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Siesta

Inhalt

Tagsüber

Zug nach Norden

Zwei bei Tisch

Kokain

Winterquartier

Die beste Waffe

Rue des Trois Portes

Siesta

Interdiction de Séjour

Ausnahme für Monk

Palo Congo

Charlys Shuffle

Der vierte Mann

Kaliber 38

Gicht

Strange Fruit

Nach dem Karneval

Ein verdammt guter Abend

Nur so ’ne Frage

Fünf Uhr nachmittags

»O Astronauta«

Drei Hamburgensien

Kupplungs-Günther

Alte Männer und Sex

Märchenstunde


Nachwort von Frank Göhre

Tagsüber

Krebs ging die Straße runter, weil er nichts anderes zu tun hatte. Es war kalt, und er schwitzte. Als er die beiden Bullen sah, wurde ihm übel, und er ging auf die andere Straßenseite. Die Bullen gingen auch auf die andere Straßenseite und genau auf ihn zu. Er konnte das nicht aushalten und ging wieder zurück. Die Bullen grinsten zu ihm rüber, und einer sagte: »Fall nicht hin.«

Krebs sagte: »Heute noch nicht.«

Sie waren beide in Zivil. Krebs hatte mal mit ihnen zu tun gehabt. Er ging langsam die Straße runter und fühlte den Schweiß unter seinen Achseln, kalt und klebrig.

Er sah die Frau, gerade als sie in ihren Wagen stieg. Eine große, schöne Frau mit kräftigen Schultern, geradem Rücken und einem prächtigen Arsch, der nicht zu groß war, und endlos langen Beinen, die in Stiefeln steckten. In diesem Rolls durch die Stadt kutschieren! Sie sitzt neben ihm, er fährt. Er legt ihr seine linke Hand in den Nacken, arbeitet sich durch das dichte schwarze Haar, streichelt sanft den Nacken rauf und runter und lässt seine Finger spielen. Sie lehnt sich gegen seine Hand, lächelt und reibt sich mit geschlossenen Augen an seiner Hand wie eine Katze. Durch die Hand, den Arm, geht ein warmes Gefühl in ihn rein, runter bis zum Magen und wieder rauf in seinen Kopf, und er sagt, mit breitem Lächeln und voller Freude: »Ich liebe dich.« Sie wirft sich auf seine Schenkel, presst ihr Gesicht in seinen Schoß, drückt sich an ihn und sagt: »Du bist ein Verrückter, du bist durch und durch verrückt.« Dabei lacht sie, und er spürt ihren warmen Atem. Das Radio ist an, AFN bringt Parker. Krebs ist glücklich und greift sich die flache Flasche mit dem Calvados. »Nächste Woche sind wir in Amerika«, sagt er, »und wir werden uns mit Musik vollpumpen und in großen Hotelbetten liegen, und ich werde einfach in dich reinkriechen und von drinnen nach Champagner schreien.« Er drückt ihren Kopf in seinen Schoß, und sie lacht und beißt ihn und sagt: »Ich liebe dich.«

Als Krebs bei dem Gedanken angekommen war, sah er Massel. Der schräge Gang war nicht zu verkennen, genauso wie der Eierkopf und die dicke Brille. Massel hielt genau auf ihn zu, und Krebs sah überhaupt keine Fluchtmöglichkeit. Er rannte genau in ihn rein. Massel sah aus, als hätte jemand Zentnerschweres auf seinem Gesicht gesessen und dabei Zement gepupt. Zur Begrüßung sagte er: »Mann, ist das kalt.«

Krebs sagte: »Ja.«

Sie gingen zusammen die Straße runter, und der Eierkopf wackelte, die dicke Brille blinkte, und die bläulichen Lippen gaben eine saure Fahne frei, die Krebs, als sie ihn genau ins Gesicht traf, exakten Aufschluss über Massels Fressen und Saufen der letzten drei Tage gab. Er sagte: »Dir geht’s nicht schlecht, was?«

Massel erwiderte schlicht: »Ich war eingeladen.«

Krebs war ehrlich erstaunt. »Wer lädt denn dich ein?«

Ohne besondere Betonung sagte Massel: »Ein alter, blinder Schwuler, der gerade seine Rente abgeholt hatte.«

Krebs schluckte. »Du wirst es noch zu was bringen«, meinte er vorsichtig.

Sie überquerten den Fluss, und Krebs merkte, dass er dringend etwas zu trinken brauchte. Vor einem großen Haus blieben sie stehen, und Krebs zeigte nach oben. »Im dritten Stock läuft ’ne Festivität. Ich bin eingeladen und soll ’nen Kum pel mitbringen. Jede Menge Weiber da. Und reichlich zu fressen.« Er drückte auf einen Klingelknopf, und als der elektrische Öffner die Tür freigab, schob er Massel rein. »Sag denen, ich komm’ gleich, will mir nur schnell ’n bisschen Shit besorgen.«

»Okay«, sagte Massel und trabte los.

Krebs nahm eine Taxe. Die Wärme in dem Wagen stimmte ihn hoffnungsvoll. Sie hielten vor einem Haus, das die Würde einer in Ehren zerbeulten Mülltonne ausstrahlte, und Krebs kletterte durch verschiedene Geruchsschichten in den vierten Stock, machte eine Tür auf und sagte: »Morgen.«

Jemand plärrte: »Mach die Tür zu!« Es klang nach Panik.

Krebs ließ die Tür offen und trat in den Raum. »Ich bin der Geist von Foremans linker Hand«, erklärte er würdevoll, »also Vorsicht.«

Eine Frau mit rotem Haar und einem chinesischen Morgenrock trat auf ihn zu und sagte pikiert: »Wie siehst du denn aus? Nicht gepennt?«

»Ich war mit Massel«, antwortete er ohne Pathos.

»Das ist ’ne Erklärung!« Die Frau lachte. »Das ist wirklich ’ne Erklärung.«

»Ich finde das verdammt unfair, wie ihr mit Massel umgeht«, plärrte ein kleines graues Mädchen. Es saß ganz in die Ecke gedrückt, trug einen dicken Pullover und kratzte sich.

So was könnte Massels Pup-Partnerin sein, dachte Krebs.

»Ihr bildet euch wohl ein, ihr seid was Besseres, beschissen finde ich das, Massel ist ein verdammt netter Junge, der viel Liebe braucht und keiner Fliege was zuleide tut.« Das Mädchen hatte sich in Eifer geredet, und das graue Gesicht wies ein paar hektische Flecken auf.

»Dann lass dich doch mal von ihm vögeln und drück ihm seine Pickel aus«, sagte Krebs.

»Aber mit ’ner Zange«, grölte jemand aus dem anderen Zimmer, und Krebs dachte Gott sei Dank und ging schnell nach nebenan.

In einem dicken Sessel saß der Amerikaner und kramte gerade eine kurze Pfeife aus seinem Bart. Er war barfuß und hielt Krebs die Pfeife hin. »Kräftig saugen, Cancer«, grunzte er, »schmeckt wie Pussy.«

Krebs saugte und lutschte und schnupperte an der Pfeife.

»Stimmt«, sagte er und hatte einen schweren Verdacht.

Der Amerikaner grinste. »Ich wusste, dass du ein Gourmet bist, Cancer, mit dir kann man getrost die kleinen Freuden des Alltags teilen. Das Ding hat gerade eben in einer schönen roten Pussy gesteckt. Verfeinert den Geschmack.«

Krebs grinste glücklich und saugte kräftig an der Pfeife. »Du hast mir das Leben gerettet«, sagte er gerührt. Von nebenan kam Gekicher. Das Haschisch trocknete ihm den Mund aus, und Krebs bekam Durst. »Ich hab Durst«, sagte er.

»Es ist noch was Milch im Eisschrank«, plärrte die Graue von nebenan.

Krebs zuckte zusammen. »Wie heißt die eigentlich?«, fragte er.

Der Amerikaner guckte die Decke an und seufzte. »Die tote Traute.«

»Schöner Name«, sagte Krebs und griff dankbar die Calvadosflasche, welche die Rothaarige reinbrachte. »Auf ewige Jugend!« Er nahm einen einzigen Schluck. Er wusste, dass mehr ihn umhauen würde, Alkohol und Haschisch vertragen sich nicht, er hatte da ein paar überflüssige Erfah rungen. Aber er liebte das Gefühl, wenn der Stoff durch die Kehle lief, um dann sanft im Magen zu explodieren. Eigent lich wollte ich nur was trinken, dachte er, und jetzt bin ich schon wieder vollgedröhnt. Am frühen Nachmittag. Auch gut.

»Mir fällt gleich der Himmel auf den Kopf«, stöhnte der Amerikaner und befreite Krebs von seinen Selbstbetrachtungen. »Und immer, wenn mir der Himmel auf den Kopf fällt, krieg’ ich ’n Ständer.« Er zog die Rothaarige auf seinen Schoß.

»Du stinkst«, sagte die Rothaarige.

»Klar«, sagte der Amerikaner freundlich, »nach dir.«

Die Frau lachte und setzte sich rittlings auf ihn, das Gesicht ihm zugewandt. Krebs konnte nur ihren Rücken sehen. Er wusste, dass sie unter ihrem Rock nichts anhatte. Der Amerikaner zog in aller Ruhe seinen Hosenschlitz auf.

Die Rothaarige hob sich ein wenig und brachte alles in die richtige Stellung. Dann ließ sie sich sanft wieder runtergleiten. »Der ist drin«, sagte sie.

»Und ob«, grunzte der Amerikaner und legte den Kopf zurück. Er verhielt sich passiv und überließ alles der Frau.

Krebs sah ihren Rücken und ihre langsamen, kreisenden Bewegungen. Ihm taten die Eier weh. Vielleicht können wir ’ne Triole machen, dachte er, aber er verwarf den Gedanken sofort wieder und langte nach der Calvadosflasche. Auf dem Plattenspieler rotierte eine abgelaufene Platte. Krebs ging hin und legte die Nadel auf Anfang. Art Blakeys Drum Suite, The Sacrifice. Fünf melodische Paukenschläge als Einleitung für den Gesang des Zauberers, der Sänger wiederholt die fünf Töne, singt in Suaheli, erzählt von zwei Burschen, die den Krokodilen geopfert werden sollen. Die Menge antwortet ihm, und die Zeremonie nimmt ihren Lauf.

Krebs schloss die Augen und stellte sich vor, wie die Kroko dile zuschnappten. Vor allem schloss er die Augen, weil er den kreisenden Arsch der Frau nicht sehen wollte. Der Zauberer annoncierte »Mumba«, den Tod der beiden. Krebs sang die Worte mit, er kannte genau die Stelle, wo Candido Cameros Conga einsetzte. Es rüttelte ihn jedes Mal schockartig durch, und er spürte die Kraft, die diesen großen, glatzköpfigen Neger antrieb, einen Rhythmus aus einer einfachen Holztrommel herauszuprügeln, der alles mit sich fortreißt und einem keine Zeit mehr zum Denken lässt, ein gewaltiger Elefant, der in irrem Tempo durch den Wald jagt und durch nichts und niemanden aufgehalten werden kann und dem sich die anderen nur anschließen können, um mit ihm zu rennen, zu brüllen und zu toben. Art Blakey, Jo Jones, Charles Wright, Sabu Martinez, mächtige Zau berer, deren Trommeln selbst einen Weißen in den Bann ihrer Magie treiben können und ihn mitreißen, mitnehmen auf ihren Höllentrip zu Ehren dieser widerlichen, schmutziggrünen Ungeheuer, die ihre Zähne in die schreienden Opfer schlagen und sie auf den Grund des stinkenden Flusses ziehen, gnädig gestimmt jetzt, und die Trommeln toben ein Schwarzes Halleluja und feiern den glücklichen Verlauf der Zeremonie mit einem jubelnden Finale, wobei sich alle noch verbliebene Kraft der Trommler in einem letzten gewaltigen Schrei konzentriert, in den sich ein fürchterliches Gebrüll mischte, so dass Krebs erschrocken die Augen aufriss. Er brauchte eine Weile, um klarzusehen und auf den Boden der Tatsachen zurückzufinden.

Der Amerikaner saß in seinem Sessel und glotzte auf sein Ding, das in voller Pracht aus dem Hosenschlitz rausragte.»Sie kann sich einfach nicht dran gewöhnen, dass ich ihr das Ding auch gerne mal ’ne Etage tiefer reintu«, meinte er betrübt.

Von nebenan kam die Stimme der Rothaarigen. »Mit dem Prügel kannst du’s mal bei einer Kuh versuchen, aber nicht bei mir.« Sie kam ins Zimmer gerauscht und wies mit dramatischer Gebärde auf den noch immer prächtigen Ständer. »Guck dir das an, Krebs, hab ich recht, oder was ist?«

»Kann ich nicht sagen«, meinte Krebs, »müsste mir erst mal ’n genaues Bild machen, kleine Ortsbesichtigung sozusagen. Heb mal den Rock hoch.«

Die Frau sah ihn ziemlich scharf an.

Krebs lehnte sich zurück und sagte: »Vielleicht wäre ein Dehntest angebracht.«

»Stimmt«, fiel der Amerikaner begeistert ein.

»Ihr Böcke«, sagte die Frau. »Gib mir mal die Flasche.«

Krebs gab ihr voll Mitgefühl die Flasche, und sie nahm einen ordentlichen Schluck. »Ist ja nicht so, dass ich’s nicht gern hab’, aber mit dem Gerät bringt er mich um.«

Das Gerät war langsam in sich zusammengefallen, und der Amerikaner machte sich nicht die Mühe, es zu verpacken. Er sagte »Mist« und griff sich die Flasche.

»Schon mal Öl probiert?«, fragte Krebs teilnahmsvoll.

»Kommt nicht in Frage«, sagte die Rothaarige entschieden, »mit dem nicht.«

»Schlimmer Fall.« Der Amerikaner klang betrübt. »Was soll man machen?«

»Gibt nur eins«, Krebs war jetzt einigermaßen aufgepulvert, »Gewalt.«

Der Amerikaner nickte begeistert und grinste listig die Frau an.

Die Frau ließ einen fahren und ging raus. »Ihr seid Schwach köpfe«, rief sie von nebenan, »mein Gott, seid ihr Schwachköpfe.«

»Hier stinkt’s«, sagte Krebs, »lass uns abhauen.«

Der Amerikaner packte sein Ding ein, stieg in ein paar mächtige Gummigaloschen, und sie zogen los.

»Na, ihr Arschficker«, krähte die kleine Graue und kratzte sich.

Sie gingen raus und ließen die Tür offen.

»Tür zu!«, schrie die Graue. Es klang nicht mehr so nach Panik.

Sie arbeiteten sich durch den Mief nach unten. Oben knallte eine Tür. Sie hielten eine Taxe an, und gerade als sie einstiegen, bog Massel um die Ecke.

»Abfahren«, sagte Krebs und lehnte sich bequem zurück.

Massel sah missmutig aus, als sie an ihm vorbeifuhren. Der Amerikaner fischte die Calvadosflasche aus seinem Mantel, und Krebs nahm einen kräftigen Schluck. Er schloss die Augen. Egal, dachte er und fühlte, wie das Zeug runterlief und Hitze im Magen verbreitete.

»Gib mir mal ’n Schluck«, sagte der Fahrer.

Krebs reichte ihm die Flasche. Der Fahrer ließ laufen, ohne zu schlucken. Der Amerikaner staunte. »Wie machst du das?« fragte er. Er war ernsthaft interessiert.

»Training«, sagte der Fahrer nicht ohne Stolz. »Kann nüchtern nicht fahren. Hab ’nen fürchterlichen Tatter, wenn ich nüchtern bin. Bring’ den Zündschlüssel nicht rein.«

»Und jetzt, wie läuft’s?«

»Alles klar, bin total besoffen. Fahr’ wie ’n junger Gott.«

»So siehst du auch aus«, sagte Krebs, als sein Blick den wässrigen Glubschaugen des Fahrers im Rückspiegel begegnete. Sie überholten gerade einen Lastwagen mit Anhänger. Krebs sah die großen Räder dicht neben sich auftauchen und hatte ein flaues Gefühl im Magen. Als sie vorbei waren, drehte sich der Fahrer um und zeigte drei oder vier schwarze Zähne.

»Du bist ’n Weltmeister«, sagte der Amerikaner.

Als sie vor der Kneipe hielten, überkam Krebs ein Gefühl von Dankbarkeit. Sie stiegen aus und ließen die Türen weit offen.

»He, zahlen«, schrie der Fahrer.

»Geld gibt’s am Ersten«, schrie der Amerikaner zurück.

Sie umrundeten die Kneipe, und als sie die Rückfront erreicht hatten, hörten sie deutlich die Trommeln. Sie blieben stehen und lauschten. Jemand variierte ein Thema aus den Vodu-Zeremonien der Oriente-Kubaner.

»Er kann wirklich spielen«, murmelte der Amerikaner.

»Und ob«, sagte Krebs. Er zog ein Feuerzeug aus der Tasche und schlug einen passenden Rhythmus gegen die Hintertür. Genau acht Takte nach seinem Einsatz kam von drinnen eine Schlussphrasierung, und das Spiel brach ab. Vorne auf der Straße wurde ein Motor strapaziert und Reifen kreischten. Die Tür wurde geöffnet, und sie standen einem kleinen grauhaarigen Neger gegenüber. Der Neger schwitzte, und seine Augen waren halb geschlossen. Er grinste und machte eine Bewegung mit dem Daumen. Sie folgten ihm in die Kneipe, und Krebs schloss sorgfältig die Tür. Der Neger war hier Faktotum, und nachts, wenn Betrieb war, leerte er die Aschenbecher und wischte die Tische ab. Drinnen brannte eine einzelne Lampe, und in einem Aschen becher glimmte ein kleines Feuer, von dem eine feine, weiße Rauchsäule aufstieg. Die beiden beugten sich über den Aschenbecher und sogen mit kräftigen Zügen den Rauch in ihre Lungen. Als Krebs sich aufrichtete, war ihm schwindlig. Er versuchte ruhig zu atmen und alles unter Kontrolle zu bringen. Der Neger beobachtete ihn lächelnd. Krebs sah den Neger, dessen Lächeln den ganzen Raum zu füllen schien, und sein Blick saugte sich an ihm fest und tauchte in den Bann der freundlichen, braunen Augen, die alles wieder in Ordnung brachten. Er ging auf ihn zu und umarmte ihn. Sie redeten nie viel miteinander. Lieber spielten sie. Sie spielten Rhythmen aus dem Vodu-Kult der Oriente-Kubaner; Krebs und der Amerikaner hatten lange gebraucht, um sie zu lernen, aber der Neger war schafsgeduldig gewesen, und irgendwann hatten sie es kapiert.

Der Neger war lange von zu Hause weg, und diese beiden Weißen hatten etwas von dem, was er dringend zum Leben brauchte. Feeling. Er war froh darüber. Er leerte Aschenbecher und wischte Tische ab, und nur einige wenige hatten begriffen, dass er ein großer Trommler war. Für große Tromm ler gab es nichts zu tun in dieser Stadt. Und noch einmal den Pappkoffer packen und wieder auf die Walze gehen, wollte er nicht. Für alte schwarze Trommler ist eine Stadt so gut wie die andere.

Als Krebs die große Holztrommel zwischen die Knie nahm, zitterten seine Oberschenkel. Er kannte das, die gleiche Erregung packte ihn jedesmal, und er hielt die Trommel mit den Beinen fest und legte beide Hände flach auf die Eselshaut. Den Kopf vorgebeugt, starrte er auf seine Hände und wartete darauf, dass sein Herzschlag sich beruhigen und die Ruhe über ihn kommen würde.

Der Neger beobachtete seine beiden Partner, die mit vorgeneigten Köpfen, die Trommeln leicht schräg zwischen den Knien haltend, ihre Hände anstarrten.

Die Trommeln waren aus starkem, dunklen Holz gemacht, bauchig in der Mitte und sich nach unten verjüngend, schwarzbraun mattglänzend und mit vier soliden Metall ringen beschlagen, die das Dehnen des kostbaren Materials verhindern, Instrumente von großer Schönheit, und für den, der mit ihnen umzugehen versteht und sie richtig behandelt, der direkte Weg zu seinem Gott.

Der Neger war diesen Weg viele Male gegangen, und deshalb konnten ihm volle Aschenbecher und dreckige Tische nichts anhaben. Am Anfang war die Musik seine Heimat gewesen. Allgegenwärtig, ließ sie die amerikanischen Touristen den Eindruck haben, dass auch die Ärmsten in ihren Wellblechhütten glückliche Kreaturen seien. Jede Konservendose, jede Coca-Cola-Flasche war ein Instrument. Er brauchte Musik nicht zu lernen, sie war ein Teil von ihm und verlangte ihm keine besondere Anstrengung ab. Man spielte Musik, im besten Sinne des Wortes, ohne Konkurrenzdenken, um ihrer selbst willen, miteinander.

Später, als einige respektable alte Männer, vor denen er immer eine gewisse Scheu hatte, sich darüber im Klaren waren, dass er ein guter Trommler werden würde, nahm man ihn mit zu den Zeremonien. Das Blut des Hahnes ist in seinem Gedächtnis, und das Schreien der Frauen. Und das endlose Trommeln. Aber darüber kann er nicht reden. Wie soll er einem Weißen klarmachen, dass es einen Zustand gibt, in dem das Körperliche aufhört und man ein Teil der Musik geworden ist. Das glaubt einem keiner. Oder wenige. Ein paar kennen es. Es hat keinen Zweck, darüber zu reden.

Der Neger strich mit der Kuppe seines rechten Mittelfingers sanft über das Fell seiner großen Trommel. Es gab einen tiefen singenden Ton, und Krebs hatte das Gefühl, sein ganzer Brustkorb sei ein einziger Resonanzkörper. Der Ton traf ihn in einem Moment, den der Neger ausgesucht hatte, und ließ alles in ihm vibrieren, und ein befreiendes Grunzen kam aus seiner Kehle, so eine Art unterdrückter Freudenschrei; er wusste, dass es jetzt losging, und seine Hände reagierten, bevor sein benebeltes Hirn einen Befehl geben konnte, tobten in wildem Stakkato über die bretterharte Eselshaut, wie unkontrolliert hohe und tiefe Töne aneinanderreihend, um nach exakt acht Takten von einem tiefen singenden Ton sanft daran erinnert zu werden, dass die Fixpunkte gesetzt waren. Sein Kopf wusste jetzt um die nächsten acht Takte, an deren Ende eine schöne, logische Phrasierung dem Amerikaner seinen Einstieg in die Zeremonie ermöglichen musste, und mit einem Schrei, der ihn von allen Leiden befreite, markierte er den Auftakt zu dem Spiel des Partners, und er fühlte eine wilde Art von Glück in sich aufsteigen, als der Amerikaner im richtigen Moment einsetzte, und die drei tauchten in die Musik, und alles war gut.

Zug nach Norden

Er war fünfunddreißig Jahre alt und trug immer noch die Lederjacke, die er vor zwanzig Jahren in einem Warenhaus gestohlen hatte. Damals musste er sie einfach haben, sie glich der Jacke, die Marlon Brando in dem Film »Der Mann in der Schlangenhaut« getragen hatte, und als er sie das erste Mal anzog, war er Brando schon etwas näher. Er stand mit mürrischem Gesicht in Kneipen und Spielhallen herum und dachte an Anna Magnani. Sie hatte ihm sehr gefallen in dem Film, sie hatte etwas, das ihn anzog, er wusste nicht, was es war, er fühlte es einfach und hatte Verlangen danach. Er suchte dieses herbe Gesicht in der Menge, und einige Male fand er es, und dann ließ er nicht locker, bis er es zwischen seinen Händen hielt, um in den dunklen Augen nach dem zu forschen, das die Italienerin so anziehend machte und das unaussprechlich war. Aber er fand es nicht.

Er war fünfunddreißig Jahre alt und hatte es nicht gefunden, doch er wusste, dass es existierte, und dass er es irgendwann finden würde. Über das Wie und Wo machte er sich keine Gedanken, es würde sich ergeben, dachte er, irgendwo in einem Dorf in den Bergen vielleicht oder bei einem Stierkampf oder in einem der billigen Hotels, in denen er immer ab stieg. Mitunter stellte er sich vor, wie es sein würde, und der Gedanke daran verschaffte ihm ein angenehmes Gefühl. Die meisten Frauen bedeuteten ihm nicht sehr viel, er nahm sie, wenn es einfach und ohne Mühe war, und vergaß sie schnell, weil sie nicht das hatten, was er suchte. Das, was er suchte, hatte keinen Namen, er bedauerte es, aber er wusste, dass er es nicht ändern konnte, denn Bezeichnungen wie »Klasse«, »Qualität«, »gewisses Etwas«, schienen ihm nicht angebracht. Es existierte einfach, und man erkannte es und konnte nicht darüber reden. Einige Zigeu nerinnen hatten es, er hatte sie tanzen sehen und es stark ge fühlt, und er hätte gern etwas mit ihnen angefangen, aber sie beachteten ihn nicht. Weil sie nicht durften, wie er wusste.

Er legte das Buch, in dem er während der letzten beiden Stunden gelesen hatte, neben sich auf den Sitz und griff nach der Ginflasche. »Warmer Gin und ein spanischer Sommertag sind eine unschlagbare Kombination«, dachte er und ließ den Wacholderschnaps in kleinen Schlucken durch die Kehle laufen. Er war allein im Abteil und hatte die Füße auf den Sitz gegenüber gelegt, und der Zug fuhr ohne Eile nach Norden. Das Land zu beiden Seiten war flach und grünbraun, aber die Olivenhaine waren immer sehr grün, und einige hatten weiße Windmühlen in ihrer Nähe, und wenn der Mann in der Schlangenhaut sie sah, dachte er an den Ritter von der traurigen Gestalt. Der Ritter war ihm sympathisch, weil er ein Einzelkämpfer und immer unterwegs gewesen war, und er dachte, dass Don Quijotes Dulcinea von Toboso und seine Anna Magnani einen fahrenden Ritter ganz schön auf Trab halten können. Er hatte den »Don Quijote« zweimal gelesen, und beide Male hatte ihm der Schluss nicht gefallen. Ihm gefiel nicht, dass der Ritter am Ende als ganz normaler, klarsichtiger Biedermann auf dem Sterbebett liegen und erkennen musste, dass seine Taten nicht, wie er am Anfang gehofft hatte, in Marmor gemeißelt würden. Der Einzelkämpfer, der unbeirrt seinen Träumen und Idealen gefolgt war, ließ sich die Beichte abnehmen und machte ein biedermännisches Testament. Weil er wieder normal geworden war, wie er sagte. Für seine Reisen und Abenteuer schämte er sich, er nannte sie Albernheiten. Und um den Mann, der gegen Riesen und unzählige Feinde gekämpft hatte, ganz vergessen zu lassen, nannte er sich wieder mit seinem richtigen Namen »Alonso Quijano« – Der Gute. Schade, dachte der Mann in der Schlangenhaut, ich hätte ihm gewünscht, als Don Quijote zu sterben. Muss grässlich sein, eines Tages aufzuwachen und festzustellen, dass man alles falsch gemacht hat. Oder den falschen Traum geträumt. Den unerfüllbaren.

Er schraubte den Verschluss wieder von der Ginflasche und nahm einen langen Schluck. Es schmeckte nicht besonders gut, und er schüttelte sich. Der Gin war zu warm. Der Zug verlangsamte seine Fahrt, und er nahm die Füße von dem Sitz. Vielleicht kann man am Bahnhof kaltes Bier kaufen, dachte er. In seiner Vorstellung waren es schöne, grüne, beschlagene Flaschen, aus denen das Bier kalt und fast schmerzhaft durch die Kehle lief. Die Bahnstation wurde sichtbar, ein flaches, ockerfarbenes Gebäude mit einem Vordach, das von dünnen, gusseisernen Pfeilern getragen wurde. In seinem Schatten standen ein paar Leute neben ihren Bündeln und Koffern und warteten auf den Zug. Hinter der Station war eine schmale, staubige Straße, die parallel zu den Gleisen verlief und nach einigen hundert Metern mit einem scharfen Knick nach links als heller Strich durch grüne, sanft geschwungene Hügel schnitt. Er wusste, dass hinter den Hügeln eine kleine Stadt lag, und jenseits der Stadt, ein paar Kilometer nach Westen, lag ein Dorf, das er bis zum Abend erreichen wollte. In dem Dorf wohnte ein Mann, der ihn sprechen wollte – der Brief hatte ihn in Jerez erreicht. Sicher gibt es einen Bus, dachte er. Er war noch nie in dieser Gegend gewesen und kannte die Verhältnisse nicht, aber er war schon in vielen Gegenden gewesen, ohne die Verhältnisse zu kennen, und nach zwei Tagen an einem Ort wusste er über die wichtigsten Dinge Bescheid. Die wichtigsten Dinge waren die Verkehrsverbindungen, die Schlafmöglichkeiten und die Polizei. Er verstaute die flache Ginflasche und das Buch in seiner Jacke und nahm die kleine Reisetasche aus dem Gepäcknetz. Der Zug hielt mit einem Ruck, und er musste sich festhalten. Als er auf den Bahnsteig trat, spürte er die Hitze. In seinem Abteil mit dem offenen Fenster war es angenehm gewesen, weil der Fahrtwind Kühlung gebracht hatte, aber hier auf dem Bahnsteig war es heiß und hell, und die Hitze ließ die Konturen verschwimmen. Er kniff die Augen zusammen und ging schnell in den Schatten. Die fünf oder sechs Leute waren mit ihren Bündeln und Koffern in den Zug geklettert, und er sah, dass außer ihm niemand ausgestiegen war.

Ein großer, dicklicher Mann, der unter seiner offenen Eisenbahnerjacke ein grauweißes Unterhemd trug, musterte ihn neugierig, und ihm war klar, dass er sich diese Prüfung gefallen lassen musste. Es war auf allen kleinen Bahnhöfen das Gleiche. Mitunter versuchten sie, ein Gespräch anzufangen, oder sie gingen gleich ans Telefon und riefen ihre Freun de von der Guardia an. »Da ist einer angekommen, den man vielleicht im Auge behalten sollte; ein Ausländer. Trägt andalusische Stiefel und eine Jacke, die wie Schlangenhaut aussieht. Sieht irgendwie seltsam aus. Man kann nie wissen …« Er wusste von diesen Spitzeldiensten, aber es machte ihm nichts aus, und wenn sie ihn kontrollierten, ließ er es still und ohne zu lächeln über sich ergehen. Er trat in das Halbdunkel der kleinen kühlen Wartehalle, und als er den geschlossenen Billettschalter sah und die Tafel, auf der sie mit Kreide die An- und Abfahrtszeiten notiert hatten, vergaß er das kalte Bier und die schönen, grünen, beschlagenen Flaschen. Der einzige Kühlschrank gehörte sicher dem Mann in der Eisenbahnerjacke.

Hinter sich hörte er einen Pfiff und dann das Anfahren des Zuges. Er durchquerte die Halle, vorbei an einigen Hühnern, die zusammengedrängt unter einer Holzbank saßen, und trat durch die Tür, die zur Straße führte. Der kiesbestreute Platz vor dem Bahnhof war leer, aber an den tiefen Reifenspuren konnte er erkennen, dass hier ein Bus verkehrte. Ein Halteschild mit An- und Abfahrtszeiten gab es nicht. In der Ferne, wo das flache Land in sanft geschwungene Hügel überging, sah er eine Windmühle, deren Rad mit den kleinen weißen Segeln sich langsam und fast unmerklich drehte.

Wenig Wind, dachte er, und lehnte sich gegen die sonnenwarme Wand der Wartehalle. Er kramte Tabak und Papier aus seiner linken Hosentasche und drehte sich eine Zigarette, und dabei horchte er auf das Geräusch des sich entfernenden Zuges. Es klang wie Hufschlag und ließ ihn an das hässliche Pferd mit dem klangvollen Namen denken, das den Ritter so ergeben über dieses Land getragen hatte. Er lächelte und nahm die Ginflasche aus der Jacke. Als er den Verschluss aufdrehte, hörte er Schritte in der Wartehalle. Er nahm einen Schluck und verstaute die Flasche wieder in der Jacke.

»Warten Sie auf den Bus?« Die Stimme des Bahnhofsvorstehers klang wie die Stimme eines Mannes, auf dessen Befehl sich herumlungernde Säufer aus der Kühle der Wartehalle in die Felder jenseits der Straße flüchteten. Er hatte die Hände in den Taschen seiner weiten Hose vergraben und starrte abwechselnd auf die Schlangenhautjacke und auf das Gesicht darüber, und als er in die hellen Augen sah, drehte er den Kopf und spuckte durch die Zähne auf den Boden. »Der Bus fährt heute nicht«, sagte er mit einem Lächeln, »Streik.«

Der Mann in der Schlangenhaut stieß sich von der Wand ab und sagte: »Danke für die Auskunft.« Er ging über den kiesbestreuten Vorplatz, und als er auf die Straße trat, wirbelten kleine Staubwolken um seine Stiefel, und nach einigen Schritten lag eine dünne, hellgraue Schicht auf dem braunen Leder. Er ging, ohne sich umzusehen. Der Bahnhofsvorsteher sah ihm nach, er fühlte den Blick in seinem Rücken, und er fragte sich, ob der Mann die Guardia anrufen würde. Die Guardia streikt nie! Er stellte sich vor, wie es diesmal sein würde. Vielleicht würden sie ihm auf der Straße entgegenkommen, ein grüner Jeep in einer hellen Staubwolke, und der Ranghöchste, meistens der mit dem dicksten Bauch, würde die Fragen stellen und mit ernster Miene in dem abgegriffenen Pass blättern. »Machen Sie bitte Ihre Tasche auf.« Und dann die Überraschung, wenn sie das dicke Buch in den Händen hielten. »Sie lesen den Don Quijote auf Spanisch?« »Ja, auf Spanisch.«

Es war eine Lüge, er konnte nicht besonders gut Spanisch lesen, aber sie glaubten ihm und waren beeindruckt. Ein Ausländer, der dieses gewaltige Werk auf Spanisch liest. Sie nahmen das als Kompliment für ihr Land und es bestärkte sie in ihrem Nationalgefühl, und meistens ließen sie ihn dann gehen. Wie blöde sie sind, dachte er, und dabei einfallsreich und grausam. Er kniff die Augen zusammen und starrte auf den Punkt, wo die Straße sich mit dem Horizont vereinte. Aber da war keine Staubwolke und kein Jeep. Nur die schnurgerade, schattenlose Straße. Er fühlte Schweiß unter den Achseln und auf seinem Gesicht, und seine Augenlider schmerzten und wurden schwer. Gin und ein spanischer Sommertag, dachte er, sind eine unschlagbare Kombination. Er wusste, dass es gegen alle Regeln der Vernunft gewesen war, die kühle Bahn station zu verlassen und unter dem unbarmherzigen, spanischen Himmel durch das Land zu marschieren, aber er hatte oft gegen die Vernunft gehandelt und es selten be reut. Und er wusste, dass er sein Ziel bis zum Abend nicht erreichen würde. Dass ein Auto vorbeikommen könnte, dessen Fahrer für einen Fremden in einer Schlangenhautjacke den Fuß auf die Bremse stellt, schien ihm unwahrscheinlich.

Ich hätte Wasser mitnehmen sollen, dachte er. Er war durstig und müde, und gerade als er anfing, sich über das vergessene Wasser zu ärgern, hörte er das Auto. Er drehte sich um und sah eine helle Staubwolke, die schnell näher kam, und dann sah er einen kleinen Renault vor der Staubwolke, und er hob seinen rechten Arm und winkte. Der Renault hielt neben ihm, und durch die staubigen Scheiben sah er undeutlich eine Frau. Er öffnete die Beifahrertür, und bevor er seine Bitte vortragen konnte, sagte die Frau: »Steigen Sie ein.« An ihrem Akzent hörte er, dass sie Französin war. Er glitt schnell auf den Sitz neben sie und sagte auf französisch: »Danke, sehr freundlich.« Die Frau sah ihn an, so, als hätte sie ihn nicht richtig verstanden, und dann schlug sie mit der Hand leicht gegen das Lenkrad und lachte: »Nom de Dieu. Jetzt lebe ich zehn Jahre in diesem Land und habe immer noch meinen verdammten Akzent. Sie haben es sofort gehört, nicht wahr?« – »Ja«, sagte er, »es klingt sehr schön, und Sie haben keinen Grund, sich zu ärgern.« – »Dios, Sie sind ein höflicher Mann. Wenn Sie jetzt die Tür schließen, können wir fahren.« Er schloss die Tür und dachte, das könnte sie sein. Sie hatte etwas von dem, was er suchte, er hatte es gleich ge fühlt, als er zu ihr in den Wagen gestiegen war, und jetzt, nachdem sie zu ihm gesprochen hatte, war er sich dessen fast sicher. Es war weniger die Ähnlichkeit mit der Frau, die er vor zwanzig Jahren in einem Film gesehen hatte, es war etwas anderes, etwas, das keinen Namen hatte und mit Worten nicht beschrieben werden konnte. So hatte er es immer genannt. Sie fragte ihn nicht, wer er sei und woher er komme, und er war ihr dankbar dafür. Sie sprach von ihrem Leben in der Mancha und erzählte ihm von dem Haus, in dem sie allein mit ein paar Hunden wohnte und Bilder malte, und von dem alten Mann, der Lorca gekannt und für die Republik gekämpft hatte.

Der alte Mann hielt ihren Garten in Ordnung, und der Garten und Francos Tod waren die Freuden, die ihn am Leben hielten. Ihre Bilder verkaufte sie an einen Händ ler, der sie betrog, aber es war ihr gleichgültig, sie konnte davon leben, und Freiheit hat eben ihren Preis.

Warum erzählt sie mir das alles, dachte der Mann in der Schlangenhaut. Er betrachtete die Frau von der Seite und lauschte dem Klang ihrer Stimme. Die Frau spürte den Blick und drehte den Kopf. Er sah in ihre Augen, braune, südländische Augen mit einer Spur von Wissen und Spott, und hinter dem Spott sah er das, nach dem er so lange gesucht hatte. Jetzt war er sicher. Die Frau lachte.

»Sie fragen sich, warum ich Ihnen das alles erzähle, nicht wahr?« – »Nein, ganz bestimmt nicht, ich höre Ihnen nur zu.« Er wollte, dass sie weiterredete, weil er selbst nicht sprechen wollte. Die Hitze und der Gin hatten ihn aus dem Gleich gewicht gebracht, und seine Augenlider schmerzten und waren schwer vor Müdigkeit. Er wusste, dass er jetzt nicht reden konnte, es hätte ihn angestrengt, und das Gesagte wäre sicher nicht so gewesen, wie er es sich für diese Begegnung gewünscht hätte. Schweigen und Zuhören, dachte er, ist jetzt der kleinste Fehler, den ich machen kann. Seine einzige, wirkliche Sorge war, dass die Frau vielleicht eine empfindliche Nase haben könnte. Man selbst riecht es nicht, aber für andere kann es ekelhaft sein. Der Gedanke gefiel ihm nicht, und er atmete vorsichtig, mit festgeschlossenen Lippen. »Sie sind wirklich sehr höflich«, sagte die Frau ohne Spott. »Ich habe lange nicht französisch gesprochen, und jetzt rede ich, weil es mir Spaß macht.« – »Reden Sie«, sagte er mit einem Lächeln, »es macht mir Spaß, Ihnen zuzuhören.«

Er hatte nicht das Gefühl, die Unwahrheit zu sagen. Wie müde ich bin, dachte er, ich muss aufpassen, dass ich keinen Unsinn rede. Er blickte nach vorn, auf das helle Band der Straße und auf den Horizont, der sich scharf und klar gegen den tiefblauen Himmel abhob. Als die Horizontlinie unscharf wurde und sich verdoppelte, schloss er die Augen und atmete tief und gleichmäßig durch die Nase. Neben sich hörte er die Stimme der Frau, die von ihrem Leben in Spanien erzählte, in dem ein Haus, ein paar Hunde und ein alter Mann, der Lorca gekannt hatte, anscheinend eine große Rolle spielten. Sie sprach wie jemand, der lange nicht geredet hat. Und sie stellte keine Fragen. Der Mann öffnete die Augen, und die Horizontlinie war wieder scharf und klar. Er hatte von dem, was die Frau gesagt sagte, das meiste nicht richtig wahrgenommen. Aber ihre Stimme gefiel ihm. Eine klare Stimme mit dem harten Akzent der Südfranzosen. Wunderbar, dachte er und fühlte, wie seine heißen Augenlider schwer wurden, eine wunderbare Stim me. Ich habe noch nie eine so wunderbare Stimme gehört. Die Horizontlinie wurde wieder unscharf, und er schloss die Augen und atmete ganz langsam und gleichmäßig durch die Nase. Gin und ein spanischer Sommertag, dachte er dabei, ich muss das hier unter Kontrolle haben. Ich habe lange auf sie gewartet. »Sie müssen mich besuchen«, hörte er die Frau sagen, »ich bin eine gute Köchin, und wir könnten im Garten sitzen und zu Abend essen.« Sicher, dachte er und atmete immer noch tief und gleichmäßig durch die Nase. Im Garten. Ganz bestimmt.

Die tuchbespannten Flügel der großen Mühle drehten sich langsam im Wind, und als der Ritter die Lanze senkte, hörte der Mann in der Schlangenhaut eine Stimme, die aus weiter Entfernung zu kommen schien. Er öffnete mühsam die Augen, und undeutlich, verschwommen sah er Häuser und Menschen und einen Esel, der einen Karren zog. »Wir sind da«, hörte er die Stimme jetzt dicht neben sich, »hier ist Ihre Tasche.« Seine Augen schmerzten, und er fühlte klebrigen Schweiß auf seinem Gesicht und auf der Brust, überall Schweiß, und er wusste, dass er lange geschlafen hatte. Eine knappe Stunde vielleicht und sicher, wie immer, mit offenem Mund, schwitzend und nach Gin stinkend. Er fühl te, wie das Blut ihm ins Gesicht stieg. »Hier ist Ihre Tasche«, wiederholte die Frau. »Danke«, sagte er mit einiger Anstrengung, ohne die Frau anzusehen. Er wusste, wie sein Gesicht jetzt aussah. Er hätte gern mehr gesagt als »Danke«, aber sein Kopf war dumpf und ließ ihn im Stich. Er nahm die kleine Reisetasche aus den Händen der Frau und kletterte schwerfällig und steif aus dem Wagen. »Danke«, sagte er noch einmal, als er neben dem Wagen stand, und dabei merkte er, dass er jetzt spanisch sprach. Die Frau beugte sich über den Beifahrersitz und schloss die Tür.

Am nächsten Tag verkaufte er die Schlangenhautjacke an einen Zigeuner, der mit Pferden handelte und der ihn am Abend, nach einer ausgiebigen Trinkerei, mit seinem amerikanischen Auto zum Bahnhof brachte. Er nahm einen Zug, der nach Norden fuhr, in eine Gegend, die er noch nicht kannte.

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