Logo weiterlesen.de
Sieben Tage auf einem amerikanischen Dampfboot

Friedrich Gerstäcker

Sieben Tage auf einem amerikanischen Dampfboot

Kurzroman





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Sieben Tage auf einem amerikanischen Dampfboot

 

„Am 31. Juli, zehn Uhr morgens, verlässt das schnelle, prachtvolle Dampfboot Oceanic – G. Wilkens, Master – die Levée, nach St. Louis bestimmt. Für Fracht oder Passage wende man sich an Bord oder an Smith und Richfiweld – Agenten – Customhouse Street No. 52. New Orleans.“

Das war die Anzeige, die am 29. Juli 184– nebst noch zwanzig ähnlichen von ebenso vielen verschiedenen Booten, die teils für den Mississippi, Red River, Missouri, Arkansas, Ohio, Illinois oder gar für den Golf von Mexiko bestimmt waren, im Commercial Bulletin von New Orleans stand.

Reges Leben herrschte auf der Levée, und Koffer und Kisten, Hutschachteln, Betten und aller mögliche Hausrat wurden in großer Eile nach dem Boot geschafft, aus dessen zwei ungeheuren Schornsteinen schon seit einer halben Stunde der dicke Qualm aufstieg, denn schon hatte die erste Glocke geläutet, und wie der Kapitän, der vor der Kajüte auf und ab schritt, mehreren Passagieren versicherte, ging der Oceanic in einer halben Stunde ab.

Immer aber kamen noch neue Drays, mit Zucker, Kaffee, Sirup, Baumwolle und grobem Salz beladen, deren Last ebenso schnell, wie sie eintraf, in dem ungeheuren Rumpf des Bootes durch die Hilfe einiger dreißig Feuerleute und Matrosen verschwand.

Eine Menge kleiner Kähne schaukelte und glitt dabei zwischen den Dampfbooten umher und hielten sich besonders in der Nähe derer auf, die fast gerüstet zum Auslaufen waren, um die Früchte, die sie trugen und die malerisch in der Mitte der kleinen Boote aufgestapelt waren, an die Reisenden teils zum Verzehren, teils zum Mitnehmen in ein nördlicheres Klima zu verkaufen.

Zum zweiten Mal hatte jetzt die Glocke geläutet, und von mehreren Seiten stürzten in vollem Laufen Passagiere dem Boote zu, um es noch vor der, wie sie glaubten, augenblicklich erfolgenden Abfahrt zu erreichen. Viele derselben trugen wirklich schwere Lasten und keuchten unter diesen, fast mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte, heran, wobei einer sogar noch sein Taschentuch schwenkte, um ja vom Boot aus bemerkt zu werden.

Der Kapitän wandte sich und lächelte.

Immer noch kamen beladene Karren, um dem Boote neue Fracht zuzuführen, und noch nicht zwei Dritteile des Raumes waren gefüllt; aber der Rauch stieg dicker und schwärzer aus den Schornsteinen, und das musste ja das sicherste Zeichen der baldigen Abfahrt sein.

Drei Boote hatten unterdessen schon nacheinander die Levée, ebenfalls nach St. Louis bestimmt, verlassen; der Oceanic aber war als ein schnelles Fahrzeug bekannt, und viele der Passagiere zogen vor, vielleicht, wie sie glaubten, eine halbe Stunde zu warten, als mit den anderen abzufahren, die sie doch in kurzer Zeit einzuholen hofften.

Jetzt läutete die dritte Glocke, laut und lange, fast stets das sichere Zeichen der Abfahrt, und wieder strömten von allen Seiten neue Passagiere herbei; aber auch neue Güter kamen, und noch immer hielten die Ketten das Boot am Ufer befestigt.

„Kapitän, wann fahren Sie ab?“, fragte ein Pflanzer vom Mississippi, der eben einen seiner Neger noch um irgendetwas in die Stadt geschickt hatte.

„Well, Sir“, entgegnete der Gefragte, „schwerlich vor Abend; Ihre Fracht ist ja auch noch nicht angelangt.“

„Gut, gut“, sagte dieser, „’s ist mir einerlei, ich wollte es nur wissen; da kann ich also noch hinauf nach St. Charles gehen und dort zu Mittag speisen?“

„Jawohl, jawohl“, erwiderte freundlich der Kapitän; „sollte das Boot vor dem Abend abgehen, so schicke ich einen meiner Leute hinauf.“

Der Pflanzer begab sich langsam ans Ufer und wanderte gemächlich dem Hotel zu.

Kaum hatte er den Kapitän verlassen, als ein armer Auswanderer, ein Deutscher, der sich mit seiner Familie im Zwischendeck befand, zu diesem trat und ängstlich, in sehr gebrochenem Englisch, anfragte, ob er wohl noch einmal, wenn er sich recht beeile, ans Land laufen könne, um einige für seine Familie unumgänglich nötige Sachen einzukaufen, da er heute Morgen die Glocke des Bootes habe läuten hören und aus Furcht, die Abfahrt zu versäumen, in aller nur möglichen Eile hergerannt sei.

„Gut, gut“, entgegnete, ermüdet über die lange Rede, der Kapitän, indem er sich wegwandte, „aber beeilt Euch, in einer halben Stunde geht das Boot ab, und auf Euch kann ich nicht warten.“

Mit Windeseile flog der Mann in die Stadt, jagte von einem Platz zum andern, gab für alles den verlangten Preis, nur um die nötigsten Lebensmittel für sich und seine Familie zu erhalten, und kehrte, zum Tode ermattet, gerade nach Ablauf der halben Stunde zum Boot zurück, das er noch in demselben Zustand der Ruhe fand, wie er es verlassen hatte.

Der Nachmittag kam so heran, und eben hatte das letzte Boot, das noch außer dem Oceanic nach St. Louis fuhr, den Landungsplatz verlassen, mit dem jetzt wohl viele der Passagiere unbedingt gefahren wären, hätten sie nicht alle ihr Passagiergut und Gepäck schon auf diesem gehabt. So aber waren sie gezwungen zu bleiben, und der erste Maat oder Steuermann erklärte jetzt allen, die ihn fragten, wann das Boot wirklich abginge, dass der Kapitän am Ufer wäre, die Abfahrt jedoch schwerlich vor morgen Früh stattfinden würde.

Viele Passagiere fluchten und schimpften, den Meisten aber schien es gleichgültig, so sie nur bestimmt wussten, dass sie noch eine Nacht in New Orleans liegen bleiben würden.

Die Sonne neigte sich jetzt dem Untergang, und reges Leben kam auf einmal in die bis dahin fast toten Straßen. Aus allen Gassen strömten in bunten Gruppen Spaziergänger heraus, die den kühlen Abend auf der Levée genießen wollten; die Eis- und Sorbetbuden füllten sich mit Besuchenden; Scharen von farbigen, wunderhübschen Blumenmädchen durchzogen die Gruppen der Lustwandelnden oder stellten und setzten sich an die Ein- und Ausgänge der Wirtshäuser, und die ganze Stadt schien plötzlich wie aus einem schweren, betäubenden Traum erwacht zu sein.

Auf dem Boote selbst aber war es, als ob die Ruhe, welche die Stadt verlassen hatte, hier eingekehrt sei. Nachdem das Deck gereinigt worden, wanderten die Matrosen und Feuerleute ans Ufer, und die Wache des Bootes schritt langsam und bedächtig auf dem Vorderteil desselben umher, damit beschäftigt, die sie wütend und singend umschwärmenden Moskitos von sich abzuwehren.

Erst beim Schimmer des herannahenden Morgens begann der Oceanic reges Leben zu zeigen.

Der Wächter des Bootes weckte die Feuerleute und Matrosen, und während die Ersteren wieder wie gestern ein Feuer unter den Kesseln anmachten, wuschen und scheuerten die Letzteren die verschiedenen Decks des ganzen Bootes, dass es mit den ersten Strahlen der Morgensonne schimmerte und glänzte.

Das Frühstück war verzehrt, und wieder kamen noch einzelne Karren, mit Frachtgütern oder Koffern und Hutschachteln beladen, wie Passagiere, die hinauf nach St. Louis oder den dazwischenliegenden Landungen wollten.

Endlich schien aber auch der Oceanic ernstliche Anstalten zum Abfahren machen zu wollen. Die Glocke hatte schon zum zweiten Mal an diesem Morgen geläutet, die Ketten waren eingezogen und das Boot hing nur noch an zwei dünnen Tauen; dabei arbeiteten die Räder langsam gegen den Strom, und der Maat sandte zwei Matrosen hinaus, an den im Ufer befestigten eisernen Ringen zu stehen und auf das gegebene Zeichen die Taue loszubinden.

Jetzt läutete in schnellen, schallenden Schlägen die Glocke zum letzten Mal; alle, die sich noch, um Abschied von Reisenden zu nehmen, auf dem Boot befanden, sprangen in wilder Eile zu der einzigen Planke, um auf dieser ans Ufer zu gelangen und nicht mitgenommen zu werden; andere, die noch am Ufer waren, eilten aufs Boot.

Die Taue waren losgebunden, der Pilot stand oben am Rad in seinem kleinen, mit gewaltigen Glasfenstern versehenen Häuschen, die beiden Matrosen liefen auf der Planke ins Boot, und sich umdrehend, halfen sie dieselbe mit hereinziehen, und sechzehn bis zwanzig Mann bemühten sich, mit langen Stangen das Boot vom Ufer abzuschieben.

In wenigen Sekunden schwebte es frei auf dem mächtigen Strom, mit kräftigen Radschlägen die Fluten teilend, dass sie hoch und schäumend am Bug aufspritzten und die zurückbleibenden Boote auf den durch die ungeheuren Räder aufgewühlten Wogen schaukelten.

Aber wer rennt dort in wilder Eile, Mütze und Taschentuch um den Kopf schwenkend und zur nicht geringen Unterhaltung der Umstehenden, rufend und schreiend, auf der Levée hin, ruft, bis er nicht mehr rufen kann, winkt, bis ihm die Kraft fehlt, noch einen Arm zu bewegen, und setzt sich dann, da er sieht, dass sich das Boot immer weiter entfernt und all seine Mühe, Eile und Angst vergebens war, verzweifelt und die Hände ringend auf den Schiffsballast, der am Ufer aufgeschichtet liegt.

Es ist ein armer Deutscher, erst vor drei Tagen aus dem Vaterland hier angekommen, der nach Missouri hinauf will und dessen ganze Familie, eine schwangere Frau mit drei noch nicht erwachsenen Kindern und ihre altersschwache Mutter, die sie nicht allein in der alten Heimat zurücklassen wollte, sich auf dem dort in nebliger Ferne mehr und mehr verschwindenden Boote befindet.

Viele fragen ihn, warum er sich so anstelle, viele lachen über ihn, einige bedauern ihn – er versteht kein Englisch, also auch nicht ihre Fragen, ihren Hohn oder ihr Bedauern – nur das versteht er, dass er allein, verlassen, elend in der fremden Stadt zurückgeblieben ist und die, die ihm noch angehören und an denen sein Herz hängt, vielleicht nie – nie wieder sieht.

Die Frau des armen Mannes sieht unterdessen kaum den Abgang des Bootes und weiß ihren Mann am Ufer, als sie, alles andere vergessend, mit fliegenden Haaren vorstürzt, die Leute zu bitten, auf ihren Mann zu warten.

Arme Frau, es ist das erste Mal, dass sie auf einem amerikanischen Dampfboot fährt, und der Glaube, dass man da etwas aus Mitleiden tue, mag ihr noch verziehen werden; sie weiß es nicht besser.

„Nix versteh“, ist die Antwort, die sie auf ihr Flehen empfängt, mit noch vielleicht einem Fluch als Zugabe, da sie im Einnehmen des Taues im Wege steht; ein deutscher Matrose hört endlich ihr Jammern und läuft zum Maate, um ihm die Lage der Armen vorzustellen.

„Geh zum Kapitän. Gott verdamm es, ich habe mehr zu tun. Warum ist der deutsche Narr nicht an Bord“ ist die Antwort, die er empfängt.

Er läuft zum Kapitän und erzählt ihm in wenigen Worten die Geschichte.

„Zu spät, zu spät“, sagte dieser, die Achseln zuckend, „der Mann hat Zeit genug gehabt, an Bord zu kommen.“

„Aber, Kapitän, seine Frau und Kinder sind allein auf dem Boot und können nicht Englisch sprechen, haben auch keinen Beschützer.“

„Bös, bös! Aber ich kann ihnen nicht helfen; ich kann nicht noch einmal umkehren und zwei Meilen zurückfahren, um einen Zwischendeck-Passagier, der die Zeit versäumt hat, aufzunehmen.“

Das Boot schießt mit ungeheuerer Schnelle durch die Fluten, und der Matrose weiß wohl, dass jetzt alles Reden vergebens ist; er geht zur Frau hinunter und versucht ihr mit trauriger Miene Trost zuzusprechen; diese aber läuft heulend und wehklagend zu ihren Kindern zurück und bejammert den Verlust ihres Mannes.

Die Zahl der männlichen Passagiere des Oceanic mochte sich wohl auf zwanzig belaufen, und der größte Teil derselben hatte sich auf dem Vorderteil des Kajütendecks, das, weit und offen, der kühlen Flussluft freien Durchzug gewährte, versammelt, um die vorbeifliegende Landschaft, die wunderlieblichen Plantagen zu bewundern.

Ein Pflanzer vom Mississippi, der wegen des Verkaufs seiner Baumwolle in New Orleans gewesen war, saß, unbekümmert um all die Schönheiten, die er schon wer weiß wie oft gesehen hatte, mit über das Geländer, welches das Deck umgab, gestreckten Beinen und las den brother Jonathan.

Neben ihm, seine Füße ebenfalls auf dem Geländer, die Hände aber behaglich über dem runden Bauch gefaltet und mit zufriedenem Lächeln die vorbeifliegenden Baumwollen- und Zuckerfelder betrachtend, saß ein kleiner, wohlbeleibter Mann, der ebenfalls eine Plantage am Atchafalaya in Louisiana hatte, aber jetzt nach St. Louis hinauf wollte, um dort eine Erbschaftsangelegenheit in Ordnung zu bringen. Er unterhielt sich mit einem jungen schlanken Mann in einem einfachen braunen Überrock, der an einem der Stützpfeiler lehnte und mehrere Male über des Kleinen trockene Späße lächelte, sonst aber etwas schwermütig Finsteres im Blick hatte, das auch die Unterhaltung des Nachbars wohl auf Augenblicke verdrängen, aber nicht bannen konnte.

Es war ein Virginier, und sein freier, ehrlicher Blick, seine hohe, von dunklem Haar beschattete Stirn und die scharfgezeichneten Brauen, die sich kühn über dem dunklen Auge wölbten, stachen grell gegen das bleiche Gesicht und die niedergeschlagenen Blicke seines Nachbarn zur Rechten, eines schlanken, schmächtigen Mannes, ab, dessen Züge tiefes, ernstes Nachsinnen verrieten, während er, an den Nägeln nagend, die schöne Landschaft vor sich wenig zu beachten schien und nur dann und wann den Blick vom Boden hob, um ihn scheu über seine Umgebung gleiten zu lassen.

„Nein, hol’s der Teufel! Sir – wie ist überhaupt Ihr Name?“, wandte sich der Kleine wieder an den Virginier nach einem seiner gewöhnlichen Späße, „ich selbst heiße Simmons, und Sie?“

„Gray“, antwortete der junge Mann im braunen Rock, sich, noch immer lächelnd, leicht verbeugend.

„Also, Mr Gray“, fuhr Simmons fort, „Sie mögen dagegen einwenden, was Sie wollen, aber man kann den verdammten Irländern, trotz all ihrer Missgriffe und des Unsinns, den sie treiben, nicht bös werden.“

„Aber, Mr Simmons“, erwiderte Gray, „in der Hinsicht widerspreche ich Ihnen ganz und gar nicht; ich habe nie mehr Humor, nie mehr gesunden Verstand, ja selbst scharfen, treffenden Witz gefunden, als gerade bei den Irländern.“

„Hören Sie nur, wie mir’s vorgestern Abend in New Orleans ging“, sagte Simmons. „Ich war in einer Gesellschaft und wir hatten ein wenig viel untereinander hineingetrunken, besonders mochte mir wohl der süße Ananaspunsch nicht so recht bekommen sein, kurz, ich nahm meinen Hut und ging hinunter auf die Straße, um mich etwas abzukühlen. Gut – die frische Luft war mir zuträglich und ich fühlte mich, nachdem ich ein paar Straßen auf und nieder gegangen war, wieder ganz wohl. Ich wollte jetzt in meine Gesellschaft zurückkehren, aber, hol’s der Teufel – die Straßen sehen sich einander so ähnlich, dass ich das Haus, wo die Gesellschaft war, nicht wiederfinden konnte! Der schändliche französische Name war mir auch entfallen, und ich beschloss nun, da es doch Mitternacht vorbei sein musste, nach meinem Hotel, St. Charles, zurückzukehren. Weil ich aber auch zu diesem den Weg nicht so ganz genau kannte, denn ich war fast draußen in der dritten Munizipalität, ging ich zum ersten besten ‚watchmann‘ und bot ihm einen Dollar, wenn er mich nach St. Charles bringen wolle.

Jist come along, honey‘, sagte der mit solcher Brogue, dass ich den Irländer unmöglich verkennen konnte; ich schlenderte also ruhig neben ihm her, bis er plötzlich vor einem kleinen Häuschen mit grünen Jalousien hielt und mir bedeutete, einzutreten.

‚Aber, lieber Freund‘, sagte ich ihm, ‚das ist nicht das Haus, wo ich wohne, ich will nach dem St.-Charles-Hotel.‘

‚Und seid Ihr es, der zu sagen hat, wo er hingehen will?‘, fragte mich da mit lauter Stimme mein bisheriger Führer. ‚Ist dies nicht das Wachthaus, und hat Euch nicht meiner Mutter Sohn hierher gebracht?‘

&

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Sieben Tage auf einem amerikanischen Dampfboot" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen