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Sinnlos über 30

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Prolog
  9. Sommer
    1. 1 Curry und SM-Spielzeug
    2. 2 Angeschmiert
    3. 3 Andere Nöte
    4. 4 Sex aus Langeweile
    5. 5 Alles nur gespielt
    6. 6 Was ist dein Baby?
    7. 7 Bankrottreif
  10. Herbst
    1. 8 Verordneter Spaß
    2. 9 Große Erwartungen
    3. 10 Der glorreiche siebte Tag
    4. 11 Headhunter
    5. 12 Ausstiegsrevolution
    6. 13 Schwanzlos
    7. 14 Nette Mädchen bekommen kein eigenes Büro
    8. 15 Wiedergeborene Idealisten
    9. 16 Seinen Traum leben
    10. 17 Entbehrlich, unbedeutend und befreit
    11. 18 Nicht genug
    12. 19 Weckruf
    13. 20 Selbsthilfe
    14. 21 Über vierzig und mittendrin
    15. 22 Von Anach B kommen
  11. Winter
    1. 23 Universelles Leiden
    2. 24 Dem Teufel die Hörner ziehen
    3. 25 Gefühlsecht
    4. 26 Die Erleuchtung
    5. 27 Madam Barbara
    6. 28 Echte Babys
  12. Frühling
    1. 29 Schriftstellerurlaub
    2. 30 Selbst ist die Frau
    3. 31 Schöne neue Welt
    4. 32 Weibliche Diskriminierung der besonderen Art
    5. 33 Das Ende der Welt, wie wir sie kennen
    6. 34 Den inneren Antrieb wiederfinden
    7. 35 Mein Baby
    8. 36 Die Antwort
  13. Lektüreempfehlung
  14. Danksagung

Über die Autorin

Kasey Edwards hat keine außergewöhnlichen Lebensleistungen vollbracht, die sie in aller Bescheidenheit aufführen kann. Sie hat noch keinen Bestseller geschrieben, wurde noch auf keiner Bühne gefeiert, und ihr soziales Engagement für Afrika beschränkt sich bisher auf eine jährliche Spende an World Vision.

Zusammen mit ihrem Freund Chris und ihrer Hündin Toffee führt sie ein recht normales Leben. Sie fühlt sich unglaublich geschmeichelt, dass Sie ihr Buch lesen.

Kasey Edwards

Sinn
los
über
30

Wie ich mir den Sinn
des Lebens zurückholte

Aus dem Englischen von
Claudia Geng

Für meinen lieben Christopher, der mein Leben ungemein bereichert. Ich kann zwar ein ganzes Buch schreiben, aber mir fehlen die Worte, um auszudrücken, was du mir bedeutest.

Hat man alles erreicht, was man sich immer gewünscht hat, könnte man im Grunde glücklich leben bis ans Ende seiner Tage. Doch das ist offenbar ein Trugschluss.

Susan Maushart

What Women Want Next

Prolog

Wie ich den Sinn verlor

Ist es Ihnen jemals passiert, dass Sie morgens nach dem Aufwachen keine Lust hatten, zur Arbeit zu gehen?

Ich rede hier nicht von dem Bedürfnis, sich auszuschlafen nach einer langen, anstrengenden Nacht, und auch nicht davon, dass man keine Lust hat auf einen Arbeitstag voller langweiliger Meetings, obwohl man doch viel lieber mit dem Hund am Strand spazieren gehen würde. Ich rede nicht von einer vorübergehenden Unlust. Nein, ich rede davon, die Schnauze voll zu haben – und zwar endgültig.

Ich weiß nicht, wie es passierte. Ich habe es nicht kommen sehen, aber quasi über Nacht hatte ich keine Lust mehr, zur Arbeit zu gehen – nicht nur an diesem einen Tag, sondern nie mehr wieder.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Schock. Ich war eine typische Karrierefrau – ehrgeizig und zielstrebig. In den letzten zehn Jahren hatte ich mich beharrlich nach oben gearbeitet und dabei jede einzelne Etappe genossen. Ich hob meine alten Visitenkarten auf und hütete sie wie eine Trophäensammlung. Auf meiner aktuellen Karte stand »Senior Change Management Consultant«. Als Change Consultant war es meine Aufgabe, den Kunden Lösungen anzubieten, um die Leistung und Loyalität ihrer Mitarbeiter zu steigern. Das »Senior« auf meiner Visitenkarte bedeutete, dass die Kunden manchmal sogar auf mich hörten. Aber plötzlich wurde mir schlagartig bewusst, dass die Karriereleiter, die ich so eifrig erklommen hatte, nirgendwohin führte, nur immer weiter weg von meinem Ausgangspunkt. Dabei hatte ich alles, was ich mir je gewünscht habe – einen Spitzenjob, der mir einen hohen Lebensstil ermöglichte.

Auf einmal fand ich meinen Job gar nicht mehr so spannend. Die Rolle der dynamischen Karrierefrau, die ich bis dahin gespielt hatte, kam mir unauthentisch und unaufrichtig vor, und mein Lebensstil kickte mich nicht mehr. Ich hatte jegliche Motivation verloren, morgens für die Arbeit aufzustehen, und es fühlte sich an, als hätte ich ein Stück von mir selbst verloren.

An dieser Stelle wäre wohl der Einwand berechtigt, dass ich auf hohem Niveau jammere. Was hatte ich schon für einen Grund, mich zu beschweren? Ich war Anfang dreißig, hoch qualifiziert und gehörte zur weißen Mittelschicht, was mir so gut wie alle Türen öffnete. Gut, ich bin eine Frau und nicht viel größer als Kylie Minogue (allerdings ohne deren Knackarsch), doch abgesehen davon hatte ich alle Trümpfe in der Hand.

Ich weiß, verglichen mit Problemen wie Welthunger oder Krebs ist meine frühe Midlife-Crisis belanglos. Ich weiß auch, dass es ein Luxus ist, sich überhaupt darüber Gedanken zu machen, ob man mit seinem Job zufrieden ist, wenn der Großteil der Menschheit froh ist, einen zu haben, um das nackte Überleben zu sichern. Aber obwohl mir diese Ungerechtigkeit und meine Privilegiertheit durchaus bewusst waren, erschreckte mich die Aussicht, die nächsten dreißig Jahre meines Berufslebens in einem Zustand unerfüllter Monotonie zu verbringen.

Ich musste unbedingt herausfinden, warum ich die Lust an meiner Arbeit verloren hatte und wie ich sie wiederfinden konnte. Also las ich Bücher, sprach mit Fachleuten, unterhielt mich mit Menschen, denen der Kick abhanden gekommen war, und mit solchen, die es noch kickte, und nebenbei beschäftigte ich mich mit allerlei mehr oder weniger sinnlosen Ablenkungen. Anfangs fürchtete ich, die Einzige zu sein, die den Sinn verloren hatte. Aber nachdem ich mich endlich traute, offen darüber zu sprechen, stellte ich zu meinem Erstaunen und meiner unendlichen Erleichterung fest, dass ich mit diesem Problem alles andere als allein war.

Ich war entsetzt darüber, wie viele Menschen ihren beruflichen Ehrgeiz und Idealismus verloren haben und sich damit abfinden. Auf meiner Suche erkannte ich, dass die vermeintlich schwierigen Dinge meines Lebens wie zum Beispiel Studium, Sechzig-Stunden-Woche und mein beruflicher Aufstieg in Wahrheit ziemlich einfach waren. Schwierig war hingegen, in der Tretmühle anzuhalten und einen ehrlichen Blick auf mich und mein Leben zu werfen, während ich mich fragte: Wer bin ich, und was will ich wirklich?

Ich erkannte, dass es kein menschliches Versagen war oder dass es einem peinlich sein musste, wenn man in seiner Arbeit keinen Sinn mehr sah. Vielmehr war diese Krise der nächste Schritt auf meiner Lebensleiter, den es zu erklimmen galt.

Dies hier ist mein Erfahrungsbericht über eine Lebenskrise mit Anfang dreißig. Ich bin keine Expertin und kenne sicher nicht alle Antworten, aber wenn auch Sie Anfang dreißig sind und den Sinn verloren haben und sich wundern, was mit Ihnen los ist, hoffe ich, dass Sie durch dieses Buch zumindest erkennen, dass Sie Leidensgenossen haben, die genauso mies dran sind wie Sie.

Sommer

Für mich wird der Sommer
ein pures Grau.

Gianni Versace

1 Curry
und SM-Spielzeug

Ich glaube, du brauchst mal die Peitsche«, sagt mein Bruder Michael, während er sich Reis auf den Teller schaufelt.

Ich sitze in einem gemütlichen indischen Restaurant, zusammen mit meinen drei wichtigsten Vertrauenspersonen auf diesem Planeten. Michael grinst süffisant, während meine beste Freundin Emma laut auflacht und mein Freund Chris sich an seinem Wein verschluckt.

Ich bin weder überrascht noch beleidigt, dass mein großer Bruder mir – beziehungsweise meinem Freund Chris – empfiehlt, SM-Spielzeug auszuprobieren. Ich habe nämlich sehr früh im Leben gelernt, dass man Michael nicht immer wörtlich nehmen darf. Ich erinnere mich, damals war ich fünf, dass Michael und ich in der Sesamstraße gesehen haben, wie eine Kuh gemolken wurde. Mit der ganzen Weisheit und Weltläufigkeit eines Siebenjährigen klärte er mich darüber auf, dass die Milch aus dem Pimmel der Kuh käme. Erst viel später, als ich Baileys entdeckte, konnte ich mich überwinden, wieder Milchprodukte zu konsumieren.

Ich bekomme Michael nicht oft zu Gesicht. Er verbringt sein Leben damit, durch die Welt zu ziehen, von einem Job zum nächsten, ohne festen Wohnsitz. Wenn sich eine der seltenen Gelegenheiten zu einem Treffen ergibt, freue ich mich immer schon im Voraus auf seine einzigartigen und kuriosen Kommentare zu meiner aktuellen Lebenslage.

Emma und ich haben unseren Begleitern gerade eröffnet, dass uns beiden unabhängig voneinander klar geworden ist, dass wir mit unseren Jobs nicht mehr glücklich sind. Emma und ich sind schon unser halbes Leben lang befreundet. Emma ist eine richtige Klassefrau mit einem derben Humor sowie einer unglaublichen Sicherheit in Stilfragen. Außerdem ist sie eine der begehrtesten Marketingexpertinnen in der Stadt.

Erst vor einem halben Jahr, als sie ihre Unzufriedenheit nicht länger verdrängen konnte, hatte Emma ihren Job als Marketingmanagerin in einer Einzelhandelsorganisation aufgegeben und zu einer Telekommunikationsfirma gewechselt. Ein paar Tage zuvor gestand sie mir bei einem Kaffee, dass es ihr auch dort schon wieder nicht mehr gefällt – aber ihr war genauso klar, dass nicht der Job das Problem war. Sie selbst war das Problem.

»Ja, ich kann euch beiden nur die Peitsche empfehlen«, bekräftigt Michael und greift nach einem Poppadom. »Damit ihr auch mal andere Erfahrungen macht als immer nur die, die in eurem Leben vorgezeichnet sind.«

Michael sagt weiter, dass Emma und ich unser ganzes Leben lang immer gemacht hätten, was von uns erwartet wurde. Wir seien die perfekten Musterschülerinnen, doch nun würde uns diese Rolle langweilen. Wir hätten den Punkt erreicht, wo wir unser eigenes Leben führen möchten und nicht jenes, das uns vorbestimmt ist. Und die Peitsche würde uns aus unserer Bequemlichkeit reißen und zur Risikofreude und Abenteuerlust anstacheln.

Ich muss gestehen, Michael hat nicht Unrecht. Mein Leben ist sicher nicht als risikoreich oder gar abenteuerlich zu bezeichnen. Ich bin zwar auch spontanen Impulsen gefolgt, beispielsweise als ich aus einer Laune heraus nach Holland auswanderte, aber dort fand ich einen super Job bei einem Global Player, der sich sehr gut in meinem Lebenslauf macht. Obwohl es mir damals so vorkam, war dieses Abenteuer nicht wirklich riskant. Hätte es nicht funktioniert, hätte ich ja jederzeit wieder in meine Heimat zurückkehren können.

Meine bisherigen Errungenschaften im Leben sind eine Art Vermächtnis. Ich bin dem Weg gefolgt, den mir meine Familie und die Gesellschaft vorgegeben haben. Ich studierte Business Communication. Ich bekam eine Stelle in einer PR-Agentur, wechselte dann auf eine bessere Position in der Online Communication und landete schließlich noch eine Etage höher im Change Management. Nebenbei machte ich meinen Master-Abschluss und arbeitete mich im Consulting weiter nach oben. Sicher musste ich hart dafür arbeiten, um diese Ziele zu erreichen, und manchmal war der Weg ziemlich steinig und steil, aber egal, wie viel es mir abverlangte, ich blieb immer in der vorgezeichneten Spur. Ich habe immer getan, was die anderen von mir erwarteten – meine Eltern, meine Lehrer, meine Vorgesetzten. Ich verhielt mich gesellschaftskonform und wurde zum Dank jedes Mal gelobt und belohnt, wenn ich einen weiteren Meilenstein geschafft hatte.

Die ganze Zeit war ich so beschäftigt damit gewesen, meine Ziele auf dem vorgegebenen Weg zu verfolgen, dass ich mich niemals fragte, ob das überhaupt das Richtige für mich war. Meine Karriere kam mir nun vor wie ein Todesurteil, und eine leise Stimme in mir forderte mich auf, den Highway zu verlassen und einen anderen Weg einzuschlagen, sprich: mir die Peitsche zu geben.

»Es ist doch so, Kase«, fährt Michael fort, »dir sind die Ziele ausgegangen. Du hast bereits alles erreicht, was du erreichen wolltest. Du hast deine Tüchtigkeit gründlich unter Beweis gestellt, und jetzt weißt du nicht, was du als Nächstes tun sollst. Du musst deinen eigenen Weg finden.«

Michael kennt sich damit aus, seinen eigenen Weg zu finden. Er gehört zu den schrecklichen Menschen, die in allem gut sind – in Mathematik, Sprachen, Sport, Kunst. Als wir jünger waren, lernte er einmal ein ganzes Lexikon auswendig, einfach so. Und als wäre das nicht genug, kann mein Bruder auch noch zum Schreien komisch sein. Derart begabte Menschen ziehen schnell den Hass und Neid der anderen auf sich, aber Michael ist einfach unheimlich liebenswert. Ich hasse das.

Im Grunde könnte er praktisch alles aus seinem Leben machen. Er selbst bestreitet das. Michael kennt nur einen Weg im Leben, und das ist die Musik. Unsere Eltern haben seine Begabung erkannt, als er sich selbst beibrachte, Melodien aus der TV-Reklame auf dem Keyboard nachzuspielen. Sein erstes Geld verdiente er mit Werbejingles. Inzwischen komponiert er Musik für Filme und für andere Künstler, mit denen er dann auf Tour geht.

Michael meinte einmal zu mir, die Musik verkörpere nicht das, was er mache, sondern wer er sei. Es wäre einfach, seinen alternativen Lebensstil als romantisch zu verklären, aber es war ein harter und manchmal sehr einsamer Weg. Ich verfolgte eine ganze Dekade der Armut, Aufopferung und gesellschaftlichen Ablehnung, bevor Michael schließlich von seiner Musik leben konnte. Ich hätte es niemals so lange ausgehalten, mich hauptsächlich von Baked Beans und Toast zu ernähren, geschweige denn mir ständig die Frage gefallen zu lassen, wann ich endlich zur Vernunft komme und mir einen »richtigen« Beruf suche.

Ich erinnere mich, dass Michael sogar einmal versucht hat, sich der Gesellschaft anzupassen und einen »richtigen« Beruf auszuüben. Wir gingen damals gemeinsam die Stellenanzeigen durch und stellten fest, dass die Nachfrage nicht sehr groß war nach jemandem, der Musik, Philosophie und Theologie studiert hatte und dessen einzige Berufserfahrung darin bestand, Musik zu komponieren und aufzuführen. Es war für Michael eine niederschmetternde Erkenntnis, wie gering seine Chancen waren.

Ich habe mich immer als eine Art Überfliegerin betrachtet, aber nach Michaels Rat frage ich mich, ob ich nicht etwas verpasst habe, was meine emotionale und persönliche Entwicklung betrifft. Wie konnte ich die dreißig überschreiten, ohne ein einziges Mal in mich zu gehen und mich zu fragen, was mich wirklich glücklich macht und was ich aus meinem Leben machen will? Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich auf dem richtigen Weg bin, sondern mich nur darauf konzentriert, möglichst weit und schnell voranzukommen. Daher stellt sich die Frage, ob sich die Krise hätte vermeiden lassen, hätte ich gründlicher über mein Leben nachgedacht oder damals mit Anfang zwanzig mehr Sartre gelesen oder irgendeinen anderen existenzialistischen Intellektuellen. Hätte ich damals schon das Bewusstsein und den Mut gehabt, meinen eigenen Weg zu gehen, wäre mir dann die ganze Quälerei erspart geblieben, oder hätte es keinen Unterschied gemacht?

Beängstigend ist allerdings, dass ich nicht weiß, was mich glücklich macht. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich mein Leben gestalten soll, und selbst wenn ich es wüsste, könnte ich es mir wahrscheinlich nicht leisten. Schließlich muss ich eine Hypothek abbezahlen.

Im Restaurant sagt Emma: »Das zu tun, was einem am meisten Spaß macht, muss nicht zwingend in die Armut führen. Wir müssen nur etwas finden, womit wir auch unsere Rechnungen bezahlen können.«

Dies ist ein guter Zeitpunkt, um Chris einzuführen. Abgesehen davon, dass er ein toller Mann ist, verkörpert er zudem das lebende Beispiel für jemanden, der auch den Sinn verloren hat, um danach seine wahre Leidenschaft zu entdecken, von der er inzwischen gut leben kann.

Chris kontaktierte mich über eine Internet-Singlebörse. Ich antwortete ihm, da er meinen Vorstellungen von einem Partner entsprach – gute Einstellung, gebildet, mit einem Faible für Bücher und Tiere, Nichtraucher und kinderlos. Wie sich herausstellte, erfüllt Chris noch zig weitere Kriterien, die mir zuvor gar nicht bewusst waren.

Unsere erste Begegnung fand statt an dem Tag, an dem Chris seine Stelle an der Universität aufgab. Dabei war eine berufliche Laufbahn in der akademischen Forschung immer sein Ziel gewesen. Jedenfalls dachte er das, bis er irgendwann merkte, dass ihn seine Arbeit nicht mehr ausfüllte. Eingeengt durch den Mangel an Eigenständigkeit und durch die restriktive Lehre, schmiss er nach drei Jahren die Brocken hin und arbeitete von da an zwei Tage in der Woche als Corporate Editor, um sein Grundeinkommen zu sichern, und an den übrigen drei Tagen als freier Autor. Inzwischen schreibt er regelmäßig Kommentare und Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften, und er bereut diesen Schritt kein bisschen.

Es ist beeindruckend zu verfolgen, wie Chris seine Selbstständigkeit immer weiter ausbaut. Er liebt seine Arbeit und genießt die Freiheiten und die Autonomie, die er nun hat. Er ist so gefragt, dass er sich gar nicht mehr um Aufträge bemühen muss, und außerdem verdient er jetzt besser als an der Uni.

»Vielleicht solltet ihr eure Krise gründlich analysieren«, sagt Chris. »Das könnte helfen, sie zu überwinden.«

Emma stimmt ihm zu. »Ja, wir müssen was tun.«

»Aber ihr solltet trotzdem mal die Peitsche ausprobieren«, wiederholt Michael. »Der gesamte Körper fühlt sich hinterher an wie eine Penisspitze.«

2 Angeschmiert

Nachdem ich erkannt habe, dass mir meine Arbeit keine Freude mehr bereitet, ist es eine Qual, täglich dort zu erscheinen.

Jeden Morgen kämpfe ich gegen das Bedürfnis, mich umzudrehen und weiterzuschlafen, und es kommt mir vor, als würde mich etwas mit Gewalt am Aufstehen hindern, als wäre ich ans Bett gefesselt. Jeder Versuch, mich aufzuraffen, endet damit, dass ich auf das Kissen zurückplumpse. An den Tagen, an denen Chris mich zum Frühsport überreden kann, lege ich mich hinterher direkt wieder ins Bett oder kuschle mich mit meiner Hündin Toffee auf die Couch und sehe fern. Habe ich mich endlich innerlich dazu durchgerungen, aufzustehen und ins Bad zu gehen, kommt hundertprozentig ein spannender Bericht im Frühstücksfernsehen, den ich unbedingt noch sehen muss. Es interessiert mich einfach brennend, wie man den perfekten Vanillepudding hinbekommt und welcher Promi sich als Nächstes mit einem Waisenkind aus Afrika schmücken will. An manchen Tagen muss ich die Sendung bis zum Schluss verfolgen, weil ich das Ergebnis der Zuschauerbefragung erfahren will – beispielsweise zu dem Thema, ob Stillen in der Öffentlichkeit tolerierbar ist.

Vor meiner Krise erschien ich jeden Morgen um Viertel nach acht an meinem Arbeitsplatz. Jetzt, wo ich den Sinn los bin, schaffe ich es um Viertel nach acht gerade einmal, mir ein Bad einzulassen. Und dann steige ich erst wieder aus der Wanne, nachdem ich meinen Tee ausgetrunken und mein Müsli aufgegessen habe.

In den letzten paar Wochen verschob sich mein Arbeitsbeginn auf neun Uhr, dann auf Viertel nach neun, und mittlerweile hat er sich auf zwanzig vor zehn eingependelt. Meine erste Amtshandlung besteht darin, mir einen Kaffee zu holen. Gegen zehn setze ich mich dann an meinen Computer und durchforste die Stellenangebote im Internet.

Spätere Anfangszeiten sind ein sicheres Zeichen für nachlassendes Mitarbeiterengagement. Das muss ich mir merken für den Fall, dass ich jemals zur Gruppenleiterin befördert werde. Bis es so weit ist, lächle ich den Zuspätkommern, die ich im Fahrstuhl treffe, verschwörerisch zu, um ihnen zu signalisieren, dass ich ihr dunkles Geheimnis kenne.

Meine Mittagspause beginnt zeitig und endet spät. Vorbei die Tage, an denen ich zwischendurch ein paar Happen am Schreibtisch herunterschlang. Mein tägliches Highlight in der Mittagspause ist die Zoohandlung. Dort könnte ich stundenlang die Welpen beobachten. Anfangs war es nicht mehr als eine drollige und tröstende Abwechslung, den kleinen Fellknäueln dabei zuzusehen, wie sie herumtollten und die Passanten vor dem Schaufenster anfiepten, als wollten sie sagen »Nimm mich mit«. Doch dann begann ich, die Welpen in mein Herz zu schließen. Ich gab jedem einen Namen. Und ich hatte großes Mitleid mit den Hunden in den Einzelzwingern. Warum wird in Zoohandlungen so viel Wert darauf gelegt, die Rassen penibel voneinander zu trennen? Warum dürfen nicht alle Hunde in dem großen Zwinger miteinander spielen? Es bricht mir das Herz, wenn ich die vier Malteserwelpen sehe, die ich Julian, Dick, Anne und George getauft habe und die sich fröhlich balgen, während nebenan Timmy, der einzige Pudel, ganz allein in seinem Zwinger hockt.

Timmy liegt mir besonders am Herzen. Ich besuche ihn jeden Tag und sehe, wie er wächst und wächst. Wochen verstreichen, die Malteser sind längst verkauft, und der Zwinger ist mittlerweile mit Zwergspitzwelpen belegt, aber Timmy ist immer noch da. Was geschieht mit den Hunden, die keinen Käufer finden? Timmy wächst bereits in seine zu großen Pfoten und Ohren hinein. Wird ihn noch einer haben wollen, wenn er kein niedlicher und tollpatschiger Welpe mehr ist? Die Verkäuferin in der Zoohandlung versichert mir, dass bis jetzt noch jeder Hund verkauft wurde. Sie sagt, Hunde, die keiner haben möchte, würden in eine andere Tierhandlung gebracht und dann dort verkauft. Diese Information beruhigt mich, aber falls sie tatsächlich stimmt, sind Hundewelpen das einzige Produkt auf der Welt, bei dem das Angebot die Nachfrage niemals übersteigt. Seltsam, dass das in keinem der Wirtschaftsfachbücher erwähnt wird, die ich gelesen habe.

Ich ertappe mich in Meetings dabei, dass ich ständig an Timmy denken muss. Seit sieben Wochen sitzt er nun schon in seinem Einzelzwinger. Bestimmt läuft seine Frist bald ab, ganz zu schweigen von der reizarmen Umgebung, der er permanent ausgesetzt ist. Ich befürchte, dies könnte sich negativ auf seine Entwicklung auswirken, und frage mich, ob es erlaubt ist, den Tieren in der Zoohandlung Spielzeug zu schenken. Trotz meiner Sorge um Timmy ist es ein gutes Gefühl, etwas zu haben, um das man sich gerne kümmert. Wenn ich mich in Meetings langweile, denke ich normalerweise an Sex (Frauen unterscheiden sich gar nicht so sehr von Männern), aber neuerdings übermannt mein Mutterinstinkt alle anderen Triebe.

Ich gelange zu der Überzeugung, dass die einzige Lösung darin besteht, Timmy zu mir zu nehmen. Sicher wird es dann ein bisschen eng in meiner kleinen Dreizimmerwohnung, und Toffee, meine elf Jahre alte Pudelhündin, wird einige Zeit brauchen, um sich an einen jungen Artgenossen zu gewöhnen, aber es wird ihr sicher auch guttun, tagsüber nicht mehr allein zu sein. Toffee fühlt sich bestimmt einsam, weil ich immer so lange arbeite. Gut, im Moment trifft das weniger zu, aber das kann sich ja eines Tages wieder ändern. Die menschliche Fähigkeit, fast alles rational zu begründen, ist absolut erstaunlich – genau wie die Fähigkeit zu vergessen. Laut Sigmund Freud ist das Vergessen eine bewusste Handlung. Da scheint was dran zu sein, weil ich irgendwie vergessen habe, mit Chris über die Anschaffung eines zweiten Hundes zu reden.

Als ich die Zoohandlung betrete, mit ausreichend Bargeld in der Tasche, ist Timmy weg. Ich vermute das Schlimmste und gerate in Panik. War Timmy mittlerweile zu alt und wurde heimlich »in eine andere Zoohandlung« verfrachtet? Als die Verkäuferin (dieselbe, die mich über das erstaunliche Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage bei Hundewelpen aufklärte) meine Verzweiflung bemerkt, kommt sie hinter der Ladentheke hervor und erzählt mir, Timmy (der in Wahrheit ein Mädchen ist) sei am Nachmittag zuvor verkauft worden. Sie registriert meine Erleichterung und drückt mitfühlend meinen Arm. Bestimmt haben die es hier öfter mit Leuten wie mir zu tun. Ich bin unendlich froh, dass Timmy ein Zuhause gefunden hat. Und ich bin froh, dass ich vor einer Dummheit bewahrt wurde – zwei Hunde in meiner kleinen Wohnung, was für eine Schnapsidee.

Dennoch, während ich diese Sorge los bin, bahnt sich bereits die nächste an. In dem Einzelzwinger, wo zuvor Timmy untergebracht war, sitzt jetzt ein kleiner Beagle – mutterseelenallein.

Außer meinen Arbeitszeiten hat auch meine Motivation stark nachgelassen. Mir ist inzwischen alles egal. Ich nehme an Meetings teil, in denen es hoch hergeht und hitzig debattiert wird, aber statt mich auf den Inhalt der Diskussion zu konzentrieren, sitze ich bloß da und finde alle lächerlich.

Obwohl ich früher genauso leidenschaftlich mitdiskutiert habe und besorgt war, wenn Projekte im Verzug waren oder einmalige Gelegenheiten verpasst wurden, lässt mich das alles nun völlig kalt. Warum soll ich mir auch Gedanken machen über willkürliche Projektfristen? Was soll schon passieren, wenn mir ein paar Details entgangen sind, die irgendwer mal vor einem halben Jahr auf ein Whiteboard gekritzelt hat? Das Einzige, was passiert, ist, dass die Arbeit eben nachgeholt werden muss, und da die meisten von uns voraussichtlich bis zu ihrem fünfundsechzigsten Lebensjahr arbeiten müssen, bleibt mehr als genug Zeit.

Plötzlich habe ich das Gefühl, als hätte ich den Witz verstanden, der meinen naiven, leichtgläubigen Kollegen entgeht: der Witz, der die Leute dazu veranlasst, bis Mitternacht im Büro zu sitzen, die Geburtstagsfeier ihres Lebenspartners zu verpassen und die Schulaufführungen der Kinder. Mir wird klar, dass die ganze Anstrengung und Energie, die wir in unsere Arbeit stecken, sinnlos sind. Meistens spielt es gar keine Rolle, ob bestimmte Dinge erledigt werden oder nicht, und es ist definitiv völlig unerheblich, ob die Arbeit von mir gemacht wird oder von jemand anderem. Um David Brent aus The Office zu zitieren: »Erledige nie heute, wofür morgen ein anderer zuständig ist.«

Ich komme zu dem Schluss, dass es zwei Sorten von Menschen gibt: diejenigen, die ihre Arbeit ernst nehmen, und diejenigen, die das nicht tun. Ich verspüre ein Gefühl der Überlegenheit, weil ich den Witz durchschaut habe.

Aber dieses Gefühl hält nicht lange an.

Mir wird nämlich schnell klar, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen seine Arbeit ernst nehmen und damit zufrieden sein. Auch wenn ich in meinen Kollegen nur noch leichtgläubige Arbeitssklaven sehe, scheinen sie dennoch deutlich mehr Spaß an ihrem Job zu haben als ich. Sie nehmen ihre Aufgaben ernst und holen sich ihre Bestätigung, indem sie ihre Zielvorgaben erreichen. Ich war vorher genauso – in den guten, alten Zeiten. Aber jetzt bin ich völlig demoralisiert und sogar ein wenig neidisch. Wenn unser Chef die Siegerfaust macht und brüllt »Wir holen uns die Goldmedaille!«, in einem Ton, als würde er kurz vor dem Orgasmus stehen, obwohl er lediglich das Halbjahresergebnis verkündet, möchte ich gerne mitklatschen und mich mit den anderen freuen. Aber das kann ich nicht. Inzwischen komme ich mir vor wie die einzige Normale in einer Irrenanstalt.

Könnte es sein, dass der Witz auf meine Kosten geht? Wenn ich schon täglich bei der Arbeit erscheinen soll, dann macht es doch mehr Sinn, mit Spaß bei der Sache zu sein, oder?

Meine fehlende Motivation verwandelt sich allmählich in Frust. Zum ersten Mal in meinem Berufsleben wird mir bewusst, dass ich im Prinzip nur für das Geld arbeite. Es mag lächerlich klingen, dass ich mehr als zehn Jahre gebraucht habe, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, aber mein beruflicher Ehrgeiz beruhte bisher auf anderen Motiven wie Status und Aufstiegsmöglichkeiten, während ich nie zuvor darüber nachgedacht habe, dass ich von meinem Gehalt meinen Lebensunterhalt bestreite. Jetzt kümmern mich weder das Projekt noch mein kurz bevorstehendes Jahresgespräch noch meine nächste Beförderung. Außer Chris und den Hunden interessiert mich so gut wie gar nichts mehr. Der Umstand, dass ich überhaupt noch etwas tue, beruht auf purem Selbsterhaltungstrieb. Allerdings schiebe ich meine Aufgaben so lange vor mir her, bis es nicht mehr geht – den Eindruck völliger Inkompetenz möchte ich ja nicht erwecken.

Sie werden sich vielleicht fragen, wie ich bei so einem Verhalten meinen Job behalten konnte. Interessanterweise bekam es meiner Arbeit sogar gut, dass ich sie nicht mehr ernst nahm.

In meiner Funktion als Change Consultant muss ich oft unerfreuliche Mitteilungen überbringen oder den Mitarbeitern unpopuläre Maßnahmen schmackhaft machen. Im Laufe der Jahre habe ich viel Übung darin gesammelt, Menschen zu motivieren, und zudem unzählige Seminare über Personalführung belegt. Trotzdem steht in meiner Beurteilung zum wiederholten Mal, ich würde zu leidenschaftlich auftreten und auf andere einschüchternd wirken. Was völlig absurd ist. Warum wird Leidenschaft negativ bewertet? Ich betrachte sie als eine meiner Stärken. Früher war ich Feuer und Flamme für meinen Job – war ich nicht gerade deshalb so gut darin?

Was den Vorwurf betrifft, ich wirke einschüchternd, kann ich das in diesem Kontext überhaupt nicht nachvollziehen. Ich bin immer freundlich zu den Kollegen und habe für jeden ein offenes Ohr. Vielleicht liege ich mit meiner Selbsteinschätzung ja völlig daneben, aber das einzige Mal, dass ich mir ein einschüchterndes Auftreten nachsagen lasse, war, als mein Vater mir seine neue Freundin vorstellte. Das war allerdings eine völlig andere Situation – ich hielt lediglich die altehrwürdige Tradition aufrecht, nach der erwachsene Töchter die arme Frau mobben, die den Platz der Mutter einnimmt.

Beim letzten Mal, als ich mir diesen Vorwurf von meinem Chef anhören durfte, fragte ich ihn direkt, ob er sich denn von mir eingeschüchtert fühle. Er antwortete: »Natürlich nicht, aber die anderen schon.« Worauf ich den anderen dieselbe Frage stellte und immer zur Antwort erhielt: »Natürlich nicht, aber die anderen schon.«

Ich möchte nicht verbittert klingen, damals kam mir jedoch der Gedanke, dass meine Beurteilung womöglich weniger negativ ausgefallen wäre, wenn ich ein Mann wäre. Manche Männer machen gerade durch ihre einschüchternde Art Karriere.

Nach diesem Feedback begann ich in den Meetings meine Kollegen zu beobachten und jene zu bewundern, die immer die Ruhe weghatten. Manche konnte scheinbar nichts aus der Fassung bringen, als würden sie über den Dingen schweben und alles aus einer gewissen Distanz heraus betrachten. Ich versuchte, mir ein Beispiel an ihnen zu nehmen, aber das fiel mir nicht leicht. Ich habe Mühe, ruhig und sachlich zu bleiben, wenn mir das Ergebnis wichtig ist, niemand kann mir jedoch mehr vorwerfen, ich würde zu leidenschaftlich agieren.

In einem Meeting, das vor kurzem stattfand, wurde einer der Teilnehmer unhöflich. Er bezichtigte meinen Kunden und mich der Inkompetenz, da wir nicht einmal eine Orgie in einem Puff organisieren könnten, geschweige denn dieses Projekt. Ich ließ die Anfeindungen über mich ergehen und nahm anschließend Stellung zu jedem einzelnen Kritikpunkt. Hinterher wollte mein Kunde wissen, wie ich so ruhig und gelassen bleiben konnte. Dabei sah er mich an, als wäre ich Yoda, der Jedi-Meister, persönlich. Da ich seine Illusionen nicht zerstören wollte, brachte ich es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass es mich einfach nicht mehr berührte. Erstaunlich, wie cool man bleibt, wenn es einen nur noch einen Dreck interessiert.

Früher habe ich manche Kollegen für ihre Gelassenheit bewundert, was ich darauf zurückführte, dass sie reifer und weiser waren als ich. Nun frage ich mich allerdings, ob das Lob verfrüht war und die Kollegen nur wie ich den Sinn los sind.

3 Andere Nöte

Ich bin scharf auf einen anderen«, verkündete Emma.

Es begann damit, dass sie eines späten Abends vor meiner Tür stand, mit einer Flasche Wein und einem Hang zur Selbstzerstörung. Während ich mich mit der Rettung von Hundewelpen ablenke, kompensiert Emma neuerdings ihr stressiges, seelenloses und unbefriedigendes Berufsleben mit durchzechten Nächten und durchtrainierten Männerkörpern.

Emmas Ankündigung kam unerwartet – nicht nur weil sie viel investiert hat in eine fünfjährige Beziehung und ein gemeinsames Haus, sondern auch weil sie immer eine große Verfechterin von Treue war. Für sie ist Fremdgehen unverzeihlich.

»Ich bin so scheiße«, sagte sie. »Dass ich überhaupt auf so etwas komme!«

Simon, das Objekt ihrer Begierde, ist ein richtiges Energiebündel und zudem unreif, unverantwortlich, unangemessen, durchgeknallt und das genaue Gegenteil von Emmas Freund. Zudem ist Simon ihr Arbeitskollege. Emma bricht also nicht nur ihren »Niemals-fremdgehen«-Ehrenkodex, sondern auch ihren »Niemals-mit-einem-Arbeitskollegen-fremdgehen«-Ehrenkodex. Leistungsorientiert, wie Emma nun einmal ist, genügt es ihr nicht, nur einen ihrer moralischen Grundsätze zu verleugnen, wenn sie gleich zwei verleugnen kann.

Früher war Emma in der Firma sehr auf ihren guten Ruf und ihre Glaubwürdigkeit bedacht, und sie wäre niemals auf die Idee gekommen, mit einem Kollegen ins Bett zu steigen. Jeder weiß, dass ein Verhältnis am Arbeitsplatz der Karriere einer Frau nachhaltig schaden kann. Denkwürdig sind die Worte von Linda Fiorentino in Die letzte Verführung, als sie erklärt, dass eine Frau fünfzig Prozent ihrer Autorität einbüßt, wenn sich unter den Kollegen herumspricht, mit wem sie schläft. Es gibt viele Beispiele in der Praxis, die das bestätigen. Während der Mann als Weiberheld gilt, wird die Frau zum Gespött des ganzen Büros. Aber vielleicht war Emma mittlerweile alles egal, und ihr stand nun der Sinn nach Ablenkung statt nach einem eigenen Eckbüro.

An jenem Abend wurden Emma und ich ein Stück erwachsener, denn uns wurde klar, dass das Leben weitaus komplizierter war, als wir es uns in unserer behüteten Jugend vorstellten. Es war leicht, sich in jungen Jahren an die Regeln im Berufs- und Privatleben anzupassen. Aber jetzt, in den Dreißigern, wird es immer schwerer, diese Regeln einzuhalten. Also gab ich Emma meinen Segen und eine Packung Kondome und bestand darauf, alle schlüpfrigen Details zu erfahren.

Am nächsten Tag machte Emma mit ihrem Freund Schluss und stürzte sich in das Partyleben – ein Nebelschleier aus Komasaufen, Bis-in-die-Puppen-Feiern und One-Night-Stands.

Emmas Beziehung mit Simon hielt ungefähr vier Wochen – vier grandiose Wochen mit heißen Nächten in Fünfsternehotels und Schmuckgeschenken in türkisfarbenen Etuis. Aber als Emmas anfängliche Begeisterung nachließ, stellte sie fest, dass die Beziehung zu nichts führte und dass sie sowieso keinen Bock mehr hatte. Also schnappte sie sich den nächsten Kerl und danach den nächsten und dann wieder den nächsten.

Die Beziehung mit James hielt sogar ein paar Monate, was laut Emma daran lag, dass er den perfekten Körper hat. Ich kenne James zwar nur angezogen, aber ich bin geneigt, Emma Recht zu geben. Viele Muskeln, wenig Hirn, genau das, was sie gesucht hat. Einmal, als die beiden in meinem Gästebett übernachteten, hörte ich, wie sie es miteinander trieben. Ich kann Ihnen sagen, der Mann hat Stehvermögen. Emma bedauert im Nachhinein nur, dass sie es versäumt hat, Aktfotos von James zu machen.

Eines Morgens rief sie mich an. Sie war eben erst von ihrer Zechtour nach Hause gekommen und hatte in ihrer Jacke ein Busticket entdeckt, auf dem stand Ruf mich an – Fabian sowie eine Telefonnummer.

Emma war mit ihrem neuesten Verehrer ausgegangen und im Laufe des Abends von ungefähr einem Dutzend Männer angesprochen worden, sodass sie sich nicht mehr genau erinnern konnte, welcher davon Fabian war. Ein ganzes Dutzend an einem Abend ist eine ungewöhnlich hohe Zahl an Verehrern, selbst für Emmas Maßstäbe. Sie führte es darauf zurück, dass sie so viel Gewicht verloren hatte und nach zehn Jahren wieder in ihre alte Röhrenjeans passte, die sie ganz hinten im Schrank aufbewahrt hat als Symbol der Hoffnung. Während Emma mir das alles am Telefon erzählte, fiel ihr auf, dass das Busticket ein Hinweis war.

»Entweder ist dieser Fabian Student oder Rentner«, sagte sie. »Beides spricht nicht gerade für ihn.«

Irgendwann an diesem Tag war Emma in der Stimmung, Fabians Nummer zu wählen. Mit verführerischem Latinoakzent schwärmte er von ihrer Schönheit und sprach von einem unsichtbaren Band, das sie beide zusammenhalte. Schließlich lud er sie zu seiner Geburtstagsfeier ein. Emma wollte daraufhin wissen, wie alt er wurde. Die Antwort lautete neunzehn. Emma war begeistert. Obwohl ihr Leben ein einziges Chaos war ohne klare Richtung, konnte sie sogar bei Teenagern landen.

Emma verzichtete allerdings auf Fabians Feier. Ein Neunzehnjähriger geht gar nicht, selbst nicht für Emma, aber sie bewahrt das Busticket als Andenken auf.

Wochen verstrichen, und Emmas »Partylaune« entwickelte sich zu ihrem neuen Lebensstil. Immer wenn ich sie traf, war sie entweder verkatert oder noch betrunken vom Vorabend. Sie hatte unheimlich viel Gewicht verloren und sah blass aus, kränklich und leicht verwahrlost. Als ich meine Besorgnis laut äußerte, nannte sie mich spießig. Sie gab zwar zu, dass sie sich erschöpft und ausgelaugt fühlte, aber – Originalzitat Emma: »O Mann, so viel Spaß hatte ich lange nicht.«

Als ich sie fragte, warum sie sich dieses anstrengende Leben antue, antwortete sie: »Weil mir langweilig ist, Kase. Stinklangweilig.«

Das verstehe ich. Mir ist auch oft langweilig.

In Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn beschreibt Viktor Frankl Langeweile als ein Symptom existenziellen Vakuums – ein Zustand der inneren Leere, verbunden mit einem Sinnlosigkeitsgefühl. Frankl sagt auch, dass Langeweile sich zum Beispiel in sexuellen Ausschweifungen manifestiert. Hmm …

Viktor Frankl war ein jüdischer Psychiater, der in Auschwitz interniert war. Viele seiner Erkenntnisse, die er in seinem Gesamtwerk beschreibt, gehen auf diese Zeit zurück. Wäre es nicht Frankls ausgesprochene Absicht gewesen, seine Erfahrungen im Todeslager auf das normale Leben zu übertragen, würde ich mich schämen, Parallelen zwischen seinem und meinem Leben zu ziehen. Emma und ich haben zwar auch den Sinn in unserem Leben verloren, aber es wäre absurd, unsere Situation mit der Grenzerfahrung in einem Konzentrationslager zu vergleichen. Trotzdem, als ich Frankls Ausführungen über das existenzielle Vakuum las, stellte ich fest, dass ich mich damit absolut identifizieren kann.

Die Arbeit nimmt einen so großen Platz in unserem Leben ein, dass, wenn ihre Bedeutung und unsere Motivation verlorengehen, wir mit einer großen Leere zurückbleiben. Und es nützt nichts, seine bisherigen Errungenschaften aufzuzählen und sich selbst auf die Schulter zu klopfen, um diese Leere zu füllen.

Frankl sagt weiter, dass dem Leben nicht durch Besitztümer oder Errungenschaften ein Sinn verliehen wird, sondern vielmehr, indem der Mensch sich ein lohnendes Ziel setzt, für das er zu kämpfen bereit ist. Sinn entsteht dadurch, dass man versucht, dieses Ziel zu erreichen.

Frankls Philosophie steht im Gegensatz zu den modernen Lebensratgebern, die propagieren, bewusst zu leben und das Hier und Jetzt zu genießen. Betrachte ich meinen Jetztzustand, kann ich nicht klagen. Trotzdem habe ich nicht den Seelenfrieden und die Zufriedenheit, die ich laut der Bücher haben sollte.

Blickt man einige Jahre zurück, lässt sich festhalten, dass Emma und ich glücklicher waren, als wir noch ein Ziel hatten, für das es sich zu kämpfen lohnte – eine erfolgreiche Karriere, die wir mittlerweile verwirklicht haben. Ich nehme an, es hat unserem Leben ausreichend Sinn verliehen, alle Anstrengungen auf den Beruf zu konzentrieren und Karriere zu machen. Unsere gesamte Schulzeit, das Studium wie auch die ersten Berufsjahre waren alle auf dieses Ziel ausgerichtet. Doch nun, wo wir alles erreicht und uns zur Genüge bewiesen haben, kämpfen wir nicht weiter und sind in ein existenzielles Vakuum gefallen.

Frankl sagt, der Mensch braucht im Leben ein Ziel – eine frei wählbare Aufgabe. Folglich brauchen Emma und ich ein neues Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt – und zwar nicht in Form von ...

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