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Siebzehn Wege zu Yin oder Yang

Sehnsucht nach Bolgatanga

Grace seufzte. Das junge Mädchen hatte mal wieder einen schrecklichen Tag gehabt. Dennoch hatte sie ihren Soll erfüllt, was ihr nicht immer gelang. Jetzt lebte sie schon fast ein Jahr in Deutschland, diesem kalten, nassen Land. Sie sehnte sich nach ihrer Heimat. Dort hatte sie als Älteste von acht Geschwistern in Bolgatanga im Norden von Ghana gelebt, nahe an der Grenze zu Burkina Faso.

Seit die Eltern vier Jahre zuvor gestorben waren, hatte sich Onkel Opoku um die Familie gekümmert. Allerdings war das Geld knapp, er und seine Frau Ernestina hatten selber sechs Kinder. Grace hatte keinen Verdacht geschöpft, als sie mit ihrem Onkel diesen kleinen Laden betrat. Dass dieser in Wirklichkeit einem Voodoo-Priester gehörte, ahnte die junge Frau nicht. Der Trank, den er ihr gab, hatte sehr bitter geschmeckt. Die Schwüre, die der Mann danach aussprach, vernahm sie schon nicht mehr. Ihr wurde schwarz vor Augen.

Sie erwachte erst wieder, als sie im Flugzeug saß, in Begleitung eines ihr unbekannten, älteren Mannes. Dieser blickte finster. Grace wollte schreien und auf sich aufmerksam machen, doch das gelang ihr nicht, ebenso wenig wie den anderen jungen Mädchen. Man hatte sie mit dem Zauber gefügig gemacht, um sie nach Deutschland und Frankreich zu verschleppen. Dort wurde die Gruppe getrennt und in verschiedene Bordelle gebracht, die auf dunkelhäutige, sehr junge Mädchen spezialisiert waren. Grace landete in einer riesigen Stadt, die Köln genannt wurde.

Man hatte ihr einen gefälschten Pass verschafft und sie somit zwei Jahre älter gemacht. Ebenso falsch war die Aufenthaltserlaubnis. Frank, ihr Zuhälter, hatte gute Beziehungen zur Ausländerbehörde. Bestechung war dort an der Tagesordnung. Offiziell arbeitete Grace als Reinigungskraft. Diese Tätigkeit hätte sie gerne in Wirklichkeit ausgeübt. Das war immer noch besser, als das, was sie täglich tun musste. Viele Kunden gingen äußerst brutal vor, mit Billigung von Frank. Ihr ganzer Hass richtete sich gegen ihn und auch gegen Onkel Opoku. Doch der Zauber des Voodoo-Priesters war so stark, dass sie sich nicht auflehnen konnte, obwohl sie es wollte.

Aber in ihren Träumen kehrte sie in ihre Heimat zurück. Sie war denn wieder das kleine Mädchen, das von der Mutter das Haar geflochten bekam. Grace war da glücklich. Doch nach dem Erwachen kehrte die brutale Realität zurück. Mit den anderen Mädchen hatte Grace wenig Kontakt, das wurde auch nicht gerne gesehen. Das änderte sich als Sophia dazu kam, die ein ähnliches Schicksal hatte. Sie kam ebenfalls aus Ghana, aber aus Asokore in der Ashanti-Region im Süden des Landes. Auch sie war mittels Voodoo-Zaubers gefügig gemacht und nach Deutschland verschleppt worden, allerdings reiste sie erheblich unbequemer in einem Container per Schiff an.

Sophia wurde eine Art Schwester für Grace. Wann immer es möglich war, unterhielten sich die beiden jungen Mädchen über ihre Heimat, ihre Ängste und ihre Zukunftsträume. Nachdem Grace herausgefunden hatte, dass die Trennwand zwischen ihrem Zimmer und dem von Sophia nur aus dünnem Sperrholz bestand, bohrte sie mit dem Essbesteck ein Loch in die Wand. Fortan nutzen die beiden jede freie Minute für die Kommunikation.

„Morgen haben wir vielleicht frei“, sprach Grace zu Sophia auf Englisch. Diese antwortete verwundert: „Wirklich? Ich habe hier noch keinen Tag frei gehabt, seit ich hier bin. Woher weißt du das?“

„Morgen ist hier in Köln Rosenmontag. Da kommt kein Kunde, das hat mir Tobias gesagt.“

„Dein Stammfreier? Und was bedeutet Rosenmontag?“

„Das ist Karneval, alle verkleiden sich und trinken viel Alkohol. Niemand geht ins Puff.“

Grace sollte tatsächlich Recht behalten. Frank hielt am nächsten Tag eine kurze Rede, in der er den Mädchen erklärte, dass heute nur die Hälfte von ihnen ihre Dienste anbieten musste. Diejenigen, die in letzter Zeit besonders viel eingenommen hatten, hatten frei. Die Glücklichen konnten das kaum fassen und juchzten vor Begeisterung auf. Grace und Sophia waren in der Gruppe, die nicht arbeiten mussten.

Sie fuhren mit der U-Bahn bis zum Hauptbahnhof. Als gläubige Christin wollten sie den Tag nutzen, um im Kölner Dom zu beten. Als sie gerade das Gebäude betreten wollten, wurden die Mädchen mit barscher Stimme von einem Mann in einem schwarzen Gewand aufgehalten: „Also, das geht nun wirklich nicht. Auch wenn wir Karneval haben, in dieser Verkleidung könnt Ihr den Kölner Dom nicht betreten. Das entspricht nicht der Würde eines Gotteshauses“, sagte dieser. „Wenn Ihr feiern wollt, dann tut das wie alle anderen auch, also auf der Straße oder in einer Gaststätte.“ Grace wollte etwas einwenden, als sie von einem anderen Mädchen angesprochen wurde. „Na, Mädels, macht Euch nichts draus, was dieser alte Sack sagt. Kommt mit, ich zeige Euch, wo hier so richtig die Post abgeht. Ich heiße übrigens Tanja und komme aus Göttingen. Ihr seid ja richtig toll verkleidet. Als Nutte zum Karneval zu gehen – das hat doch etwas.“ Grace antwortete: „Wir sind nicht verkleidet, wir...“ Tanja lachte. „Humor habt Ihr auch. Das ist wirklich lustig. Aber kommt mit, da drüben ist eine prima Kneipe. Wir sollten ein paar Kölsch trinken.“

Grace hatte im Laufe des Jahres relativ gut Deutsch gelernt, während Sophia nur Englisch sprach. Tanja wiederrum sprach diese Sprache schlecht, so dass die Unterhaltung recht einseitig zwischen ihr und Grace verlief.

In der Kneipe saßen merkwürdige Gestalten, einige hatten bunte Gewänder an und seltsame rote Nasen, andere trugen gestreifte Kleidung mit einer Kugel am Bein. An dem langen Tisch waren drei Schemel frei. Sie setzten sich. Tanja hob drei Finger in die Höhe und winkte den Mann hinter dem Tisch herbei. Umgehend brachte dieser drei Gläser, jedoch waren diese winzig klein. Grace sagte: „Ich trinke eigentlich nur Champagner, niemals Bier, bei uns…“ Erneut brach Tanja in schallendes Gelächter aus. „Ach, Mädels, Ihr seid klasse! Aber sagt mal, nun sagt mal, was macht Ihr nun wirklich? Ihr spielt Eure Rollen richtig gut, aber mir könnt ihr ja die Wahrheit sagen.“

Grace schilderte in bewegenden Worten das Schicksal von ihr und von Sophia. Tanja sagte zunächst gar nichts und hörte mit versteinerter Miene zu. Danach brach sie in Tränen aus und rief wütend: „Gegen diesen Mistkerl muss man etwas unternehmen. Wehrt Euch!“

„Gegen den Voodoo-Zauber kann man nichts machen. Den kann man nicht brechen“, antwortete Grace. Kurz darauf ergänzte sie: „Das gelingt uns nur in unseren Träumen.“

„Das ist es! Das ist es! Schaut mal, was ich hier habe“, rief Tanja. Sie holte ein kleines Fläschchen mit einer farblosen Flüssigkeit aus Ihrer Handtasche hervor. Tanja erklärte: „Das sind K.O.-Tropfen. Eigentlich für Jungs gedacht, die ich abschleppen will. Aber jetzt hilft es Euch im Land der Träume zu landen.“ Sie schüttete etwas von den Tropfen in die Biergläser von Grace und Sophia.

Sie tranken und zehn Minuten später wurden ihnen übel und schwindelig, außerdem wurden sie urplötzlich hundemüde und schliefen kurz darauf ein. Der Barkeeper hatte die Situation nicht beobachtet, ebenso wenig wie die anderen Gäste. Er griff aber ein, als Grace und Sophia zusammensackten und rief umgehend den Notarztwagen.

Als sie erwachten fanden sie sich im Krankenhaus wieder. Auch dort konnten sie sich nur Frauen gegenüber offenbaren, bei Männern verhinderte das der Voodoo-Zauber. Durch ihre Aussagen flog der Ring der Zwangsprostitution und der Verschlepperbanden auf. Frank und seine Hintermänner wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Grace, Sophia und Hunderte von westafrikanischen Mädchen wurden befreit und konnten in ihre Heimatländer zurückkehren.

In Ghana verurteilte das dortige Gericht Onkel Opoku und den Voodoo-Zauberer zu lebenslänglicher Haft, doch zuvor wurde der Zauberer gezwungen den Bann wieder aufzuheben.

Grace lebt heute wieder glücklich in ihrer Heimat und gründete dort eine Familie. Zu Sophia und zu Tanja, ihrer Befreierin, hält sie einen regen Kontakt per Post und Internet.

Auch wenn diese Geschichte frei erfunden ist, so hat sie doch einen realen Hintergrund. In Westafrika werden tatsächlich junge Mädchen mittels Voodoo-Zaubers gefügig gemacht, und nach Westeuropa verschleppt, ganz speziell nach Nordrhein-Westfalen.

Heute zeige ich dir das Meer



Alexander war gutgelaunt aus dem Bus gestiegen, der ihm vom Eldorado Flughafen der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá zum Zentralen Omnibusbahnhof gebracht hatte. Das TransMilenio-System war modern, denn die Busse hatten eigene Fahrbahnen. Entsprechend schnell war er in der Innenstadt. Von dort waren es nur noch ein paar Schritte bis zu seinem billigen Hotel. Für so etwas gab Alexander nie viel Geld aus, ebenso wenig wie für Essen.


Für ihn musste Urlaub immer ein Abenteuer sein, faul am Strand zu liegen war ihm zu wider. Alexander scheute auch die Gefahr nicht, er liebte es, in Krisengebiete zu reisen. Ägypten, Afghanistan, Sri Lanka, Iran… er war schon fast überall. Südamerika war jedoch noch ein weißer Fleck in seiner persönlichen Landkarte. Aber das sollte sich dieses Jahr ändern.


Kaum war Alexander ausgestiegen, als er auch schon von einer Horde Kinder umringt wurde. Zwar sah er nicht wie ein typischer Tourist aus, da er sich stets den jeweiligen Landessitten anpasste, aber mit seinen strohblonden Haaren fiel er dennoch auf. Die Kleinen zupften ihn am Ärmel und hielten die Hand auf. So etwas kannte er. Er wusste aber auch, wie er zu reagieren hatte. Auf keinen Fall durfte man einen von ihnen eine größere Münze oder einen Schein in die Hand drücken, weil noch mindestens dreizehn andere auch etwas wollten oder sie sich gar darum prügelten. Ignorieren war ebenso unmöglich, weil er die enttäuschte Blicke meiden wollte.


Sein großer Vorteil war Alexanders Sprachtalent. Er konnte neun Sprachen fließend und sechs weitere gut bis sehr gut. Mit Spanisch war das gar kein Problem, auch wenn man in Kolumbien einige andere Bezeichnungen hatte. Doch darüber hatte er sich – wie immer – informiert.


Alexander hob die Hand, lächelte und sang ein kolumbianisches Kinderlied. Alle Jungen und Mädchen verstummten und hörten aufmerksam zu, danach setzen sie in den Gesang ein. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Sie waren es gewohnt, beschimpft oder bespuckt zu werden. Dieser Mann war anders. Am Ende des Liedes kam ein kleines Mädchen mit lockigen, schwarzen Haar auf ihn zu. „Wo kommst du her?“, wollte sie wissen. „Ich komme von ganz weit weg, jenseits des Meeres“, antwortete Alexander. „Ich war noch nie am Meer. Ist es da schön?“

„Wunderschön. Wartet. Ich zeige Euch Fotos.“ Alexander holte einen Stapel leicht vergilbter Aufnahmen aus seinem Rucksack und zeigte sie herum. „Das habe ich schon mal im Fernsehen gesehen!“, rief ein Junge stolz. Er war wahrscheinlich der älteste von ihnen. „Ich auch, ich auch!“, krähten fast alle. Nur das kleine Mädchen guckte traurig. Mit Tränen in Augen erzählte sie, dass sie auf der Straße lebte. Ihre Eltern starben vor vier Jahren, als sie von Soldaten erschossen wurden.


Maria - so hieß sie - hatte alles mit ansehen müssen. Sie hatte sich hinter einem Vorhang versteckt, als die „bösen Männer“ die Wohnung stürmten. Alexander nickte. Er wusste, dass die Regierungstruppen massenhaft unschuldige Zivilisten töteten und nicht einmal dafür belangt wurden. „Hast du etwas zu essen für mich?“, fragte Maria. Sie hatte offensichtlich wirklich Hunger. Alexander griff in seinen Rucksack und holte ein Butterbrot hervor. Sie nahm es und aß es mit Heißhunger auf. Maria lächelte. „Morgen zeige ich dir das Meer“, flüsterte Alexander ihr ins Ohr.

Er ging in sein Hotel und checkte ein. Das Zimmer kostete pro Nacht 50.000 kolumbianische Pesos einschließlich Umsatzsteuer, das waren umgerechnet circa 20 Euro. Für hiesige Verhältnisse ein hoher Preis, trotz der schäbigen Ausstattung. Die Bettwäsche und die Matratze waren fleckig und rochen nach den Leuten, die zuvor dort geschlafen hatten. Das war Alexander egal. Er hatte schon schlimmere Übernachtungsplätze gehabt.

Unentwegt musste Alexander an Maria denken. Das immer die Kinder die Leidtragenden sind! Was musste dieses kleine Mädchen nicht alles durchlitten haben. Er bewunderte ihre Tapferkeit. An Schlaf war nicht zu denken, trotz des Jet-Lags. Alexander beschloss, in die nächste Bar zu gehen. Jetzt brauchte er dringend einen Drink – oder mehrere.

Das Lokal war winzig, der Barkeeper sah gelangweilt aus. Alexander setzte sich und bestellte sich einen Whisky ohne Eis. Eine junge, attraktive Frau mit langen, schwarzen Haaren näherte sich. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte sie in Englisch mit spanischem Akzent. Alexander antwortete auf Spanisch: „Selbstverständlich. Darf ich Ihnen einen Drink spendieren?“ Sie setzte sich, lächelte und sagte: „Das ist sehr freundlich, ich hätte gerne einen Prosecco.“ Der Barmann brachte das Gewünschte. Er guckte immer noch mürrisch. „Ich heiße übrigens Perdita. Und Sie?“

„Ich bin Alexander, meine Freunde nennen mich Alex.“

„Auf dein Wohl, Alex.

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