dieser vom Wasser so glitschig, dass meine Finger vergeblich nach Halt suchen und erst der Bund der Badehose sie kurz aufhält. Mein Körpergewicht zieht mich weiter nach unten, die Hose kommt mit und ich lande auf den Knien. Zum Glück ist der Aufprall gemildert, weh tut er aber doch. Ich schaue auf, dabei klettern meine Augen langsam hoch, über trainierte Schenkel, einen prächtigen Schwanz, eine breite Brust bis zu verärgert zusammengezogenen Augen.

Der Typ von gestern! So viel Pech kann es einfach nicht geben!

„Geht’s noch?“, brummt der Riese.

„Tschuldigung“, murmele ich, fühle meine Wangen heiß werden und pfriemele die klamme Badehose wieder hoch.

Der Kerl wischt kurzerhand meine ungeschickten Finger weg, verpackt sein geiles Stück in dem nassen Stoff und schnaubt wie ein Stier.

„Geh mir bloß aus dem Weg“, knurrt er, straft mich mit einem verächtlichen Blick und stolziert an mir vorbei.

Für mich ist das Baden hiermit gelaufen. Mit hochroter Birne verlasse ich das Bad.

 

In der folgenden Woche schaue ich mich zwar auf dem Weg zur Arbeit und auch dort sehr genau um, doch für weitere Aktivitäten fehlt mir der Elan. Erst am Freitag, dem Sechzehnten, habe ich Lust, abends noch etwas zu unternehmen.

Mit meinen Freunden Jens, Hannes und Lars treffe ich mich auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus, ein Ritual, das wir wenigstens einmal vor Heiligabend pflegen.

 

„An meinem Geburtstag gebe ich mir die Kugel“, erkläre ich Jens, der pikiert die Brauen lüpft.

„Ich dachte, wir feiern“, meint er, reicht mir einen Becher mit dampfendem Glühwein und führt seinen an die Lippen.

„Ich mag nicht mehr. Dreißig Jahre alt, seit fünf Jahren solo, immer nur Bottom. Echt, ich bin so müde“, antworte ich, puste in das würzige Getränk und wärme meine Finger an dem Porzellanbecher.

„Du willst dich umbringen?“, mischt sich Lars ein.

„Hey, Fritz, das lässt du schön bleiben“, knurrt Hannes und wirft mir einen bösen Blick zu. „Wir brauchen dich noch und es wird sicher bald der richtige Kerl für dich kommen.“

„Ihr habt gut reden“, murmele ich, trinke einen Schluck und verbrenne mir dabei die Zunge.

„Ich bin auch solo.“ Jens schwenkt den Becher, um seine Worte zu untermalen.

„Du hast jedes Wochenende eine Verabredung“, mosere ich. „Deine Liste von Lovern ist soooo lang.“

Ich strecke beide Arme seitlich aus, um ungefähr einen Meter anzudeuten, stoße mit dem Handrücken rechts gegen jemanden und der Inhalt meines Bechers ergießt sich auf … Ich brauche gar nicht hinsehen, denn die Stimme kenne ich nur zu genau.

„Ja, sag mal, du Spinner, bist du denn überall, um mich mit irgendwas zu begießen oder mir die Hosen runterzuziehen?“

Jens hat sich erschrocken die Hand vor den Mund gelegt, Lars und Hannes starren den Kerl an, während mir ganz heiß wird. Vorsichtig schiele ich über die Schulter und gucke in dunkle, böse blickende Augen. Die ganze Vorderfront der hellen Daunenjacke ist rot. Warum kann der Typ keine schwarze Jacke tragen, sondern ausgerechnet eine in Babyblau?

„Tschuldigung“, nuschele ich, fummele ein Papiertaschentuch aus meiner Jacke, drücke Lars den Becher in die Hand, wende mich dem Kerl zu und beginne, an dem Fleck herumzureiben.

Dabei halte ich die Wimpern gesenkt, damit ich nicht von dem wütend funkelnden Blick erdolcht werde. Meine Bemühungen sind natürlich fruchtlos und machen die Sache eher schlimmer als besser, sodass ich nach Sekunden aufgebe und nun doch nach oben schaue. Der Mann hat den Mund zu einem geraden, freudlosen Strich verzogen und runzelt die Stirn.

„Ich habe eine Haftpflicht“, erkläre ich lahm und erdreiste mich sogar, leicht zu lächeln.

„Die brauchst du auch“, knurrt der Riese, drängelt sich an mir vorbei und strebt der Bahnstation zu.

„Was war das denn?“ Lars kann sich ein Lachen kaum verkneifen.

Ich erzähle meinen Freunden von den Missgeschicken der letzten Tage, ernte damit Heiterkeitsausbrüche und muss am Ende selbst lachen.

„Oh Mann.“ Jens kichert und schlägt mir kumpelhaft auf die Schulter. „Vielleicht ist er der Richtige und es ist Bestimmung, dass ihr euch dauernd trefft.“

„Idiot“, erwidere ich liebenswürdig und trete ihm spielerisch gegens Schienbein.

 

Am folgenden Tag, Samstag dem siebzehnten, gehe ich erneut in den ‚Goldenen Hirsch‘, mehr aus Gewohnheit denn in der Hoffnung, dort Mr. Right zu finden. Nachdem ich eine Weile auf der Tanzfläche herumgezappelt habe, dabei – natürlich – dem dunklen Riesen auf die Füße getrampelt bin und von seinem Blick ermordet wurde, stelle ich mich an die hintere Bar, ordere ein Bier und gucke in die Gegend.

„Na, Kleiner, Lust auf eine geile Nummer?“, brummt jemand in mein Ohr.

„Mach die Fliege“, antworte ich nach einem Schulterblick.

Der lokalbekannte Top Tristan trollt sich und sucht sich ein anderes Opfer, während ich interessiert den dunklen Kerl beobachte, wie dieser sich mit einem schmächtigen Mann unterhält, von dem gemunkelt wird, er wäre auch einer der Hengste. Die beiden verschwinden nach kurzem Gespräch nach hinten.

Ich trinke das Bier aus, stelle das Glas auf den Tresen und laufe hinterher. Die Neugier lässt mich jeden Anstand vergessen.

 

Neugierig linse ich in den Darkroom und – nachdem sich meine Augen an die schummrige Beleuchtung gewöhnt haben – entdecke den Dunklen mit dem Schmächtigen in einer Ecke. Tatsächlich bückt sich der Riese und der Anblick seiner straffen Arschbacken nimmt mir den Atem. Meine Hose spannt, mein Herz beginnt zu springen und ich würde am liebsten in den Raum stürmen, den anderen Mann wegschubsen und seinen Platz einnehmen.

„Spanner“, brummt ein Gast, der sich an mir vorbeidrängelt und mit seinem Partner einen freien Platz sucht.

Das bringt mich zur Besinnung, auch wenn es meine Erektion nicht schmälert. Nach einem letzten, sehnsüchtigen Blick auf das ungleiche Paar räume ich den Platz, gehe zu den Toiletten und hole mir in einer der Kabinen einen runter.

 

Hände waschen, coole Miene aufsetzen und zurück in den Club. Gerade, als ich mit hängendem Kopf den Gang entlangtrotte, tritt der Riese aus dem Darkroom. Ich erwische ihn voll von hinten, umklammere instinktiv seine Taille, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Der Kerl schnaubt, rupft meine Arme von seinem Körper, dreht sich herum und spießt mich mit einem tollwütigen Blick auf.

„Gibt es IRGENDETWAS, das du tun kannst, damit das aufhört?“, knurrt er mich an.

„Sterben“, flüstere ich traurig.

Der Mann mustert mich, so etwas wie Mitleid blitzt in seinen Augen auf. Er hebt die Hand und in Erwartung einer Backpfeife ducke ich mich unwillkürlich, doch er streicht überraschend sanft über meinen Kopf.

„So schlimm ist es nun auch wieder nicht“, brummelt er gutmütig und lächelt sogar.

Das ist nicht gut, gar nicht gut. Mein Herzlein stolpert, entflammt und mit einem Mal sehe ich auch den Heiligenschein über dem Schädel des Riesen. ER ist es! Er ist Mr. Right! Deshalb die ganzen Unfälle. Vor Erleichterung ihn gefunden zu haben grinse ich breit zu ihm hoch. Anscheinend begreift er aber nicht, dass wir füreinander bestimmt sind, denn er nickt mir knapp zu, wendet sich um und geht in den Club hinein. Das kann er doch nicht machen!

 

Leider endet jeder Versuch, mich ihm erneut zu nähern, an seiner kalten Schulter. Ob es nur die Sorge ist, dass ich ihn mit Bier begieße oder einfach Desinteresse, ich kann es nicht feststellen. Nach zwei Stunden vergeblicher Annäherungsversuche verlasse ich müde das Lokal.

 

Tag achtzehn bricht an. Mr. Right ist gefunden, doch ich weiß weder seinen Namen, noch wo er wohnt. Würde mir allerdings auch nichts nützen, denn offenbar plant er, mir weiträumig aus dem Weg zu gehen. Ich kann es ihm nicht verdenken, weh tut es trotzdem. Was soll ich nur tun?

 

Es hat geschneit, ganze zehn Zentimeter bringen Hamburgs Straßenverkehr zum Erliegen. Ich entscheide, dass ein Spaziergang um die Alster eine gute Gelegenheit ist, frischen Wind in mein Gehirn zu pusten, ziehe mich warm an und stiefele los.

Gerade mal zehn Minuten brauche ich von St. Georg, dem Stadtteil, in dem ich wohne, bis zur Außenalster. Außer mir haben wohl an die tausend Menschen die gleiche Idee gehabt, nur dass ich allein vor mich hin stapfe, die anderen paarweise. Das versetzt mich in eine so traurige Stimmung, dass mir fast die Tränen kommen. Halb blind und blinzelnd tappe ich den Weg entlang, als ich plötzlich über etwas stolpere.

Ein Hund jault, eine nur allzu bekannte Stimme ruft: „Lektor.“

Ich lande im Schneematsch, fühle eine raue Zunge, die feucht über meine Wange leckt und hechelnden Atem am Nacken. Ein Hund! Ich habe panische Angst vor diesen Viechern, schlinge automatisch die Arme um meinen Kopf, um diesen vor Bissen zu schützen.

„Hätt ich mir doch denken können“, brummt eine tiefe Stimme.

Ich werde hochgehievt, auf meine Füße gestellt und große Hände klopfen den Schnee von meiner Jacke. Ein Spaniel schnuffelt an meinen Füssen, wetzt sich an meinem Bein und kläfft einmal, als wolle er sich entschuldigen. Die Leine ist einmal um mich gewickelt und als der Hund ein paar Schritte trippelt drohe ich, erneut auf die Fresse zu fliegen.

„Lektor, bei Fuß“, grollt Herrchen und ist sich nicht zu schade dafür, mich zu umarmen, aber leider nur, um die Leine von mir loszubekommen.

„Na“, meint der große Mann. „Das war ja endlich mal andersherum.“

„Dann sind wir doch fast quitt.“ Ich schaue zu ihm hoch, entdecke wieder dieses wundervolle Lächeln, das mein Herz zum Trudeln bringt. „Wie heißt du?“, füge ich geistesgegenwärtig hinzu.

„Hannibal“, antwortet er und zeigt auf den Hund. „Das ist Lektor.“

„Witzig“, murmele ich und starre ihn an.

Hannibal starrt zurück, sekundenlang.

„Habe ich Dreck im Gesicht?“, fragt er schließlich und fährt sich irritiert über die Wange.

Stumm schüttele ich den Kopf, glotze aber weiter. Er muss es doch auch merken, es fühlen, verdammt!

„Gut. Ich geh dann mal weiter. Man sieht sich hoffentlich nicht.“ Hannibal zieht an der Leine, nickt mir zu und läuft einfach so an mir vorbei.

Einfach so! Das kann er doch nicht machen!

„Warte! Hannibal! Hey!“ Ich renne hinter ihm her, rutsche aus, stolpere, lande erneut im Matsch und könnte heulen vor Frust.

„Wenn du so weitermachst bist du bald dreckiger als mein Wau-Wau“, brummt Hannibal, der netterweise umgedreht ist und mir hochhilft.

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