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Sieben letzte Dates

Titel

 

 

 

 

 

    

Sieben letzte Dates

Love Story

 

 

 

Mia Sanchez

1. Die Verlobung

»Stell dir vor, Dario hat mir doch tatsächlich einen Antrag gemacht!« Mirella hielt ihrer Freundin Stephanie einen funkelnden Ring vor die Nase. 

»Oh Mirella, das ist ja der Hammer! Lass dich umarmen! Und ich bin sicher die Trauzeugin, oder?«

Mirella runzelte die Stirn. »Ich habe noch nicht Ja gesagt ... Also, ich meine, ich habe zugesagt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es auch wirklich will.«

Ihre Freundin stutzte. »Aber warum denn nicht? Dario ist doch so perfekt hast du gesagt! Und ihr seid schon zwei Jahre zusammen. Vor Kurzem hast du mir noch erzählt, du hättest Angst, er würde dich nie fragen!«

Mirella zuckte mit den Schultern. »Ach weißt du, nachdem er mich gefragt hat ... Ich musste plötzlich an meine Exfreunde denken, an meine Vergangenheit und da sind mir ein paar Zweifel gekommen.«

Stephanie schüttelte den Kopf. 

»Das verstehe ich jetzt nicht so ganz. Du liebst Dario doch?«

»Ja, das tue ich, Steffi. Von ganzem Herzen, aber ... ach, wie soll ich dir das nur erklären? Es gab da ein paar Männer in meiner Vergangenheit ... und ich habe wohl nie ganz aufgehört an sie zu denken. Also was wäre gewesen, wenn ich mit einem von ihnen zusammengekommen wäre? Wenn doch einer von ihnen meine große Liebe gewesen wäre. Weißt du, was ich meine?« Mirella zitterte.

»Wen meinst du denn da konkret? Doch nicht etwa Roman Ofner?«

Mirella schüttelte heftig den Kopf. 

»Was? Nein, nein, mit Roman bin ich seit langem durch. Wir waren ein Jahr zusammen, davon ein Monat verlobt, und dann hat er mich einfach sitzen gelassen. Er hat mir gesagt, dass er mich nicht mehr liebt. Das ist vorbei ... aber-«

Ihre Gedanken wanderten an einen fernen Ort. Mit glasigen Augen sprach sie weiter.

»Aber, da wäre zum Beispiel Simon. Er war jahrelang nur ein guter Freund, doch dann trennte er sich von seiner Freundin. Stell dir vor, mit der war er zusammen, seit ich ihn kannte. Und ich spürte allmählich, dass da etwas zwischen uns war, weißt du? Also, dass ich etwas für ihn empfand. Wir haben uns geküsst, doch zusammen gekommen sind wir nie. Er meinte, wir wären beide Naturgewalten und würden uns gegenseitig zerfleischen, wenn wir zusammenkämen. Wahrscheinlich hatte er Recht, doch wir bekamen doch nie unsere Chance, um es zu versuchen.«

Stephanie sah sie nachdenklich an. 

»Weißt du, Mirella, ich glaube, das ist ganz normal, wenn du jetzt kalte Füße bekommst. Ich würde mir darüber nicht allzu viele Gedanken machen.«

»Das tue ich aber!«, platzte es aus Mirella heraus, »und Simon ist nicht der Einzige.«

Sie räusperte sich kurz, bevor sie ihrer Freundin die nächste Wahrheit offenbarte. 

»Es gibt da jemanden. Sein Name ist Anton. Ich habe ihn kennengelernt, als ich dreizehn Jahre alt war. Ich weiß, das ist schon eine kleine Ewigkeit her, aber ... Er war damals schon Siebzehn, also viel zu alt für mich. Und ich fand ihn einfach nur toll. Ich habe ihn von der Ferne angehimmelt. Anton war damals mit einem älteren Mädchen aus meiner Schule zusammen. Er hat sie öfters abgeholt und so haben wir uns kennengelernt. Wir haben öfter etwas gemeinsam unternommen, hatten denselben Freundeskreis.« Mirella strich sich eine Harrsträhne aus dem Gesicht. »Und stell dir vor, nachdem sich die beiden getrennt hatten, habe ich ihn fast sechs Jahre lang nicht mehr gesehen. Eines Tages stand er plötzlich vor meiner Tür. Ich war total überrascht, das kannst du mir glauben. Wir haben den ganzen Abend miteinander verbracht, und es war wirklich total nett. Zum Abschied wollte er mich küssen, doch dann...« Mirellas Blick wurde erneut glasig. »Doch dann hat er mir erzählt, dass er eine Frau hätte und sie wäre schwanger. Naja ... Er wollte mich trotzdem küssen, doch ich habe ihm gesagt, er solle verschwinden. Ich wollte nicht diejenige sein, mit der er seine Frau betrügt. Ich habe ihn weggeschickt und seitdem nichts mehr von ihm gehört. Das ist jetzt ungefähr ach Jahre her.«

Sie verzog den Mund und sprach mit gedämpfter Stimme. 

»Vor zwei Wochen ungefähr hat er mich über Fakebook gefunden. Seitdem schreiben wir uns täglich. Es ist kaum vorstellbar, aber wenn ich mich mit ihm unterhalte bekomme ich so ein seltsames Gefühl. So als wäre ... als wäre ich wieder in ihn verliebt.« Sie sah nervös zu Boden. 

»Ach, Mirella. Glaub mir, das vergeht wieder.«, warf Steffi ein.

Mirella schnippte mit den Fingern. 

»Oder! Ich treffe mich mit ihm! Was sagst du dazu?«

»Hm, ich weiß nicht. Glaubst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?« Ihre Freundin verdrehte die Augen. »Aber andererseits. Warum eigentlich nicht? Kontakt habt ihr ja schon. Triff dich einfach mit ihm und du wirst merken, dass das alles nur in deiner Fantasie stattfindet.«

Mirella kicherte. 

»Ja? Meinst du wirklich, dass es eine vernünftige Idee ist?«

»Von vernünftig habe ich nichts gesagt.«, konterte ihre Freundin, »Aber ich glaube, es könnte dir wirklich dabei helfen die Angst vor der Ehe abzulegen. Und außerdem«, jetzt kicherte Stephanie, »haben wir dann etwas Aufregendes zum Tratschen bei unserem nächsten Treffen.«

»Perfekt.« Mirella zückte ihr Handy. »T-re-ff-e-n w-i-r u-n-s mor-g-en? Und senden.«

»Und was erzählst du Dario?«

Mirella zuckte mit den Schultern. »Dario? Oh, der ist morgen wieder den ganzen Tag lang in der Arbeit, Überstunden schieben. Ich dachte, ich erzähle ihm davon erst mal nichts?«

Mirella verabschiedete sich von ihrer Freundin und führte sie ins Vorzimmer. Die Tür schloss sich hinter Stepanie und Mirella überfiel schlagartig diese drückende Stille, die in der leeren Wohnung herrschte. Auf der Garderobe hing ihre Handtasche, die sie nach einer noch halbvollen Tüte Bonbons durchkramte. 

Mit Süßkram bewaffnet schlenderte sie in das überdimensionale Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch fallen. Diese Wohnung, die sie sich mit Dario teilte, war einfach ein Traum. Sie ließ ihren Blick weiter in die offene Küche schweifen, die direkt mit dem Wohnraum verbunden war. Die Kaffeetassen standen noch auf dem Esstisch. Aber nach aufräumen stand ihr gerade nicht der Sinn. Der Kaffee würde zwar am Rand der Tassen eintrocknen, aber darüber würde sie sich dann erst viel später ärgern müssen. Jetzt gerade war es ihr egal. 

Mit klebrigen Fingern öffnete sie nochmals die SMS, die sie Anton geschickt hatte. Wäre es vielleicht doch ein Fehler sich mit ihm zu treffen? Ihre Gespräche auf Fakebook waren so intensiv gewesen und sie fühlte sich wieder wie damals als sie ihn heimlich angehimmelt hatte. Er war so ein Charmeur gewesen. Und das war er auch heute noch. Sie musste an seinen niedlichen Dialekt denken. Anton hatte immer so ein süßes Lachen und eine, so witzige Art. 

Ja, damals, als sie ein Mädchen war und ihn anhimmelte. Ja, das waren noch Zeiten gewesen. Sie war so sehr in ihn verliebt. Doch sie war einfach viel zu jung für ihn gewesen. Mit Dreizehn hatte sie auch noch keinen Freund gehabt, nicht einmal ihren ersten Kuss hatte sie hinter sich. Und Anton war schon ein erfahrener Teenager gewesen. Angeblich schlief er sogar schon mit seiner Freundin. Da war Mirella in seinen Augen doch sicher nur ein kleines Kind, keine Frau.  Gedankenversunken kaute sie auf einem Bonbon herum. 

Wie er jetzt wohl aussah? 

Sein Profilbild zeigte einen Hund. Ein sehr süßer Pudel zwar, aber das sagte ja nichts über sein Herrchen aus. Falls es überhaupt sein Hund war. Wer weiß? Er hatte ihr nichts von einem Haustier erzählt. Oder ob er eine Freundin hatte. Oder ob er sogar noch verheiratet war? Laut seinem Profil war er offiziell Single, und er hatte Anspielungen darauf gemacht, dass er geschieden sei, aber das muss ja nicht stimmen. Bei diesen Angaben auf den Social Media Plattformen konnte man ohne Probleme schummeln. Also, vielleicht war es auch der Pudel seiner Freundin oder der von seiner Frau. Immerhin war das ja nicht gerade eine besonders männliche Hunderasse. Sie griff noch einmal in die Tüte. Verdammt, sie hatte schon alle Bonbons gegessen. In Gedanken versunken zerknüllte sie die Verpackung und schlenkerte weiter in die Küche.

Mirella stellte gerade die Kaffeetassen in die Spüle, als Dario nachhause kam. Er hatte wieder länger gearbeitet und wirkte erschöpft. 

»Hey, Babe.« Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Wie war dein Tag? War es nett mit Stephanie?«

Mirella kippte Spülmittel in die Tassen und rieb mit den Fingern über den hartnäckigen Kaffeerand. 

»Ja, wir hatten einen lustigen Nachmittag. Wie war´s bei dir? War viel los in der Arbeit?«

»Ich bin total erledigt. Tom hat wiedermal den halben Tag damit verbracht über meine Entwürfe herzuziehen und auf der Baustelle lief es dann auch nicht viel besser. Ich geh´ gleich unter die Dusche.« Er sah auf die Uhr. »Treffen wir uns dann direkt im Bett? Dann erzähle ich dir den Rest.«

Mirella lächelte ihn an. »Na klar, Schatz. Ich lese einstweilen. Verbringen wir heute einen ruhigen Abend?«

Er nickte ihr zu, drückte ihr im Vorbeigehen einen Kuss auf die Stirn und schlenderte ins Bad, das direkt hinter dem Schlafzimmer lag.

Mirella lauschte dem Geräusch der fallenden Wassertropfen, die flüsternd zu ihr hinüber drangen. Gähnend tauschte sie ihre Klamotten gegen ein bequemes Schlabbershirt. Sie war doch müder als erwartet. Sie schlüpfte unter die Bettdecke und schnappte sie sich ihr Buch vom Nachttisch. Sie würde das entspannende Geräusch, das Darios nackter Körper unter der Dusche erzeugte, als Hintergrundmelodie zum Lesen ausnutzen. Sie kuschelte sich in ihr Bett und genoss die Stille. Doch da vibrierte ihr Handy. 

Eine Nachricht von Anton. 

Er wollte sich morgen gern mit ihr treffen, ob sie am frühen Abend Zeit für einen Cocktail hätte?

Ihre Hand zitterte, als sie ihm antwortete. Dario arbeitete morgen sicher wieder länger, also hatte sie bestimmt genügend Zeit. Kurzerhand tippte sie eine Zusage in die Tasten und drückte auf senden. 

Sie würde sich tatsächlich mit Anton treffen. Unglaublich. 

Mit immer noch zittrigen Händen schaltete sie das Mobiltelefon auf stumm und legte es zurück auf den Nachttisch. Jetzt sollte sie nichts mehr beim Lesen stören. 

Doch kaum konzentrierte sie sich wieder auf ihr Buch, spürte sie das Pochen ihres unruhigen Herzens. Das bestätigte Treffen mit Anton machte sie nervös. 

Eilig klappte sie das Buch zu. Dario schlenderte im selben Moment aus dem Bad und lächelte sie dankbar an. Er dachte wohl, sie würde das Buch wegen ihm weglegen, damit er ihr weiter von seinem Tag erzählen konnte. Er drehte ihr den Rücken zu, ließ das Handtuch zu Boden fallen und öffnete eine Schublade seiner Kommode. Mirella ließ ihren Blick über seinen muskulösen Körper gleiten. Es war immer wieder faszinierend, dass ein Bürohengst wie Dario mit solch einem durchtrainierten Körper gesegnet war. 

Sie biss sich auf die Unterlippe. 

Und erst dieser stramme Hintern. 

Ihre Augen hafteten an dem Bund seiner Boxershorts, als er sie sich überzog und das gute Stück verstaute. 

»Naja, mein Liebling. Jedenfalls bekomme ich schön langsam Zweifel, ob ich wirklich der große Stararchitekt werde, den du als Ehemann verdient hast. Tom ist aktuell kein Fan meiner Arbeit.« 

Er ließ sich zu ihr auf das Bett fallen. Mirella streichelte ihm über das feuchte Haar. Ihr zukünftiger Ehemann lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. 

»Ach weißt du, Schatz. Das ist doch nicht der Weltuntergang. Wenn du erstmal Partner bist, dann hat Tom doch gar keine andere Wahl mehr als deine Ideen toll zu finden.«

Er knuffte sie in die Seite. »Hey! Wenn du weiter so frech bist, dann fresse ich dich!« 

Er knabberte sachte an ihrem Brustansatz, um seine Worte zu bestärken. 

Mirella strampelte spielerisch mit den Beinen und drückte seine Lippen nur noch fester gegen ihre Brust. Ihr T-Shirt war schon leicht feucht von Darios Haaren. 

Jetzt schloss er seine Lippen um ihre Brustwarze, die sich nun sichtbar durch den weichen Stoff drückte. 

Sie liebte das Gefühl, seinen warmen Atem durch das schlichte Gewebe hindurch zu spüren. Ein leises Stöhnen drang aus ihrem Mund. Jedes weitere Wort schien jetzt überflüssig. 

Dario schenkte ihr einen aufreizenden Blick und glitt langsam unter die Decke. Dabei zog er ihr Shirt nach oben und küsste jede Stelle auf seinem Weg nach unten, bis er völlig unter der Decke verschwunden war. 

Zärtlich ließ er seine Lippen über ihren Oberschenkel gleiten. Sein Dreitagebart kitzelte über ihre Haut. Ein kurzer süßer Moment noch und er würde sie an ihrer empfindlichsten Stelle berühren. 

Mirella spannte ihre Muskeln an. Dario ließ sich gerne Zeit. Anstatt sie gleich anzufassen, hauchte er ihrer glühenden Wärme einen weichen Kuss zu. Nur sein Atem berührte ihre Haut. Dieses Gefühl ließ sie kurz erzittern. Voll Vorfreude schloss sie ihre Beine und schlang sie um seinen Hals. Fordernd zog sie ihn weiter nach unten, bis seine Lippen sie endlich an der richtigen Stelle berührten. 

Sie stöhnte erneut auf und er verstand genau, was das bedeutete. 

Behutsam setzte er seine Zungenspitze zwischen ihre Beine und zeichnete gemächlich die Buchstaben des Alphabets, ohne die geringste Spur von Eile. Wobei er jede Linie die er zog, mit einer stärkeren Intensität abrollte als die Vorige. 

Mirella konnte ihre Lust nicht weiter unterdrücken. Als Dario ihren Namen zwischen ihre Beine schrieb stöhnte Mirella abermals auf. Ihr zukünftiger Mann öffnete seinen Mund noch ein Stück weiter und saugte sanft an ihrer Lustperle. Sie klammerte ihre Beine fester um seinen Nacken und drückte ihr Becken seinem fordernden Mund entgegen. Sie genoss jede selbstlose Liebkosung, die Dario ihr zum Geschenk machte. Er wusste einfach genau, wie er sie glücklich machte. 

Jetzt gab es kein Halten mehr, sie trieb ihr Becken immer fester gegen seine Lippen und stöhnte dabei freudig auf. Sie genoss jede Umdrehung die er mit seiner Zunge vollführte, bis sie zum Höhepunkt kam und ihre Beine sich wieder lockerten. Die Anspannung in ihrem Körper ließ nach.

Grinsend kam er wieder unter der Decke hervor. Entspannt sank sie in seine Arme. Er hielt sie einfach nur fest. Und sie schlief in dieser vollkommenen Umarmung ein.

2. Anton Gail

 

Egal welches Kleid Mirella aus ihrem Schrank kramte, irgendwie schien ihr heute keines zu stehen. Das blaue mit dem tiefen Ausschnitt sah heute genauso furchtbar an ihr aus, wie das rückenfreie Türkise oder das schulterfreie Schwarze. Sie wollte nicht zu sexy wirken, aber auch nicht zu bieder rüber kommen. Sie hatte Anton schon so lange nicht mehr gesehen. Einerseits wollte sie ihm zeigen, was er in den letzten Jahren verpasst hatte, aber andererseits wollte sie ihm auch nicht das Gefühl vermitteln, sie wäre noch zu haben. Oder noch schlimmer, sie hätte es nötig. Denn das hatte sie eindeutig nicht. Sie war verliebt, verlobt und so gut wie verheiratet. Und sie hatte ausgezeichneten Sex mit ihrem Geliebten. 

Sie biss sich auf die Unterlippe. Egal, die Zeit drängte, sie musste sich fertig machen.

Eilig hüpfte sie ins Badezimmer und band sich ihr Haar zusammen. Dann öffnete sie die Haarspange wieder. Nun gut, auch die Frisur sollte heute eine schwer überwindbare Herausforderung bleiben. An die Schminkproblematik wollte sie lieber gar nicht erst denken.
Eine Stunde später war sie endlich bereit die Wohnung zu verlassen. Sie hatte sich für eine veilchenblaue, ärmellose Bluse entschieden und diese mit einer einfachen, schwarzen Leggings kombiniert. Darin fühlte sie sich halbwegs wohl und selbstsicher. Die Bluse hing weit über ihren Hintern und würde Anton somit die Sicht auf ihre Kehrseite versperren. Der Gedanke gefiel ihr. 

Ihre Haare hatte sie kurzerhand einfach nach oben gesteckt und ihr Gesicht nur kurz im Spiegel kontrolliert. Ein wenig Kajal sollte genügen. Denn wenn sie sich richtig erinnerte, dann schätzte Anton nichts mehr, als die Natürlichkeit einer Frau. Sie rief sich in Erinnerung, wie er immer über die dick geschminkten Tussis hergezogen ist und sich geschworen hat, niemals eine von denen anzufassen. Denn Anton meinte, eine Frau, die es nötig hatte, ihr Gesicht hinter so viel unechtem Klimbim zu verstecken, die würde auch mindestens genausoviele Geheimnisse mit sich herumschleppen. Und auf so ein Theater konnte er verzichten. Er schätzte Aufrichtigkeit und natürliche Schönheit an einer Frau. Und diesem Gedanken würde sie heute eindeutig gerecht werden.

Der Zeitdruck, unter dem sie mittlerweile stand, war enorm. Sie hatte sich viel zu oft umgezogen und die Uhr ermahnte sie, sich endlich zu sputen, sonst wäre Anton noch vor ihr am vereinbarten Treffpunkt. Das wollte sie wirklich nicht riskieren. Mirella genoss es, wenn sie als Erste das fremde Terrain erkunden konnte. Wenn Anton das Lokal betrat, dann würde sie schon wissen wo sich die Toilette befand, welches Getränk sie bestellen wollte und auch, welcher Platz der idealste für ein angenehmes Gespräch wäre. 

Einmal war sie zu einem Date zu spät gekommen und ihre Verabredung hatte sich genau den Platz bei den Lautsprecherboxen ausgesucht, den sie natürlich nach einer gründlichen Sondierung des Lokals, ausgeschlossen hätte. Der ganze Abend war alles andere als angenehm verlaufen. Ständig musste sie ihm ins Ohr brüllen. Aber so würde der heutige Abend mit Sicherheit nicht verlaufen. 

Zum Glück hatte Dario heute wirklich viel zu tun. Er würde erst so spät nachhause kommen, dass ihm wahrscheinlich nicht einmal auffallen würde, wenn Mirella heute Abend länger unterwegs war.

 

Mit ihrem erdbeerroten Jeep, für den Dario die Leasingraten zahlte, fuhr sie zu dem ausgemachten Treffpunkt. Mit ihrem mächtigen Auto zwängte sie sich in die einzig freie Parklücke und krachte fast gegen den direkt daneben parkenden Van. So nervös kannte sie sich gar nicht. Sie sah auf die Uhr. Zehn Minuten noch und sie würde Anton wieder sehen. 

Ihre Nervosität wuchs bei dem Gedanken an das Treffen an. Mit zitternden Händen kramte sie in ihrer Tasche. Der Name der Bar war ihr vor lauter Aufregung entfallen und sie musste nochmals in der Nachricht von Anton nachsehen. Mit wilden Bewegungen tippte sie auf dem Bildschirm herum. Plötzlich hörte sie ein Klopfen, das aus unmittelbarer Nähe zu kommen schien. Das Handy fiel ihr aus der Hand und rutschte unter den Fahrersitz.

Jemand tippte mit dem Finger gegen die Autoscheibe.

Neben ihrem Jeep wartete Anton, der jetzt wiederholt an das Fenster klopfte. Sie musste lächeln. Er sah so gut aus. Älter ist er geworden, natürlich. Aber das stand ihm ausgezeichnet. Sein Haar wirkte nicht mehr so dicht wie damals, und sein Gesicht erschien ihr kantiger geworden zu sein. Verzaubert von Antons Anblick vergaß sie völlig auf das Smartphone und ließ es an Ort und Stelle liegen, zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und deutete ihm, einen Schritt zurückzugehen, damit sie die Türe aufmachen konnte. 

Doch er kam ihr zuvor, öffnete die Wagentüre mit einem Ruck und reichte ihr umgehend seine Hand um ihr aus dem Wagen zu helfen. Er sah sie einfach nur an und zwinkerte ihr frech zu. Anscheinend war er sprachlos. Sie war es auf jeden Fall. Wenn sie es immer noch schaffte, ihm die Sprache zu verschlagen, dann brauchte sie nicht so unglaublich nervös zu sein. 

Kaum war sie aus dem Auto gestiegen, ließ sie ihre Schlüssel fallen. Wie peinlich. Sie ermahnte sich nochmals, nicht so nervös zu sein. Es war faszinierend, wie extrem tollpatschig sie sich gerade benahm. 

Anton deutete in die Richtung, in der die Bar lag. Gemeinsam schlenderten sie den Gehweg entlang. Gelegentlich warf er ihr einen verstohlenen Blick zu. 

Ein lauer Sommerföhn begleitete sie bis zu der lauschigen Cocktailbar und ließ Mirellas Bluse im Wind flattern. Sie zupfte immer wieder daran herum. Denn sie wollte wirklich nicht, dass er zu viel von ihr zu sehen bekam. Ihr Körper sollte ein gut behütetes Geheimnis bleiben. 

Mirella traute sich nicht, etwas zu ihm zu sagen, aus Angst den Zauber des Moments mit den falschen Worten zu zerstören. Und sie würde sicher etwas Ungeschicktes sagen, deplatzierte Worte, die die Stimmung zerstören würden. Auch er sprach noch immer kein Wort. Nur verstohlene Blicke streiften über ihr Dekolletee. Ihr Gesicht färbte sich langsam rot und sie sah etwas beschämt zu Boden. 

Zum Glück erreichten sie endlich das Lokal. Die Leuchtreklame der Bar zeigte ein orangenes Cocktailglas, das sich selbst befüllte. Sehr gut, das würde sicher von ihrem knallroten Kopf ablenken. Natürlich erwies sich Anton als der perfekte Gentleman und hielt ihr die Türe auf. Ein Schwall von Rauch platschte ihr beim Hineingehen ins Gesicht. In dem Lokal herrschte stickige Luft. Ein Raucherlokal. Das hätte sie sich denken können. Anton hatte damals schon viel geraucht und anscheinend auch nicht damit aufgehört. Mirella rauchte schon seit Jahren nicht mehr. Ihre Gesundheit war ihr viel zu wichtig, mit einer Raucherlunge lebte es sich nicht gerade sportlich, deshalb hatte sie kurzerhand aufgehört. Der Geruch drang in ihre Nase und ihr wurde davon etwas schummrig. Immerhin beruhigte das Passivrauchen ihre Nerven.

Kaum hatten sie sich gesetzt, legte er seine Zigarettenpackung auf den Tisch, und brach das bis jetzt vorherrschende Schweigen.

»Wunderschöne, freche, kleine, süße Mirella. Wie ist es dir in den letzt´n Jahren ergangen? Erzähl mir, was aus dir g´worden ist, wer du bist und was du dir vom Leben wünschst.«

Anton berührte ihren Unterarm, als er mit ihr sprach. Mirellas Haut prickelte angenehm. Oh wie sehr hatte sie ihn vermisst. Und sein Dialekt hörte sich noch süßer als in ihrer Erinnerung an.

»Ach weißt du« ,säuselte sie, »ich bin mittlerweile erwachsen geworden. Und ich bin eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Ich arbeite von zuhause aus und wohne in einer wunderschönen Dachgeschosswohnung mit Ausblick ins Grüne. Die war ganz schön schwer zu bekommen, aber ich habe die richtigen Verbindungen, solltest du wissen.«

Er wirkte fasziniert. 

»Da sieh´einer an. Ist unser verrücktes Kük´n zu einem erfolgreich´n Schwan herangewachsen. Das ist schön zu hören.«

»Ja, stell dir vor, ich habe mich selbständig gemacht. Ich bin eine erfolgreiche Maklerin. Mein Schwerpunkt liegt auf außergewöhnlichen Immobilien. Für die Reichen und Schönen.«

Der Kellner kam vorbei und Anton bestellte zwei Cocktails. Sie war beeindruckt, dass er gleich für sie mit bestellte. 

Mirella nutzte die Unterbrechung, um das Thema zu wechseln. Es gab da etwas, das in ihr gearbeitet hatte und sie beschloss, Anton direkt darauf anzusprechen. Dann wäre diese Kleinigkeit vom Tisch und sie konnten den Abend in Ruhe genießen.

»Und wie geht es deiner Frau?«

Die gute Stimmung von gerade eben schien zu kippen. Anton zögerte kurz und rieb sich über das markante Kinn.

»Wir haben uns ´trennt. Wir war´n einfach zu jung, als sie schwanger wurde. Wir hab´n ja auch nur aus diesem Grund geheiratet. Das war ein dummer Fehler. Ich hab´ den Fehler eingeseh´n, als unsere Tochter zur Welt kam, denn eigentlich waren wir auch da nie richtig glücklich miteinander, wenn ich ehrlich sein soll.«

Diese Tatsache verwirrte sie.

»Und trotzdem habt ihr noch ein zweites Kind bekommen?«, rutschte es Mirella heraus. Klarerweise hatte sie sein gesamtes Profil durchstöbert und war auf Fotos von zwei Mädchen gestoßen. Ihre Worte taten ihr auch im selben Moment schon wieder leid. Doch Anton antwortete ihr tatsächlich darauf. Damit hatte sie gar nicht gerechnet.

»Meine Ex dachte, sie könnt´ auf diese Weise unsere Ehe rett´n. Ich würde sie durch ein weiteres Kind wieder lieben, hat sie ´dacht. Und unser Leben wäre wieder so wie früher.« 

Jetzt senkte er den Blick. Mirella wünschte, sie hätte dieses Thema nicht angesprochen. Anton war im Grunde seines Herzens eigentlich immer ein sensibler Typ gewesen. Das wusste sie genau. 

Mirella nahm seine Hand und drückte sie.

»Es tut mir leid, lass und das Thema wechseln.«

Anton hob den Kopf und sah ihr direkt in die Augen. 

»Mirella, ich bin froh, dass du diese Sache angesproch´n hast. Als ich damals erfahren hab´, dass Natascha schwanger ist, da war ich doch bereits in eine andere verliebt.«

»Ach so, warst du?«, stotterte sie.

Sein plötzlicher Überschwang ließ sie innehalten und sie zog ihre Hand wieder zurück.

»Ja«, flüsterte er ihr zu und tastete nach ihren Fingern, »in dich. Deshalb wollt´ ich dich damals auch unbedingt küssen, als wir uns verabschiedet haben. Doch du hast dich von mir abgewandt. Deshalb bin ich gegangen. Ich wäre geblieben, wenn du mich gewollt hättest.«

Mirella beobachtete Anton, wie er eine Zigarette aus dem Päckchen fischte und anzündete.

»Natürlich habe ich das, Anton. Ich musste mich damals von dir abwenden, denn sonst hätte ich dich niemals gehen lassen können. Es hat einfach nicht passieren dürfen. Ich wollte, dass du gehst.«

Sie erinnerte sich genau an diesen Moment. Anton hatte sie damals ein letztes Mal besucht. Jedoch hatte er ihr vorher nicht gesagt, dass sie sich nach diesem Tag nicht wiedersehen würden. Erst als der unausweichliche Abschied kurz bevorstand, hat er ihr die Wahrheit gesagt. Und zwar, dass er seine Freundin geschwängert hätte und er jetzt mit ihr wegziehen würde. Er fegte ihr diese vollendeten Tatsachen direkt vor die Füße. Einfach so. 

Und dann wollte er sie küssen. 

Doch Mirella wandte sich von ihm ab. Ihr verlangen danach, seine Lippen auf ihren zu fühlen war überwältigend gewesen. Sie sehnte sich so sehr danach, dass es beinahe wehtat. Doch ihm das anzutun, das fand sie damals einfach nicht richtig. Sie sollte nicht der Grund sein, weshalb er seine neue Familie, sein ungeborenes Kind verließ. Und außerdem wollte sie nicht diejenige sein, mit der er seine Freundin betrog. Oder sie sogar wegen ihr verließ. Und diese Erkenntnis hatte er ihr ja gerade offenbart: Er hätte seine Freundin für sie verlassen, das war ihr jetzt klar. Aber wenn das geschehen wäre, dann hätte diese Tatsache einen Fleck auf ihrer Seele hinerlassen. Sie wollte einfach nicht die Frau auf der anderen Seite der Medaille sein. 

Anstatt ihr zu antworten, schenkte Anton ihr einen liebevollen Blick und berührte zärtlich ihre Wange.

Es tat einfach so gut bei ihm zu sein, ihm endlich sagen zu können, was sie damals für ihn empfunden hatte. Es fühlte sich so befreiend an. 

»Weißt du, Anton. Ich habe dich vom ersten Moment an toll gefunden. Du warst aber schon um so viele Jahre älter als ich, so erfahren ... und ich hatte Angst, ich könnte dich enttäuschen. Ich konnte dir nicht so viel bieten, wie reifere Mädchen.«

Er schüttelte energisch den Kopf. 

»Ich habe dich immer schon geliebt. Du warst die Einzige, die ich jemals wollt´.«

Seine Worte verzauberten sie komplett. 

Der Abend verlief so wunderbar, Mirella fühlte sich in ihre Jugend zurückversetzt. Nachdem sie über ihre Gefühle gesprochen hatten, lag eine Leichtigkeit in der Luft und der Abend verlief wie im Traum. Mirella schnorrte sich sogar eine Zigarette und genoss den starken Schwindel in ihrem Kopf, der sich langsam mit der Wirkung des Alkohols verband. Anton erzählte ihr, dass er seit der Scheidung wieder bei seinen Eltern wohnte, weil er so hohe Alimente für die Kinder abdrücken musste. Aber das tat er gern und es würde sicher nicht mehr lange dauern bis er als Discjockey eine feste Anstellung bekam. Denn er wusste genau, er würde bald erfolgreich sein und gutes Geld verdienen. Anscheinend machte er immer noch Musik, Mirella war beeindruckt. Seine Leidenschaft waren eindeutig die elektronisch erzeugten Klänge gewesen, doch in Jugendjahren hatte er es nie geschafft, einen Auftrag an Land zu ziehen. Er hatte immer nur bei Feten von Freunden aufgelegt. Doch bis heute hatte er nicht aufgegeben, und versuchte, seine Träume zu verwirklichen. Das gefiel ihr an ihm.

Die Zeit verging wie im Flug, sie redeten und tranken, und flirteten. Je länger sie sich in seiner Näher aufhielt, desto stärker fühlte sie sich zu Anton hingezogen. Seine Ausstrahlung war einfach überwältigend. Und sein süßer Dialekt war nach einem weiteren Cocktail sogar noch stärker geworden. Wie er das R rollte und Wörter mit au in die Länge zog. Einmal musste sie kichern und er wurde vor Scham ganz rot. Dann bemühte er sich, nach der Schrift zu sprechen, was ihn aber nur noch niedlicher erscheinen ließ. Sie liebte es, ihm beim Reden zuzuhören. Manche Wörter verstand sie nicht auf Anhieb und er lächelte verlegen, wenn er es bemerkte.
Auch nach dem dritten Cocktail fühlte sie sich noch federleicht. Antons Hand hatte sich mittlerweile einen festen Platz auf ihrem Knie erobert. In Wahrheit genoss sie seine Berührung und fand es toll, im Mittelpunkt zu stehen. Das Gefühl begehrt zu werden, war einfach unschlagbar. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so weiblich und sexy gefühlt. Und das, obwohl sie absichtlich auf ein aufreizendes Outfit verzichtet hatte. Bei Anton fühlte sie sich einfach wie eine Königin, die mit jeder Sekunde, die sie zusammen verbrachten, auf ein Podest gehoben wurde.

Anton rückte mit seinem Stuhl immer näher an sie heran, bis sich ihre Schenkel berührten. Er lehnte sich zu ihr herüber.

»Süße, kleine Mirella. Du duftest so wunderbar«, hauchte er ihr ins Ohr.

 Mirellas Kopf wurde schlagartig knallrot und die Hitze wanderte langsam in ihren Unterleib.  Nervös sah sie auf die Uhr, um sich von Antons Annäherungsversuch abzulenken. Zwar wollte sie ihm immer schon so nahe sein, aber jetzt, wo es tatsächlich geschah, wurde sie richtig zittrig.
Der nicht geplante Blick auf die Uhr, verriet ihr, dass es schon sehr spät geworden war. So wie es aussah, hatten sie mehr Zeit miteinander verbracht, als sie gedacht hatte. Mit Anton verflogen die Stunden wie Minuten. Plötzlich musste sie an ihren Verlobten denken. 

Dario würde vielleicht sogar schon zuhause auf sie warten. Sie kramte in ihrer Tasche, doch konnte ihr Handy einfach nicht in ihrer Tasche ertasten. Dann fiel es ihr wieder ein. Das Telefon war ihr doch im Auto aus der Hand gerutscht und hinunter geplumpst. 

Verlegen sah sie den Mann, der ihr gegenüber saß an.

Sie beschloss, dass es für heute genug war und das musste sie ihm nun auch irgendwie sagen, ohne ihm das Gefühl zu geben, dass das abrupte Ende dieses Abends seine Schuld war.

»Anton, ich muss schön langsam nachhause. Es ist wirklich ein schöner Abend und ich würde mir wünschen, dass er nicht endet. Aber mein Freund-«

»Das muss er auch nicht, der Abend kann so weitergeh´n«, flüsterte er ihr zu.

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